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Die Abelsberger Chronik

Peter Rosegger: Die Abelsberger Chronik - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
titleDie Abelsberger Chronik
publisherL. Staackmann Verlag
seriesPeter Roseggers Werke - Gedenkausgabe - Auswahl in sechs Bänden
printrun21.?30. Tausend
editorHans Ludwig Rosegger
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080926
projectid758593ff
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Abelsberger Touristen.

Wie nur plötzlich die Natur so schön geworden ist! Erst seit etlichen Jahren. Es lebten wohl auch früher einzelne Leute, die einzelne Gegenden »wirklich romantisch« fanden; heutigentags aber sind alle Wälder und Berge »so herrlich!« Und der Sonnenaufgang!

Wer hätte das vor soviel Jahren vermeint, daß auch der Sonnenaufgang Mode werden sollte!

Mode! O du heilige Welt Gottes, vergib mir dieses Wort. Aber du weißt es ja doch selber am besten, wie wenigen, die doch deine ewig großen und lebendigen Pfade gewandelt, es einst eingefallen ist, dich seligen Herzens anzubeten. Wohl, es mögen die Bilder deiner Gärten und Auen, deiner Frühlingstage und Sommernächte zu allen Zeiten Beseligung in dem Menschengemüte wachgerufen haben; vor dem Brausen des Sturmes, vor dem Ernste der Einsamkeit, vor den Gewalten des Hochgebirges aber sind die Kinder der Welt zurückgeschaudert, wie vor einem unheimlichen Feinde.

Und heute – je wilder die Gegend, je schöner; natürlich, wenn gute Wege in derselben angelegt sind und Wirtshäuser. Zarte Frauen mit ihren Kindern steigen heute auf Berge, auf die sonst nur der Gemsjäger und der arme Kräutersammler geklettert; es geht prächtig; und wenn eine Eisenbahn schnurstracks den Berg hinanläuft, um so besser. Oben steht gar ein Hotel, da ißt und trinkt man, schreibt sich ins Fremdenbuch und steigt wieder herab.

Weil im neunzehnten Jahrhundert die Natur halt gar so schön geworden ist!

»Touristen!« Die Sache ist so schnell gekommen, daß die deutsche Sprache gar kein Wort dafür in Bereitschaft hatte und bis heute noch keines hat. Ja, gewiß, Sommerfrischen, Gebirgspartien, Touristen – das sind Modesachen. Vorläufig noch. Wir werden die Natur einst wirklich suchen, nicht bloß an heiteren Sommertagen, sondern auch, wenn sie finster blickt und grollt, auch wenn sie in der ehernen Majestät des Winters ruht. Denn wir werden – um getragen zu sprechen – unsere große, heilige Mutter lieben und insgemein an ihren Busen fliehen aus dem Treiben der Welt.

Selbst an den Abelsbergern darf hierin nicht ganz verzweifelt werden. Und sie sind ja heute schon große Naturfreunde, die Abelsberger. Erstens liegt Abelsberg ja in einem freundlichen Gebirgstale, und zweitens hat ein Abelsberger Wirt über die Tür seines Hauses einen grünen Baum malen und seine Herberge demnach »Zum grünen Baum« benamsen lassen. Und nicht allein das, des Wirtes Sinn für Natur erstreckt sich sogar bis in den Keller, in dessen bauchigen Fässern – es ist keine Fabel! – Naturwein und bloß Naturwein lagert. Und wer eben Sinn dafür hat – zwischen den Fässern auch das Plätschern eines Wasserbrünnleins hört sich anmutig. Allerdings, Sitzgarten ist keiner beim Haus; ist auch keine Frage danach. Ein echtes Tröpfl trinkt sich auch in der räucherigen Gaststube gut. Was Sommerabend! Die Abelsberger gehen nicht ins Wirtshaus, um Sommerabende zu genießen.

Wohl aber nehmen sie den Zeitgeist wahr, der – wie Poeten so schön sagen – heute in den Blättern säuselt – in den Zeitungsblättern nämlich. Sie sind fürs erste daher wacker liberal, die Abelsberger, denn: »Fortschritt und Freiheit!« sagt der Tischler, und hat diese Worte in sein Bierglas stechen lassen.

