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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Der Abelsberger Baßgeigenkrieg.

Auf dem sehr finsteren Dachboden des Wirtshauses von Ober-Abelsberg, unter anderen staubigen, rostigen und wurmstichigen Überbleibseln vergangener Jahrhunderte, ruhte eine alte, braun angestrichene, und dennoch wurmstichige Baßgeige. Man wußte nicht, woher sie kam, man wußte nicht ihr Geburtsjahr, und an ihrer Wiege war es gewiß nicht gesungen worden, daß sie dereinstmalen auf dem sehr finstern Dachboden des Wirtshauses von Ober-Abelsberg erbärmlich sollte verderben.

Die letzten Jahre her hatte diese Baßgeige zuweilen noch ein Lebenszeichen von sich gegeben. Flatterte eine Fledermaus über sie hin, oder huschte ein ander' Mäuslein über ihre Saiten, gleich hub sie wie ein geschwätzig Weib an, ihren Lebenslauf zu erzählen und Lieder zu singen aus den schönen Zeiten ihrer Jugend. Später brummte sie nur noch, wenn der Wind im Dache sauste; seitdem ihr aber die Mäuse alle Saiten abgenagt hatten, lag sie klang- und klagelos in Moder und Staub.

Gerade unter diesem öden Dachgeschosse lag der Tanzboden. Wie Pfiffen da oft die Pfeifen und geigten die Geigen, daß alle Hunde des Dorfes aus Wonne anhuben zu winseln und die Trommelfelle der Tänzer durchlöchert wurden von den scharfen, nadelspitzen Tönen. Aber keiner hatte geahnt, wie nahe das Mittel war, das mit einem wohlwollenden Gebrumme die Mißstimmung ausglich.

Die lieben possierlichen Rotschwänzchen nisten nicht ungern in altem Gerümpel, und so ist unter dem Geschlecht dieser Vögelchen auch ein musikalisches Paar gewesen, das sich in unsere still verlassene Baßgeige eingenistet hatte. Dieser Umstand lenkte die Aufmerksamkeit des kleinen Wirtsfriedl – der ein passionierter Vogelfreund war – auf das alte Instrument, so im Dachgeschoß des Hauses ruhte; und eines Tages hub der Junge mit dem Ding ein Staubaufwirbeln und Herumzerren an, störte den Hausfrieden der Rotschwänzchen, und nicht lange hernach kollerte er mit der Baßgeige zur Bodenstiege herab.

Die Geige war den Abelsbergern wie vom Himmel gefallen und es kam der Tischler und leimte die Sprünge und Löcher zu, und es kam der Schulmeister mit der großmächtigen Brille und zog Saiten auf, und als der Abelsberger Jahrmarkt kam, siehe, da brummte im Vereine mit den Pfeifen und Gesängen das altehrwürdige Instrument dem Kirchenpatron seine Verehrung. Es war eine große ungeteilte Freude in Ober-Abelsberg.

Und nach dem Gottesdienst ging alles ins Wirtshaus und auf den Tanzboden; da blieb die Baßgeige nicht zurück. Bringt es schon der Herr Pfarrer zuweg, daß er Vormittag den Wein aus dem Kelch trinkt und Nachmittag aus dem Krug, so weiß es auch eine altehrwürdige Baßgeige einzurichten, daß sie vormittags Kirchenlieder jodelt und nachmittags Ländler und Walzer. Und wenn sie schon vormittags in Ehrfurcht gesungen hatte, so ließ sie nun im Wirtshaus manchen Juchton über den Sattel springen, daß schon all die Röcke flogen und die Hosen flatterten.

Und so war es nun jahrelang gewesen, daß die Baßgeige den Kirchenchor und den Tanzboden versorgt hatte, bis einmal bei einer mächtig lustigen Hochzeit die heißblütige Braut vom Tanzen zum Umfallen erschöpft, hin auf die Baßgeige sank und ihr den Bauch einsaß. Na hat die Geige wohl gottsrechtschaffen gebrummt.

Aber das war ihr letztes Brummen gewesen für lange Zeit. Erst nach Jahren war es wieder, daß die Ober-Abelsberger sagten: »Wir haben ja keinen Baß nicht, wir müssen der Alten den Bauch flicken lassen.« Hierauf kam wieder der Tischler mit dem Leim und der Schulmeister mit den Saiten und mit dem Fiedelbogen, und da hing dieser einen wegen der Himmel über Abelsberg voller Geigen.

