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Guy de Maupassant: Dickchen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDickchen
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume12
year1910
firstpub1905
translatorGeorg Freiherrn von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectideaf721f7
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Die Stecknadeln

– Diese verfluchten Frauenzimmer!

– Warum denn?

– Ja, weißt Du, mich haben sie höllisch reingelegt.

– Dich?

– Ja, mich.

– Die Frauenzimmer oder eine Frau?

– Zwei Frauen.

– Zwei Frauen zugleich?

– Ja.

– Wieso denn?

Die beiden jungen Leute saßen vor einem großen Café auf dem Boulevard und tranken Likör mit Wasser vermengt, eines jener Getränke, das aussieht als hätte man die Farben des ganzen Malkastens hineingespritzt.

Sie waren etwa gleichaltrig und mochten fünfundzwanzig bis dreißig Jahre zählen. Der eine war blond, der andere brünett. Sie sahen in ihrer Talmi-Eleganz aus wie die richtigen Jobber, die man an der Börse, wie im Salon trifft, die überall zu finden sind, überall herumleben und herumlieben. Der Brünette sagte:

– Ich habe Dir doch von meinem Verhältnis erzählt. Weißt Du die kleine Frau, die ich im Seebade, in Dieppe, traf.

– Jawohl.

– Alter Kerl, Du weißt wie so was ist. Ich hatte ein Verhältnis in Paris, das ich riesig gern hatte, eine alte Freundin, eine gute Freundin, mit einem Wort – eine Gewohnheit, an der ich noch hänge.

– An Deiner Gewohnheit?

– Ja, an der Gewohnheit und an ihr. Sie ist mit einem braven Mann verheiratet, den ich auch sehr gern habe, – ein lieber, wirklich guter Freund. Kurz, in dem Hause hatte ich mich für mein ganzes Leben eingerichtet.

– Nun?

– Nun, die können Paris nicht verlassen und infolge dessen war ich in Dieppe Strohwitwer.

– Warum bist Du denn nach Dieppe gefahren?

– Luftveränderung. Man kann sich doch nicht immer auf den Boulevards herumtreiben.

– Nun – und?

– Nun habe ich im Seebade die Kleine getroffen, von der ich Dir erzählte.

– Die Frau von dem Bureauchef?

– Ja. Sie langweilte sich sehr. Ihr Mann kam übrigens bloß Sonntags, und das ist ein gräßlicher Kerl. Wir haben uns riesig angefreundet, haben uns amüsiert, zusammen getanzt .....

– .... Und das Übrige?

– Jawohl, aber später. Kurz wir trafen uns, gefielen uns, ich hab's ihr gesagt, sie hat sich's wiederholen lassen, um's besser zu kapieren und hat weiter keine Schwierigkeiten gemacht.

– Liebtest Du sie?

– Ja, ein bißchen. Sie war sehr nett.

– Und die andere?

– Die andere blieb in Paris. Kurz, sechs Wochen lang ging die Geschichte famos und im besten Einverständnis kehrten wir nach Paris zurück. Kannst Du etwa mit einer Frau brechen, wenn Dir diese Frau nicht das mindeste zu Leide gethan hat?

– O, sehr wohl.

– Wie fängst Du denn das an?

– Ich lasse sie einfach laufen!

– Wie machst Du denn das?

– Ich gehe nicht mehr hin.

– Aber wenn sie nun zu Dir kommt?

– Dann bin ich nicht zu Haus.

– Und wenn sie nun wiederkommt?

– Dann sage ich, ich wäre krank.

– Wenn sie Dich nun pflegen will?

– Dann komme ich ihr grob.

– Wenn sie es nun trotzdem thut?

– Dann schreibe ich ihrem Mann anonyme Briefe, damit er sie an dem Tag, wo sie kommen will, überwacht.

