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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Der Beinbrucharzt zu Abelsberg.

Na, da kann die heilige Margareta eine Freude haben, wenn an ihrem Namensfeste zu Ober-Abelsberg allemal einer erschlagen wird.

Was willst du denn? Ist ja keiner erschlagen worden diesmal, nur den Fuß haben sie dem Fleischhauer gebrochen, oder vielmehr er sich selber, als er zur Tür hinausflog auf den Antrittstein. Das ist ja genug! sagt ihr in eurer Bescheidenheit.

»Das ist zuviel!« ächzt der Fleischhauer, »den Steffel ruft mir, ihr lieben Leut', ihr guten Leut', den Steffel!« wimmert er. Ach Gott, wenn ein Fleischersmann so wimmert, der sich vor keinem Blute fürchtet, falls es nicht aus seinem eigenen Leibe rinnt! Soll's doch von seinen Ochsen lernen, ein Fleischer, wie man hinfällt, wenn man getroffen ist, und weiters kein Aufhebens macht. Aber ein Aufhebens muß man diesmal doch machen, denn liegen lassen kann man ihn nicht, den Fleischhauermeister Falent.

Also den Steffel! Den Beinbrucharzt! Als sie den Fleischer in sein Haus tragen, erheben im Stalle die Kälber ein flöhlich Geplärr, aber ihre Mutter, die Kuh, brummt: »Halt's die Mäuler, dumme Vieher, um den Steffel ist geschickt. In drei Wochen ist der Satan wieder auf den Beinen.«

Mittlerweile kommt der Bote: »Mit dem Steffel ist's nichts. Der Steffel ist eingesperrt.«

»Jesses! na, was hat er denn angestellt?«

»Beinbrüche hat er geheilt!«

»Dodl, das ist ja nichts Schlechtes.«

»Und den Doktor hat er geschimpft. Und hat ihn der Doktor einsperren lassen.«

»Weil er geschimpft hat?«

»Weil er Beinbrüch' geheilt hat. Ehrlich wahr auch, Beinbruchheilen, das ist verboten, das dürfen nur die Geprüften.«

»Aber, Halbesel du, wenn sich einer gach das Bein bricht, da hat der Steffel nicht erst Zeit, sich prüfen zu lassen.«

»Deswegen soll man zum Doktor gehen, sagt der Doktor. Der Doktor ist schon geprüft, sagt der Doktor.«

»Oh! – oh! – oh! die Schmerzen!« wimmert der Meister Falent. »Kein Knochen kann mehr ganz sein,« klagt der Meister, »alles wackelt, ach!«

Jetzt was ist zu machen? den Doktor holen?

»Tät' ich nicht,« sagten die Nachbarn, »der Doktor hat's aus den Büchern. Mit dem Kopf wird er's gut können, das Beineinrichten, aber mit der Hand, das ist eine andere Frage. Und woher denn? Er hat ja keine Gelegenheit, daß er sich übt. Jeder, der sich was bricht, braucht den Steffel.«

»So ist's,« sagt ein anderer. »Nachher das auch: die Doktoren tun soviel gern studieren, jeder will selber was profitieren bei so einem Fall, wenn's auch weh tut, das macht nichts, leiden tut's ja der Kranke und dafür ist er krank.«

»Ich will nicht sagen, daß sie's nicht können, die Doktoren, das will ich nicht sagen,« rief wieder ein anderer drein, »nach der alten Weis' einen Fuß einrichten, das ist ja keine Kunst. Aber sie tun herum, ob's nicht auch nach einer neuen Weis' ginge. So was muß man ja auf verschiedene Art machen können; der Mensch lernt nicht aus, und auf die Wissenschaft muß man denken, heißt's. Und nachher ist's nichts nutz und muß es doch wieder frisch gebrochen werden, das Bein, wenn ein ordentlicher Beinbrucharzt dazukommt. Na, na, zu einem Probierstein ist gerad' nicht jeder Mensch hart genug.«

»Wo sitzt er denn, der Steffel?« schrie der Fleischhauermeister in heller Verzweiflung.

