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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 38
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Vom zurückgeläuteten Toten.

Mit aufgeschürztem Vortuch und scharfem Messer stand er im Kreise seiner Zöglinge, und schnitt ihnen der Reihe nach die Köpfe ab. Warf sie in einen Leiterwagen zusammen und die Stengel standen kahl da im Krautgarten. Hinterher kam das Weib und hackte auch die Stengel ab. Die Krautköpfe den Knechten und Dirnen, die Krautstengel den Schweinen, so spielte das traute Paar die Vorsehung für den Winter.

Auf einmal bog sich die krumme Alte geradewärts und horchte.

»Hörst nix, Fockel?« fragte sie ihren Mann.

Der stand auch still, legte die hohle Hand ans Ohr, machte einen kurzen Pfiff und sagte: »Läuten tuns.«

»Was mögen's denn läuten? Im hellen Werktag.«

»Für unsere geköpften Krautgebel 'leicht freilich nit.«

Schaf, du! dachte sie, sagte es aber nicht, denn er war Schultheiß.

Hastete der Halter Nickel am Feldrain heran: »Wißt's es schon? Wißt's es schon?«

»Was denn? Was ist denn geschehen?« Der Halter atemlos: »Läuten tun's!«

»Das hören wir ja, du Popel! Warum läuten sie?«

»'s selb weiß ich selber nit.«

Vom Dorfe her brummte es lange. Dann setzte das Läuten ab und begann wieder.

»Totenschauer läuten! 's hat wieder einer dran glauben müssen,« meinte der Fock und schnitt Köpfe.

Über den Feldweg kam der Feidelbub mit dem Rübenkarren gefahren, der berichtete, gestorben sei jemand.

»Du, Fock, du Schultheißfockl« rief der Halter, »jetzt weiß ich schon, wesweg sie läuten. Gestorben ist wer!«

Kam auch schon der Briefbote gegangen: »Eine Neuigkeit, meine Herren und Damen! Der Silsam ist gestorben!«

Dem Fock fiel das Messer aus der Hand, der Fockin die Hacke. Der reiche, kerngesunde Silsam! Der ehrengeachtete Nachbar Silsam!

»'s Herzschlagel. In der Flachsdörrkammer.«

Na, jetzt wußten sie auch, woran und wo.

»Mich g'freut's nimmer, 's Krautköpfen,« meinte der Schultheiß, »'s ist eh eine Sitzung. Ich geh' zum Michelwirt.«

»Tut's lieber beten!« ermahnte die Fockin.

»Halt deinen Knödelbeißer!« gab der Fock rüde zurück und siffelte davon.

»Ins Wirtshaus, jetzt!« sagte der Halter. »Da tät' ich was Gescheiteres wissen! Tut's beten!« Dann trottete er der Alm zu und freute sich über seine Klugheit, daß er gleich gewußt hatte, gestorben wäre einer und beten sollten sie!

Die anderen eilten ins Dorf. Dort war alles aufgeregt und fast in gehobener Stimmung. Es trägt sich doch so selten was zu in Ober-Abelsberg. Jährlich zwei, drei Leichen, dann ist's aber auch ein Volksfest. Bis auf einen Stiefbruder hatte der Silsam keinen Verwandten gehabt, also tat das Totenklagen niemandem weh, man trank dabei, man munkelte dabei, seufzte ein- ums andere Mal: 's ist schad' um ihn! Wem er's nur vermacht haben wird! – Und im ganzen gab es eine rechte Unterhaltung.

Weil der Silsam ein guter Christ gewesen und sonst auch was, so gab es natürlich ein großes Leichenbegängnis. Der Pfarrer betete am Grabe nicht drei Vaterunser, wie es sonst geschah, sondern sieben, und die Gemeinde half wacker mit, den verstorbenen Mitgenossen ins Himmelreich hineinzubeten. Die drei Glocken läuteten eine ganze Stunde lang, die große brummte in langsamen Schlägen, die mittlere schlug ihre helleren und schnelleren Klänge, und die kleine bimmelte mit hastigen Schiittlein drunter her. Etliche mochten betend sich bei solchem Begängnisse wohl der irdischen Vergänglichkeit erinnert haben, die meisten dachten nichts, als etwa, daß bei diesem Knien auf den Erdschollen die Hosen schmutzig werden.

