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Die Abenteuer des kleinen Walther

Multatuli: Die Abenteuer des kleinen Walther - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorMultatuli
titleDie Abenteuer des kleinen Walther
publisherVerlag von Otto Hendel
seriesBibliothek der Gesamt-Litteratur
year
firstpub
translatorKarl Mischke
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vorbereitungen zu einer Gesellschaft. Rollenverteilung. Widerstreit zwischen Wollen und Sein, dargestellt in einer Kinderträumerei. Moddergraben-Phantasien, Strohhahnwettrennen, Entenkrieg und Mühlengeschichten, zum Schluß eine Lustreise.

Es war Mittwoch. Bei Pieterses sollte eine »Gesellschaft« stattfinden. Jüffrau Laps war eingeladen, und auch die Jüffrau über dem Milchkeller, deren Mann »an der Börse« war. Ferner Frau Stotter, die so lange Hebamme gewesen war, aber immer bloß »sehr anständig.« Dann die Witwe Zippermann, »deren Tochter mit jemand von der Versicherung oder dem Kataster oder so etwas verheiratet war.« Auch die Jüffrau von dem Kuchenbäcker. Das ging nicht anders: es wäre zu auffallend gewesen, wenn man allerlei vermischtes Gebäck bei ihr holen ließ, ohne sie mitzuladen. Dann die Jüffrau von hinten unten, die ja wohl nicht kommen würde, dachte man, »aber man wollte gern nachgeben, nach dem Zank um die zerbrochene Fensterscheibe.« Und kam sie nun nicht, dann war's auch aus, sagte Jüffrau Pieterse. Ja, dann sollte es aus sein mit der Jüffrau von hinten unten. Ich will nun gleich hinzufügen, daß sie wirklich nicht gekommen ist, und daß es daher wirklich mit dieser Jüffrau aus war.

Die kleineren Kinder sollten frühzeitig ins Bett, mit dem Versprechen einer Tasse Salbeimilch – dies Getränk vertrat damals vielfach den Thee – zum Frühstück, »wenn sie sich den ganzen Abend nicht hören ließen.« Es ist ja auch lästig, die Kinder zu »hören,« wenn man eine Gesellschaft hat. Was vorgeht, geht vor. Walther bekam Urlaub, um mit den Hallemännchen spazieren zu gehen, die so besonders anständig waren, und er sollte gegen acht Uhr nach Hause kommen, wurde ihm gesagt, aber in einem Tone, der ihn keine Schelte befürchten ließ, wenn er etwas länger ausblieb. Laurens, der natürlich Schriftsetzer lernte und gewöhnlich des Abends gegen sieben Uhr nach Hause kam, war groß genug, um dabei zu sein, aber er mußte versprechen, still zu sitzen und bei der zweiten Tasse zu danken. Die großen Mädchen gehörten dazu, das sprach von selbst – sie hatten die Einsegnung und das Mustertuch hinter sich – und Stoffel präsidierte. Er sollte die Herren begrüßen, wenn die gegen zehn Uhr die Jüffrauen abholen kamen, und die Gesellschaft mit Geschichten von Mungo Park unterhalten und mit dem bestimmten Artikel, worin er besonders stark war.

Leentje sollte bleiben, bis die Leute da waren, weil es sonst so unbequem war, jedesmal die Thür zu öffnen. Auch konnte sie etwas helfen beim Wegräumen von der Tafel und bei all der Arbeit, die bei so einer Gesellschaft unvermeidlich ist. »Aber sie sollte etwas flotter drangehen, sonst thäte man es wirklich lieber selbst.«

Das älteste von den Mädchen, Jüffrau Truitje, sollte für die »Salbeimilch« sorgen. Pietje hatte die Butterstullen unter sich, und Myntje das Zurechtmachen, »aber diesmal sollte mehr Butter drauf, weil sie das letzte Mal zu trocken waren.«

Es würde ganz famos werden, »wenn nur die Jüffrau Laps nicht immer das große Wort führte, denn das war eben ihre Schwäche.« Auch hoffte man, daß die Witwe Zippermann »etwas weniger von ihrem Schwiegersohn aufschnitte, denn das wird auf die Dauer langweilig.« Und die Jüffrau über dem Milchkeller, »konnte auch wohl etwas bescheidener sein, denn sie hatte auch nicht immer in einem geschlossenen Hause gewohnt und ein Laden war keine Schande, und im oberen Stockwerk wohnen auch nicht ... wahrhaftig nicht!« Auch konnte man gar nicht wissen, wie es noch kommen würde.

