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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 43
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Das Abelsberger Altweiberdiner.

Auf dieser Welt gibt es nicht leicht etwas Gefährlicheres, als wenn ein ungebildeter, bislang dürftiger Mensch plötzlich zu Gelde kommt. Wenn einer in den Graben fällt und sich den Fuß bricht, so kann er schlimmstenfalls sein Lebtag lang auf der Krücke gehen müssen, bleibt aber im übrigen ein normaler Mensch. Wenn einer aus dem Kahne ins Wasser stürzt, so wird er entweder gerettet und bald wieder trocken, oder er ertrinkt, was man für das Sterben abrechnen kann, das ihm auch sonst nicht ausgeblieben wäre. Wenn aber ein gewöhnlicher Mensch plötzlich viel Geld kriegt, so kann er ein Narr werden. Denn nicht alle werden durch Geld reich, manche werden durch Geld auch arm. Arm und dumm und manchmal auch noch etwas anderes. Daß sie ihre Arbeitslust verlieren, daß sie dem Hochmute verfallen, ist schlimm, daß sie sich dann aber zu Tode langweilen oder die tollsten Streiche machen, ist schlimmer. Und daß sie manchmal aus braven Leuten sogar zu Lumpe werden, ist am schlimmsten.

Ich kannte eine Kleinhäuslerfamilie: Vater, Mutter, Tochter. Er war Beinwarendrechsler, doch das Geschäft ernährte kaum seinen Mann, geschweige des Mannes Frau und der Frau Tochter. Sie hungerten sich stumpfsinnig dahin, und endlich kündigte ihnen der Eigentümer des Wohnhäuschens die Miete, die sie nicht mehr bezahlen konnten. In dieser bedenklichen Lage gewann der Beindrechsler durch den Anteilschein eines Loses die Summe von sechstausend Gulden. Bravo, blinde Dame Fortuna! Doch gewiß einmal an die rechte Stelle getroffen. – Wir wollen sehen.

Der Mann zahlte sofort den rückständigen Zins, daß sie im Häuschen wohnen bleiben konnten, dann huben die Freuden an! Nein, die Wünsche. Der Frau ein rotes Seidenkleid, der Tochter ein blaues. Dem Manne eine goldene Taschenuhr. Dann ein Rößlein und Wagen für die Kirchfahrt am Sonntage. Auch ein Knecht dazu und ein stattlicher Hund. Der Frau ein großer Wandspiegel, ein Putztisch, eine rote Samthaube mit Pfauenfedern. Der Tochter ein Kleiderschrank mit vergoldeten Leisten. Echte Spitzen, Schuhe aus amerikanischem Leder, ein japanesischer Fächer aus weißer Seide, indische Spezereien und ein Silberkäfig mit einem Papagei. Dem Manne ein Reitsattel, ein Jagdanzug, ein englisches Schußgewehr. Der Frau ein chinesischer Fußteppich, der Tochter ein kostbares Halsgeschmeide; dem Manne ein Kanapee nach Rokokomuster. Und als sie mit diesem und ähnlichem ihr Dasein sehr schön geschmückt hatten, dachten sie daran, daß sie vergessen hätten, sich das Häuschen zu kaufen oder auch nur auf eine Weile die Miete dafür voraus zu bezahlen. Die Frau sagte, das müsse alsogleich geschehen; die Tochter meinte, nicht diese Hütte solle man kaufen, sondern ein hübsches Stadthaus, und der Mann bekannte, er kaufe weder die Hütte noch das Stadthaus, denn er habe kein Geld mehr. – Hernach kam der Eigentümer des Häuschens, wies sie hinaus, und nun stand die Familie mit ihrem Plunder auf der Gasse und hatte kein Obdach. Es war jetzt schlimmer als je – nicht bloß arm, sondern auch lächerlich.

Ob man denn gerade ein Beindrechsler sein muß, um es so und ähnlich zu machen? Ob man nicht auch ein Kaufmann, ein Beamter, ein Gewerbsmann, ein Soldat, ein Baron oder Graf oder dergleichen sein könne, um es geradeso zu treiben? Die Antwort kostet nur einen Pfennig, aber ich bleibe sie schuldig.

