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Deutsches Weihnachtsbuch. Erzählungen und Märchen

Verschiedene Autoren: Deutsches Weihnachtsbuch. Erzählungen und Märchen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleDeutsches Weihnachtsbuch. Erzählungen und Märchen
publisherFranz Schneider Verlag
seriesDeutsches Weihnachtsbuch
volume2. Band
printrun11.-30. Tausend
editorLiterarische Vereinigung des Berliner Lehrer-Vereins
year1918
illustratorRichard Grimm-Sachsenberg
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131105
projectid5fbe4025
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Jungchen.

Von Franz Adam Beyerlein.

Erst des Abends, wenn die Dunkelheit sich dem herbstlichen Nebel gesellte, regte sich in der Ortsunterkunft das Leben. Tagsüber bedachten die Franzosen jedwede Nasenspitze, die sich hinter einer Hausruine vorwagte, mit Granaten ihrer schweren Artillerie, und da sie die Entfernungen genau kannten, trafen sie zuweilen ziemlich nahe hin. Die Lücken waren bereits groß genug in den Kompagnien, deshalb war es auch streng verboten, sich bei Tage ohne Not in Sicht des Feindes blicken zu lassen.

Um die Dämmerung aber krochen die Mannschaften aus den Erdhöhlen hervor, die sie sich unter den wüsten Trümmern des Dorfes gegraben hatten, reckten sich stöhnend und fluchend, traten zusammen und besprachen bei der Pfeife die Langeweile der Zeit. Ein wenig später langte die Feldküche an und mit ihr gemeinhin die Post. Danach begann der spärliche Dienst, der den wenigen Truppen nach den Anstrengungen des Wachtdienstes an den Ruhetagen zugemutet werden durfte. Waffen und Bekleidung wurden gereinigt, ausgebessert und nachgesehen, die Löcher, die die feindlichen Granaten in den Straßenkörper gerissen hatten, wurden ausgefüllt, und soviel die Kräfte hergaben, wurde an dem Verbindungsgraben gearbeitet, der im Zickzack vorwärts nach der Stellung führen sollte, damit auch bei Tage ein gedeckter Verkehr nach den Schützengräben stattfinden konnte.

In den ersten Dezembertagen traf endlich der ersehnte Ersatz ein. Major Kampen, der Bataillonskommandeur, war zufällig zum Brigadestab zu einer Besprechung befohlen, als der Transport anlangte. Bei einbrechender Nacht kehrte er zurück und merkte sogleich an dem lebhafteren Treiben in der Dorfstraße, welche erfreuliche Veränderung sich vollzogen hatte. Überall standen die Neuen und die Alten beisammen, die einen begierig, die Wirklichkeiten des Krieges kennen zu lernen, die anderen die frischen Nachrichten aus der Heimat durstig genießend.

Das Bataillonsdienstzimmer war in der Backstube der Bäckerei des Jean-Baptiste Gerard eingerichtet. Das einzige kleine Fenster schaute dicht über die Erde weg auf den dem Feind abgekehrten Hofraum hinaus, also durfte man getrost drinnen Licht brennen. Der Bataillonsschreiber saß mit seinem Gehilfen noch eifrig bei der Arbeit.

»Der Ersatz ist schon nach Bedarf auf die Kompagnien verteilt,« meldete er. »Wir sortieren eben die Papiere.«

»Gut, Feldwebel,« versetzte der Major, »dann mögen die Leute heute nacht nach der langen Bahnfahrt ruhen. Morgen abend rücken die von der fünften und siebenten Kompagnie mit in Stellung, die von der sechsten und achten schanzen. Auf diese Art bekommen wir nun bald unseren Verbindungsgraben.«

»Zu Befehl, Herr Major.«

»Was sind es denn für Leute, Feldwebel?«

»Oh, da kann man nicht klagen, Herr Major. Zu drei Vierteln Kriegsfreiwillige, Studenten, Kaufleute, Arbeiter, ein knappes Viertel Ersatzreserve.«

»Freut mich, Feldwebel, freut mich.«

Der Major gab noch ein paar Unterschriften und verkroch sich dann nebenan zwischen sein Stroh und seine Decken, er hatte offenbar eine derbe Erkältung vom Brigadestabe mitgebracht.

Am nächsten Tage schoß der Feind wie toll drauf los. Als der Schornstein der Bäckerei aufs Dach polterte, verlegte auch der Major seinen Wohnsitz aus dem ebenerdigen Bäckerladen in die unterirdische Backstube. Er hatte den Schnupfen, hustete zum Erbarmen und versuchte sich mit heißem Tee zu kurieren.

