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Gutenberg > Johann Meyer >

Dichter un Buern

Johann Meyer: Dichter un Buern - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorJohann Meyer
booktitlePlattdeutsche dramatische Dichtungen
titleDichter un Buern
publisherVerlag von Lipsius und Tischer
seriesJohann Meyer's Sämtliche Werke
volumeSiebenter Band
year1906
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erster Akt.

Vorgarten des Rektorats zu Otterndorf. Im Hintergrunde ein Staket, resp. eine Mauer, in deren Mitte eine Doppelpforte. Hinter dieser Einfriedigung Gesträuch und Bäume. Rechts nach der letzten Kulisse hinter der Einfriedigung und über sie emporragend das Rektoratsgebäude, Rechts in der letzten Kulisse vor der Einfriedigung eine kleine Pforte nach der im Rektoratsgebäude an dieser Seite befindlichen Küche, und links eine solche nach dem an dem Garten befindlichen Apfelhof führend. Rechts weiter nach vorn ein vier Plätze langer, etwas schräger mit der Verjüngung der Bühne parallel stehender, halbgedeckter Tisch. Über demselben ein Tischtuch, darauf, noch nicht geordnet, Messer, Gabeln und einige Teller. An der rechten Seite des Tisches vier Stühle, an der linken eine improvisierte Bank, ein auf zwei Stapeln alter in Schweinsleder gebundener Folianten liegendes, mit einer Wolldecke umhülltes Brett. Links eine Laube, darin ein runder Tisch, auf welchem Bücher, Papier und Schreibgeschirr. An dem Tisch ein altdeutscher Lehnstuhl. An Stellen, wo es passend erscheint, und je nach der der Größe der Bühne, auf derselben Bäume, Gesträuch und Blumenbeete.

Rechts und links immer vom Zuschauer aus.

Erste Scene.

Ernestine. Voß.

Ernestine (am Tisch beschäftigt, in abgerissenen Sätzen sprechend und jedesmal nach Voß hinübersehend, welcher seitwärts links in der Laube an seiner Homer-Übersetzung arbeitet.) Ein schöner Abend! – – – Es rührt sich kein Blatt am Baum! – – – Wie viel angenehmer ist es doch hier draußen als da drinnen! – – – Aber es ist so schwül! – – Und die Fliegen schwirren! – – – Wenn es nur nicht regnen wird! – – Aber Voß! – – Johann! Heinrich! –

Voß (noch mit seiner Übersetzung beschäftigt). Wa? – – Was?

Ernestine. Hörst du denn gar nicht? –

Voß (schon mit mehr Aufmerksamkeit). Ich? – Ja! –

Ernestine. Schmiedest du denn noch immer Hexameter? – Komm, und hilf mir decken!

Voß (aufstehend und das Buch zumachend). Mit Vergnügen, mein Kind! Den göttlichen Dulder Odysseus Laß' ich der Circe derweil und gehorch' der gebietenden Hausfrau! (Geht nach dem Tisch und macht sich dort zu schaffen).

Ernestine. Wenn Auguste nur käme mit den Tellern!

Voß. Wir Dichter sind doch geniale Leute! – Da geben wir Gesellschaft und haben nicht einmal das nötige Steinzeug dazu! – Ha! Ha! Ha! Ha!

Ernestine. Los der Poeten! – Und mein Männchen läßt es sich zur Ansicht kommen, gerade wie vom Buchhändler seine Bücher!

Voß. Und morgen bekommt der Kaufmann schon alles wieder zurück, – sauber und unbeschädigt.

Ernestine. Vielmals zu grüßen vom Herrn Rektor! die Terrine wäre ihm doch zu teuer! Ha! Ha! Ha! Ha.

Voß. Und von der Frau Rektorin: sie wäre ihr auch zu groß, – und sie würde schon selber kommen, um sich eine andere auszusuchen! Ha! Ha! Ha! Ha!

Ernestine. So?! – auszusuchen?!

Voß. Ha! – Ha! Ha!– – Anzusehen! – Anzusehen, wollte ich sagen.

Ernestine. Gott Lob, daß wir doch nicht nötig haben, uns auch noch die fehlenden Stühle zu borgen!

Voß. Dank der Erfindung meiner Ernestine!

Ernestine. Und der ihres lieben Poeten!

Voß. Ja! – wir haben es gemeinschaftlich aufgebaut, dieses famose Sitzgestell.

Ebn als de Buern dat makt op de Grotföst, wenn se keen Stöhl hebbt, Nehmt se de Breder to Hölp un leggt se öwer de Beertünn!

Ernestine. Und statt der Biertonnen deine alten schweinsledernen Pergamentbände! Ha! Ha! Ha! Ha!

Voß. Und dem Gasselbrett aus der Backstube darüber! Ha! Ha! Ha! Ha!

Ernestine. Sorgfältig umhüllt mit unserer besten Wolldecke!

Voß. Ein niedliches Bänkchen!

Ernestine. Ja! – aber en beten wacklig!

Voß. Ja, sehr wacklig, sehr wacklig! Und die es drücken werden, die mögen sich in acht nehmen, Daß nicht ausweichend ein Glied mitnimmt das nächste, und jählings Holter kapulter das Brett nachrutscht und die ganze Bescherung!

Voß

Ernestine

  (zugleich)  

Ha! Ha! Ha! Ha!

Ha! Ha! Ha! Ha!

(Man hört die Haustürglocke.)

Ernestine. Horch! – Da kommt Auguste!

Zweite Scene.

Auguste. Die Vorigen.

Auguste (durch die Mitte kommend, mit einem Korb, darin eine Terrine, anderes Steinzeug und Gläser) Oha! – is de awer swar!

Voß. Setz' auf die Erde den Korb, Auguste, und gib' mir die Rechnung!

Auguste (den Korb niedersetzend) Ja wul, Herr Rekter! Hier is de Reken! (Gibt Voß eine Rechnung, Auf die Terrine zeigend) Wat'n prächtige Punschtarin! – – – Awers ick heff mi argert öwer den Menschen!

