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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 36
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Abelsberger Schelme.

Es dunkelte der Abend einer Dreikönigsnacht. Der Radmacher Malchus Kirschkern war in einer sehr gehobenen Stimmung, denn er wollte in dieser Nacht zu seinem Schatz gehen. Zu welchem? Denn er hatte zwei Schatze oder Schätze oder Schätzer – wie sagt man denn? Der eine war die junge Maid im Kugelkumpfhof, der andere war schon begraben. Aber gerade zu diesem wollte der Malchus gehen und ihn ausgraben mitsamt dem eisernen Topf, in dem er ruhte. Wenn er diesen Schatz hebt, dann kann er den anderen heiraten. Vergraben ruht er im Schachen hinter der Flachsdörrkammer, unter dem alten Ahorn bei der Wolfsgrube, wo der Laubhaufen liegt. Schon im Herbste hatte der Malchus dürres Laub dort aufgehäuft, damit der Boden nicht zu arg sollte frieren können, denn heben darf man den Schatz nur mitten im Winter, in einer der drei Rauhnächte – am besten in der Dreikönigsnacht. In dieser Nacht ist der Teufel besoffen. In der Christnacht wäre er hungerig, in der Neujahrsnacht durstig, bis zur dritten Rauhnacht aber hat er schon so viele Seelen und Geister von Schatzgräbern und Hexen getrunken, daß er satt und besoffen ist. Vorbereitet ist der Malchus mit Weihwasser und Amuletten, hat sich auch kräftige Wehrsprüchlein eingelernt und anderlei Vorsichtsmaßregeln getroffen, die ein Schatzgräber bedarf. Wenn er gegen Mitternacht in den Schachen hinausgeht, wird ihm die Mutter nachrufen oder die Maid im Kugelkumpfhof, oder eine andere bekannte Stimme – wahrscheinlich aber die Maid im Kugelkumpfhof. Er soll ja nicht etwa umschauen, sonst ist alles verspielt und der Teufel hat Macht über ihn. Es ist schon recht, daß er besoffen ist, aber schließlich, – kann nicht auch ein besoffener Teufel unangenehm werden?

– Nun, hoffentlich gelingt's, wollen es versuchen in Gottes – halt! In Gottes Namen darf man nicht sagen. Es ist ja eigentlich blitzdumm, daß der Mensch nicht einmal Gott anrufen soll bei so was Wichtigem. Aber es ist ihm geraten worden, er soll's nicht tun. Gott könnte unrecht verstehen und es für einen Frevel halten. – Bewahre, ein Frevel, das ist es nicht. Es ist sein heiliger Ernst, daß er den alten großen Schatz, der seit dem Hunnenkrieg vergraben liegt unter dem Ahorn, heben will.

O du braver, tapferer Malchus Kirschkern du!

Genau am nämlichen Abende war es, daß in der Strohkammer beim Blahwind sechs Burschen beisammen hockten und eine Spitzbüberei aussannen. Der Rüppel, des Vlahwind Sohn, war dem Malchus nicht ganz hold – wahrscheinlich der Maid im Kugelkumpfhofe wegen – und gegen den will er heut' was anstiften.

»A so, seid's dabei?« fragte er die Kameraden.

»Wohl,« sagte der Thoma.

»Wohl!« sagte der Tripfel.

»Wohl!« sagte der Hartel.

»Wohl!« sagte der Zingg.

»Ich will erst wissen, was es gibt?« sagte der Steff.

»Einen Mohrenspaß gibt's,« belehrte der Rüppel. »Soll man dir denn alles zweimal sagen, Steff?«

»Ich bin vorhin nit dagewest,« antwortete der Steff.

»Er ist vorhin nit dagewest,« bestätigten die anderen. »Der Salinenkaspar ist dagewest. Der tut aber nit mit.«

»Soll er's bleiben lassen.«

»Weil morgen sein Namenstag ist, sagt er.«

»Soll er's bleiben lassen. Wir richten's auch ohne seiner.«

»Was gibt's denn also eigentlich?«

»Den Radmacher wollen wir foppen,« sagte der Rüppel zum Steff.