»Im Gemeindekotter.«

»Meine Gesellen sollen gehen, die Schlaghacken mitnehmen, den Kotter aufsprengen.«

»Nachbar, das geht nicht,« mahnte der Bachelwirt, »aber ich weiß was anderes. Mit dem Richter bin ich gut bekannt. Ist ein kamoder Herr. Kannst auch einmal ein feistes Schweindl springen lassen zu Weihnachten oder so. Wird ihn gefreuen. Ich schicke hinüber. Wastel, geh' her, da hast einen Sechser. Lauf' eilends zum Herrn Richter nach Abelsberg. Ich und der Herr Fleischhauermeister lassen ihn bitten, er wollt' uns den Steffel auf ein Stündel herüberlassen, nur auf ein Stündel, der Herr Falent hätt' Unglück gehabt, und wir täten – na wart', bleib' da, ich muß schon selber gehen, wird gescheiter sein. Nur nicht verzagt sein, Nachbar, ich bring' den Steffel. Dieweilen alles herrichten. Das Bett in die Mitten von der Stuben rücken, Weiberleut'! auch ein paar Stricke werden wir brauchen. Behüt' Gott, werden bald da sein.«

Der Richter ist beim »Goldenen Fuchsen« auf dem Scheibenschützenstand.

Der Ober-Abelsberger Wirt brauchte sich nicht zu ducken, er trifft auch mitunter ins Schwarze – besonders wenn er die Zechschulden der Abelsberger Bürger an die Tafel kreidet. Aber heute schleicht er so wunderlich an und läßt durch die Kellnerin den Herrn Richter bitten – nur auf ein paar Wörtel.

»Was gibt's Neues, lieber Bachelwirt!« so der Richter.

Der Wirt winkt ihn so ein wenig abseits gegen die Linde. »Ein großes Gebitt!« hebt er an und trägt sein Anliegen vor. »Bei einem Raufhandel!«

»Wo sind denn die Gendarmen wieder?« brauste der Richter auf.

»Ein Beinbruch!«

»Und dann allemal zum Richter, zum Richter. Der Richter kann das Krumme nicht gerad' machen.«

»Ist nicht krumm, ist ganz ab.«

»Haben Sie ihn schon?«

»Liegt elendiglich dahin.«

»Ob sie den Raufbold schon haben?«

»Das weiß ich nicht. Der tut jetzt auch nicht weh. Aber das Bein soll so höllisch weh tun. Wir bitten um den Beinbrucharzt.«

»Habe ich Beinbruchärzte?« lachte da der Richter grell auf.

»Einen hat der Richter, einen hat er. Und recht gut aufgehoben. Nur auf ein Stündel Urlaub, wenn der Steffel Zeit hätt'.«

»Aber zum Teufel!« sagte der Richter, »ein Beinbruch, da geht man zum Doktor.«

»Ist nicht daheim,« log der Bachelwirt, »soll erst abends heimkommen. Solang' kann aber der arme Meister unmöglich warten, unmöglich! Der Fuß schwillt auf, unterlauft mit Blut, ist nachher nichts mehr zu machen. Kunnt ein Krüppel bleiben auf sein Lebtag.«

»Ja, mein Gott! Ihr werdet einsehen, daß man einen Arrestanten nicht auslassen kann, und schon gar nicht, um ihn wieder etwas vollführen zu lassen, weswegen er abgestraft ist.«

Faßte der Bachelwirt den Richter sachte am Arm und sagte leise: »Wir wissen es alle miteinander. Der Kurpfuscherei wegen wird der Steffel nicht eingesperrt. Beinbruchdoktorn tut er und hat er dabei wohl mehr Gutes gestiftet als wie Schlechtes! Wohl mehr Gutes! Von weitum laufen die Leut' zu ihm zusammen. Soll ihm ja nächstens ganz und gar erlaubt werden, sagt man.«

»Mag sein, mag alles sein,« wehrte der Richter ab.

»Mit Verlaub,« fuhr der Wirt fort, »der Steffel sitzt, weil er den Doktor hat geschimpft. Und soll sitzen. Soll sitzen, solang' er will. Nur für das Stündel, für das einzige Stündel! Es ist eine Freundschaft, die wir Ober-Abelsberger dem Herrn Richter nie vergessen werden.«

»Wer bürgt mir denn, daß er wieder zurückkommt?« fragte der Richter.