Voß

Ernestine

  (zugleich)   

Ah!

Ah!

Ernestine. Du hast ihm doch nichts verraten?

Auguste. Verraden? – Dat de' garnich eerst nödig, – he muß all vun allens Bescheed! – vun de ganze Gesellschap, – wokeen als dar kamt – un ock, wat dar op'n Disch kummt!

Voß

Ernestine

  (zugleich)   

Ah!

Ah!

Auguste. Un als ick de Reken verlang, dar meen he ördentlich: En Nota, dat de' ja garnich eerst nödig! – Un wenn Fru Rektern ock sünst noch wat bedürftig weer, – vellicht ock noch en Kaffekann oder en Teeputt, – denn schull ick man wedderkamn, – he lehn uns dat geern!

Ernestine. Der Unverschämte!

Auguste. Ja, dat dach ick ock! – awers de Mann harr doch so nebenbi noch ganz vernünftige Ansichten!

Voß

Ernestine

  (zugleich)   

So?!

So?!

Auguste. Ja! He meen: bi so'n lüttj' Gehalt, als de Otterndörper ehrn Rekter dat doch man geben, weer dar ja garnix bi, wenn de Fru Rektern sick dit und dat mal lehn de', wat se sick in'n Ogenblick noch ni köpen kunn!

Ernestine. Das laß ich mir gefallen!

Auguste. Ja! – un wenn't na sin Will'n gung, denn müß de Herr Rekter vun sin dreehunnert Daler doch to'n minnsten op achthunnert fett warrn, un dat alleen all vun wegen sin Berümtheit als Dichter un all sin smucken Leeder!

Voß. Ein prächtiger Mensch, dieser Kaufmann!

Ernestine. Das ist ja reizend!

Voß. Dafür bekommt er später meine Gedichte!

Ernestine. Und meinen Dank! (zu Auguste.) Aber nun flink nach der Küche, Auguste! – Wasche mir alles hübsch sauber ab und mache mir nichts entzwei!

Auguste. Heff Fru Rektern man keen Sorg! (Ab mit dem Korb durch die kleine Pforte rechts nach der Küche.)

(Ernestine macht sich wieder an dem Tisch zu schaffen.).

Voß. Aber, mein Schatz, wie steht's mit dem Imbiß?

Ernestine. Fix und fertig! – Zwei große Schüsseln voll, – Auguste wird sie gleich hereinbringen!

Voß. Und die Bowle? wenn ich fragen darf?

Ernestine. Auch schon gemacht, aber vorläufig noch in einer Milchschüssel, des besseren Gefäßes harrend, das Auguste soeben gebracht hat, – – – und genau nach deinem Rezept! – Eine Rheinwein-Bowle, so aromatisch und duftig, daß die olympischen Götter sie für Nektar trinken könnten!

Voß. Wie wir Studenten sie in Göttingen tranken! Und vor allem in unserm Heinbunde! – Apropos! – Mein silberner Ehrenpokal! soll der nicht auch mit die Tafel schmücken? –

Ernestine. Aber Voß! Das wertvollste, was wir besitzen!

Voß. Eben darum! Ich sage dir, der würde den protzigen Bauern imponieren! Ein solches Trinkgeschirr hat auch der reichste nicht! Und damit jedem die Ehre zu teil werde, auch einmal daraus getrunken zu haben, lassen wir ihn kreisen beim Rundgesang! – Also bitt' schön, mein herzlieb Ehegespons, – deines Dichter-Gatten Ehrenpokal!

Ernestine. Dein Wunsch ist mir Befehl, mein Schatz!

Dritte Scene.

Auguste. Die Vorigen.

Auguste (mit Gläsern und Tellern auf einem Teebrett, durch die kleine Pforte rechts eintretend,). Süh so! – Hier sünd all de Gläser, un de Tellern!

Ernestine. Danke! – Und nun bring auch das andere! Aber zunächst den großen, silbernen Ehrenpokal! Hier ist der Schlüssel!

Auguste. Ja wul, Fru Rektern! (Ab durch die kleine Pforte.).

Ernestine (die Gläser ordnend.). So! – Damit wir weiter kommen! (Man hört die nahe Turmuhr schlagen.). Horch! – die Uhr schlägt sechs! – wir haben alle Ursache, uns zu sputen!

Voß. Ja wohl! – alle Ursache, uns zu sputen! (beschäftigt sich gleichfalls mit dem Gedeck.).

Vierte Scene.

Auguste. Die Vorigen.

Auguste (mit dem Ehrenpokal durch die kleine Pforte kommend.). Hier is ock all de Beker! – Na, wat ward de Burn seggen, de ümmer so mit ehr Sülwertüg prahlt! – So en Sülwerklumpen hett doch keeneen op'n Disch to setten!

Voß (ihr den Becher abnehmend und in beiden Händen haltend, pathetisch). Du herrliches Gefäß! – Denkmal meiner schönsten Erinnerungen! So oft ich dich umfasse, ist es mir, als umarmte ich meine Freunde! (Während der nun folgenden Hexameter bewegt sich Auguste, schottisch tanzend, nach dem Rhythmus).

Miller und Hölty und Hahn, und die beiden prächtigen Stolberg!

Dich, mein Boie, zugleich durch das heilige Band der Verwandschaft

Doppelt mir teuer und wert! – Und dich, du herrlicher Barde, Der den Messias uns sang! – –

(Zu Auguste). Nun? was fällt dir denn ein? (Setzt den Becher auf den Tisch).

Auguste. Ick hüpp, Herr Rekter!

Ernestine. Ich möchte dich doch bitten, um etwas mehr Respekt vor deiner Herrschaft!

Auguste. Ja, Fru Rektern, wat kann ick darför, wenn de Herr Rekter mennigmal so, so, – so in so'n Hoppsa oder Schottisch sprickt! – (Nach dem Rhythmus schottisch tanzend.).

Raddera, raddadada, raddada dadda!

Wenn ick dat so hör, denn is mi allemal, als wenn ick danzen müß! (Ab durch die kleine Pforte.).

