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Deutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen

Edmund Hoefer: Deutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorEdmund Hoefer
titleDeutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen
publisherVerlag von A. Kröner
year1876
correctorJosef Muehlgassner
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Siebter Abschnitt.
Von Goethe's Tode bis auf den Anfang der fünfziger Jahre.

47.

Der Glaube, den manche »kluge und einsichtige« Leute bis auf den heutigen Tag zu hegen und zu verkündigen lieben, daß mit dem Tode Goethe's alles auf geistigem Gebiet Erreichte in Frage gestellt worden, daß zumal für die Dichtkunst ein Zeitalter der Barbarei angehoben habe und die poetische Schöpferkraft in erschreckender, fortschreitender Abnahme begriffen sei; – dieser Glaube, dem sogar mehr als einer von unseren ersten Literarhistorikern verfallen ist, so daß er sich von der folgenden Literatur schier verächtlich abwenden mochte – er darf wohl füglich von uns als der reine Aberglaube bezeichnet werden. Die Julirevolution, welche mit Goethe's Scheiden beinahe zusammenfiel, bildet allerdings einen von jenen Abschnitten der politischen und zugleich der Kulturgeschichte, welche in bestimmtester Weise ein versinkendes Aeltere von einem sich erhebenden Neueren scheiden und das Letztere dem Ersteren schroff entgegentreten lassen. Ein solcher Vorgang muß aber im gewissen Sinne stets ein revolutionärer sein, während er zugleich auch ein durchaus naturgemäßer, ja naturnothwendiger ist. Denn das Leben und die Entwickelung überhaupt sind keine wandel- und abschnittslosen, sie sind vielmehr steten Wandlungen unterworfen und trotzdem in unausgesetztem Fortschritt begriffen, und es ist ein Grundirrthum, daß das Ende einer Entwickelungs periode jemals auch einen Stillstand oder gar ein Zurückgehen der Entwickelung überhaupt bezeichnen könne. In Wirklichkeit ist hier nur von einer anderen Seite oder Richtung die Rede, auf der die dort zum Ende gediehene Entwickelung von neuem anhebt und in der sie sich nunmehr fortsetzt. Von einem Besseren oder Schlechteren kann man in solchem Falle vernünftigerweise nicht wohl sprechen, da man etwas völlig Anderes, gar nicht Vergleichbares, möglicherweise selbst Entgegengesetztes vor sich hat.

So ist es hier der Fall. Was wir vor uns haben, ist, kurz ausgedrückt, der Uebergang von der Idealität und, oft genug freilich nur eingebildeten Objectivität, zur ausgeprägten Subjectivität und Realität; von der Gefühls- und Phantasie-Schwelgerei zum, häufig nüchternsten, Verstande; von der dumpfen oder sentimentalen Ergebung in die Autorität, und von der selbstgenügsamen Gleichgültigkeit und Abgeschlossenheit gegen alle neuen Fragen und Forderungen der Zeit und des Lebens endlich, zu scharfer Opposition, zu unerbittlicher Kritik, zu gesteigerter, ja fieberhafter Theilnahme.

Ein solcher Uebergang findet naturgemäß freilich niemals ohne eine lange Vorbereitung statt; dieselbe wird jedoch bis zum letzten Augenblick nur von Wenigen geahnt und selbst hinterdrein fürs erste nur ausnahmsweise erkannt und richtig gewürdigt. Der letzte, entscheidende Schritt hat für die Zeitgenossen und Parteien daher auch stets etwas Plötzliches und Betäubendes an sich. An Ruhe und Ordnung ist aber auch, trotz aller Vorbereitungen, im ersten Augenblick nicht zu denken. Was an die Stelle des absterbenden Alten tritt, ist nichts weniger als etwas Fertiges, sondern durchaus etwas Werdendes, das nicht nur nach rückwärts einen erbitterten Kampf zu führen hat, bis es das Alte zu überwinden und sich selber aus den Ruinen frei zu machen im Stande ist, sondern das auch seinen eigenen schweren Entwickelungsprozeß bestehen muß, bis die neue richtige Bahn gefunden wird und dem Auge das wirkliche neue und feste Ziel erscheint.

So finden wir es auch in dem Kampfe des sogenannten »jungen Deutschlands« gegen die absterbende Periode. Als die Julirevolution auf politischem Gebiet für den Augenblick Luft geschafft hatte, wurde die unnatürliche Spannung aller Verhältnisse fühlbar und ließen sich die Schäden und die Fäulniß erkennen, welche das gesammte Leben auf allen seinen Gebieten und in allen seinen Erscheinungen erfüllten. Der Kampf begann daher auch auf der ganzen Linie und wurde mit Keckheit und Muth weitergeführt, gegen die offenen, wie gegen die versteckten Feinde, ungeregelt zuerst und häufig, wie man glauben konnte, nur um des Kämpfens willen; bald jedoch immer geordneter und sich mit klarer Erkenntniß und fester Entschlossenheit auf die entscheidenden Punkte richtend.

Es würde uns indessen viel zu weit führen, wollten wir eine genaue Darlegung der damaligen Zeit-, Lebens- und Kulturverhältnisse und der mit einander streitenden Elemente versuchen und aller Umstände hier und aller Factoren dort gedenken, welche in Betracht zu ziehen sein würden. Darüber können die Leser in jeder größeren Literaturgeschichte genügende und, je nach ihrem und des Verfassers Standpunkt, befriedigende Auskunft erhalten. Wir wenden uns den Kämpfern selbst zu und zwar vorerst den Beiden, welche den Kampf schon von langeher begonnen hatten; das sind die stets zusammengenannten, aber in Wirklichkeit grundverschiedenen Ludwig Börne und Heinrich Heine.

Ludwig Börne, ursprünglich Baruch, wurde 1786 zu Frankfurt am Main geboren, wo sein Geburtshaus in der Judengasse steht. Anfangs Medicin studierend, wandte er sich später der Rechts- und Staatswissenschaft zu und fand nach Beendigung des Studiums eine kleine Anstellung als Polizeiactuarius in seiner Vaterstadt. 1818 gab er eine Zeitschrift »Tie Wage« heraus, welcher er 1819 eine andere, »Zeitschwingen«, folgen ließ. Beide wurden schnell unterdrückt. Börne kam, wie so mancher unserer Besten damals, gleichfalls in eine vergebliche Untersuchung und lebte, sein Amt niederlegend, bald hier, bald da als Publicist, bis er 1830 nach Frankreich und Paris ging und dort bis an seinen Tod, 1837, blieb. Auf dem Père Lachaise liegt er begraben.