Da standen nun schon seit Jahren zu jeder Sommerszeit Aufsätze in der Zeitung von der schönen Schweiz. »Ja, die Schweiz!« meinte der Webermeister, »von wo der Schweizerkaffee und der Schweizerkäs herkommt!« –

Allmählich dann zogen sich – dem Blatte nach – die Naturschönheiten der Schweiz auch ins Tirol und Salzburg herein, und plötzlich in dem letzten Jahre war eine Großartigkeit aufgetaucht im eigenen Lande. Die Admonter Gegend, das Gesäuse und Eisenerz! Diese hohen, schroffen Berge, diese wilden Schluchten, diese sausende Enns! In der Schweiz wahrhaftig nicht schöner zu finden! – Und mitten hindurch die Eisenbahn und Touristen aus allen Weltgegenden, und es ist eine wahre Schande, das Gesäuse nicht gesehen, den Reichenstein und den Buchstein nicht bestiegen, das Hochtor und den Damischbachturm nicht bewundert zu haben.

Da taten sich die Abelsberger zusammen. »Zu meiner Zeit, wie ich als Bursche durchs Ennstal gewandert bin,« sagte der Sattler, »da ist mir nichts aufgefallen; weiß nur, daß ich in schauderlich wilde Gegenden gekommen bin und daß ich bei einer Kohlenbrennerei Wasser getrunken habe. Nu, heute mag's anders sein.«

»Leute,« rief der Tischler, »tun wir zusammen, machen wir eine Tour ins Gesäuse?«

Das zündete. Eisenbeschlagene Schuhe, Bergstöcke, Weinflaschen, Würste, Schinken, Spielkarten – eine »Hetz« muß es geben! – Mägdlein wollten sie auch werben zur Partie. Der Binder und der Pfleger und der Schulmeisterssohn und andere – ihrer neun Stück sind's, die mit Hall und Schall und hellem Übermut, wie's Touristen ansteht, den Eisenbahnzug besteigen. Das Wetter ist heiter, rein, kühl – ganz gemacht für Gebirgstouren. Die daheim bleiben müssen, denken in Wehmut an die lustige Reise, und beim Wirt »Zum grünen Baum« sitzen sie abends und folgen im Geiste ihren touristischen Mitbürgern auf die höchsten Berge und in die Winkel der Sennhütten.

Am dritten Tage kehrte die Gesellschaft zurück. Sie war etwas angegriffen, stark ermüdet, und die meisten hatten Schürfe, blaue Beulen an Gesicht und Händen und Risse in den Kleidern. Trotzdem wurden sie sofort ins Wirtshaus gezogen, wo sie wacker aßen und tranken, denn – sagten sie – die Wirtshäuser hätten sie unterwegs nur von Hörensagen genossen. Naturgenuß sei ihre Hauptsache gewesen! – Hierauf sollten sie erzählen.

»Ja,« sagte der Binder gedehnt, »erzählen! – Das muß einer selber gesehen haben – nicht wahr?«

Seine Genossen bestätigten es.

»Diese Berge!« rief der Weber, »diese Hochöfen in Admont, na!«

»Ihr seid doch auch im Stift gewesen?«

»Im Eisenerzerstift, jawohl! So eine Kirche! Nix zweit's gibt's nit!«

Ob der Verwechslung schmunzelten die Zuhörer.

»Und auf dem Reichenstein?«

»Da schaut's grad' einmal her!« rief der Schulmeisterssohn und wies seine zerschundenen Hände vor; »aufwärts, da ging's, bis wir ins Edelweiß kamen. Bis an die Knöchel, sag' ich euch, geht einem das Edelweiß, just zum Niedermäh'n! Dann, wie wir zum Eis gekommen sind, nicht wahr, zu den Gletschern?« wendete er sich an die Genossen.

»Na, ich dank!« stimmten diese bei, » das sind ein bißl Gletscher!«

»Und der Sonnenaufgang,« sagte der Pfleger, »lohnend, höchst lohnend! – Und in dem Gebirg ist euch eine Sonne! – 's ist ein Gaudium gewesen. Aber halt das Herabsteigen! Sind wir euch nicht schnurgerade niedergefahren über die Steinleuten! So gleich etliche zehntausend Fuß! Gerad' ein Sauser ist's gewesen, sind wir herunten auf dem Boden gestanden.«

»Nu,« fügte der Schulmeisterssohn bei, »und da haben wir uns so zerschunden.«

»Und deine blauen Flecken im Gesichte?« fragte man den Sattler.

