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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100516
projectid8fb3ce4f
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Der Geburtstag des Witwer-Onkels, und wie eine Überraschung manchmal ganz anders abläuft als man denkt.

Der Abend ist gekommen. Leentje hält bei Walther Wache, und das Haus Pieterse ist bei dem Geburtstagswitwer versammelt. Jüffrau Laps macht die Honneurs.

»Eine komische Geschichte, Jüffrau Pieterse.« sagte der Geburtstagsonkel. »Und was wollte sie denn eigentlich .. das Mädchen?«

»Ach Gott, M'neer, das weiß ich selber nicht. Und ich hab' schon hundertmal zu Schertrüde gesagt, daß ich aus der Geschichte nicht klug werde. Stellen Sie sich vor ... ein fremdes Ding, so im Hause zu kommandieren! und ich sagte schon zu Mina: schmeiß sie doch raus! und dann sagte Petro...«

»Na ... ich hatt' sie schon gepackt,« quakte die tapfere Petro und zeigte einen blauen Fleck am Handgelenk, aus dem ein anderer geschlossen hätte, daß Femke sie gepackt hatte.

»Sie wird schon noch mal kommen,« rief Gertrude, »und ich werd's ihr besorgen!«

»Und ich erst!« sagte Mina.

So war jeder mutig nach dem Kampf. Das kommt wohl öfters vor. Aber das ist sicher: wenn jetzt über moralischen Wert abgestimmt worden wäre, jetzt hätte Femkes Name nicht gesiegt.

»Ein gewöhnliches Ding, M'neer!«

»Ein ganz gewöhnliches Ding!«

»Und wie sind Sie sie denn nun eigentlich losgeworden?«

»Ja, das war schwer ... ich sagte ...«

»Nein, Mutter, ich sagte ...«

»Nein, ich!«

»Nein, ich!«

Jeder hatte etwas gesagt. Jeder wollte der Mittelpunkt der interessanten Geschichte gewesen sein.

»Ich möchte wissen, wo der junge Herr van der Gracht bleibt,« sagte Jüffrau Laps. »In, Ohm, 's ist 'ne Überraschung ...«

Jüffrau Pieterse war es nicht angenehm, von jemand ausgestochen zu werden, wenn sie etwas zu erzählen hatte.

»Na also, wir sagten... was sagten wir doch, Schertrüde?«

»Mutter ... ich sagte ... 's wär 'ne Schande.«

»Ja, das hab' ich auch gesagt. Na ... dann verlangte das Ding kaltes Wasser ... und wie wir's ihr nicht schnell genug gaben, stand sie auf und lief an den Brunnen ... geradezu als ob sie zu Hause wäre! Und sie pumpte und machte ein Tuch naß, und legte es auf Walthers Kopf. Ich war ganz baff vor so viel Frechheit. Dann kam das Kind zu sich, und sie gab ihm 'nen Kuß ... denken Sie, wir standen dabei,!«

»Ja,« riefen die drei Töchter, »denken Sie, wir standen dabei!«

»Und dann setzte sie sich wieder vors Bett und schwatzte mit Walther...«

»Wo bloß der junge Herr van der Gracht bleibt!« seufzte Jüffrau Laps. »'s ist bloß, Ohm, weil wir 'ne Überraschung haben.«

»Und schließlich ging sie weg ... wie 'ne Prinzeß!«

»Ganz wie 'ne Prinzeß'« bezeugten die Mädchen, und wußten nicht, daß sie die Wahrheit sagten.

»Und sie sagte zu Walther, sie würde wiederkommen. Na, das soll gut werden!«

Da ging die Glocke. Jüffrau Laps fuhr empor... ach ja, der Katechisiermeister van der Gracht trat mit seinem Sohn ins Zimmer. Jüffrau Pieterse war das nicht sehr angenehm. Sie fühlte, daß der Stern ihrer Erzählung vor dem Verse, den Klaasje mitbrachte, verbleichen mußte. Und auch ohne Vers – was sahen doch die anderthalb Katechisiermeister würdevoll aus! Welcher Gang, welche Haltung, welche Stimme – und der weiße Kragen, und die Schnüre!