Ich erzähle lieber einen anderen Fall, der seltener ist und so spaßhaft und wunderlich, daß man ihn für die Dichtung eines Schelmes halten könnte. Man soll nur nicht vergessen, daß nicht bloß Schälke und Schelme dichten können, sondern auch der Zufall, das Geschick, die Verhältnisse, die mit einem närrischen Menschen manchmal in übermütigster Weise wirtschaften.

Der Mann, von dem hier die Rede sein soll, war in seiner Jugend Holzfäller gewesen, dann war er Holzhändler geworden, zuerst kleiner, dann großer, endlich einer von solchen, die man nicht mehr Händler, sondern Lieferanten nennt. Als er in seinem fünfzigsten Jahre einmal sein Vermögen prüfte, erschrak er baß. Er war Millionär. Sofort gab er alles Geschäftliche auf und fand es hoch an der Zeit, sich an den Genuß zu machen.

Jetzt, das verstand aber der gute Mann nicht. Es gehört eine seine Bildung dazu, ein Vermögen froh und artig genießen zu können. Das plumpe Dreinfahren übersättigt zu rasch. Man muß den Sekt in dünnen Zügen schlürfen, nicht saufen wie der Ochse das Wasser. Manchem Emporkömmling, der reiten will, ist kein Roß hoch genug, so setzt er sich auf den Elefanten.

Um soviel war der Holzhändler klüger als der Beindrechsler, daß er sich vor allem ein Haus kaufte. Und zwar eines in der Stadt Abelsberg. Das erste war, daß er an seinem Palais die Türen und Fensterrahmen vergolden ließ. Zwischen den vergoldeten Fensterrahmen schaute er dann im kirschroten Schlafrock und mit langer Pfeife heraus, lachte wohlwollend oder auch spöttisch auf die Vorbeigehenden nieder; und sah er auf der Gasse eine hübsche Frau vorübergehen, so winkte er ihr in leutseligster Weise mit der Hand Grüße zu, als wäre sie eine alte Bekannte. Zu seinem Geburts- wie auch zu seinem Namenstage gab er große Gastmähler, zu welchen er den Stadthauptmann, den Dompfarrer, den Zeitungsschreiber, den Mauteinnehmer, seinen Schornsteinfeger und seine von ihm oft beschäftigten Dienstmänner einlud. Er warf und goß den Gästen die Himmelsgaben – üppig, üppig waren sie! – nur so vor, führte dabei mit schreiender Stimme das Gespräch, erzählte uralte Schwanke und machte auch selber Witze. Je mehr sie lachten, je mehr gab's Wein, und je feineren. Es war zu gemütlich!

Herr Kragerl, so hieß er, war, so hieß es, ein gutherziger Mann. Er hatte in seinem Hause ein junges, dickes Weibsbild, von dem niemand recht wußte, in welchem Verhältnisse es zu ihm stand. Ein Schwesterkind! versicherte er. Plötzlich aber wollte er dieses Schwesterkind heiraten. Der Pfarrer sagte, das ginge nicht, der zu nahen Blutsverwandtschaft wegen. Ein Schwesterkind! – »Wieso!« fragte Herr Kragerl, »ein Schwesterkind ist es freilich, aber nicht von meiner Schwester, sondern von der Schwester meines Hausmeisters.« Der Pfarrer fand aber noch andere Hindernisse, das Paar zu trauen, es ging nämlich das Gerücht, daß Herr Kragerl schon verheiratet sei. »Verdammt, was geht das ihn an,« hatte Herr Kragerl darauf gesagt, »wenn ich zwei Weiber habe, so ist das ja nur mein Schade!«

