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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Die Hungerkur zu Ober-Abelsberg.

Erzählung eines Schneiders.

Als ich vor fünfzehn Jahren bei dem Schneidermeister Johann Ölzl in die Lehre getreten war, wurde mir mitgeteilt, daß der Meister vor mir einen gar anstelligen, gescheiten und braven Lehrjungen gehabt und daß er denselben – verjagt habe. Das ging mir nahe. Der Ölzl war als gerechter Mann bekannt. Wenn er schon die Gescheiten und Tüchtigen verjagt, wie wird's erst mir ergehen? »Tröste dich,« sagte ein guter Bekannter, »vielleicht sind ihm die Ungeschickten und Dummen lieber.« Mich hat er tatsächlich nicht verjagt. Indessen hat es mir damals keine Ruhe gelassen. So ging ich eines Sonntags ins Dorf Gassel hinüber, wo jener Lehrling bei einem andern Meister eingestanden war und fragte dreist, weshalb ihn der Johann Ölzl fortgeschickt habe.

Der Junge – Zenzl hieß er, ein helläugiger Bursche – machte ein pfiffiges Gesicht und antwortete: »Das will ich dir wohl sagen. Der Hungerkur wegen ist's hergegangen.«

»Was? der Hungerkur wegen? Beim Ölzl hat man doch alleweil genug zu essen!« »Beim Ölzl schon. Aber beim Schusterpratz nit,« sagte der Junge. Jetzt, soweit verstand ich. Der Schusterpratzhof in Ober-Abelsberg war den Handwerkern bekannt, daß bei ihm ein gewisser Schmalhans Küchenmeister sei. Der hätte berichtigen können; erstens war in der ganzen Gegend kein Schmalhans bekannt, zweitens war derselbe unbekannte Schmalhans nie beim Schusterpratz im Dienst gewesen, ja, es war nachgewiesen, daß der Schusterpratz nie einen Küchenmeister gehabt habe. Wohl aber eine sehr tugendhafte Bäuerin, deren Tugend in der Sparsamkeit bestand. Schöner kann man über eine Abwesende doch nicht mehr sprechen.

Nun war es einmal an einem Winterabend zwischen Lichten. Zwischen Lichten, so nennen die Handwerker jene halbe Stunde der Arbeitslast zwischen dem Taglicht und dem Nachtlicht. – In einer solchen Zwischenlichtenstunde nun war es damals beim Schusterpratz, wo die Schneider auf der Ster saßen, dem Lehrjungen Zenzl eingefallen, er wolle den Hausvater aufsuchen. Der Schusterpratzvater war nämlich schon mehrere Tage lang im Hofe nicht mehr gesehen worden. Es hieß, er sei schwer an der Herzgicht leidend und er müsse eine Hungerkur gebrauchen. Als die Bäuerin den Schneidern das mit Besorgnis mitgeteilt hatte, soll der Meister die Hände über den Kopf zusammengeschlagen und ausgerufen haben: »Aber du liebester Gott, warum ist er denn nicht dageblieben? Da tät' ich ihm doch auf der ganzen Welt kein gesünderes Haus wissen, als den Schusterpratzhof!«

Der Bader in Ober-Abelsberg hatte in Anbetracht der Kränklichkeit des alten Bauers von der Notwendigkeit einer strengen Hungerkur gesprochen und der Schusterpratzvater war also fort. Es hieß, im Ausgedinghäusel, das oben am Waldrande stand, betreibe er seit drei Tagen mit großem Fleiß die Hungerkur. Und die Leute sagten, jetzt werde das zaundürre Krüsperl bald hin sein. So redet man höchstens von einem Tier und kann ich derlei grobe Reden überhaupt nicht leiden. Ging nun zwischen Lichten der Lehrling hinauf, um zu spähen, ob der Alte wohl auch im Häusel sei und ob ihm am Ende nicht etwas widerfahren wäre. Es kann bei so einem Jungen natürlich nur die reine christliche Liebe gewesen sein, nicht etwa Neugierde oder Vorwitz!

