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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Die Abelsberger der Majestät.

»Geschehen muß was!« sprach der Vorstand im hohen Rate zu Abelsberg, »denn warum muß was geschehen? Weil uns oberen Orts ist kundgemacht worden, daß sie in drei Tagen durchfährt. Sie hat's gern, wenn was ist, und von den Abelsbergern wird was erwartet.«

»Aber was! Ich hab' noch keinen blassen Nebel davon,« rief der Hirschenwirt, »ist dir was eingefallen, Vorstand?«

»Bei einem Haar wär' mir was eingefallen,« berichtete dieser, »just ein klein bissel ist mir die Nacht zu kurz worden. Die ganz' Nacht Hab' ich mich zerstudiert, daß mein Weib schon toll ist worden, und g'rad wie mir was will in den Kopf kommen, geht der Morgenstern auf, und aus ist's, gar ist's mit dem Ausdenken.«

»Darf ich reden?« fragte der Färbermeister.

»Soviel du willst,« sagte der Vorstand, »ich weiß eh nichts mehr.«

So sagte der Färber: »Was werden wir denn machen? Ich denk', so ein Volksfest richten wir her; die Oberziller Musikbande, den Zitternschlagermaxl, einen Triumphbogen da oben bei der Maut, ein paar Baumkraxler, ein paar rinnende Weinbrunnen, und wenn sie kommen, daß ein feister Ochs niedergeschlagen wird auf dem Platz!«

Die Idee war groß, er blickte in die Runde des hohen Rates. Aber der Rat Hufschmied stand auf und sagte: »Das ist nichts, das hat sie hundertmal schon gesehen und besser, als wir's zuweg bringen. Das Triumphbogenbauen ist keine Kunst, wo soviel G'reisig zu Handen ist, als wie bei uns, und das Ochsenniederschlagen auch nicht. Wir müssen in die Zeitung hineinkommen! Wir müssen was machen, was die Majestät noch nicht gesehen hat, was Kopf und Fuß hat, und was den Abelsbergern Ehr' macht. – Na ja, versteht sich, daß ich was weiß. Unser Volk im Feiertag, in seinen Lustbarkeiten vorstellen, auf das halt' ich nichts; die Herrschaften, wenn sie nie was anderes sehen, täten 'leicht glauben, hierzuland hätten wir alleweil Sonntag. Bei ihrer Arbeit muß man den Leuten zuschauen; das wird die hohen Herrschaften unterhalten, und sie lernen was dabei. Desweg sag' ich, daß wir da ober Abelsberg an beiden Seiten der Landstraße in Gruppen die Arbeiter, als den Landmann, den Handwerker, den Jäger, den Halter, den Holzhauer und wie sie halt alle sind, mit ihren Verrichtungen aufstellen – und wenn die Wägen kommen, sollen die Leut' flink arbeiten. Das ist mein Rat.«

Der Mann, der die Schrift führte, wollte sofort in die Chronik schreiben, daß am 24. August des Jahres 1828 nach Christi Geburt im Rate zu Abelsberg eine gescheite Rede gehalten worden wäre. Der Vorstand nahm nun das Wort und sagte: »Ich halte nichts darauf, daß unser Volk allemal im Feiertag und Lustbarkeit da ist. Die hohen Herrschaften lernen nichts dabei. Den Leuten muß man bei ihren Arbeiten zuschauen, und so ist meine Meinung, daß da oben an der Landstraße Arbeitsleute aufgestellt werden sollen: der Bauer, der Schlosser, der Rastelbinder und wie sie halt alle nacheinander her sind – und daß sie fleißig arbeiten, wenn die Wägen vorüberfahren. – Sein die Manner mit mir einverstanden?«

»Vorstand!« rief ihm der Rat Schneider zu, »für das wirst du Baron!«

Der Hufschmied machte ein langes Gesicht. Der Vorschlag des Vorstandes wurde angenommen. –

Nun gab's ein paar Tage lang Arbeit über Arbeit. – Den Rastelbinder brauche man eigentlich nicht dabei, bedeutete einer dem Vorstand, denn es wäre keine einheimische Figur, die käme nur so zu gelegener Zeit aus Schlovakien daher. Aber der Handel und Wandel des Landes müsse zum Ausdrucke kommen, daß die Majestät ein vollständiges Bild von dem Leben und Treiben der Bevölkerung gewinne. Es wäre nur zu verhüten, daß nichts dabei vorkäme, was auf den Landesvater einen unangenehmen Eindruck machen könne.

