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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 45
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Einer der nach Abelsberg geht.

Mitgeteilt von einem guten Freund aus Ober-Abelsberg.

Und den Esel meinem lieben Bruder Stephan! So hatte er noch gesagt und dann war er gestorben.

Einen Tag später erhielt ich die Nachricht vom Tode des älteren Bruders, am zweiten Tage war ich als ein Hauptleidtragender unter den Erben beim Leichenbegängnisse und am dritten Tage nahm ich sein teures Vermächtnis in Empfang – den stattlichen mausfarbigen Esel. So rührend war es, daß der Bruder mit dem Esel an mich gedacht hatte und ich faßte den Entschluß, solches Andenken an ihn heilig zu halten.

»Jetzt, mein lieber Grauer, jetzt gehören wir zwei zusammen,« sagte ich zum freundlichen Tiere und legte ihm den Strick um den Hals, was es, die Ohren spitzend, ruhig geschehen ließ. Und dann machten wir uns auf den Weg nach Ober-Abelsberg, wo ich daheim bin. Ein sechs Stunden langer Weg – schier zuviel Ehre für das kleine Örtel. Und was wird der Esel sagen, wenn er nach so vielen Umständlichkeiten nur eine elendliche Hütte findet! Freilich ein schlechtes Haus, aber einen guten Herrn! Schon im ersten Augenblicke hatte ich das Tier lieb und die Zuneigung wuchs von Schritt zu Schritt, die wir selbander wegshin trabten.

Als wir aber zur Flußbrücke vom Tadelbach kamen, da blieb der Esel stehen und schüttelte sein ehrwürdiges Haupt. Ich tat anfangs, als verstünde ich das nicht, aber er schüttelte es zum zweitenmal und das bedeutete: Nein, mein Lieber, da gehe ich nicht hinüber! – Ich ging voraus und zerrte am Strick, mußte aber doch zu wenig Anziehungskraft für ihn haben, denn er stemmte die Vorderfüße ein und stand fest. –

Ein Schock Schulkinder kam des Weges, die Kinder stellten sich um uns herum und waren sehr lustig über das anziehende Schauspiel, das ich ihnen bot und über die strenge Zurückhaltung, die der Esel sich auferlegte. Ich schämte mich so viel, daß ich mit der linken Hand mein Gesicht verdeckte, während die Rechte den Strick hielt. Die Kinder neckten ihn mit Rutenzweigen, da schlug er die Hinterfüße aus und hierauf lachten sie noch mehr. Endlich kamen drei Holzknechte des Weges, die eben in den Wald gingen.

»Wenn du deinen Kameraden über die Brücken haben willst, so mußt ihn hinübertragen,« sagte einer der Männer. »Will er nicht gehen, so geht er nicht, ein ordentlicher Esel läßt sich zu nichts zwingen.«

Was ich mich da geniert hab', daß der Eselbesitzer sich so über den Esel muß belehren lassen von stockfremden Leuten – es ist nicht zu sagen. Ich steckte mein Gesicht nur so zwischen die Achseln hinein und brummte: »Wie kunnt ich ihn denn tragen, wo er vier Füße hat und ich nur zwei! Packten sie auch schon an, hoben das Tier an Füßen, Bauch und Kragen in die Höhe und trugen es über die Brücke.

Als der Graue wieder auf festem Erdboden stand, neigte er in würdevoller Selbstgefälligkeit das Haupt und trabte wieder ruhig seine Straße. Die Holzhauer gingen ebenfalls ihres Weges und ich hörte sie noch lachen von weitem.

Der Graue hatte Charakter gezeigt und mir einen gewissen Respekt eingeflößt; allein je näher wir dem Aubache kamen, der wieder auf einer Brücke zu überschreiten war, je eifriger sann ich auf Mittel, den strammen Charakter des Genossen ein wenig zu biegen. Mit Brot und Salz, so ich mit hatte, wurden Bestechungsversuche gemacht, zugleich aber auch eine Exekutionsanstalt gegründet. Ich schnitt eine Birkengerte, streifte das Laub herab und flocht sie zierlich zu einer Rute. Der Esel schaute mir dabei ziemlich gleichgültig zu. Dann nahten wir uns der Aubachbrücke. Da war Einschicht und kein Mensch, der mir das Tier über die Brücke tragen und mich hätte auslachen können. Wollen wir halt einmal sehen, Grauer, wer von uns beiden nachgibt. Ich tat nichts desgleichen und wollte mit ihm nur so forttraben, als ob die Brücke nichts als der gewöhnliche Kiesweg wäre. Zwei Schritte vor ihr blieb er stehen und stand. Das Brot fraß er mir aus der Hand und stand ruhig da; die Gerte bekam er in die Weichen, das erstemal zuckte er ein bißchen, das zweitemal nicht mehr, sondern stand fest angenagelt auf dem Fleck.