Voß

Ernestine

  (zugleich)   

Ha! Ha! Ha! Ha!

Ha! Ha! Ha! Ha!

Voß. Na, was sagst du nun, mein Weibchen? – Könnt ich mir wohl einen besseren Kritiker für meine Hexameter wünschen, als dieses Naturkind?!

Ernestine. Sie hat Recht! – Es ergeht mir ebenso! Anmutiger Wohllaut liegt in deinen Worten, und wie Musik sind deine Verse!

Fünfte Scene.

Auguste. Die Vorigen.

Auguste (mit einem Teller voll Butterbrot,, durch die kleine Pforte eintretend). Süh so! Und hier is ock all en Schöttel! – Un een so'n Schöttel vull is dar noch mehr! – Wat för'n lecker Botterbrod! – Ward se dar awers rinhau'n! – (setzt die Schüssel auf das obere Tischende). Ick glöv förwahr, Fru Rektern, dar kummt all een! – He schester eben de Strat hendal un lit ov uns to! – (Man hört klingeln.). Dar klingelt dat all!

Ernestine. Aber die Uhr schlug vorhin doch erst sechs!

Voß. Hat sich wohl ein wenig verfrüht!

Ernestine (zu Auguste). Geh hin und öffne!

Auguste. Ja wul, Fru Rektern! (ab durch die Mitte).

Voß. Vielleicht Nachbar Grothusen! Bekanntlich immer der erste!

Ernestine. Aber ohne Frau?! Und die würden auch die Straße nicht herunterkommen!

Sechste Scene.

Claudius. Die Vorigen.

Claudius (durch die Mitte kommend, mit der Botentasche um. Hinter ihm Auguste, die im Hintergrunde, rechts bei der Pforte bleibt).

Voß (ihm entgegeneilend und ihn umarmend). Claudius! – Ah, nein! – In meine Arme!

Claudius (während der Umarmung). Als Bote kam es mir doch wohl zu, der erste zu sein!

Auguste (für sich.). Wat? – Bote?!

Claudius (zu Ernestine, ihr beide Hände drückend). Frau Ernestine! – Frau Rektorin wollt ich' sagen!

Ernestine. Seien Sie uns tausendmal willkommen, liebster Herzensfreund!

Auguste (für sich). Fru Rektern ehr Hartensfründ?!

Claudius. Und tausend Grüße von Rebekka!

Voß

Ernestine

  (zugleich)   

Rebekka!

Rebekka!

Auguste (für sich.). Rebekka?!

Ernestine. Was macht sie?

Voß. Wie geht es ihr?

Claudius. Danke! – Auf's schönste! – So munter, wie ihr Bote!

Auguste. Also sin Fru!

Voß. Nein! Diese Freude! – Diese Überraschung!

– – Du hier, – mein liebster Freund und Bruder in Apoll! – (mit Wehmut). Aber ach! wie ist es nun doch schon alles so ganz anders, als früher! Und wo sind sie alle, die lieben Freunde und die schönen Stunden und Tage unseres herrlichen Bundes?! – – – Ein kurzer Traum! – Verflogen! – – Zerstoben! – –

Claudius. Ja, ja! – – Aber warum so elegisch?! Das Bessere, was er gezeitigt, wird doch bleiben für alle Zeiten! – Sein unverwelklicher Kranz schöner Dichtungen und Lieder!

Voß. Und sein Verdienst, um die Befreiung unserer deutschen Litteratur von der Überwucherung französischer Torheit und Mode!

Auguste (für sich). Wa gelehrt dat klingt!

Ernestine. Und wer einen Klopstock zu den Seinigen zählte, – –

Claudius. Und einen Hölty, eine Boie, einen Leisewitz!

Voß. Und die Millers, – die Stolbergs!

Claudius. Und einen Voß!

Voß. O, bitte! bitte!

Claudius. Und einen Bürger, einen Lessing zu seinen Freunden!

Voß. Und einen Asmus, omnia sua secum portans!

Auguste (für sich). Dat's gewiß französch!

Claudius. Sei es! – Warum nicht?! – Euer Bund war mir immer an's Herz gewachsen! – – Aber wer das alles so hat und hatte, der wird auch bleiben, wie jene bleiben!

Ernestine. Das wird er! – Er lebt mit ihnen!

Voß. Claudius! (ihm beide Hände drückend). Du alte, liebe, treue Seele du! – – – (in anderm Ton). Aber du trägst ja noch immer die Tasche! – Entschuldige, daß ich dir sie nicht schon abgenommen – (nimmt ihm die Tasche ab). Sieh', da guckt wahrhaftig ja auch noch etwas heraus! –

Ernestine. Am Ende gar ein Gedicht!

Voß. Und das neueste, was der Bote sich hineingesteckt! – Darf ich? – (nimmt das Gedicht heraus)..

Claudius. Warum nicht?! – Ich machte es unterwegs auf dem Schoner, als die Flut kam, und wir vor Anker lagen. – Wenn's dir gefällt, sei es dein!

Auguste. Also ock so'n Dichter! (leise in die Hände schlagend). Prächtig! prächtig!

Voß (lesend).

Die Geschichte vom großen Goliath und dem kleinen David.

War einst ein Riese Goliath,
Ein gar gefährlich' Mann!
Er hatte Tressen an dem Hut
Und einen Klunker dran!
Und hatt'n Rock von Silberdraht
Der ganz gewaltig funkeln tat.

Voß

Ernestine

  (zugleich)   

Ha! Ha! Ha! Ha!

Ha! Ha! Ha! Ha!

Auguste

Ernestine. Das ist ja reizend!

Auguste. Ja, Fru Rektern, dat is hübsch!

Ernestine (verweisend). Auguste!

Auguste. Gott, Fru Rektern, ick kann mi doch ock wul freun?! (ab durch die kleine Pforte rechts).

Ernestine (zu Claudius). Etwas vorlaut, aber doch herzensgut!

Voß. Ein naives Naturgemüt.

Claudius. Das hab' ich gern!