Und am vierten Tage sollte die Durchfahrt des Kaisers Franz stattfinden. Des alten Kaisers Franz, der noch auf keiner Eisenbahn fahren konnte, der im Gerüttel feiner Wagen, im Zeremonientaumel seines Gefolges, im plebejischen Staube der Straßen über Land reisen mußte, wollte er die Zustände seines Reiches prüfen und von seinen treuen Völkern einmal Huldigungen entgegennehmen.

Er hatte Feste und Aufzüge, ihm zur Ehr' gebracht, nicht ungern, denn für gar manches war ihm das Bewußtsein feiner Kaiserwürde eine hohe Genugtuung.

So bewegte sich um 11 Uhr des 28. August die Wagenburg gen Abelsberg heran. Eine halbe Stunde vor dem Städtchen begannen die Wunder. Auf dem Felde ackerten Bauern und säeten Korn; gleich daneben klangen die Sicheln der Schnitter, die Sensen der Mähder, und die Arbeiter hatten ihre bunteste Sonntagstracht an.

Am Berge war ein Stollen, aus welchem flinke Knappen reines Erz schafften, und ein paar Eisenhämmer schmiedeten Sensen, Pflüge und Schwerter. Im Wäldchen jodelte der Holzhauer und hallten stürzende Bäume. Der Hirte trieb eine Herde schöner, bekränzter Rinder über die Au, die Sennin molk unter dem Schatten einer Tanne ihre Kuh und der Jäger schoß gerade im Augenblicke, als der kaiserliche Wagen herankam, einen ausgestopften Auerhahn vom Lärchbaum. Das Wunderbarste aber waren die Obstbauern, die von alten Holzbirnbäumen die feinsten Butteräpfel schüttelten, und die Winzer, welche aus Erlen- und Weidengebüsch Trauben schnitten. Es ging nicht anders, und wenn das ganze Land zusammengerückt sein sollte auf etliche Joch oberländischen Grundes, so mußte das Erz wohl einmal im eitlen Sand und der Wein aus Weidenstäben wachsen. So unerhört fruchtbar war der Boden bei Abelsberg, und der Obersthofmeister hauchte dem Kaiser zu: »Majestät, aber das ist ja prächtig! Was Majestät für ein Land haben!«

Seine Majestät, höchst erfreut von dem fröhlichen Aufzuge, wollte den Ortsvorsteher sprechen. Noch dauerten an beiden Seiten der Straße die Vorstellungen; auch ein Hochzeitszug und ein Taufgang war dabei, und Volkslieder wurden gesungen und zum Schlusse, dort wo der bekränzte Eingang prangte – kauerten etliche Krüppel, ein Kretin und ein paar alte zerhauene und zerschossene Militärs mit Weib und Kind im Straßenstaub und wimmerten mit aufgehobenen Händen um Almosen. Denen war's Ernst.

Der Hof stutzte sehr – gar sehr stutzte er über eine solche durchaus nicht harmlose Pointe der Festlichkeit – und nach dem Ortsvorstande, der mit seinem Rate auf dem Marktplatze tief geknickt stand, wurde nicht mehr verlangt.

Vor dem Tore des Posthauses standen sechs Blumen streuende Bauernmädchen, aber die Wagen rollten vorüber und hielten nicht in Abelsberg.

Der hohe Rat war aus Rand und Band. Das Bettelgesindel verhaftete er sofort; aber der Kretin grinste und die alten Krieger mit ihren elenden Familien meinten, sie hätten gehört, daß das ganze Land bei dem Aufzuge vertreten sein sollte, und da hätten sie gedacht, die viele Armut, die da sei, gehöre sozusagen auch zum Lande, sie hätten des weiteren gerechnet auf etliche Silberbatzen oder einen warmen Löffel Suppe, was freilich eine ganz verfehlte Rechnung gewesen wäre.

Der Bürgermeister wollte diese Leute, die das schöne Fest so jämmerlich verdorben hatten, in den Arrest sperren lassen.

»Tu' das, Vorstand,« sagte der Rat Hufschmied. »Brauchst gar nicht zuzusperren. Wenn die armen Hascherln was zu essen kriegen, bleiben sie auch so.«

Ist später Vorstand geworden, der Hufschmied.

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