Niemand verstand auch, warum die Jüffrau von dem Kuchenbäcker immer so viel französische Worte gebrauchte, was sich für den Bürgerstand gar nicht paßt, und »wenn sie's wieder thut, Stoffel, dann sage du nur auch mal was, was sie nicht versteht, dann wird sie wohl sehen, daß wir auch nicht von der Straße sind, und daß wir auch wissen, wie sich's gehört.«

Und »daß die Jüffrau von hinten unten nicht kommt, das macht mir gar nichts,« fuhr Jüffrau Pieterse fort, »das macht mir absolut nichts. Ich mache mir nichts draus ... vier ... fünf ... da kann Louw sitzen, aber er muß die Beine still halten ... und da ein Stuhl ... ja, so ... es ist ganz gut, daß sie nicht kommt, es wäre doch zu voll geworden ... Leentje, mach' dich an die Arbeit und schnaub' dir die Nase ... oder nein, geh' doch mal zu Jüffrau Laps, und frag', ob die Jüffrau ein paar Schemel leihen will, ohne Lehne, weißt du, weil die Stühle ... da, gegen den Schornstein, das geht sonst nicht ... ja, bitte die Jüffrau um ein Paar Schemelchen, und sag' der Jüffrau, daß es für mich ist, und daß ich die Jüffrau gegen sieben erwarte ... aber mache meine Empfehlung an die Jüffrau und schnaub' dir die Nase.«

Jüffrau Pieterse liebte die persönlichen Fürwörter nicht, es war so unhöflich, fand sie ...

Walther war diesen Nachmittag schon früh nach seiner Brücke gegangen, die diesmal weniger überflüssig war als gewöhnlich. Denn nach dem Regen des vorigen Tages war diesmal wirklich Wasser in dem Graben, und in diesem Wasser sogar Bewegung, sodaß die Strohhalme, die er gedankenlos oder gedankenvoll – was beinahe dasselbe ist – hineinwarf, nach dem Pfuhl mitgeführt wurden, wo die Balken lagen, die durch die beiden Mühlen, »die Morgenstunde« und »den Adler,« seit einigen Wochen die Zeugen von Walthers Träumereien, gesägt werden sollten.

Denn nach Glorioso und der Unmöglichkeit, ihn würdig zu ersetzen, war er an den Nachmittagen, die er frei hatte, unwillkürlich nach dem Fleck zurückgekehrt, wo er mit der Romanwelt Bekanntschaft gemacht hatte, und wie grob auch die Farben waren, in denen sich das erste Bild dieser Welt ihm aufthat, ja vielleicht gerade infolge der Grobheit dieser Farben, er fühlte sich dadurch so angezogen, daß er sich selbst verändert vorkam und nicht mehr begriff, wie er sonst seinen Genuß in den kleinen Kuchen an der Ecke hatte finden können.

Eine eigenartige Perspektive hatte sich vor ihm aufgethan. Er träumte von Dingen, denen er keinen Namen geben konnte, die ihn aber mit seinem wirklichen Zustande bitter unzufrieden machten. Er wollte ja gern alles thun, was vorgeschrieben ist, um in den Himmel zu kommen, aber das Beten würde, meinte er, in so einer Höhle mit Kerzen viel leichter gehen. Und was das Ehren seiner Mutter betraf, auf das diese jederzeit solch Gewicht legte ... warum hatte sie keine Schleppe wie die Gräfin? Er hätte seine Bibel nicht verkaufen sollen ... das ist wahr ... er würde es auch nicht wieder thun, das hatte er fest versprochen ... aber dann hätte es sich auch gehört, daß er so ein Kistchen mit Dukaten hätte und eine Feder auf der Mütze, wie es im Buche stand.

Auch ödete ihn sein Bruder Stoffel, und seine Schwestern, und Jüffrau Laps, und der Hausgeistliche, und alles. Er begriff nicht, warum nicht die ganze Familie nach Italien ging, um da eine anständige Räuberbande zu gründen. Aber Pennewip durfte nicht mit, dachte er, und Schlachterskeesje auch nicht.

Es sollte ihn wundern, was mit seinen Versen werden würde ...

Alle Mittwoch nämlich lieferten die Schüler, die am wenigsten ungezogen gewesen waren und deshalb für würdig galten, um den Lorbeer mitzuringen, ein Gedicht ab über einen Gegenstand, den der Lehrer aufgegeben hatte. Walther hatte diesmal »die Tugend« zur Bearbeitung bekommen, nicht ohne Anspielung auf seine frühe Verderbtheit und den Wink, daß die Dichtübung an seiner moralischen Besserung mithelfen solle. Aber Walther hatte schon so oft die Tugend in Reime gesetzt, und er fand diesen Gegenstand so trocken, so langstielig, so abgeleiert, daß er sich die Freiheit genommen hatte, etwas anderes zu besingen, und zwar, was ihm am meisten im Herzen lag, die Räuberei.

Er selbst war, wie alle Schriftsteller – und Menschen, sehr von seinem Werk eingenommen. Er war überzeugt, daß der Lehrer das auch sein würde und ihm, der vortrefflichen Ausführung zuliebe, die Abweichung von der Tugend vergeben sollte. Der Vers würde sicher an den Bürgermeister geschickt werden, und der würde dem Papst davon Kenntnis geben, und der würde dann Walther zu sich rufen und ihn als Hofräuber anstellen.