Voß. Aber deine Ballade, – die lesen wir nachher unseren Bauern vor! – Die werden sich ja unter den Tisch lachen! – Es kommt nämlich noch Gesellschaft.

Claudius. Ja. das seh' ich! – Der Tisch ist so hübsch gedeckt, und dein großer Göttinger Ehrenpokal mitten darauf! –

Voß. Halt! da fällt mir 'was ein! – – Aus dem sollst du heute abend trinken!

Claudius (abwehrend). Ah! Ah!

Voß. Wir wollten ihn kreisen lassen beim Rundgesang, aber nun trinkst du allein daraus!

Ernestine. Bravo, mein Männchen! – Und oben am Tisch da soll er sitzen, als unser aller Ehrengast!

Voß. Und in meinem Lehnstuhl!

Ernestine. Bravo, bravo! Tragen wir ihn gleich dahin! (Vosz und Ernestine gehen nach der Laube und tragen den Lehnstuhl nach dem oberen hinteren Tischende, während der Dialog weiter geht).

Claudius. Viel Zu viel der Ehre! Aber die Gesellschaft! – Da bin ich doch am Ende wie ein alter Störenfried gekommen.

Ernestine. Gott bewahre!

Voß. Im Gegenteil; – die Gesellschaft wird dich interessieren, – und du sie! – – Wenn sie dich auch nicht kennen, – den Wandsbecker Boten, kennen sie doch alle! – Er geht hier von Haus zu Haus!

Ernestine. Und man lernt seine Gedichte und singt seine Lieder!

Claudius. Ist mir gar lieb zu hören!

Voß. So lernst du auch hier deine Verehrer und Verehrerinnen mal kennen! – Lauter Otterndorfer Bauern mit ihren Frauen, – und eine kleine allerliebste Bäuerin auch ohne Mann!

Ernestine. Na? wer könnte das denn sein?

Voß. Doch! Und doch! – – Und die könntest du zu Tisch führen!

Claudius. Aber mit Verlaub! – Meine Tischdame für heute Abend ist doch Frau Ernestine!

Ernestine. Danke bestens! – Mit großem Vergnügen!

Voß. Nun, dann nimm sie! – Ich sprach im Bilde! – Es wird nämlich nur platt gesprochen, – und ich meinte eben nichts anderes, als unsere alte, schöne, liebe, teure Muttersprache!

Ernestine. Du Schelm!

Claudius. Nur platt gesprochen! – Das ist ja reizend!

Voß (mit Pathos).Ja! – denn kumm man her, – du lüttje dralle Burdeern mit din langen brunen Flechten, din rosenroden Mund und din sneewitten Tähn! – Mit din hellen Vergißmeinnich-Ogen un din fröhlich Kinnerhart! – Ja, denn kumm man her! – du sittst bi mi! –

Siebente Szene.

Fiken Grothusen. Auguste. Die Vorigen.

Auguste (Fiken, die sich sträubt, an der Hand hereinziehend. Beide durch die kleine Pforte rechts kommend).Nu kumm man, Fiken!

Voß. Fiken! [Klammer] (zugleich)

Ernestine Fiken!

Auguste. Nu schaneer di doch man ni! – (zu Ernestine).Se hett wat op'n Harten!

Claudius (bei Seite).Welch eine Menschenblume!

Voß. Na, Fiken, kumm! – giff uns de Hand!

Claudius (bei Seite) Das kleine Bauermädchen!

Fiken. Ja, Herr Retter! – (Sie gibt zuerst Ernestine, dann Voß die Hand, jedesmal einen Knicks machend, während dessen sagt)

Claudius (bei sich) Ja, das ist sie, die kleine allerliebste Bäuerin!

Voß (nach Claudius zeigend) Un den dar ock, Fiken! – Is'n guden Fründ vun uns! Un du freust di an allens, wat he schrifft, und singst sin Leeder! Dat is Asmus, min Kind, de »Wandsbecker Bote«.

Fiken.

Ah, ne! – Ah, ne!
Der Mond ist aufgegangen,
Die gold'nen Sternlein prangen, –

Dat is doch dat schönste uun all mm Leeder, de ick singen kann! – Un Se hebbt dat makt? Ne, wa freut mi dat! – Aber ick heff ja man nix als en paar arme Wör to danken!

Claudius. Doch! doch, min Kind!– wat schullst du ni! – Kumm, giff mi noch eenmal de Hand! (sie gibt Claudius die Hand) Un süh, so hal ick mi fülben min Dank! un drück mi mal de lüttje frische Ros' an min Lippen! (er küßt sie)

Voß

Ernestine

  (zugleich)   

Ha! Ha! Ha! Ha!

Ha! Ha! Ha! Ha!

Fiken (verschämt) Ah ne! (mischt sich mit der Schürze über den Mund)

Voß (in die Hände klatschend) Bravo! – charmant!

– Kumm, lüttj' Fiken, giff mi ock een!

Ernestine (eifersüchtig) Aber Voß! laß doch den Unsinn!

Auguste. Ja, Fiken, do' dat man! – Uns Herr Retter is doch ock so'n Dichter!

Ernestine (zu Auguste) Du schweigst!

Auguste. Gott, Fru Rektern, wat is dar denn bi! – En Dichter kann man doch geern mal küssen!

Ernestine Schweig! sag ich dir noch einmal!

Auguste Ja, ick swig!

Ernestine (zu Fieken) Nun, mein Kind, was hast du denn auf dem Herzen?

Auguste Se hett en unglückliche Liebe, Fru Rektern!

Voß

Claudius

  (zugleich)   

Ah!

Ah!

Ernestine Sieh! Sieh!

Auguste Ja, Fru Rektern, mit Hartwig Kröger! – Un ehr Vader un Moder sünd beide so dargegen!

Voß Hartwig Kröger, de arme Schipperknecht! – Un Fiken Grothusen, de rike Burndochder!

Fiken (weinend) Ja! Un nu hett Jochen Bull sin Jochen um mi anholen – un denn schall ick pattu nehmen!

Voß Jochen Bull! – De eenzig Söhn! – un sin Vader, de hett ock ja en groten Hoff!