»Ich, Herr Richter, ich! Mit meinem Kopf, mit meinem ganzen Haus, mit Küch' und Keller, Herr Richter, das Faß Kerschbacher, ich nehm's nicht aus. Der Fleischhauer bürgt auch mit was, ich weiß es. Und wenn ich ihn am Strick muß führen, ich bring' ihn wieder.«

»Es ist schwer zu verantworten –«

»Wenn er ihn nur schreien kunnt hören, der Herr Richter, den armen Teufel! Es geht einem durch Mark und Bein.«

»Schwer zu verantworten für einen Richter –«

»Nicht Richter! Nicht Richter diesmal, Herr Richter. Diesmal nur Mensch, der helfen kann, der helfen will und niemand davon einen Schaden hat. Ich weiß es gewiß und ich habe gesagt: ich geh' nicht umsonst, hab' ich gesagt. Zu unserem Richter geht man nie umsonst, wenn man in der Not ist, der hat nicht allein den Kopf, hab' ich gesagt, der hat auch das Herz am rechten Fleck.«

Der verstand's, der Bachelwirt! Der Richter war gerührt, und um das zu verbergen, schrie er nun fast wild auf: »Aber ohne Gendarm laß ich den Kerl nicht fort!«

»Vergelt's Gott!« antwortete der Wirt.

Bald darauf sind drei Männer gen Ober-Abelsberg gezogen, voran der Bachelwirt, hinten der Landsknecht mit dem aufgepflanzten Spieß, in der Mitte ein kleines, nach vorne geneigtes, raschtrippelndes Männlein, machte zwei Schritte, so oft der Gendarm einen tat. Das war der Steffel. Seines Zeichens ein Kleinhäusler und Schuhmacher, hatte er mit dem menschlichen Fuß nähere Bekanntschaft gemacht, hatte es vom Schusterpech zum »Dürrband« (Harzpflaster) gebracht und war – er wußte selbst nicht wie – auf einmal Beinbruchrichter. Mit einem Pferd hub er an, er richtete das gebrochene Bein soweit her, daß es zum Schinder gehen konnte, da sagten die Leute, der Steffel kann Beinbruch heilen. Er vervollkommnete sich auch bald in dieser Kunst, aber so recht kam er erst ins Zeug, als er die Tochter eines alten »Beinbruchdoktors« heiratete, die ihm als Heiratsgut die Wissenschaft und die Werkzeuge zum »Doktorn« mitbrachte. Er war froh, das Schusterhandwerk auf den Nagel hängen zu können, weil ihm – wie er sagte – das Sitzen nicht guttue. Und jetzt auf einmal ein solches Sitzen! Es ist leicht zu glauben, daß der Steffel über den Spaziergang nach Ober-Abelsberg vergnügt war. Er nahm die Fahrgelegenheit des Bachelwirtes nicht an, er wollte ein wenig Bewegung machen und als Märtyrer vor dem Gendarmen hergehen, und daß ihn, den wegen Kurpfuscherei Eingenähten, jetzt der Gendarm zu einem frischen Beinbruch hinführen mußte, das war doch auch was wert.

Mittlerweile war beim Fleischhauer die Krippenurschel geholt worden, ein kümmerliches Weibsbild, das aber Krankheiten abbeten und Wunden beschwören konnte. Sie hockte vor dem bloßen Fuß, den ihr der Fleischhauer vom Bett unter der Decke heraushielt, machte darüber mit dem Daumen fortwährend Kreuzzeichen und sprach: »Beinbruch, ich segne dich auf diesen heiligen Tag, daß du wieder wirst gerad' bis auf den neunten Tag, wie es Gott Vater, Sohn und heiliger Geist haben mag. Heilsam ist diese gebrochene Wunden, heilsam ist dieser Tag, da Gott der Herr geboren ward. Jetzt nehm' ich diese Stunde, stehe über diese gebrochene Wunden, daß diese gebrochene Wunden nicht soll schwellen im Namen Gottes Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!«

Jetzt traten sie ein.

Das erste war, daß der Steffel mit seinem grämigen Gesichte – es war im Kotter nicht holdseliger geworden – sich in die Runde wendete, zu sehen, ob alles vorhanden. Verbandzeug, Stricke, »Eisenklampfen« und starke Männer. Was nicht da ist, das soll gebracht werden! – Dann zog er sein blaues Blusel aus und streifte an den Armen das Hemd auf.