Als es vorüber war, sagten sie untereinander: »So, das wäre auch vorbei.«

Aber es war nicht vorbei, es fing erst an, und in der alten Chronik ist die unerhörte Geschichte verbucht.

– Als der Silsam bestattet war, erhob sich auf einmal die Mär, der Silsam sei nicht gestorben. Er sei zwar tot, aber nicht gestorben wie andere Leute, er habe sich

– selbst –

Es mußte noch einmal vorzeitig Feierabend gemacht werden in den Gärten, auf den Feldern, und das Wirtshaus war so übervoll, daß der Michelwirt es sogar wagte mit dem abgestandenen Faß Bier, das er schon halb und halb für den Schweinstrog bestimmt gehabt hatte. Der Strick wurde herumgelangt von Tisch zu Tisch, ein schmales Korbband war es eigentlich, mancher versuchte spaßeshalber seine Zähigkeit, »halten tät's es! Gehalten hat's es!«

Des Verstorbenen Bruder, der Berthold, hätte vielleicht alles gewußt, aber er war nicht vorhanden. Der Pfarrer ließ ihn holen aus der Holzknechtkaserne, aber der Berthold wollte nichts sagen. Er hatte schon zuviel gesagt, nachts im Traume: »Bruder, Bruder, warum hast du mir das getan? Müssen alle warten aufs andere Sterben, hättest nit du auch warten können? Was pressiert 's denn so, die Ewigkeit rennt dir nit davon! Wenn's aufkommt, scharren sie dich ein, wie einen Hund. Die Leut' sind Teufel bei so was, und die Schand' kommt auf mich!« So hatte der alte Berthold im Traum geschwätzt in der Kasern', bis er nachher scharf ins Verhör genommen wurde. Na, halt am Strick habe er ihn gefunden, in der Flachskammer. Und warum? Kein Mensch wußte es. Der Silsam war in früherer Zeit immer so heiter gewesen, so angesehen und wohlhabend. Wo muß nun der Teuxel denn gesteckt haben? Der Berthold konnte sich's schon denken, als er in den Truhen Geld suchte und Schuldbriefe fand. Am nächsten Allerheiligentag wird der eine fällig, der große, und der Klotzbauer wird herüberkommen aus dem Galtental und alle Herrlichkeit ausblasen. So ein Schuldbrief ist weniger als nichts. Armut! Mit der wär' am Ende noch fertig zu werden, der Mensch – wenn man's recht nimmt – braucht ja nicht viel, aber der Gläubiger Wut und der Leute Hohn! Das mochte der Silsam bedacht haben, als er vom Felde Rüben heimtrug. Das Korbband wetzte ihm an der Schulter herum; strich ein wenig an den Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich wär' das beste. Versäumen tätest du nichts mehr auf der Welt. Auf dieser dummen Welt! Ich tät' gar nit so weh. Ein bissel anziehen, ein bissel blau vor den Augen, und gut ist's. Einmal ist einer zu früh abgeschnitten worden, der hat gesagt: Ihr verflixten Leut', es wäre so angenehm gewest, es hat just so schön gegruselt über den Buckel hinab. – Probier's mit mir. Taugt's dir nit, kannst dich ja auf die Füß' stellen.« O, dieser höllische Korbstrick! – Und dann hat ihn der Bruder gefunden, auf die Füße gestellt hatte er sich nicht mehr, aber die Zunge hat er der Welt vorgestreckt, wie ein Bub, der jemandem ein boshaftes Schnippchen geschlagen.

Halb hörte solches der Pfarrer aus dem Munde des Beithold, halb dachte er sich 's, und es wäre nur gut, baß es jetzt erst aufgekommen, da der arme Mensch schon mit christlichem Segen in der Erde ruht.

Nun aber standen etliche Bauern zusammen, meldeten sich im Pfarrhof und was jetzt zu machen wäre?

»Was wird zu machen sein,« meinte der Pfarrer, »nichts.«

»Aber das können wir nicht dulden! Auf dem geweihten Kirchhof, wo wir selber einmal liegen sollen, unsere Weiber und Kinder, da können wir keinen Selbstmörder brauchen, 'raus muß er!«

»Ja, Hochwürden Pfarrer, 'raus muß er! Und das heilig Gebet, das wir für ihn gehalten, nehmen wir auch wieder zurück!«

Dem Pfarrer war ungleich. Man solle lieber kein Aufsehen machen, und den armen Silsam ruhig schlafen lassen.