Claudius (bei Seite) Wieder mal der leidige Mammon und die Habsucht der Menschen!

Fiken (weinend) Un ick kann un kann dat ni! – Ni un nümmer nich!

Ernestine Sehr natürlich!

Auguste De ole, rothaarige Mensch?! Gott bewahr uns! – De is ja jüst akkerat ebenso, als sin Gizpesel vun Vader!

Ernestine Rede doch nicht immer so vorlaut dazwischen! Geh' nach der Küche!

Auguste Ja, Fru Rektern! (Ab durch die kleine Pforte rechts)

Fiken (noch mehr weinend) Dat is ja ock man blots vunwegen dat Geld, – Un wil min Hartwig arm is. – Nu heff ick nix mehr vun min Leben!

Voß Na, na! Nu lat doch dat Ween'n na, min lüttj' Fiken!

Ernestine Ja, tröst' di man! – Dat hett wull noch keen Not!

Claudius (bei Seite) Das kann einem doch leid tun!

Fiken (weinend) Wat fang ick arm Deern nu eenmal an! – – – Awers wil min Vader und min Moder doch vunabend ock mit hier sünd, – wull ick den Herrn Rekter und de Fru Rektern beden, – wenn't jichens möglich weer, – un de Gelegenheit jüst mal günstig, – – bi min Vader un Moder en fründlich Wort för mi un min Hartwig to spreken!

Voß. Ja! Ja! wenn't jichens möglich is – so will ick't do'n!

Claudius. Un ick ock! – Du arm lüttj' Deern!

Ernestine. Und ich nicht minder!

Achte Szene.

Auguste. Die Vorigen.

Auguste (durch die kleine Pforte kommend) Herr Rekter, Fru Rektern! – Fiken! Deern! – Din Vader un Moder, de kamt!

(Man hört klingeln)

Fiken (erregt) Ach Gott! Ach Gott! – Un se meent, ick bin na'n Höker! – Se dörft mi hier ni drapen! – Wa kam ick nu wedder rut?!

Auguste. Hett keen Not, min lüttj' Fiken, lat mi man sorgen.

Fiken. Denn man gau! man gau, ehr se kamt! – Wo schall ick eenmal hin! –

Auguste. Wo du hinschast? – (nach der Pforte links zeigend) Dar, – dör de Port schast du hin! – Deern, büst du denn rein verbistert? – Denn büst ja all in'n Appelhoff! –

Fiken. Ja, in'n Appelhoff! –

Auguste. Un tonöst kummt ja all de Wisch mit den Fotstig na'n Dik heröwer!

Fiken. Ja, na'n Dik heröwer!

Voß. Charmant, Auguste! Ja, das geht!

Ernestine (zu Fiken) Dann nur noch ein wenig weiter, und du bist schon wieder zu Hause, mein Kind!

Auguste. Ja, is't ni so, Fru Rektern? (zu Fiken) Denn kumm man Fiken! (man hört wieder klingeln) Ja, man gau! man gau! (Fiken und Auguste ab durch die kleine Pforte links)

Ernestine. Dann muß ich wohl öffnen! (Ab durch die Mitte)

Voß. Richtig, Peter Grothusen! – wieder einmal ein gut Stück früher als all die andern!

Claudius. Na, das paßt ja schön! – Da haben wir ja gleich die beste Gelegenheit!

Voß. Eine hübsche Aufgabe, aber sicherlich eine recht schwierige!

Claudius. Setzen wir einmal all unser Können daran, sie glücklich zu lösen.

Auguste (wieder durch die kleine Pforte links zurückkehrend) Dar nerrn in de Wisch heff ick wat sehn, Herr Rekter!

Voß. Na, wat denn?

Auguste. Dar leep em öwer'n Dik heröver un na de Wisch hendal.

Voß. Und was denn weiter?

Auguste. Ja, so veel als ick man in'n Mandschien un so ut de Feern noch sehn kunn, – en groten, slanken un smucken jungen Menschen!

Voß. Hartwig Kröger?!

Auguste. Ja, wer weet! – De Tofall spelt mennigmal ock en Rull! – Na, wat geiht uns dat an! (ab durch die Pforte rechts)

Neunte Scene.

Peter Grothusen. Trinken Grothusen. Die Vorigen.

Ernestine (die Tür öffnend) So! Si'n Se so gut! (Peter Grothusen zuerst eintretend, nach ihm Trinken Grothusen und dann Ernestine)

Peter Grothusen (Voß die Hand gebend) Schön gu'n Abend!

Voß. Gu'n Abend!

Trinken Grothusen (schnell, ebenso) Schön gu'n Abend!

Vosz. Gu'n Abend! (auf Claudius zeigend) Dat's 'n guden Fründ vun mi!

Peter Grothusen (Claudius die Hand gebend) So?! Na, gu'n Abend denn ock!

Claudius. Gu'n Abend!

Trinken Grothusen (ebenso) Gu'n Abend denn ock!

Claudius. Gu'n Abend!

Ernestine (Auf die Stühle hinter dem Tisch zeigend) So! Nu nehm'n Se man eerst mal en beten Platz!

Peter Grothusen. Danke!

Trinken

Grothusen

  (zugleich)   

Danke!

Danke!

(Beide setzen sich).

Zehnte Scene.

Auguste. Die Vorigen.

Auguste (kommt durch die kleine Pforte rechts, in der Hand ein Gefäß mit Senf und Salz, welches sie geräuschvoll vor Peter Grothusen auf den Tisch stellt. Sie bleibt im Hintergrunde stehen). Solt und Semp, Peter Grothusen!

Peter Grothusen (etwas verblüfft über Augustes Benehmen). Wa! – wa, – wa, wa, wat!?

Ernestine (verweisend). Auguste!

Vosz. Na, wa steiht't denn to Hus, Peter Grothusen? un wat makt de Kinner denn?

Peter Grothusen. Ah, danke för de fründliche Nafrag! Ja, wi hebbt ja man de twee!

