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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 32
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pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Walthers Genesung. Die Bilder des Doktors. Stoffels Allweisheit. Amsterdamsche Dramaturgie.

Walthers Krankheit nahm zuletzt eine günstige Wendung. Als er sich stark genug fühlte, um zum erstenmal das Bett zu verlassen, fand die Familie, daß er »gewachsen« wäre. Und wer es nicht selber sah, sprach es den anderen nach. Niemand aber konnte besser von der Sache überzeugt sein als Jüffrau Pieterse. »Der Junge war aus seinen Kleidern ganz heraus, und es würde gewiß was dazu gehören, ihn wieder anständig in die Welt zu setzen!« Man hatte so viel interessante Wichtigkeit aus Walthers Krankheit geerntet, daß es doch nicht anders ging, als auch mit seiner Besserung recht viel »Wirtschaft« zu verbinden.

Das Kind saß und tuschte Bilder aus, die es mitsamt dem Tuschkasten von dem Doktor zum Geschenk bekommen hatte. Die Farbe war echt englisch, sagte Stoffel.

Ach die Bilder!

Besonders interessierten Walther Personen aus den damals beliebten Trauerspielen und Opern. Da waren die Bilder aus Macbeth, Othello, König Lear, Hamlet, aus der Zauberflöte, dem Barbier von Sevilla, dem Freischütz und aus noch ein Paar Stücken, eins immer romantischer als das andere. Und er suchte nun die passenden Farben für die Kleidung seiner Helden und Heldinnen, wobei oft der Rat der ganzen Familie zusammentreten mußte, Leentje inbegriffen. Gewöhnlich war man uneins, aber das gab der Sache noch mehr Wichtigkeit. Nur in einer Hinsicht herrschte Einstimmigkeit: Gesichter und Hände mußten fleischfarbig sein und die Lippen rot. So war es immer gewesen, und warum hieß es denn sonst Fleischfarbe? Hamlet kam schlecht dabei weg, er bekam eine viel gemütlichere Färbung, als zu seiner Melancholie paßte.

»Ich möchte wohl wissen, was die Puppen alle bedeuten,« sagte Walther.

»Da brauchst du bloß Stoffel zu fragen.« antwortete seine Mutter. »Warte, bis er aus seiner Schule kommt.«

Und das geschah. Stoffel – es giebt mehr solche Leute – gestand niemals zu, etwas nicht zu wissen, aber er wußte sich zu helfen.

»Was die Puppen bedeuten? Ja, siehst du ... das sind, so zu sagen, die Bilder von verschiedenen Personen. Da ist zum Beispiel der da ... mit der Krone auf dem Kopfe, das ist ein König.«

»Siehst du, Walther, Stoffel wird's dir schon sagen,« bestätigte die Mutter.

»Ja, aber ich hätt' gern gewußt, welcher König, und was er gethan hat?«

»Na!« sagte Stoffel. »Steht ja drunter! Du kannst doch lesen?«

»Macbeth?«

»Na also. Es ist Macbeth, ein berühmter König des Altertums.«

»Und der da, mit dem Schwert in der Hand?«

»Auch 'n König ... oder 'n General ... oder 'n Held ... oder so was. Einer, der fechten will, vielleicht David oder Saul oder Alexander der Große ... so genau kann man das nicht immer sagen.«

»Und die Dame mit den Blumen? Sie scheint sie zu zerpflücken.«

»Die? Hm ... zeig' mal: Ophelia. Ja. das ist Ophelia, weißt du?«

»Ja. Warum wirft sie denn die Blätter auf die Erde?«

»Warum? warum? Was du »auch alles fragst!«

Hier kam die Mutter ihrem Ältesten zu Hilfe.

»Ja, Walther, du mußt nicht mehr fragen, als ein Mensch antworten kann.«

Walther fragte nicht mehr, aber er nahm sich vor, es bei Gelegenheit schon noch zu ergründen. Einstweilen schweifte seine Phantasie über unermeßliche Gebiete; ein unersättlicher Eroberer, dieser kleine Kaiser Walther in seiner Nachtjacke!

Das Gebiet war freilich dünn bevölkert. Er mußte sich begnügen mit denen, die sein Eigentum waren, den wenigen, die er kannte, und mit dem wenigen, was er erlebt hatte.