– Das ist allerdings gut. Ich kann so was nicht, ich kann nicht mit einer brechen. Bei mir häufen sie sich an. Es giebt welche, die sehe ich nur einmal jährlich, andere so alle zehn Monate, andere wieder bei Quartalwechsel, endlich andere, wenn sie mal im Restaurant essen wollen. Die, die ich mal los bin, stören mich weiter nicht, aber oft wird mir's schwer, die Neuen etwas fern zu halten.

– Nun also, wie war's?

– Also hör' mal, die kleine Beamtenfrau war ganz Feuer und Flamme, nichts war ihr vorzuwerfen, wie ich Dir schon sagte. Da ihr Mann den ganzen Tag im Bureau sitzt, fing sie an, mich zu überraschen. Zweimal hätte sie fast »meine Gewohnheit« getroffen.

– Teufel!

– Jawohl! Ich hatte also jeder einen bestimmten Tag angesetzt, um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen. Montags und Sonnabends die Frühere, Dienstags, Donnerstags und Sonntags die Neue.

– Warum die denn öfter?

– Ja, weißt Du, die ist jünger.

– Da hast Du also nur zwei Rasttage in der Woche?

– Das genügt.

– Alle Hochachtung.

– Ja und nun denke Dir mal, mir ist die lächerlichste Geschichte der Welt und die dümmste zugleich passiert. Seit vier Monaten ging alles wundervoll; ich hatte mich in Ruhe eingewiegt und war wirklich ganz glücklich, als plötzlich vorigen Montag ein Krach kommt.

Ich erwartete »meine Gewohnheit« zu bestimmten Zeit, ein Viertel zwei Uhr, und rauchte dabei eine gute Cigarre.

Ich döste, mit mir selbst zufrieden, vor mich hin, als ich plötzlich entdeckte, daß die Zeit längst vorüber war. Ich war sehr erstaunt, denn sie ist riesig pünktlich. Ich dachte, es müßte sie irgend ein kleiner Unfall zurückgehalten haben. Aber eine Viertelstunde verstrich, dann eine Stunde, anderthalbe Stunde. Und nun sah ich ein, daß sie durch irgend eine Ursache doch abgehalten sein mußte, durch eine Migräne oder einen aufdringlichen Menschen. So was ist sehr langweilig. Dieses unnütze Warten ist kolossal bockig und geht mächtig auf die Nerven. Schließlich faßte ich einen Entschluß: ich ging aus, und zwar, da ich nicht wußte, was ich anfangen sollte, zu ihr. Sie las gerade einen Roman.

– Nun? – fragte ich.

Sie antwortete ganz ruhig:

– Lieber Freund, ich konnte nicht; ich hatte eine Abhaltung.

– Was für eine?

– Ich war beschäftigt!

– Ja, aber womit beschäftigt?

– Ein sehr langweiliger Besuch.

Ich dachte, sie wollte mir den wahren Grund nicht nennen, und da sie sehr ruhig war, regte ich mich nicht weiter darüber auf. Ich hoffte, die verlorene Zeit am nächsten Tage mit der anderen wieder einzuholen. Ich war also Dienstag sehr erregt und verliebt in Erwartung der kleinen Beamtenfrau. Ich wunderte mich sogar, daß sie nicht früher kam, als verabredet. Alle Augenblicke sah ich nach der Uhr und verfolgte ungeduldig den Zeiger.

Es wurde ein Viertel, wurde halb, dann zwei Uhr. Nun konnte ich's nicht mehr aushalten und lief mit großen Schritten in meinem Zimmer auf und ab, preßte die Stirn an die Fensterscheiben, legte mein Ohr an die Thür, um zu lauschen, ob sie nicht die Treppe heraufkäme.

Es wurde zwei ein halb Uhr, dann drei. Ich nahm meinen Hut und rannte zu ihr. Sie las, lieber Freund, sie las einen Roman!

– Nun? – fragte ich ängstlich.

Sie antwortete genau so wie die »Gewohnheit«:

– Lieber Freund, ich konnte nicht; ich hatte eine Abhaltung.

– Was für eine?

– Ich war beschäftigt.

– Aber womit beschäftigt?

– Ein sehr langweiliger Besuch.