»Gut ist's, da bin ich dabei. Wenn wer gefoppt wird, da bin ich allemal dabei.«

»Schau einmal, da haben wir die Kienrußbüchsen.«

»Einen Schnurrbart anmalen?«

»Was lauter! 's handelt sich ja um kein Fensterlngehen. Das ganze Gesicht schwarz machen. Teufel machen. Weißt? Hörst? Verstehst? Der Radmacher Malcherl geht in der heutigen Nacht wieder einmal Schatzgraben. Bei dem Ahorn im Schachen hinter dem Flachsdörrofen, wo wir schon einmal den Hirsenferd haben gefoppt. Hat mich angeredet, daß ich soll mitgehen. Na, du! sag' ich, tat' mich fürchten. Ich nit, sagt er, der Malcherl, aber beim Graben, daß ich wen brauchen tät'. Hast du keine Kurasch, so bleib' daheim. Ich nit, ich, daß ich mich vor dem Schwarzen fürcht'! sagt er, und wenn er siebenfach erscheint, sagt er. Was der für ein großes Maul hat! – Jetzt, verstehst, Steff, den Malcherl, den foppen wir! Soll jeder seine Joppe verkehrt anlegen, das Gesicht schwarz machen, den Kopf mit einem Tuch einbinden, so daß die Zipfel lange Ohren machen. So in den Schachen, wenn's eilf schlagt. Wenn er nachher kommt und zu graben anhebt beim Ahorn, fahren wir brüllend drein und jagen ihn aus den Hosen. – So ist's und so wird's sein.«

»Es gilt, Rüppel!« sagt der Steff. »Das wird ein Mohrenspaß werden!«

»Freilich wird's einer.«

Der Tripfel hatte aber Bedenken, ob das wohl auch dem Herrn Teufel recht sein werde? Ob er nit beleidigt ist, ihm so ins Handwerk zu pfuschen? »Weißt,« sagt er, »so ein dummer Teufel versteht keinen Spaß!«

»Ei was,« meint der Thoma, »in der Dreikönigsnacht, sagt man, ist er besoffen, da liegt er in seinem Rauchkobel.«

»So hab' ich's auch gehört, immer einmal,« sagt der Hartel.

»Für alle Fälle schreib' ich mir auf die Stiefelsohlen ein Trudenkreuz, daß er mir nit nachkann,« sagt der Zingg.

»Das kannst eh tun. Das können wir all' tun.«

»Ich trag' mir auch einen Spaten mit,« gestand der Thoma. »Wenn ich schon einmal dabei bin, bei so was, da will ich was davon haben. Ich grab'.«

»Wir helfen dir und teilen nachher,« sagte der Rüppel.

»Lari fari!« stieß der Steff hervor.

Sie schauten ihn an: »Was, Lari fari?«

»Wegen des vergrabenen Schatzes steig' ich nit aus dem Bett. Das ist lari fari. Aber die Leut' foppen, da bin ich dabei.«

»Gut ist's, und Schlag eilf beim Haustor.«

»Beim Haustor, Schlag eilf!«

»In der umgekehrten Joppen, mit dem geschwärzten Gesicht und den Tuchohrwascheln am Kopf!«

»Haben's gehört.«

»Ich trag' auch meinen Spaten mit,« sagte der Zingg.

»Und ich schreib' mir auch ein Trudenkreuz auf den Stiefel,« sagte der Thoma.

Dann gingen sie auseinander, jeder in sein Haus zum Nachtmahl.

