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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Der Turmbau zu Abelsberg.

Die Neudorfer hatten an ihrer Pfarrkirche zwei Türme, so wollten die Abelsberger an der ihren auch zwei Türme haben.

Der eine, der schon stand, war recht sauber und schlank und hatte oben eine Kuppel, um welche die Schwalben allerlei Narreteien trieben, und hatte ein Paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuteten, und hatte eine Uhr, »die den Schlaraffen von Abelsberg zulieb' kurzen Tag und lange Nacht machte«, wie Urkunde berichtet. Die Nacht ist den Abelsbergern der eigentliche Tag, da sind sie munter, da sind sie beim Zeug. Ihr »Zeug«, das ist der Schoppen und das Kartenspiel und wieder der Schoppen, und um sechs Uhr abends ist zu solchem Tagwerk der Morgen, und um neun Uhr ist Mittag, und um zwölf Uhr ist Abend und jeder geht gleich am Abend nicht heim, mancher bleibt noch gern ein wenig »in die Nacht hinein«.

So schöne Zeitrechnung macht der Turm mit seinen Glocken und mit seiner Uhr. Darum gibt es Leute zu Abelsberg, die sagen: »Wenn's bei einem Turme schon so schön ist, wie müßt's erst sein, wenn wir zwei Türme hätten!« Andere freilich meinen, das wäre dummes Geschwätz, ein zweiter Turm wäre schon recht, aber von wegen Gottesehr'.

Im Rate saß ein Lästerer, der sagte: »Ich stimme nicht für zwei Türme, jeder Ochs hat zwei Hörner.«

Der mußte auf der Stelle abdanken.

Alle anderen wollten einen zweiten Turm; so stand einer auf und sprach das Wort: »Die Bürger Geld zusammenschießen!«

Der Mann mußte abdanken.

Endlich hielt ein dritter eine Rede und sprach: »Wenn, meine Herren, jeder Ochse zwei Hörner hat, so wird, mein erster Herr Vorredner auch zwei Hörner haben –«

Der Mann wurde mit einem »nichtendenwollenden« Applaus unterbrochen; nach einer längeren Weile erst konnte er fortfahren: »Und wenn, meine Herren, der Turm zur Gottesehr' erbaut werden soll, so kann und darf das doch wohl nicht durch profane Mittel geschehen. Meine Herren! Jeder von uns kann auf die Brust schlagen und sagen: Mein Geld ist sündig! (Bravo!) Ich bediene mich nicht des schärfsten Ausdrucks, wenn ich sage, es wäre Gotteslästerung, aus solchem Stoffe dem Herrn einen Turm zu bauen. (Sehr gut!) Mein Vorschlag ist daher folgender: Die Mittel zum Turmbaue mögen nur durch schlichte, ungebuchte Beiträge frommer Seelen, durch Almosen beschafft werden. Ich stelle den Antrag, daß in der Kirche an jener Seite, wo der zweite Turm sich erheben soll, ein Opferstock aufgestellt werde, in welchen der wohlhabende Mann frommen Sinnes seine Silberlinge, sowie die arme Witwe ihren Pfennig legen mag. Die Verwaltung der Opferkasse darf unbedenklich unserem ehrenwerten Küster Thomas Reckenschlauch übertragen werden.«

Über solche Rede hätten sie den Antragsteller am liebsten alsogleich zum Bürgermeister gemacht. Leider war das dritte Jahr des alten noch nicht um.

Der Opferstock für Spenden zum Bau des zweiten Turmes wurde in der Kirche aufgerichtet; der ehrenwerte Küster Thomas Reckenschlauch wurde zum Kassenwart gemacht – und so war der Same gelegt zum Turme, der sich dereinst neben dem alten erheben sollte, oben mit einer Kuppel, um welche die Schwalben allerlei Narreteien treiben, mit ein paar Glocken, die täglich dreimal zum Essen läuten, mit einer Uhr, die kurzen Tag und lange Nacht macht.