»Die Schmerzen hätten nachgelassen, Gott Lob und Dank!« bofelte die alte Krippenurschel.

»Den Teufel haben sie nachgelassen!« knirschte der Fleischhauer.

»Nein! nein!« begehrte die Alte jetzt plötzlich auf und versteckte ihre runzeligen Hände unter die Schürze, denn die Fleischhauermeisterin wollte ihr eine Gabe auf die Hand legen. »Ich nehm' nichts! Ich darf nichts nehmen! Das tät' nicht helfen, wenn ich was wollt' nehmen! Um Gotteswillen muß es sein, sonst tät's nicht helfen! Ein andermal, wann mir die Frau Mutter was will schenken.« Dann humpelte sie mühsam über die Türschwelle hinaus.

»Werden wir halt die G'schicht' angeh'n!« sagte der Steffel mit einer scharfschnarrenden Stimme, stellte sich ans Bett und begann das nackte Bein zu betasten und zu kneten.

Der Kranke rief alle Heiligen an vor Schmerz. »Nur aushalten, Falent,« mahnte sein Weib, »jetzt ist der Steffel da, jetzt wird's bald besser sein. Ist vielleicht eh nur angesprengt.«

»Die Eisenklampfen an die Wand schlagen!« befahl der Steffel. Es geschah, vier handfeste Bursche waren in Bereitschaft. Kienspäne und Schindeln wurden hergerichtet zum »Spanen«, auf einen Leinwandfleck wurden Salben gestrichen.

»Die Weibsbilder sollen hinausmachen!« verordnete der Steffel, »dieweilen ist für sie nichts zu schaffen da!«

Der Gendarm ging, den Raufbold zu suchen, der den Fleischhauer so unfein hingelegt hätte. Und jetzt wies es sich, es war's keiner. Der Mann muß sich rein selber niedergeworfen haben. Mittlerweile wurden dem Armen um den Leib und um die Beine feste Stricke gebunden. Diese Stricke hatten schon ihre Probe abgelegt bei den stärksten Rindern. »Nachher tun sie's,« hatte der Steffel gesagt. »Jetzt hinstellen, Burschen! Zwei zu Betthaupten, zwei zu Bettfüßen. Die Stricke fest um die Faust wickeln. Sobald ich sag': Anziehen! alsdann anziehen.«

Der Meister Falent jammerte.

»Jetzt ist's noch zu früh,« bedeutete ihm der Steffel und stellte sich in Bereitschaft zum »Einrichten«. Ein Blick noch, ob alles in Ordnung, dann: »Anziehen!« Ein klägliches Ächzen: »Fester anziehen! Stemmt's euch! fest anziehen!« Ein schreckbares Geheul, ein Krachen im Bein, ein lauter Aufschrei der Burschen – und der Fuß war aus den Fugen.

Wie ein Lauffeuer ging es durch Ober-Abelsberg: »Der Schustersteffel hat dem Fleischhacker den Fuß ausgerissen!«

»Wie einer Heuschreck' den Fuß ausgerissen!«

Als sie kamen, um zu sehen, war das Bein in große Pflaster geschlagen. Die Fleischhauerin stand am Bett und labte ihren Mann mit Essig. Und der Steffel? Der hatte gesagt: »Wenn einer mit einem Fuß im Kotter steht, da soll der höllische Erbfeind ein Bein einrichten! Und überhaupt, wenn einmal wo ein altes Weib dabei ist, da müßt der Mensch rein Wunder wirken. Aber nur fleißig Pflaster auflegen, nachher wird's schon gut werden.« Dann ging er, von der Leibwache begleitet, wieder zurück in den Kotter.

Seit dieser Geschichte sind Jahre und Jahre verflossen. Der Fleischhauermeister hinkt armselig herum in Ober-Abelsberg. Das eine Bein ist zu kurz, das andere zu lang, und der eine Witz, den der Mann noch macht, ist: sein Bein schreibe er fürder nicht mehr mit einem weichen, sondern mit einem harten P. Der Steffel ist besser zu Fuß, aber – hatte sich insgeheim der Richter geschworen – wenn ich den noch einmal in den Kotter krieg', Urlaub geb' ich ihm nicht mehr.

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