»Kein Aufsehen! Ruhig schlafen, der Gottlose, in geweihter Erden!« schrien die Bauern, »wenn einmal die Geistlinger selber so reden, dann ist's kein Wunder, wenn der Antichrist anruckt!«

Der Pfarrer war ein wenig betroffen, daß seine Pfarrkinder manche Predigt, die im Laufe der Zeit gehalten worden, so ernstgenommen, daß sie so fest waren im »Glauben«. Er konnte sich eigentlich dazu gratulieren, aber eine Stimme in seinem Menschenherzen sagte doch: Knöpfe sind's! Pharisäer sind's!

Er besprach sich mit Fock, dem Schultheiß, was da zu machen wäre.

Der Schultheiß rieb sich am Kinn, es war leidlich glatt rasiert, glotzte tiefsinnig drein, schnalzte mit der Zunge und sagte: »Na!«

Das war aber dem Pfarrer zu wenig.

Und der Schultheiß sprach: »Pfarrer, lassen wir ihn drinnen. Aber das Grab muß er bezahlen, das geweihte, das ihm nicht gebührt. Hundert Taler für die Gemeinde werden nit zuviel sein.«

»Und die Kirche? Soll die schon wieder einmal leer ausgehen?«

»Der Friedhof gehört der Gemeinde, wird von der Gemeinde erhalten, was einkommt, gehört also auch der Gemeinde. Wem's nit recht ist, der soll klagen!« »Du bist und bleibst ein Steinschädel!« sagte der Pfarrer, bestand aber nicht weiter auf seiner kirchlichen Forderung, weil er's insgeheim ja wußte vom Berthold, der Silsam habe nichts hinterlassen.

Am nächsten Tage wußte es freilich auch der Schultheiß.

»Nichts da ist?! Das ist doch ein hautschlechter Kerl gewesen, dieser Silsam. Ohne Umstände heraus mit ihm!« So das würdige Gemeindeoberhaupt, und hieb zornig mit der Faust auf den Tisch.

Da sagte der Pfarrer bescheidentlich: »Wenn nichts da ist, dann soll man ihn erst recht liegen lassen, wo er liegt. Das Exhumieren kostet ja Geld, wer soll's zahlen?« »Die Kirche soll's zahlen!« sagte der Schultheiß, »denn der Kirche wäre es zugestanden, sich vorher zu überzeugen, ob der Tote auch richtig in geweihte Erde gehört oder nit!«

»Mit dir will ich nicht streiten, macht's was 's wollt's,« sagte der Pfarrer und ging davon.

Der Schultheiß zog den Berthold heran, des Verstorbenen Bruder: »Hörst, Mensch, du bist der Bruder, du bist der Erbe. Willst zahlen, daß er liegen bleiben darf?«

»Du Patsch!« gab der Berthold geringschätzig zur Antwort. Sonst sagte er nichts.

»Gut, du wirst zahlen fürs Ausgraben.«

Der Berthold steckte den Daumen zwischen den Zeige- und den langen Finger, bog die letzteren ein, so daß der Daumen hinten hinaus stand, und hielt solche zierliche Figur dem Schultheiß vor. Dieser gab ihm einen Fußtritt zur Tür hinaus, und damit war die Besprechung zu Ende.

Noch an demselben Tage kamen die Schaufler und begannen zu wühlen auf dem Grabe des Silsam. Der Pfarrer war nicht dabei, der ging unruhig in seinem Baumgarten auf und ab und murmelte: »Bestie, dein Name ist Mensch!« – Aber der alte gemütliche Mann war eingeschüchtert, und der Mut, mit dem er in früheren Jahren Glaubenseifer und Fehde gegen andersartige gepredigt hatte, ließ ihn jetzt im Stiche, da es galt, einen abscheulichen Frevel zu verhüten. Auf dem Kirchhof hatte sich das halbe Dorf versammelt, aber nicht, um zu beten. Im Gegenteil, das vorige Begräbnisgebet mußte rückgängig gemacht werden. Der Kirchendiener mit dem käsweißen Gesicht und dem kohlschwarzen Haar kniete während der Exhumierung vor dem großen Kreuze, hob die Hände auf und rief in einem halb singenden Tone: »Himmelgott! Wir haben vor drei Tagen für den Silsam sieben Vaterunser gebetet, tu' sie streichen. Verzeih' uns, daß wir so verblendet gewesen und für einen Selbstmörder gebetet haben, der in die Höllen gehört. – Verzeih' uns die Sünd'!«

»Amen!« sagte die Gemeinde.