Als er hinaufkam zum Ausgedinghäusl, sah er im Fenster schon den Lichtschein. Der Junge trat leise in das dunkle Vorgelaß. Da roch es wie beim Ochsenwirt zu Ober-Abelsberg am Sonntag. Er tastete nach einer Tür und klopfte höflich an; denn Schneider sind gebildete Leute. Er mußte ein zweitesmal klopfen, da rief drinnen eine rasselnde Stimme: »Nau! Ist eh offen!« Vor lauter Hungerkur mußte der Patient das Zusperren vergessen haben. Ist der Zenzl bescheidentlich eingetreten und was hat er gefunden? Bei einer Ölfunzen am Tisch sitzt, die langen Ellbogen fast behaglich auseinandergespreizt, der alte Schusterpratz. In der rechte Hand hat er die Gabel, in der linken das Messer – und ißt, daß die Wangen bauchen und die Lippen schmatzen. Vor ihm stehen in Schüsseln und Töpfen Mehlklöße mit Speckgrammeln, Rauchfleisch mit Sauerkraut, Weißbrot mit Butter. Und ein großer, braunglasierter Krug, der kleine Tröpflein schwitzt.

»Oh, das Schneiderbübel ist's«,« sagte der Alte. »Das ist brav, baß du mich einmal heimsuchst. Seid's alleweil noch nit fertig bei mir unten? Arm seid's dran. Geh her, halt mit ein bissel. Wirst gewiß was mögen.«

»Mögen,« antwortete der Junge schüchtern, »mögen tu' ich schon was.«

»Wart', wir tun noch ein paar Scheiter in den Ofen!« Und als das Feuer frisch brüllte, bekam der Junge Eßzeug vorgelegt, doch bevor er anhub, schaute er dem schon wieder schmausenden Bauern mit Verwunderung zu.

»Na also, pack' an, pack' an, Kleiner! Wird dir auch gut tun, die Hungerkur.«

»Die Hungerkur?« lachte der Junge.

Da lachte auch der Alte und sprach: »Wenn das keine Hungerkur ist, Speckknödel, Rauchfleisch und Butter, nachher weiß ich nit, was eine Hungerkur ist.«

Nach seinem bisherigen Dafürhalten war dem Lehrjungen diese Auffassung neu, aber nicht dumm. Er begann zu essen.

»Gelt du, die Schusterpratzmutter ist brav,« sagte der Alte plötzlich.

»Warum meint der Vater?«

Er rieb mit der umgekehrten Hand seine grauen Bartstoppeln und antwortete: »Weil sie dir einen so guten Appetit hergerichtet hat. Mir hat sie schon auch einen hergerichtet, schon lang alleweil. Bis der Mensch die Herzgicht kriegt. So hab' ich mir's da heroben kamod g'macht. Bei der Nacht geh' ich immer einmal hinab, siehst du, da! – Mußt mich aber nicht verraten, Kleiner!« Aus der Pelztasche zog er, vorsichtig um sich blickend, einen großen rostigen Schlüssel. »Ist lange verloren gewesen, der. Sie weiß nichts, daß ich ihn gefunden hab' und bei der Nacht die Vorratskammer aufsperren tu'! Was glaubst denn! Wenn ich auf das anstünd', was sie mir heraufschickt, da wurd' mein Hunger schwerlich kuriert werden. Wenn's nit anderwärts gute Leute tät' geben! Der Ochsenwirt verlaßt mich ja auch nit. – Geh', Bübel, jetzt pack' einmal den Krug an!«

Der Zenzl würgte, um dem Wunsche des Schusterpratzvaters prompt nachzukommen, rasch den Brocken hinab, faßte den stattlichen Krug mit beiden Händen und nahm einen Schluck ... Wasser war das nicht. So ein wenig herb und ein wenig zuckerig und schneidig auf der Zungen!

