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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Ein Paar Abelsberger Ochsen.

Der alte Rosensteiner in Ober-Abelsberg war gestorben. Gestorben, bestattet, beklagt und auch gepriesen als ein braver Mann, um den es schade ist, daß er hat sterben müssen. Soweit waren die Förmlichkeiten erfüllt. Die Aushaltsamsten saßen beim Drachenwirt noch beisammen zur Totenzehrung. Die Klagenden aßen so lange, bis sie getröstet wurden, und bei denen das Essen nicht anschlug, die versuchten es mit dem Trinken und genasen der Betrübnis.

Allmählich hatten sich die Leidtragenden verzogen, um des Abends es wieder mit dem Leben zu probieren, nachdem sie den ganzen Tag mit dem Tode umgegangen waren. Nur ihrer drei tapfere Bauern – der Stanger, der Hopf und der Michelmachel – saßen noch beim Kruge, um mit dem verstorbenen Rosensteiner gründlich fertig zu werden. Seinen Lebenslauf, seine Gewohnheiten, seine Wirtschaft, seine Verwandten waren in Kreuz und Krumm durchgearbeitet; nun rieten und stritten sie noch darüber, wie alt der Rosensteiner gewesen, wie vermögend und endlich auch, wieviel Schuh er an Länge gemessen haben mochte. Bei diesem letzteren hielten sie sich am längsten auf, denn zwischen fünf und sechs Schuh gingen die Meinungen Zoll für Zoll auf und nieder.

»Das ist doch leicht festgestellt,« sagte der Hopf, »man darf nur sein Leichbrett messen, und man hat's.«

In jener Gegend herrscht nämlich die Sitte, daß der Tote gleich nach dem Absterben auf ein Brett gelegt wird, das eigens dazu gemacht, genau die Länge der Leiche hat oder diese Länge durch ein Zeichen andeutet. Dann wird das Brett ins Freie gebracht. Nun, so war das Leichbrett, auf dem der Rosensteiner ausgestreckt gelegen, draußen im Schachen hingelegt worden, gerade vor einem hohen, rotangestrichenen Kreuze, das Hexenkreuz genannt, weil an jener Stelle die letzte Hexe verbrannt worden sein soll.

»Du, wahr ist's!« sagte auf Hopfs Vorschlag der Stanger, »messen wir das Leichbrett.«

»Und ich sag's, der Rosensteiner war um einen halben Schuh kürzer als ich!« rief der Michelmachel.

»Darfst dich g'rad einmal aufs Brett legen, nachher wird sich 's zeigen,« riet der Hopf.

»Hau, der sich aufs Leichbrett legen!« lachte der Stanger.

»Ich? Warum denn nicht?« begehrte der Michelmachel auf.

»Kunnt wohl sein, daß dir die Grausbirn' aufstiegen.« »Mir die Grausbirn'? Auf dem Leichbrett? Auf so einem Brett liegt sich's just so gut, wie auf einer anderen Bank.«

»Oder besser!«

»Besser, wie im weichsten Federbett, ich glaub's.«

»Lebendigerweis' schwerlich!«

»Gilt's was, ich leg' mich aufs Leichbrett,« rief der Michelmachel, »heut' noch, wenn ihr wollt, und rauch' drauf meine Pfeife Tabak.«

»Gilt's was, du tust es nicht!« darauf der Hopf.

»Gilt's was, ich tu's!« schrie der andere.

»Was gilt die Wett'?«

Der Stanger und der Hopf stießen sich unter dem Tisch mit den Knien an, da verstanden sie sich. Bei der Feuchtigkeit, die immer noch in reichlichem Maße vorhanden war, gedieh die Wette.

»Machel! Wenn du heut' bei der Nacht von elf bis zwölf Uhr auf dem Rosensteiner seinem Leichbrett liegst, nachher –«

»Was gilt's?«

»Ein Paar Ochsen!«

»Gut ist's,« sagte der Michelmachel und hielt seine Hand hin, »wenn ich heut' um Mitternacht nicht eine ganze Stund' auf dem Rosensteiner seinem Leichbrett lieg', so soll morgen der Weidbub mein braunes Paar Ochsen in deinen Stall treiben. Aber Gegenpart. Verstehst?«

»Gut. Wenn du heut' von elf bis zwölf Uhr in der Nacht auf dem Leichbrett liegen bleibst, kriegst mein falbes Paar, bei meiner Seel'!« Also entgegnete der Hopf.

Zeugen waren der Stanger, der Wirt und der heilige Florian, der über dem Hausaltar auf der Wand stand.

