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Deutsche Minnesänger

Richard Zoozmann: Deutsche Minnesänger - Kapitel 129
Quellenangabe
typepoem
authorRichard Zoozmann
titleDeutsche Minnesänger
publisherGeorg Müller Verlag A.G.
year1927
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080409
projectid936cb5b0
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Herr Oswald von Wolkenstein

1367 – 1445

Durch Torenfleiß
Ward ich ein Greis
Und hab nun dessen kleinen Preis:
Auf diesem Eis
Ist Zeit nun umzukehren.

Drum sei gedacht,
Wie ich die Macht
Des Drachen flieh mit Bann und Acht,
Und seiner Wacht
Mich strebe zu erwehren.

Stets offen steht der Hölle Schlund,
Der sieben Kammern birgt;
Wird einst in diesem Grund
Mir eine kund,
Muß sich mein Leid vermehren.

Ich denk an Salomonis Rat:
Du findest, Mensch, die Frucht
Von jeder Sünde Saat! –
Groß Freud um Missetat:
Solch Kauf war nicht zu ehren.

Der Herr vergilt!
Die Flamme schwillt.
Die aus der ersten Kammer quillt.
Um ungestillt
Die Hölle zu umlecken.

Des Feuers Haß
Ohn Unterlaß
Vermag kein Fluß, kein Guß, kein Faß,
Kein Weltmeersnaß
Zu löschen und zu decken.

Die Kammer bringt gewaltig Weh
All denen, die unkeusch
Gewesen ohne Eh:
Von Kopf bis Zeh
Sie hier in Flammen stecken.

So wird gerecht vergolten, daß
Hier jedem wohlverdient
Das Feuerbette paß!
Jungfrau Maria, laß
Nicht falschen Weg uns necken!

Im nächsten Kreis
Voll Wehgeschreis
Herrscht ewiger Frost; es bricht sein Eis
Nicht Hammers Fleiß,
Noch schmilzt es je im Feuer.

Wer Haß und Neid,
Wer Trotz und Streit
Getrieben hat bei Lebenszeit,
Liegt hier voll Leid
In glitzerkalter Scheuer.

Das dritte Loch, schwarz wie Morast,
Wo man die Finsternis
Beinah mit Händen faßt,
Die nie verblaßt
Vorm Licht, das uns so teuer,

Birgt alle, die des Glaubens leer:
Hier Juden, Heiden sind
Und Ketzer sündenschwer –
Ein Lichtstrahl blitzt daher
Und schreckt sie ungeheuer!

Die vierte Kluft
Ist eine Gruft
Voll Pestgestank; nicht Himmelsluft,
Noch Blumenduft
Vermag sie zu durchwürzen.

Hier ist der Stand
Von allerhand
Gezücht, das einst mit Raub und Brand
Verheert das Land,
Der Armen Recht zu kürzen.

Im fünften Höllenkerkerfach
Herrscht Schrecken, Angst und Not
Und Graun, um mit Gekrach
Zum Weh und Ach
Auf alle sich zu stürzen.

Stolz, Hoffart, Prunk und Üppigkeit,
Mit der gebrüstet sich
Der Mensch zu seiner Zeit,
Sie tragen hier ein Kleid,
Das schmerzlich ist zu schürzen.

Im sechsten Kreis
Kriecht falsch und leis
Von Schlangen, Würmern ein Geschmeiß,
Das giftigheiß
Am Wucher ausübt Rache.

Wer mit Betrug
Mit List und Lug
Vorteil erschlichen sündenklug
Ohn Recht und Fug,
Den straft hier solche Wache.

Das siebente Gemach bewohnt
Mönch, Nonne, Pfaffe, Lai:
Die werden hier belohnt
Und nicht verschont,
Weil sie an Gottes Sache

Verzweifelt haben und verzagt,
Verzeihung auch von Gott
Zu hoffen nicht gewagt:
Dafür nun nagt und plagt
Sie ewig Wurm und Drache!

Diese Dichtung von den sieben Höllenkammern weist im großen ganzen so unverkennbare Ähnlichkeiten mit Dantes sieben Höllenstufen auf, daß Oswalds Gedicht von Dantes Komödie sicher beeinflußt worden ist.