Nun kam aber eine Zeit über die Welt, die groß und vielbedeutend geheißen wird von hellgeistigen Männern, die aber nichtsdestoweniger manches Dorf zu einer wahren Narrengemeinde gemacht hat. Wenn es früher in so einem Orte gutmütige Bauern und ehrsame Handwerker und ein paar bärbeißige Amtmänner und ein paar wohlgenährte Priester und ein paar zaunmarterdürre Kirchendiener und Betschwestern gegeben hat, so trotteten jetzt nur mehr »Liberale« und »Klerikale« über die Dorfgasse. Es gab keine anderen Leute mehr, und wenn z. B. die »Liberalen« männlich und die »Klerikalen« weiblich gewesen wären, so wäre die Sache bigott leicht geschlichtet worden; so aber bestand eine Kluft zwischen Freund und Freund, zwischen Gevatter und Gevatterin, zwischen Vater und Sohn, zwischen Gatten und Gattin, zwischen Pfarrer und Amtmann, zwischen Kirche und Wirtshaus.

Man hätte meinen sollen, die altehrwürdige Baßgeige, als ein beiden Teilen und allen gemeinsames Gut, wäre hier das versöhnende Moment gewesen; au contraire, wie die Gebildeten von Abelsberg sagen, die Geige wurde der Gegenstand eines hitzigen, tiefgreifenden Krieges. Der Schulmeister spielte aus dem Chore mit dem Fiedelbogen nicht mehr. Da schickte der neue Regenschori – der nicht bloß unter der Fahne der »Klerikalen« stand, sondern sogar der Fahnenträger selbst war – in das Wirtshaus, um die Baßgeige von ihrem Aufbewahrungsorte zu holen. Aber da hub der Wirt statt der Baßgeige zu brummen an: die Geige gehöre den Liberalen; der Tischler habe einstmalen daran geleimt und der Tischler sei liberal; der Schulmeister habe die Saiten aufgezogen und der Schulmeister sei liberal; im Wirtshause, wo sie aufgefunden worden, sei ihr Hort gewesen und das Wirtshaus sei – man sehe es ja doch an der aufliegenden Zimmermannschen »Freiheit« – liberal. Maßen sei die Baßgeige liberal mitsamt dem Fiedelbogen.

Auf das hin brauchte sich der Pfarrer für den nächsten Sonntag keine Predigt aus dem Evangelienbuch zu ziehen. Die Baßgeige war der Gegenstand seiner Betrachtung. Mit einer heiteren Bemerkung hub der Mann an: Vor Jahren, da die Baßgeige aufgefunden worden, habe alles gesagt, die Baßgeige sei den Ober-Abelsbergern vom Himmel gefallen. – Demzufolge sei sie klerikal. In der Kirche habe sie zum erstenmal getönt. Der Schulmeister habe sie in Kirche und Wirtshaus gespielt, und der Schulmeister war dazumal klerikal gewesen. Und wenn noch die Braut erinnerlich wäre, die einstmalen der Geige den Bauch eingesessen habe, so sei darauf zu erinnern, die Braut sei heutzutage die Frau des Kirchendieners. Und wenn er – der Pfarrer – endlich behaupte, das Instrument sei seinerzeit für die Kirche angeschafft worden, so werde keiner sein im Orte, der das Gegenteil beweisen könne, und die Baßgeige sei somit klerikal und gehöre ein für allemal den Klerikalen.

Die Gründe des Herrn Pfarrers waren schlagend, nur schade, daß kein einziger Liberaler in der Predigt gewesen. Die Liberalen saßen im Wirtshaufe und sangen kecke Trinklieder, und die Geige gab den Baß dazu. Da dachte sich eines Abends der Herr Kaplan: Wozu solang mit Worten fechten, laßt uns endlich Taten sehn! – schlich durch Nacht und Nebel in das Wirtshaus und entführte die Baßgeige in den Pfarrhof. Von nun an bekam die Sache einen rasch handelnden Gang. Die Liberalen gingen aufs Bezirksgericht und strengten eine Klage an gegen den Pfarrer wegen Aneignung unrechtmäßigen Gutes. – »Albernheiten!« sagte das Bezirksgericht, »so einer alten Baßgeige wegen kommt eine ganze Gemeinde in Harnisch. Geht heim und versöhnt euch friedlich.« Und die Liberalen gingen heim und trugen die Baßgeige zurück in das Wirtshaus.