»Ja,« fragte ich ihn, »was glaubst du denn? Sollen wir da stehenbleiben selbander, bis die Bäche versiegen?«

Er schüttelte das graue Haupt.

»Nun, mein Lieber, wenn du keinen eigenen Antrieb spürst, zu gehorchen, so sollst du fremden wahrnehmen.« – Hinter ihn stellte ich mich, spuckte mir in die hohlen Hände, wand die Rute und ließ sie mit aller Macht hinpfeifen auf die mausgraue Kreatur. Diese hüpfte zuerst mit den Hinterbeinen auf, dann mit den Vorderfüßen, tat eine Wendung, sprang in den Fluß und watete dann ruhig durch das Wasser hinüber ans andere Ufer. Dort stand sie, die Kreatur, schüttelte von ihrem Leib das Wasser und schaute zu mir herüber – gerade als ob sie sagen wollte: Damit du nicht glaubst, ich fürchte mich vor dem Wasser; du sollst nur wissen, daß ich prinzipiell über keine Brücke gehe!

Ich hinwiederum springe prinzipiell nicht in den Fluß, sondern gehe über die Brücke. Also ging ich hinüber und wir waren zusammen gute Kameraden. Anfangs stapfte der Graue wieder leidlich voran, erhaschte unterwegs manchmal eine Schnauze voll Heidekraut, das am Wege stand, endlich hub er an stehenzubleiben und stehenzubleiben. Mit guten Worten versuchte ich es, begann ihm seine neue Heimat zu schildern, das duftige Heu, das er fressen werde, das weiche Stroh, auf dem er liegen werde; von den Disteln, die am Raine wachsen, sagte ich nichts, weil ich nicht weiß, ob man einen Esel nicht etwa beleidigt, wenn man mit ihm von Disteln spricht. Zwar heißt es, er fresse sie gern, doch ich machte keine Anspielung. Auch den Karren, an den ich ihn spannen, die Säcke, die ich ihm aufladen wollte, wurden verschwiegen, weil ich nicht glaube, daß diese Dinge ein wesentlicher Beweggrund gewesen wären.

Auf die Länge fruchtete auch der brüderliche Zuspruch nichts, das Vieh wurde immer stutziger und war endlich gar nicht mehr von der Stelle zu bringen.

In dieser Not bemerkte mich ein alter Schäfer, der auf der Heide ein Rudel Schafe weidete. Anfangs sah er mir eine Weile zu, dann kam er herbei und sagte: »Schrecklich plagt ihr euch all' zwei. Du kannst dir's nicht anschicken, verstehst den Esel nicht. Der Esel ist ein praktischer Mann, der nicht alleweil so ins Ungewisse fortgehen mag. Er will wissen wofür. Paß einmal auf, ich werde ihm jetzt ein Versprechen machen, das der Graue lieber glauben wird, als deine Redereien. Paß nur auf!«

Ein Bündchen Heu, wie es auf der Au zum Trocknen lag, machte er zusammen, befestigte es an ein Stänglein und band mit dem Stricke das Stänglein so querüber an den Kopf des Esels, daß das Heubündel zwei Spannen lang vor den Augen des Tieres baumelte. Früher als ich, verstand diese Anstalt der Esel. Er hob sofort die Schnauze nach dem Heu, aber in demselben Augenblick ging das Bündel in die Höhe. Tat der Esel ein paar Schritte nach vorwärts, um es zu erlangen, allein das Bündel ließ sich nicht erwischen, schnellte immer weiter und weiter.

»Jetzt wird er schon gehen,« sagte der alte Schäfer und ich sagte zu mir:

Wenn mir das selber eingefallen wäre, ich müßte mich mein Lebtag in Ehren halten. Dem dummen Schäfer konnte es freilich leicht einfallen, der hat immer mit Heu zu tun. Heiß war es geworden, ich zog meinen Rock aus und hing ihn meiner Bequemlichkeit halber auf den Rücken des Grauen. Dem war's ganz einerlei, ihm ging's nur nach dem Heubüschel und diesem eilte er nach, so daß wir schneller vorwärts kamen, als mir selber lieb war. Denn weil dieses verdammte Heu, das immer vor den Augen hin und her baumelte, nicht zu erreichen war, so fing der Esel endlich an zu laufen, sprang bei einer Biegung vom Wege ab und galoppierte über die Heide hin, wie ein tolles Rindvieh.

