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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Ein Abelsberger, der seinen Tod überlebte.

Wie? Ein dreißigjähriger Krieg hätte das ganze deutsche Volk an den Rand des Abgrundes gebracht? Und Joachim, der Zieler zu Abelsberg, führt einen fünfzigjährigen und ist munter wohlauf. Er dreht schon einen Strick, um das halbe Säkulum zu feiern – von anderen die goldene Hochzeit genannt. Mit diesem Strick will er über dem Eingang in ihre Schlafstube eine Tafel anbinden, der Inschrift: »Vivat, holde Braut!« Die Schlachten waren im ersten Vierteljahrhundert geschlagen worden, später, als die feindlichen Lager sich teilten, nahm es der Joachim nicht mehr so ernst und wenn die böse Frau gewaltig ausrückte, mit Worten zuerst, da lachte er – und mit dem Besenstiel zuletzt, da duckte er sich und fügte gemütlich: »Oha, jetzt wärest du mir beinahe mit deinem Besen angekommen.«

Und dann sagte er: »Liebes Weib, wenn ich einmal gestorben bin, so wirst du ein schwarzes Gewand anziehen wollen. Das paßt aber nicht. In meinem Testament wird geschrieben stehen, daß du ein Jahr lang nach meinem Tod in einem weißen Kleid mit rosenroten Bändern umhergehen mußt, wenn du willst meine Erbin sein.«

Da flennte sie kläglich, denn erstens muß man das tun, wenn vom Sterben die Rede ist und zweitens wußte sie doch, daß in ihren Jahren der Witwe schwarz weit besser stehen würde als weiß. Denn sie wird sehr traurig sein – wie kann man denn da ein weißes Kleid tragen mit rosenroten Bändern, dieweilen sie in die Kirche geht, oder im Walde Holz sammelt, wo die Jäger sind. Nein, das tut sie nicht, sie wird sich kleiden wie sie will. Oder soll sie etwa anfangen, den Willen ihres Mannes zu erfüllen, gerade wenn er tot ist?

Aber eine alte Muhme hatte sie und die behauptete, mit einem letzten Willen ließe sich nicht spaßen. Wenn sie die Wirtschaft erben wolle, so müsse sie auch die Bedingung erfüllen, das sei einmal in der ganzen Welt so und dem größten Narren werde der letzte Wille befolgt, wenn eine Erbschaft dran hängt.

»Nein, ich will mich nicht lächerlich machen mit dem weißen Kleid. Dieser Bösewicht! Eine arme verlassene Frau, die so keine andere Freude mehr hat auf der Welt, als das bissel schwarz. Just zufleiß tut er's, daß er mich nach dem Tode noch peinigen kann! Nein, ich trag's nicht, das weiße Kleid! Ich trag's nicht!«

»Aber Närrchen,« sagte die alte Base, »so weit ist es ja noch gar nicht. Vielleicht ändert er's. Und sonst hilfst dir auch leicht. Ich möcht' nur wissen, warum du gerade das weiße Kleid nicht sollst tragen wollen. Er sagt ja nicht, daß du's auswendig mußt tragen. Trag's inwendig!«

Das sah anders aus. Jetzt, wenn's nur schon dran wär'!

»Liebes Weib,« sagte der Joachim dann eines Tages, »du würdest es schon gern sehen, daß ich abkratze. Muß nur noch um ein paar Wochen Nachsicht bitten. Die goldene Hochzeit möcht' ich halt noch gar so gern mit dir begehen. Weil wir halt soviel glücklich miteinander haben gelebt.«

»Geh', hör mir auf und putz' dich nicht!« rief sie aus. »Wo du mir die ganze lange Zeit her das Leben hast sauer gemacht. Und jetzt möchtest dich prahlen mit dem Glück. Na, mach' du deine goldene Hochzeit nur allein, ich tu' nicht mit.«

»Wirst eh recht haben,« antwortete er. »Müssen überhaupt erst sehen, ob wir den Tag erleben.«

»Mir ist's alle Tag' recht,« sagte sie trübselig, und meinte natürlich das Sterben. »Ich hab' genug, will endlich einmal Ruh' haben.«

Es war schwer für ihn, das Lachen zu verhalten. Sie, die seit fünfzig Jahren täglich ihren Stecken vom Zaun brach – sie will Ruh' haben!