Das Nachtmahl zu Heiligendreikönig ist nicht gering in Abelsberg bei den Bauern. 's ist ja die letzte Weihnachtszeitfestnacht. Da muß man zur Ehre Gottes noch einmal dreinhauen mit Löffel und Gabel. Sogar Wein ist vorhanden, obschon der alte Wolf im Steinhupfhofe warnt: »Wenn der Hölldeuxel in der Dreikönigsnacht sich einen Rausch antrinkt, so sollten es die Leut' sein lassen. Sonst tät' man sie nit auseinand' kennen.« – Sein Knecht, der Hartel, sah das nicht ein. Wenn er heut' nacht überhaupt schon Teufel spielen soll, so kann er ihm's doch auch mit einem Rausch nachmachen.

Der Tripfel hatte mit dem Thoma noch eine Beratung, eine Art Gewissenserforschung.

»Du, Thoma! Sag' mir einmal aufrichtig, glaubst du an den Teufel?«

»Du, Tripfel! Es ist im vorigen Sommer einmal ein Zigeuner dagewest, der hat gesagt, Teufel tät's gar keinen geben, hat er gesagt, der Zigeuner.«

»Du, Thoma! Das hab' ich auch schon gehört sagen. Wenn's einen tät' geben, hätt' ich nicht die Kurasch, heut' nacht.«

»Du, Tripfel! Weil's der Zigeuner gesagt hat, das beweist mir nichts. Ich bleib' bei meinem alten Glauben.«

»Du, Thoma! So gibt's einen?«

»Du, Tripfel! Kannst dich verlassen drauf. Aber umlauft er nit! Im Schachen lauft er nit um. Der Teufel, der ist in der Höll' unten. Dort ist er mit feurigen Ketten an die glühende Felswand angeschmiedet, und desweg tut jeder Schmied den letzten Hammerschlag allemal auf den leeren Amboß machen, der ist der Teufelskette vermeint, und daß sie nit reißt. Gewiß auch noch!«

»Du, Thoma! Wenn er in der Höll' so fest angeschmiedet ist, nachher wag' ich's heut' nacht, daß wir den Radmacher foppen. Soll man sich auch einen Schwanz anbinden?«

»Vom Schwanz hat er nichts gesagt, der Rüppel.«

»Ich wüßt einen schönen Ochsenschwanz zu kriegen, beim Metzger.«

»'s kunnt den anderen nit recht sein, wenn gerade du der schönste Teufel wolltest sein.«

»Ist gut. Aber das Trudenkreuz mach' ich.«

»Und ich trag den Spaten mit.«

»Und den Weihbrunn nimmt man auch!«

»Und ein Räuschel trink' ich mir auch.«

Nach dieser klugen Beredung taten sie das ihre.

Die hölzerne Glocke auf dem Turme zu Ober-Abelsberg klapperte elfmal. Die Geisterstunde der geheimnisvollen Rauhnacht hatte begonnen, und am Gautor hinter dem Dorfe standen sechs schreckliche Gestalten. Es war eine bewölkte Mondnacht, aber so viel sah man, daß an den Gestalten die Lappen schlaff herabhingen, daß sie schwarze Gesichter und Köpfe mit langen Ohren hatten. Einer fürchtete sich anfangs vor dem anderen, aber an den Stimmen und an den leisen Anrufungen erkannten sie sich bald. Sie standen nahe zusammen und spannen Schabernack und Ränke gegen den Schatzgräber Malchus, dessen umfassende Vorbereitungen sie ausgespäht hatten. Dann schlichen sie selbander davon über das beschneite Stoppelfeld und über die Bachbrücke. Weil dort ein Wegkreuz stand, so huben einige ihre Daumen zum Gesicht, um sich zu bekreuzigen. – Hau! dachte der Tripfel, ein Teufel wird doch kein Kreuz machen! – Und wenn ich keins mach', so kann mir was passieren! dachte er weiter. Und wenn ich eins mach', so ist's ein Frevel und es kann mir erst recht was geschehen. Damit schloß er den Gedankengang. – Sie gingen quer in die Heide hinein, auf welcher in blassem Schnee allerhand schwarze Wesen kauerten. Katzen, Hunde, Drachen mit unterschiedlichen Köpfen. Es waren aber nur Strauchschöpfe und kleine Fichten. Weiterhin auf der Land stand ein schwarzes, großes Ungetüm. Das abscheulichste Höllenbeest hätte es können sein, wenn es nicht die Haardörrstube gewesen wäre. Hinten sah man schon die finsteren Zacken der Schachenwipfel in den Himmel aufstehen. Plötzlich stand einer still, hielt den anderen am Arme fest und flüsterte: »Hast nichts gehört? Hast es nit gehört? Als wie wenn ein großer Vogel geflogen wär', so hat's gerauscht in der Luft!« – Sie horchten, hörten aber nichts. Doch – ein klagendes Ächzen hörten sie vom Baume her. – »Das ist ein Baumast,« tröstete der Rüppel.

