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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 33
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Wie jener Abelsberger zu einer gekommen ist.

Der Blindschleicher war Gärtnerbursche zu Abelsberg, ein hübscher Bursche – aber dumm. Man sollte also meinen, daß er bei den Weibern sein Glück gemacht hätte. Allein die Zesendorferinnen sind ein besonderer Schlag; »keinen Bidling allein mögen sie nit«, wie eine ihrer Wortführerinnen einmal dargetan hatte.

»Ich bin ja kein Bidling (Rumpf) nit!« hatte sich hierauf der Blindschleicher scharf verteidigt.

»Du bist ein Bidling!« rief sie, »weil du keinen Kopf hast.«

Daß er alsogleich mit beiden Händen nach dem seinen griff, war ein Beweis, daß sie recht hatte.

Bestätigt hatte den Umstand erst die Militärkommission bei der Rekrutierung. Den sechs Schuh langen Kerl ließen sie heimgehen, »weil er um einen Kopf zu kurz sei«.

Indes wußte der Blindschleicher recht gut, daß man die Weiber nur mit Schmeicheleien besticht; und daß zum Schmeicheln und Courschneiden gerade nicht viel Kopf dazu gehört, das weiß männiglich. Aber der hübsche Gärtnergehilfe hatte nachgerade gar nichts Gangbares in seinem Oberteil. Er war süß wie eine gezuckerte Feigensuppe. Wenn er ausging, hatte er seine Knopflöcher voll Rosen und Knospen. Wenn schon eine Rose reizend ist, wie sie andere tragen, meinte er, so würden mehrere wohl noch reizender sein. Alsdann die Haare mit Schweinefett glatt und glänzend gemacht, und wie ein fescher Wiener an beiden Ohren »Sechser« gedreht! Aber einmal zeigte ein vorbeitreibender Kuhhirt nach ihm und sagte: »Das ist ja kein Sechser!«

»Was denn?« fragte der Blindschleicher.

»Das ist ein Fünfer!«

Das wollte den Gärtner schier verdrießen, denn es war ihm, als ob man in der Gegend einfältige Leute »Fünfer« nenne. Und hatte hierin nicht unrecht.

Das Halstuch trug der hübsche Bursche stets in Fahnen, und zwar in hellfarbigen. Das zeigt Flottheit an und lockt die Mädchen. Doch anstatt der Mädchen gingen die Truthühner auf ihn los, die ihn öfter als einmal gackernd durchs halbe Dorf jagten.

Mit Männern war er etwas ungeschlacht und wich ihnen gern aus, weil sie ihn entweder aufzogen oder unbeachtet ließen, je nachdem sie übermütig oder ernsthaft waren. Bei den Weibern tat er gar holdselig, und oftmals seufzte er in sich hinein: »Ich möcht' eine haben! Wenn ich nur eine kunnt kriegen!« Lange Zeit hatte er nicht gewußt, warum das Plangen war, aber allmählich sickerte das Gefühl in einem Punkt zusammen und endlich wuchs es sich heraus, warum er eine haben möcht'! Nämlich, daß er sagen könnte: »Wenn ihr mich auch hänselt, kriegt hab' ich doch eine« – Besonders eine war, vor deren Angesicht er zerschmolz, wie Butter in der Sonne.

Das war die Rotrubenliese, Jungmagd im Zaunhof. Das war die Lebfrischeste im Umkreis und nach der stand sein Sinn.

Aber der Blindschleicher klagte es seinem Freund, dem Nachtwächter, als sie nachts durch das stille Dorf hinschritten. »Mein Mensch,« klagte er, »du glaubst mir's nicht, was ich für ein Kreuz hab'. 's ist eine Schand und ein Spott, wie mir nach der Rotrubenliese plangt!«

»So greif' zu!« riet der Nachtwächter.

»Greif' zu, Narr, wenn sie nichts von dir wissen will!«

»Von mir braucht sie nichts zu wissen. Ich hab' eh meine Alte höllisch fest an mir.«

»Von mir will sie nichts wissen!« sagte der Blindschleicher. »Was ich ihr schön tu', Freund! Und sie! Wenn ich sag' zu ihr: Liese, guten Morgen, Liese! so sagt sie: Leck' Salz! Und wenn ich sag': Du bist soviel schön, Liese! so sagt sie: Und du bist soviel gescheit, Burschl.«

»Und gefreut dich das nicht?« fragte der Nachtwächter.