Noch mancherlei wurde in bezug auf die Wette beredet und sichergestellt. Als besonders wurde vermerkt, daß es verboten sei, den Michel mit Gewalt vom Brett zu reißen oder zu rütteln.

»Wer soll denn aufpassen?« fragte der Drachenwirt.

»Ja, Narr!« rief der Hopf, »wenn ein Aufpasser daneben steht, da wird's freilich kein Heldenstück sein, auf dem Leichbrett liegen zu bleiben. Oh, beileib nein, Nachbar Michelmachel, mutterseelenallein mußt du ausgestreckt liegen auf dem Totenladen.«

»Da lauft er davon und plauscht uns morgen an,« mutmaßte der Wirt.

»Du wirst wohl ein Ehrenwert haben?« fragte der Stanger den Michelmachel.

Dieser besann sich drauf – ja, er hätte eins.

»Das mußt du uns geben, daß du liegen bleibst von Schlag elf bis Schlag zwölf.«

»Nach der Kirchenuhr halt' ich mich, wenn sie nicht stehenbleibt – verstehst?«

»Gut ist's.«

Ganz feierlich wurde es ausgemacht, und hierauf erhoben sich der Stanger und der Hopf, um »nach Hause zu gehen«. »Es ist Zeit zum Schlafengehen!« hatten sie dem Michelmachel noch zugerufen.

»Ja, gute Nacht!« fügte der Michelmachel.

»Auch soviel!« gaben die beiden und schoben sich sachte zur Tür hinaus.

Der Michelmachel blieb noch sitzen bei seinem Kruge, er hatte Zeit. Eine frische Pfeife stopfte er an, dann brütete er vor sich hin und blies viel Rauch von sich. Gedanken schien er zu haben. Der Machel war einer von jener Gattung, bei der man sich nicht auskennt, ist ein Rädchen zuviel im Kopfe oder eins zuwenig. Von der einen Seite sah er aus wie ein Lapp, von der anderen wie ein Schalk. Wie kann einer einfältig sein, wenn er zweifältig ist?!

Setzte sich jetzt der Wirt ihm gegenüber und schaute ihn an.

»Machel,« sagte er hernach, »das muß dich doch freuen von deinen Nachbarn.«

»Was muß mich freuen?«

»Daß sie ein solches Vertrau setzen auf dein Ehrenwort. Auf ein Paar Ochsen wird so was selten geschätzt, hierzulande!«

Der Michelmachel sagte nichts dazu.

Die Gäste waren alle davon, der Wirt hielt auch schon manchmal die flache Hand vor den Mund; als diese Form nicht verschlug, gähnte er den Machel offen an. Der Zeiger war hoch emporgerückt am Ziffernblatte. Also raffte sich der Mann zusammen.

»Gezahlt hat heute der Rosensteiner, glaub' ich?« fragte er noch.

»Was hat er, und du geh' jetzt in Gottes Namen und leg' dich auf sein Brett.«

Etwas ungleich war ihm doch, dem Michelmachel, als er jetzt in der stillen, dunkeln Nacht über das Feld dahintrottete gegen den Schachen. Auf dem Kirchturme hatte es schon dreiviertel zu elf geschlagen. Etwas warm ward dem Michelmachel um die Brust und etwas eng. Schlecht Wetter wird, weil es so schwül ist. Die Pfeife war ihm auch ausgegangen, er zündete sie wieder an. Er ging in den Wald, und beim Sternenschein, der zwischen den Fichtenwipfeln niederfloß, sah er bald das Hexenkreuz. Es war heute sehr hoch, und schien immer noch höher zu wachsen. Vor dem Kreuze im wuchernden Grase lag eine lange, schmale, grauschimmernde Tafel. Das war's. – Der Rosensteiner, sollte er denn wirklich so lang gewesen sein? – Die Pfeife war schon wieder ausgegangen. Es ist ein dummer Spaß! dachte sich der Machel, ein ganz dummer Spaß! – Da schlug es elf Uhr. – Das schöne Paar Ochsen! – »Brett ist Brett!« murmelte er und streckte sich hin auf den Laden.