Ludwig Börne, der von unseren meisten Literarhistorikern sehr oberflächlich oder sehr wegwerfend beurtheilt wird, wird trotzdem in unserer Literatur stets einen Platz einnehmen, von dessen Höhe ihn weder die Gleichgültigkeit, noch die Verkleinerungssucht, noch der Parteienhaß zu verdrängen vermochte und vermag. Als Publicist ist er Einer der Ersten, wo nicht der Allererste gewesen, der im modernen Sinne dieser Bezeichnung entsprach, und wie viele ihm auch später auf dieser Bahn folgten, ist er doch unter ihnen bis zur Jetztzeit der Größte geblieben, und dürfen seine Schriften auch heute noch, obgleich was in ihnen behandelt wurde, meistens längst historisch geworden ist, als unerreichte Muster der Auffassung und Behandlung solcher Gegenstände und Fragen gelten, als unvergängliche Zeugnisse eines Characters von stiller Größe, Einfachheit und Reinheit, von Uneigennützigkeit, Bescheidenheit und Wahrhaftigkeit, und von einer Höhe, einem Ernst und einer Unbestechlichkeit der Gesinnung, die ihm selbst in den Augen seiner entschiedensten Gegner stets zum Ruhme gereichen muß. Aus seinen Schriften spricht uns überall die redlichste und ehrlichste Ueberzeugung an und von dem, was man als Phrase bezeichnen könnte, findet sich nirgends auch nur eine Spur. »Was ich immer gesagt, ich glaubte es. Was ich immer geschrieben, wurde mir von meinem Herzen vorgesagt, ich mußte.« So spricht er es selber aus in der Ankündigung seiner »Gesammelten Schriften«, und so war und so hielt er es. Seine Behandlung der Gegenstände und Stoffe ist trotz aller Bequemheit hier und aller Ironie und alles Humors da, eine ungemein präcise und klare; er hält sich nie beim Aeußern auf, sondern geht stets und sogleich auf den Grund, er schweift niemals ab, sondern bleibt immer bei der Sache. Und wie scharf und streng hier auch sein Angriff und sein Urtheil sein mögen, so weiß er doch von der Sache fast immer die Person zu trennen und dieser gegenüber mit der Milde, der Duldsamkeit und dem Takt zu verfahren, welche einen Grundzug seiner Natur bilden und alle sogenannten Persönlichkeiten von seinen Angriffen ausschließen. Das hat er noch in seiner letzten Schrift gegen den sanatisch'sten seiner Gegner, »Menzel der Franzosenfresser«, bewiesen, obgleich das lange Exil, die vielen Enttäuschungen und Leiden aller Art ihn längst verbittert und herbe gemacht hatten. Seine Darstellung endlich und sein Stil erheben ihn unter die Ersten Deutschlands und die »Dramaturgischen Blätter«, die kleinen Aufsätze, einzelne der sogenannten Erzählungen, die »Schilderungen aus Paris«, die »Fragmente und Aphorismen«, die »Kritiken und die Tagebuchblätter, – mit einem Wort, so ziemlich alles, was in seinen »Gesammelten Schriften« vor uns liegt, stellt ihn vor Allen Anderen in die Nähe Lessings.

Börne's Hauptbedeutung und sein größtes Verdienst nicht bloß für die damalige literarische Epoche, sondern für die moderne Literatur überhaupt, liegt jedoch darin, daß er, in erster Linie Politiker, trotzdem auch auf allen anderen Gebieten Stellung nahm wider die Unnatur, die Autoritätstyrannei und die Corruption; daß er das practische, wirkliche, alltägliche Leben der Gegenwart, befreit von der Idealität der Klassiker und der Vernebelung der Romantiker, wieder zur Geltung brachte und, wenn man es so heißen will, für die Literatur wieder entdeckte und zu erobern begann. So war er denn allerdings auch hier gewissermaßen der Revolutionär, als welcher er auf politischem Gebiet erschien und nicht selten bis auf den heutigen Tag characterisirt, verketzert und verdammt wird. Die heutigen Ketzerrichter haben aber die Entschuldigung der damaligen nicht. Denn heutzutage sehen und wissen wir, wenn wir es anders sehen und wissen wollen, längst, daß die Revolution durch die wahnsinnige Wirthschaft der Reaction damals selbst heraufbeschworen und zur Notwendigkeit geworden war und – dahin war es gekommen! – nicht bloß die sogenannten Freisinnigen oder Unruhigen, sondern alle Vernünftigen zu Anhängern und Beförderern haben mußte.

Was Börne begonnen, aber in Folge seiner mehr nur kritischen und, wie man sagen könnte, epigrammatischen Begabung, meistens nur gestreift und angedeutet, nicht jedoch eigentlich selber bethätigt hatte, das wurde von seinem jüngeren Zeitgenossen und Mitkämpfer, Heinrich Heine, voll übermüthiger Ausgelassenheit aufgenommen, mit funkelndem und blendendem Witz fortgeführt und mit dem glänzendsten Talent dichterisch zur Ausführung gebracht – die Rückkehr aus den kühlen blauen Höhen und aus den nebelerfüllten Thälern, zur Erde und zum Leben schlechtweg, mit ihrer natürlichen Schönheit, mit ihren natürlichen Leiden und Freuden, aber freilich auch mit ihren nicht selten unbehaglichen Schatten und ihren unheimlichen, verwilderten, häßlichen Gründen.

Heinrich Heine, geboren zu Düsseldorf am 13. December 1799, und gestorben, nach langen qualvollen Leiden zu Paris am 17. Februar 1856, ist eines der glänzendsten Talente, welche jemals in Deutschland erstanden, ja, wir dürfen hinzusetzen, überhaupt auf Erden erschienen sind. Wo seine Lyrik uns, wie Gottlob denn doch in unendlich vielen seiner Lieder, unentstellt in ihrer Reinheit entgegentritt, steht er mit vollstem Recht an der Seite Goethe's, nicht ihn überbietend, aber auch nicht von ihm überboten. Goethe's wunderbare, hohe und reine Natur stellte ihn hoch über das Leben und hob dieses adelnd und verklärend zu ihm empor, während Heine mitten in dem alleralltäglichsten Leben steht, wo er sich über dasselbe aufschwingt, nur allzuleicht gewissermaßen vor sich selber erschrickt und sich selber verhöhnt, sich nur um so schneller zurückwirft und um so tiefer versinkt.