Abends um acht Uhr sollten die fünfte und siebente Kompagnie zur Ablösung abmarschieren. Vorher aber ließ der Major die Neuen antreten, hieß sie mit einigen kräftigen Worten willkommen und forderte sie auf, es den Alten gleichzutun, dann sei schon alles in Ordnung. Munter rückten dann die ungeraden Kompagnien nach den Schützengräben ab, die Neuen von der sechsten und achten wurden zum Schanzen geführt.

Gegen Mitternacht mochte sich der Major auf, um nach seinen Leuten zu sehen. Es durchschauerte ihn tüchtig, als der Wind ihn gleich beim Hinaustreten vor die Tür anfiel, aber er stapfte unverdrossen in das ungestüme Blasen hinein. Anfangs stolperte er auf dem zerrissenen Boden; indessen war die Nacht nicht ganz und gar dunkel: auf zwanzig oder dreißig Schritt vermochte man die Umrisse der Gegenstände zu erkennen.

Dicht beim Dorfe wurde der Verbindungsgraben ausgehoben. Die Spaten schürften und knirschten in der Erde; wenn ihre Schärfe wider einen Stein stieß, klang eine halblaute Verwünschung. Ein paar Unteroffiziere standen zwischen den schanzenden Leuten.

Kampen bewegte sich unerkannt unter ihnen und schaute zu. Alle waren mit dem gleichen Eifer am Werk, doch hier war der Arbeiter dem Studenten und Kaufmann weit überlegen. Aber treubeflissen und kameradschaftlich, mit einem etwas mitleidigen Stolz, wies der eine dem andern die Handgriffe, die die Arbeit am besten förderten.

Weiter vorn wurde er vom Schützengraben aus angerufen. Aber der Posten erkannte den Vorgesetzten sogleich. Der Kompagnieführer wand sich aus seinem niedrigen Unterstand heraus und meldete: »Nichts Neues«, wie üblich. »Zwei Gruppen sind zur Beobachtung vorgeschoben,« fügte er hinzu. »Die Nacht ist nicht allzu finster, da genügen zwei.«

Kampen fragte: »Alte oder neue Leute?«

»Halb und halb,« versetzte der Leutnant. »Die neuen sollen sich gleich an den Zauber gewöhnen.«

»Ich will mal vor zu ihnen. Die Linie läuft doch wie stets vom Birkenbusch zum roten Stein?«

»Zu Befehl, Herr Major.«

Der Kompagnieführer schickte sich an, seinen Vorgesetzten zu begleiten. Aber Kampen hieß ihn bleiben. Er war schon auf die Brustwehr gestiegen. Einer der Horchposten, die auf Rufweite vor den Gräben aufgestellt waren, wies ihm die Stelle, wo er am besten über den Stolperdraht weggelangen konnte.

Die Schützengräben der Franzosen mochten etwa sechshundert Meter entfernt sein, und man konnte annehmen, daß sie genau wie die Deutschen ihre Beobachtungsposten noch um zweihundert Meter oder auch mehr ins Gelände vorgelegt hatten. Es tat also noch nicht not, Deckung zu nehmen.

Der Major schritt in die Nacht hinaus. Auf dem freien Felde war es doch heller, als man hätte erwarten können. Er vermochte genau zu sehen, wohin er Fuß um Fuß setzte, und eher, als er vermutet hatte, unterschied er den Birkenbusch.

Etwa ein Dutzend Birken waren da vorzeiten auf den Kamm einer sanften Geländewelle gepflanzt worden. Wind und Wetter hatten sie nur zu Büschen gedeihen lassen, und jetzt zumal waren nur noch die zerfaserten Stümpfe übrig. Alles andere hatten die Kugeln geknickt und abgerissen.

Kampen ließ sich auf die Knie nieder und kroch weiter. Sofern die Leute gehörig achtgaben, mußte er nun bald bemerkt werden. Bereits erblickte er unweit die undeutlichen Umrisse zweier Posten, die hinter Erdaufwürfen über das Feld verteilt waren, da überfiel ihn übermächtig der Drang zu niesen.

Es glückte ihm, die Explosion ein wenig zu dämpfen, aber sogleich schallte es links und rechts halblaut von drei oder vier Stimmen: »Halt, wer da?« und zugleich knackte verdächtig ein Gewehrschloß.

