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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Der Bürgermeister von Abelsberg.

Das Jagdrecht ist eine prächtige Sache; aber ich kenne viele Grundbesitzer und Gemeinden, die es nicht ausüben. Es leite die Jagdlustigen von der Berufsarbeit – ab – sagen sie – es verführe die Jugend zum Müßiggang, und die kostspielige Passion wäre nicht mehr aus dem Kopfe zu bringen; es verlocke zu Diebstählen, und es koste manchem ungeschickten Schützen seine gesunden Glieder oder die eines anderen. Und schließlich ginge bei willkürlicher Selbstbenützung der ganze Wildstand zugrunde. Sie verpachten daher das Revier und zahlen mit dem Pachtschilling ihre Steuern.

Die Abelsberger denken nicht so; sie sind viel zu gescheit. Die Abelsberger haben in ihren Wäldern gejagt, solange noch das Pulver nicht hätte knallen sollen; und sie sollten es jetzt unterlassen, da es krachen darf? Nein. Die Abelsberger üben das Jagdrecht selber aus. Es gibt kein höheres Fest, als wenn sie Jagdtag haben; da setzt's Hallodria, Räusche, Abenteuer, kurz alles mögliche, nur kein Wildbret. Das Wildbret haben die Wildschützen in Sicherheit gebracht.

Ach, die Wildschützen, die sind eine Landplage für die guten Abelsberger. Der Burgermeister also und sein Bursche mögen noch so streng sein – es hilft nichts. Und wollten sie die Wilddiebe alle einsperren, so – – wären in Abelsberg leicht die bravsten Leute die längste Zeit auf Viehhandel aus oder auf Kornkauf oder auf Wallfahrten oder auf sonst was; und so – munkelt man – könnte es sich zutragen, daß eines Tages die Kinder keine Schule hätten und daß zum Sonntag der Gottesdienst ausbliebe, weil – der Herr Pfarrer verreist ist.

's ist eine böse Sach', und der Burgermeister, ein Ehrenmann über und über, bricht in Fluchen aus, wenn eine Gesellschaftsjagd schlecht abschneidet, und der ganze Gemeinderat flucht mit, daß, von den Flüchen mehr erschreckt als von den Schüssen, allenfalls ein allerletztes Häslein noch eilig über die Grenze setzt.

Jagdaufseher war der Gemeindediener, aber der Gemeindediener war nicht mehr sehr gut zu Fuß, denn im rechten Bein hatte er die Gicht, und das linke war ihm vor Jahren in Böhmen angeschossen worden. – So war's voreh'; dann ist's anders geworden.

Es war weise vom Burgermeister, als er eines Tages im Rate folgendermaßen das Wort ergriff: »Daß ich sag', nach meinem Versteh'n: Die Jagd, verpachten tun wir's nit; denn wegen warum? Unsere Buben werden Soldaten, die müssen das Schießen lernen!« Patriotisch war er immer, der Abelsberger Vorstand; und dann fuhr er fort: »Aber das sag' ich, nach meinem Versteh'n, einen schärferen Jagdwachter müssen wir haben. Ich rat', wir lassen einen Militärsmann kommen, einen Ausgedienten; so einer ist respektabel und kann laufen. Die Gemeindedienerei betreibt er uns auch; so einer ist pünktlich und kostet nicht viel. Ich sag', wir machen Ja darüber.«

Sie machten Ja darüber.

Etliche Tage nachher trat der Soldatenschorsch das Amt an. Er war ein Veteran, kernfrisch und baumstark und feinschneidig, schleppte einen langen klirrenden Säbel – Gemeindegut – und trug einen wuchtigen Schnurrbart, der keck aufgespitzt war, wenn sich der Mann in guter Laune befand, der aber schauderlich zerzaust sich über die Backen hinaussträubte, wenn der Mann wild war; und wenn er ins Fluchen geriet, da standen selbst den Abelsbergern die Haare gegen Himmel. Das war nun der neue Gemeindediener und der »Jagdwachter«.