Wir wissen nicht, wer jenen Vergleich aufgestellt hat, aber wir glauben ihn mit vollem Recht gelten lassen und annehmen zu dürfen: Heine ist wie einer von jenen Menschen, welche von ihrer Empfindung wohl einmal bis zu Thränen übermannt werden, aber voll Scham über solche Schwäche, oder voll Verdruß, daß sie ihr Inneres in solcher Weise der großen Menge preisgegeben haben, dasselbe desto schneller wieder zu verhüllen streben und mit desto wilderer Ausgelassenheit, mit desto schärferem Spott und Hohn sich selbst zu strafen und die Menge zu täuschen suchen. So erklärt sich, glauben wir, am leichtesten jene Liebhaberei oder sage man Manie Heine's, die Tiefe und Reinheit des ersten Eindrucks nur allzu häufig auf das muthwilligste, auf das frivolste abzuschwächen und zu vernichten, dem innigsten Lächeln schon im nächsten Augenblick ein faunisches folgen zu lassen, die reinste Schönheit durch einen einzigen Zug in eine Karikatur zu verwandeln. Heine's Poesie ist jenes wunderschöne Weib mit dem träumerisch süßen Lächeln, mit den Märchenaugen, mit all den Zauberreizen, die uns berücken und verlocken und einwiegen bis zur seligen Selbstvergessenheit, bis die Langeweile oder der tolle Uebermuth die Nixe aufjagt und der Fischschwanz lustig hervorplätschert.

Heine's Natur ist keine einfache, sondern eine, und zwar aus Gegensätzen und Widersprüchen, zusammengesetzte. Wer ihm Gemüth und Empfindung absprechen will, versteht ihn nicht, oder richtiger gesagt, will ihn nicht verstehen. Nehme man das erste beste dieser Lieder, z. B.:

»Ich stand in dunkeln Träumen
Und starrte ihr Bildniß an
Und das geliebte Antlitz
Heimlich zu leben begann.

»Um ihre Lippen zog sich
Ein Lächeln wunderbar,
Und wie von Wehmuthsthränen
Erglänzt ihr Augenpaar.

»Auch meine Thränen flossen
Mir von den Wangen herab –
Und ach, ich kann es nicht glauben,
Daß ich dich verloren hab'! –«

Gibt es ein einziges deutsches Lied, in welchem Gemüth und Empfindung unmittelbarer, voll größerer Natürlichkeit, Einfachheit und Innigkeit zum Ausdruck kommen? – Aber freilich, Heine's Natur ist kein stiller, nur in der Tiefe bewegter See, sondern das Meer mit »Sturm und Ebb' und Fluth«. Dem Gemüth und der Empfindung stehen der bis zum Hohn sich steigernde Spott und der, wie kein anderer, blendende und treffende Witz gegenüber, durch nichts zu bändigen und nichts schonend, am wenigsten jenes Gemüth und jene Empfindung des Dichters selber. Im genausten Zusammenhange stehen hiermit seine unbesiegliche Zweifelsucht, oder vielmehr sein völliger Unglaube, die alles in Frage stellen und weder im Himmel, noch auf der Erde etwas Vollendetes und Vollkommenes gelten lassen, und sein Eigensinn und sein Widerspruchsgeist, die keine Größe anerkennen oder gar respectiren, die keiner fremden Anschauung beipflichten und sich jedem fremden Einfluß widersetzen. Und wo er jemals dennoch einem solchen unterlegen ist, da wird sein Spott am grimmigsten, sein Hohn am hohnvollsten und trifft sein Witz vernichtend.

Es ist ein rastloses, für jeden Anderen, nur nicht für Heine, aufreibendes Widerspiel der Anlagen und Kräfte, der Empfindungen und Stimmungen in diesem Menschen, der sich uns oberflächlicher und frivoler und zugleich tiefer und sehnsuchtsvoller zeigt als irgend einer. Den Schäden und der Krankheit der Zeit und aller Verhältnisse, die er klar erkennt und grell zu zeichnen liebt, ist er selber rettungslos verfallen. Das weiß und fühlt er selber nur allzutief, und diese Erkenntniß jagt ihn in den tollsten Wirbel der Lust und des Genusses, ohne Schranke und ohne Ziel, gleichsam nur um Betäubung und Vergessen zu finden. Aber er irrt sich: mit der Ernüchterung kommt der bittere Schmerz, die düstere Trauer, die dumpfe oder wildaufschreiende Verzweiflung an Gott und Welt, an Leben und Glück und an sich selbst, und Hohn und Lästerung werden grimmiger und greller als je. Da haben wir denn die Kennzeichen und Bestandtheile des sogenannten »Weltschmerzes«, der bei Heine noch gewissermaßen ein berechtigter und wahrer, bei seinen zahllosen Nachfolgern und Nachahmern fast immer nur ein rein nachgeahmter und erheuchelter ist und unsere Literatur in einer Sündflut von miserablen Poemen und jammerseligen Producten aller Art schier zu ertränken drohte.

Heine war von Hause aus Jude, im Rheinland geboren und erwachsen, wo seine Glaubensgenossen unter der französischen Herrschaft allen Anderen bürgerlich gleichgestellt waren und schon daher dem französischen Reich und seinem gewaltigen Fürsten auf das getreulichste anhingen. So erklärt sich auch der Napoleoncultus, dem Heine sein Lebenlang ergeben blieb – jenes prächtige Gedicht: »Nach Frankreich zogen zwei Grenadier«, ist schon vor 1820 entstanden. Allein, wie Heine nun einmal war, darf man mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß er sich mit dieser Liebe zu dem großen geächteten Kaiser den fanatischen deutschen Patrioten und den Auswüchsen ihrer bis zur Fratzenhaftigkeit gesteigerten Deutschthümelei entgegenstellte. Jedenfalls brachte er hier die heilsame Wirkung hervor, daß diese Deutschthümelei alsbald einen guten Theil von ihrer Sentimentalität, ihrer süßlichen Schwärmerei und ihrem Bramarbasiren verlor und die Dinge nüchterner anzusehen begann. Da jedoch die Deutschen trotz aller ihrer gerühmten Ruheseligkeit und Verständigkeit von Zeit zu Zeit gern und leicht von einem Extrem zum anderen überspringen, so fand der als Antichrist und Gottseibeiuns ausgeschriene, verhöhnte, verleumdete, mißhandelte Kaiser plötzlich in Deutschland die leidenschaftlichsten Bewunderer und dem »kleinen Korporal« im grauen Rock, mit seiner »Granitkolonne von Marengo« wurde in unserer Literatur eine Siegessäule nach der anderen errichtet.