»Was ist denn das im Krug?« fragte er.

»Das ist was Gutes, weißt wohl. Ein Ungarischer. Schadet dir nit.«

So nahm der Junge einen ausgiebigeren Schluck, da »verkutzte« er sich, daß ihm der Alte auf den Buckel klopfen mußte.

»Stark ist's,« würgte er. »Ist gesund. Brennt das Geselchte und die Knödeln sauber zusamm' im Magen, daß wieder was Platz hat. Schau nur dazu, iß dich satt für die Wochen.«

Der Junge war ein sehr folgsamer Lehrbub. Als sein Eifer im Essen doch nachließ, guckte er einmal wissenshalber in den Krug. Braun ist's. Und schmecken tut's alleweil besser. Lustig wird's! Das hat er sich gar nit gedacht, daß es da heroben im einschichtigen Ausnahmshäusel so lustig sein kann.

»Aber wenn du mich verraten tust, Bub!« gab der alte Bauer mit ernsthaftem Kopfnicken zur Warnung.

»Eh' wenn ich Euch verrat',« versicherte der Zenzl, »eh lass' ich mich vom Teufel bei den Füßen im Rauchfang aufhängen.«

»Nachher – hätten's in der Höll' auch was Geselchtes,« kicherte der Alte.

Wurde der Lehrjung' kecklich: »Soviel hungerleiden werden wir kaum da drunten, als wie bei der Schusterpratzmutter.«

»Gelt? Gelt ja! Ein gescheit's Bübel bist! Und wenn ich nit eher verraten werd', so bleib' ich da, bis die ganze Vorratskammer aufgegessen ist. Die Butter ist eh' schon ranzig und der Schunken dorten beim Uhrkasten. Wegschmeißen muß man ihn, modeln (stinken) tut er. Sag', Bübel, was denkst du über die Schusterpratzmutter? Ist es Sparsamkeit oder Neid?«

»Neid!« schrie der Junge.

»Siegst es!« rief der Alte und patschte beide Hände auf die Oberschenkel, »uns muß der gleiche Floh gebissen haben, weil wir die gleichen Gedanken haben! Trink'!«

Zurzeit schlug die Uhr.

»Schon fünfe?« fragte der Zenzl.

»Ja und eins dazu.«

»Sechse? Nachher werd' ich schön stad gehn müssen,« sagte der Junge, während er schon eine ganze Stunde versäumt hatte. »Mein Meister wird nix sagen,« setzte er vergnüglich bei; in solchem Zustande ist beim Menschen ja alles leicht geschlichtet. Darum ist der Zustand so beliebt; aber der Lehrjunge wußte nichts davon, er meinte, die ganze Glückseligkeit käme davon, weil es in der lieben Welt halt überall gar so gemütlich sei. Als er lachend zur Tür hinausstolperte, trug ihm der Bauer auf, der Zenzl möcht' am Samstag, wenn er nach Ober-Abelsberg käme, dem Ochsenwirt sagen, er sollt' den in der Hungerkur nicht vergessen.

Gelenkig wie ein Reh hüpft der Zenzl über das Schneefeld hinab in der Mondnacht. Jauchzen, soviel nur vom Munde geht! 's ist gar zu lustig auf der Welt! – Morgen abends wird er wieder hinaufgehen zum alten Schusterpratz, da oben ist's soviel gemütlich! Er kommt herab zum Hof, er tritt ins Haus. Als er durch die Küche geht und sieht, wie die Schusterpratzmutter just das Nachtmahl kocht – in der großen Pfanne die Wassersuppe – da lacht er hell auf. Soviel Spaß hat ihm eine Wassersuppe sein Lebtag nicht gemacht wie heute. Er tritt in die Stube. Beim Tisch mit der Lampe sitzt der Meister Ölzl, näht am Loden und hat ein finsteres Gesicht.

