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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Ein Abelsberger auf dem Vesuv.

Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden. Indes ließ er sich nicht betören von den Reichtümern und Rindern dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so hoch die Kälber auch ihre Schweife schwangen, wenn sie lustig und flink über die Wiese hüpften – sein Sinn stand höher.

Da hatte er einmal – es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch, die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt – hatte er einmal durch einen alten Hausierer die Sage von dem feuerspeienden Berge gehört.

Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin, einmal diesen feuerspeienden Berg zu sehen und – Ehre seinem Mannesmute! – zu besteigen.

Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten.

Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und Guckkastenmänner kamen zuzeiten in die Gegend, die hatten das Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie. Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort funkensprühende Schornstein der Schmiede im Tale, nicht wie ein wüstausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Tor und Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen ungeheuren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! – Das weckte Treibaus' Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist, darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten.

Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein groß, seine Äuglein klein, sein Näschen rot und sein Beutel schwer geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: »weit und tief ins Welschland hinein!« zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise innerte ihn nichts, als der schiefe Turm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem Munde stand, und die Fontana trevi in Rom, wo versteinerte Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spien.

Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag heißer wurde, er nahte – dem feuerspeienden Berge.

Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht bekannt. –

Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab schlenderte, um mir das Treiben dieses Volkes zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte Gesten machen. Ich sah so von weitem hin, ich sah, wie der Mann keck die Füße auseinanderstemmte und mit den Händen zuweilen auf sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des breiten Strohhutes, der das Gesicht des Mannes halb bedeckte, und trotz der grünen Waden über den Bundschuhen, sagte ich nachdrücklich zu mir selbst: »Ich will doch ein Lump sein, wenn das nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!«

Jetzt hub er behäbig an, die Ärmel zu zerren, zog den Rock aus, daß er in seinen weiten Hemdärmeln, mit seiner schwarzen Weste, die eine Reihe Silberknöpfe und eine schwere, talerbehangene Uhrkette trug, und mit einem breiten Ledergurte dastand. Nun war kein Zweifel mehr – ein Landsmann. – Zu allem Überflusse hörte ich ihn noch brummen: »A Viehhitz' das, und bis in die spat Nacht eini!« Darauf sehr laut und immer mit den Händen fuchtelnd zum braunen, verschmitzt lächelnden Italiener: »Na, so versteht's denn wahrhafti nit Deutsch? Auffi, da auffi möcht' ih!« Er deutete gegen den Vesuv, über dessen Spitze ein leichter Rauch zog. Ein Redeschwall brach los aus dem Munde des Cicerone, aber ein welscher Redeschwall; und mein Landsmann schüttelte das Haupt und wollte weiter.

Da rief ich, auf ihn zueilend: »Vetter, grüß Gott!«

Zuerst war er einen Augenblick verdutzt, dann schrie er, die Hände ausbreitend: »Jessas, Jessas, das – ja, das ist ja wieder einmal an ordentlicher Mensch! – Freilih, freilih – na, ih trau mir's z'sagen: a fett's Paar Ochsen kunnt mir die Freud' nit machen! – Grüß Ihna Gott! Sag'n S', Landsmann, sein S' ah z'weg'n dem da kemma?« Er deutete gegen den Vesuv.

Das war das Finden und Binden – er schwur mir ewige Freundschaft. Wir gingen in eine Osteria, dort erzählte er mir seine Lebensgeschichte und sein höheres Streben nach dem feuerspeienden Berg, wie er sich wundere, daß dieser weltberühmte Berg grün und grau wie alle anderen Berge still dastehe, nicht ringsum glühe und kaum ein Rauchwölkl habe – wie es sich schier nicht des weiten Weges lohne, wie er den Berg aber trotz alledem morgen mit dem frühesten zu besteigen gedenke.

Ich hatte auch dieselbe Absicht, und so beschlossen wir, zusammen die Partie auf den Vesuv zu machen.

Ich habe nie noch einen glücklicheren Menschen gesehen, als meinen Viehhändler an demselben Abend.

»Heut' zahl' ich alles!« rief er wiederholt, seine schweren Fäuste mit den Hemdärmeln auf den Tisch schlagend; und wie sein Antlitz so lachte und leuchtete, da war es Vollmond in der Weinstube.

Am andern Morgen – es lag noch Finsternis über den Wassern – war es meines neuen Reisegefährten erstes, daß er mir zeigte, wie er seinen roten Regen- und Sonnenschirm praktisch zu einem Bergstock eingerichtet habe. Dann sagte er ernst und ergriffen: »Also heute! Heute! Und das Parapluie da heb' ich mir auf zum ewigen Andenken!« Der gute Mann fühlte sich verpflichtet, angesichts seines großen Zieles möglichst Hochdeutsch zu sprechen.