Aber Heine war auch, wie so ein junger Dichter damals kaum anders durfte, Romantiker. Schon als er, nach einem verunglückten Versuch, Kaufmann zu werden, in Bonn studirte, nahm ihn August Wilhelm Schlegel in die Lehre, welche in Berlin und seinen geistreichen Theecirkeln und Weinstubenrunden fortgesetzt wurde. Seine ersten »Gedichte« und seine »Tragödien«, »Almansor« und »Ratcliff« sind ganz voll der romantischen Phantastik, die hispanischen Donna Clara's und Ton Ramiro's liebten einander die Sonette schossen hervor, und kurz und gut:

»Das ist der alte Märchenwald,
Es duftet die Lindenblüthe,
Der wunderbare Mondenglanz
Bezaubert mein Gemüthe.«

Allein es fanden sich trotzdem doch auch hier schon allenthalben kuriose Töne, Wendungen, Einfälle, Bilder, eine originelle Laune, und in den formell rauhen Sonetten kamen nicht selten Dinge zur Sprache, die zu dieser Form ungefähr paßten, wie – die Faust aufs Auge, – kurz, vielerlei, was die phantastischen Herren wohl hätte ein wenig erstaunen, scheu machen und fragen lassen dürfen, ob es dem jungen Schüler nun auch wirklich ernst sei mit seiner Anhänglichkeit, oder ob sich der übermüthige Gesell am Ende gar erkühne, der ehrbaren Meister und ihrer süßen kunstvollen Weisen ein ganz klein wenig zu spotten? Indessen blieben sie guten Muths und freuten sich dieses vielversprechenden Jüngers, bis 1826 die ersten Bände der »Reisebilder« erschienen, denen dann 1827 die erste Ausgabe des »Buchs der Lieder« folgte. Da war denn mit einemmale etwas, von dem man bisher gar keine Ahnung gehabt hatte. Hier war ein kecker, frischer, burschikoser Ton, hier sprudelte ein glänzender Witz, hier erklangen die innigsten Herzenslaute und tanzte ein Uebermuth umher, der nach Gott und der Welt nichts fragte; der wundervollsten Zartheit trat nicht selten hart die derbste, ja zuweilen nackte Sinnlichkeit nach; anmuthige Idyllen, reizende Genrebilder rollen sich vor uns auf, die alten Sagen lauschen hervor, die duftigste Märchenpoesie umfängt uns, und gleich hinterdrein umschwirrt uns wieder allerhand toller Spuk. Durch das alles hin und aus dem allem hervor bricht aber jener blendende und funkelnde Witz und der erbarmenslose Spott und schlägt vernichtend auf die gesammte gesellschaftliche und literarische Misere nieder, auf die Theezirkel-Schwärmerei und -Kritik, auf die süßliche Sentimentalität und Sinnlichkeit, auf die Theaterverzückungen und die schmachtende Naturverhimmelung, auf den Autoritätsschwindel, auf das fadenscheinige patriotische Märtyrerthum, auf die, zwischen Leben und Sterben ringende, noch immer sich putzende und brüstende Romantik endlich. Ihr galten seine Hauptschläge, sie traf er mit dämonischer Lust stets von neuem, bis in den Tod, ja noch über ihn hinaus.

Mitten aus diesem blendenden und knatternden Feuerwerk hervor erhebt sich aber stets wieder die Flamme der ächten Poesie. Und zwar sind es nicht bloß die süßen und tiefen Herzenslaute, sondern es schließen sich an diese überall auch die wundervollsten Naturbilder – oder eigentlich nur Skizzen, wie denn Heine's gesammte Poesie, oder sage man sein Talent, etwas Skizzenhaftes und Fragmentarisches hat. Es sind aber Skizzen der meisterhaftesten Art, so daß der flüchtige Entwurf, die wenigen, kaum verbundenen, gleichsam zufälligen Striche und Linien in unseren Augen das ausgeführteste Gemälde eines Anderen übertreffen. Heine ist streng genommen der erste, der die wirkliche, unentstellte, lebendige Natur in ihrer Lieblichkeit und Größe, in ihrer Stille und in ihrer Bewegtheit wieder völlig versteht und für die Poesie von neuem erobert. Die ihm vorausgegangenen Schwaben und selbst Uhland, hatten bisher auswärts wenig oder gar keinen Einfluß gewonnen und waren, in weiteren Kreisen fast unbekannt geblieben. Heine's »Reisebilder« und das »Buch der Lieder« aber schlugen überall ein; sie führen die Naturpoesie im modernen Sinne in unsere Literatur ein und eröffnen so die Hauptrichtung, der sie von der Mitte der Dreißiger an zu folgen begann und bis auf den heutigen Tag im Wesentlichen treu geblieben ist.

Von Heine's späteren Schriften können wir nur die hauptsächlichsten dem Titel nach anführen: den »Salon«, »Die romantische Schule«, »Ueber Börne«, »Neue Gedichte«, »Deutschland, ein Wintermärchen«, mit welchem er, allerdings in seiner eigenen und unabhängigen Weise, in die politische Poesie der vierziger Jahre eintritt, »Atta Troll«, »Romanzero«, und endlich, erst nach seinem Tode veröffentlicht, »Letzte Gedichte und Gedanken«. Ueberboten hat er, was er in den ersten Werken erreichte, nicht mehr. In den »Neuen Gedichten« finden sich noch zahlreiche seiner schönsten Lieder – wir erinnern nur an das reizende: »Leise zieht durch mein Gemüth«, oder an das trauervolle: »Eine starke, schwarze Barke« –; im »Romanzero« gibt es immer noch einzelne Anklänge, und selbst unter den »Letzten Gedichten« trifft man hin und wieder ein paar Verse, welche an die alte schöne Zeit erinnern. Im Allgemeinen aber macht sich, zum wenigsten im guten Sinne, eher eine Abnahme als eine Steigerung geltend. Statt der anfänglichen Ursprünglichkeit und Naturfrische, statt der Naivetät und Ungesuchtheit, statt jener Freude und jener Trauer – sagen wir: auf eigene Hand, die von keinem Anderen etwas wollen oder wissen, begegnen uns immer häufiger die Absicht, die Berechnung, der – boshafte Seitenblick und Seitenhieb. Die gesunde, ob auch einmal grobe Sinnlichkeit wird zur raffinirten Sinnenschwelgerei oder auch wohl zum ordinären und nackten Cynismus; der Witz wird immer verletzender, der Spott immer schärfer und je länger desto mehr zum vollen Hohn, und die unausgesetzten Anfeindungen, Persönlichkeiten und – leider daß wir es sagen müssen! – dies ewige Wühlen im Klatsch und Skandal, lassen es für den Leser der späteren Heine'schen Schriften nur ausnahmsweise noch zu etwas wie einem reinen Genuß kommen. So ist es denn allerdings sehr begreiflich, daß das Urtheil über diesen Dichter im Allgemeinen ein sehr strenges war und geblieben ist. Seine Verstöße wider den wirklichen und noch mehr gegen den sogenannten Anstand, wider die »gute Sitte« und die »schickliche Höflichkeit« sind allzu zahlreich, und wie die Menschen nun einmal geartet sind, müssen nicht wenige seiner Treffer für Viele auch heute, ja in hundert Jahren noch ebenso empfindlich sein, wie sie denjenigen waren, die sie zuerst trafen.

