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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Femke ist sich auch ohne Ariadne-Faden des rechten Weges wohl bewußt. Was sie auf der Suche erlebte, und was sie endlich fand.

Femke hatte Walther am Tage nach der peruanischen Erzählung erwartet. Erst dachte sie, es wäre wegen des Bildchens, auf dem Aztalpa die beiden Brüder umarmte. Sie hoffte nämlich, daß Walthers schulmeisterlicher Bruder ihm doch wohl auf ein Stündchen das Buch mitgeben würde, in dem so viel Schönes stand. Aber auch ohne das Bildchen verlangte Femke, Walther wiederzusehen. Um seine Person konnte es nicht sein – solch Kind! – aber Walther erzählte so nett. Und vielleicht flossen im Herzen des Mädchens Walther und seine Erzählungen ineinander.

»Leg' die Wäsche in die Sonne!« rief die Mutter.

Und Femke übersetzte das: »Sonne ... Peru ... Aztalpa ... Kusco ... Walther.«

»Jag' die Bälger weg, sie werfen Schmutz auf die Wäsche.«

Femke träumte: »Mutig im Streit gegen die Feinde des Landes ... der edelste Zweig der Inkas ... Telasco ...«

Ach alles rief: Walther!

Und er kam nicht.

Am ersten Tage war sie traurig. Am zweiten ungeduldig. Am dritten unruhig.

»Mutter, ich will mal sehen, wo der kleine Junge bleibt, der den Vers machen sollte ...«

»Geh', mein Kind.« sagte die Mutter. »Wirst du ihn finden?«

Femke nickte, aber es stimmte nicht. Sie wußte nicht, wo Walther wohnte, aber sie scheute sich, es zu sagen. Es lag Mut in dem Unternehmen, das Kind aufzuspüren, dessen Wohnung sie nicht wußte, und diesen Mut wollte sie verbergen. Warum wohl? Es ist eine eigenartige Scheu in zärtlichen Gefühlen. Wir verbergen manchmal das Gute in uns und prahlen mit Fehlern.

Das Mädchen zog sich so nett an, als sie konnte, und steckte das wenige Geld ein, über das sie verfügte ... ein paar Stüber. Sie lief durch das Aschenthor und fragte nach dem Laden, wo man Bücher lieh. So kam sie sehr einfach in die Hartestraat. Der Lauf der Straßen, der zu Anfang unserer Geschichte Walther unwillkürlich nach dem Thor geführt hatte, führte jetzt Femke vom Thor nach dem Buchladen, wo wir unseren Helden zuerst kennen lernten. Weniger ängstlich als Walther – Femke war ja älter, hatte mehr mit Menschen zu thun und dachte weniger nach – fragte sie frischweg den unfreundlichen Mann nach dem »Buche über die Gräfin mit der Schleppe.«

»Wie? Wie heißt der Titel?«

»Weiß nicht,« sagte Femke. »'s ist von 'nem Räuber ... der Papst kommt auch drin vor ... oder eigentlich ... ich suche den Jungen, der's gelesen hat, ich wollte fragen, wo der Junge wohnt, und ich will gern dafür bezahlen ...«

»Willst du mich zum Narren halten? Bin ich hier, um Jungens aufzusuchen?«

»Aber M'neer, ich will dafür bezahlen,« sagte das Mädchen und legte das Geld auf den Ladentisch.

»Scher dich weg, was weiß ich von deinem Jungen!«

Jetzt wurde Femke böse:

»Sie haben mich nicht wegzujagen, als ob ich was Schlechtes thäte! Das laß ich mir nicht gefallen! Wenn Sie's nicht sagen wollen, können Sie's lassen, aber das sage ich Ihnen, daß Sie sehr unfreundlich sind!«

Und sie wollte gehen. Aber plötzlich sagte sie:

»Und wollen Sie mir auch kein Buch ausleihen?«

»Das kann geschehen. Und welches willst du haben?«

»Das Buch von dem Räuber und Amalia,« sagte Femke.

O, sie stieg! Sie fühlte sich als Kundin!

»Ich weiß von keinem Räuber und Amalia. Meinst du Rinaldo Rinaldini?«

»Nein. Giebt's noch mehr Räuberbücher? Nun, bitte, sagen Sie mir welche!«

Femke sagte das in einem Tone, der dem Mann imponierte. Er ließ sich herbei aufzustehen und den Katalog zu holen. Recht bald nannte er denn auch den »Glorioso« ...

»Das ist es ... richtig, das ist's!« rief Femke voller Entzücken.

»Aber du mußt Pfand lassen,« sagte der Mann, während er auf die Leiter kletterte, um das kostbare Buch zu holen.