Er brachte die Helden seiner Bilder in Beziehung mit dem Doktor, der ihn so liebevoll behandelt hatte, und mit den Personen aus seinem unvergessenen Glorioso. Auch die Peruanergeschichte lieferte einige Unterthanen für sein Reich. Telasco verheiratete er an Julie, und die Priester der Sonne kamen wieder zu ihrem Recht. Meister Pennewip erhielt eine neue Perücke, aber aus Goldfäden, nach dem Vorbilde des Strohkranzes eines gewissen König Lear.. Auch zog er die Personen heran, die er vom Fenster aus beobachten konnte. Mit solchem Material mußte er sich behelfen. Aber er that das immer noch lieber, als daß er von seiner unmittelbaren Umgebung Gebrauch gemacht hätte. Selbst Lady Macbeth, die doch nicht sehr liebenswürdig aussah und sich so häuslich die Hände wusch, schien ihm immer noch von höherem Rang als seine Mutter oder Jüffrau Laps.

Überhaupt, das schien ihm das Höchste in der Welt, so als Puppe auf so einem Bilde zu stehen! Und die Kleidung – Kronen, Diademe, Barette, Federbüsche, eiserne Gitter vor dem Gesicht, – Schwerter und Dolche mit Kreuzgriff, auf dem man schwören konnte, – Schleppen, Puffärmel, Gürtel mit herabhängenden Chatelaineketten, alles gewiß von Gold! Und die Pagen, und die Vögel mit den Kappen über dem Gesicht – nein, mit Walthers täglicher Umgebung hatte das nichts gemein. Wie ist es möglich, dachte er, daß jemand, der so schöne Bilder hat, sie verkauft? Der Doktor wird sie wohl geerbt haben!

Ja. selbst wenn er gewußt hätte, daß Lady Macbeth das personifizierte Verbrechen war, dann noch wäre es ihm wie eine Schändung vorgekommen, sie mit den Trägerinnen bürgerlicher Gewöhnlichkeit in Berührung zu bringen.

Auf einmal erinnerte ihn etwas in Ophelias Gestalt an Femke! Sie könnte auch so stehen, Blumen zerzupfen und die Blätter auf den Grund streuen ...

Er hatte dunkle Erinnerungen an das, was geschehen war, zwischen Traum und Wachen. Und ein paarmal fragte er möglichst gleichgültig nach »jenem Mädchen« ... er scheute sich, den Namen in der Umgebung von Gertrude, Mina und Petro auszusprechen ... man speiste ihn mit gleichgültigen Worten ab, die ihm bewiesen, daß da kein Raum für seinen Roman war. Aber wenn er wieder auf dem Posten wäre, würde er sie besuchen.

»Wenn du besser bist, mußt du mal zum Doktor gehen,« sagte die Mutter, »und dich für deine Besserung bei ihm bedanken ... nächst Gott. Und du kannst ihm dann wohl zeigen, was du schon gemalt hast.«

»Gewiß, Mutter! Ich will ihr den ganzen Prinzen von Dänemark geben ... ich meine ... ihm, dem Doktor ...«

»Nur zu, Junge. Aber sieh dich vor, daß du keinen Fleck drauf machst. Und vergiß nicht, daß der Geist von dem alten Ritter ganz bleich sein muß. Stoffel hat's gesagt ... weil's 'n Geist ist, weißt du.«

»Ja, Mutter. Ich werde ihn ganz weiß machen.«

»Gut. Und wenn du die Dame da gelb machtest?«

Die Mutter zeigte mit der Stricknadel auf Ophelia.

»Nein, nein!« rief Walther schnell. »Sie war blau!«

»Sie war? Wer war?«

»Ich meine bloß, Mutter, daß ich schon so viel gelbe habe. Und da wollte ich sie ... diese ... Ophelia heißt sie, 's steht drunter – mal blau machen. Die da die Hände wäscht, kann ja dann wieder gelb sein.«

»Meinetwegen,« sagte die Mutter. »Aber mach keinen Fleck drauf!«

Der schlaue Stoffel war aber schließlich dahinter gekommen, was das eigentlich für Bilder waren. Einer seiner Schulmeisterkollegen unterhielt Beziehungen zur Schauspielerwelt, und der hatte ihm erzählt, daß solche Kostümbilder für die Schauspieler von großer Wichtigkeit wären. So erfuhr er denn noch manches andere über diese Bilder und über das Schauspiel im allgemeinen.