Hierauf gingen die Klerikalen zum Dechant und beklagten sich wegen räuberischer Eingriffe in ihr Besitztum. Der Dechant sagte, sie sollten nur nicht nachgeben, sollten zum Bischof gehen, einstweilen aber die Baßgeige fest in den Pfarrhof zurückbringen. Sofort verschwand die Geige wieder aus dem Wirtshaus. Da gingen denn die Liberalen zum Landesgericht. »Geht, schert euch nicht,« sagte das Landgericht, »verschenkt den Scherben!« – »Aber es handelt sich nicht mehr um die Baßgeige, es handelt sich um das Recht, um die Ehre!« sagten die Ober-Abelsberger. Doch das Landgericht wies sie ab. So waren sie auf Selbsthilfe angewiesen; sie stürmten den Pfarrhof und eroberten die Baßgeige wieder zurück in das Wirtshaus.

Nun begaben sich die Klerikalen zähneknirschend zum Bischof. »Ja, meine Lieben,« sagte der Bischof, »nur standhaft sein. Haben sie nur erst die Baßgeige, so nehmen sie euch auch die Orgel, und haben sie diese, gehört auch das Chor ihnen und sie rauben euch zuletzt die Kirche mitsamt dem Turm. Ich allerdings kann nichts für die Sache tun, aber steht nur männlich selbst dafür ein.« Männlich selbst dafür einstehen, das hieß: die Baßgeige aus dem Hintertürchen des Wirtshauses wieder in den Pfarrhof schleppen.

So geschah es. Da machten sich die Liberalen auf und begaben sich mit schwarzen Röcken und weißen Krawatten – wohin? – zum obersten Gerichtshof. Der wußte schon von der Geigengeschichte und ließ die Leutchen gar nicht vor. Jetzt kam es auf nichts Geringeres an, als des Pfarrers Kuhmagd zu bestechen, daß diese die Häuserin besteche und ihr den Schlüssel zur Rumpelkammer entlocke.

Und nach wenigen Tagen, als der Pfarrer und der Kaplan brevierbetend am Wirtshause vorübergingen, hörten sie drin johlen und tanzen und die wohlbekannte Stimme der Baßgeige.

Jetzt luden sie alle Parteigenossen zu einer Versammlung ein, hielten Rat und beschlossen einstimmig, eine Deputation zum heiligen Vater zu senden, auf daß durch des Statthalters Christi Wink die Baßgeige der Kirche erhalten bleibe.

Die Liberalen hielten auch eine Versammlung und stärkten sich dazu mit dem edeln Saft der Gerste. Und als sie sich gestärkt hatten mit dem edeln Saft der Gerste, da hielten sie Rat und beschlossen: Gehen die zum Papst, so gehen wir zum Kaiser!

Nach wenigen Wochen zogen zwei Deputationen von hinnen, die eine gen Rom, die andre gen Wien. Die alte, arme Baßgeige aber lehnte in einem einsamen Winkel des Wirtshauses und – war tief verstimmt über den närrischen Hader, dessen unschuldige Ursache sie geworden, und der entzweiend und zersetzend selbst in die Familien eindrang und den Wohlstand der Gemeinde ernstlich gefährdete. – »Ach,« so seufzte sie oft, »wäre ich wieder oben unter dem Dache und nisteten in mir wieder die friedlichen Vögel – wie wäre mir wohl!«

Zur selbigen Zeit war es, daß ein Zigeunerschwarm durch das Dorf kam und bettelte und stahl, und den lustigen Bauern Musik machte im Wirtshaus. Ein alter Zigeuner war dabei, der hatte mehr Runzeln im Gesicht, als er all sein Lebtag schon Stuhlrichterprügel bekommen haben mochte, aber kohlschwarze Augen und einen kohlschwarzen Bart. Der sah die Baßgeige lehnen im Winkel und hub sie an zu streichen. Da horchten die Ober-Abelsberger auf – jetzt erst hörten sie, wie eine Baßgeige klingt! Jetzt erst nickten sie die Köpfe und lispelten: »Ist nicht ohne, der Ober-Abelsberger Geigenkrieg!« Das Blut wurde ihnen heiß bei der absonderlichen Musik, zu tanzen huben sie an, die Männer und Weiber, die Liberalen und Klerikalen, alles durcheinander – toll zu tanzen huben sie an. Der alte Zigeuner spielte, und schmunzelnd ließ er seine dürren Finger über die Saiten der alten Geige zucken, und der Fiedelbogen spritzte süßgiftige Töne aus. Ganz schauderhaft wurde in derselben Nacht getanzt und getrunken, und ehe noch der Morgen graute, lagen die Ober-Abelsberger unter Tischen und Bänken und in den Winkeln herum – Männer und Weiber, Liberale und Klerikale – alles durcheinander. Die Zigeunerbande aber war in Nacht und Wind davongezogen, und – was der Papst und der Kaiser auch gesagt haben mögen – die altehrwürdige Baßgeige ist von derselbigen Nacht an nicht mehr gesehen worden in Ober-Abelsberg.

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