So träumte er und warf seine Strohhalme ins Wasser. Sie trieben langsam vorwärts und verschwanden zwischen den grünbewachsenen Balken. Unwillkürlich stellte Walthers Phantasie eine Verbindung her zwischen der Richtung der Halme und seinen Eindrücken. Da ging die Gräfin mit der Schleppe, aber sie blieb an der Ecke sitzen, und saß fest im Modder. Die keusche Amalia traf es nicht besser, auch sie verirrte sich in die Entengrütze. Jetzt Walther selbst: er nahte sich Amalias Grünzeug, und gerade als er sie aus ihrer Gefangenschaft zu retten hoffte, wurde er von einer Ente verschluckt. Das war sehr verkehrt von der Ente. Denn es war Walthers letztes Hälmchen, und er hörte in dem Geklapper der Mühlen Amalias vorwurfsvolle Stimme:

»Warre, warre, warre, wal,
Wo ist warre, warre, woll ...
Walther, der mich retten soll?«

Das ärgerte ihn, und er konnte sich nicht enthalten, nach der Ente einen Stein zu werfen, die durch ihre Gefräßigkeit die Ursache von Amalias Zweifel an seiner Ritterehre geworden war.

Die Ente wählte das bessere Teil und zog ab, nachdem sie Walther, so gut sie konnte, ausgescholten hatte. Aber die Mühlen schienen sich um die Ereignisse nicht zu kümmern und klapperten tapfer weiter.

Walther hörte in ihrem Geknatter und Gesäge allerlei Lieder und vergaß bald Amalia und den Papst, um nach diesen Geschichten zu lauschen. Um den Leser nicht zu der verkehrten Ansicht zu bringen, als ob etwas Besonderes an diesen Mühlen gewesen wäre, beeile ich mich, zu erklären, daß sie knirschten und klapperten wie andere Holzsägemühlen auch ...

Es kommt oft vor, daß wir etwas von außen wahrzunehmen glauben, was aus uns selber kommt, und ebenso oft meinen wir etwas selber erdacht zu haben, was von einem anderen herrührt.

Das ist eine Art von Bauchrednerei, die oft Anlaß giebt zu Verdruß und Feindschaft.

Welche sich wohl am schnellsten dreht? Nun ... mich dünkt ... nein ... zusammen beginnen ... so! Nein, der Adler war vor! Noch einmal ... jetzt! Wieder falsch!

Welche nun zuerst oben ist ... nein, so geht's nicht ... noch einmal ... von dieser Wolke an. »Morgenstunde,« paß auf ... wieder gefehlt! Ich kann kein Auge drauf halten ... was für ein Drehen!

So, bist du müde? Glaub's wohl.

Wenn ich einmal auf so einem Flügel säße ... ich würde mich gut festhalten ... wie würde der Müller Augen machen!

Warum heißt du »Morgenstunde?« Hast du etwas im Munde? Und ... »Adler«? ... kannst du fliegen? Willst du mich mitnehmen? Ich würde schon wollen ... was für ein Raum da oben ... und keine Schule!

Wie hat wohl die erste Schule angefangen? Was war zuerst? Die Schule oder der Lehrer?

Aber der erste Lehrer muß doch auf der Schule gewesen sein ... und die erste Schule muß doch einen Lehrer gehabt haben ...

Von selber? Nein, das ist nicht möglich. Kannst du dich von selber drehen? Durch den Wind? Kannst du umkehren anders herumdrehen von selber? Thu's mal, »Adler« ... los! Krieg' die »Morgenstunde« ... flink, flink ... mach's aus ... schön!

Nun wieder allein, laß los ... los ... gut so!

Nun wieder zusammen ... karre, karre, kra, kra ... streck die Arme aus ... nimm mich mit ... willst du nicht? Gut, »Adler«! Setz deinen Hut auf ... wie fliegen die Bänder! ... Wie heißt du? Warre, warre, warre, wal ... ich kann nicht dafür ... es war die Ente. Sag, wie heißt du? Fanne, fanne, fanne, fan ... heißt du Fan? Und du, Morgenstunde, wie ist dein Name? Sine, sine, sine si, ... was ist das für ein Name, Si? Nun zusammen, vorwärts, zusammen ... singt ein Liedchen zusammen:

Fanne, fanne, fanne, fan ..
Sine, sine, sine, si..
Fanne, sine, fanne, sine,
Fanne sine, ... fan ... cy...

Fancy ... was meint ihr damit? Heißt ihr Fancy? Und was ist das ... habt ihr Flügel?

Ja, die »Morgenstunde« und der »Adler« waren in eins zusammengeschmolzen, hatten Flügel und hießen Fancy.

Fancy hob Walther empor und führte ihn mit sich fort.

Als sie ihn wieder auf der Brücke niedersetzte, war es lange dunkel. Walther schüttelte sich, wie einer, der naß ist, rieb sich die Augen und ging nach Hause. Wir werden später sehen, was ihn da erwartete, aber wir müssen ein paar Stunden zurückgehen, und ich hoffe, daß der Leser nicht zu stolz ist, um meine Einladung zu Jüffrau Pieterse zu verschmähen. Man bedenke, daß ihr Mann nichts selber machte, sondern alles von Paris bezog.

Im Vorübergehen aber möchte ich noch bei Meister Pennewip einen kurzen Besuch abstatten.

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