Da die Hände an den Seiten keinen Platz hatten auf dem schmalen Brette, so mußte er sie über den Magen legen, wie bei –

– Nun, Machet, wer ist länger, du oder ich? – War es seine Grabesstimme, seine hohle – ? Oder kann der Mensch sich etwas so lebhaft einbilden? – Die Pfeife hat er weggeworfen. Wenn man schlafen könnte! Der Rosensteiner schläft. – Puh! Kalt über den Rücken! Es sind dumme Einbildungen. Als ob auf allen Bänken und Bettstätten, wo wir rasten, nicht schon Menschen gelegen wären, die gestorben sind! Auf dem Kirchplatz unten sind seit Menschengedenken die Särge niedergelegt worden zur Einsegnung, und doch ist Jahrmarkt auf demselben Platz, und doch stehen bei Hochzeiten die Musikanten auf demselben Platz – kein Mensch denkt daran. Der Tote ist tot, es ist alles Einbildung. – Was? Krampf in den Beinen? Starr? Ei, das wollen wir doch sehen! – Er schlenkerte ein Bein in die Höhe, es war noch ganz und gar lebendig. – Ein Frevel ist's eigentlich doch. Aber das Paar Ochsen! Will nachher Messen lesen lassen für den Rosensteiner, Gott hab' ihn selig. – Erst ein Viertel auf zwölf! Das geht höllisch langsam, als ob's wirklich schon die Ewigkeit wäre. – Sonst, wenn man ein paar Krüge getrunken, gleich ist der Schlaf da, und was für einer! Heut' bin ich so munter – und frisch – daß nur alles zuckt in mir!

Ja, freilich zuckte es in ihm, weil er vor einem Geräusch erschrak. Als ob jemand ein dürres Ästlein, das auf dem Waldsteige lag, entzweigetreten hätte, so ein Knistern! Und dort heran nahten langsam, schwebend zwei schwarze Gestalten. Der Michelmachel rief alle Heiligen an; das half nicht viel, seine Beine wollten auf- und davonlaufen. Er rief das Paar Ochsen an, da blieben die Glieder festgebannt liegen auf dem schmalen Brette. – Die Gestalten nahten dem Kreuze – stellten sich an das Leichbrett, einer zu Häupten und einer zu Füßen, und bückten sich; Tragstangen waren am Brette; so hoben sie es langsam auf. Nun dachte der Machel an keinen Ochsen mehr, wollte vom Laden springen, war aber gelähmt vor Schreck.

Allzulang' dauerte der Schreck nicht, denn die schwarzen Gestalten pusterten, stolperten ein paarmal in den Baumwurzeln und benahmen sich nicht haarscharf wie pure Gespenster. Und wie dem Michelmachel das auffiel, kam über ihn ein unendlicher Trost. Zwei Schelme sind es! Und da wurde ihm traulich. Der Stanger und der Hopf – ein Paar Ochsen! Alles um ein Paar Ochsen. – Wenn sich das so verhält, daß sie mich schrecken wollen, baß sie mir Grausen einjagen wollen und daß ich vom Brett springen soll; wenn sich's so verhält, dann ist alles gut, sehr gut, und ich weiß, was ich tu'! Ich rühr' mich nicht, ich bin gestorben, mausetot, da wird ihnen der Spaß schon vergehen. Es wird sich aber nicht gut machen lassen, mausetot sein. Der Mensch wird nicht kalt und starr, wann er will. Schlafen will ich, baum- und steinfest schlafen will ich bis zwölf Uhr, sie sollen mich tragen, wohin sie wollen.

Also hatte der geriebene Michelmachel seine Selbständigkeit wiedergewonnen. Die zwei schwarzen Gestalten (o ihr Spitzbuben, die ihr aus dem Wirtshause so früh schlafen gegangen seid!) trugen das Brett, welches richtig auf zwei Tragstangen gebunden war, wie ein Bahre dahin durch den Wald. Der Nachbar Hopf war ein Kurschmied und roch 'immer ein bißchen nach Pechöl. Der schwarze Kerl da voran riecht auch ein bißchen nach Pechöl. Also können wir ganz sorglos schlafen, da sind ja gute Kameraden zuweg'.

Die Bahre schwankte zwischen den Stämmen dahin, schwankte auf das freie Feld hinaus. Hinter dem Lofenstein ging der Halbmond auf und warf aus der feierlich wandelnden Gruppe einen gespenstischen Schatten hin über den Plan. Der Michelmachel schnarchte. Es schlug halb zwölf Uhr. Dem vorderen Träger wurde unbehaglich. Wenn der Lump schläft – gesoffen hat er wie ein Loch – nachher wird er freilich liegen bleiben auf dem Brett, und die schönen Ochsen sind hin. – Er hub an, unregelmäßige Schritte zu machen, die Bahre schaukelte, aber der Machel fiel nicht herab. Doch bewegte er sich jetzt ein wenig und tat einen Seufzer. Aha! – Wart', Michelmachel, wir wollen dir schon Grausen machen!