»Mynheer und Jüffrauen, der Herr schenke Ihnen seinen unentbehrlichen Segen für den Abend dieses Tages! Dies ist mein Sohn Klaas ... von dem Sie wohl schon gehört haben. Er steht mir zu nahe, als daß ich ihn loben dürfte... indessen jedoch Sie verstehen ... wenn man der Vater ist ... nun ja, aller Segen kommt von oben!«

»Ja, Oheim, es ist 'ne Überraschung,«

»Ganz recht, Jüffrau, eine wahre Überraschung. Die Glückwünsche für diesen Herrn ... an dem freudigen Tage seiner Geburt ... bringt uns in die Stimmung des Psalmisten ... und ich freue mich der Gnade ... denn Mynheer... alles kommt von oben ... das werden Sie wohl auch wissen.«

»Nehmen Sie Platz, ich danke Ihnen!« sagte der Gastgeber, der verstand, daß eben ein Glückwunsch ausgesprochen worden wäre. »Kalt draußen, wie?«

»Ja, 's ist frisch. Kalt kann ich nicht sagen. 'S ist, was man ... frisch nennt, wissen Sie. Der Herr giebt das Wetter nach seinem Ermessen ... drum sag' ich frisch. Alles kommt von oben.«

»Ach ja!« rief die ganze Versammlung und hielt das für fromm. Wie wäre es dem armen Teufel gegangen, der jetzt in diesem Kreise hätte verkündigen müssen, daß manche Dinge von unten kommen! Zum Glück war man diesmal einig.

»Also, Oheim, was meinen Sie, fangen wir nun an mit der Überraschung?«

»Nur zu, Nichte! Was giebt's?«

»Ach, eine Kleinigkeit, Mynheer,« antwortete der Katechisiermeister. »Mein Sohn ist ein Dichter. Loben will ich ihn nicht ... denn er steht mir zu nahe ... aber 's ist nett, das darf ich getrost sagen. Nicht um ihn zu rühmen ... alles kommt von oben ... nein, rühmen will ich ihn nicht. Wenn ich rühme, rühme ich den Herrn. Aber ich sage, daß es nett ist.«

Der Dichter Klaus machte seine Lippen so klein, als müßte er einem Vögelchen zu trinken geben.

Er schlug die Augen nieder und spielte mit dem untersten Knopf seiner Weste. Sein ganzes Gesicht sah nach Versen aus. Es war etwas Unsauberes in dem Jungen, etwas von einer ungewaschenen Schüssel ... von ungeplättetem Linnen ... von einer gebrauchten Serviette, nein, von unausgebackenem Brot ...

Was weiß ich, wonach der Bursche aussah! Geht nach dem christlichen Jünglingsverein, da findet ihr genug von der Sorte ...

»Also, Mynheer, nicht um zu rühmen ... hol's nur heraus, Klaas. Als Vater, Mynheer, muß ich Ihnen sagen.. 's ist nett. Denn sehen Sie, in der Schrift ...«

Klaas holte sein Papier heraus.

»In der Schrift wird, so zu sagen, von Witwern nicht gesprochen ... der Herr wird seine Gründe gehabt haben ... Was thut nun der Junge? Er folgte diesem Winke, und er hat ein Gedicht gemacht über lauter Witwen ...«

Klaas legte das Papier auf den Tisch.

»Ja, ich wage zu sagen, er hat wohl alle Witwen drin angebracht, die in der Schrift stehen.«

»Seht ihr, es ist 'ne Überraschung, ich hab's gleich gesagt,« sagte Jüffrau Laps.