»Aber es geht ja gar kein Wind.«

»Er muß doch gehen auf der Höhe, weil so was summt.«

»Ich tu' gar nichts hören, als wie eine Schovidel (Nachteule).«

»Und ich will am Faschingstag fasten, wenn ich was anders hör', als mein Herzklopfen.«

»Daß es gar so schauderhaft still sein kann! Buben, singen wir einen Jodler!«

»Daß dich! Jetzt singen! Wo dort über die Heide ein schwarzer Wutzel dahergeht. Uff!«

»Er regt sich doch nit. 's ist ja nur wieder so ein Strauch. Singen wir eins!«

Der Thoma und der Zingg wollten anheben, brachten aber vor Angst keinen Ton hervor.

»Du!« flüsterte der Hartel zum Rüppel und stieß ihn mit dem Ellbogen ein wenig in die Seite. »Du, Rüppel! Wie viele sind unser denn?«

Da zählte der andere flüsternd: »Ich, du, der Thoma, der Tripfel, der Zingg und der Steff. – Sechse sind unser.«

»Sieben sind unser!« hauchte der Hartel.

»Na, du, sei so gut!«

»Aufrichtig Gott wahr, sieben sind unser.«

»Schwatz' nit. Dieweilen wir uns doch nur sechst zusammengeredt haben.«

»Nutzt nichts. Sieben sind unser! Schau doch und zähl' selber!«

Sie hoben unauffällig den Finger und zählten. Es waren ihrer sieben, und nicht um einen weniger. Jeder mit schwarzem Gesicht und langen Ohren.

»Was ist das?« stöhnte der Rüppel. Er konnte vor Grauen nicht einmal erbleichen, weil er geschwärzt war. Sie teilten es dem nebenschleichenden Steff mit, der zählte auch. Sieben waren ihrer – und der eine, der siebente, der Fremde, man unterschied ihn an seinem hinkenden Gang, der hielt sich ein wenig abseits am Wacholderbusch; es war als ob er aus ihm hervorgekommen wäre.

»Der Malchus wird's sein,« flüsterte der Thoma.

»Nit denkbar. Der geht heut' seinen eigenen Weg. Stimmt auch in der Figur nit. Bei weitem nit. Ein ganz anderer ist's, mein' du!«

»Buben, mir wird übel!«

»Und wie er die Ohrwaschel tut bledern! Das sind keine tuchenen. Das sind Ohrwaschel aus Fledermausflügeln!«

»Gehen wir geschwinder! Mich scheikt's (schauert's)! Das Sprichwort, kennst es, das Sprichwort – daß man – daß man ihn nit soll an die Wand malen.«

»Und daß er gar so hinken tut!«

»Weil er einen Pferdfuß hat.«

»Wenn ich nur das nit getan hätt'! Daß ich heut' mitgegangen bin!« wimmerte der Zingg.

