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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 41
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Der Hauthosenstreit zu Abelsberg.

Herr Oehrichson hat das Wort!« rief der Präsident des Vereines für Konservierung deutscher Kultur in den norischen Alpen.

»Bravo!« schrien viele Stimmen, denn Herr Oehrichson war ein beliebter Redner; was Wunder, er entstammte ja – wie sein Name zeigt – dem großen Volke, welches das Parlament erfunden.

Herr Oehrichson, ein schlanker Mann in tadellosem Salonanzuge und mit echt englischen Kotelettes an den Backen, bestieg ruhig die Rednertribüne, schob ein wenig die Rockärmel zurück, daß man die weißen Manschetten mit den Diamantknöpfen sehen konnte, und begann in schlichter Weise:

»Hochansehnliche Versammlung!

Nach so glänzenden Ausführungen, wie wir sie eben von meinem geehrten Herrn Vorredner gehört haben, noch das Wort zu ergreifen, ist – ich leugne es nicht – ein kühnes Unterfangen. Wenn ich es dennoch tue« – sein Blick ruhte einen Augenblick sinnend auf dem Pult – »so entschuldige mich die hohe Wichtigkeit der Sache, die ich in wenigen Worten anzudeuten und zu vertreten die Ehre haben werde. – Meine Herren! Wir haben bisher einer Seite unseres Volkstums viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, einer sowohl sozial, als auch politisch gleich wichtigen Sache, die ich in die eine Bezeichnung: Hauthosenpolitik zusammenzufassen mir erlauben möchte. (Bravo!) Die Hauthosen, meine Herren, sind in unserer Kleidung der einzige echte Rest altgermanischer Tracht. (Unruhe rechts.) Keine Nation hat es gewagt, die Hauthosen für sich zu annektieren.«

»Sansculotten!« rief eine Stimme aus der Versammlung.

»Es ist das Wort Sansculotten gefallen,« fuhr der Redner ruhig fort, »ich präzisiere mich dahin, daß hier nicht von Hosen aus Menschenhaut, wie sie die Wilden oder Revolutionäre tragen, die Rede sein kann, sondern von Hosen aus Hirsch-, Gems-, Bock- und Schaffellen, wie sie unsere wackeren Älpler tragen. Diese einzig natürliche Bekleidung kräftigt den Körper und gibt ihm jene Elastizität und Schönheit, wie keine andere Hülle es je imstande ist. Ich habe vorhin gesagt: die Hauthose sei sozial und politisch gleich wichtig. Sozial, denn sie fördert die Gewerbe, politisch, denn sie ist – ich möchte sagen – das germanische Glaubensbekenntnis. (Oho! rechts. Wacker! links.) Meine Herren! Wir müssen unserem inneren Drange auch äußerlichen Ausdruck geben. (Bravo!) Ich kann mir unter einem französischen Kostüm ein Mitglied des Vereins für Konservierung deutscher Kultur in den norischen Alpen nicht wohl denken.«

»Selber französisches Kostüm!« rief einer.

»Allerdings,« lächelte Herr Oehrichson in seiner gewinnenden Weise, »allerdings tragen wir alle heute die scheußlichen Pantalons und was drum und dran hängt, und eben dieser Umstand beleuchtet greller, als ich es vermag, das große Versäumnis, dessen sich unser Verein zuschulden kommen ließ. Aber das muß anders werden. Ich beantrage ein Subkomitee zur Einführung der urgermanischen, echt volkstümlichen und alpinen Hautkniehosen.«

Angenommen. Zum Vorsitzenden des Subkomitees wurde Herr Oehrichson gewählt.

Eines der begeistertsten Vereinsmitglieder, Herr Steffel, stets in allem Guten und Neuen voran, ein echter Fortschrittsmann, der niemals öffentlich sprach, hingegen aber stets gewohnt war, ohne Rücksicht auf die Spötteleien oder sonstigen Widerhaarigkeiten seiner Zeitgenossen, das für wahr erkannte Wort anderer zur Tat zu machen – Herr Steffel erschien bei der nächsten Vereinssitzung in Hauthosen. Die Tatsache war um so verdienstlicher, als sie große Mühe gekostet hatte. Aus Billigkeitsgründen hatte er sie bei einem Flickschneider bestellt. Der wagte sich kaum dran, bis der Herr Steffel versicherte: »Sie werden zahlreiche Kunden erhalten, Ihr Geschäft wird großen Aufschwung nehmen, denn die Hauthosen kommen jetzt in die Mode.«

Aber das Gelächter war unbeschreiblich, als Herr Steffel, eine ungegerbte, pelzige und knatternde Schafhauthose am Leibe, in die Versammlung trat.

Herr Oehrichson konnte kaum zu Worte kommen: Gegerbte Hauthosen hätte er gemeint, gewöhnliche Lederhosen, Knielederhosen, wie sie die Oberlandler und Tiroler tragen. Wenn Herr Steffel schon in einer ungegerbten Schaf- oder Ochsenhaut stecken wolle, was bedürfe es da der Rederei und des Schneiders, er stecke ohnehin seit jeher darin und werde sein Lebtag darin stecken bleiben.

