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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Eine Geschichte, die während einiger Jahrtausende spielt, oder mehr?

Walthers Fürstentum lag auf dem Monde – nein, noch viel weiter.

Sehen Sie, wie er zu der neuen Würde gekommen war. Lange vor Anfang dieser Geschichte – ja, sehr lange vorher – da war eine Königin der Geister, ganz wie in »Hans Heiling«. Sie hieß A-D. Sie wohnte nicht in einer Höhle, sondern hielt ihren Hof weit oben über den Wolken, was luftiger ist, und sich auch für eine Königin viel besser paßt.

Sie trug eine Halskette von Sternen und eine Sonne war in ihren Siegelring gesetzt.

Wenn sie ausging, stoben die Nebelflocken auf wie Staub, und mit einer Handbewegung verjagte sie die Firmamente.

Ihre Kinder spielten mit Planeten wie mit Murmeln und sie klagten, daß sie so schwer wiederzufinden waren, wenn sie unter dem Hausrat weggerollt waren.

Das Söhnchen der Königin, Prinz Ypsilon, war darüber verdrießlich, und es verlangte fortwährend anderes Spielzeug.

Die Königin ließ ihm eine Schachtel Siriusse geben, aber in kurzer Zeit waren auch die wieder verloren. Es war aber Ypsilons eigene Schuld. Er hätte auf sein Spielzeug besser acht geben sollen.

Man stellte ihn zufrieden, so gut es ging. Aber was man ihm auch gab, immer verlangte er etwas anderes, etwas Größeres und mehr. Das war ein Fehler in dem Charakter des kleinen Prinzen.

Die Mutter, die als Königin der Geister eine sehr verständige Frau war – es ist nämlich zwischen Verstand und Geist kein so großer Unterschied, wie die Leute glauben, denen beides fehlt – die Mutter also meinte, daß es für den Kleinen sehr gut sein würde, wenn er sich ein bißchen an Entbehrung gewöhnte.

Sie befahl also, daß man Ypsilon einige Zeit ohne Spielzeug lassen solle.

Das geschah.

Man nahm ihm alles weg. Sogar den Kometen, mit dem er gerade mit Prinzeß Omikron, seinem Schwesterchen, pinselte.

Prinz Ypsilon war etwas eigenwillig. Er vergaß sich in seinen Ausdrücken so sehr, daß er gegen seine Mutter etwas Unehrerbietiges sagte.

Auch Prinzeß Omikron wurde durch sein Beispiel angesteckt – nichts ist nämlich schlimmer als schlechte Beispiele – und warf mit heftiger Gebärde ihre Palette gegen das Weltall. Und das paßt sich nicht für ein Mädchen.

Nun bestand im Reiche der Geister ein Gesetz; wer die Ehrfurcht vor der Königin aus dem Auge verlor oder etwas gegen das Weltall warf, der sollte mit zeitweiligem Verluste aller seiner Würden gestraft werden. Prinz Ypsilon wurde ein Sandkorn.

Als er sich nun ein paar hundert Jahrhundert gut geführt hatte, wurde ihm die erfreuliche Nachricht mitgeteilt, daß er zu einer Moospflanze befördert war.

Eines schönen Morgens erwachte er als Koralle.

Das geschah um die Zeit, als die Menschen schon anfingen, ihre Speisen mit Feuer zu bereiten.

Er baute ein Paar Weltteile, und so etwa tausend Jahrhunderte später wurde er in Anerkennung seines Eifers, in einen Krebs verwandelt.

Auch in diesem Berufe hatte niemand die mindeste Klage über ihn, und bald ging er über in die Klasse der Seeschlangen.

Er trieb es sehr unschuldig und spielte allerdings mit den Seeleuten ein bißchen Schabernack, aber er that keinem etwas zuleide, und bekam darauf vier Füße, mit dem Range eines Mastodons, und der Vergünstigung, sich auf dem Lande etwas die Beine zu vertreten.

Mit philosophischer Ruhe schickte er sich auch in diesen neuen Stand und beschäftigte sich mit geologischen Beobachtungen.

Ein paar hundert Jahrhunderte drauf ...

Wenn ich so von Jahrhunderten spreche, halte man im Auge, daß alle die Zeit zusammengenommen im Reiche der Geister bloß ein kleines Viertelstündchen war – oder richtiger: daß diese Zeit überhaupt gar nichts war. Denn die Zeit ist eingerichtet zur Unterhaltung der Menschen, wie wir den Kindern Bilderbücher geben. Für Geister ist damals, jetzt, später ganz dasselbe. Sie fassen gestern, heute, morgen zusammen mit einem Blick, wie man ein Wort liest, ohne zu buchstabieren. Was war und werden wird, das ist.

Das wußten die Ägypter und die Phönizier sehr gut, aber die Christen haben es vergessen.

Fancy verstand, daß Walther nicht lesen konnte, darum buchstabierte sie ihm Ypsilons Geschichte vor, wie ich es auch thue, für den Leser.

