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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Zu Abelsberg beim Spielchen.

Sollte es zwar nicht erzählen, denn ich hab's nicht gesehen. Sie schlossen sich dabei ein – der Herr Pfarrer von Abelsberg und sein Bruder, der Hochbergreichhofer. In der Oberstube saßen sie und ließen sich's gut geschehen und spielten Karten. Aber nicht etwa ein verbotenes Spiel! – i bewahre – beim Pfarrer! »Brandeln«, »Zwicken«, ein wenig »Mauscheln« mitunter, das war der Zeitvertreib.

»Na, ich dank' schön für einen solchen Zeitvertreib!« sagt zwar der Hochbergreichhofer, kommt aber nichtsdestoweniger jeden Sonntag von seinem Berg herab, läßt sich zur Jause laden, versitzt den ganzen Nachmittag bei seinem Herrn Bruder und verspielt jedesmal sein ganzes Geld.

Hingegen muß er stets auf dem Ehrenplatz sitzen, an der Wand auf weicher Lederbank, während der Pfarrer ihm gegenüber mit dem Holzstuhl fürlieb nimmt. Und hernachen – wie schon angedeutet worden – ganz abgeschlossen waren sie doch nicht von der Welt. Die Häuserin durfte in die Oberstube – und das lohnt sich im Pfarrhof immer, denn mit leeren Händen erscheint sie selten. Sie ist ja Herrin der Küche und über alles, was dazu gehört, und an ihrem Schürzenband hängen die Kellerschlüssel. Was also den alten Wein anbelangt – er war ein Jahrgänger mit dem Hochbergreichhofer, der in dem gesegneten Vierunddreißigerjahr zu dieser Welt gekommen war – und was die gut geräucherten Schinken betrifft und den Gugelhupf und den Kaffee, und dann den wohlgetrockneten Knaster, den sie aus langen Pfeifen rauchten, so konnte der brave Hochbergreichhofer das Sonntagsspielchen bei seinem Herrn Bruder nimmer missen. Mit Speis' und Trank suchte er sich, so gut es ging, zu entschädigen für die Zwanziger, die aus seinem weltlichen, hundsledernen Geldbeutel allzu frommen Sinnes dem geistlichen Herrn zusprangen. Der Hochbergreichhofer hatte doch das Kartenspielen von Jugend auf getrieben und war nicht arg dabei zu Schaden gekommen. Aber im Pfarrhofe versagte ihm das Glück.

Trotzdem ging er jeden Sonn- und Feiertag zum Nachmittagssegen und machte nach demselben den kleinen Besuch beim Herrn Bruder, den er erst spät abends häufig mit etwas verrücktem Schwerpunkte verließ.

»Grüß' dich, grüß' dich, Bruder!« empfing ihn stets der Pfarrer, »setz' dich doch auf deinen Platz.«

»Aber immer auf dem Polstersitz, nein, Bruder, das geht doch nicht; der geistlichen Weih' gehört die Ehr' zu!«

»Bitte, du bist der Gast! Nur keine solchen Umstände!«

So oftmals der edle Wettstreit, bis endlich jeder stets wieder auf dem alten Fleck saß bei der Gottesgab und beim Gebetbuch des Teufels, wie der Herr Pfarrer die Spielkartenblätter nannte. Und wenn dann das gut gebratene Schweinerne kam, so schob der Pfarrer Messer und Gabel hin und rief: »Bruder, stich die Sau!« Das tat der Hochbergreichhofer wohl hier in Natur, aber in den Karten vermochte er's selten. Oft genug kam ihm guter Trumpf in die Hand, aber der geistliche Herr spielte mit so schlauer Berechnung, daß der Bauer einmal rief: »Du, Herr Bruder, geistlich Weih' ausgenommen, du hast falsche Karten!«

»Lapp!« lachte der Pfarrer, »das kannst ja anders machen. Nimm fürs nächstemal deine Karten mit.«

»Das ist eine Red'.«

»Aber, was ich dir sagen wollt', Bruder. Am nächsten Sonntag geh' nicht in die Predigt, ich rat' dir's.«

»Ja, hörst, wesweg denn nicht?«

»Weißt, Bruder, nächsten Sonntag ist das Evangeli von dem ungerechten Haushälter, und da muß ich einmal gegen das Kartenspielen predigen. Kunnt dir unangenehm sein.«

Ging der Hochbergreichhofer also nicht in die Predigt; die Leute aber sagten nach derselben: »Scharf ist's niedergangen heut', und seinen Bruder hat er gemeint. Ist er nicht in der Kirch' gewesen, der Hochbergreichhofer?«

Der aber ging wie gewöhnlich zum Nachmittagssegen und hatte richtig sein eigenes Spielkartenbüschel bei sich. Er traute dem Herrn Bruder nicht mehr recht; der hatte beim Spiel auch immer einen so schiefen Blick, sah ihn an und sah doch wieder an ihm vorbei – ein rechter Judasblick, die geistlich' Weih' in Ehr'!

Und als er in die Stube trat, rief der Pfarrer: »Na, grüß' dich, Bruder, setz' dich wieder auf dein Platzl. Hast Karten bei dir?«

Sie spielten mit den Karten des Hochbergreichhofers; der Pfarrer hatte wieder den schielenden Blick, der dem Partner wohl über die Achsel, aber nie ins Auge sehen konnte, und der Bauer verlor, wie immer.

Da kam diesem plötzlich der Zorn: »Was schaust mir denn nicht ins Gesicht, Pfarrer? Hast ein schlechtes Gewissen?«

Zum Glück kam in diesem Augenblick die Häuserin mit dem gebratenen Huhn. Sie war ein noch recht reputierliches Frauenzimmer und allerweil woltern nett angezogen. Heute hatte sie gar eine Pfingstrose im Haar, tat einen Blick über den Hochbergreichhofer hin an die Wand und ordnete die Rose.

Was denn da ist, an der Wand? dachte der Bauer, wendete sich und sah – den Spiegel.

Die Faust mit dem Kartenfächer fest auf den Tisch gepreßt, erhob er sich langsam – starrte in den Spiegel, in welchem sein ganzes Kartenspiel offen lag – starrte dem Pfarrer ins Angesicht und murmelte: »Jetzt, Herr Bruder, jetzt bin ich gescheit. Ja, hörst, wenn du einen Kameraden hast, der mir in die Karten schaut, nachher – nachher glaub' ich's gern!«

Der geistliche Herr tat einen schreckhaft lauten Lacher. »Endlich!« rief er, »endlich einmal! Na, Zeit ist es, daß du gescheit worden bist. Tu' dich nicht giften, Bruder, laß uns jetzt essen und trinken, heut' wird es das letztemal sein, daß du die Jause zahlst.«

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