Wir fuhren bis zum nächsten Städtchen Resina. Dort nahmen wir zwei graue Esel und einen braunen Führer und begannen die Wanderung aufwärts.

»Vor Banditen fürcht' ich mich gar nicht, gelt?« sagte Thomas, als er so neben mir auf dem Esel wackelte.

»Und wenn einer kommt, meiner Seel', ich schlag' zu!« er hob seinen Regenschirm, setzte aber beruhigt bei: »Na, so leicht kann nix geschehen, es sind unser fünfe.«

Die Esel warfen ihm einen dankbaren Blick zu.

Wir ritten zwischen berankten Gartenmauern hin und durch ein Wäldchen von Obstbäumen und an Weingärten entlang. Der Morgen graute und die schwarze Masse des Berges vor uns stach deutlicher von dem Himmel ab. Wir bogen nördlich und sahen hinaus über das Meer, auf welchem in der Dämmerung wie vor der Schöpfung Nebel und Wasser noch nicht gesondert schien. Dann kamen wir über schrullige Lavaströme – hier stieg mein Thomas zum erstenmal ab, befühlte den rauhen, schrundigen Boden und schüttelte den Kopf.

»Überhaupt,« sprach mein Landsmann, »das italienisch' Land ist nicht das, was der Leut' Reden daraus macht. Was, südlicher Himmel! Der ist auf unseren Bergen just so blau, wenn's schön ist. Die Sonne hier scheint heißer wie daheim, und das – halt, Eselein, schmeiß' mich nicht ab! 's ist aber auch ein verdrumpfter Weg in diesem italienischen Paradies, überall voller Steine. Wein wär' schon recht, wenn er nicht warm wär'. Und im Brot ist kein Salz, in der Suppe kein Schmalz, und Knödel ist schon gar keins zu sehen. Jetzt, frag' ich, was ist das für ein Land?«

Mein Thomas war bei diesen Worten so böse geworden, daß er seinem Esel eins in die Weichen gab.

»Und doch,« entgegnete ich seiner Rede, »soll Italien das Wunderland sein, wo ein offenes Herz auch das schönste Ideal durch eine noch schönere Wirklichkeit übertroffen findet.«

In diesem Augenblick strauchelte mein Esel, daß ich schier über die Lavaschollen gepurzelt wäre, und das Gespräch war unterbrochen.

Es war licht geworden, unten reihten sich Städte an Ruinen, Landhäuser an Mauertrümmer, Gärten an Schuttlehnen. Das Meer lag in matter Bläue, dort und da ein weißes Segel, über Neapel zog sich ein Nebelstreifen weit hinaus auf die hohe See.

Als wir zur Einsiedelei kamen, hätte mein Thomas für sein Leben gern den Einsiedler gesehen. Aber der Gute hatte sich wahrscheinlich des Abends zuvor zu lange kasteit, und so ruhte er nun wohl noch auf der härenen Decke.

Im Wirtshause des Observatoriums angelangt, genossen wir Wein und Trauben und unser Führer erzählte von den Zerstörungen, die der letzte Ausbruch des Vesuv in der Umgegend angerichtet hatte. Unter den zahlreichen Verunglückten war auch sein Bruder gewesen.

»Und Vieher sind doch keine zugrunde gegangen?« fragte Treibaus teilnehmend. Der Bursche hatte ihn nicht verstanden.

Die Esel ließen wir beim Observatorium. Der Führer begann seine mitgetragenen Stricke in Bereitschaft zu halten, und es kam eine schwierige Fußwanderung den Kegel hinan. Glatt und schroffig und schrundig ist die Lava, und dann wieder wollen die Füße versinken in Aschenstaub. Wir waren auf der Nordwestseite, im Schatten, obwohl die ganze Gegend unten schon im Sonnenlichte lag. Der Himmel war tiefblau, aber je näher wir der Höhe kamen, je mehr umhüllte ihn eine dunstige, rötliche Luft und wir rochen Schwefel. Wir sahen, wie der Rauch da oben emporqualmte, wie er immer röter und glühender wurde, und wie – »Sas Maria!« rief Thomas, »g'rad' jetzt hebt er an zu speien!« und wollte abwärts.

Der Sonnenball stieg empor just über dem Krater durch den wirbelnden Rauch, rot und sprühend, wie ein Klumpen Glut. Der Führer drängte, half uns weiter und bald waren wir zu Rande. Zu Rande an den Kratern, den dampfenden Schrunden und Klüften, bunt in hellen Farben, wie Salamander, tief dröhnend zuweilen, grollend, ächzend, wie ein böses Gewissen – der feuerspeiende Berg.