Das Ding keimte. Die arme Witwe kam mit ihrem Pfennig und der reiche Mann kam – auch mit seinem Pfennig. Silberlinge sind zu profan für einen Kirchturm.

Der Küster waltete treu seines Amtes und war – nebstbei gesagt – nicht der Mann, der den Abelsberger in sich verleugnete. Die Kirche hielt er die längste Zeit des kurzen Tages sorgsam geschlossen – stand ja doch der »goldene Hirsch« offen zu jeglicher Stunde. Jener goldene Hirsch, den der wackere Küster einmal in einer sinnigen Rede verherrlicht hatte: »Der Hirsch gemahnt an uns selbst, die wir uns sehnen nach dem Kruge, wie der Hirsch nach der Quelle. Das Goldene an dem Hirschen versinnlicht uns, daß der Wirt zum »goldenen Hirschen« eitel Gold begehrt von seinen Hirschen, denen, während sie im Hirschen sitzen, daheim von den Weibern bisweilen die Geweihe aufgesetzt werden. Darum lebe der Hirsch! Er lebe hoch!«

Der ehrenwerte Küster Thomas Reckenschlauch trug an seinen Geweihen eben nicht schwer – ihm war das Trinken schon lieber, als das Küssen – so trank er und trank wie ein Abelsberger.

Da geschah es eines Abends, oder vielmehr eines Morgens, als es – wie er so schön sagte – »vom Zechen zum Blechen kam«, daß er sein Geldbeutelchen vermißte. Gottswahrhaftig, das lag daheim bei seinem Weibe. Bevor er aber noch den »goldenen Hirschen« um einen Kredit angehen will bis auf morgen – eigentlich nur bis auf heute – bis er nach Hause geht, sich ausschläft und wiederum kommt – entdeckt er in seiner Hosentasche das Opfergeld für den Turmbau, das er tags zuvor erst aus dem Opferstock genommen hatte, wie er es allwöchentlich zu tun pflegt. Das reicht für die Zeche – es bleibt sogar noch etwas übrig.

Was? Übrigbleiben? Nein, das läßt sich ein Abelsberger nicht nachsagen. Was nützt die Turmspitze, wenn der Turm versoffen ist! »He, Wirtshaus! Frisch eingeschenkt, wir bleiben sitzen.«

Und als es Morgen ward und der letzte Knopf vertrunken war – der letzte Knopf vom Turmgeld – da stand der Küster Thomas Reckenschlauch auf. Tat aber nicht gut daran, denn auf der Stelle wollte er wieder umfallen. Indes, es ging und der Weg schräg über den Kirchplatz hin war nicht zu verfehlen. Anfangs allerdings hielt sich der Küster etwas zu sehr rechts, um später ein bißchen zuviel nach links abzuschwenken. Als er mitten auf den Platz kam, blieb er stehen, so gut es ging, und starrte auf den Kirchturm hin und begann zu kichern. – »'s ist richtig,« stammelte er, »das Turmgeld – er steht schon – der zweite. Ach – der Tausend, was das schön ist! Ganz wie in Neudorf! Hi, hi! Zwei Türme auf der Abelsberger Kirchen!«

Und taumelte entzückt nach Hause.

Eine angenehmere und billigere Bauart gibt's nicht. Und nachdem nun der ehrenwerte Küster Reckenschlauch die Entdeckung gemacht hat, wie man in Abelsberg Türme baut, so soll es nicht allzuselten geschehen, daß er sein Geldbeutelchen beim Weibe daheim läßt und zufällig immer nur die Wochenausbeute vom Opferstock im Sack hat – und daß er dann beim Nachhausegehen regelmäßig auf der Kirche den zweiten Turm neben dem ersten stehen sieht.

Und der Küster rät es jedem, der in Abelsberg zwei Türme haben will: »Geh' hin und tu' desgleichen!«

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