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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 42
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Das Unterhosenfest zu Abelsberg.

Beim Dichter erschienen zwei Herren in Frack und Glacéhandschuhen.

»Haben die Ehre uns vorzustellen, hier Herr von Taflinger, Gasthofbesitzer. Meine Wenigkeit: Mayer, Kleideretablissement.«

Dichter: Womit kann ich dienen?

Herr Mayer: Wir kommen mit einer sehr großen Bitte. Sind aber der Zuversicht, daß in Anbetracht des schönen und gemeinnützigen Zweckes –. Die Sache ist die: der verehrte Herr Doktor werden sich gewiß daran erinnern, daß in dem nächsten Herbst der hundertste Jahrestag seit der Einführung eines wichtigen, ja, ich sage höchstwichtigen Momentes fällt. Eines Momentes, von dem ich nicht anstehe, zu behaupten, daß mit ihm eine neue Kulturepoche begonnen hat.

Dichter: Ah, Sie meinen das Eisenbahnwesen.

Herr Mayer (etwas kleinlaut): Ne, das Eisenbahnwesen meine ich nicht. Etwas weit Allgemeineres, Einschneidenderes, für das Individuum Wichtigeres ist's, etwas, das sowohl in sanitärer Beziehung, als auch aus Schönheits- und Bequemlichkeitsinteressen, vornehmlich aber aus Wirtschaft- und Wohlanständigkeitsgründen für jedermann von größter Wesentlichkeit ist. – Der Herr Doktor haben es doch schon erraten? Nicht? O, Schäker! Der Herr Doktor tragen ja selber eine am Leibe – vermutlich.

Dichter (kurz): Ich bitte zu sagen, was die Herren wünschen.

Herr Mayer: Nun denn. Im nächsten Herbst jährt es sich das hundertste Mal, seit in hiesiger Gegend die Unterhose eingeführt worden ist. Die Herrenunterhose. Früher hat man nur die eine, äußere, getragen; mein Vater selig konnte sich noch recht gut erinnern, daß –

Dichter: Was geht das mich an?

Herr Mayer (etwas indigniert): O! das geht uns alle an! Es ist Sache der Menschheit. Kleider machen Leute. Und doppelte Kleider – natürlich vervollkommnen den Menschen in doppeltem Grade. Gedenken Sie mit der einem Poeten von Gottes Gnaden zur Verfügung stehenden Phantasie gütigst der Zeitepochen, wo der Mensch noch kein Beinkleid besaß, und die Wichtigkeit des Gesagten wird klar vor Augen treten. Erinnern sich der Herr Doktor der Sansculotten! der französischen Revolution, Gott behüte uns davor! Kurz, wir glauben nicht allein berechtigt, wir glauben es unserer Zeit, unserem Volke schuldig zu sein, dem Grundpfeiler aller Zivilisation und Gesittung, der Hose, ein großes Gedenkfest zu weihen. Es hat sich demnach ein Komitee zusammengetan, um im nächsten Herbst auf unserer Stadtwiese –«

Herr Taflinger: An welche mein Gasthausgarten grenzt –

Herr Mayer: Ein großes Volksfest zu veranstalten. Die Vorarbeiten dazu sind natürlich jetzt schon im Zuge, und somit kommen wir im Namen des Komitees vertrauensvoll an den Herrn Doktor heran mit der recht inständigen Bitte, derselbe möchte uns in seiner gewohnten Liebenswürdigkeit den Festprolog verfassen.

Dichter: Zum Unterhosenfest?

Herr Taflinger: Ganz recht, nennen wir es so. Sehr gut. Das wird ziehen. Ich verspreche mir einen großartigen Erfolg. Auch haben wir den Chefredakteur des »Abelsberger Wochenblattes« in das Festkomitee gewählt, damit wir alle in der Zeitung genannt werden.

Herr Mayer: Ihr Prolog soll sehr günstig rezensiert werden, ich garantiere Ihnen dafür.

Herr Taflinger: Auch ein großes Bankett gibt es, mit Toasten. Vielleicht wollten Herr Doktor so gefällig sein, den Toast auf das Komitee zu übernehmen.

Herr Mayer: In diesem Falle würde ich mir gestatten, meinen Trinkspruch auf unseren gefeierten Dichter auszubringen.

Herr Taflinger: Es kommt alles in die Zeitung. Selbst wenn wir uns, was Gott verhüte, blamieren sollten, in der Zeitung wird Ihnen das so glänzend herausgeputzt werden, daß den Abwesenden die Zähne wässern sollen nach dem Defizit, das wir machen!

Herr Mayer: Spaß apart, es wird ein echtes Volksfest werden. Volksspiele natürlich: Stangenklettern, Kapselschießen, Ringstechen, Nationaltänze in Nationaltrachten und ein Festzug –

Herr Taflinger: Ein Festzug, wertester Doktor, daß Ihnen Hören und Sehen vergehen soll! Die Feuerwehr, die Turner, die Radfahrer in ihrem schmücken Kostüm; der Gesangverein mit einer eigens für das Fest komponierten Weihehymne; der Volapükklub mit allen Weltsprachen und hinterher der Stenographenverein, der mit dem Schreiben nachkommt.

Herr Mayer: Von dem Festzuge werden auch photographische Aufnahmen gemacht!

Herr Taflinger: Und Ihr Festprolog soll auf Velinpapier gedruckt unter dem Volke verteilt werden.