Zu Trotz beschloß er nun, die Angelegenheit eigenmächtig zu schlichten. Er veranstaltete im ersten Hotel der Stadt, im Grand-Elegant-Hotel, ein festliches Mahl, bei dem er die Hausgenossin feierlich für seine Frau Gemahlin erklären wollte. Er lud dazu alle Freunde und ihm erreichbaren Honoratioren ein, die Tafel war für vierundzwanzig Personen bestellt. Am vorletzten Tage schickte ihm aber der Bürgermeister und der Stadthauptmann und der Oberrichter eine Absage zu, bedauernd, verhindert zu sein, bei dem Festmahle zu erscheinen. »Auch gut! Sehr gut! Ausgezeichnet!« rief Herr Kragerl tiefbeleidigt, »ich brauche das hochnasige Volk nicht. Sollen alle zu Hause bleiben. Alle! Alle diese hochnasigen Einfaltspinsel!« Und er schickte dem Stadtphysikus und dem pensionierten Obersten Pumberger und dem Stadtschreiber Federler und allen übrigen Herrschaften Absagebriefe: sie könnten zu Hause bleiben, er wolle schon Ersatz finden! – Die so abgelehnten Gäste wußten nicht, wie das gemeint sei, blieben aber sehr gerne zu Hause.

Der Herr Kragerl begab sich in einem unnummerierten Zweispänner zum Besitzer des Grand-Elegant-Hotels und berichtete ihm, daß das Mahl für vierundzwanzig Personen nicht stattfinde; daß der Wirt aber sofort ein viel glänzenderes für achtundvierzig Personen veranstalten solle. Es habe vor einiger Zeit bei der Anwesenheit des Landesfürsten ein Festdiner stattgefunden, geradeso solle der Wirt auch diese Tafel machen. Silberne Löffel, goldene Löffel, kristallene Becher, Tischwäsche mit echten Stickereien, vier zwölfarmige Kandelaber, drei Blumenvasen mit exotischen Gewächsen: Menü nebst anderem nicht zu vergessen der Trüffelpasteten, Fasanen, Nachtigallzungen, der feinsten französischen Weine; vor allem Champagner, unversiegbar viel Champagner. Zum Schluß die pikantesten Käsesorten und echten Mokka! Kurz alles, was rar und nobel, koste es, was es wolle.

Nachdem im Grand-Elegant-Hotel die Festtafel dergestalt angeordnet war, verfügte sich Herr Kragerl in das städtische Armenamt. Dort brachte er seinen Wunsch vor, er bedürfe für den nächsten Tag achtundvierzig alte Weiber. Die häßlichsten, die bissigsten womöglich. Es geschehe ihnen nichts, er stelle sie unversehrt, wie er sie erhalten, wieder zurück, er wolle ihnen nur ein Mittagsbrot zuteil werden lassen.

Zu Ehren seiner Verlobung achtundvierzig Arme speisen – alle Achtung! Die Achtundvierzig wurden bewilligt, lauter Beteilte und Pfründnerinnen aus dem Armenhause.

Sie wurden bestellt für den nächsten Tag in das Grand-Elegant-Hotel um sechs Uhr zum Diner. Einige der Geladenen wußten nicht recht, was das sei, ein Diner, ob sie mit etwas beteilt würden oder ob es eine neue Hunde- und Katzensteuer gebe. Andere wußten, daß es sich um ein Mittagsmahl handle, das ein edler Wohltäter auftischen lasse, aber sie wußten nicht, sei die angegebene Stunde sechs Uhr morgens oder abends gemeint. Eine alte Frau, die einmal in besseren Verhältnissen gelebt hatte, klärte die übrigen darüber auf, daß in vornehmen Kreisen die Leute um zwölf Uhr mittags Morgen hatten, und um sechs Uhr abends Mittag, und um zwölf Uhr nachts Abend, und um sechs Uhr morgens Mitternacht.

Trotzdem sah man an dem festgesetzten Tag schon bald nach zwölf Uhr mittags etliche Weiblein um das Grand-Elegant-Hotel schleichen und spähen, ohngeachtet der Gastgeber bekannt gegeben, er würde die Gäste vor sechs Uhr in ihren Wohnungen mit Wagen abholen lassen.