Ernestine. Aber wat för'n twee! – Als Melk un Blot sünd de beiden!

Auguste (zu Ernestine). Nu man frisch, Fru Rektern!

Peter Grothusen. Wat sä Se dar?

Auguste. Ah, nix!

Peter Grothusen. So?! nix?! – Na, ja! – Ja! – en paar däge Kinner sünd dat ock! – –

Trinken Grothusen. Un wat de lüttje is, de Petje, dat Nestküken, – de is so mehr sin Vader sin Ogappel!

Peter Grothusen Ja, un Fiken, de grote, mehr ehr Moder ehr!

Trinken Grothusen Wenn de Jung man nich ümmer so waghalsig weer un so ballstürig!

Peter Grothusen Un Fiken man ni bischuerns so egensinnig un so obsternasch!

Trinken Grothusen Dat eene is wul so slimm, als dat anner! un vertrocken sünd se wul beid so'n beten. – Awers de Petje, de Racker, de kann sin Vader ja nagrad' um'n Finger wickeln.

Peter Grothusen So?! – Dat billst du di dochen man in, Trinken!

Trinken Grothusen Na, dat heff ick ja dochen all wedder mal sehn mit de Joll!

Peter Grothusen Kummst du all wedder mit de Joll! Wo jüm Frunslüd eenmal en Pick op hebbt, dat bringt ju jümmers wedder op't Tapet!

Voß Sehr richtig.

Ernestine So?! Ah!

Trinken Grothusen Ja, denken Se sick mal, Herr Rekter, dar wünsch de Jung, de Petje, sick nülich en Joll to sin Geburtsdag!

Claudius Allerdings, ein ganz nettes Geschenk!

Peter Grothusen Na, wat is dar denn bi?

Trinken Grothusen So'n nie Joll, de kost doch en ganzen Barg Geld! –

Peter Grothusen Ach wat! – wi hebbt dat ja!

Voß (zu Claudius). Peter Grothusen ist einer der reichsten Bauern in Otterndorf!

Claudius So? Ah, das wußte ich noch nicht!

Peter Grothusen (selbstgefällig). Ja! – ja! – dat bün ick! – Un dochen queest se mi noch ümmer um de Joll! –

Trinken Grothusen Na, um dat Geld is't ja ock jüst nich alleen! – Awers nu denkt de Jung an nix anners mehr, als an sin Joll, – un wenn dar mal keen Schol is, denn liggt he'n ganzen Dag darmit op't Water! – Un bi sin Waghalsigkeit, – wa licht kunn dar ni mal en Malör passeeren! – Man kummt ut de Angst ja rein garni mehr herut! –

Peter Grothusen. Ach wat! Jüm Frunslüd hebbt dar ock jümmers wat to queesen! – Bekümmer du di dochen man um din Fiken! – Mit de ehrn Egensinn un ehr Wedderhaarigkeit is dat dochen noch arig wat slimmer! – De makt di ock doch wahrhaftig Sorgen 'nog! – Un mi noch darto!

Voß. So?! Ah?! – Un ick heff ehr ümmer für so'n nettes, gudes Mäten holn.

Ernestine. Und ich auch!

Claudius. Das ist sie gewiß doch auch.

Auguste (schnell) Ja, sekerlich!

Peter Grothusen. So?! Wat weest du darvun?!

Ernestine (verweisend) Auguste! – –

Voß. Wat hebbt Se denn mit Fiken? Wat is dar denn los mit ehr! Wenn ick so fri sin dörf, Se to fragen? –

Peter Grothusen. Ja, wa, wa, wa, wat is dar los?! – Dar is een, de hett ehr den Kopp verdreiht, – un nu sett se sick op gegen ehr Öllern!

Trinken Grothusen. Dar is de Mensch an schuld!

Ernestine. Wat för'n Mensch?

Peter Grothusen. Ah, de Hartwig Kröger, de!

Trinken Grothusen. Se is ja rein vernarrt in em!

Auguste. Na, Fru Rektern, – nu man to!

Peter Grothusen. Wat sä Se dar?

Auguste. Ah, nix!

Peter Grothusen. So! nix! wedder nix?!

Ernestine (verweisend) Auguste, nach der Küche!

Auguste. Gott. Fru Rektern!

Ernestine. Hörst du nicht?!

Auguste. Na, denn gah ick! – Aber de Wänn' hebbt ock Ohren! (Ab durch die kleine Pforte rechts)

Peter Grothusen. Dat is mal en näswise Deern! – Awers wat ick man noch seggn wull. Dat is recht! – Ja, wat düsse Hartwig Kröger sick wul inbilln deit, – so'n Lump vun Schipperknecht! – Un nu weer dar jüst so'n schöne Patti för uns' Fiken!

Frau Grothusen Jochen Bull sin Jochen!

Peter Grothusen Ja!

Ernestine Jochen Bull sin Jochen un Ehr lütt' Fiken?! Ah, ne! – de paßt ock doch man slecht tohopen!

Peter Grothusen und Trinken Grothusen (zugleich). So?!

Voß Dat weer ja to'm Verglik als en gehle Hunnblom bi en rode Ros'!

Elfte Szene.

Auguste Die Vorigen

Auguste (durch die Pforte rechts kommend, mit einer Pfefferdose, welche sie geräuschvoll vor Peter Grothusen auf den Tisch stellt, so daß der Pfeffer heraus und Peter Grothusen in die Nase fliegt. Im Hinstellen:). So, hier is ock noch de Peper! (Sie tritt nach der Pforte rechts hin zurück, dem weiteren Gespräche lauschend).

Peter Grothusen (durch wiederholtes Niesen im Sprechen unterbrochen). Wa, – wa, – wa, – hapies! ja, töf, – du! Ha, – hapies! – wa, – wa, – wa, wat sä'n Se? – hapies! als, – als – 'n Hunnblom mi – mit'n Ros'?! – Wa, – wa, – wakeen wull dat behaupten?! –

Voß Na, man brukt se dochen man beide mal antosehn!

Claudius Un nix slimmer, als twee Menschen an enanner binn', de ni för enanner paßt!