»Wie kann's mich denn gefreuen, wenn sie nachher wieder sagt, sie mag nur einen Dummen. Das ist schon eine Verschwefelte, die Liese! Und wenn ich ihr ein Röselein geben will und sag': So bist du, wie das Röselein da, so rot bist du und so gut riechst du und so scharf stichst du! – nimmt sie mir das Röselein so lieb aus der Hand und hält es der Geiß hin zum Fressen.«

»'s hat eilf geschlagen!« rief der Nachtwächter laut, »und du, mein lieber Blindschleicher,« setzte er leise bei, »du mußt es ganz anders angehen, wenn du eine haben willst.«

»Ich möcht' schier verzagen,« klagte der Gärtnerbursche. »Und wie oft hab' ich ihr schon gesagt: Goldene Liese! Diamantene Liese! Hab' ich gesagt, du schmeckst wie Butter und Honig, ich streich' dich auf mein Brot, ich fress' dich vor lauter Gernhaben, hab' ich gesagt, ich küsse dir die Fußsohlen und salbe dir die Fersen mit meinem Bart, habe ich gesagt; wie das Sauerkraut in dem Kübel, so kannst du mich treten mit deinen Füßen und mit den Knien mich zerquetschen, wie du willst, von dir tut mir gar nichts weh. Du kannst mir mit deinen Armen den Hals zusamm'schnüren und mich mit deiner Wang' ersticken, 's tut mir gar nichts weh', du bist mein himmlisches Paradeiserl. – So schön hab' ich gesprochen, denn ich, wenn ich einmal anfang'! Bedenk mein glutheißes Blut! Hab' ich gesagt!«

»Und was hat sie Antwort geben?«

»Geh' zum Bader aderlassen, hat sie mir Antwort geben. Oh, sie ist ein Stein, mein Mensch, sie ist ein Stein.«

»Sei getröstet, Junge,« sagte der Nachtwächter, der ein kluger Mann war. »Steine hebt man nicht mit Winseln und Streicheln, mein Holder. Den Stein auf dem Erdboden muß man erst mit einem tollen Stoß locker machen, dann kann man ihn heben. Verstehst mich?«

»Meinst, daß ich ihr in die Seiten rennen soll, der Liese?«

»Nicht ganz so scharf. Es gibt auch Gleichnisse auf der lieben Welt, mußt du wissen, und wenn ich dir zum Beispiel sag': Du bist ein Esel, so ist das nicht gerade so aufs Wort gemeint, es ist nur ein Gleichnis.«

»Ja, ja,« gab der Blindschleicher bei, »schau, wenn du mir so was sagst, so verstehe ich's leicht. Du bist mein liebster Freund. Aber wenn ich nur 's Mädel haben kunnt!«

»Die Weiber,« so belehrte jetzt der Nachtwächter, indem er stehenblieb und sich auf seinen langen Spieß stützte, »die Weiber sind eine ganz besondere Art Gottesgeschöpf. Der erste Mensch, der ist noch nicht gar gut geraten, wie's halt schon geht, so lang' man's noch nicht in der Hand (Übung) hat. Aber der zweite – mußt betrachten – der ist schon besser geraten. Ich sag' dir's kurz: Der Mann ist des Gottschöpfers Lehrbubenarbeit, das Weib ist sein Meisterstück. – Sie haben ihre Eigenheiten, daß es gar nicht zu glauben ist! Aber ich kenne sie! Ein Nachtwächter, mein Lieber, der alle Stund' der Nacht sein Aug' offen hat, der kennt die Sachen! Wenn du eine mit Feinheiten und Süßigkeiten nicht gewinnst, so denke, daß man alle Vögel nicht mit Zucker ködert. Versuch's mit deiner Liese, beleidige sie einmal. Nicht so halb und halb, sondern tüchtig; tu' ihr was an, daß sie an dich denkt; sie wird schon aufhören, zu hänseln, du wirst ihr nicht mehr gleichgültig sein, sie wird dich vielleicht sogar hassen, aber, mein Freund, du mußt wissen, daß der Haß viel näher bei der Liebe steht, als die Gleichgültigkeit. Ich kunnt dir Geschichten erzählen! Und das meine ich mit dem Stoß und daß der Stein nur einmal locker wird. Beleidige sie, verlieren kannst nichts. – Es hat zwölfe g'schlagen!«

Ob die Stunde schon aus war, ist nicht erhärtet, aber gerufen hat er sie. »Denk' nach darüber,« sagte er noch.