Dieser Zwischenfall hatte aber nichts verdorben. Das Komitee war äußerst tätig, und die Knielederhosen kamen sowohl inner-, als auch außerhalb des Vereines bald in Schwung. Schöne, schwarzgefärbte Lederhosen mit weißen, auch grünen Näten und Verzierungen trugen sie, an der Magengegend den reichgeschmückten Deckel, an den Knien die Hirschhornknopfreihen, an der linken Seite die Tasche für das Messerbesteck. Aber die Lederhosen gehören zu jenen Dingen, die nicht sehr schön sind, wenn sie sehr schön sind. Die Lederhosen müssen abgeschabt und abgewetzt aussehen und wenigstens an hervorstehenden Rundungen eine mausgraue Farbe haben. Ursprünglich wurden diese Schönheiten durch die Arbeit und die Zeit erzeugt; weil die Abelsberger jedoch für körperliche Arbeiten keine besondere Vorliebe hatten und beim Zuwarten auf das Altern der Hosen Gefahr liefen, selbst alt zu werden, so mußten angedeutete Vorzüge künstlich erzeugt werden. Kurz, sie wurden erzeugt und die Hauthosen florierten.

Um diese Zeit tagte in Abelsberg die Handschuhmacherinnung. Bei derselben ergriff unter anderen der Vorstand das Wort und sprach zur Versammlung:

»Werte Innungsgenossen! Noch ein ernstes Wort im Namen unseres Handwerkes. Ihr wisset, daß die Hauthosen aufgekommen sind. Wir begrüßten in ihnen eine Hebung unseres Geschäftes. Doch siehe, da kommen die Schneider und arbeiten uns das Fell weg. Die Schneider haben aber nicht das Recht dazu. Das Fell gehört den Handschuhmachern! Wir müssen uns wehren um unser Fell! Wenn wir den Schneidern einmal das Fell überlassen, dann werden sie bei den Hosen nicht bleiben, sie werden auch Handschuhe nähen. Und es werden die Schuster und die Sattler kommen – sie arbeiten ja auch in Leder – und werden Handschuhe nähen, und wir Handschuhmacher können unser Handwerk einsalzen lassen! Ich beantrage eine Resolution gegen die Schneider!«

Einstimmig angenommen.

Am selben Tage tagte zu Abelsberg in der Stadt die Genossenschaft der Kleidermacher. Herr Oehrichson – denn er war Schneidermeister und beschäftigte ein Dutzend Gesellen – nahm das Wort und sprach: »Meine Herren!

Ich glaube nicht unbescheiden zu sein, wenn ich an meine erfolgreichen Bestrebungen erinnere, die Lederhosen in Schwung zu bringen. Ich dachte dabei in erster Linie an die Hebung unseres Geschäftes, das durch Import von Kleidern aus Paris auf das Empfindlichste geschädigt ist. Nun mußten wir aber die sehr bedauerliche Erfahrung machen, daß sich ein fremdes Handwerk, ich meine die Handschuhmacher, über diese Branche hergemacht hat, um den Rahm abzuschöpfen, den wir ihnen gebuttert haben. (Sehr gut!) Meine Herren! Die Hosen gehören uns! Die lassen wir uns weder von den Frauen, noch von den Handschuhmachern nehmen. (Große Heiterkeit.) Wenn sie erst die Hosen hätten, dann würden sie auch die Gilets und Paletots nehmen und unsere ehrwürdige Kleidermacherkunst, die älteste auf Erden, wäre gewesen! Meine Herren! ich beantrage, daß wir vor den Handschuhmachern den Schutz des Gerichtes in Anspruch nehmen.«

Einstimmig angenommen.

Drei Wochen nach diesen Resolutionen war die gerichtliche Tagsatzung. Mittlerweile hatten Schneider wie Handschuhmacher Lederhosen fabriziert, was das Zeug hielt. Die Konkurrenz begann bereits den Preis zu drücken und das beste Geschäft machten die Gerber, denen lediglich nur die Mode des Herrn Steffel gefährlich geworden wäre.

Bei der Gerichtsverhandlung waren die hervorragendsten Vertreter der Schneider-, wie auch der Handschuhmacherzunft anwesend, und beide Parteien salonmäßig herausgeputzt; jede wollte als die bestgebildete scheinen und die andere durch Anstand, Höflichkeit und Würde übertrumpfen. Der Richter fragte nach ihren Beschwerden. Die Schneider sprachen im Sinne der Genossenschaftsrede ihres Herr Oehrichson; die Handschuhmacher erhoben ebenfalls die uns bereits bekannte Beschwerde. Dabei wurden sie allmählich hitzig.

»Wir haben für die Hauthosen ein altes Privileg!« riefen die Handschuhmacher.