Geschwind gab Kampen das Feldgeschrei: »Hohenzollern«, und gewissermaßen zur Antwort rief ein Frechdachs von ziemlich fern herüber: »Zur Gesundheit, Herr Major!«

»Danke,« erwiderte Kampen gemütlich. Dann lief er gebückt mit ein paar schnellen Schritten zu dem Posten vor, der zur Linken vor ihm lag. Von da her war das Knacken des Gewehrschlosses gekommen, und auch die anrufende Stimme war ihm aufgefallen. Sie war hell wie die eines Kindes gewesen und hatte merklich gebebt, nicht gerade ängstlich, aber im höchsten Maße aufgeregt.

In diesem Augenblick hob seitwärts – dem Schall nach mochte es etwa vier oder fünf Kilometer entfernt sein – ein lebhaftes Schießen an, und sofort stiegen bei den Franzosen Leuchtkugeln auf, drei oder vier auf einmal.

Der Major warf sich eilig nieder, just neben dem Posten, denn der taghelle Schein reichte weithin über das Feld. Im erlöschenden Licht erfaßte er das Gesicht seines Nebenmannes, ein hageres, blasses Jungengesicht.

»Auf Posten nichts Neues,« meldete die brüchige Knabenstimme halblaut, während die Augen nach der Vorschrift unverwandt voraus aus den Feind gerichtet blieben.

Von neuem war das weiße blendende Licht aufgestrahlt, und das Feuer schien immer näher zu kommen. Aber gegenüber blieb alles ruhig, und endlich erstarb auch der Lärm zur Seite.

»Wie heißen Sie?« fragte nun der Major leise.

»Kriegsfreiwilliger Mühlenhof, Herr Major.«

»Und was sind Sie draußen?«

»Gymnasiast, Herr Major, Unterprimaner.«

»Wie alt?«

»Bald achtzehn, Herr Major.«

»Sind Ihnen die Strapazen nicht zu toll?«

»O nein, Herr Major. Es ist wundervoll.«

»Das ist recht. Na, gute Wacht! Halten Sie nur die Ohren steif, Mühlenhof!«

»Zu Befehl, Herr Major.«

Just als sich Kampen ausrichten wollte, prasselte das Gewehrfeuer abermals los, schwächer zwar, aber noch näher als zuvor, und auch eine einzelne Leuchtkugel stieg gleißend gen Himmel. Weiß, mit unheimlich scharfen Schatten, wie bei einer Blitzlichtaufnahme war das Feld ausgebreitet. Drüben sah man die Linien der Schützengräben und davor die dunklen Flecke der Posten auf dem Acker.

Der Major schmiegte sich dicht an den Boden. Während er so lag, hatte er einen Hustenanfall, der gar nicht nachlassen wollte.

Da wurde neben ihm die Kinderstimme zutraulich laut: »Wenn Herr Major Malzbonbons mögen? Ich habe welche, die sind sehr gut für Husten.«

Es war rührend zu sehen, wie immerzu das hagere Jungenantlitz nach vorwärts gewendet blieb, während die Linke nach rückwärts in die Tasche griff, ein Tütchen hervorlangte und darbot. Die Rechte aber war an das Gewehr gebannt.

Kampen nahm lächelnd die Tüte und holte sich ein Bonbon heraus. »Auch eins?« fragte er.

»Danke gehorsamst, Herr Major,« antwortete der Kriegsfreiwillige, »ich habe noch.«

»Na, dann schönen Dank auch, mein Jungchen, und gute Wacht!«

»Danke gehorsamst, Herr Major.« –

Im Schützengraben sagte der Major zum Kompagnieführer: »Es war alles in bester Ordnung draußen, und auch die neuen Leute scheinen halbwegs im Bilde zu sein. Da haben Sie ein liebes Kerlchen drunter, den Kriegsfreiwilligen Mühlenhof; Unterprimaner war er draußen, ein halbes Kind noch. Nehmen Sie mir das Jungchen recht in acht!«

Der Leutnant versprach es, und Kampen kehrte in das Dorf zurück. Er dachte nach Hause, allerdings – sein Jungchen war erst vier Jahre alt. –

Von diesem Augenblick an hieß der Kriegsfreiwillige Mühlenhof in der Kompagnie, ja im ganzen Bataillon nur noch »Jungchen«; zuerst wehrte er sich gegen den Namen, aber schließlich ließ er sich ihn ganz gern gefallen, weil er herausspürte, daß nicht Geringschätzung, sondern Neigung ihn geschaffen hatte.

