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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/multatul/klwalthe/klwalthe.xml
typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100516
projectid8fb3ce4f
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Entwicklung der Gründe des langweiligen Friedens in Europa, woran sich der Nutzen des Studiums von Theeabenden ergiebt. Fortsetzung und Schluß der Gedichtproben. Sehr geeignet für Modedichter und andere kluge versaufsagende Kinder. Armer Walther ... reicher Walther!

Der aufmerksame Leser, der sich auf Menschenkenntnis versteht, will natürlich gern wissen, aus welchem Grunde unser voriges Kapitel so ruhig geendet hat, und warum die Theegesellschaft den Fall, der vor kurzem Anlaß zu so heftiger Explosion gegeben hatte, jetzt so friedlich auf sich beruhen ließ.

Dafür sind drei Gründe.

Erstens. Man war schon aufgeregt gewesen, und daher erschöpft.

Zweitens. Jüffrau Laps, die Führerin im Streite, überblickte mit genialem Blick das Schlachtfeld, und ohne gerade an das weltberühmte Gefecht zwischen den Horatiern und Kuriatiern zu denken, begriff sie doch mit angeborenem taktischen Talent die Richtigkeit des »Teile und herrsche!« Mit den Mächten Stotter, Mabbel, Krümmel und Zipperman gegen das Haus der Pieterses – das ging. Aber nun dies Haus durch Pennewips mächtige Hand gestützt wurde, gebot die Vorsicht, sich aus dem Kampfe zurückzuziehen. Denn wer kam ihr dafür auf, daß sie sich auf ihre Verbündeten verlassen konnte? Wer übernahm die Bürgschaft, daß nicht die Hebamme oder gar Jüffrau Zipperman zum Feinde überging? und wäre es auch nur aus Ehrerbietung vor der beweglichen Perücke des Lehrers! Nein, nein! nicht auf so unsicherem Boden ließ Jüffrau Laps die Artillerie ihrer Beredsamkeit vorrücken. Schweigend sagte sie: ich werde euch schon später kriegen! und wenn wir sie, nebst allen Verhältnissen der Gesellschaft mit zwanzig oder dreißig Millionen multipliciert denken, so würden wir tags darauf in dieser oder jener Lapsoffiziösen Zeitung gelesen haben:

»Die Beziehungen zum Reich der Pieterses sind die allerherzlichsten. Man spricht sogar von einer freundschaftlichen Zusammenkunft der respektiven Souveräne, ohne den mindesten politischen Zweck, bloß um sich an dem gegenseitigen Anblick zu erfreuen. Man sieht hieraus wieder, wie grundlos die Gerüchte waren über eine gewisse Spannung, die in betreff der wahren Natur unserer ehrwürdigen Fürstin sollte bestanden haben. Der Leser wird sich erinnern, daß wir diese Gerüchte denn auch nie anders als mit großer Reserve mitgeteilt haben.«

Drittens. Der dritte und vornehmste Grund des Waffenstillstandes war: Neugier. Wer sich aufs neue böse that und böse blieb oder Bosheit verriet, mußte weggehen. Und wer wegging, erfuhr nicht, warum Meister Pennewip gekommen war, und was wieder mit Walther los war. Hieraus sieht man zum tausendstenmal, daß alle Dinge ihre gute Seite haben. Wenn Walther Pieterse tugendhaft gewesen wäre, hätten die Augen wahrscheinlich das Schicksal erfahren, das ihnen durch den Archäologen Klesmeyer einmal für solche Fälle in der alteuropäischen Mythologie angewiesen ist.

»Aber Herr Lehrer,« fragte Jüffrau Pieterse, nachdem sie auf das überwundene Säugetier einen Blick geworfen hatte, der etwa sagte: »Wo bleibst du nun?« mit der Wirkung einer Siegesdepesche – »aber Herr Lehrer, was hat der Walther denn nun wieder ausgefressen?«

»Ja, was hat Walther wieder gethan?« fügte Jüffrau Laps hinzu, die froh war, daß das Gespräch eine andere Wendung nahm, und zugleich über die neue Missethat, die sie vernehmen sollte, weil sie so fromm war.

Denn in der Frömmigkeit ist der Sünder ein Ding, woran man sich erbaut. Und Jüffrau Laps liebte die Erbauung, wie wir gesehen haben.

Eben war Pennewip im Begriff, die Anklage vorzutragen, als die Klingel ertönte ... noch einmal ... »'s ist zu uns« – und der arme Delinquent ins Zimmer trat.

Er war noch blasser als sonst, und es war auch Anlaß dazu, denn es waren eigene Dinge mit ihm vorgegangen, seit Fancy ihn emporhob und mit sich führte ...

»Jüffrau Pieterse,« begann Pennewip, »meine Schule ist berühmt bis nach Kattenburg hin ... hören Sie? Verstehen Sie?«

»Ach ja, Herr Lehrer.«

»Ich wiederhole: berühmt! Und zwar hauptsächlich wegen der guten Sitten, die da herrschen ... ich meine natürlich: auf meiner Schule. Religion und Tugend stehen bei mir im Vordergrunde. Ich könnte Ihnen Verse zeigen über Gott ... aber ich will das übergehen. Es sei Ihnen genug, zu wissen, daß meine Schule berühmt ist bis ... was sage ich ... ich habe sogar ein Söhnchen gehabt von jemand zu Wittenburg, von dem Sägemüller – und einmal bin ich sogar schriftlich um Rat gefragt worden wegen der Besserung eines Knaben, dessen Vater sogar zu Muiderberg wohnte.«

»O, Herr Lehrer!«

»Ja. Jüffrau Pieterse! Ich bin noch im Besitz des Briefes und könnte ihn Ihnen zeigen ... der Mann war Totengräber ... und der Jüngling hatte sich vergessen, unpassende Figuren auf die Särge zu malen ... aber gerade darum fühle ich mich verpflichtet, Ihnen hierdurch mitzuteilen, daß ich nicht gesonnen bin, den guten Namen meiner Schule schwinden zu sehen durch Ihren Taugenichts von Sohn, der dort steht!«

Der arme Walther war aus den Wolken gefallen. Das klang ja ganz anders als eine Päpstliche Anstellung ... die er übrigens nicht mehr beanspruchte, denn er hatte soeben eine andere bekommen, die ihm besser gefiel.