Aber der Frieden war damit immer noch nicht ganz in die Gemüter zurückgekehrt. Denn nun fiel dem Klampfererschwend erst das Wichtigste ein: Die Glocken! – Hatten nicht die Kirchenglocken geläutet beim Begräbnis dem Selbstmörder! Die Glocken sind entweiht! Man kann sie zu keinem Gottesdienst mehr brauchen! Das wär' sauber! Bei Hochzeiten Selbstmörderglocken! –Sie müssen umgegossen werden.

Jetzt, das Umgießen war aber nicht nach der Leute Sinn. Ob es die Gemeinde zu bestreiten habe, oder der Pfarrsprengel, zahlen müßten die Leute, und am Ende – so meinten sie – bliebe die Unweihe doch im Erz. Man müsse den Teufel anderswie austreiben. Der Kirchendiener mit dem käsweißen Gesicht und dem kohlschwarzen Haar lehnte am Kreuz, hielt die Arme über der Brust verschränkt und sagte es nur so nebenbei hin: »Wir haben das Gebet zurückgebetet, wir können ja auch die Glocken zurückläuten.«

Wie? – Sie horchten hin. Die Glocken zurückläuten? »Das ist wieder einmal gescheit, Kirchenwaschel!« Die es sagten, tippten mit ihren Fingern auf die Stirn – das war soviel als zurückgelobt.

Der Kirchendiener sagte ganz gelassen: »Man braucht nur die Glockenklöppel umgekehrt einzuhängen, dann läutet's zurück.«

Jetzt spotteten sie nicht mehr. Das war ein Gedanke! Das war ein Mittel. Das beste und das einzige. – Eilends machten sich etliche Bursche, der Klampferer, der Seiler und der Riemer darunter, mit Werkzeug auf den Turm, und nach drei Stunden läuteten die Glocken zurück. Sie klöckelten verdammt schrill, aber das war eben das Passende, und unter ihrem Bimmeln wurde der Sarg des Silsam aus der Grube gehoben. Am Strick schleiften sie die Masse über den Rasen hin, zum Tore hinaus. Der Abdecker leitete die Arbeit. Und draußen hinter der Kirchhofsmauer am Hagebuttenstrauch haben sie die Truhe eingescharrt.

Ein Anrainer wollte Verwahrung einlegen. Wie kam der Fidelveit dazu, bei seinem Acker eine solche Nachbarschaft zu haben?

»Ja, ja, Fidelveit,« neckte der Klampferer, »nachher steigt dir der Silsam durch die Kornhalme herauf und ins Mehl!« »Wie komm' ich dazu!« rief der Fidel dem Schultheiß entgegen.

»Halt dein Lugendorf!« fuhr ihn dieser an, damit war der Protest erledigt.

Aber nicht alles war damit erledigt, es ergaben sich immer noch neue Schwierigkeiten. Der Eckgrubenschuster warf die Frage auf von wegen der Totenzehrung. Nach dem ersten Begräbnis waren die Leute beim Michelwirt zusammengekommen, um für die Seelenruhe des Verstorbenen zu trinken. Diese Seelenruhe mußte jetzt auch zurückgetrunken werden. Nach dem vom Kirchendiener erfundenen Systeme war das gar nicht so schwer. Man setze sich umgekehrt zum Zechtisch, so daß ihm der Rücken zugewendet ist, und trinke. So haben sie sich rings um die Tische gesetzt, sich fest dran mit dem Rücken gestemmt und haben zurückgetrunken fünf Stunden lang.

Und während die Leute im Wirtshause soffen und gröhlten, schlich in der Dunkelheit und auf Umwegen der Pfarrer hinaus bis zum Raine hinter der Kirchhofsmauer. Dort am Hagebuttenstrauche brach er zwei dürre Äste, band sie mit einem Dornzweig kreuzweise zusammen und steckte das Kreuz auf den lockeren Schollenhügel.

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