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Guy de Maupassant: Dickchen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDickchen
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume12
year1910
firstpub1905
translatorGeorg Freiherrn von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectideaf721f7
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Duchoux

Als Baron Mordiane die Frei-Treppe des Klub hinabstieg, die geheizt war wie ein Gewächshaus, trug er den Pelz offen, und als sich nun das große Portal hinter ihm geschlossen hatte und er auf der Straße stand, ging ihm plötzlich die Kälte durch Mark und Bein, und ein eisiger Luftzug ließ ihn, ganz verstimmt, zusammenschauern wie vor einem Unglück. Außerdem hatte er im Spiel verloren, und endlich litt er seit einiger Zeit am Magen, so daß er nicht mehr essen konnte, was ihm schmeckte.

Er wollte nach Haus. Und da überkam ihn plötzlich der Gedanke an seine große, öde Wohnung, an den Kammerdiener, der im Vorzimmer eingeschlafen war, an das Toilettenzimmer, in dem das warme Wasser, das er abends brauchte, leise auf dem Gaskocher summte, an das breite, altertümliche Bett, feierlich wie ein Totenlager; und bis ins Herz hinein, bis ins Mark durchzuckte ihn ein noch schmerzlicheres Gefühl der Kälte, als das der eisigen Luft draußen.

Seit einigen Jahren fühlte er auf sich die Einsamkeit lasten, wie sie manchmal alte Junggesellen überkommt. Einst war er kräftig, munter und heiter: der Tag gehörte dem Sport, die Nacht dem Vergnügen. Jetzt wurde er schwerfällig und nichts machte ihm mehr rechten Spaß; körperliche Übungen ermüdeten ihn, die Soupers und sogar die Diners bekamen ihm schlecht, die Frauen langweilten ihn jetzt genau so, wie sie ihn früher unterhalten hatten.

Die Gleichförmigkeit der öden Abende, der Freunde, die er stets am selben Orte traf, der Klub, der ewig gleichen Partie, mal gewonnen, mal verloren, derselben Redensarten über dieselben Sachen, desselben Geistes aus derselben Quelle, dieselben Witze über dieselben Themata, dieselbe Redensart über dieselben Frauen, – das war ihm so entsetzlich, daß er Augenblicke hatte, wo er wahrhaftig an Selbstmord dachte. Er konnte dieses regelmäßige, leere, öde, so leichte und doch so schwere Dasein nicht weiter führen. Er sehnte sich nach Stille, nach Ruhe, nach Bequemlichkeit, wußte nur nicht wo und wie.

Er dachte nicht daran, sich etwa zu verheiraten, denn er fühlte nicht den Mut in sich, die Melancholie des ehelichen Jochs auf sich zu laden, dieses fürchterliche Dasein zu zweien, in dem Mann und Frau, da sie immer beieinander sind, sich allmählich so genau kennen, daß sie kein Wort mehr sagen können, das der andere nicht schon vorher weiß, wobei sie keine Bewegung machen können, die der andere nicht voraussieht, nichts mehr denken, wünschen, urteilen können, das der andere nicht bereits vorher ahnt. Er meinte, man habe nur dann Freude daran, mit einem Menschen zu verkehren, wenn man ihn noch wenig kennt, wenn in ihm noch etwas Geheimnisvolles, Unerforschtes bleibt, noch etwas Unbekanntes, Verschleiertes. Er bedurfte einer Familie, die doch keine Familie war, wo er nur einen Teil seines Daseins hätte zuzubringen brauchen. Bei diesen Gedanken quälte ihn von neuem die Erinnerung an seinen Sohn.

Seit einem Jahr dachte er unausgesetzt daran; das Bedürfnis ihn zu sehen, ihn kennen zu lernen, peinigte ihn fortwährend. Er war ihm in seiner Jugend unter dramatischen, rührenden Umständen geschenkt worden. Das Kind wurde nach dem Süden geschickt und bei Marseille erzogen, ohne jemals den Namen seines Vaters zu erfahren.

Der war zuerst für die Kinderjahre aufgekommen, dann für die Schule, die Bummeljahre, endlich hatte er Geld gegeben zu einer vernünftigen Heirat. Ein verschwiegener Notar spielte den Vermittler, ohne je den Schleier zu lüften.

Baron Mordiane wußte also nur, daß irgendwo in der Nähe von Marseille sein Fleisch und Blut lebte, daß »er« für ganz gebildet und wohlerzogen galt, und die Tochter eines Bauunternehmers geheiratet hatte, dem er im Geschäft gefolgt war. Es hieß, er verdiente eine Menge Geld.

