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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ausführlicher Bericht, in welchem Zustande sich die Hauptpersonen dieser Geschichte nach der Katastrophe befanden.

Am folgenden Tage war vieles zu seiner gewohnten Ordnung zurückgekehrt. Und um nicht den Schein der Nachlässigkeit auf uns zu laden, als ob wir uns nicht um die Personen kümmerten, mit denen wir doch einen so vergnügten Abend verlebt haben, wollen wir im Vorbeigehen erwähnen, daß Jüffrau Mabbel wieder ans Backen und Magnetisieren gegangen war, und Frau Stoffel an ihr Hebammenwerk. Sie verurteilte die unglücklichen Geschöpfe, die man ihrer Sorge anvertraute, zu zwei- oder dreimonatlicher Unbeweglichkeit, wahrscheinlich um den Neugeborenen eine hübsche Vorstellung von ihrer neuen Laufbahn zu geben, und um sie für den unverschämten Lärm zu bestrafen, dessen sie sich bei ihrer Geburt schuldig gemacht hatten.

Meister Pennewip war, wie gewöhnlich, mit dem Kultivieren unserer vergangenen angehenden Großeltern beschäftigt, und seine Perücke, die von den Aufregungen des vorigen Abends noch nicht ganz hergestellt war, verlangte sehnsüchtig nach dem Sonntag.

Klaasje van der Gracht hatte den Preis erhalten, mit einem würdevollen »Fahre so fort, mein Sohn!« Was er dann auch gethan hat. Noch täglich sehe ich Gedichte abgedruckt, die durch Deutlichkeit, Bündigkeit und Geisteserhebung seine Meisterhand verraten – und da ich höre, der ungeimpfte Klaas sei an den Pocken gestorben, so achte ich mich verpflichtet, ihn gegen diese Verleumdung in Schutz zu nehmen. Das Genie stirbt nicht, das versteht sich von selber, sonst würde es für ein Genie gar nicht der Mühe wert sein, geboren zu werden. Doch wäre auch Klaas als Mensch gestorben, sein Geist lebt in seinen Nachfolgern, und das finde ich eine schöne Unsterblichkeit.

Auch die Familie de Wilde ist nicht ausgestorben und wird nicht aussterben. Des bin ich sicher.

Jüffrau Krümmel fragte ihren Mann, ob sie wirklich ein Säugetier wäre. Und er, da er von der Börse so viel Lebensweisheit aufgeschnappt hatte, antwortete nach längerer Überlegung, daß er von solchen Dingen immer bloß die Hälfte glaube. »In diesem Falle die letzte,« sagte er dazu, aber leise.

Jüffrau Zippermam katasterte bürgerlich weiter, und war erkältet. Aber sie hatte es dafür übrig, denn sie war eine anständige Frau. Bloß das konnte sie nicht ertragen, daß Jüffrau Laps so viel von ihrem Vater »im Kornhandel« hergemacht hatte und von ihrer Tugend. Der alte Laps, behauptete sie, war nicht »im Korn« gewesen, sondern »unterm Korn.« Er hatte es nämlich in einem Sack auf dem Kopfe getragen, und das ist ganz was anderes als Korn verkaufen. Denn wer was verkauft, steht immer höher als wer was trägt. Das hätte also Jüffrau Laps nicht sagen sollen. Und was ihre Tugend anging, so wüßte doch jeder die Geschichte von dem Briefträger, der solchen großen Backenbart hatte, 's war ja nicht um das Menschenkind in Skandal zu bringen, Gott nein! 's war nur, daß man es wußte, und daß man davon sprach ... das war's bloß! Die Jüffrau Laps sollte also ruhig still sein von ihrer Tugend. Jüffrau Zippermann wollte ja nicht den Schiedsmann machen, es war nicht ihre Gewohnheit, schlecht zu sprechen, aber der Briefträger guckte noch immer hinauf, wenn er vorbeiging ... das that er!