Es war für Walther ein Glück, daß gerade Stoffel diese Kenntnisse nach Hause brachte. Noch heute haben die Worte »Theater« und »Schauspieler« bei manchen einen Klang von Unsittlichkeit, und damals war es noch schlimmer. Aber die Genugthuung, Weisheit von sich zu geben, beeinflußte Stoffel in günstigerem Sinne, als er sonst mit der Beschränktheit vereinigen konnte, die bei ihm die Stelle des Gewissens vertrat.

»Siehst du, Mutter, 's giebt Komödie und Komödie. Du mußt unterscheiden zwischen einem Trauerspiel und ... dem Spiel von allerlei Unsinn, woraus der Mensch nichts lernen kann. Es giebt Komödien, die ... ganz traurig sind, und die Menschen heulen dabei ... ganz achtbare Leute!«

»Ist's möglich!«

»Ja! Und dann giebt's wieder andere, in denen singen sie und machen Musik, und das kann auch sehr schön sein und sittlich, und das nennen sie z. B. ... Oper. Und ganz achtbare Leute gehen hin. Du siehst, Mutter, daß da nichts Schlimmes dabei ist, und man muß nicht so engherzig sein und alles gleich verwerfen. Bei den alten Griechen spielten sie auch Komödie, und da studieren noch heute unsere ersten Professors drin.«

»Ist die Möglichkeit!«

»Walthers Bilder sind alle aus wirklichen Stücken, und 's sind ganze Geschichten. Ich kann das nicht so auf einmal alles erzählen, aber ich will nur sagen, daß es auch gute Komödien giebt.«

»Das mußt du doch mal Jüffrau Laps sagen! Die sagt immer ...«

»Was die sagt! Sie hat niemals Komödien gesehen!«

Das war wohl richtig. Aber so ging's der ganzen Familie Pieterse auch. Höchstens Leentje ...

»Da kommt's raus!« rief Jüffrau Pieterse.

Ja, Leentje hatte einmal am Nachmittag über »fürchterlichen Kopfschmerz« geklagt und war vom Nähen weggegangen – aber später war herausgekommen, daß sie den Abend nicht bei ihrer Mutter zugebracht hatte. Es gab einen großen Sturm, aber das unselige Geschöpf verriet nichts, wo sie die Nacht gewesen war. »Die Nacht« war eine Erfindung von Jüffrau Pieterse, obwohl sie gut wußte, daß das arme Wurm um elf Uhr heimgekommen war. Aber Leentje verriet nichts, sie hatte es ja der Schneiderin nebenan versprochen, die sich so vor den Menschen in acht nehmen mußte, weil ihr Mann ein Mucker war.

Dann fand man in Leentjes Nähkasten die Reste von einem »Personen«-Verzeichnis. Und dann sang sie einmal ein Lied vor sich hin, das man nie von ihr gehört hatte. »Ich bin voll Ehr', ich bin voll Ehr', ja, ich bin ein Mann voll Ehre!«

Und nun war's heraus! Sie hatte die Komödie besucht bei dem berühmten Jan Gras in der Elandstraat!

Leentje fing an zu heulen und wollte eben versprechen, sie würde es nie wieder thun, als zu ihrem Erstaunen ihr gesagt wurde, es wäre ja nichts Schlimmes dabei, und die größten Professors gingen ja auch hin ...

Und nun mußte sie erzählen.

Es war das »Kind der Liebe« von Kotzebue, das vor ihren erstaunten Augen vorübergezogen war.

»Erst war 'ne Musik, Jüffrau, und sie spielten sehr schön, und dann ging der Vorhang hoch, und es war ein großer Wald, und 'ne Frau weinte unterm Baum, und da war 'n Baron, der ihren Sohn gefangen nahm, weil er 'n Jäger war, und er hat sehr schön gesprochen, und die Mutter auch, aber der Baron sagte, daß er Herr auf seinem Boden wär und die Spitzbuben strafen wollte, und er war wütend vor Bosheit, und da sagte die Mutter ... nein, da kam noch wer anders, der sagte ... nein, so war's auch nicht ... aber dann ging der Vorhang runter, und die Schneiderin kaufte Waffeln, die da herumgereicht wurden, und Chokolade haben wir getrunken, und die Schneiderin sagte, alle Tage ist nicht Kirmeß. Und da saß 'n Herr hinter uns, der erzählte uns alles und nahm uns die Tassen ab, wie sie leer waren ... Und die Musik spielte: Schöne Mädchen, schöne Blumen ...«

»Pfui!« riefen die drei jungen Damen Pieterse, denn es war ein Gassenhauer.