Die Bahre schwankte den Feldrain entlang, schwankte dem Hohlweg entlang, schwankte einen Hügel hinan – gegen den Friedhof. – Was tausend! dachte der Michel bei sich, die treiben es keck. In den Kirchhof! Zum Grabe des Rosensteiner hin! Das ist noch nicht zugeworfen! Hab's ja immer gesagt, unser Totengräber ist nichts nutz. – Das geht doch über den Spaß. Aber der verd ... Hammer auf dem Turm will immer noch nicht zwölf schlagen. Das Paar Ochsen ist höllisch teuer, meiner Seel'! Und liegen bleib' ich justament. Es sind ja eigentlich zwei Paar. Für zwei Paar Ochsen kann sich der Mensch was gefallen lassen. Ich die Ochsen und sie die Sünde. Nur zu, Nachbarn!

Halb geschlossenen Auges lag er da, sich mit beiden Ellbogen auf das Brett zwickend, daß er nicht hinabfiel. Die von blassem Mondlichte beschienenen Kreuze des Kirchhofes schwebten zuckend vorüber. Endlich wurde haltgemacht und die Bahre zu Boden gestellt, am Rande eines offenen Grabes. Im Erdhaufen stak der Spaten, daneben lagen noch die Stricke, mit denen der Sarg am Tage zuvor hinabgesenkt worden war. Die schwarzen Gesellen standen jetzt unbeweglich da und beobachteten den Mann auf dem Brette. Der lag still wie ein Toter. Die Stunde ging gegen zwölf. Konnte man ihn nicht endlich vom Brette werfen? Das war gegen die Wette. Aber die Ochsen, die Ochsen!

»Gott verzeih's, wir müssen's tun!« flüsterte der eine Schwarze zum anderen. »Das wird wirken!«

Sie legten die Stricke um das Brett; sie rückten es über den Rand des Grabes hin, sie senkten es. Sie merkten das Beben des Michelmachel, als die Bahre tiefer und tiefer hinabglitt auf den Sarg des Rosensteiners. Im nämlichen Augenblicke tauchte vom Totengräberhäuschen her ein Mann auf; die zwei Schwarzen ließen sachte die Stricke los und flohen davon.

Als sie draußen vor der Kirchhofsmauer im Gebüsche ihre dunkeln Pferdedecken abgeworfen hatten, schlug es zwölf Uhr. »Die Ochsen sind hin!« stöhnte der Hopf. »Jetzt wird er heraufkriechen und uns auslachen. Es ist teufelmäßig.«

»Hätt's nicht gedacht, Schwager, daß der so hartgesotten ist!« sagte der Stanger. Und voll giftigen Ärgers schlichen sie ihren Höfen zu.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Als der Hopf in der Kirche von seinem Platz hinüberschielte nach dem des Michelmachel, war derselbe leer. Das fiel auf. Der Machel war sonst ein fleißiger Kirchenbesucher, ei, das wohl! Sollte er krank sein? Hätte ihm doch der Schauder geschadet? Es geschähe ihm schon recht, dem Frevler, dem Schelm, dem – ach, meine Ochsen! – Als beim Nachmittagssegen der Michelmachel wieder nicht in der Kirche war, wurde der Hopf erst ein bißchen neugierig und er fragte einen Knecht des Machel, ob sein Bauer wohl auf einer Wallfahrt oder auf einem Viehhandel aus sei?

»Redlich wahr, das weiß ich selber nit,« antwortete der Knecht. »Soviel ich weiß, ist er seit der gestrigen Begräbnisfeier gar nicht heimgekommm – weil die Bäuerin so geschimpft hat, heut' früh.«

»Die Bäuerin hat geschimpft, daß der Bauer nicht heimgekommen wär'?« fragte der Hopf. »Der Machel hat gestern stark getrunken. Am End' hat er sich wo verschlafen?«

»Kann wohl sein, kann wohl sein,« sagte der Knecht, »na, macht nichts, heut' ist eh Sonntag.«

Jetzt wurde dem Hopf etwas uneben zumute; er ging hinter den Häusern des Dorfes zum Friedhof hinaus und wußte nicht recht, warum. Auch wußte er eigentlich nicht, warum er gerade, hinter den Häusern, wo kein rechter Weg war, dahinstieg. Auf dem Friedhofe eilte er dem Grabe des Rosensteiners zu; das war geschlossen, darüber rundete sich ein Hügel aus frischer, rötlicher Erde. – Wenn er – so arbeitete es jetzt im kleinen Haupte des Hopf – wenn er vor Entsetzen ohnmächtig geworden wäre! Oder wenn er doch so fest geschlafen hätte in seinem martialischen Rausche, daß – Nein, es ist nicht auszudenken!