Der Blindschleicher ging seiner Wege und traf umfassende Vorbereitungen, darüber nachzudenken. Er ging stundenlang zuerst den Bach entlang; aber wie kann einem denn was einfallen, wenn das Wasser so rauscht! Dann schlich er über die Felder, da waren es wieder die Grillen, oder es stand dort eine schwarze Gestalt, die möglicherweise ein Geist sein konnte. Zwar hatte ihm der Schulmeister einmal gesagt: »Blindschleicher, ich gebe dir mein Wort, vor einem Geist kannst du sicher sein!« – aber wer weiß! Es ist ja doch ganz sündhaft, so in der Nacht was ausdenken, wie man der Liebsten was Böses antun kann. »Meinetwegen, auf die Sünd' schau ich nicht, wenn ich sie nur bekomm'.«

Erst als er in seiner Kammer die Stiefel auszog, fiel's ihm ein: Auf dem Kirchweg', wo es alle Leut' sehen, schlagst ihr einen Haspel (ihr ein Bein stellen, einen Fuß ausschlagen), daß sie auf die Straßen fällt. Als er jedoch im Bette lag, gefiel ihm diese Sache nicht recht. Da ist's vielleicht vernünftiger, er tut das, was der Holzfranzl seiner untreuen Geliebten einmal getan hat, der führte sie ins Wirtshaus und ließ ihr abgeschmatzte Zwetschkenkörner vorsetzen. Nur ist es wahrscheinlich, daß die Liese gar nicht mitgeht. Am tiefsten freilich, meinte er, würde er ihr damit weh' tun, wenn er hinginge und sagte: »Liese, lebe ewig wohl, ich geh' sterben!« – Das war ein Gedanke! Der Blindschleicher erschrak nachgerade darüber, daß in seinem Haupte ein so gewaltiger Gedanke aufgestanden war, der konnte darin kaum aufrechtstehen, er stieß überall an – schließlich tat dem armen Burschen der Kopf weh', und am nächsten Morgen, als er aufstand und die helle Sonne auf die Blumen des Gartens schien, war er sich darüber klar: Blindschleicher, vom Sterben sagst nichts.

Derselbe Tag war ein Sonntag, er zog also ein strammes, aschgraues Beinkleid an, eine gelbgeblümte Weste mit der kirschroten Krawattenfahne darüber, besteckte die Knopflöcher des blauen Jackettels mit Rosenknospen, auch das braune Rundhütchen mit Rosmarin, strich die Haarsechser in zierlichster Ordnung gegen seine beiden Wangen heraus, tat dem sprossenden Bärtl etwas zugute, und wie ihm nun der Spiegel bestätigte, daß er unwiderstehlich sei, schwoll sein Herz plötzlich in der Ahnung: »Blindschleicher, heut' ist ein besonderer Tag, heut' mußt du eine kriegen!«

Es war ein fast feierlicher Gang hin durch die Kastanienallee gegen die Abelsberger Kirche, und bei diesem Gange nahm er sich vor: am heutigen Nachmittag will er die Liese aufsuchen und schwer beleidigen. Sie weint, sie schmollt, er bittet ihr's ab, dann steht die Sache schon ganz anders. – Sollte aber dieses äußerste Mittel bei der Rotrubenliese nicht verfangen, so tut er auf sie nicht weiter spekulieren, sondern beleidigt eine andere. Beleidigen läßt sich eine jede, das ist das wenigste!

»Da geht schon wieder der Dirndljager!« kicherte ein loser Junge, als der Blindschleicher an einer Gruppe von Burschen halb hochmütig, halb befangen vorüberkam. Den, der da gerufen, möchte er nun auch beleidigen, aber getraut sich nicht recht.

Als er zur Kirche kam, wo sie gerade zum Hochamte läuteten, so daß sich die Leute zur Tür hineindrängten, tat auch der Blindschleicher mit. Und wie er im Gedränge so zurückblickte, wer's denn hinten gar so eilig habe, sah er ganz nahe an sich – die Liese. Sie kicherte mit mehreren Burschen, die sich neben sie heranpreßten. Der Blindschleicher sah den Weihbrunnkessel, worin jeder die Finger eintauchte, um sich und die Fernerstehenden, die nicht zum Kessel gelangen konnten, zu besprengen. In dem Augenblicke fiel dem Gärtnergehilfen ein: Jetzt tu' es, jetzt beleidige sie. Tauchte seine gehöhlte Hand ins Wasser, rief: »Da ist auch eine, der man den Teufel austreiben muß!« und schüttete der Rotrubenliese den ganzen Inhalt der hohlen Hand ins Gesicht.

Die Liese tat einen Atemstoß, sagte hell und laut: »Er ist schon heraußen!« und versetzte dem Burschen mit klatschender Hand eine auf die Wange.

Und das ist die Geschichte, wie der Blindschleicher zu einer gekommen ist.

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