Nun nahm ich gleich an, daß sie beide alles wußten. Aber sie schien so friedlich, daß ich endlich doch meinen Verdacht aufgab, an ein lächerliches Zusammentreffen glaubte, denn ich konnte mir eine solche Heuchelei garnicht vorstellen. Und nachdem wir eine Stunde lang freundschaftlich geschwatzt, wobei übrigens mindestens zwanzigmal ihr kleines Töchterchen hereingelaufen kam, mußte ich ganz dumm abziehen.

Und nun denke Dir mal, am nächsten Tage...

– Da ging's wieder so?

– Ja und den übernächsten wieder. Und das dauerte so drei Wochen ohne Erklärung, ohne daß mir irgend etwas dies sonderbare Benehmen erklärt hätte, dessen geheimen Grund ich dennoch ahnte.

– Sie wußten alles?

– Weiß der Teufel! Aber wie? Das hat mich gequält, bis ich's heraus gekriegt hatte.

– Wie hast Du es denn herausgekriegt?

– Durch Briefe. Am selben Tage haben sie mir in genau denselben Ausdrücken ein für alle Mal den Abschied erteilt.

– Und?

– Nun also höre zu. Du weißt, lieber Freund, daß Frauen immer eine Menge Nadeln bei sich führen. Haarnadeln kenne ich, vor denen habe ich Dampf, und auf die passe ich schon auf. Aber die anderen sind viel niederträchtiger, diese verfluchten kleinen Nadeln mit schwarzen Köpfen, die unsereins eine vorkommen wie die andere. Uns großen Kamelen, die wir sind! Sie aber kennen sie auseinander, genau so wie wir ein Pferd von einem Hund unterscheiden.

Da hat nun wie es scheint einmal meine kleine Beamtenfrau eines jener verräterischen kleinen Dinger neben dem Spiegel in die Tapete gesteckt. Die »Gewohnheit« hatte sofort den kleinen schwarzen Punkt, groß nur wie ein Floh, auf der Tapete entdeckt, hatte die Nadel ohne eine Wort zu sagen herausgezogen und genau an derselben Stelle eine ihrer Stecknadeln, gleichfalls schwarz aber von anderer Form, eingepikt.

Am nächsten Tag wollte die Beamtenfrau ihr Eigentum wieder an sich nehmen und erkannte sofort den Ersatz ihrer Nadel. Da kam ihr ein Verdacht und sie steckte zwei hinein, über Kreuz.

Die »Gewohnheit« antwortete auf dieses Telegramm durch drei schwarze Kugeln, eine über der anderen.

Nachdem dieser Verkehr einmal begonnen, setzten sie ihn fort, ohne etwas davon zu sagen, nur um einander zu bespähen. Dann hat wahrscheinlich die »Gewohnheit«, die kecker ist, um die kleine Drahtspitze ein winziges Papierchen gewickelt, auf dem stand: »Postlagernd, Boulevard Malesherbes, C.D.«

Nun schrieben sie sich, jetzt war ich verloren. Du kannst Dir denken, daß es dabei nicht geblieben ist. Mit aller Vorsicht, mit all den tausend Ränken und Listen, die bei so etwas nötig sind, gingen sie vor. Aber die »Gewohnheit« unternahm plötzlich einen Gewaltstreich und gab der anderen ein Stelldichein. Was sie sich da gesagt haben, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß die Unterhaltung auf meine Kosten ging. Na also, das ist die ganze Geschichte.

– Ist das alles?

– Jawohl.

– Hast Du sie nicht wieder gesehen?

– O bitte, ich sehe sie noch, als guter Freund natürlich; sonst haben wir ganz gebrochen.

– Und haben sie sich wiedergesehen?

– Jawohl, mein Alter. Sie sind dicke Freundinnen geworden.

– Schau, schau! Bringt Dich denn das nicht auf einen Gedanken?

– Nee. Welchen?

– Einfaltspinsel! Laß sie doch wieder Stecknadeln einstechen!

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