Aber was Heine wirklich Schönes geschaffen hat, kann durch die Mangelhaftigkeit und Leichtfertigkeit des Uebrigen niemals entstellt und verkleinert werden. Dieses Schöne ist von makelloser und unvergänglicher Schönheit und erhebt seinen Dichter trotz aller seiner »Sündhaftigkeit« zu einem der höchsten Plätze auf dem deutschen Parnaß. Ob auch Petrus entsetzt vor ihm die Thüre zuschlägt, Apollo nimmt ihn mit offenen Armen auf.

48.

Von diesen Anbahnern und Vorkämpfern der »Bewegungsliteratur«, treten wir zu der Gruppe, in der man die Schriftsteller des sogenannten »jungen Deutschlands« bei einander findet. Gewählt wurde diese Bezeichnung zuerst 1834 von Ludwig Wienbarg in der Widmung seiner »Aesthetischen Feldzüge«. Officielle Bestätigung erhielt sie durch den Bundesbeschluß von 1836, der ein Verbot wider die Schriften dieser Autoren aussprach. Es sind die Schriftsteller Heinrich Laube, Ludwig Wienbarg, Karl Gutzkow, Gustav Kühne, Theodor Mündt, denen dann von einigen noch einer oder ein paar Andere zugerechnet werden – ohne rechte Nöthigung, da hier von einem wirklichen Bunde dieser Autoren, wie etwa von dem des »jungen Italiens«, ebenso wenig die Rede war, wie von einem festen Bande zwischen ihnen. Revolutionäre waren sie nicht, und Laube's bekanntes Wort: »Was nicht von selbst sterben will, muß todtgeschlagen werden!« – war gar nicht so grausam gemeint, sondern nur ein Trompetenstoß, der ein wenig Aufsehen machen und das Publikum herbeiziehen sollte, um ihnen ein größeres Ansehen zu geben und ihren Einfluß auf die Literatur zu sichern. Dessen bedurften und danach verlangten sie, und dabei war ihnen das erwähnte Bundestagsverbot ausnehmend förderlich. Denn es stempelte sie zu so etwas wie Märtyrern und ließ ihre Schriften eine Verbreitung gewinnen und einen Eindruck machen, den die meisten ohne solche Unterstützung und durch sich selbst schwerlich erreicht haben würden.

Man hat diese Zeit mit derjenigen des »Sturms und Dranges«, und die ersten Stimmführer mit den alten Stürmern und Drängern verglichen. Solche Vergleiche haben stets ihr Mißliches. Schon Vereinigungspunkte, wie damals Göttingen, Straßburg, Frankfurt, gab es jetzt nicht, die »jungen Deutschen« waren, ob auch hier und da zusammentreffend, über ganz Deutschland zerstreut, und wenn man sie und ihr Wirken näher ins Auge faßt, so sind sie von ihren Vorgängern ungefähr ebenso weit verschieden, wie die Bildung und Kultur des Jahres 1770 es von derjenigen ist, zu welcher man in Deutschland nach der Julirevolution gelangt war. Die jungen Stürmer und Dränger wollten zwar gleichfalls verzweifelt wenig von den Errungenschaften der eben ablaufenden großen Geistes- und Bildungsepoche wissen und zuckten über ihre Größen die Achseln. Aber verleugnen konnten sie diese Errungenschaften dennoch nicht, da dieselben ihnen längst in Leib und Seele gedrungen waren und sie, ob sie wollten oder nicht, den Naturmenschen von anno 1770 gewissermaßen als Kulturmenschen entgegenstellten. Von der rohen und naturwüchsigen, aber immerhin gewaltigen Kraft, die, von Goethe's und Schillers Jugendwerken ganz zu schweigen, doch auch manche Schöpfungen der Uebrigen durchbraust, war bei den Jetzigen wenig mehr zu spüren; die eingeborene Wildheit und tolle Ungebärdigkeit jener Alten, war hier zu einer solchen geworden, der sich auch der besterzogene junge Mensch wohl einmal eine Zeitlang überläßt, wenn er, aus der Enge des Elternhauses befreit, plötzlich sich in das weite Leben versetzt sieht und, in der Hoffnung, von jedem Zwange erlöst zu sein, sich dennoch wieder unter einem neuen, noch schwerern findet. Und diese Wildheit steigert sich noch, wenn er einen solchen politischen, gesellschaftlichen, conventionellen Zwang obendarein ganz in seiner Nähe von Anderen schon gebrochen oder doch bekämpft sieht. Da schreibt er die ihm mehr oder weniger klaren Schlagwörter des Tags auf seine Fahne und stürmt voran, bis er, seltene Fälle abgerechnet, seiner Natur, der Erziehung und Gewöhnung nachgibt und sich ernüchtert oder enttäuscht zum soliden Staatsbürgerleben bequemt.

Die Schlagwörter dieser Zeit waren »Regeneration« und »Emancipation« auf allen Gebieten und in jeder Richtung. Die Wiedergeburt der Poesie durch das reale und gegenwärtige Leben; die Popularisirung der Wissenschaften; die Befreiung vom Dogmatismus; die freie Liebe und, wie man es damals hieß, die Emancipation des Fleisches; die Annahme und Weiterverbreitung der durch die Julirevolution herausgeführten liberalen Ideen, – das und wer weiß, was noch sonst, waren so ungefähr die neu gesetzten Ziele, denen man mit Keckheit nachzustreben verhieß und sich das Ansehen gab. In Wirklichkeit entsprach aber weder die schöpferische Kraft, noch die geistige Klarheit solchen Verheißungen. Die versuchten Anläufe kamen ins Stocken, und statt den allgemeinen und, um es zu wiederholen, nebelhaften Zielen, fing jeder an seinen besonderen und seiner Natur und seinem Talent angemessenen, sei es schlichteren oder zahmeren zu folgen. Auf ihren ersten Gebieten und zumal auf dem politischen, sind diese »Jung-Deutschen« von der Zeit und den Zeitgenossen sehr schnell überholt worden.