Warum sollte er nicht einmal seinen unbekannten Sohn aufsuchen, ohne sich zu erkennen zu geben? Ihm zuerst nur einmal auf den Zahn fühlen und feststellen, ob er vielleicht in dieser Familie ein angenehmes Plätzchen für sein Alter fände.

Er hatte sich sehr anständig benommen, hatte dem Sohn eine schöne Summe mitgegeben, für die jener auch dankbar gewesen; er wußte also, er würde nicht übertriebenem Stolz begegnen. Und dieser Gedanke, der Wunsch, nach dem Süden zu reisen, der täglich in ihm wühlte, quälte ihn, als juckte ihm die Haut. Ein seltsam weiches, egoistisches Gefühl war auch dabei: der Gedanke an dieses gemütliche, reizende Haus am Meer, wo er seine hübsche, junge Schwiegertochter fand, seine Enkelkinder, die ihm mit offenen Armen entgegenkamen und sein Sohn, der ihm das kurze schöne Liebesglück längst verrauschter Jahre wieder ins Gedächtnis rief. Er bedauerte bloß, ihm schon so viel Geld gegeben zu haben, und daß das Geld in den Händen des jungen Mannes solche Zinsen getragen, daß er nun der Familie gegenüber nicht mehr als Wohlthäter auftreten konnte.

An alles das dachte er, als er so, den Kopf in den Kragen seines Pelzes versenkt, dahinging – und plötzlich faßte er einen Entschluß. Eine Droschke fuhr vorbei, er rief sie an, ließ sich nach Haus fahren. Und als der Diener schläfrig die Augen geöffnet hatte, sagte er:

– Louis, wir reisen morgen abend nach Marseille. Wir bleiben etwa vierzehn Tage fort, packen Sie alles Nötige ein! –

 

Am sandigen Rhonestrom hinab rollte der Zug, dann ging es durch goldene Fluren, lachende Dörfer, eine weite Ebene, in der Ferne durch kahle Berge abgeschlossen.

Baron Mordiane war, nach einer Nacht im Schlafwagen, erwacht und besah sich melancholisch im kleinen Spiegel seines Reisenecessaires. Das helle Licht des Südens zeigte ihm Runzeln, die er noch nicht kannte, eine Abgelebtheit, wie er sie im Halbdunkel der Pariser Wohnungen an sich noch nicht bemerkt.

Als er die Augenwinkel, die schlaffen Augenlider, die Schläfen, die durchfurchte Stirn betrachtete, sagte er sich:

– Verflucht noch mal! Nicht allein, daß ich kein Jüngling mehr bin, ich habe bereits einen Knacks weg.

Und plötzlich wuchs sein Ruhebedürfnis gleichzeitig mit der unbestimmten Sehnsucht, die zum erstenmal in ihm aufstieg, seine Enkelkinder auf seinen Knieen zu wiegen.

Gegen ein Uhr nachmittags hielt er mit einem Mietswagen, den er in Marseille genommen, vor einem jener blendend weißen Landhäuser des Südens, wie sie am Ende der Platanenalleen stehen, durch die sie grell leuchten, daß man die Augen schließen muß. Er lächelte, als er durch die Allee schritt und dachte: Ach, ist das reizend!

Plötzlich sah er einen kleinen Jungen von fünf oder sechs Jahren, aus einem Gebüsch kommen. Er blieb am Wegesrande stehen und betrachtete mit großen Augen den fremden Herrn.

Mordiane trat auf ihn zu:

– Guten Morgen, mein Junge!

Der Bengel antwortete nicht.

Da beugte sich der Baron nieder und nahm ihn auf den Arm, um ihn zu küssen. Dabei schlug ihm ein Knoblauchgeruch entgegen, den das ganze Kind auszuströmen schien. Er setzte es schnell zu Boden und brummte vor sich hin:

– Ach, das ist der Junge vom Gärtner.

Und er ging auf das Haus zu.

An einer Leine vor der Thür hing Wäsche zum Trocknen: Hemden, Handtücher, Wischlappen, Schürzen, während mehrere Reihen von Strümpfen übereinander in einem Fenster hingen, das sie ganz ausfüllten, etwa wie Würste im Schaufenster eines Fleischers.

Der Baron rief.