»Je, dem seine blauen Flecken,« rief der Schulmeisterische; »nicht um fünfzig Gulden gibst du sie her, Sattler, gelt? – Hat euch der Sakra nicht mit einem Steinbock gerauft? Na, und ob!«

Die Leute schlugen über solch unerhörte Abenteuer die Hände zusammen.

»Aber ein Sträußel Edelweiß oder Speik hättet ihr doch mitbringen sollen!«

»Ihr schwätzet beim Ofen, wie ihr's versteht. Jeder hat seinen Hut voll Edelweiß gehabt, das versteht sich. Und wie der Kampf mit den drei Lämmergeiern nicht ist, so bringen wir die schönsten Büschen heim.«

»Kampf mit den Lämmergeiern?« fragten die Leute und brachten den Mund nicht mehr zu.

»Haar' lassen hätten wir können! Sind noch froh gewesen, daß wir heil davon gekommen; die Alpenblumen und die paar Hüte sind zu ersetzen.«

»Herrgott, das war eine Tour!«

– Sie waren die bewunderten Helden des Städtchens. Einige Zeit darauf kam an den Vorstand von Abelsberg folgendes Schreiben:

»Tamern, den 30./9. 1875.

Werter Herr Bürgermeister! Zu meinem Bedauern muß ich Sie mit einer Angelegenheit belästigen. Vor etwa acht Tagen kam eine heitere Gesellschaft von neun Personen in mein Haus, die, wie sie vorgab, aus Abelsberg sei. Die Herrschaften schienen eine Gebirgspartie vorgehabt zu haben, blieben jedoch einen und einen halben Tag und zwei Nächte bei mir und ließen sich zu meinem Vergnügen Küche und Keller wohl munden. Wie es bei solchen Gelegenheiten schon zu geschehen pflegt, wurden sie lustig, sangen, tanzten und unterhielten sich mit den Weibsleuten der Nachbarschaft, die sie zum Tanze beigezogen hatten. Auch die Burschen der Umgegend, Holzknechte zumeist, fanden sich ein; da entspann sich zwischen diesen und den werten Herren Abelsbergern ein Streit, der Weibsbilder wegen; sie wurden leider handgemein, wobei zu meinem großen Bedauern die Abelsberger sehr den kürzeren zogen. Die Herrschaften waren gezwungen, das Weite zu suchen, und dürften mit einigen diesbezüglichen Spuren nach Hause gekommen sein. – Ganz erklärlich ist es unter solchen Umständen, daß in der Eile vergessen wurde, die kleine Gasthausrechnung zu begleichen, die Euer Wohlgeboren zu unterbreiten ich hiermit die Ehre habe:

Zwei Abendessen für 9 Personen ... 23 fl. 70 kr
Ein Mittagsessen detto ... 15 " 98 "
Zwei Frühstück detto ... 8 " 10 "
Wein für 9 Personen ... 26 " 48 "
Dem Stubenmädchen für Depurgationen ... " 80 "
Für eine Weinflasche à 40 kr.,
und drei Fensterscheiben à 30 kr., zusammen
... 1 " 30 "

Summa 76 fl. 36 kr.

Um gefällige Notiznahme bittet

achtungsvoll ergebenst

Peter Streicher, Gasthausbesitzer in Tamern.«

Der Bürgermeister veranstaltete zu Ehren der wackeren Touristen eine Nachfeier beim »Grünen Baum«. Nachdem die Gefeierten neuerdings und stets mit mehr Nachdruck und in helleren Farben ihre seltenen Abenteuer an der sausenden Enns und bei der Besteigung des »elftaufend Fuß hohen Gletschers Reichenstein« dargetan hatten, sagte der Burgermeister, er sei von der Gemeinde beauftragt, den kühnen Mitbürgern ein Ehrendiplom hiermit zu überreichen – und las feierlichen Tones Brief und Gasthausrechnung des Peter Streicher vor.

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