Wenn wir sie zusammen betrachten und nach etwas suchen, was ihnen allen gemeinsam ist und sie als zusammengehörig erscheinen läßt, so ist dies einerseits anfangs die Vorliebe und Befähigung für die journalistische Thätigkeit, und andrerseits die in allen mehr oder weniger scharf ausgeprägte Herrschaft des Verstandes. Ein eigentliches und eminent dichterisches Talent findet sich zwischen ihnen nicht, wie denn selbst Gutzkow, der einzige von ihnen, der sich unseres Wissens jemals in der Lyrik versucht hat, in dieser Richtung völlig bedeutungslos geblieben ist. Dagegen zeigt sich in der Mehrzahl von ihnen der Verstand zu einer Reife und Schärfe entwickelt, die sie immerhin sehr hochstellen und erhalten und, soweit er bei der Schöpfung dichterischer Werke mitzusprechen hat, mehr als ein nicht nur formell, sondern auch inhaltlich bedeutendes, ja vollendetes Werk zu Tage gefördert haben.

Ludwig Wienbarg, geboren 1803 zu Altona, Privatdocent in Kiel, später mehrfach an Journalen thätig, freiwilliger Jäger im Schleswig-Holstein-Kriege, gestorben beinahe in Vergessenheit 1866, gab wie wir schon sagten, durch seine Widmung: »Dir, junges Deutschland, widme ich diese Reden«, dieser Partei und dieser Bewegung den Namen, ohne die Wirkung des Worts zu ahnen oder irgendwie besondere Persönlichkeiten ins Auge zu fassen. Wienbarg ist eine durchaus achtungswerthe und tüchtige Natur, wissenschaftlich geschult, aber einseitig in seiner Forderung nach Läuterung und Veredlung des modernen Lebens und nach seiner harmonischen Umgestaltung im altgriechischen Geist. Seine »Aesthetischen Feldzüge«, die »Wanderungen durch den Thierkreis«, das »Tagebuch aus Helgoland«, die »Aufzeichnungen aus den schleswig-holstein'schen Feldzügen«, sind gedankenreiche, gehaltvolle, glänzend, ja wie das »Tagebuch aus Helgoland«, klassisch geschriebene Werke, die auch dem heutigen Leser noch vielfältige Anregung gewähren und ihm stets Achtung vor dem Ernst, der Gewissenhaftigkeit und der Gesinnungsreinheit ihres Verfassers und selbst vor seiner, der Wirklichkeit und dem practischen Leben fremden Ideologie abnöthigen.

Heinrich Laube, geboren zu Sprottau 1806, Studiosus der Theologie und Burschenschafter, Hauptvertreter, -Verkünder und -Verfechter des »jungen Deutschlands«, nach rasch geschlossenem Frieden mit den Männern der alten Ordnung, dem dramatischen Felde zugewendet, Director des Wiener Burgtheaters und, nachdem er eine Zeit lang in Leipzig eine ähnliche Stellung eingenommen, neuerdings wieder in Wien mit der Leitung eines Theaters beschäftigt, – ist, ob auch kein so reiches und tiefes Talent wie Wienbarg, doch ein viel leichteres und beweglicheres, schlagfertigeres und vor allem moderneres. Laube ist ganz und gar der Mann jener Zeit und wie ausdrücklich für sie und ihre Kämpfe geschaffen, voll Keckheit, voll Derbheit, voll Ungeniertheit und Rücksichtslosigkeit und dennoch nicht ohne eine gewisse, begütigende Bonhommie; ausgerüstet mit derber Lebenslust und meistens natürlicher Sinnlichkeit und ganz und gar Realist. Zu sprechen weiß er über alles und hat stets etwas zu sagen, nicht mit Tiefe, um die er sich wenig kümmert, aber stets pikant und voll Geist und, in Ansehung des Aeußern wenigstens, treffend. Seine Darstellung und sein Stil endlich sind in dieser früheren Zeit gewandt, voll Leben, ja voll Leidenschaftlichkeit, aber ungleichmäßig, bald nachlässig und oberflächlich, bald voll gesuchter Würde und Glätte, welche nicht selten zur Steifheit führt. Als Journalist und Kritiker (»Zeitung für die elegante Welt«) übte er einen nicht geringen Einfluß aus; die »Modernen Charakteristiken«, sein bestes Prosawerk, liefern eine Reihe von Portraits damaliger literarischer und politischer Persönlichkeiten, in nicht selten oberflächlicher und auch in der Auswahl sich verrathender, allzu subjectiver Auffassung, die jedoch trotzdem meistens eine entschieden glückliche ist und sich in der Ausführung zu einer bemerkenswerthen Anschaulichkeit erhebt. Seine Romane und Erzählungen, »Das neue Jahrhundert«, »Das junge Europa«, die »Reisenovellen«, »Die Schauspielerin«, sind voll von den Tendenzen jener Zeit, voll üppigen Lebens und lebhafter, ja leidenschaftlicher Bewegung, aber dessen ungeachtet mehr Producte des Verstandes als des frei waltenden Dichtergeistes. Dieser Dichtergeist schafft und wirkt auch nicht in den späteren Arbeiten auf diesem Gebiet, »Gräfin Chateaubriant«, und »Der deutsche Krieg«, obgleich sie, zumal das letztere Werk, viel kunstvoller angelegt, viel sorgsamer in der Ausführung, voll meisterhafter Motivirung und von trefflicher Darstellung sind. Und dieser Dichtergeist und diese Dichternatur gelangt auch dort nicht zum Durchbruch und zur Wirksamkeit, wo wir Laube auf seinem eigentlichen Gebiet und auf der Höhe seines Schaffens sehen, d. i. in seinen Dramen. Dafür, oder trotzdem aber ist Laube ein Dramatiker voll Frische und Gewandtheit, glücklich in der Wahl seiner Stoffe, ein tüchtiger Praktiker und vollendeter Techniker, und seine Stücke, »Monaldeschi«, »Struensee«, das Lustspiel »Rokoko«, die Literaturkomödien »Gottsched und Gellert«, und »Die Karlsschüler«, »Prinz Friedrich«, das Trauerspiel »Essex« u. s. w. sind und bleiben hervorragende Werke unserer dramatischen Literatur.

