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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Kosmopolitische Betrachtungen und die Geschichte von dem Willemsorden.

Nicht ohne Absicht ließ ich den Helden meiner Geschichte im Kreise kleinbürgerlicher Beschränktheit geboren werden. Beschränktheit körperlich und geistig – denn es besteht eine innige Verwandtschaft zwischen den blöden Oberenstockwerksideen und der katechisierten Gläubigkeit solch einer Omnibus-Bettstatt.

Alles ist in allem. Die Begriffe von Tugend, Sittlichkeit, Religion sind vielfach auf den Leisten der Geräumigkeit geschlagen, in der man sich bewegte.

Denn der Mensch – wie die ganze Natur – schafft nichts. Um zu dem gotischen Baustil zu gelangen, mußten wir erst sehen, wie der Eichenwald sich zum Kirchendach wölbte, und die lockige Akanthus war nötig, um den korinthischen Stil zu lehren. Wer in und mit dem Sonnenschein lebt, macht sich einen Gott voll Licht und Farben, und wo man gezwungen ist, die Ellbogen am Leibe zu halten, um Frieden mit der Nachbarschaft zu haben, da braucht man ein kleines Gottchen, das nicht viel Platz beansprucht. Diesen Gott wird man dann reizbar, mürrisch, ungemütlich, übelnehmisch, langweilig und bösartig machen, wenn man stets genötigt war, sein eigenes Leben in kleine Formen zu pressen, und wenn dann gar noch Schmutz dazu kommt, dann ist mit so einem Gott gar kein Auskommen mehr.

Die sogenannte christliche Religion hat am meisten Fortschritte gemacht und sich am meisten gehalten in Landstrichen, wo die Menschen dicht zusammengedrängt leben, und wo daher im engen Kämmerchen Gelegenheit vorhanden ist, um all die Spukgeschichten von Sündenfall, Sühnetod, Gnade oder Ungnade und ewiger Verdammnis auszubrüten. Das Leben in der offenen, freien, grünen Natur – nicht des einzelnen Menschen, denn der bringt seine Vorstellungen von Hause mit – das Leben des Volkes in der Geräumigkeit, in Ellbogenfreiheit, fegt die dumpfen Phantasien weg, und man überschütte immerhin die sogenannten unkultivierten Länder mit Sendungen und Evangelien: ohne Zwang wird man nie Erfolg haben mit der wahrlich schweren Aufgabe, die muffigen Stubenthorheiten Völkern aufzudrängen, die gewöhnt sind, ihre Vorstellungen von der frischen Natur zu empfangen.

Ich habe einen Sergeanten gekannt, der sich um den Willemsorden bewarb. Ich war damals Schreiber bei einem Advokaten und half dem Manne bei seinen Eingaben und den Weiterungen mit dem Ministerium. Seine »Führung« stand fest. Seine »Treue« war über allen Zweifel erhaben. Das konnte man auf seiner messingenen Dienstmünze für zwölfjährigen Dienst lesen. Die Sache kam also noch auf seinen »Mut« an.

»Sehen Sie, junger Herr, das kann ich ihnen nun nicht zu Verstande bringen ... Ich lief ... und schoß ..., und sagte ... und der Leutnant sagte ... und da kam ich ...«

Folgte: die Geschichte von seinem Mut.

Ach du armseliger Soldatenmut!

Es ist anderer Mut im Leben nötig!

»Sehen Sie, junger Herr, das möchte ich mal so recht angegeben sehen in der Eingabe ... denn es muß Hand und Fuß haben. Ich möchte gern meinen Mut bewiesen haben«, wissen Sie ... wenn Sie das thun, ist die Sache richtig.«

Ich sagte: »Jawohl« und schrieb die Eingabe – es war die siebzehnte, glaube ich – diesmal mit ein paar lateinischen Sprüchen drin, denn ich war Schreiber bei einem Advokaten.

Der Mut triumphierte diesmal ... wahrscheinlich durch das Latein. Mein Sergeant wurde Ritter, und ich ging mit ihm spazieren. Das fand ich famos, wegen des Präsentierens ...