Ein Mädchen erschien, das richtige Dienstmädchen des Südens: dreckig, schlecht frisiert, die Haare in einzelnen Zotteln, ins Gesicht hängend. Ihr Kleid hatte bei der unendlichen Menge Flecken, die es dunkler gemacht, doch seine ehemalige grelle Farbe behalten und sah aus wie Jahrmarktsplunder oder ein Seiltänzerwams.

Er fragte:

– Ist Herr Duchoux zu Haus?

Das Mädchen fragte:

– Sie meenen doch Herrn Dichoux?

– Jawohl!

– Der is nämlich drinne, – der zeichnet egal.

– Sagen Sie ihm, Herr Merlin möchte ihn sprechen. Sie antwortete erstaunt:

– Nu, da gehn Se doch rin, wenn Se mit 'm reden wollen.

Und rief:

– Herr Dichoux 's is' ener hier!

Der Baron trat ein. In dem großen Raum, der durch die geschlossenen Läden verdunkelt war, unterschied er unbestimmt Menschen und Dinge, die ihm schmutzig zu sein schienen.

Vor einem mit allen möglichen Gegenständen beladenen Tisch stand ein kleiner Mann mit großer Glatze und zeichnete auf einem mächtigen Papier.

Er hörte zu arbeiten auf und machte zwei Schritte auf ihn zu.

Seine Weste stand offen, er hatte die Hose nicht zugeknöpft, die Ärmel aufgestreift, so daß man sah, wie warm es ihm sein mußte. Seine Stiefeln waren schmutzig, man konnte an ihnen noch erkennen, daß es vor ein paar Tagen geregnet haben mußte.

Mit stark südlicher Aussprache fragte er:

– Mit wem habe ich die Ehre?

– Mein Name ist Merlin. Ich möchte um Rat bitten, wegen Ankauf eines Grundstücks.

– O, sehr gern, sehr gern!

Nnd Duchoux drehte sich zu seiner Frau, die in einer dunklen Ecke strickte:

– Mach mal einen Stuhl frei, Josefine.

Nun gewahrte Mordiane eine junge Frau, die aber schon alt aussah, wie man eben in der Provinz bei fünfunfzwanzig Jahren alt wird aus Mangel an Pflege, an genügendem Waschen, aus Mangel an all den kleinen Mitteln, Sauberkeit, der Sorgfalt im weiblichen Anzug, allem was Frische und Jugendlichkeit, Reiz und Schönheit bis an die fünfzig Jahre erhält. Sie hatte ein Tuch um die Schultern, die Haare waren einfach aufgeknotet, dichtes, schwarzes, schönes Haar, aber man sah, es war kaum gekämmt und gepflegt. Und nun nahm sie ein Kinderkleid, ein Messer, ein Stück Bindfaden, einen leeren Blumentopf und einen schmutzigen Teller mit ihren Köchinnenhänden vom Stuhl und schob ihn dem Besucher hin.

Er setzte sich. Und nun sah er, daß auf Duchoux' Arbeitstisch außer den Büchern und Papieren noch zwei frische Salatköpfe lagen, eine Haarbürste, ein Handtuch, ein Revolver und ein paar schmutzige Tassen, sowie ein Waschbecken standen.

Der Baumeister bemerkte den Blick und sagte lächelnd:

– Entschuldigen Sie, es sieht etwas unordentlich hier aus, das kommt von den Kindern.

Und er rückte seinen Stuhl näher, um mit seinem Kunden zu reden:

– Sie suchen also ein Grundstück in der Nähe von Marseille?

Obgleich sein Atem den Baron nur von weitem traf, so roch er doch sofort jenen Knoblauchgestank, den der Südländer ausströmt wie Blumen ihren Duft.

Mordiane fragte:

– War das Ihr Sohn, den ich eben in der Platanenallee getroffen habe?

– Ja, das ist der zweite.

– Haben Sie zwei?

– Drei mein Herr. Jährlich einen.

Und Duchoux schien ganz stolz zu sein.

Der Baron dachte: Wenn sie alle so duften, muß es ja hier wie in einem Treibhaus riechen.

Er fuhr fort:

– Ja, ich suche ein hübsches Grundstück in der Nähe vom Meer an irgend einem einsamen Punkt an der Küste.

Da machte Dochoux Vorschläge. Er hatte zehn, zwanzig, fünfzig, hundert und noch mehr Grundstücke zu verkaufen, in allen Preislagen und für jeden Geschmack. Seine Worte sprudelten hervor wie ein Brunnen; dabei lächelte er selbzufrieden und bewegte seinen runden Kahlkopf hin und her.