Dort vor dem Häuschen saß der Totengräber, rauchte aus seinem Nasenwärmer und blickte wohlgefällig hin über sein reichbestelltes Feld. Er sah zwar nicht viel, denn auf dem einen Auge hatte er ein »Blümel« und das andere war altersschwach. Schon ganz nahe war der Hopf, als er ihn bemerkte. Je, ist das nicht der Hopfbauer? Gar säumig und schleichend kommt er heran. Was nur der wieder will!

»Tust halt ein bissel rasten, Vater Adam!« so redete der Bauer ihn mit lauter Stimme an, denn der Totengräber war »großhörig«, so nennt man Leute, welche nur großen Lärm hören, kleinen nicht.

»Rasten, wohl, wohl, tut mir eh schon not.« So die Antwort.

Lehnte sich der Hopf an den Zaun hin, schaute unsicher umher, als suche er etwas. Er suchte nach einer Form für seine Frage. »Bist wohl eh fleißig gewesen, Vater Adam,« sagte er endlich.

»Muß halt sein.«

»Hast dich geschleunt mit dem Zumachen – beim Rosensteiner.«

»Wohl eh. Heut' bei der Nacht hab' ich die Gruben verschüttet. Der Herr Pfarrer mag's nicht leiden, wenn ein Grab über Nacht offen bleibt.«

»Bei der Nacht, sagst? Heut' bei der Nacht?« stammelte der Bauer. »Aber daß du dich nicht fürchten tust, so bei der Nacht!«

»Eh, vor wem denn?« lacht der Totengräber heiser. »Etwan, daß sich andere vor mir fürchten, das kunnt' sich schon zutragen.«

»Tust nie was wahrnehmen, so bei den Gräbern?« fragte der Hopf forschend. »Fürwitzige Leut', oder Besoffene, oder so was?«

»Ich schau nicht viel um.«

»Und heute nacht, hast niemand gesehen beim Grab? Oder unten? Oder heraufsteigen?«

»Laß mich aus,« rief der Alte unwillig, »man schaufelt zu und geht wieder schlafen.« –

Der Hopf ging zum Friedhofe hinaus, es war mehr ein Taumeln, als ein Gehen. Draußen klammerte er die knochigen Finger ineinander und murmelte: »Nicht anders! Nicht anders!«

Am Abende saß er auf der Bank vor dem Stangerhause und klagte es dem Nachbar: »Ich möcht' ins Wasser springen!«

»Ist dir denn gar so heiß?« entgegnete der Stanger.

»Der Machel! Denk' dir, der Michelmachel!«

»Was ist's denn mit dem Michelmachel?«

»Lebendig begraben!«

»Wer sagt denn das? Kann er nicht früher gestorben sein?« Wie im Spaß redete er so, der Stanger. »Kann dir ja recht sein. Erbst ein Paar Ochsen von ihm.«

»Der höllische Höllteufel soll die Ochsen holen!«

»Die Ochsen? Was soll der höllische Höllteufel nur mit den Ochsen anfangen? Der ist kein Freund von Rindsbraten, der weiß sich ein besseres Fleisch, Hopfnachbar!«

»Du bist auch dabei gewesen!« rief der Hopf.

»Als Zeuge, nicht als Wettender!«

»Du hast uns hineingefoppt, und jetzt redest so! Und jetzt ist er lebendig begraben!«

»Jetzt nicht mehr.«

»Natürlich, weil er jetzt schon tot ist,« jammerte der Hopf. »Daß er mir so was hat angetan! In seiner schauderhaften Leichtsinnigkeit! Sich vor lauter Rauschdusel auf den Kirchhof schleppen und in die Gruben werfen lassen! – Armer Hascher!«

Er verhüllte mit den Händen das Gesicht.

Sie wurden in ihrer Unterhaltung gestört von einem eilends des Weges laufenden Weibe. »So hat er mir's noch nie aufgeführt!« rief sie vor sich in die Luft hinein. »Und nicht einmal in den Wirtshäusern ist er zu finden! Michel, Michel! Wenn du nicht bald heimgehst! Es wird dir alleweil gefährlicher, ich sag' dir's! – Seit der Totenzehrung nimmer daheim gewest! – »Wißt denn ihr nichts von meinem Mann?« fragte sie den beiden Bauern zu.