»Nein, nein, ich will das Buch gar nicht haben, ich will bloß wissen, wo der Junge wohnt, der es gelesen hat. Ach ich will ja gern dafür bezahlen!«

Und sie zeigte auf den Schatz, den sie opfern wollte. Aber der Mann sagte, das wäre nicht nötig, er wäre nicht so, und wenn man ihn freundlich fragte, wollte er schon den Gefallen thun.

Er sah in das Register und fand den Namen, den Femke ihm angab: Walther Pieterse, mit Angabe der Wohnung. Er zeigte es ihr und wollte ihr außerdem auch erklären, wie sie den kürzesten Weg finden könnte.

Aber Femke war schnell zur Thür hinaus und hatte sogar vergessen, das Geld mitzunehmen. So lief ihr denn der Mann mit dem Gelde nach und hatte Mühe sie einzuholen.

An der Wohnung angekommen, erfuhr Femke, daß die Familie Pieterse »nach einer feineren Gegend« verzogen wäre. Es war noch recht weit, aber das Mädchen ließ sich dadurch nicht abschrecken.

Bei den Pieterses angelangt, wurde sie durch die jungen Damen mit einem barschen »Was willst du?« empfangen.

»Ach, Jüffrau, ich möchte wissen, was Walther macht!«

»Wer bist du?«

»Ich bin Femke, Jüffrau, und meine Mutter ist eine Waschfrau ... ich möchte wissen, wie es mit Walther steht.«

»Was hast du mit Walther zu schaffen?« fragte Jüffrau Pieterse, die auf das Geräusch herbeigelaufen kam.

»Ach, Jüffrau ... seien Sie nicht böse ... ich möcht's gern wissen ... und meine Mutter weiß es, daß ich hier bin und fragen will. Walther hat mir von Telasco erzählt und von dem Mädchen, das sterben sollte ... ach Gott, Jüffrau, sagen sie mir, ob er krank ist ... ich kann nicht schlafen, wenn ich's nicht weiß ...«

»Walther geht dich gar nichts an, pack dich ... ich sage dir, du sollst machen, daß du weg kommst ... ich liebe nicht, fremde Menschen an den Thüren zu haben ...«

»Um Gottes willen, Jüffrau!« rief das Mädchen und rang die Hände.

»Das Mädchen ist verdreht. Wirf sie hinaus, Trude, und schmeiß die Thür zu!«

Trude begann den Befehl auszuführen. Myntie und Pietie machten sich bereit, ihr beizustehen, aber das tapfere Kind hielt stand. Sie griff nach dem Treppengeländer und klammerte sich fest an.

»Schmeiß sie raus, das freche Ding ...«

»O Gott, Jüffrau, ich bin nicht frech ... ich will ja gleich gehen ... sagen Sie mir bloß, ob Walther krank ist? Sagen Sie es mir doch! dann will ich ja gehen ... o, sofort! Ach sagen Sie mir doch, ob er krank ist ... ob ... er... sterben ... wird ...«

Das arme Kind brach in Thränen aus. Nur Weibsbilder von der Sorte, mit der sie zu thun hatte, konnten bei dem Schmerz ungerührt bleiben. Die Jüffrauen Pieterse hatten bürgerliche Seelen.

Noch niedrigere oder – adlige Seelen hätten Femke verstanden. Es ist mit dem Gesicht wie mit dem Gold der Spielhöllen. In alle Hände kommt es nicht. Da sitzen Dirnen und Gräfinnen nebeneinander, die anständigen Menschen, die Schuhe aus Paris verkauften, kommen da nicht hin.

»Ich gehe nicht,« schrie Femke. »O Gott, ich gehe nicht! Ich will wissen, ob das Kind krank ist!«

Man hörte oben eine Thür öffnen. Walther wurde sichtbar, stürzte die Treppe hinunter, fiel wie ein Baum auf die Kämpfenden und dann leblos zu Femkes Füßen.

»Herrje, der Junge!« kreischte die Alte, und die Mädchen standen starr. Aber Femke hob Walther auf und trug ihn nach oben. Man zeigte ihr Walthers Bett, und dort legte sie ihn nieder. Niemand hatte mehr den Mut sie wegzujagen, als sie sich vor dem Lager niedersetzte, und wenn in diesem Augenblick über Vorrecht und Rang hätte abgestimmt werden sollen ... alle Stimmen wären auf Femke gefallen. Aber sie selbst wußte nichts davon. Sie weinte und stotterte: »Ach, nehmen Sie's mir nicht übel, Jüffrau, aber ich konnte nicht schlafen, so mußte ich immer an das Kind denken!«

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