»Daß Er's weiß, Schorsch,« redete ihn der Bürgermeister bald nach der Aufnahme an, »wenn Er seine Sach' in Ordnung hält, so kommen wir gut miteinander aus. Wird sich bei mir nit zu beklagen haben. Einmal hat Er die Kanzlei reinzuhalten; unter dem verwichenen Diener ist meine Stube da fortweg ein Schweinstall gewesen. Weiters hat Er die Gemeindeschriften zu vertragen. Um Mitternacht, wenn Sperrstunde ist, muß Er von Wirtshaus zu Wirtshaus gehen. Ist wo ein Raufhandel, so muß Er dabei sein. Die freie Zeit muß Er im Wald umgehen, und das mag Er sich hinter die Ohren schreiben: wenn ein Stück Wildbret fehlt, so wird Er darum hergenommen. Wenn Er einen Wildschützen sieht, einfangen! Und ist's wer immer, hört Er, Schorsch, ohne Pardon einfangen und in den Arrest treiben. Verstanden?«

Der Schorsch legte seine Hand an das Ohr, dann schritt er kerzengerade und mit rasselndem Säbel davon.

Versah sein Amt gut, der neue Gemeindediener. Er reinigte die Kanzlei, daß sie blank wie eine Wachtstube war; er »vertrug« die Schriften, anfangs freilich einigemal ganz buchstäblich; zur Sperrstunde ging er in die Wirtshäuser, wo ihn sogar mehrmals der Burgermeister einlud, an seinem Tische Platz zu nehmen, und bei jedem »Raufen« war der Schorsch dabei. Bei solcher Pflichttreue verfehlte der leutselige Vorstand nicht, seinem braven Diener mitunter einen freien Tag zu gönnen, an welchem er sich nach Wunsch und Wahl gütlich tun konnte.

An einem solchen Tage im Herbste war es auch, daß der Schorsch, nachdem er sich vom Dienste losgemeldet hatte, mit der Kommißpfeife zwischen den Zähnen, gelassen in den Wald hinaus schlenderte. Er ließ sich gehen, und wenn er aus dem Tiegel schmauchte, so wichen ihm vor den Häusern auch die Bauern nicht aus. Wenn der Mann sonst aber im Soldatenschritt einher marschierte, die Zähne aufeinanderbiß und mit den Augen dreinstach, da hatte er gefährliche Steuerbogen in der Tasche.

Heute hatte er den Schnapsplutzer drin, und damit strich er in den Wald hinaus. – Wenn ich einen Hirsch sehe, dachte er bei sich, so macht mir das Spaß, und sehe ich einen Wilddieb, so bin ich auch heute der Diener meines Herrn.

So stieg er immer weiter durch die Wälder hinan und in die Wildnis hinein. Und als er gegen eine Felswand kam, an der wilder Efeu emporrankte, fand der Schorsch die Wand so romantisch, daß er sich in ihrem Schatten niederließ und seinen Plutzer entkorkte. – Es wäre ein anmutiges Stündchen geworden, da hörte er plötzlich einen Schuß.

Sofort war der Soldat auf den Beinen. Den Säbel hob er empor, daß er nicht klappere im Gestein und Gewurzel, und so schlich er der Richtung zu, in welcher der Schuß gefallen war.

Nach einigem Suchen fand er was. Im Waldesdunkel kauerte ein Mann und weidete einen erschossenen Rehbock aus. – Wie? Ist denn heute Jagdtag? fragte sich der Schorsch. Kreuzbomben und Mordsstern, heute ist nicht Jagdtag. Da ist's jedem verboten, der Herr Burgermeister hat es strenge gesetzt. Halt, Kerlchen, wir zwei werden näher bekannt. – Aber was ist denn das? Das ist ja der Herr Burgermeister! – Tut nichts, mein Herr! Wer wildert, ist ein Wilddieb. Was er sonst noch ist, ist mir alles eins. Das Schießen ist jetzt nicht erlaubt. Und tat er's redlich, so brauchte er das Gewehr nicht zu zerlegen, das dort stückweis im Busche steckt. Ah, mein Herr, desweg hast du heute den Wildwächter beurlaubt! Nun, wollen anfangen. – Wenn's aber der Bürgermeister selber ist! warnte eine innere Stimme. – Halt! flüsterte der Schorsch, und stemmte seinen Zeigefinger mitten auf die Stirne hin. Hat er mir nicht selber eingeschärft, der Ertappte sei wer immer: einfangen! – Des höllischen Satans will ich sein, wenn das nicht eine Falle für mich sein soll. Er hat mich abgespäht und will versuchen, ob ich ein treuer, unbestechlicher Kerl bin. Nicht aufsitzen, Schorschl! Fein angespielt! Nur nicht aufsitzen!

Etliche Sekunden später schlug der Gemeindediener dem eifrig fleischernden Vorsteher keck die flache Hand auf die Achsel: »He da!«

Fast kollerte der Wilderer vor jähem Schreck über und über.