Jedermann hatte Jungchen lieb, und binnen kurzem schien es, als hätten sich vom Major bis zum letzten Musketier herab alle verschworen, Jungchen gründlich zu verwöhnen. Jeder unangenehme Dienst ging wie selbstverständlich an ihm vorüber, und keiner murrte wider die Bevorzugung. Jungchen selbst merkte den Betrug gar nicht, denn in seinem Schülerdasein hatte es noch nie die Erfahrung gemacht, daß auch schmutzige und widerliche Hantierungen zum Leben nötig sind. Dagegen gebürdete es sich fuchsteufelswild, als einmal des Nachts der schwarze Krischan an seiner Statt den Horchposten bezogen hatte. Jungchen war gar nicht zu wecken gewesen, als die Ablösung losziehen wollte, so schön hatte es geschlafen, da war Gefreiter Tostlöwe, der schwarze Krischan, – zum Unterschied von dem gelben, blonden – eingesprungen. Das aber hatte Jungchen für eine Gemeinheit und Ehrenkränkung erklärt und sich ein für allemal verbeten.

Der schwarze Krischan war Jungchens Nebenmann im Glied, nach seinem Nationale eine nicht ganz einwandfreie Persönlichkeit, insofern ihn eine unaufgeklärte Rauferei auf einige Monate der bürgerlichen Freiheit entzogen hatte. Er war auch kein guter Friedenssoldat gewesen, aber seitdem mobilgemacht worden war, hatte er sich als einer der besten Feldsoldaten entpuppt. Er ging toll drauf und scheute vor keiner Gefahr zurück; trotz seiner Vorstrafe war er Gefreiter geworden, und er trug bereits das Eiserne Kreuz.

Feldwebel Buttsteert, der in seinem Verhältnis zum schwarzen Krischan zwischen Hochachtung und alten Garnisonszweifeln hin und her schwankte, hatte gleichwohl keinen Verläßlicheren als den Gefreiten Tostlöwe gewußt, um ihn zu Jungchens Hüter zu bestellen. »Der Herr Major,« hatte er gesagt, »und der Herr Leutnant und ich und wir alle, wir möchten doch gern, daß Jungchen heil wieder heimkommt, – da passen Sie mal ein bißchen auf, Tostlöwe!«

»Herr Feldwebel können ganz ohne Sorge sein,« hatte darauf der schwarze Krischan versetzt, »ich habe Jungchen gern, und also: vielleicht erwischt's mal ihn und mich zusammen, ihn alleine – niemals. Aber es wird schwer halten, Herr Feldwebel, er ist ganz versessen aufs Kreuz.«

»Ja, ja,« seufzte Buttsteert, »so ist das junge Volk. Alle wollen sie das Kreuz, und manch einer kriegt dabei bloß eines aufs Grab.«

»Tja – ohne Kreuz tut er's nun mal nicht.«

Der Feldwebel zuckte die Achseln, im ganzen aber war er beruhigt, – Tostlöwe war verläßlich. –

Je näher das Weihnachtsfest rückte, desto mehr verdichteten sich die Nachrichten von einem allgemeinen französischen Angriff. Aus strategischen Gründen konnte von einem Losbrechen gegen den Teil der deutschen Front, der von dem Bataillon des Majors Kampen und den Nachbartruppen besetzt war, nicht wohl die Rede sein. Aber auch hier war eine unruhige Stimmung eingekehrt. Die Posten hatten Anweisung, schärfer denn je Ausschau zu halten und insbesondere aufzumerken, ob sie etwa in der Nacht Räderrollen von Geschützen und Kolonnen vernähmen. Bisweilen gelangte eine Meldung dieses Inhalts rückwärts an den Stab, die Leute wollten auch beim Feinde drüben, wie sie sagten, neue Gesichter gesehen haben, – aber all das war reichlich unbestimmt gehalten.

Eines Tages lief darum der Befehl vom Korps ein, die Bataillone in den Gräben hätten festzustellen, welche feindlichen Regimenter ihnen jeweils gegenüberlägen; der Erfolg der Erkundung war unverweilt dem Korps zu melden. Es war klar: wurde diese Unternehmung längs der ganzen Front mit Glück ausgeführt, so erhielt der Große Generalstab, der ja längst eine einigermaßen zutreffende Ordre de bataille des feindlichen Heeres aufgestellt hatte, höchst wichtige Nachrichten über die Truppenverschiebungen hinter der französischen Front.