Auguste Ja, dat is wahr!

Peter Grothusen Ni för enanner paßt?! (Er klopft sich auf die Tasche, daß das Geld klingt) Ick meen dochen, dit hier, – dat hebbt se beide! – Un wat paßt dar denn ock wull beter tohopen, als dat?!

Trinken Grothusen Ja, un wat hett de anner denn?!

Peter Grothusen So arm als en Karkenmus! – Garnix hett he!

Voß Doch en staatsche Figur un en smuckes Gesicht!

Peter Grothusen Wa, – wa, – wat do' ick darmit!

Ernestine Un en gudes Hart!

Peter Grothusen Wa, – wa, – wakeen seggt dat?! Dar süht nüms herin!

Ernestine He ernährt doch all sit Jahren sin ole Moder!

Voß Un als dat grote Für weer in de Osterstrat, hal he dar ni de kranke Fru ut de Flammen?!

Ernestine Un twee vun min Mann sin Scholkinner, de dar op de Mäm' dör't Is braken, hett he doch dat Leben rett!

Voß Un de ole Fischer Groth weer ock verdrunken, wenn he em ni nasprungen weer!

Claudius Na, wenn de keen gudes Hart hett, de dat allens da'n, – wakeen harr't denn?

Voß Un Jochen Bull sin Jochen, de is als sin Vader, – se hebbt dar beide vun dat allens nix!

Auguste Ni mal en beten Mutterwitz!

Ernestine (verweisend). Auguste!

Peter Grothusen Awers doch en groten Hoff un mit en reines Folium, – un ock noch Geld op Zinsen!

Voß. Peter Grothusen, schall'ck Em mal wat seggn?

Peter Grothusen Ick mag dar nix mehr vun hören!

Voß Dat Geld makt den Menschen ni glücklich! – Un wat nützt mi Hab un Gut, wenn ick keen annere Freuden mehr Heff?!

Claudius Un leewer arm un mit Freuden, als rik und mit Leiden!

Voß Wo dat Glück is, dar sünd ock de Armen rik, – awers arm sünd ok de Riten, wenn se ni glücklich sünd! – Un wa kunn de beiden wul glücklich mit enanner warrn!

Auguste (bei Seite). Ne! Düsse Dichters!

Claudius. Un wa kunn en Vader un en Moder denn ock wul vun ehr hartleev Kind dat höchste un dat schönste to'n Opfer verlangen, wat düsse Welt man hett? De Leevde?!

Voß. Uns' Herrgott is ja sülben de Leevde, – un wo he ehr opblöhn lett in en Menschenhart, dar beschützt un beschirmt he ehr ock, – un wer sick daran vergripen wull, de vergreep sick ja an uns' Herrgott sülben!

Auguste (bei Seite) Ne, dar kunn ja en Steen week bi warrn!

Peter Grothusen (aufspringend und mit dem Fuß stampfend) Dunner und Doria! un der Deuscher noch mal to! – Dat heff ick ni nödig, mi beeden to laten! – Wat gaht denn anner Lüd min Kinner an?!

Trinken Grothusen. Gott in'n Himmel, Peter, betäm di dochen, dat't man keen Spektakel gifft.

Peter Grothusen. Ach wat! – Lat't geben, wat't will! – Min Kinner sünd min! – un dar hebbt de annern sick nix um to kümmern!

Voß. So?! na! – Vellicht sprekt wi uns noch mal wedder! – wi Menschen hangt doch all mitenanner tohopen! –

Claudius. Un dat is ja jüst de höchste Plicht för en jeden, dat de een den annern hölpen un stütten schall, wenn't nödig deit!

Peter Grothusen. Ick kann mi sülben helpen un bruk keen Hölp vun annere Lüd!

Voß. Awers Fiken brukt ehr!

Peter Grothusen und Trinken Grothusen [Klammer] (zugleich) Fiken?!

Voß. Se hett uns mit natte Ogen darum beden!

Peter Grothusen. De ungeraden Deern! – Annere Lüd optostacheln gegen ehr egen Vader un Moder! – – Awers töf man! Lat uns man wedder to Hus kam'! – Dat schall se mi büßen! (er setzt sich wieder)

Auguste. So, Peter Grothusen?! – Denn wull he ehr to all dat Unrecht noch en nies wedder hento do'n?

Ernestine (verweisend). Auguste!

Auguste. Pfui, Peter Grothusen! Scham He sick wat;

Ernestine (verweisend). Auguste, sag' ich!

Peter Grothusen. Herut mit di!

Auguste. Ick bün ja man en arme Deenstdeern! – Awers so een, als den olen gizigen Jochen Bull sin rothaarigen Jochen, den neehm ick ja nich, un wenn he mit Goldstücken bespickt weer!

Ernestine Voß[Klammer] (zugleich). Aber Auguste!

Peter Grothusen (aufspringend, während Auguste schnell abgehend durch die kleine Pforte, diese hinter sich zuschlägt). Herut mit di! – Oder ick stopp di noch mal din näswises Mul, dat di Hör'n un Seh'n vergeiht! – (man hört klingeln).

Ernestine (durch die kleine Pforte rechts rufend). Aber Auguste, komm doch und öffne!

Auguste (an der Pforte, die sie etwas öffnet, argwöhnisch nach Peter Grothusen hinübersehend). Ja, Fru Rektern! – Ick bün man bang, he deit mi wat! –

Peter Grothusen (auffahrend). Ja, töf! – Ick will di krigen!

Auguste (schnell die Pforte zuschlagend, ab, aber gleich wieder zurückkehrend, und in der Nähe der Pforte verbleibend) (Man hört wieder klingeln).

Trinken Grothusen. Gott Lof! – Dar geiht de Klock all wedder! – Nu hett de Strit doch en Enn!

Peter Grothusen (aufgebracht). En Enn?! – De hett noch lang keen Enn!

Trinken Grothusen. Dat klingelt ja doch, – de annern kamt! –

Voß. Krischan Fölster und Paul Ohlen!

Ernestine. Mit ihren Frauen!