»Lies nun vor, Klaas! Es sind siebzig, Mynheer ... siebzig Witwen! Lies los, mein Junge!«

Klaas streifte die Arme auf, strich über die Spitzen und begann:

»Die Witwen, die in der Schrift erscheinen,
Will ich hier im Vers vereinen,
Zur freudigen Geburtstagsfeier
Von Witwersmännern, gottselig und teuer,
Jauchzend dem Herren, blühend im Leben,
Jehovah sei die Ehre gegeben.«

»Das ist die Aufschrift,« erklärte der Vater.

»Ja, das ist die Aufschrift. Nun beginne ich:

Ersten Mose 38, Vers 11 thut er schreiben, Eine Witwe im Hause des Schwiegervaters soll bleiben. Zweiten Mose 22, 22 thut's heißen: Du sollst nicht beleid'gen Witwen und Waisen.«

»Beachten Sie, Mynheer, daß Kapitel und Vers beide 22 sind. Das hat gewiß seine Bedeutung, denn Gottes Wille ist unerforschlich, und aller Segen kommt von oben. Lies weiter, Klaas!«

»Zwei Verse weiter spricht er mit zorniger Stimme.
Alle Frauen will er zu Witwen machen im Grimme;
Aus dritten Mose 21, Vers 14 ergiebt sich genau,
Eine Witwe ist für einen Priester keine Frau;
Ein Kapitel später, ein Vers weniger, ist zu lesen,
Eine Witwe ohne Kinder soll ihres Vaters Brot essen;
Aus vierten Mose 30, Vers 10, ist zu melden,
Einer Witwe Gelübde soll für sie gelten ...«

In diesem Tone ging es hurtig weiter. Als aber die Stelle kam:

»Zweiten Samuelis 20, 3 wird zu wissen gegeben,
Daß Davids Kebsweiber als Witwen mußten leben ...«

Da wurde Jüffrau Pieterse unruhig.

»Kebs ... Kebs?« fragte sie.

»Kebsweiber, Jüffrau,« sagte der alte Herr van der Gracht. »Sie sehen, wie der Junge alles hineinbringt, was zu Witwen in Beziehung steht.«

»Die Verse sind nicht gleich lang,« klagte Stoffel, »und sie sind nicht abwechselnd stehend und liegend.«

»Da kannst du recht haben, Stoffel ... denn du bist ja Schulmeister... aber das macht mir nichts aus. Ich finde diese Kebs ... Kebs ... wie soll ich sagen ...«

»Jüffrau Pieterse, Ihr sollt nicht spotten,« rief Jüffrau Laps.

»Recht,« sagte der Katechisiermann, »aller Segen kommt von oben. Fahr fort, Klaas!«

»Nein! ich will solche Dinge nicht hören ... wegen der Mädchen!«

Die Mädchen besahen höchst anständig ihre Fingernägel.

Das bedeutet in solchem Falle, daß man sehr brav ist, nicht weiß, was Kebsweiber sind, aber doch, trotz dieser Unwissenheit, öffentlich erklärt, niemals das Kebsweib von irgend jemand werden zu wollen.

»Fahr fort, Klaas!«

»Nein! Wenn ich gewußt hätte, daß solche Dinge vorgebracht werden sollten, hätte ich meine Töchter zu Hause gelassen!«

»Aber, Jüffrau, 's steht in der Schrift! Sie wollen sich doch nicht gegen das Wort erheben.«

»Nein, das thu ich nicht. Aber ich will nichts hören, was unanständig ist. Mein Mann ...«

»Ihr Mann verkaufte Schuhe, ich weis; Wohl, Jüffrau ... aber Sie werden doch nicht gegen die Schrift ...«

»Ich thue nichts gegen die Schrift. Aber Gemeinheiten verbitte ich mir. Komm, Schertrüde ...«

Ja, Jüffrau Pieterse war eine Stufe weiter auf der Anstandsleiter der Welt emporgestiegen. Aus einer Seitenstraße in eine Hauptstraße ziehen, Kinder mit französischen Namen, ein Arzt, dessen Kutscher einen Pelz tragt – das bringt den Menschen in die Höhe.

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