Wohlauf nun! marsch ins Bette!
He, Hausknecht, bring den Leuchter,
Schon längst ist Schlafenszeit,
Man läutet bald die Mette!
Mach jeder sich bereit,
Daß er sein Weiblein rette
Vor Mönch und Lai – ich wette,
Das gäb sonst bösen Streit!

Doch vorher laßt uns trinken,
Prost! einmal noch vorm Scheiden;
Zu gut schmeckt dieser Wein!
Sitzt fest auf euern Schinken,
Das Faß muß leer erst sein;
Dann, Köpfe, folgt dem Winken:
Ob wir ins Bett auch hinken,
Das macht uns wenig Pein!

Nun leise zu den Türen,
Gebt acht, daß der nicht stolpert,
Der schiefbeladen sei.
Herr Wirt, er muß uns führen.
Er ist vom Rausch noch frei!
Giebts Stöße auch zu spüren,
Soll doch uns wenig rühren
Die ganze Polackei!

Den Fürsten tragt mir leise,
Daß er Potzblitz! nicht falle
Auf Gottes Erdenreich.
Er macht, drob ich ihn preise,
Mit uns manch lustigen Streich.
Herr Wirt! sei er hübsch weise,
Er glitscht wie auf dem Eise;
Fällt er, so fällt er weich!

So laßt ins Bett uns trudeln.
Doch fragt das Stubenmädel,
Obs Bett geschüttelt sei?
Sie hat uns armen Pudeln
Versalzen Fleisch und Brei,
Doch nicht geschmalzt die Nudeln!
Sonst müßten wir sie hudeln –
Der Schäden wären drei!

Hu huß! sprach der Michel von Wolkenstein,
So hetzen wir! sprach Oswald von Wolkenstein,
Huß los! sprach Herr Lienharb von Wolkenstein,
Sie müssen fliehen alle von Greifenstein sogleich!

Da hub sich ein Gestöber, da prasselte die Glut
Und rann die Schlucht hernieder, vermischt mit rotem Blut.
Den Panzer und die Armbrust, dazu den Eisenhut
Verloren sie beim Fliehen: wir wurden freudenreich.

Das Kriegswerkzeug, die Schanzen, und alles ihr Gezelt:
Es raucht als Aschenhaufen verbrannt im obern Feld.
Wer böse ausleiht, sagt man, dem wird auch bös Entgelt;
So, Herzog Friedrich, zahlen wir heim dir deinen Streich!

Geplänkel und Scharmützel ward keinem da zu schwer;
Am Raubensteiner Berge gings lustig kreuz und quer.
Durch manche Brust geflogen kam Pfeil auf Pfeil daher,
Die Armbrust straffgezogen tat Arbeit mehr und mehr.

Die Bauern von Sankt Jürgen, die ganze Dorfgemein,
Schwur Treue uns, doch leider war sie nicht farbenrein.
Da kamen wackre Bursche herab den Raubenstein:
Gott grüß euch, liebe Nachbarn, wie schwört ihr treu und fein!

Ein Werfen und ein Schießen erhub sich mit Gebraus,
Ein zornig Blutvergießen in hageldichtem Strauß:
Nun rühr dich, guter Ritter, stirb oder halte aus!
Der rote Gockel krähte im Dorfe Haus bei Haus.

Die Bozner samt den Rittern, die Dörfler aus Meran,
Die Haslinger, die Meltner, schlugen sich oben Bahn;
Die Sarntaler, Jenesier, wie munter wir die sahn:
Sie wollten all uns fangen – doch schlecht gelang der Plan!

Zu bemerken ist hierbei, daß Oswalds Burg Greifenstein vom Volke bezeichnenderweise Raubenstein genannt wurde!

Dieses ganz prächtige, nach Form und Inhalt an das Nibelungenlied gemahnende Stück erhebt den Wolkensteiner gewissermaßen zum Schöpfer der deutschen Ballade und zeigt ihn als Dichter ersten Ranges.

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