Kampen gab den Befehl sogleich an die beiden Kompagnien in den Schützengräben vor und fügte die Weisung hinzu, die gewünschte Nachricht möglichst noch im Laufe der Nacht beizubringen. Er durfte es getrost seinen erprobten Kompagnieführern überlassen, die geeigneten Maßnahmen zu treffen. Für alle Fälle befahl er seinem Burschen, ihn um fünf Uhr in der Frühe zu wecken, dann wollte er selbst vorn nach dem Rechten sehen. Er wußte, derlei Streifzüge wurden stets in der zweiten Hälfte der Nacht, gegen den Morgen hin, wenn die Wachen übermüdet waren, unternommen.

Dicker Nebel hatte am Abend über dem Land gelegen, und es war ringsum windstill gewesen. Als der Major früh um den sechsten Glockenschlag im Verbindungsgraben nach vorn ging, blies ein leichter Wind von Westen und jagte die feuchten Schwaden vor sich her. Der Tag war noch ferne, aber eine ungewisse Helligkeit brach schon von oben herein.

Bei der fünften Kompagnie war die Arbeit bereits geteilt. Zwei gefangene Franzosen hockten in einem Unterstand, wärmten sich die Hände an den Tassen, in denen heißer Kaffee dampfte, und blafften dazu ein paar geschenkte Zigaretten. Höflich standen sie vor dem Offizier auf.

Der Major versuchte die Gefangenen, eine abgekniffene Patrouille, auszufragen. Beide trugen eine 339 am Käppi, sie gehörten also dem 339. Territorial-Infanterieregiment an. Der eine hatte einen dreisten, schlauen Blick und wollte nichts sagen, der andere war ein gutmütiger, beschränkter Mensch und konnte wohl beim besten Willen nichts verraten. Er sei erst seit zwei Tagen hier an der Front und habe Mühe gehabt, sich an seinem Platze auszukennen, erklärte er; wie könne er da wissen, wer nebenan liege? Die nebenan seien außerdem von einer anderen Division.

Der Major war ganz zufrieden mit dieser Auskunft. Um so wichtiger mußte nun die Feststellung sein, die der siebenten Kompagnie zugewiesen war. Er lobte die Musketiere, denen der Fang gelungen war, und begab sich über das freie Feld eilends zur Nachbartruppe. Im Osten färbte sich der Himmel immer grauer, und der Nebel war fast gänzlich verweht.

Die siebente Kompagnie befand sich in einiger Verlegenheit. Feldwebel Buttsteert, der sie in Vertretung des influenzakranken Leutnants führte, meldete, es sei ihm bisher noch nicht gelungen, den erhaltenen Befehl auszuführen. Patrouillen waren wohl während der Nacht bis zu den feindlichen Gräben vorgestoßen, aber sie hatten keinerlei Posten vor der feindlichen Linie vorgefunden; schließlich hatten sie heftiges Feuer erhalten. Weil nun aber der Befehl auf jeden Fall ausgeführt werden mußte, waren jetzt fünf Freiwillige unterwegs; sie wollten bis zu den feindlichen Gräben vorkriechen und schlankweg hineinspringen. Die ersten sollten dann links und rechts mit Mauserpistolen schießen und mit Bajonetten stechen, zwei sollten den Franzosen die Käppis von den Köpfen reißen, und der letzte sollte den anderen den Rücken decken.

»Da kommt doch am Ende keiner wieder, Buttsteert,« schalt Kampen, »war es denn nicht anders möglich?«

»Zu Befehl, nein, Herr Major. Auf keine Weise.«

»Und jetzt sind sie unterwegs?«

»Zu Befehl, Herr Major. Wir warten ja alle drauf, daß das Schießen drüben losgeht.«

Der Major sah schweigend durch sein Glas nach dem Feind hinüber. »Es wird immer heller,« brummte er.

»Zu Befehl, Herr Major,« versetzte der Feldwebel bekümmert. »Wenn sie man bloß voranmachen!«

Kampen war Chef der siebenten Kompagnie gewesen, ehe er zum Major befördert worden war. Darum kannte er die meisten Leute. »Wer ist denn hinüber?« fragte er.