»Und dann ging der Vorhang wieder hoch, ganz von selber, aber der Herr, der hinter uns saß, meinte, es würde durch Menschen gemacht, die man nicht sehen könne, vielleicht durch das »Kind der Liebe« selber, denn, sagte er, so lange der Vorhang herunter war, saß er nicht im Gefängnis, und konnte herumlaufen wie ein anderer. Und da gab die Schneiderin ihm ein Pfefferminzplätzchen, und er sagte: Sehen Sie nur nach dem Stück, Jüffrau, denn Sie haben ja Entree bezahlt! Es kostete zwölf Stuiver die Person... zwölf Stuiver, ohne die Waffeln und Chokolade. Und da sagte der Baron ... ach, ich kann das so genau nicht erzählen. Ich will bloß sagen, daß die alte Frau fortwährend weinte, und sie konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie so unglücklich war. Nämlich, Jüffrau, das Kind der Liebe war ihr eigener Sohn, und er war auch das Kind der Liebe von dem Baron. Das war böse ... weil's doch ein Kind der Liebe war, verstehen Sie, was immer böse ist. Und Papiere hatte er auch keine, und die Mutter auch nicht. Und darum sollt' er nun sterben ... weil er gejagt hatte. Ach, 's war so schön, Jüffrau! Und da ging der Vorhang wieder herunter und wir aßen noch 'ne Waffel. Und da sagte der Herr hinter uns, es wäre so viel schlecht Volk im Saale, Sackträger und so was, und 's wäre gut, daß man Stücke spielte, wo 's Gefängnis drin wäre, daß das Volk doch zur Tugend angehalten würde. Und wie die Schneiderin ihm wieder 'n Pfefferminz anbieten wollte, war die Dose weg ... 'ne silberne Dose. Der Herr meinte, 's hätte gewiß 'n Sackträger gethan!«

»Er wird's selbst gewesen sein!« riefen ein paar.

Aber Leentje wies das mit Entrüstung zurück.

»Nein, sagen Sie so was nicht! Das ist Sünde! 's war ein ganz anständiger Mann, und er sagte zu mir Jüffrau, genau wie zu der Schneiderin, und er ging weg und wollte den Dieb suchen, und wenn er 's Döschen fände, wollte er's der Jüffrau bringen und fragte nach der Wohnung ... Er hatte 'ne Piquéweste an ... nein, sagen Sie so was nicht!«

»Na, erzähl' nur weiter von dem Kind der Liebe,« hieß es.

»Ach, die Musik war so schön, und ein Herr zeigte ihnen immer mit'm Stock, wie sie spielen sollten...«

»Aber erzähl' doch vom Stück!«

»Ja, so leicht ist das nicht! 's war sehr schön. Aber man muß das selber sehen, erzählen kann man das nicht so. Der Baron merkte, daß der Jäger im Gefängnis sein eigener Sohn war, weil er früher ... verstehen Sie ... einstmals... Bekanntschaft gehabt hatte ... wissen Sie ...«

Es war eine starke Spannung in der Zuhörerschaft. Leentje wurde feuerrot.

»Er hatte die alte Frau früher gekannt, und dann war er mit ihr in ... Verkehr gewesen ... ich will bloß so sagen ... und sie sollten heiraten, 's war aber was dazwischen gekommen ... und ... darum hieß es das Kind der Liebe...«

Walther horchte mit ebensoviel Spannung wie die anderen, aber seine Phantasie war ruhiger als die der Mädchen. Die sahen vor sich. Stoffel aber fielen ein paar Bücherphrasen ein.