So kam die Stunde. Der große Festsaal des Grand-Elegant-Hotels war feenhaft beleuchtet. An den drei Kronleuchtern hundert elektrische Flammen, Glühlichter, an vier goldenen Armleuchtern achtzig Wachskerzen, deren Funken in den Eßgedecken hundertfach widerstrahlten. Die Tafel war in Halbrundform und von kunstvoll geschnitzten Sesseln umstanden. In den silbernen Tafelaufsätzen lebendige Palmen, Orchideen und indische Rosen. In mächtigen Kristalltassen auf Goldständern quollen über die schwellenden Früchte: Orangen, Feigen, Mandeln, Trauben.

An den mit Marmor bekleideten Wänden standen starr wie aus Holz geschnitzt, achtundvierzig buntlivrierte Lakaien.

Nun kamen die Wagen angefahren, flinke Diener öffneten den Schlag, griffen galant den alten Damen unter die Arme, um ihnen herauszuhelfen und sie in den Festsaal zu begleiten. So torkelten sie denn hinein, und manche tat einen Pfiff oder stieß ein Kreischen aus, als sie die unerhörte Pracht sah. Die meisten waren in ihrem verschlissenen Anzuge, der in schlappen Falten niederhing. Einzelne hatten auch Hauben mit feuerroten Bändern auf und sonstiges Flitterwerk an der buckligen, verknorpelten Gestalt. Graue stechende Äuglein, scharfe Geiernasen, zahnloser Mund und langes Kinn waren vorwiegend, es gab aber auch gemütliche Stumpfnäschen und runde Rotwängelchen darunter, deren Runzlein schwerer zu zählen wären, wie die Haare auf dem Haupte. Fast jede hatte ein zierliches Handkörbchen bei sich, und etliche trugen mit aller Sorgfalt am Arm oder unter dem Muff ein Hündlein oder ein Kätzlein.

Die Beherzteren traten vor, verneigten sich vor den Lakaien wie vor Heiligenstatuen und begannen dann lüsternen Auges die Schätze der Tafel zu prüfen.

Da erschien die Herrlichkeit. Herr Kragerl, mit dem breiten, hochgeröteten Gesichte verschmitzt lächelnd, trat ein, an seinem Arm das Schwesterkind. Er war in elegantestem Schwarz, nur daß er im Knopfloch eine Rose stecken und am dicken Hals eine großartige zinnoberrote Masche trug. Als er die Handschuhe auszog, sah man die Brillantringe an seinen fleischigen Fingern. »Sie« prangte in lilienhaftestem Weiß. An den nackten Armen aber trug sie so massige Reifen, daß ein harmloses Weiblein erschrak, weil es glaubte, die schöne Frau wäre einer Kerkerfessel entkommen und habe die Ringe noch an sich. Auch am Halse trug sie schwere Ketten von Gold und Perlen, und an den Ohrläppchen hatte sie lange Schellen baumeln, die das hellste Feuer ausblitzten. Das Unangenehmste an dieser Person war den betagten Frauen das Gesicht, denn selbiges war jung und glatt wie das einer Puppe. Die »Braut« schien sehr munter und schnippisch, streckte das Brätzchen sofort nach einem Früchteteller aus und nahm eine Handvoll Knackmandeln, die sie teils in den Sack ihres Herrn Bräutigams steckte und teils über die versammelten Gäste hinwarf.

Herr Kragerl grüßte seine Geladenen mit hoher Grandezza. Auf ein Zeichen von ihm wurden an der Wand die bunten Figuren lebendig, jede bemächtigte sich eines Weibleins, führte es an einen Sessel und schob diesen hinten an. So saßen sie und obenan der Herr Kragerl und seine Braut – wie König und Königin. Das Mahl hub an. Als der Bediente mit dem Lachsbrett zu kursieren begann, griff die erste nach demselben und anstatt sich von dem Tier ein Stückchen herabzuschaufeln, glaubte sie, das ganze Ungetüm gehöre ihr, bis sie von der Nachbarin eines Besseren oder vielmehr eines Schlechteren belehrt wurde. Weil im Fische ein Dolch stak, so erhob sich bei Tische das Gerücht, er sei meuchlings ermordet worden.