»Ist der junge Herr endlich da?« fragt er mit einer ausgehöhlten Geisterstimme.

»Ein bissel verweilt,« antwortet der Lehrjunge heiter, »das macht ja nix.«

Der Meister läßt die Nadel ruhen und starrt auf den Jungen.

»Ja, was ist denn daaas?« frägt er. Die Gegenred' ist ihm was Neues.

»Gehn's, gehn's, Meister, tun's nit a so!« lacht der Junge. »Wegen einer halben Stund' da. Der Mensch lebt eh nur einmal. Wenn's beim Meister einmal so lustig ist, wird er auch um eine halbe Stund' länger ausbleiben. Mich g'freut's halt just einmal. Ist was zum Bügeln? Soviel schon hat der Meister g'näht derweil? Brav ist er g'west. Geltn's, Meister, wir wollen nett sein miteinand', 's ist halt gar soviel lustig!«

Dieweilen er aus dem Küchenfeuer das Bügeleisen holt, kann sich der Meister Ölzl immer noch nicht fassen. – Ja, was hat er denn heut'? Ist er verruckt worden? Oder gar b'soffen?

»Gut ist's gebraten!« sagt der Junge und hält das Bügeleisen hin, daß der Meister sehen soll, wie es fast glüht. »Wenn die Schusterpratzmutter so gut Bratel braten kunnt, wie Bügeleisen braten! Also her mit der Hosen!« Er spannte sie über die Tischecke und in dem Augenblicke, als das munter hingestoßene Bügeleisen den Loden berührte, stieg der blaue, brenzelige Rauch auf.

Jetzt sprang wie ein Löwe der Meister empor, riß ihm das Bügeleisen aus der Hand und schleuderte es in den Stubenwinkel hin, daß die Wand krachte.

Einen Augenblick Totenstille. Dann hob sich der Meister Johann Ölzl zu einer würdevollen Haltung und sprach leise, aber nachdrücklich die Worte: »Vinzenz, geh' jetzt ins Nest. Morgen früh will ich dich aber nimmer sehen. Wir zwei sind fremd.«

Als der Junge solches vernahm, war er plötzlich nüchtern geworden. »Beleidigt ist der Meister? Aufgekündigt hat er mich? Ja, warum denn? Wahrscheinlich hab' ich was Dummes gemacht. Um Verzeihung bitten? Ja, freilich, ich werd' um Verzeihung bitten, weil 's einmal lustig ist g'west!«

Er packte seine Sachen in den Ranzen und den Ranzen auf den Rücken. »B'hüt Gott!« würgte er noch hervor und dann ging er davon.

Nicht ins Nest ist er gegangen. Im stillen Mondlicht ist er dahingegangen über Berg und Tal, bis er um Mitternacht vor der Hütte seiner Mutter stand. Dort stieg er von außen die Leiter hinan und legte sich auf dem Überboden ins Heu. Am nächsten Tage guckte er durch eine Dachspalte und sah, wie sein hinkendes Mütterchen mit Korb und Stecken ausging ins Tagewerk. Er zeigte sich nicht auf, sie braucht von nichts zu wissen, bis die Falte wieder ausgebügelt ist. Und zwar, ohne daß er den Loden versengt! Er wusch sich am Brunnen das Gesicht und ging hinaus ins Dorf Gassel, wo er bei dem ehrenwerten Schneidermeister Matthias Schreckenberger eine neue Statt gefunden hat.

Ich hatte mich beim Zenzl dann noch erkundigt, welchen Verlauf beim alten Schusterpratz die Hungerkur genommen hat. »Das kannst dir wohl denken,« war seine Antwort.

Ich kann mir's aber nicht denken. Als ich beim Meister Johann Ölzl in die Lehre trat, war der Schusterpratz nicht mehr vorhanden. Zu früh vom Ausgedinghäusel zurückgekehrt, soll er in Ermangelung anderer Nahrung ins Gras gebissen haben.

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