Der bedeutendste von diesen Schriftstellern, nicht nur der Anlage, sondern auch der Wirkung und dem Einflüsse auf die Literatur und die Zeitgenossen nach, ist unzweifelhaft Karl Gutzkow, geboren zu Berlin am 17. März 1811. Die Julirevolution entriß ihn dem Studium und ließ ihn sich voll Ungestüm den Tagesfragen zuwenden. Er ist ein Talent von der größten Eigenartigkeit und in dieser von höchstem Range, eine reich ausgestattete Natur, ein Geist von durchdringender Verstandesschärfe, von wunderbarer Beobachtungs- und Auffassungskraft, voll nicht minder wunderbarer Feinfühligkeit und ursprünglicher, ja fast instinctiver, aber durch umfassende Bildung und tüchtige Kenntnisse gesteigerter und gesicherter Einsicht in das gesammte Sein und Wesen und in alle Lebenserscheinungen der Gegenwart. Endlich eine gesunde und tüchtige Natur, die sich nach den ersten ungestümen Ausschreitungen und dem wilden Ueberschäumen bald zu verhältnißmäßiger Ruhe und geordneten Bahnen zurückfand. Gegen die Herrschaft des Verstandes tritt, was sich kurz als Herz und Gemüth bezeichnen läßt, in Gutzkow zurück. Ein Dichter im gewöhnlichen Sinne des Worts ist er ebenso wenig wie seine Jugend- und Parteigenossen, und was wir in dieser Richtung von ihm besitzen, ist, wie alles, was von einem solchen Kopfe ausgeht, von Interesse, aber, wie schon gesagt, ohne dichterische Bedeutung.

Dagegen hat er uns nicht nur das moderne Drama, sondern auch den socialen und Zeitroman der Gegenwart geschaffen und dort wie hier Werke geliefert, die von Anderen wohl einmal erreicht, aber bisher nicht übertroffen worden sind. In der erzählenden Literatur haben seine reiferen Arbeiten stets eine psychologische Begründung und Entwickelung und eine kunstvolle Motivirung aufzuweisen, die kaum etwas zu wünschen übrig lassen, und erscheinen vor uns in einer Darstellung, die man vollendet nennen kann. Daß ihm hier freilich jene Oberherrschaft des Verstandes gefährlich wird, ja zum Nachtheil gereicht, ist allerdings nicht zu leugnen. Dieser Verstand beherrscht den Stoff und die Aufgabe des Dichters mit harter Kraft und Strenge und läßt ihnen weder Platz, noch Gelegenheit zu einer selbständigen Entwickelung. Gutzkow construirt das Leben und die Menschen in regelrechter, naturgemäßer und sozusagen lebensfähiger Weise; er weiß ihnen sogar, von sich aus, ein gewisses Leben einzuflößen. Allein zu einem eigenen, von ihm, dem Schöpfer, unabhängigen Leben vermag er sie nicht zu erwecken und ihnen daher auch nicht die volle Wärme eines solchen zu geben. Mit einem Wort – ein freies dichterisches Schaffen ist Gutzkows Sache nicht; er gibt niemals dem inneren, sozusagen, unmotivirten Antriebe und dem unwiderstehlichen Drange nach. Er hat vielmehr stets einen bestimmten Zweck, ein festes Ziel, er verliert nie die Tendenz aus den Augen.

Seine ersten Werke, »Briefe eines Narren an eine Närrin«, und der kleine phantastische Roman »Maha Guru«, zeigen beide noch seinen Zusammenhang mit den Romantikern, und »Wally, die Zweiflerin«, das Buch, welches auf Wolfgang Menzels Denunciation hin, den früher erwähnten Bundesbeschluß gegen das »junge Deutschland« hervorrief, ist auch nichts weiter als ein matter Nachklang von Friedrich Schlegels »Lucinde« – ein Buch, von dem man nicht recht begreift, wie es jemals einen solchen Eindruck machen konnte. Auch die Novelle »Seraphine«, und der Roman »Blasedow und seine Söhne«, sind ein paar nichts weniger als bedeutende Schöpfungen, wie denn auch die beiden, dieser ersten Zeit angehörenden Dramen, »Nero« und »Saul« nur als, freilich interessante Versuche auf diesem Gebiet zu erachten sind. Viel höher stehen die auf den Journalisten, den Kritiker, den scharfen Beobachter der Zeit und der Menschen zurückzuführenden Veröffentlichungen: »Oeffentliche Charaktere«, »Beiträge zur Geschichte der neusten Literatur«, »Goethe im Wendepunkt zweier Jahrhunderte«, und vor allem die unter dem Namen Bulwers veröffentlichten »Zeitgenossen« u. s. w. – Von dieser Zeit an wandte Gutzkow sich vorzüglich der Bühne zu, aber zwischen den dramatischen Schöpfungen erschienen während der beiden folgenden Jahrzehende unausgesetzt – die Productivität dieses Dichters ist eine ganz außerordentliche! – auch jene kleinen Erzählungen und Novellen, wie »Ein Mädchen aus dem Volk« (neuerdings »Der Emporblick« betitelt), »Die Wellenbraut«, »Die Selbsttaufe«, »Imagina Unruh« (neuerdings »Eine Phantasieliebe«), »Die Nihilisten«, »Die Diakonissin«, u. s. w., welche abgesehen von jenem oben erwähnten, aus Gutzkows Begabung stammenden Mangel, fast ausnahmslos nicht nur auf der Höhe der modernen Erzählungskunst stehen, sondern meistens auch ihre Vorbilder gewesen und geblieben und als Kunstwerke ersten Ranges zu schätzen sind. – Der große neunbändige Roman, »Die Ritter vom Geist«, ein Spiegelbild der ganzen Zeit mit allen ihren Interessen und Fragen, mag immerhin Bewunderung einflößen für die Kraft und Elasticität des Gutzkow'schen Geistes, für seine wunderbare Auffassungs-, Reproductions- und Gestaltungsgabe, für das außerordentliche Compositionstalent und die noch außerordentlichere Beherrschung des unendlichen Stoffs. Allein diesem Stoffe, oder sage man: dieser Aufgabe war selbst Gutzkow's Geist und Kraft nicht gewachsen, und der Standpunkt, den er zu all diesen Fragen und Interessen, zu der ganzen Zeit einnahm, war bei weitem nicht hoch und frei, nicht unpersönlich genug. Nicht weniger, sondern eher noch mehr tendenziös und von noch persönlicherer Auffassung ist der zweite große Roman, »Der Zauberer von Rom«, in welchem sich, mit den »Rittern vom Geist« verglichen, trotz aller Größe dennoch schon ein gewisses Nachlassen der Productions- und Gestaltungskraft verräth.