Und vor Mordianes Gedächtnis stand wieder eine blonde, schlanke, etwas traurige junge Frau, die so zärtlich zu ihm sprach: »Mein Liebling«, daß die Erinnerung allein seine Pulse klopfen machte. Sie hatte ihn ein Vierteljahr leidenschaftlich bis zum Wahnsinn geliebt. Dann war sie während der Abwesenheit ihres Mannes, der Gouverneur einer fernen Kolonie geworden, in andere Umstände gekommen, war entflohen, hatte sich versteckt in Entsetzen und Verzweiflung bis zur Geburt des Kindes, das Mordiane eines Sommerabends fortgebracht, und das sie dann niemals wiedergesehen.

Drei Jahre später war sie drüben in der Kolonie ihres Mannes, dem sie nachgereist war, lungenkrank gestorben. Und hier vor ihm stand ihr Sohn und sagte, den Schluß mit seiner metallisch-harten Stimme schnarrend:

– Dies Grundstück ist ein Gelegenheitskauf, wie er nicht wiederlehrt.

Und Mordiane kam die Erinnerung an die andere Stimme, leicht wie ein Windhauch, wenn sie ihm zuflüsterte: »Mein Liebling, wir trennen uns nie!«

Und er dachte wieder an die blauen, süßen, tiefen, treuen Augen, als er in das runde Auge, dieses kleinen lächerlichen Menschen sah; es war auch blau, aber ausdruckslos; auch ähnelte er seiner Mutter, aber ....

Ja, er sah ihr ähnlich, wurde ihr ähnlicher von Sekunde zu Sekunde, im Klang der Stimme, in der Bewegung, in der ganzen Haltung. Er hatte eine Ähnlichkeit mit ihr wie der Affe mit dem Menschen. Aber er war ihr Blut, tausend kleine unglaublich verzerrte Züge, die ihn erregten, empörten, kamen von ihr. Der Baron litt. Diese entsetzliche Ähnlichkeit quälte ihn plötzlich, diese Ähnlichkeit, die immer wuchs, die ihn zur Verzweiflung brachte, die ihn verrückt machte, peinigte wie ein böser Traum, wie Gewissensbisse.

Er stammelte:

– Wann können wir das Grundstück zusammen ansehen?

– Morgen, wenn Sie wünschen.

– Um wieviel Uhr?

– Um eins!

– Gut!

Der Junge, den er in der Allee getroffen, erschien in der offenen Thür und rief:

– Poppa!

Niemand antwortete ihm.

Mordiane stand da und hatte solche Lust auszureißen, davon zu laufen, daß ihm die Beine zitterten. Dieses »Poppa« hatte ihn wie eine Kugel getroffen, das galt ihm, ja an ihn war es gerichtet, dieses knoblauchstinkende »Poppa«. Ach wie sie so süß duftete die Freundin von einst!

Duchoux begleitete ihn hinaus.

– Gehört das Haus Ihnen? – fragte der Baron.

– Jawohl. Ich habe es vor kurzem gekauft und bin sehr stolz darauf. Wissen Sie, ich bin nämlich ein natürlicher Sohn und verheimliche das garnicht, ich bin sehr stolz darauf. Ich bin niemand etwas schuldig, habe alles selbst erarbeitet, verdanke alles mir ganz allein.

Das Kind, das draußen geblieben, rief nun noch einmal, aber ganz von weitem:

– Poppa!

Mordiane überlief es, das Entsetzen schüttelte ihn, und er floh, wie man einer großen Gefahr entflieht.

Er wird erraten, wer ich bin, mich erkennen, dachte er, und er wird mich in die Arme schließen und auch zu mir sagen: »Poppa«! und mir einen Knoblauchkuß auf die Wange drücken.

– Auf Wiedersehen morgen.

– Also morgen, um eins.

 

Der Wagen rollte auf der weißen Straße.

– Kutscher, zum Bahnhof!

Und er hörte zwei Stimmen: eine weit entfernt, weich, die traurige matte Stimme der Toten, die zu ihm sprach: »Mein Liebling!«, die andere laut singend, scheußlich, die brüllte: »Poppa!« wie man etwa ruft: »Halt auf!« wenn ein Dieb die Straße hinunterflieht.

Als der Baron am nächsten Tage in den Klub kam, sagte Graf Etreillis zu ihm:

– Sie haben sich ja drei Tage garnicht sehen lassen. Sind Sie krank gewesen?

– Ja, ich war nicht ganz wohl, – ich habe ab und zu Kopfschmerzen.

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