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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Wie Abelsberg bekehrt worden ist.

Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in der er von der Sünderin Magdalena sprach. »Und auch unter meinen Zuhörern sitzt eine solche Magdalena, aber eine noch unbekehrte! Wollt ihr's wissen, welche? Dort! Paßt auf, ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin!« Er hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer, alle duckten die Köpfe – »Was?« rief der Prediger, »ich hab' geglaubt, es wäre nur eine da!«

Und ein andermal: »Die Jungfrauen der Wienerstadt all: auf einem Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!« Das war denn doch etwas zu arg für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz. Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. »Ich widerrufe gar nichts,« sagte er bei seiner nächsten Predigt, »wie gesagt, auf einem Schubkarren! Ich hab' ja nicht angegeben, wie oftmals ich fahren will!«

Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es tun und konnte stets entschlüpfen, wie es nicht jeder kann, der will.

Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pater Abraham sein, denn Abelsberg war euch mitunter schon gar ein liederlich Nest. – »Bei uns dahier,« rief er in einer seiner Predigten, »bei uns dahier liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirtshausgehen, bei der Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein', na, da möcht' der Teufel euer Pfarrer sein!«

Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe höher. Der Richter macht schon den Mund auf. – »Ah na,« denkt er, »in der Kirch' heb' ich keinen Unfried an,« und duckt wieder zusammen und läßt das Hochgewitter von der Kanzel ruhig über sich ergehen und murmelt: »Schrei' du nur zu da oben und hau' die Faust nur rechtschaffen in die Kanzel 'nein: morgen wirst heiser sein.«

Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon zu verspüren, manches alte Männlein und manches alte Weiblein zog die Beine ein, weil es an den Zehen schon die Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren die Predigt eigentlich gehalten wurde, in die Fauste kicherte es hinein und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen.

Und – ganz wie der Richter berechnet hatte – am andern Tag war der Herr Pfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre über und über mit Bärenpelz ausgefüttert.

Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Tür geklopft. – »Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstauf'!« murmelt der Pfarrer und reißt, weil er zu einem derben »Wer ist's?« keine Stimme hat, die Tür auf. Wird aber sofort gelassener, als er im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt. Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt gefahren, um die allweg widerspenstigen Haare zu glätten; treten hierauf ins Zimmer, und der Ältesten einer hebt an so zu reden:

»Wir haben schon die Grobheit, Hochwürden, daß wir gleich so uneben ins Haus hereinkrachen. Küssen die Hand! – Und was wir halt sagen wollten –«

»Setzt euch, liebe Leute, soviel Sessel zur Verfügung stehen,« lud der Pfarrer leutselig ein.

»Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich gradweg reden – der Sonntagspredigt wegen täten wir halt da sein. Gottswahrhaftig, Hochwürden, das ist schon ein wahres Wort gewesen, so recht ein Pfarrherrnwort; sakra 'nein, das hat uns an'griffen. – 's ist wohl richtig, unsere Gemein' ist hundsschlecht über und über, muß eine Veränderung nehmen – wohl, wohl, Hochwürden!«

Der Pfarrer lächelte wehmütig und flüsterte friedensvoll: »Gott walt's!« »Das ist gewiß!« sagte der Sprecher, »und wir Männer sind zusamm'gestanden und haben gesagt: Und wollt' sich einer schon vor der Höllen nicht scheuen, so kunnt's doch 'leicht zeitlich einen schlechten Schick haben. Wissen uns eh schon nicht mehr aus mit den ledigen Kindern, die der Gemein' heut in der Schüssel liegen und in Alterstagen wieder in der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist's auch. Desweg, 's muß eine Veränderung nehmen. – Jetzt, was mich angeht, mich selber, wie ich dasteh', ich tät's nit mehr imstand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein' Unehr' wollt' machen. – Und so« – er wendete sich zu seinen Mitmännern – »redet jetzt ihr eure Sach'.«

Ein stämmiger Bursch trat hervor: »Ich dank' mein Mädel ab, muß eh zu den Soldaten.«

Ein rotbärtiger Geselle: »Mein' Dirn, die lass' ich nit! Aber die Gemein', die duldet uns nit, und wir wandern aus.«

Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: »Ich Heirat' die Meine gleich auf der Stell'!« und trat zurück.