»Aufstehen!« kommandierte der Soldat, »wir gehen mitsammen.«

»Aber Schorsch, aber Schorschl!« lachte der Ertappte, »es ist ja – es war ja –«

»Rehbock über die Achsel! Flink!« rief der Diener mit schneidiger Stimme.

»Na, so tu' Er – hi, hi – – tu' Er doch die Augen auf, Schorschl!«

»Ich mach' keinen Unterschied.«

»Aber – Er sieht's ja, hi, hi –«

»Im Namen des Gesetzes arretiert!«

»Aber so mach' Er keine Dummheiten, Schorsch!«

»Marsch!«

»Hör' Er! Das verbitte ich mir!«

»Ich brauche Gewalt!« knirschte der Wildwächter und griff an den Säbel. Aus seinen Augen funkelte gemachter Zorn, unter seinem zerfetzten Schnurrbart wirbelten die haarsträubendsten Flüche hervor.

Im Kabinett, in der Kanzlei ist der Gescheitere Herr; im Walde ist's der Stärkere. Höhergestellte Personen lassen sich bisweilen erbitten, aber ein so alter Soldatenkerl ist nicht zu bestechen. Die Feder sträubt sich, es zu schreiben, daß der Herr Bürgermeister von Abelsberg als eingefangener Wilddieb mit dem Gemeindediener Schorsch gehen und den Rehbock selbst auf dem Rücken mitschleppen mußte.

Der Vorstand machte mehrmals unterwegs Versuche, sich aus dem Arg zu ziehen. Mit dem Ausreißen und Fliehen war's ein für allemal nichts, denn der schwere Bock war ihm so fest auf den Buckel geschnallt, daß der solcher Strapazen ungewohnte Mann froh sein mußte, wenn ihn das Tier nicht zu Boden ritt. Mit Drohungen richtete er nichts aus; dabei blieb der Schorsch ganz gleichmütig; ist's eine Falle für mich, dachte er, so darf ich nicht eingehen, und ist der Herr Vorstand ein wahrhaftiger Dieb, so muß ich ihn stellen. Da versuchte es der Arretierte mit Versprechungen; hundert Stück feine Zigarren fürs erste; eine goldene Sackuhr fürs zweite; und endlich, da sie dem schönen Abelsberg immer näher kamen, – erzählt die Chronik – seine älteste Tochter fürs dritte. Die Folge davon war, daß der Soldat in Wut ausbrach und mit geballter Faust dem Rehbock einen solch derben Schlag versetzte, daß der Burgermeister darunter taumelte.

Und als sie endlich zur Linde kamen, wo die ersten Häuser von Abelsberg anheben, blieb der Vorstand stehen, klopfte mit steifem Arm dem Gemeindediener auf die Achsel und lächelte: »Brav, Schorschl! Er hat die Prüfung glänzend bestanden, Er ist ein wackerer Mann; Er ist bei uns sein Lebtag lang versorgt.«

»Wohl,« schmunzelte der Soldat, »'s hat aber auch Müh' gekostet, und deswegen möchte ich Zeugenschaft haben, daß die Sach' pflichtgetreu ausgeführt worden ist.«

»Das werde ich Ihm gern bestätigen und die Abelsberger wissen ja vom Jux; aber die Schulkinder dürfen uns so nicht sehen, des Respektes wegen, versteht Er?«

»Mit Verlaub!« sagte der Schorsch gemessen, »die Schulkinder sollen es wissen, daß in Abelsberg auch der Burgermeister eingesperrt wird, wenn er stiehlt. – Marsch!«

Mitten durch den Marktplatz trieb er den Vorstand dem Gemeindehause zu. Bald waren sie umrungen von lachendem Volke. Einige Gemeinderäte eilten herbei; vor diesen salutierte der Schorsch:

»Vermelde gehorsamst, daß ich hier einen Wilddieb eingebracht habe!«

Bei der Sitzung sahen sich die Väter der Gemeinde mit großen Augen an und murmelten: »Ei schau, der Kerl ist gefährlich!« Dann laut: »Der Soldatenschorsch ist ein prächtiger Kerl, den müssen wir wo rekommandieren. Abelsberg ist für ihn nichts.«

Und am nächsten Tage ist der Rehbock verzehrt worden im Festsaale des Gemeindehauses. Noch lange werden die Abelsberger von ihrem Burgermeister sprechen, »der sich herabgelassen, auf eigene Rechnung und Gefahr die Rechtschaffenheit eines Jagdwachters zu erproben«.

Der Burgermeister ist mit solcher Lösung zufrieden.

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