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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100516
projectid8fb3ce4f
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Die Abenteuer des kleinen Walther.

Ein wenig Poesie, mein Gott, daß ich nicht vergehe vor Ekel über so viel Häßliches um mich!

Ein wenig Poesie, mein Gott, und wäre es nur zum Danke dafür, daß sie dich schuf! Nicht wahr, du bist nicht? Du würdest sonst mit deiner Allmacht nicht so thatenlos dasitzen. Du würdest nicht so ruhig zusehen, wie die Schlechtigkeit herrscht, wie die Niedrigkeit hoch steht und das Hohe niedrig!

Du würdest nicht die Arme kreuzen, als ginge das Weltall, deine Schöpfung, dich nichts an! Du bist nicht, nicht wahr? Wenn du wärst, du erhöbst von Zeit zu Zeit die Faust und schlügst sie donnernd nieder auf das faule Gebäude, das sich hienieden die menschliche Gesellschaft nennt.

Ein wenig Poesie, mein Gott, der durch sie allein da ist!

Ich arbeite, ein Wurm, ein Nichts, und in deinem Nichtsthun liegt eine Allmacht brach.

Auf, auf, du Gott, der nicht ist, hilf! Strecke die Hände aus, schlage rechts und schlage links, nach vorn und rückwärts und überall, und zeige dich im Handeln nicht geringer, als man dich zeichnete in der Bibel meiner Jugend.

Da saßest du auf hohem Wolkenthrone und sahest grimmig und böse aus.

Mag's! es war doch Handlung. Du warst zornig, eifrig, von Zeit zu Zeit auch trotzig, zu Launen geneigt – wie nicht anders zu erwarten von alten Göttern, die so lange allein waren und daher sich langweilten.

Aber sahst du auch nicht liebenswürdig aus. ich fühlte doch Ehrfurcht und Scheu vor dir, oder was es auch sei – etwas fühlte ich, als das Kindermädchen mich schalt, auf meine Frage, ob sie dich schon ohne Bart gekannt habe, und ob du jung gewesen wärst wie ein anderer?

Das sind verbotene Fragen, sagte das arme Ding, und wenn ich noch einmal so fragte, wäre ich verloren, dachte sie. Ich behielt solche Fragen seitdem bei mir und dämpfte die Sehnsucht nach Wissen mit der Angst, daß die Erde sich vor meinen Füßen öffnen müßte, wie in irgend einem Traktätchen zu lesen steht.

Auch hoffte ich, die Frage, ob dein Bart schon immer so lang und weiß gewesen sei, würde sich schon später von selber klären, wenn ich erst groß wäre.

Ach, ich bin lange groß, und größer als damals das Kindermädchen war, und noch ist mir dieser Bart ein Rätsel, wie du selbst!

Aber damals verstand ich dich. Ich lebte mit dir, in dir, und ich glaubte, daß du auch in mir lebtest.

Und wenn ich unrecht that – o weißt du es noch, wie ich einmal, schrecklich! mit Kohle eine Brille auf deine Nase gezeichnet habe?

Wahrhaftig, es war nur zum Zeitvertreib, kein böser Wille. Ein Kind hat manchmal, ja oft! Langeweile, weil seine Eltern sich meist mit anderen Dingen abgeben als mit ihren Kindern.

O wie fürchtete ich mich! Wie zitterte mir das Herz bei dem Gedanken, daß man einst diese Brille entdecken würde und fragen: wer hat diese Brille auf seine Nase gesetzt?

Und wenn es das Kindermädchen auch nicht entdeckte, du der alles weiß, du wußtest es doch, du mußtest ja zürnen, brennen, mit Pestilenz schlagen oder so etwas dergleichen.

Ich hörte schon die Frage: ob ich lieber mein Erstgeborenes deiner Rache opfern wollte, oder ob ich Masern oder Pest über das ganze Land vorzöge?

Masern hatte ich schon gehabt, und ein Erstgeborenes hatte ich noch nicht. Die Wahl war also leicht. Aber Pest? Das fand ich hart für das arme Volk, das dir nie etwas zuleide that, wenigstens nichts so Gräßliches wie diese Brille.

Wie erschrak ich vor der Trompete, die ja eigentlich nur sagte: die Post ist da! die in meinem Ohr aber klang wie die Posaune der Assyrer, die du zu Hilfe riefst, um für die Brille zu strafen.

Wagen rollten in die Stadt, mit starken Männern voll, mit Namen, die nicht auszusprechen waren. Und als ich unser Mädchen fragte, ob sie den Mut hätte, bei einem feindlichen General zu schlafen und mir seinen Kopf im Sack zu bringen, wie weiland Judith – da sagte sie: Nee!

Ich wußte mir keinen Rat, o Gott, und ich verging vor Angst. Da lebtest du, da fühlte ich dein Dasein.

Und jetzt?

Etwas Poesie gieb mir, mein Gott, du, der in der Poesie allein lebt.

Etwas Poesie, daß ich nicht vergehe vor Ekel über all das Häßliche um mich!

 

Liebe Fancy, meine Muse, ich bitte dich: sing mir ein Lied.

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