Ein anderer: »Tät' meinen Schatz auch heiraten; kriegen aber nicht die Erlaubnis dazu; untreu werden will ich nicht, jetzt, was fang' ich an?«

»Wie der Will',« belehrte der Seelsorger, »mußt sie aufgeben, die schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben.«

»Werd's halt einmal probieren,« sagte der andere und trat zurück. Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür: »Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf' Predigt, hätt' sie eh schon lang' gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es war' gegangen, das Beest? Jetzt aber kann ich ihr bei; dem hochwürdigen Herrn seine Sonntagspredigt halt' ich ihr vor – da läuft sie schon davon.«

Ein Holzhauer sagte: »Ganz lassen werd' ich halt meine Kathel nicht können; 's ist ein blutarm' Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel zahl', beim Kirchenwirt, ich sag', 's selb kann mir die christlich' Nächstenlieb' nit wehren.«

»Gewiß nicht,« antwortete der Pfarrer, »wenn's beim Seidel nur auch bleibt!«

»Und wär's letzlich eine Halbe, weil ich auch mittrink'?«

»Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!« rief der Pfarrer, »tu' lieber beten: Führ' uns nicht in Versuchung!«

»Wohl, wohl,« sagte der Holzhauer, »will schon fleißig beten.«

Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und flüsterte: »Wenn's drauf ankommt, Hochwürden, so brauch' ich gar keine, aber zum Waschen und Flicken muß einer wen haben. Und halt auch, daß einer, der kein' Vater und kein' Mutter und kein' Geschwister nit hat, daß er immereinmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt' mit einem Menschen und gern wen mögen wollt', der ihn ein bisset lieb tät' haben.«

Ein alter Bartstrupp humpelte vor: »Und ich auch, Hochwürden, möcht' mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz.«

»Ihr seid ja verheiratet,« sagte der Pfarrer.

»Das wohl, aber meine Alte, die ist Euch bös wie eine wilde Katz', und Branntwein saufen tut sie wie ein Loch, und fluchen tut sie wie ein Husar. Mit so einer zu leben, das wird eine Todsünd' sein.«

»Geht mir weg, Lästerer!« rief der Seelsorger.

Torkelte der Alte gegen die Türe.

Ein anderer trat hervor: »Ich hab' zwei, aber ich bring' sie nit weg, ehvor ich sie nicht bezahlt hab', was ihnen gebührt. Aber ...« weil der Pfarrer eine gar finstere Miene machte, »ich nehm' 's Geld schon zu leih'n.«

»Ich hab' meiner Tag keine Weibsleut mögen!« krähte ein gelbes Runzelgesicht aus der Menge hervor, »aber weil ich jetzt hör', daß die Sach' gar so groß' Sünd' ist, so kunnt eins schier neugierig werden.«

»Na, na, unser Herr Pfarrer hat recht, es muß eine Veränderung geschehen,« sagten mehrere.

»Ist brav, ist brav,« sprach der Seelsorger und reichte ihnen die Hände, »und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben. Wenn jetzt wieder sittsame Zeiten kommen sollen.«

Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit: »Hätten wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt', hochwürdiger Herr Pfarrer.«

»Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn's in meiner Macht steht, von Herzen gern.«

»'s ist halt der Gemeinde wegen,« fuhr der Redner beklommen fort, »und daß mit Gottes Hilf' ein anderer Geist in die Leut' tät' kommen. Desweg wär' unser Gebitt: Wenn der Herr Pfarrer halt die Frau Haushälterin tät' weggeben ...«

Hab' früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-Abelsberg ein leidenschaftlicher Schnupfer war; er zog jetzt die Dose hervor und nahm drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf jedem die offene Dose hin. Und jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte, und jetzt brach ein Niesen los von allen Seiten, »Helf Gott! Helf Gott!« riefen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: »Helf' uns Gott allen miteinander!«

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