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Guy de Maupassant: Dickchen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorGuy de Maupassant
titleDickchen
publisherEgon Fleischel & Co.
seriesGesammelte Werke
volume12
year1910
firstpub1905
translatorGeorg Freiherrn von Ompteda
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060121
projectideaf721f7
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Der Bursche

Der Kirchhof, voller Offiziere, sah aus wie ein blühendes Feld. Die Käppis und roten Hosen, die Tressen und goldenen Knöpfe, die Säbel, die Achselschnüre der Generalstäbler, die Aufschläge, die Schnüre der Jäger und Husaren glitten zwischen den Gräbern hin, deren weiße oder schwarze Kreuze traurig ihre Arme aus Eisen und Marmor oder Holz über das dahingegangene Volk der Toten ausstreckten.

Man hatte soeben die Frau des Obersten Limousin begraben. Sie war vor zwei Tagen beim Baden ertrunken.

Das Begräbnis war zu Ende, der Geistliche gegangen, aber der Oberst, von zwei Offizieren gestützt, blieb vor der Grube stehen, in deren Tiefe er noch den Holzkasten sah, der den schon verwesenden Körper seiner jungen Frau barg.

Der Oberst war fast ein Greis, groß, mager, mit weißem Schnurrbart. Vor drei Jahren hatte er die Tochter eines Kameraden geheiratet, die durch den Tod ihres Vaters, des Oberst Sortis, Waise geworden.

Der Rittmeister und der Leutnant, auf die sich ihr Kommandeur stützte, versuchten ihn fortzuführen. Er widerstand, Thränen in den Augen, die er voll militärischer Haltung nicht fließen ließ und flüsterte leise:

– Nein, nein. Noch einen Augenblick. – Er wollte durchaus dableiben, mit brechenden Knieen, am Rand der Grube, die ihm grundlos erschien, ein Abgrund, in den sein Herz und sein Leben versenkt lag, alles was ihm auf Erden verblieben war.

Plötzlich trat General Ormont heran, nahm den Oberst beim Arm und schleppte ihn fast mit Gewalt fort:

– Vorwärts, vorwärts, alter Kamerad! Sie können nicht hier bleiben.

Der Oberst gehorchte, und kehrte heim.

Als er die Thür seines Zimmers öffnete, sah er einen Brief auf dem Schreibtisch liegen. Er nahm ihn und wäre vor Überraschung und Bewegung beinah zusammengebrochen, denn er hatte die Schrift seiner Frau erkannt, dabei war der Brief vom gleichen Tage gestempelt. Er riß das Couvert auf und las:

»Vater!

Erlaube mir, Dich noch Vater zu nennen wie früher. Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich tot und begraben. Vielleicht kannst Du mir dann vergeben.

Ich will nicht versuchen, Dich weich zu stimmen, noch meinen Fehler zu entschuldigen. Ich will nur mit der ganzen Offenheit einer Frau, die in einer Stunde in den Tod geht, Dir die ganze volle Wahrheit sagen.

Als Du mich aus Großmut geheiratet hattest, hatte ich mich Dir in Dankbarkeit geweiht und Dich mit der ganzen Empfindung meines Mädchenherzens geliebt. Ich liebte Dich so wie ich Papa liebte, beinah eben so sehr. Und eines Tages, als ich auf Deinen Knieen saß und Du mich küßtest, habe ich Dich, ohne es zu wollen, Vater genannt. Es war ein instinktiver plötzlicher Ruf aus innerstem Herzen. Du warst wirklich für mich wie ein Vater, – nur mein Vater. Du lachtest und sagtest zu mir: »Nenne mich immer so, Kindchen, das macht mir Spaß.«

Wir sind in diese Stadt gekommen, und, verzeih Vater, ich verliebte mich. O, ich habe lange, beinah zwei Jahre lang, widerstanden. Deine Augen lesen richtig: fast zwei Jahre lang. Aber dann bin ich unterlegen, schuldig geworden, ward eine verlorene Frau.

Und er? Du wirst nicht erraten, wer es ist. Ich bin ganz beruhigt darüber, denn ein Dutzend Offiziere, die Du meine zwölf Trabanten nanntest, waren immer um mich und mit mir.

Vater! suche ihn nicht ausfindig zu machen und hasse ihn nicht. Er hat das gethan was irgend ein anderer an seiner Stelle auch gethan haben würde. Und dann bin ich gewiß, daß er mich aus tiefster Seele liebte.

