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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Ein Abelsberger Kalbskopf.

Der Dorfbarbier Tabaksimerl lehnte an seinem Tabakskasten und hatte – gestehen wir's offen, denn es läßt sich nicht leugnen – einen Rausch. Auf dem Kasten stand eine Flasche, die sich in dem Verhältnisse, als sie geleert worden war, verdoppelt hatte, so daß sie jetzt dastand – zwei in eins und eins in zwei – wie die siamesischen Brüder.

Es war zwölf Uhr mittags. Da schellte es an der Tür. Der Postbote trat ein und überreichte dem Tabaksimerl einen Brief. Der Simerl tat's mit umständlicher Mühe auseinander und las nicht ohne Umstände:

»Lieber Freund und Simerl!

Bei uns ist gemetzgert worden. Erweis' mir die Ehr' und komm' heute mittags 11 Uhr zu mir zum Kalbskopf.

Mit Grüßen
                                     Jakob K.,

Bäckermeister.«

»Das ist schön von ihm,« dachte oder sagte der Simerl zu sich, »daß er mich zu seinem Kalbskopf einladet. Aber um elf Uhr, und jetzt ist's schon zwölf! Du verfluchte Post! Ob er mir's nicht zu Fleiß tut, dieser fikraments Postschreiber, dieser neue, der mir jetzt auch schon den Tabak wegnehmen will, und gar anhebt die Leut' zu rasieren, mir zu Trutz ihnen das letzte Haar auskratzt mit Putz und Stingel, daß gar keins mehr wachst, und ich verdursten kann, wie ein Schwamm auf dem Ofen; zu Fleiß, daß er mir meine Briefe alle verspätet zuschickt. Keinen rostigen Pfennig verwett' ich, er unterschlagt mir auch welche. Dem tu' ich noch was an! Vorderhand soll er's jetzt erfahren, wie's taugt, wenn man gefoppt wird. Einen Narren muß er mir machen, und giften muß er sich heut', und ausgelacht muß er werden vom ganzen Dorf. Ich tu' ihm's an, ich bin nicht so dumm!«

Drauf setzte er sich hin und schrieb an den Postbeamten folgende Zeilen:

»Lieber Postschreiber!

Bei uns ist gemetzgert worden. Erweisen mir die Ehr' und kommen heut' mittags um 1 Uhr zu mir zum Kalbskopf.

Mit Grüßen
                                    Jakob K.,

Bäckermeister.«

Vor dem Fenster ging gerade ein Söhnlein des Bäckermeisters vorüber, das rief er an: »Du Bübel! Du gehst ja an der Post vorbei. Gelt, du bist so gut und gibst mir den Brief geschwind dem Postschreiber hinein. Da hast einen Kreuzer, der gehört dein.«

Das Knäblein lief mit dem Briefchen zum Postbeamten. Der Tabaksimerl lachte sich in die Faust.

Und als es eins geschlagen hatte, ging er hin und schlich um das Haus des Bäckers Jakob und lugte durch das Fenster, wie dumm der Postschreiber dastehen werde, wenn er zum Kalbskopf erscheine und hören müsse, der Kalbskopf sei schon vor zwei Stunden verspeist worden, auch wäre der Postschreiber gar nicht dazu geladen gewesen.

Aber als der Simerl durchs Fenster guckte, da sah er, wie der Bäcker Jakob und der Postbeamte in heiterster Laune beim Kalbskopf und beim Weine saßen.

»'s ist einmal gedeckt für einen zweiten,« lachte der Bäckermeister, »und ist's der eine nicht, so ist's der andere. Und will ich's aufrichtig sagen: Sie, Herr Postmeister, sind mir lieber als wie der alte besoffene Griesgram. Aber, wissen Sie was, machen wir Bruderschaft: sollst leben!« Lustig stießen sie an, und der Simerl zog mit langer Nase ab. Er konnte sich das Ding nicht zurechtlegen. Noch einmal las er seine Einladung zum Kalbskopf, und nun klärte sich's auf. Da stand's ja schwarz auf weiß, genau, wie er's selbst dem Postschreiber geschrieben hatte: »Erweis' mir die Ehr' und komm' heute mittags um 1 Uhr –«

Wie der Irrtum möglich war? Der Tabaksimerl hatte in seinem Dusel den Einser doppelt gelesen.

Diesen Kalbskopf vergißt er nimmer, man könnte sagen: er liegt ihm im Magen, trotzdem, oder eben, weil ihn ein anderer speiste; oder hätte der Simerl nicht eher das Gefühl, als wie wenn ihm das Ding auf den Schultern säße?

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