Trudchen und ihre Schwester saßen so gut wie möglich ausstaffiert am Fenster, und wenn junge Leute vorbeigingen, machten sie Gesichter, als hatten sie niemals irgendwen »zurechtgebracht.«

Die Jüffrau von hinten unten erzählte beim Kaufmann, daß sie ausziehen wollte, denn »es wäre ein Skandal bei den Pieterses: ein wahrer Skandal« – und »es hatte gerade was darunter gestanden.«

Jüffrau Pieterse wirtschaftete in ihrem Haushalt herum und sah aus wie ein »Weib.« Von Zeit zu Zeit that sie ihren Gottesdienst an den Kindern, die, wenn sie zu wünschen gehabt hätten, gewiß lieber bei den Alfuren, Dajaks oder anderen Verblendeten zur Welt gekommen wären, deren Religion nicht so gefühlvoll war.

Jüffrau Laps hatte die Nacht besonders gut geschlafen. Das freut mich. Ich konnte wohl mehr davon erzählen, aber das mag ich nicht, weil ich mich nicht gern erschöpfe.

Stoffel war in seine Schule gegangen und hatte da versucht, der Jugend Verachtung des Reichtums einzuflößen, mit Hilfe eines Gedichts, das wahrscheinlich einer auf einer Bodenkammer gemacht hatte, dem sein Reichtum nicht viel Beschwerde machte. Aber die Jungens waren unaufmerksam und schienen nicht zu fassen, welch Vergnügen darin stak, kein Geld zu haben, um Murmeln zu kaufen. Stoffel gab ihre Herzenshärtigkeit schuld an Walthers Wahnideen. Sie hatten sicher schon gehört von seinem Anschlag auf jenen Markgrafen und von dem merkwürdigen Aufenthalt in der Höhle. Darum zeigten sie Stoffel weniger Ehrerbietung, als ihm zukam als drittem Hilfslehrer mit verlängerter Hose.

Und Walther?

Der lebte noch immer in Erwartung der Strafe, die er so reichlich verdient hatte.

Denn seine Mutter hatte ihm klar und mehrfach zu verstehen gegeben, daß die »Zurechtsetzung« vom vorigen Abend bloß eine vorläufige Gottesdienstübung gewesen war, und daß der eigentliche Sold seiner Sünde erst ausbezahlt werden sollte, wenn sie darüber mit dem Hausgeistlichen gesprochen haben würde.

Und das war billig. Ganz gewiß. Denn in gottesdienstlichen Sachen hat der Geistliche – ob Haus- oder nicht – eine Stimme. Dafür wird er bezahlt und dafür hat er studiert.

Die Menschen, die also behaupten, daß es gut wäre, die Geistlichen aus dem Hause zu halten, wissen nicht, was sie sagen.

Aber inzwischen wußte Walther nicht, was anfangen.

In die Schule gehen konnte er nicht. Pennewip hatte ihm ausdrücklich verboten, weiter aus dem Horne der Weisheit mitzuschöpfen.

Spazieren gehen durfte er gleichfalls nicht. »Gott weiß, was er wieder aufführt, wenn man ihn aus den Augen läßt,« sagte die Mutter, die angeblich fürchtete, daß er wieder auf die Klöster losgehen würde, aber ihm den Urlaub eigentlich nur deshalb verweigerte, weil Walther um diesen Urlaub gebeten hatte.

Sie meinte, für viele unartige Kinder oder alle wäre es nützlich, wenn sie nicht ihren Willen hätten.

Wäre Walther schlau gewesen, so hätte er sicher vorgegeben, er wäre in das düstere Hinterzimmer ganz verliebt, und er wäre dann zu seiner moralischen Besserung die Treppe hinuntergejagt worden, sodaß er seine Mühlen hätte besuchen können.

Aber Walther war eben nicht schlau.

Und das Vorderzimmer war ihm verboten, weil die jungen Damen »ihn nicht sehen konnten.«

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