Dieweilen sie rasch vorwärts geeilt waren, so daß der geheimnisvolle Unbekannte etwas zurückblieb', raffte der Rüppel die Kameraden zusammen und zischelte: »Wißt's was, Buben, derschlagen wir ihn!«

»Prrl Müßten ihrer aus festerem Holz sein, als wir armen Sünder! Den Teufel erschlagen!«

»Haben wir eine andere Wahl? Umsonst geht er uns nit nach. Wenn nit wir ihn, so er uns.«

»Ich wollt's wagen. Ich bin gestellt. Auf jedem Ellbogen hab' ich ein Trudenkreuz. Hinten auf dem Buckel hab' ich auch eins. Was kann mir geschehen? Nachher sechs gegen einen! Eine helle Schand', meiner Seel'!«

»Gehen wir ihn an?«

»Gehen wir ihn an. Aber nit so gach. Ich muß erst meinen Zorn verrauchen lassen. In der Hitz trifft man nix.«

»Und 's wird doch ein gutes Werk sein, den Teufel erschlagen. Vielleicht haben wir die Gnad'. Hört's, Buben, ist denn keiner von euch ein Sonntagskind?«

»Hier!« rief der Zingg und rief es laut, daß er sich rasch den Mund zuhielt und alle nach rückwärts schauten, ob jener es gehört. Der schreckliche Siebente schlich lauernd zwischen den Büschen heran und tat, als wollte er plötzlich auf einen oder den anderen losfahren, um ihn zu zerreißen. Aus seinen Murren ging es wie katzenhaftes Gefunkel.

»Ich bin an einem Neumondsonntag auf die Welt gekommen,« flüsterte der Zingg. »Aber die Sonntagskinder sind friedsame Leut', die sollten nit herschlagen, hab' ich oft gehört.«

»Und desweg haben sie die Gnad', den Teufel umzukriegen.«

»Na, also, voran Kameraden!« flüsterte der Zingg. »Wenn ihr nichts ausrichtet, nachher mach' ich ihm den Garaus!«

»Mensch, du bist es! Du bist stärker wie zehn Riesen!« sagte der Thoma. »Mein Lebtag hab ich gehört, ein Neumondsonntagskind kann den Teufel erschlagen. Na, da hast meinen Krampen.«

»Hab' selber einen,« gab der Zingg fast mutig entgegen. »In Gottesnamen. Aber ihr müßt mir helfen.«

»Alle miteinander. Heiliger Georg, steh' uns bei! Er kommt schon, er lauft schon an. Wart', Luder, verdammtes! Du hast es lang genug getrieben mit deinen Teufeleien. Da hast eins!«

Einen gellenden Schrei hat er ausgestoßen, der Siebente, als sie auf ihn hinstürzten und mit Spaten und Krampen loshieben auf sein Haupt, daß er sofort zusammenbrach.

Für einen Teufel machte er's auffallend kurz. Ein paarmal zuckte er noch mit seinen Pfoten, dann röchelte er, dann taten sie noch einige Hiebe drauf, dann lag er ruhig da und war tot.

Und als die dunkle Kreatur also dalag, im Mondendämmer so grauenhaft anzuschauen, daß es den sechs Burschen eiskalt über den Rücken ging, da murmelte der Hartel: »Hätt' mir's nicht gedacht, daß das so leicht sollt gehen.«

»Traut ihm nit!« warnte der Thoma. »Wie oft ist der böse Feind schon erschlagen worden und ist doch allemal wieder dagewest. Ich wollt', wir hätten ihn schon neun Klafter tief in der Erden!«

Ein großer Übermut hatte die Burschen plötzlich erfaßt. Wenn er nur heute tot bleibt, daß sie unbehelligt vielleicht den Schatz heben mögen.

»Vorerst heißt's mit ihm abfahren, zu einem Steinhaufen. Steine darüber, daß er nimmer mag aufstehen.«

»Die schönen Stiefel, die er an hat,« sagte der Zingg. »Um die Stiefel tut's mir völlig leid, daß sie mit eingescharrt werden sollen.«

»Zieh' ihm sie aus!« riet der Hartel.