Ach, welcher Advokatenschreiber wird für mich eine Eingabe machen, in der angeführt wird, welchen Mut ich brauchte, um zu schreiben, wie ich schrieb?

»Sehen Sie, junger Herr, wenn sie da so hinter ihrem grünen Tisch sitzen auf dem Ministerium, begreifen sie nicht ...«

Siehst du, Publikum der Zukunft, wenn du da so sitzest in deiner späteren Zeit, hinter dem hohen Lesepult von zwanzig Jahrhunderten später ... du wirst nicht begreifen, wie viel Mut heute nötig ist, 1862, um gegen die Batterie anzustürmen, die dir kurz und klein geschossen erscheint im Jahre dreitausend und soundsoviel!

Aber Willems- und andere Orden will ich dafür nicht haben.

Ich ziehe zu Felde gegen alles, was auf moralischem, gesellschaftlichem oder politischem Gebiete klein, gemein, beschränkt oder niedrig ist.

Was die Art und Weise angeht, auf die ich den Kampf führe, so wünsche ich meine vollkommene Freiheit zu bewahren, ohne mich um Gewohnheit oder Schule zu kümmern. Wem es nicht gefällt, der – kaufe bei meinem Nachbar.

Und wer etwa meint, daß es mir an Lebensart fehlt, weil ich mit dir, liebes Publikum, so unehrerbietig spreche, zeigt, daß er selber nicht viel Lebensart hat. Denn das muß ich zu deiner Ehre sagen, Publikum, nachtragend bist du nicht. Seit achtzehn Jahrhunderten höre ich dich gottlos, verdorben, verdammt schimpfen, und anstatt böse zu werden, singst du Psalmen zu Ehren deiner Verdammer.

Und noch eins habe ich gefunden, oder besser: ich habe die alte Wahrheit an dir bestätigt gefunden, daß es billiger ist, ein ganzes Publikum auszuschelten als eine einzelne Person.

Wenn man den Polichinell wegen seines Buckels kränkt, meint er es der Ehre seiner Familie schuldig zu sein, den Nörgler wegen seiner mangelnden Scharfsichtigkeit zur Rede zu stellen, denn der hätte doch durch den Buckel hindurchsehen müssen. Macht man aber ein ganzes Publikum auf solche kamelige Erhabenheiten aufmerksam, so tröstet sich jeder mit der Unvollkommenheit des anderen und amüsiert sich noch darüber ...

O Himmel, Marianne, öffne doch das Fenster!

Leser, ich bitte dich um Vergebung. Wenn es nicht meine feste Gewohnheit wäre, niemals etwas zu streichen, solltest du den vorigen unehrerbietigen Paragraphen nie zu Gesicht bekommen.

Denke dir, daß ich durch häuslichen Ärger – Leiermänner, Hofsänger, aufgenommene Flurläufer, schlechte Laune des Mädchens, Geldmangel oder dergleichen Gemütsbelastungen – auf einem Küchenkämmerchen angelangt bin. Da sind die Zeilen geschrieben, die dich so kränken müssen, und die unverzeihlich waren, wenn ich nicht zwischen ein paar irdenen Töpfen, einem Küchenmädchen und einer Schüssel mit Rüben eingeklemmt wäre.

Mangel an Raum, Ruhe und Luft hat so auf meine Stimmung eingewirkt, daß ich – der ich sonst von fröhlicher Gemütsart bin und meine Leser zum Küssen lieb habe – mich habe zu Melancholie und bösen Reden hinreißen lassen. Ich muß nicht recht bei Sinnen gewesen sein. Ich verachte dich nicht im mindesten, ich möchte dir vor lauter Liebe an den Hals stiegen, und wie ich dich von vorn und von hinten besehe, ich finde keine Spur eines Buckels. Auch war ich nie Schreiber bei einem Advokaten. Du siehst, ich wußte nicht. was ich sagte. Ja, die frische Luft hat deinen Buckel weggeweht, und ich gehe ins Freie.

Wenn das Wetter gut ist, will ich dir wieder ein paar Kapitel schreiben, an denen du deine Freude haben sollst!

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