»Die Gefreiten Tostlöwe und Meinhardt, Herr Major, und dann Johannsen und ein Neuer, Schmitt II.«

»Das sind aber erst vier. Ich denke, fünf waren es?«

»Zu Befehl, Herr Major. Und dann – ist noch Jungchen mit, der Kriegsfreiwillige Mühlenhof.«

»Jungchen?! – Buttsteert, nehmen Sie mir's nicht übel, das ist höchst dämlich von Ihnen. Das Kind hätten Sie nicht mitgehen lassen dürfen.«

»Zu Befehl, Herr Major, hab' ich auch nicht. Aber Jungchen ist mir einfach nach vorn durchgebrannt.«

»Das versteh' ich nicht, Buttsteert.«

»Zu Befehl, Herr Major, also das war so. Ich frage: ›Wer meldet sich freiwillig?‹ Natürlich treten fünfzig oder sechzig vor, Herr Major, – wie immer. Es sind eben doch brave Kerle. Jungchen vornan. Er zappelte wieder mal ganz unmilitärisch vor Eifer. Ich sehe mir meine Leute an und nehme dann die Gefreiten Tostlöwe und Meinhardt, die sind flink und vigilant und fürchten Tod und Teufel nicht, und die, sagt' ich, sollten sich nun jeder noch einen heraussuchen. Der schwarze Krischan nimmt Johannsen, Meinhardt den Schmitt II. Da hätten aber Herr Major Jungchen sehen sollen! Er zettelte einen richtigen militärischen Aufruhr an und vermaulierte sich ganz unverschämt. Er hätte sich zuerst gemeldet und wollte auf jeden Fall mit, sonst pfiffe er auf uns alle und wüßte nun, was unsere Kameradschaft wert wäre. Wie eine richtige boshafte kleine Krabbe schimpfte er und gehört eigentlich vors Standgericht. Na, ich ließ es ihm hingehen, weil es doch gut gemeint war, und erst als es zu toll wurde, blies ich ihn an: ›Maul halten, Kriegsfreiwilliger Mühlenhof!‹ Da war er denn auch still. Aber dann, wie die vier aus dem Graben heraus sind, seh' ich auf einmal einen hinterherrennen. Das war Jungchen. Er ist mir richtig nach vorn durch die Lappen gegangen. Schreien durft' ich nicht, und wie es scheint, sind ihn auch die vier nicht losgeworden. Da ist er denn nun mit hinüber.«

Kampen nickte. »Na – hoffentlich, Buttsteert!« sagte er.

Der Feldwebel antwortete: »Weiß Gott, Herr Major, hoffentlich! Zu Befehl!«

Beide blickten durch die Gläser über das Feld weg. Weithin lag es still da, auch die Horchposten und die Beobachter weiter vorn waren bereits wieder eingerückt.

Plötzlich rief der Major: »Da, Buttsteert, hören Sie nichts? Jetzt sind sie im Graben.«

Ein einzelner Schuß war drüben gefallen. Offenbar war er von einem überraschten Posten abgegeben. Gleich darauf setzte ein lebhaftes Knattern ein, es klang weit schwächer herüber als der erste Knall.

»Das sind die Mauserpistolen,« sagte der Feldwebel.

Allmählich belebte sich nun die ganze feindliche Front. Weithin, die Linie entlang, flammte das Feuer auf.

»Deckung, Herr Major! Bitte gehorsamst!« mahnte Buttsteert. »Der Zufall könnt' es doch mal wollen.«

Kampen duckte sich ein wenig hinter die Brustwehr. Der Wind wehte jetzt schärfer und jagte in heftigen Stößen den Nebel vom Boden empor. Zuweilen war das Gelände ganz frei bis hinüber zum Feind.

Mit einem Male richtete sich der Major hoch auf. »Da!« stieß er hervor. »Rechts, grad' in der Nebelwolke – da sind sie! Wo wollen sie denn hin?«

»Zu Befehl, Herr Major, das sind sie,« erwiderte der Feldwebel. »Und das ist so ausgemacht: sie rennen erst rechts hinüber. Wir wissen doch, die Franzosen haben ihre Schießscharten so eng gebaut, daß sie gar nicht groß seitwärts halten können. Oder aber – sie müssen aus der Deckung heraus. Und das tun sie nicht so leicht.«

Kampen nickte. »Es sind bloß noch vier, Buttsteert,« sagte er halblaut.

Der Feldwebel sah scharf hin. »Zu Befehl, Herr Major,« versetzte er, »Gefreiter Meinhardt fehlt.«

In atemlosem Laufe rannten die vier Leute querfeldein, jeder einzelne für sich, um das Feuer zu zerstreuen. Nun schlugen sie, offensichtlich auf ein Kommando, plötzlich einen Haken und strebten auf den Schützengraben zu.