Peter Grothusen (aufgebracht). Lat dat klingeln! – Lat se kam'! – Wi gaht! –

Trinken Grothusen. Gott in'n Himmel, Peter!

Peter Grothusen (aufgebracht) Ja! – wi gaht! (zu Voß) Als Fründ hebbt Se mi inladen, Herr Rekter, un als en Fründ bün ick kam! – Awers nu hett de Fründschap en Enn! – Un dat segg ick noch mal, un dat künnt Se sick marken, Herr Rekter, un ock Fru Rektern, un ock ehr Fründ ut Wandsbeck:

För min Kinner sorg ick alleen, – ick – Peter Grothusen! – un bruk keen Hölp vun annere Lüd!

Trinken Grothusen. Gott bewahr' uns, Peter!

Voß

Ernestine

  (zugleich)   

Aber, Peter Grothusen! Beruhigen Sie sich doch!

Aber, Peter Grothusen! Beruhigen Sie sich doch!

Peter Grothusen. Wat ick seggt heff, dat heff ick seggt! (zu seiner Frau) Un nu kummst du (sie sträubt sich; er faßt die Sträubende an und zieht sie fort) Ick segg di, du kummst! – (zu Voß) Un öwer Ehr Döhrschwell kummt Peter Grothusen ni wedder! (seine Frau mitziehend, ab durch die Mitte)

(Man hört wieder klingeln)

(Durch die Baumkronen wird der Vollmond sichtbar)

Voß (rasch) Wir müssen ihn zurückhalten!

Claudius (rasch) Ihn besänftigen!

Ernestine (rasch) Ja, ihm nach! – Und die andern helfen mit! (Voß und Claudius ab durch die Mitte)

Ernestine (rasch zu Auguste) Und du, Auguste, bringe schnell noch das übrige aus der Küche! – Wenn wir wiederkommen, geht's gleich zu Tisch! (ab durch die Mitte)

Auguste (ihr nachrufend) Ja, Fru Rektern! – Na, de Gesellschaft fangt ja schön an! – Wat ward de wul noch för'n Enn nehm'! – Awers töf man, du Hitzkopp! – Vun so'n Burn lat so'n paar Dichter sick noch lang nich in't Bockshorn jagen! – Wat för'n Strit! – un denn an so'n schön Summerabend! – (den Mond gewahr werdend) Ah, süh! – Ah, süh! – Dar kiekt ja ock all de Mand dör de Twigen! – Un rein so fredsam un so trulich, als wenn he seggn wul: Gott bewahr uns, Peter Grothusen, schamst du di denn nich? – Un den Fiken, de beschütz ick, denn in ehr Hart, dar blöht de Leevde! Un darför bün ick ja de Mand, – de se alle beluern un beschützen deit, de sick leev hebbt! – Na, wenn Fiken hier wee[e?]r, denn wüß ick wul, wat se de', – denn fung se an to singn, – un ick weet ock wul, wat! – – Dat Leed vun den Wandsbecker Dichter, unsen Herrn Rekter sin Fründ! – – Se hett dat ja all so hüpig sungn, dat ick dat nu ock all kenn! –

Vorspiel.

(sie singt).

Der Mond ist aufgegangen,
Die gold'nen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar!
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar!

(Gesang in der Ferne, in der Wiese, Fiken).

Wie ist die Welt so stille!

Auguste (schnell zum Publikum). Ha!

Und in der Dämmerung Hülle,

Auguste (schnell). Wat hör ick!

So traulich und so hold!

Auguste (schnell). Fiken Grothusen!

Gleich einer stillen Kammer

Auguste (schnell). Ehr Stimm!

Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt!

Auguste (schnell). Ja, se is dat! (an die Pforte links eilend, und darüber sehend). He! Fiken! Fiken! – Na, wo is se denn? Wahrhaftig! – Dar geiht se! Un mit Hartwig Kröger in'n Arm! – He, Fiken! Fiken! – Awers se hört mi ni! – Denn sing ick wedder! (singt).

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel!
Wir spinnen Hirngespinnste
Und brauchen viele Künste
Und kommen oft doch nicht an's Ziel!

Dat hebbt se hört! – Nu staht se still, un kiekt sick um, – Se weiht mit'n Taschendok! – (Gesang in der Ferne, in der Wiese, Fiken und Hartwig Kroger).

Laßt uns auf Gott vertrauen!

Auguste (schnell). Ha!

Auf seine Hülfe bauen!

Auguste (schnell). Twee!

Und unser Herz, das sei sein Haus!

Auguste (schnell). Hartwig ock!

Wenn auch kein Trost uns bliebe,
Gott ist ja doch die Liebe!

Auguste (schnell)Die Liebe, ja, ja!

Und führet alles schön hinaus!

Auguste. Und führet alles schön hinaus! (rufend, mit dem Tuche wehend). He, Fiken! Fiken! – Wahrhaftig! – Nu weiht se noch mal mit'n Dok! – Fiken! – Hartwig! – – Awers nu gaht se wider! – den Stig dör de Wisch un an de Mäm' hendal! – Fiken, Deern, du kriggst ja natte Föt! – Nu bögt se links um, den Dik tohöchd bi de grote Slüs'. – un nu, – ja nu kann ick se ja all ni mehr sehn! – Nu sünd se all ov de anner Sit an't Water! – – Na, wenn Peter Grothusen un sin Fru se nu man nich in de Möt kamt, – de Hof liggt ja ganz in de Neegde! – Du ol' leewe, true Wand dar baben, nu beschirm un beschütz du se wider! – Hett wull nix to seggn! – Se hebbt ja noch guden Mot! – Un wa schön dat klung, als de beiden so tohopen sungn! –

(sie singt).

Laßt uns auf Gott vertrauen,
Auf seine Hülfe bauen,
Und unser Herz, das sei sein Haus!
Wenn auch kein Trost uns bliebe,
Gott ist ja doch die Liebe
Und führet alles schön hinaus!

(Sie geht langsam durch die Pforte rechts ab).

(Der Vorhang fällt langsam).

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