Seine Mutter wollte sofort zu dem übergehen, was sie ihren Gottesdienst nannte, und ihm eine Tracht Prügel verabreichen, um den Lehrer zufrieden zu stellen und ihm zu zeigen, daß auch in ihrem Hause Tugend und gute Sitte im Vordergrunde standen.

Aber der Lehrer fand es besser, die Gesellschaft davon in Kenntnis zu sehen, was eigentlich los war, und dadurch gleichzeitig das Schuldgefühl des Patienten zu verstärken.

»Ihr Sohn, Jüffrau Pieterse, gehört zu der Klasse der Räuber, Mörder, Frauenschänder und Brandstifter ...«

Weiter nichts.

»Heilige Gnade! Gute himmlische Gerechtigkeit! Barmherzige Christenseelen! Ach göttliche, menschliche Tugend, ist's möglich! Was muß der Mensch erleben!«

So ungefähr – denn für die Genauigkeit stehe ich nicht ein – war die Flut von Ausrufen, unter der der zehnjährige Räuber, Mörder, Frauenschänder und Brandstifter weggeschwemmt wurde.

Armer Walther!

»Ich werde Ihnen ein Stück von seiner Hand vorlesen,« sagte der Lehrer, »und wer dann noch an der Verderbtheit dieses Knaben zweifelt ...«

Die ganze Gesellschaft versprach, nicht daran zu zweifeln.

Das Stück, das der Lehrer nun vorlas, war ja nun auch wirklich von der Art, daß der Zweifel schwer fiel, und ich selbst, der Walther zu seinem Helden erkoren hat, werde den Leser nicht leicht überzeugen können, daß er nicht so schlecht war, wie es schien, nach seinem

Räuberlied.

»Mit dem Schwert,
Auf dem Pferd,
Und dem Helm auf dem Kopf,
Drauf und dran! und dem Feinde den Schädel geklopft,
Vorwärts drauf!«

»Christenseelen,« rief die ganze Gesellschaft, »ist er toll!«

»Auf dem Weg,
Längs der Heck',
Ein Stoß und ein Schlag –
Getötet der Markgraf, Dragoner verjagt ...«

»Lieber guter Gott, was hat er bloß gegen den Markgrafen?« fragte die Mutter.

»Um den Raub!«

»Seht, 's ist um den Raub,« sagte Jüffrau Laps, »ich sag's ja immer, man beginnt mit der Bibel und ...«

»Und die Beut',
Meine Maid ...«

»Hat man so was schon erlebt... er hat kaum gewechselt!«

»Und die Beut'.
Meine Maid,
Mir erkauft mit dem Stahl ...«

»Mit dem Sta..a..a..ahl!«

»Und die Beut'.
Meine Maid.
Mir erkauft mit dem Stahl,
Wie 'ne Feder trage ich sie in den Saal.
In die Höhl'.«

»Himmlische Gnade ... was will er in der Höhle ausführen?«

»Wie der Wind
So geschwind,
Jag' ich hin, sie im Arm,
Und ihr Weinen und Wimmern ...«

»O gerechter Friede, das arme Wurm wimmert dabei!«

»Und ihr Weinen und Wimmern macht mir kein' Harm,
O Genuß!«

»Das nennt er Genuß! Mir wird ganz kalt!«

»Und dann wieder,
Auf und nieder,
Rechts und links durch das Land ...«

»Jesses! 's geht schon wieder los!«

»Und dann wieder,
Auf und nieder,
Rechts und links durch das Land,
Hier 'ne Villa verwüstet, ein Kloster verbrannt.
Zum Spaß!«

»Die Hölle steckt in dem Jungen ... zum Spaß!!«

»Weiter dann
Auf der Bahn
Und noch mehr Abenteuer,
Und den Weg gezeichnet mit Blut und mit Feuer
Und Rache!«

»Gütiger Gott, was haben sie ihm denn gethan!«

»Denn die Rache
Ist die Sache
Für den König der Welt, ...«

»Ist er verrückt ... ich will ihn königen!«

»Denn die Rache
Ist die Sache
Für den König der Welt,
Der, allein gegen alle, sein Scepter behält
Und Panier!«

»Was ist das für 'n Ding?«

»Hurra hier!
Folget mir!«

Die Gesellschaft schauderte bei der Einladung.

»Hurra hier!
Folget mir!
Kein Pardon wird gespendet,
Die Männer gehenkt und die Frauen ...«

»Mein Riechfläschchen! Trude, du siehst, ich ...«

»Die Männer gehenkt und die Frauen geschändet...«

»Mein Riechfläschchen! Trude, Trude!«

»Die Frauen geschändet.
Zum Pläsier!«

»Zum Pläsier,« wiederholte der Lehrer mit Grabesstimme, »zum Pläsier ...«

»Er ... thut ... das ... zum ... Pläsier!«

Die Gesellschaft war betäubt. Auch Stoffels Pfeife war ausgegangen.

Aber Walther hatte etwas Ruhiges in seinem Wesen, und als die Mutter ihn genug geprügelt hatte, um ihre Besinnung wieder zu bekommen, legte er sich nicht unzufrieden in sein Bett in der Hinterstube, wo er bald einschlief und träumte von Fancy.

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