»Ganz recht! Er hatte ihre Unschuld gemißbraucht ... so nennt man das ... und sie der Schande zur Beute gelassen. Ich kann nicht genug sagen, Mutter, wie die Jugend sich davor in acht nehmen muß. Alle Tage sage ich's den Jungens in der Schule...«

»Hörst du, Walther? Paß wohl auf, und merk' dir, was Stoffel sagt!«

Stoffel fuhr fort, weil er solchen Anklang fand:

»Ja, Mutter. Die Tugend muß geehrt werden. Das ist Gottes Wille, und was Gott thut, das ist wohlgethan. Unter allen Sünden ist die Wollust ... eine sehr große Sünde, weil es verboten ist... und weil alle Sünde hier oder drüben bestraft wird...«

»Hörst du, Walther?«

»Hier oder drüben, Mutter! Erlaubte Freude, ja! aber unerlaubter Sinnesgenuß ist ... nicht gestattet! Das lockert alle Bande der menschlichen Gesellschaft... So eine Komödie, seht ihr, kann sehr schön sein, man muß sie nur recht verstehen und gehörig auslegen. Das ist's!«

»Und wie ging's denn mit dem Baron weiter?«

»Ja, Jüffrau, was soll ich da sagen! Er hat viel gesprochen, und er war sehr traurig, weil er ... damals ... die alte Frau ...«

»Verführt hatte,« half Stoffel ein, da Leentje das Wort nicht fand. »So nennt man das.«

»Ja, so sagte sie auch. Und er versprach ihr, daß er ihr so was nicht wieder anthun würde. Und dann sagte er zu dem Kind der Liebe, es solle immer auf dem Pfade der Tugend bleiben, und er wollte die alte Frau heiraten. Sie war auch ganz damit zufrieden!«

»Das glaub' ich,« riefen die drei Mädchen aus einem Munde, »sie wird eine reiche Baronin!«

»Ja,« sagte Leentje, »sie wurde 'ne große Dame. Und das Kind der Liebe fiel dem Baron um den Hals, und sie spielten den ›Jungfernkranz‹ Und der Sohn wurde Husar und sang: Ich bin voll Ehr', ich bin voll Ehr', ja, ich bin ein Mann voll Ehre! Wo aber der alte Baron geblieben ist, weiß ich nicht. Und dann gingen wir nach Hause, aber die Schneiderin hatte keine Freude mehr dran, weil das Döschen weg war. Ob's der Herr ihr nachher gebracht hat, weiß ich nicht.«

Die Geschichte war aus.

Die Mädchen dachten: »Baronin!«

Stoffel: »Die Tugend!«

Die Mutter: »Zwölf Stuiver die Person, dazu Waffeln und Chokolade!«

Walther: »Der Jäger! So ein Jahr im Walde ... im großen Walde ... so ganz allein ... das möcht' ich wohl auch sein...«

Er nahm seinen Pinsel wieder auf und blickte Ophelia an:

»... so ganz allein im großen Walde, mit ... Femke!«

So dachte sich jeder das Seine. Aber die Theaterfrage im Hause Pieterse war damit noch lange nicht erledigt. Leentje mußte noch viele Auskünfte geben, z. B. wollte Petro wissen, wie alt die Geliebte gewesen sei, als der Baron sie endlich heiratete. Worauf Leentje meinte: so etwa sechzig!

Auch Jüffrau Laps mußte ihr Urteil abgeben. Sie erklärte sich natürlich gegen all das »Weltliche« und bestand darauf, daß Walther vor allem zur Kirche müsse.

Über das Theater kam sie dann noch in einen großen Disput mit Meister Pennewip, den Stoffel als Hilfstruppe herbeiholte, und der die gewaltige Komödie »Floris der Fünfte« von dem erhabenen Bilderdijk mitbrachte, um der ganzen Versammlung, unter vielen Deklinationen und Konjugationen, unter Betrachtungen über Maß und Reim und was sonst zum Verständnis nötig ist, möglichst klar zu machen, daß, erstens Floris der Fünfte ein Stück wäre, aus dem man viel lernen könne, und daß zweitens überhaupt das Theater etwas sehr Moralisches und Anständiges bedeuten könne.

Freilich, Jüffrau Laps überzeugte er nicht. Und auch Walther imponierte das Machwerk, obwohl »dreimal drin gestorben wurde,« lange nicht so wie die schöne Geschichte von Glorioso und wie die peruanische Geschichte, ja selbst nicht so sehr wie das arme Rotkäppchen.

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