»Und das tu' ich auch. Hat keiner ein Weihwasser bei sich? Zur Vorsicht, eh' ich ihn angreif'.«

Als er dann angriff, stellte sich eine völlige Gefahrlosigkeit heraus. Ohne Umstände ließ sich der Stiefel vom rechten Beine ziehen. Als er den bestrumpften Fuß vor sich sah, fragte er: »An welchem Bein hat denn der Teufel den Pferdefuß, von dem alleweil die Red' ist?«

»Immer am linken,« antwortete der Rüppel.

Der Zingg zog auch vom linken Bein den Stiefel. – Merkwürdig das! Es war wieder ein gewöhnlicher bestrumpfter Menschenfuß.

»Mich deucht, der Teufel foppt uns,« sagte der Hartel. »Weil wir ihn haben nachmachen wollen, so macht er jetzt uns nach. Er glaubt, wenn er sich auf einen Menschen hinausspielt, so werden wir ihm weiter nichts antun. Oho! Diesmal wirst uns nit zu gescheit, Herr Teufel!«

Plötzlich machte der Zingg einen Sprung, lief hinter die anderen und stotterte: »Saggra! Jetzt hat's mich aber geschreckt! – Ich bitt' euch, schaut's nach! Beim Kopf schaut's nach! Ich bitt euch!«

»Aha! Die Hörner! Hast sie schon gesehen?«

»Ein Kopftüchel hat er um, wie unsereiner. Ein Kopftüchel! Leut', mir steigen die Grausbirn' auf, wir haben was angestellt!« – –

So ähnlich werden sie unter sich geredet haben, wörtlich weiß man's allerdings nicht; wird wohl in alter Form gewesen sein, denn die Geschichte ist schon lange her.

Nun, wie der tote Teufel dermaßen dagelegen, haben sie es gesehen. Die langen Ohren waren nicht echt, sie waren Tüchelzipfe. Die schwarze Gesichtsfarbe war falsch, sie war aus Kienruß. Der ganze Teufel war falsch, denn es war – der Salinenkaspar! Echt war nur das eine, der eingeschlagene Schädel und die Blutlache, in der er lag.

Jetzt haben sie angefangen zu wimmern, die Schelme, alle sechs. Jetzt haben sie auch vergessen, daß sie ausgegangen waren, um den Malchus zu foppen. Einer hat's auf den anderen schieben wollen, des haben sie gestritten, bis der Nachtwächter Wind bekam; damit war alles verfahren. Mit brennendem Schnee rieben sie sich den Kienruß vom Gesicht, aber die Hauptsache war nicht mehr auszulöschen. – Am nächsten Tage, als sie vor dem Gericht standen, haben sie es so erzählt, wie es hier mitgeteilt worden ist.

Denn es lag eine andere Annahme nahe. Die sechse sollten den Mummenschanz unternommen haben, um Fensterln zu gehen und den Nebenbuhler Kaspar totzuschlagen. Vom Salinenkaspar wußte man wohl, daß er von dem bevorstehenden Schabernack, den sie dem Malchus Kirschkern antun wollten, gehört hatte. Er hat aber nicht mittun und auch nicht daheim bleiben wollen; weil er ein Schalk war, so hat er den Spaß auf eigene Faust betreiben wollen, was hernach den verhängnisvollen Irrtum veranlaßt hat. Das Gericht entschied sich für das Mildere. Man hatte keinen Mord, man hatte einen Totschlag. Einen Totschlag aus Dummheit; vielleicht waren die sonst so braven Söhne ansehnlicher Bauern dazu verhext worden, daß sie aus Verblendung den Salinenkaspar erschlagen mußten.

Das Gericht hat sonach den Fall und die armen Sünder an die Verwandtschaft des Erschlagenen abgetreten, wie es in gewissen Fällen Brauch und Sitte gewesen zu jener Zeit.