Was sollten sie nur darauf antworten? Sie antworteten gar nichts und das Michelmachel-Weib wütete weiter.

Von Schlaf konnte in der folgenden Nacht beim Hopf keine Rede sein. Die Leinwanddecke lastete schwer und erstickend wie fünf Schuh Erde über ihm. Lag er doch auf dem Sarge des Rosensteiners ganz enge neben dem Machel. Schon turmhoch wuchtete die Erde über ihnen und der Totengräber schaufelte immer noch drauf. Schon grünte der Rasen über dem Grabe, aber sie konnten immer noch nicht sterben; sie rangen miteinander, zausten sich bei Haar und Bart, bissen sich bei den Nasen, und das alles der Paar Ochsen wegen, die auf dem Hügel behaglich grasten und gleichzeitig den Boden düngten für nächstes Jahr, da die lebendig Begrabenen in der Tiefe immer noch miteinander raufen werden. – Oh, das war eine Nacht!

Am nächsten Tage strich der Hopf so umher, erschrak vor jedem Baumrascheln und vor jedem Vogelpfiff. Beim Drachenwirt kehrte er ein, vielleicht wärmt der Wein. Den Bauer fröstelte. Der Drachenwirt blickte ihn sehr forschend an, setzte sich zu ihm und sagte in gleichgültigem Tone:

»Nun, wer hat denn die Wette gewonnen?«

»Dummheiten!« knurrte der Hopf.

»Welcher ist denn eigentlich länger, der Machel oder der Rosensteiner?«

»In Fried' laß mich!«

»Nu, Hopf,« fragte der Wirt, »weißt du auch nicht, wo der Michelmachel kunnt sein? Er ist seit der Samstagnacht nicht mehr gesehen worden.«

»Du wirst es besser wissen, wir haben ihn bei dir da in der Stuben sitzen lassen.«

Der Hopf merkte, daß der Wein heute seine Schuldigkeit nicht tat. Als er bei der Tür hinauswollte, traten ihm zwei Gendarmen entgegen.

»Was kann ich dafür? Was kann ich dafür!« lärmte der Hopf ihnen ganz dumm entgegen, bevor sie noch eigentlich nach was gefragt hatten. Nun, da haben sie ihn in Empfang genommen.

Als der Bauer in so verläßlicher Begleitung den Wiesenweg dahinging, sah er seine Herden weiden. »Ochsen, Ochsen!« stöhnte er auf. Tiefstes Weltleid und strengste Selbsterkenntnis lagen in diesem Rufe. Vom Waldberge herab kam ein Mann gegangen, der hatte einen Strick und einen Stock bei sich, vor der Herde stand er prüfend still. Mit einer stechenden Fistelstimme lachte der Hopf plötzlich auf, wies mit beiden Zeigefingern hin: »Da ist er ja! Da ist er ja, der Schelm, der Erzschelm!« Und der da niedergestiegen war vom Waldberge gegen die Rinder, das war der Michelmachel, lebendig über und über, und kein Erdstäubchen klebte an seinen Kleidern. Er kam um sein Ochsenpaar.

Damit hat die merkwürdige Geschichte ein Ende. Und wenn man ihn fragt, den Michelmachel, wo er die zwei Tage zugebracht, so schmunzelt er höllisch verschmitzt. Und wenn ihn der Wirt oder gar der Gendarm schärfer fragt, so gesteht er ganz treuherzig, auf seiner Alm sei er oben gewesen, um sich ein bissel auslüften zu lassen. Und wenn ihn der Hopf auf sein Gewissen fragt, warum der Michelmachel ihn in solche Angst versetzt, so antwortet der Michelmachel: »Ich hab' nur dein Paar Ochsen reif werden lassen wollen. Verstehst? Heut' gibst du mir sie lieber, als du's gestern hättest gegeben. Ich bin meine geschlagene Stund' auf dem Brette gelegen, nachher eilends herausgekrochen, just noch ehe der Vater Adam angefangen hat zu schaufeln. – Die da, die zwei Falben sind's, gelt? wir wollen sie bald herfürkriegen!«

In demselben Augenblicke, als die Gendarmen den Hopf freiließen, nahm der Michelmachel das schöne Ochsenpaar an den Strick. Und als der Hopf solches sehen mußte, hieb er sich die Faust an die Stirn, daß es dröhnte. »Und den hab' ich bejammert?! O ich –«

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