Aber nun höre mich an. Eines Tages hatten wir ein Stelldichein auf der Schnepfeninsel, weißt Du, die kleine Insel unterhalb der Mühle. Ich sollte hinüberschwimmen, und er wollte mich im Gebüsch erwarten. Und dann wollte er bis zum Abend dort bleiben, daß man ihn nicht zurückkommen sähe. Ich war eben mit ihm zusammen getroffen, als sich die Zweige auseinanderbogen und wir Philipp sahen, Deinen Burschen, der uns überrascht hatte. Ich fühlte, wir waren verloren, und schrie laut. Da hat er mir gesagt, er, mein Freund: »Schwimm langsam wieder zurück, meine Liebe, und laß mich mit diesem Mann allein.«

Ich schwamm fort, so erschrocken, daß ich beinah das Ufer nicht wieder erreicht hätte, und bin dann heimgekehrt, in der Erwartung, es würde etwas Furchtbares eintreten.

Eine Stunde später sagte mir Philipp leise im Korridor vor dem Salon, wo ich ihn getroffen: »Gnädige Frau, ich stehe zu ihrer Verfügung, wenn gnädige Frau etwa einen Brief zu besorgen haben.« Da begriff ich, daß er sich verkauft hatte und mein Freund der Käufer war.

Und ich habe ihm Briefe zu besorgen gegeben, – alle meine Briefe. Er trug sie fort und brachte die Antwort zurück.

Zwei Monate lang ging das so. Wir vertrauten ihm, genau wie Du auch ihm vertrautest.

Und nun, Vater, höre was geschah. Eines Tages traf ich auf derselben Insel, wohin ich beim Baden geschwommen, aber diesmal ganz allein, Deinen Burschen. Der Mann hatte mir aufgelauert und sagte, er würde Dir alles melden und Dir Briefe übergeben, die er zurückbehalten, die er unterschlagen, wenn ich ihm nicht zu Willen wäre.

O Vater! Vater! Da ergriff mich Furcht, eine feige Furcht, eine empörende Furcht, vor allen Dingen vor Dir, der Du so gut bist, – den ich betrogen. Dann Furcht für ihn, denn Du hättest ihn getötet. Furcht – auch vielleicht für mich. Ach Gott, ich weiß nicht was, ich hatte den Verstand verloren. Ich meinte, ich würde ihn noch einmal beruhigen, diesen Elenden, der mich auch liebte. Welche Schmach! Wir sind so schwach, wir Frauen, daß wir eher den Kopf verlieren als ihr. Und dann, wenn man einmal gefallen ist, fällt man immer tiefer und tiefer. Ich weiß kaum was ich gethan habe. Ich sah nur ein, einer von Euch beiden und ich mußten sterben. Und da habe ich mich diesem Kerl hingeben.

Du siehst, Vater, ich suche mich nicht zu entschuldigen.

Dann, dann – dann ist eingetreten, was ich hätte vorhersehen müssen: er forderte und forderte, wann er nur wollte, indem er mich immer wieder bedrohte. Und auch er wurde mein Geliebter wie der andere, – alle Tage. Ist das nicht fürchterlich! Ist das nicht grausig, Vater!

Da habe ich mir gesagt, ich muß sterben. Lebendig konnte ich Dir eine solche Missethat nicht beichten, tot wage ich alles. Ich mußte sterben. Nichts hätte mich reingewaschen, ich hatte mich zu sehr beschmutzt. Ich konnte nicht mehr lieben, nicht mehr geliebt werden. Mir war es, als beschmutzte ich alle Welt, wem ich nur die Hand gab.

Ich werde jetzt mein Bad nehmen und nicht wiederkommen.

Dieser Brief an Dich geht an meinen Geliebten. Er wird ihn nach meinen Tode erhalten, wird nicht verstehen was er bedeutet und wird ihn meinem letzten Wunsche gemäß Dir schicken. Und Du wirst ihn lesen, wenn Du vom Kirchhof wiederkommst.

Lebewohl, Vater! Ich habe Dir nichts mehr zu sagen. Thue was Du magst, und verzeih mir.«

Der Oberst wischte sich die Stirn, auf der Schweiß stand. Seine ganze Kaltblütigkeit, die Kaltblütigkeit, wie er sie in vergangenen Schlachten gezeigt, war plötzlich wieder über ihn gekommen.

Er klingelte.

Ein Diener erschien.

– Schicken Sie mir Philipp, – sagte er.

Dann öffnete er das Fach seines Schreibtisches.

Der Bursche trat fast sofort ein, ein großer Soldat mit rötlichem Schnurrbart, verwegen, mit tückischem Blick.

Der Oberst sah ihm gerade ins Gesicht:

– Du wirst mir den Namen des Geliebten meiner Frau nennen!

– Aber, Herr Oberst ....

Aus dem halb offenem Fach nahm der Oberst seinen Revolver:

– Vorwärts schnell. Du weißt, ich scherze nicht.

– ... Herr Oberst .... es ist Rittmeister Saint-Albert.

Kaum hatte er den Namen ausgesprochen, als das Feuer ihm in die Augen schoß und er niederschlug aufs Gesicht – eine Kugel mitten in der Stirn.

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