Herr Kragerl war in bester Laune und ergötzte sich sowohl an der Gier, mit welcher die armen Leutchen zu essen begannen, als auch an der Ungeschicklichkeit, mit der sie die Dinge handhabten. Er ließ Wein einschenken. Anfangs nippten sie schämig, allmählich versuchten sie kühnere Züge, und endlich tranken sie »nach Durst«. Als das Wildbret und der Fasan kam, steckten etliche einen Bissen um den anderen heimlich unter den Tisch hinab; war auf dem Schoß das Körbchen nicht, so lauerte dort das Hündlein oder das Kätzlein, begierig nach den außerordentlichen Gaben schnappend. Manchmal knurrte eines oder das andere ein wenig, worauf die Eigentümerinnen tödlich erschraken, bis der freundliche Gastherr sie ermunterte, aus ihren Lieblingen kein Geheimnis zu machen; er selbst legte den Arm um seine Braut.

»Verdammt!« sagte er zu dieser, »wenn ich jetzt unsere gespreizten Hochnäsigen herbeiwünschen könnte, daß sie sähen, wie man auf sie pfeift, und daß es bei den alten Weibern gemütlicher zugeht, als bei ihnen.«

Als der Champagner kam, wollten die Diener still aufmachen, aber der Herr Kragerl rief: »Verflucht! Nur fest knallen lassen!«

Da ging's los zu allen Seiten wie in einem Kleingewehrfeuer, daß sich die alten Frauen ihre Ohren zuhielten und kicherten vor Angst und Behagen. Herr Kragerl zog seinen Frack aus, schleuderte ihn hin, und wie er so in flatternden Hemdärmeln war, hob er sein Glas auf und schrie: »Verdammt noch einmal meine Herrschaften! Wir müssen doch anstoßen auf meine Frau Gemahlin! Ich bin nicht abergläubisch, uns werden die alten Weiber nicht Unglück, sondern Glück bedeuten. Gott gib's! Vivat! Hoch!«

»Hoch!« piepsten die einen.

»Hoch! Hoch!« kreischten die anderen.

»Hoch! Hoch! Hoch!« schrien endlich alle aus vollem Halse.

Aber mit den Champagnergläsern konnten sie nicht umgehen, den größten Teil gossen sie sich ins Gesicht, daß er niedertroff am spitzen Kinn, wie bei Tauwetter die Wassertropfen von den Eiszapfen.

»Teufel!« rief der Herr Kragerl, »Bedientenvolk, faules, dummes! Könnt ihr den Wein nicht in die Kübel schütten?«

Die Diener warfen aus den metallenen Eiskübeln das Eis, gossen sie voll Champagner, und diese Gefäße gingen nun in der Runde herum, daß sie alle daraus tranken wie aus dem Kruge das Wasser. Die Hunde und Katzen waren ihren Verstecken längst entsprungen und tummelten sich bereits auf dem Tische um.

»Sakra!« rief der Herr Kragerl, »die Amurln werden auch Durst haben! Sauft! Sauft, bis euch das Fell platzt! Euch gönne ich's! Die Hochnäsigen sind mir viel zu schlecht! He Vivat!« Und er setzte den Tieren einen Kübel Champagner vor.

Die mit fetten Bissen gesättigten Wesen hatten freilich Durst. Sie schnupperten, sie pfusterten, sie leckten, sie tranken, sie soffen, und dann hub ein Miauen und ein Keifen und ein Bellen an und ein Schnattern und Zetern der Weiber, daß es unbeschreiblich ist. Es ist auch unmöglich, die weiteren Vorgänge zu schildern; unter dem Gejohle des edeln Gastgebers fanden Szenen und Ereignisse statt, die alle Bewohner des Hotels zusammenlockten und sogar die Leute von der Gasse herein, unter denen auch etliche Polizeimänner waren, die dem Spuk ein Ende machten.

Die Dinge spitzten sich hierauf so zu, daß Herr Kragerl mit dem Schwesterkinde es für geraten hielt, sein Domizil freiwillig zu ändern. Sein Andenken aber, gipfelnd im Altweiberdiner im Grand-Elegant-Hotel, wird in jener Stadt noch lange bestehen als lehrreiches Beispiel, was gewisse Abelsberger Naturen imstande sind, zu vollführen, wenn sie Geld haben.

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