Dichter: Meine Herren, wie stellen Sie sich so ein Festgedicht vor? Soll ich das zweifüßige Beinkleid in fünffüßigen Jamben besingen? Oder dünkt es Ihnen, besonders bei der im Waschen eingehenden Wolle der Jägerhosen, vorteilhafter, den Streckvers anzuwenden?

Herr Mayer: Doktorchen, Sie haben uns nicht verstanden. Die Hose ist Nebensache, wir wollen einfach ein Volksfest haben, damit Fremde kommen, damit Geld unter die Leute kommt, damit wir uns wieder einmal unterhalten in dieser traurigen Zeit. Der Inhalt des Festgedichtes bleibt ganz Ihre Sache. Besingen Sie die Freude, die Lust, den Tanz, das Spiel –

Herr Taflinger: Das Essen und Trinken –

Herr Mayer (schalkhaft): Die hübschen Weiber – Herr Taflinger: Besingen Sie alle sieben Todsünden in Verslein, ha, ha – damit's Gaudium gibt!

Dichter: Wohlan, meine Herren, ich besinge die sieben Todsünden in hübschen Verslein.

Herr Taflinger(sich die Hände reibend): Das wird reizend! Wir sind Ihnen sehr verbunden!

Dichter: Ich werde meine Arbeit rechtzeitig fertig haben. Leben Sie wohl.


Der Dichter nahm sich zusammen. Er wendete seine ganze Grazie auf, suchte seine glühendsten Farben hervor, um das Laster in seinem volle Reize zu besingen. Er besang im Trinken den Durst, die Glut des Weines und so weiter. Er besang im Spiele die Geldfreude, den Gewinn und so weiter. Er besang in der Liebe die Sehnsucht, den Kuß und so weiter. Er besang das Fest, die Fahnen, Triumphbögen, Illuminationen, den Champagner, die Komitees und so weiter. Es ward ein großes, in leidenschaftlicher Herzglut geschmiedetes Zeitgedicht.

Dann schickte es der Dichter ans Festkomitee. Schon am nächsten Tage kam das Gedicht wieder zurück, begleitet von dem folgenden Schreiben:

»Euer Hochwohlgeboren!

Vor allem unseren verbindlichsten Dank für die so prompte Lieferung des Festgedichtes. Was nun aber dessen Inhalt betrifft, so ist zwar der erste Teil ganz reizend und vollkommen zweckentsprechend. In bezug auf die Lösung des Poems hat das Komitee die Arbeit für nicht genügend befunden. Sie haben uns insoferne mißverstanden, als Sie die Freude und Lust zwar auf das reizendste zur Darstellung bringen, allein leider auch die weniger erfreulichen Folgen schildern, welche durchaus nicht geeignet sind, die Feststimmung zu erhöhen. Sie beschreiben z. B. nicht bloß die Süßigkeiten der Liebe, sondern auch das im Leben allerdings nicht zu leugnende, daraus folgende Ungemach. Sie beschreiben nicht bloß das Vergnügen des Gewinnes beim Spiel, sondern weit lebhafter noch die Verzweiflung des Verlierens; Sie beschreiben nicht allein das glänzende Fest, sondern auch das Defizit desselben, und weisen darauf hin, daß man in so ernster Zeit, als die unsere sei, inmitten des Elends so vieler Volksklassen, bei dem drohenden allgemeinen Bankerotte keine glänzenden Feste feiern soll. Sie nennen das einen Tanz ohne Takt. Sie sprechen von Leuten, die in der Verblendung ihrer unersättlichen Eitelkeit keine Ahnung hätten von der Sittenlosigkeit und Schamlosigkeit, die in solchem Treiben liege. Euer Hochwohlgeboren werden selbst einsehen, daß solches nicht die Sprache eines Volksfestes sein kann und daß wir gezwungen sind, für Ihre Bemühung dankend, Ihr sonderbares Festgedicht abzulehnen. Mit dem Ausdruck usw.

Das Festkomitee.

Der Dichter hatte bei Durchlesung dieses Schreibens ein wenig geschmunzelt. Da nun aber das Gedicht doch einmal da war, so wollte er es auch veröffentlicht wissen. Allein das »Abelsberger Wochenblatt« bringe prinzipiell keine Gedichte, hieß es in der Ablehnung. Es hatte dafür auch keinen Raum. Denn die Beschreibung des Festes füllte die Seiten. Da waren aufgezählt alle Fahnen, die aus den Häusern gehangen, alle Namen derer, die sie gefärbt, genäht, in Handel gebracht, aufgehißt hatten; der Weber, der sie gewebt, wurde vergessen, wogegen er schon am nächsten Tage bei der Redaktion Beschwerde führte, bis auch sein Name nachgetragen war. Und es wurde jeder und jede in die Zeitung gedruckt, die gesungen, gepfiffen, gestrampft, gejodelt hatten, auch jeder, der für den Freitisch eine Semmel oder für das Glücksspiel einen blechernen Taschenspiegel gespendet hatte, las sich fettgedruckt in der Zeitung, und als beim Festmahle einer nieste und ein anderer »Zur Genesung!« rief, verbuchte solches das »Abelsberger Wochenblatt« als eine großartige Parteidemonstration.

Damit war der Beweis hergestellt, daß das herrliche Fest in allen seinen Teilen auf das beste gelungen ist und alle Teilnehmer desselben es zu den schönsten Erinnerungen zählen werden.

Der Dichter aber hatte sich von dieser Zeit an in Abelsberg unmöglich gemacht, doch ging er nicht davon, gleich jenem Festkomiteemitgliede, welches vor Entsetzen über das Defizit nach Amerika durchgebrannt war.

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