Der Salinenkaspar war der einzige Sohn armer, betagter Eltern, ein braver Arbeiter und ein frischer, heiterer Mensch gewesen. – Also, was kostet der Mann? – Während das halb' Dutzend Schelme im Kotter beisammen hockte, unter Kopfhängerei und Galgenhumor allerlei Vermutungen anstellte, ob es ein Hängen oder ein Köpfen oder ein Vierteilen geben werde, saß der Rat der Verwandten des Getöteten in einer großen, dunkeln Kammer »bei Christus und den Lichtern«, und beriet, wie teuer man den Kaspar verkaufen wolle. Begraben war er schon, aber bezahlt war er noch nicht. Alt und jung war beisammen, jeder und jede hatte ein finsteres Gesicht, nur der Metzger hatte ein rotes. Des waren sie einig, richten wollten sie nach Gerechtigkeit, nicht als Verwandte des Erschlagenen, sondern als wahre Richter, als die sich der Schuster und der Metzger und der Fischmeister und die Korbflechterin hoch und groß empfanden. Der alte Vater des Kaspar hatte noch ein heißes Herz und verlangte, daß alle sechse hängen sollten. Die alte Mutter hingegen war voller Demut, sie wollte die arme Seele ihres so plötzlich aus dem Leben geschiedenen Sohnes damit aus dem Fegefeuer erlösen, daß sie seinen Mördern verzieh.

»Ein Narr bist!« schrie ihr der Alte zu. »Verzeiht denn unser Herrgott? Hat er nit das Fegefeuer und die Höllenpein zur Straf' für die Sünder?«

»So wollen wir die Strafen dem Herrgott überlassen.«

»Wo der Herrgott nit verzeiht, sollen wir Menschen verzeihen?«

»Just deswegen, weil wir selber sündhafte Menschen sind.«

Der Pfarrer war auch zugegen und wunderte sich darüber, daß zwischen den alten Eheleuten die Sache in eine Art Kirchenstreit ausarten wollte. Auf vieles Hin- und Herreden kamen sie endlich dahin überein, daß der Vater von den Totschlägern die Altersversorgung verlangte, die sonst der Kaspar an Vater und Mutter zu schlichten gehabt hätte, und daß die Mutter begehrte, die sechs Burschen sollten recht viele gute Werke verrichten zum Heil und Trost der armen Seele. – Nach langer Beratung und völliger Vereinbarung mit dem Verwandtenkreise hat denn der Amtmann ein Schriftstück auf das Papier gebracht, das seit jener Zeit erhalten geblieben und vor kurzem erst in einem alten Schranke zu Abelsberg aufgefunden worden ist. Dieses Schriftstück hat folgenden Wortlaut:

»Verzeichnus des Sühnvertrags oder Vergleichung zwischen den Todtschlagern Ruppertus Höpfler, Thomas Panggerl, Trypoldus Sandinger, Erhard Marcher, Zinkratz Powaldi, Stephan Möller zur ain Seiten und der Freundschaft von dem Getödten Kaspar Pernstainer zur anern Seiten.