Ein paar hundert Jahrhunderte später also stieg er auf zum Elefanten, und eine Geisterminute oder etwas später, das ist so etwa zehn Jahre – diesmal meine ich menschliche Jahre – vor dem Anfang meiner Geschichte, wurde er in die Klasse der Menschen versetzt.

Ich weiß nicht, was er als Elefant gesündigt hatte.

Aber, hatte Fancy gesagt, um nun nicht weiter zurückversetzt zu werden und um in kurzer Zeit wieder in seinen Rang als Geisterprinz zurückzukehren, mußte er nun als Mensch brav aufpassen, keine Räuberlieder machen und nichts verschachern, auch keine Bibel – dann könnte es wohl gehen.

Auch müßte er sich in die Schleppenlosigkeit der Jüffrau Pieterse schicken. Fancy meinte: das wäre nun mal so.

Diese Fancy wird wohl so eine Art Hofdame bei seiner Mutter gewesen sein, die ihn in seiner Verbannung besuchte, um ihn zu trösten und ihm Mut zuzusprechen, damit er die zeitweilige Bestrafung, die ihm zufiel, nicht auffassen sollte, als ob man ihm böse wäre.

Sie versprach ihn von Zeit zu Zeit zu besuchen.

»Aber,« hatte Walther gefragt, »wie geht es meinem Schwesterchen?«

»Die hat auch Strafe ... du kennst das Gesetz. Aber sie ist ein artiges Kind. Sie findet sich geduldig hinein und verspricht Besserung. Zuerst war sie ein Leuchtkügelchen und hat sich als solches tadellos geführt. Dann wurde sie ein Mondstrahl, und auch in dem Berufe war nichts gegen sie zu sagen. Sie schien, daß es eine wahre Freude war, und eure Mutter mußte sich zwingen, daß sie ihre Strafe nicht verkürzte. Sehr bald wurde sie zu einem Duft befördert und bewährte sich gut, denn sie erfüllte das Weltall, um Kopfschmerzen davon zu bekommen. Das war etwa um die Zeit, da du anfingst, Gras zu fressen. Bald wurde sie ein Schmetterling. Aber eure Mutter fand das nicht recht geeignet für ein Mädchen, und sie ließ sie deshalb schnell in ein Sternbild übergehen – sieh, da steht sie, vor uns.«

Walther suchte Omikron, fand sie aber nicht.

Es kommt öfter vor, daß man etwas nicht sieht, weil es zu groß ist.

»Sieh,« sagte Fancy, »da... rechts... nein, etwas weiter ... da ... da ... der Nordstern! Das ist ihr linkes Auge. Das rechte kannst du nicht sehen, weil sie sich nach dem Orion bückt, ihrer Puppe, die sie auf dem Schoß hat und liebkost ...«

Walther sah es deutlich und rief:

»Omikron... Omikron!«

»Nein, nein,« sagte die Hofdame, »das geht nicht, Prinz! Es steht ausdrücklich in der Verordnung der Königin, daß eure Strafe Einzelhaft ist. Es ist schon eine große Vergünstigung, daß ihr beide in einem und demselben Weltall eingesperrt seid. Als unlängst eure kleinen Brüderchen die Milchstraße mit Sündfluten überschwemmt hatten, wurden sie ganz weit auseinander gesetzt.«

Walther war darüber sehr betrübt. Er hätte all den Sternen mit der Puppe auf dem Schoß, die sein Schwesterchen waren, so gern einen Kuß gegeben.

»Ach, Fancy,« rief er, »laß mich mit Omikron zusammen sein!«

Fancy sagte nicht ja und sagte nicht nein.

Sie hatte etwas an sich, als ob sie über die Möglichkeit, ein höchst schwieriges Werk zustande zu bringen, nachdächte.

Aber Walther, der aus ihrem Zögern Mut schöpfte, wiederholte seine Bitte:

»Ach, laß mich doch mit meinem Schwesterchen zusammen sein, und wenn ich auch wieder Gras essen muß oder Weltteile bauen – ich will mit Vergnügen essen und bauen, wenn ich mit Omikron zusammen sein darf!«

Wahrscheinlich scheute sich Fancy, etwas zu versprechen, was über ihre Macht ging, und dabei that es ihr leid, das Versprechen nicht geben zu können.

»Ich werde fragen,« flüsterte sie, »und jetzt ...«

Walther rieb sich die Augen ... da war die Brücke ... da der Graben ...

Er hörte die Ente, die ihn noch aus der Entfernung ausschnatterte ...

Er sah seine Mühlen wieder ... ja, ja, sie waren es!

Aber sie hießen nicht mehr ... wie war doch der Name?

Die Mühlen hießen die Morgenstunde und der Adler, und sie riefen, wie das Sägemühlen gewöhnt sind:

»Karre, karre, kra, kra ...«

Darauf war nun Walther heimgegangen, und wir haben gesehen, was ihn da erwartete.

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