»Vielleicht findest sie bald,« sprach er. »So oder so. Nur nicht verzweifeln. Der Herrgott wird dich schon erlösen.«

»Natürlich,« loderte sie auf, »das wär' dir halt recht. Kannst wohl schon nicht erwarten, bis mich der Herrgott zu sich nimmt. Hast dir sicher schon eine andere hergerichtet. Ich unglückliches Weib!« Ihre Finger krümmten sich, er eilte rasch zur Tür hinaus. Dort sagte er für sich: »Wenn eins gescheit ist und das andere dumm – dann geht's.«

Sie hörte es. »Wer ist dumm?«

»Aber, Weibel, wer denn? Das ist doch keine Frage! Ich bin dumm.«

Sie wendete sich ihrer Muhme zu, die am Ofen saß und Garn auf die Spule wand. Gehobenen Kopfes, mit triumphierendem Gesichte schaute sie um sich. Siegerin, wie jeden Tag!

Aber die Woche endete nicht, ohne daß etwas geschah. An jenem Abende waren sie im Zimmer beisammen. Die Muhme spulte Garn, das Eheweib spann und der Joachim saß auf dem Dreifuß und nagelte einen Bergschuh. Es begann schon ein wenig zu dunkeln, der Alte rückte den Dreifuß näher ans Fenster, um an der Ferse noch die letzten Nägel eintreiben zu können. Das geschah aber nicht, der Hammer fiel zu Boden und der Joachim lehnte sich an die Wand zurück.

»Stanzl!« fagte die Muhme leise, »du, Stanzl, schau! Was tut er denn?«

»Ja, allemall« antwortete das Eheweib, »sobald eine Wolke für die Sonne geht, ist's bei dem Feierabend. Man muß ihn einsalzen, daß er nicht zu stinken anhebt vor Faulheit.«

»Wenn's nur nit gar was anderes ist!« sagte die Muhme und stand auf. »Es scheint, Stanzl, du wirst das weiße Kleid anlegen!«

Das Eheweib schob nun das Spinnrad beiseite, eilte zu ihrem Mann und sah, daß er im Sterben war. Er lehnte am Brett, er verzerrte den Mund, die Augen gingen ihm über, in der Kehle gurgelte das Todesröcheln.

Die Muhme zündete rasch die Kerze an – das Sterbelicht, die Ehefrau fuhr mit feuchtem Lappen über sein Gesicht und redete auf ihn ein. Er hörte nichts mehr, die Augen brachen ein.

»Kennst mich denn nicht, Joachim?« rief sie. »Ich bin bei dir! – Ich, dein treues Weib. Hörst du es? Aber, Mann, ums Himmels willen! Wirst mich doch nicht verlassen! Jetzt auf einmal! O heilige Katharina, halt' ihn fest, lass' ihn nicht sterben! Joachim! Willst denn fort von mir? Was hab' ich dir denn getan, du lieber Mann, daß du mich willst verlassen! Sollt's einmal ein Mißverständnis gegeben haben, so mußt verzeihen. Nur ein bissel bleib' noch bei mir und lass mich nicht allein auf der Welt. Schau, du bist ja mein Lieb! Ohne deiner kann ich nicht leben, bist mein Lieb, mein einziges! – Willst denn richtig schon gehen? So nimm mich mit dir, Joachim, mein Joachim! Nimm mich mit! Nur einmal noch schau mich an! Ich bitte dich gar schön, tu' mich nicht verlassen. Es ist ja nur eine Ohnmacht, du wirst mir noch einmal munter! Gelt, Joachim, du wirst mir noch einmal munter! Ich weiß ja nichts, ich kann mir ja nicht helfen.« Laut schrie sie ihm ins Ohr: »Wo ist denn 's Geld aufgehoben? In der Ledertruhen? Im Heu? Sag' doch noch ein Wort! Oder ist's im Schüttkasten? Nur einmal noch komm' zu dir selber. Fünfzig Jahr' bist mir herztreu gewesen und jetzt willst mir keine einzige Stund' mehr schenken! Verlass' mich nicht, mein lieber Mann, tu' mir das nicht an, daß du mir so willst sterben!«

So klagte sie laut und ungestüm, schaute hilfesuchend nach der betenden Muhme, streichelte zärtlich den Joachim. Dieser ließ Hand und Kopf hängen, wachte nicht mehr auf, schaute sie nicht mehr an – war tot.