Zum Ersten wird bekhent, das die Tat durch gots zulassung in ain Bösen irrtumb für gangen ist. Also das vnser got Genade, wi mir Verzeichen. Dahero Begert der belaidigt Tail von den Tätern am Ort, da die Tat beschehen ist, am kreutz mit Vnsers Herrn auch Frawen vnd sant Johans Bildnuß vnd oben am kreutz ain Eißern Kreuzl zu Ainem warzaichen der Tat zu setzen. Weiter sulden die Täter ain Tag für nemen zu pessern vnd zu piessen, an den Ort, da die Endleibt person ligt. Vnd die Täter sullen ausgen an ain Annern Ort vnd sulden pej ihnen haben vier Ersam männer, vnd die Täter sulden haben ain lainas Tuech vmb das gesäß vnd sonst an dem gantzen leib sulden sie nakhed vnd ploß geen, vnd die vier Männer sulden parfueß parhaubt vnd vngegürt seyn, vnd wan die Täter die Freundschaft des Getödten sechen, sulden sie mit den vier Mänern nider knien, bis suliche ihnen Erlaubt, Aufzusteen vnd hinzuzügen. Vnd zu des todten Vatter vnd Muetter sulden sie hin knien vnd Sprechen: Mein lieb Vatter vnd Muetter, mir bitten euch durch gots seiner heiling Martter vnd durch der Junkhfrau Maria willen, durch all gots heilling willen, was mir an Eurm sun begangen habn umb Verzeichung. Weiter begert der belaidigt Tail, daß die Täter alljärlich am selben Tag sulden halten lassen ain gotsdienst, ain sel Ambt hoch Ambt, drej gesprochne Meßen, am Vigilj, dapej sulden die Täter khnien, wie Vorbemeld mit dem vmbegirten Tuech. Nach dem Vigilj sulden die Täter mit den vier Männern auf das grab geen vnd sich nider legen kreutz weiß so lang piß der Priester das placebe gesprochen hat, vnd die vier Mäner sulden neben ihrer khnien. Vnd sulden die Täter dapej tragen ain Prinnend wags kherzen vngefähr pej ainem pfundt vnd die 4 maner aine mit ainem fierdung. Weiter begert der belaidigt Tail ain kirchfart. Nemblich gen sand Jacob, gen Rom vnd gen Zell, doch Bekhent der belaidigt Tail das bey den Tätern das Vermögen nit da sey. Wiewol es pillich wär so wellen sy ihnen doch nit weiter Aufladen, als zu Mitterfasten gen sand Jacob zu geen, der gestalt, das sy vom Herrn Pfarrer zu sand Jacob ain schreiben herwiderumb bringen, das sy dieselb khirchfart ausgericht haben. Nachdem die Annern khirchfarten vill Zerrung bedürften, so sulden die Täter zu dem armen Hauß in Abelsberg 5 Gulden pießen. Weiter begert die gantz Freundschaft, dieweil die Alten eltern ir Ehleiblichs khind von Jugend auf in armuet vnd mit harter arbeit erzogen vnd nun Trost davon gehabt häten, on Zweiffl Ir leiblichs khind sie alß zwaj alt leut ir leben langkh hät erhalten, darumb sy die Täter gepracht haben, sulden die Täter für Vatter vnd Muetter mit ainer Suma gelts benotlich 60 Gulden im jar aufkhomen.

Zu Abelsberg, tag heilling Paul Einsiedlertag, anno 1603.«

Also war es beschlossen worden von der Freundschaft des Erschlagenen in der dunkeln Kammer »bei Christus und den Lichtern«.

Als nachher die sechs armen Sünder aus ihrem Kotter hervorgetan wurden, waren sie nicht wenig überrascht, so leichten Kaufes davongekommen zu sein. Nur das eine wollte ihnen nicht gefallen, daß alljährlich am selben Tage die »Täter sulden nahked, nur ain lainers Tuech umb das Gesäß, zu sein grab geen vnd si nider legen kreutzweiß«. Denn derselbe Tag, der Jahrestag der Tat, war mitten im Winter. »Wird auch noch auszuhalten sein,« meinte der Rüppel, »leichter wie's Gehängtwerden auf jeden Fall.«

Wenn nicht alle Zeichen trügen, erkundigt sich die schöne Leserin zum Schlusse noch nach dem Malchus Kirschkern, und ob der Radmacher seinen Schatz gefunden hat. – Den unter dem Ahorn kaum, den hinter dem Fenster des Kugelkumpfhofes sicherlich. So ist's anzunehmen. Genaues weiß man nicht. Jedenfalls war es dem Malchus zur großen Erbauung, alljährlich am heiligen Dreikönigstage beim Gottesdienst und auf dem Kirchhofe die spärlich bekleideten sechs Schelme zu sehen, die einst ausgezogen waren, um ihn zu »foppen«.

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