Buttsteert hatte die besten Schützen der Kompagnie bereitgestellt. »Achtung!« rief er jetzt. »Fertig zum Feuern! Wenn sich drüben was zeigt, los! Aber genau hinhalten, Kerls!«

Einige Schüsse fielen, aber sie hatten wenig Sinn. Dagegen überschüttete der Feind aus seiner Deckung auf und ab das Gelände mit einem wütenden Feuer.

Einer von den vieren schlug langhin. »Johannsen,« brummte der Feldwebel, »schade!« Aber Johannsen war nur verwundet. Er kroch langsam weiter und deckte sich hinter einem Erdhügel, der über dem Kadaver einer Kuh aufgeworfen war.

Jedweder im Graben schaute beklommen der wilden Jagd zu. »Schießt doch, ihr Esel!« schrie Buttsteert. Darauf lösten sich ein paar Augen los von den gehetzten Kameraden und suchten den Feind. Aber von dem war nichts zu erblicken.

Etwa vierzig Meter vor dem Graben stürzte noch einer. »Jungchen!« ging es von Mund zu Mund. Die andern beiden rasten immer näher heran, blaurot im Gesicht, mit keuchender Brust, die Augen weit aufgerissen. Sie setzten in tollen Sprüngen über den Stolperdraht – und sie konnten es schaffen. Schmitt II schwang sich behende über die Brustwehr, Tostlöwe, der schwarze Krischan, hatte sich zuletzt noch in einer Drahtschlinge verfangen und stürzte kopfüber in den Graben.

»Ha ja,« schnaufte Schmitt, »da wären wir wieder!«

Dem schwarzen Krischan flimmerte es vor den Augen nach dem heftigen Sturz. Er stand aber bald wieder auf den Beinen und sah sich groß um. Mit einem Male besann er sich: »Herrgott, die Nummer!« Er rüttelte Schmitt, der japsend an einem Unterstand lehnte. »Mensch,« schrie er, »was war es doch für eine Nummer?«

Der Musketier lächelte blöde. »Ich hab' nur geschossen; immer rechts und links,« keuchte er. »Die Nummer mußt du wissen, du oder Jungchen.«

Dem Gefreiten gab es einen Ruck. »Jungchen!« rief er, indem er sich rings umschaute. »Wo ist Jungchen?«

Jungchen lag noch am gleichen Fleck, wo es gestürzt war. Man konnte vom Graben aus nicht sehen, ob es eine Wunde hatte oder ob es nur über den Draht gestolpert war. Als es jetzt den schwarzen Krischan über der Brustwehr erblickte, rief es mit seinem hellen Stimmchen herüber: »Vergiß nicht, Krischan, einhundertfünfundachtzig und Jäger achtzehn!«

Und noch einmal, klar und deutlich: »Einhundertfünfundachtzig und Jäger achtzehn!«

In diesem Augenblick setzte von drüben ein rasendes Feuer ein. Die gesamte Besatzung des feindlichen Grabens schoß wie toll.

»Jungchen, deck dich!« rief Krischan.

Aber Jungchen antwortete nicht. Es lag, das Gesicht auf die Erde gelehnt, stumm da.

»Jungchen!« schrie Krischan abermals. »Jungchen, was hast du denn? – Wart', ich hole dich.«

Da legte sich der Major ins Mittel. »Bleiben Sie, Tostlöwe!« befahl er. »Es ist Wahnsinn bei diesem Feuer. Und – Jungchen helfen Sie ja doch nicht mehr.«

Aber der Gefreite war schon über die Brustwehr hinweggeklommen. Dicht an den Boden geschmiegt schob er sich langsam über die Drähte hinweg oder unter ihnen durch, wie sie just gespannt waren, an Jungchen heran.

Die Franzosen schienen ihr Feuer zu verdoppeln, und Kampen ließ auch seinerseits mit einem mäßigen Schützenfeuer erwidern.

Fuß um Fuß kam Krischan voran. Schon war er so weit, daß er Jungchen mit der ausgestreckten Hand hätte erreichen können, da hielt er mit einem Mal inne und regte sich nicht mehr.

Schmitt II und ein paar andere wollten hinaus, die beiden holen, aber der Major entschied: »Es sind genug für heute.«

Nach kurzer Zeit erlosch das Feuer der Franzosen, aber sobald sich ein Kopf über der Brustwehr zeigte, brach es von neuem los. Die Dunkelheit mußte abgewartet werden, um den verwundeten Johannsen und die beiden Toten zu bergen.

Kampen kehrte nach seinem Quartier zurück. –

In der Backstube war eine stattliche Zahl Pakete aufgehäuft. Sie waren noch in der Morgendämmerung mit der Briefpost angelangt. Weihnachten war ja nahe.