Als die traute Ehefrau Konstantia endlich dran glauben mußte, hat sie ein bissel geflennt. Dann fuhr sie sich mit dem Ärmling über das Gesicht, trat fest auf den Boden und sagte hart und gelassen: »So, jetzt wär' das auch vorbei, jetzt gibt's zu tun.«

Sofort entwarf sie den Plan. Sie geht ins Dorf zum Pfarrer und läßt läuten. Die Muhme muß zum Bäcker, zum Fleischer, das Totenmahl zu bestellen. Der Tote bleibt liegen auf der Bank, wie er hingesunken ist. – Was zieht man denn gleich an, als Witwe? Das weiße ist ja noch nicht fertig. Aus dem Kasten das bessere Gewand. Trauer? Ist am ersten Tag noch nicht der Brauch. Also das gewöhnliche braune Kleid mit den roten Tupfen. Man soll nicht finden, als wäre sie vorbereitet gewesen. Aber auch zu glatt und nett soll sie sich nicht machen. Der Schreck, der Schmerz muß auch auswendig zu erkennen sein. – Eine Viertelstunde später klappt die Tür zu und der Tote ist im Hause allein.

Wie er es merkt, sie wären fort, hebt er sachte den Kopf und stemmt sich auf den Ellbogen. Dann reibt er sich mit der Hand das Kinn, die Wangen, die Stirn und murmelt: »Teuxel, das ist schwerer, wie ich mir's vorgestellt hab'. Wie sie mir herumgefahren ist im Gesicht mit den nassen Bratzen! – Geweint hat sie wirklich – das hätte ich mir nicht verhofft. Na – ungeschickt gelegt hab' ich mich.« Er saß auf und rieb sich das Bein. »Ganz der Fuß ist mir tot worden.« Dann stieg er aufs Fletz und war erstaunt über das Ereignis, das er nun erlebt oder vielmehr erstorben hatte. Es war finster geworden, aber da brannte ja seine Sterbekerze. Das ist unheimlich, er zündete einen Leuchtspan an und löschte die Kerze aus. Er ging zum Herde, ob er nicht Feuer machen sollte. Daß es heimlicher werde. Auch fröstelte ihn. – Über den Rücken rieselt's so sonderbar – wie Schüttelfrost. Pfui! Und keine Luft ist im Zimmer. Ein Fenster auf. Im Dorfe läuten sie. Was läuten sie denn im Dorf? Daß es so schauerlich sein kann, wenn man im Hause allein ist! – Er will zur Tür hinaus, die zitternden Beine stolpern an der Schwelle, er fällt zusammen. Liegen bleiben darf er nicht, sapperlot, das wär' gefehlt. Am Ende –! Am Ende behält sie auch diesmal wieder recht. – Er erhebt sich, trachtet seinem Bette zu.

Nach einer Stunde kommt die Ehefrau mit den Nachbarinnen. Während sie Licht macht, ruft sie aus: »O meine lieben Leute, seht, da liegt er mir!«

Aber er lag nicht dort, wohin sie zeigte.

»Du erlaubst schon, Stanzl,« redete er aus dem Winkel zwischen schlotternden Zähnen hervor, »ich bin ins Bett gegangen. Da stirbt sich's kamodter.«

Natürlich ein Aufkreischen in der Stube und ein Hinausstieben der Weiber zur Tür.

So hatte Joachim Zeit zum Überlegen, wie er sich nun herauswinden wollte. – Gesehen hatte er die Wirkung seines Todes – das war so eine Art Achtungserfolg gewesen. Weiter pressierte es ihm nicht. Wenn man die Leute zum Narren hält, läßt sich die närrische Welt zur Not ertragen.

Es dauerte hübsch lange, wie sie ihn so allein ließen. Das ertrug sich jetzt recht gut, seine Todesangst hatte sich bei dem Wiedersehen mit seiner Gesponsin wieder in Schelmerei umgewandelt. Und als sie dann erschienen, die Stanzl, die Muhme mit den Nachbarinnen und Nachbarn, und als sie ihm mit dem Span ins Gesicht leuchteten, da reckte er ihr die Hand entgegen: »Weil du gar so fleißig gebetet hast, meine gute Stanzl, daß ich doch noch einmal zurückkommen soll – schau, so bin ich halt wieder da.«

»Um eine glückliche Sterbstund' betet man, alter Tepp!« rief sie und die Sache war wieder auf der altgewohnten Höhe.

Drei Wochen später haben sie die goldene Hochzeit gefeiert, wobei die ganze Gemeinde tief gerührt war, mit Ausnahme des Hochzeitspaares. Sie brummte fortwährend über ihren Mann und tat, als hielte sie ihn zum Schlechtesten. Er aber – hielt sie zum besten.

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