Mein erschreckter Blick wendete sich zurück zu dem sonnigen Lächeln der Welt. Nun lag Neapels Halbmond in Reinheit da. Rückwärts die grüne, mit Städten und Villen besäete Ebene von Casoria; dann zogen sich hin die samtähnlichen Höhen von Canzaldoli, die schroffen Berge der Inseln Procida und Ischia – dann die unabsehbare Meeresweite.

Hernach links die dunkeln Berge von Capri und die lichten Felswände von Sorento, und der dämmerige Gebirgszug des Monte Albino, und das Sarnotal mit der rötlichen Trümmerstätte Pompejis.

Uns gegenüber aber, im Nordosten, ragen in einem Halbkessel die kahlen, toten Wände des eingestürzten Kraters Somma, eine andere Ruine der Hölle, – und in weiter Ferne die Höhen des Monte Matese und Vergine.

Mein Landsmann sah durch unser Fernrohr eine Weile unverwandt in die Ebene hinab und machte dabei ein äußerst vergnügtes Gesicht. »Recht weichleibig, ganz semmelfärbig, man meint, es müßt Mürztaler Schlag sein!«

Eine Herde Rinder entzückte ihn.

Ich nahm ihn am Arm und führte ihn unter Leitung des Cicerone in den Wildnissen der Vesuvkrone umher.

Man kann nicht hingehen und hinabgucken in den Krater, wie in eine Krautgrube; Hitze, Schwefeldampf und Rauch drohen den Kühnen zu ersticken. Da dampfende Schrunde, heiße Lavaklöße und Schollen; dort hat sich die Erde gespalten und Glutschein rötet die Wände, aber dunkle Blöcke sind darüber hingeworfen. Und wer sich darüber hinwagt zum Krater, und Rauch und Dunst lassen ihm einen Blick hinabtun, der prallt zurück und stammelt: »Der Mensch versuche die Götter nicht!« Schroff stürzen die schwarzen oder buntfarbigen Wände nach innen ab und der Trichter teilt sich unter phantastischen Gebilden in mehrere Krater, deren unergründliche Tiefen nicht einmal den Schall zurückgeben vom Stein, den man in sie schleudert. Freilich ist da unten ein ewiges Dröhnen, wie das Knurren des Löwen.

Aus allen Spalten und Klüften dringt Rauch. Dort in der Schramme sehe ich helle Lava glühen; sehe ich die Essen der Zyklopen und höre ich ihr Pochen auf dem Amboß der Urgefelse? – Wie tief und gewaltig, du schrecklicher Hephästos, ist deine Werkstatt!

Ein hohles Donnern – der Führer riß uns in großen Schritten zurück. Da zitterte unter uns der Boden und Asche und Steine flogen aus den Schlünden.

»Geht's weiter, ist das a schauderhafte Sach'!« jammerte Thomas, »jetzt fahr' ich aber gleich ab.«

Der Führer hielt ihn zurück, zog ein paar Eier aus der Tasche, legte sie in eine kleine Spalte, und reichte sie uns nach ein paar Minuten hartgesotten als Gabelfrühstück. Das brachte meinem Landsmann wieder das Selbstvertrauen. Eier am Herde des Vesuv gekocht hat man nicht zu jeder Vormittagsjause! Die Schalen tat er sorglich in ein Papier und steckte sie in die Tasche – zum ewigen Andenken.

Bald darauf machten wir die Entdeckung, daß unsere Schuhsohlen angekohlt waren. »Schau, schau,« sagte Thomas, »das wundert mich, die meinen sind vom Pinzgauerschlag.« In seinen roten Regenschirm hatte ein glühendes Aschenstäubchen ein Loch gefressen. »Bravo!« rief Thomas aus, »auch das ist ein Andenken an den feuerspeienden Berg für meine Kinder und Kindeskinder!«

»Ah,« entgegnete ich, »das hat mir der Vetter gar nicht erzählt, daß er verheiratet ist.«

Er trocknete sich den Schweiß von dem Vollmond: »Na, das ist schon eine barbarische Hitz', da heroben!« Von seiner Familie weiter keine Rede mehr.

Ich hätte den Führer und meinen Landsmann zur Rückkehr schier am liebsten vorausziehen lassen, um mich allein auf einen Lavablock zu setzen und am Brandopferaltar der Natur Gottes Herrlichkeit in stiller Seele zu feiern.

Da kam mein Gefährte: »Na, Sie, versetzen tu' ich Ihna nit!« Und noch volkstümlicher: »Hiazt hab'n ma's g'seh'n, und hiazt geh'n ma hoam.«

Ich glaube, er hat es buchstäblich ausgeführt und ist von Neapel geradewegs in sein Abelsberg gefahren, um dort durch seine Eierschalen und den verbrannten Regenschirm beredtes Zeugnis zu geben von dem »feuerspeienden Berg« und als kühner Besteiger desselben unvergänglichen Ruhm zu ernten.

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