»Privilegien sind seit der Gewerbefreiheit gefallen!« sagten die Schneider. »Ihr seid Handschuhmacher und nicht Hosenmacher!«

»Wenn es auf den Namen ankommt,« entgegnete ein Handschuhmacher, »so dürfet ihr nicht einmal Hosen nähen, sondern bloß zuschneiden, denn ihr seid nicht Näher, ihr seid Schneider!«

»Wir sind Kleidermacher« sagte der Schneider, »wir könnten also auch Handschuhe machen, denn auch Handschuhe sind Kleider.«

»Macht ihr Hüte?« fragte der Handschuhmacher giftig, »dürft ihr Schuhe erzeugen? Auch Hut und Stiefel sind Kleider, aber was würden die Huterer und Schuster dazu sagen? Oder die Strumpfwirker, wenn ihr für eure Kunden Strümpfe stricktet?«

»Ihr fanget euch in eurem eigenen Garn,« sagte der schlagfertige Schneider; »wenn der Handschuhmacher Hosen macht, dann darf der Schneider Stiefel, der Schuster Lebkuchen, der Seifensieder Töpfe machen und der Töpfer rasieren! Dann hört alles auf. Ich aber sage, die Hosen gehören dem Schneider und nur dem Schneider allein!«

»Die Hosen sollt ihr haben!« rief der Handschuhmacher, »aber die Haut werdet ihr uns nicht abziehen, das Fell werdet ihr uns nicht nehmen, das gehört einstweilen noch den Handschuhmachern, Gott sei Dank!«

»Ich bitte,« versetzte der Schneider, »wer hat uns den Stoff vorgeschrieben, den wir verarbeiten dürfen? Wir können unsere Hosen aus Tuch und aus Leinwand, aus Seide und aus Leder erzeugen. Und wenn wir sie aus Fließpapier machen, wird uns kein Buchbinder dreinreden, und wenn wir sie aus Blech erzeugen, so wird's dem Klampferer recht sein müssen. – Vor einem Jahre haben uns die Kürschner an den Leib wollen, wir Schneider dürften keine Pelze machen. Na, denen haben wir heimgeleuchtet! Als ob ein Pelz kein Rock wäre! Als ob der Schneider keinen Rock machen dürfte!«

»Die Hosen sind verspielt!« flüsterten die Handschuhmacher zueinander. »Unser beschränkter Titel allein macht's. Als ob wir nicht Fellner oder Häuterer heißen könnten, um aus den Fellen zu erzeugen, was wir wollten!«

»Und wir haben das Recht dazu!« rief der Sprechwart der Handschuhmacher. So wie der Tischler nicht allein Tische, sondern auch Kästen, Bänke, Schränke; der Schlosser nicht bloß Schlösser, sondern auch Maschinen, Hämmer und Gitter; der Wagner nicht allein Wagen, sondern auch Schlitten; der Sattler nicht nur Sättel, sondern auch Kutschen und allerlei Riemenzeug verfertigt, so wird der Handschuhmacher nicht bloß Handschuhe, sondern auch Hosen aus Fellen machen.«

»Es ist so!« stimmten die übrigen Fellner bei.

»Es ist ganz und gar nicht so!« riefen die Schneider.

Jetzt erhob der Richter das Wort.

»Meine Herren!« sagte er, »so werden Sie nie einig werden. Gut, die Schneider machen Hosen und die Fellner Handschuhe. Aber ich sehe hier, daß auch die Schneider Handschuhe an den Händen haben und auch die Handschuhmacher Hosen an den Beinen. Einer kann eben des anderen nicht entraten. Darum Geduld miteinander! Der Handschuhmacher soll machen, was sich aus weichgegerbten Fellen machen läßt, und der Schneider soll aus jedem Stoff Hosen nahen dürfen, der dazu taugt. Das ist meine Meinung, und wem es nicht recht ist, der soll weitergehen.«

Den Schneidern war's nicht recht, daß die Handschuhmacher Weichsellhosen machen durften, sie gingen weiter. Den Fellnern war's nicht recht, daß die Schneider gegerbte Tierhautkleider verfertigen durften, sie wollten weitergehen.

Das Obergericht entschied: Beide sollen machen, was sie machen können, und die Kunden sollen bestellen bei dem, der's am besten macht.

Aus war der Handel. Die Handschuhmacher hatten gesiegt. Aber Herr Oehrichson erklärte bei einer nächsten Sitzung im Vereine für Konservierung deutscher Kultur in den norischen Alpen: Die Hauthosen erwiesen sich nicht als praktisch, sie ließen im Winter zu kalt und im Sommer zu heiß, und Ebenbildern Gottes gezieme es nicht, in Tierhäuten einherzuschreiten. Er beantrage die schlichte, ehrliche Tuchhose, wie stets der wackere Älpler in guter Lodengewandung den Unbilden der Witterung am besten Trotz biete.

Der Antrag stand, die Hauthose fiel, und Friede war in der Stadt zu Abelsberg.

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