»Herr Major verzeihen,« fragte der Schreiber, »ist es wahr, daß unser Jungchen gefallen ist?«

Kampen nickte.

»– Und hier ist gerade das Weihnachtspaket für ihn.«

Der Major nahm das mäßiggroße Kistchen. Auf der Adresse war von einer sauberen Handschrift hinzugefügt: »Wenn unbestellbar, zur Verfügung des Truppenteils.«

»Ich schaue selber hinein,« sagte er, »und ich schreibe auch den Eltern selbst.«

Er meldete dem Regimentsstab durch den Fernsprecher die festgestellten feindlichen Regimentsnummern und schrieb dann einen kurzen Bericht nieder, um für Tostlöwe und Jüngchen, die beiden Gefallenen, und für Johannsen und Schmitt II eine Auszeichnung zu beantragen.

Danach nahm er das Weihnachtspaket zur Hand und löste die Verschnürung. Es enthielt Wollsachen, ein paar Taschentücher und Eßvorräte. Die Wollsachen sollte Schmitt II erhalten, die Taschentücher Johannsen, und in die Eßvorräte sollte sich Jungchens Korporalschaft teilen. Außerdem lagen noch ein Zettel und eine Tüte Bonbons bei. Auf dem Papier hatte eine absichtlich steil gehaltene Kinderhand geschrieben:

»Mein liebes Ottchen!

Die Weihnachtsbriefe der Eltern hast Du nun längst erhalten. Ich konnte Dir nicht eher schreiben. Nachmittags bin ich immer in der Kinderbewahranstalt, weil die Gemeindeschwester jetzt Krankenpflegerin im Lazarett ist, und sonst stricke und häkle ich. Ich schicke Dir hier eine Tüte Malzbonbons, die Du so gern magst. Wenn Dein Major wieder Husten hat, biete auch ihm eines an. Fritzel, Lottchen und die niedliche kleine Miezmaus grüßen ihren großen Soldatenbruder von ganzem Herzen, ebenso

Deine treue Schwester Ilse, genannt Ilsulein.«

Der Major Betrachtete den Kinderbrief lange, am Ende verwahrte er ihn in seiner Brieftasche. Spielerisch hatte er der Tüte ein Bonbon entnommen und es in den Mund gesteckt. Er hielt es für keinen Raub, selbst die Tüte zu behalten.

*

Um acht Uhr am Abend war die siebente Kompagnie abgelöst worden. Eine Stunde darauf langte sie im Dorfe an. Johannsen hatte einen leichten Beinschuß und war bereits verbunden, er hinkte, auf beiden Seiten gestützt, hinterdrein. Der Gefreite Tostlöwe und der Kriegsfreiwillige Mühlenhof wurden, in ihre Mäntel gehüllt, auf zwei Bahren getragen. Jungchen hielt drei Käppis, die es drüben im französischen Schützengraben an sich gerissen hatte, noch fest in der erstarrten Hand.

Am schönsten Fleck des kleinen Friedhofs hoben die Kameraden ein tiefes und breites Grab aus, damit die beiden Toten nebeneinander ruhen konnten. Ein paar gingen landeinwärts nach einem Kieferngehölz und trugen grünes Gezweig heran. Damit legten sie das Grab aus, betteten die beiden hinein und deckten sie mit Grün zu.

Mitternacht war darüber herangekommen. Da klopfte Buttsteert im Bäckerladen des Jean-Baptiste Gerard an die Tür: »Herr Major verzeihen, es ist nun so weit.«

Kampen ging mit dem Feldwebel nach dem Gottesacker. Der zunehmende Mond gab sein blasses Licht, und ein paar Sterne flimmerten. Dicht gedrängt umstanden die Musketiere das finstere Grab.

Der Major trat vor bis an den Rand und hob an: »Liebe Kameraden.« –

Da brach ihm die Stimme, und rings um ihn schluckten und schluchzten alle die Männer.

Er faßte sich gewaltsam und fuhr schlicht fort: »Liebe Kameraden, ich bitte euch, trete jeder heran und nehme Abschied von zweien unserer Besten, von Christian Tostlöwe und Otto Mühlenhof, unserem Jungchen! Und gelobe sich jeder: wir wollen dieser Toten wert sein. So schenke ihnen denn der Herrgott die ewige Ruhe. Amen!«

Langsam schob sich die Kompagnie heran, und jeder griff in die aufgehäufte Erde zur Seite und weihte den Toten drei Handvoll davon.

.

* * *

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