Ich natürlich ihm nach; wie dem Esel mit dem Heu, ging's mir mit dem Esel, ich sah ihn vor mir und konnte ihn nicht einholen. Schließlich sah ich ihn auch nicht mehr, denn er war ins Gebüsch hineingefahren – und ich stand da ohne Esel und ohne Rock. Ersterer wäre zu ersetzen gewesen – einstweilen durch mich selber – allein im Rucksack war meine Brieftasche und diese konnte so leicht nicht ersetzt werden, denn sie barg all mein Zurückgelegtes, für die Sparkasse Bestimmtes.

Als ich nun so dastand – einsam auf Erden – hub ich an zu fluchen. Ich fluchte gut und scharf, half aber nicht viel oder eigentlich gar nichts. So versuchte ich ein anderes Mittel, um wieder zu meinem Esel zu kommen, ich kroch ins Gebüsch und suchte ihn. Im Strup, so meinte ich, wird er ja hängen, oder im Moor stecken, oder im Brombeerengeschlinge liegen bleiben. Der Strup kam, zerkratzte mir das Gesicht, aber der Esel hing nicht; das Moor kam, ich versank in den Morast bis über die Waden, aber der Esel stak nicht; das Brombeerengeschlinge kam, zerfetzte mir die Hosen, aber der Esel lag nirgends herum. – »In dem Tiere steckt der Satan, anders könnte ich mir's auf natürliche Weise nicht erklären!« Es erklärte sich selbst. In einem Lärchendickicht stand er und fraß behaglich an dem Heubüschel, das hier abgeworfen auf dem Boden lag. Ich habe sofort meinen Rock vom Rücken losgerissen, dann den Strick fest in die Hand gefaßt und folgendermaßen zum Grauen gesprochen: »Lieber Freund, ich sollte dich jetzt eigentlich totschlagen, aber es hilft nichts, deshalb würdest du nicht dümmer und ich nicht klüger. Du bist eine ganz vertrackte Bestie. Ich habe dir's gut gemeint, wollte dich nicht ausnutzen gleich am ersten Tage, habe dir die Ehre erwiesen, neben deiner gemütlich auf der Straße daherzuspazieren. Und du tust mir alles Niederträchtige an. Bei der ersten Brücke hast du mich vor den Leuten zuschanden gemacht, bei der zweiten Brücke hast du mich gefoppt, nachher bist halsstarrig gewesen wie ein Stier, endlich bist mir gar mit Rock und Geld davon gelaufen, wie ein Schelm. Daß es solchergestalt mit unserer Freundschaft aus ist, wirst du einsehen. In diesem Augenblick – das Heu hast du gefressen – trittst du deinen Dienst an. Wir haben noch ein gut Stück Weges, den wirst du für uns beide machen. Wollen doch sehen, wer von uns beiden über ist!«

Und damit schwang ich mich auf den Rücken des Esels, daß er schier einknickte unter meiner Last.

»Also vorwärts, Kreatur!«

Was geschah? Der Esel hub sachte an auszuschreiten, ernst und ruhig trabte er mit mir davon. Auf das Ergebenste ließ er sich leiten, zeigte sich sehr unterrichtet, schaute nicht nach links und nicht nach rechts; er streckte seinen Kragen nach keinem Grasbüschel aus, er blieb nicht stehen und er lief nicht, er trabte ernst und ruhig des Weges. Zu einem Tümpel kamen wir, den ein ausgetretener Mühlbach auf die Straße gegossen, er trug mich gemessen hinüber; zu einer Brücke kamen wir; da setzt's was, dachte ich, aber er zögerte nicht einen Augenblick, trabte ernst und ruhig über die Brücke. In großer Eintracht ging die Strecke von sich, bis wir gegen Abend wohlbehalten nach Ober-Abelsberg kamen.

Heute ist der Graue lange schon tot. Ich werde ihm meine Hochachtung bewahren, wie jedem, von dem man etwas Rechtes gelernt hat. Ich habe von ihm gelernt, daß der Esel ein gutes und nützliches Tier ist, wenn man ihn – als Esel behandelt.

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