Auf seinem rechten Terrain aber und auf seiner vollen Höhe finden wir Gutzkow in seinen dramatischen Schöpfungen. Hier ist er mit vollem Recht als der »Bahnbrecher und Pfadfinder« bezeichnet worden, der auf diesem, von zahlreichen, aber unfähigen oder schwachen Händen nachlässig oder verkehrt angebauten Gebiet wieder Leben und Bewegung hervorrief, neue Wege eröffnete, die gesammte junge Literatur mit sich auf dasselbe hinüberführte, den tief gesunkenen Geschmack wieder zu heben und die Theilnahme des Publikums in einer Weise zu erwecken, zu fesseln und zu belohnen wußte, wie man es seit Jahrzehenden kaum noch in einzelnen Fällen kennen gelernt hatte. »Richard Savage« und »Werner«, »Patkul« und »Wullenweber«, »Uriel Akosta«, »Zopf und Schwert«, »Das Urbild des Tartuffe«, »Der Königslieutenant« und wie sie sonst noch heißen, mögen immerhin mancherlei Ausstellungen rechtfertigen, gehören aber mit wenig Ausnahmen (z. B. das Trauerspiel »Liesli«) zu dem Besten, was wir in den einzelnen Gattungen besitzen, und sind, wie wir schon oben sagten, von einzelnen Nachfolgern wohl erreicht, aber bis heute nicht überboten worden.

Nach einem schweren Krankheitsanfall, der einen Selbstmordversuch hervorrief und den Dichter zu einer längeren Ruhe zwang, hat er sich mit neuer rastloser, ja unheimlicher Thätigkeit dem Gebiet der erzählenden Literatur zugewandt – wir können leider nicht hinzufügen, mit dem alten Glück und der alten Kraft. »Hohenschwangau«, »Die Söhne Pestalozzi's« u. s. w. zeigen trotz aller Kunst und Sorgfalt ein merkliches Nachlassen. Erfreulicher sind einzelne kleinere, den »Lebensbildern« einverleibte Erzählungen.

Ein nicht großes, aber erfreuliches und angenehmes Talent zeigt der zu Magdeburg 1806 geborene Gustav Kühne, von den Uebrigen zuerst sich trennend, der langjährige, geistvolle und liebenswürdige Redacteur der von August Lewald gegründeten Zeitschrift »Europa«. Seine »Klosternovellen« und »Die Rebellen von Irland« sind in der Charakteristik historischer Persönlichkeiten, in der Schilderung, im Colorit von großem Verdienst und in Ansehung der Darstellung musterhaft. Sein Drama »Kaiser Friedrich in Prag« machte kein Glück, doch ist es immerhin erwähnenswerth, daß das in ihm enthaltene »Lied der deutschen Studenten« den Ton des Volksliedes in glücklicher Weise trifft, während die »Gedichte« Kühne's sich gleichfalls nicht über die Reflexionspoesie erheben. Sehr Erfreuliches, ja wirklich Bedeutendes finden wir dagegen in der Sammlung kleinerer und größerer Aufsätze, »Deutsche Charaktere«, wo er, wie z. B. in den, dem »goldenen Zeitalter der Literatur« entnommenen Character- und Literaturbildern, voll so viel Einsicht, Unparteilichkeit und Geist zu urtheilen versteht, wie es grade in dieser Region nicht vielen gelungen ist.

Eine desto unerquicklichere Erscheinung in der Hauptgruppe dieser Dichter ist Theodor Mundt, 1808-1861. Von unleugbarem Talent, schätzt er selber dies Talent am allerhöchsten und präsentirt sich uns stets in einer Bedeutung, die über seine wirkliche weit hinausgeht. Die Emancipation des Weibes und Fleisches hat keinen erregteren Verkündiger und Verfechter gefunden als ihn, auf alle Tendenzen, Fragen und Stoffe der Gegenwart stürzte er sich voll Ungestüm, ohne zur Klarheit über sie zu gelangen und ohne sich ihrer wirklich zu bemächtigen, ohne durch seine äußerlich allerdings glänzenden Plaidoyers und seinen hohen Ton kaltblütige Zuhörer lange über jener und seine eigene Oberflächlichkeit, Characterlosigkeit und Unklarheit zu täuschen. Schon sein berufenstes Werk, »Madonna, Unterhaltungen mit einer Heiligen«, ist bei Lichte besehen ein völlig abstruses Product; gradezu fratzenhaft ist seine Verherrlichung der Charlotte Stieglitz, der Gattin des zu den »Orientpoeten« zählenden, schwachen Dichters Heinrich Stieglitz, welche sich, um die erliegende Productionskraft des Gatten wieder anzuregen, selber den Tod gab. Seine größeren Romane »Thomas Münzer«, »Mendoza«, »Die Matadore«, »Mirabeau« u. s. w., sind alles unerquickliche, halbreife, unendlich prätentiöse Producte und verirren sich zuletzt in die Gattung jener schlimmen Memoiren-Romane, die seine Gattin Louise Mühlbach mit so ausnehmendem Erfolg cultivirte. – Noch weniger kann die glänzende Darstellung die Oberflächlichkeit und Schwäche seiner sogenannten wissenschaftlichen und halbwissenschaftlichen Arbeiten verdecken: »Geschichte der Literatur der Gegenwart«, »Die Götterwelt der alten Völker«, »Aesthetik«, »Geschichte der Gesellschaft«, »Geschichte der deutschen Stände«, »Die Kunst der deutschen Prosa« u. s. w. Am erquicklichsten ist er noch, wo er sich in der damals beliebten Reiseliteratur versucht – »Spaziergänge und Weltfahrten« – oder wo er den geschichtlichen Ereignissen der Gegenwart nacheilt – »Der Kampf um das schwarze Meer«, »Italienische Skizzen«, »Pariser Skizzen«, »Paris und Louis Napoleon« u. s. w. – Hier weiß er zu zeichnen, zu schildern, zu characterisiren und portraitiren, und erreicht auch in Ansehung der Darstellung und des Stils eine, für ihn sonst nicht leicht zu behauptende Höhe.

Hiermit könnten wir vom »jungen Deutschland« scheiden; denn obgleich die ganze Literatur dem plötzlichen Anstoß nachgab und, der neuen Strömung folgend, in einem unleugbaren Zusammenhange mit den Stimmführern und ihren Schriften erschien, so war doch von einer eigentlichen, an die Häupter sich anschließenden »Schule« wenig zu bemerken. Es sind vielmehr nur einzelne Schriftsteller, welche obendarein mehr zu Anfang ihrer Laufbahn, wirklich einen ähnlichen Ton versuchen.

Gerke, unter dem Namen Friedrich Clemens schreibend, sah seine, heut verschollenen Schriften gleichfalls durch das erwähnte Bundestagsverbot betroffen. Es gibt von ihm Romane – »Bei Nacht und Nebel«, – Tragödien, Novellen, Biographien und andere Schöpfungen – »Natürliche Klänge des Herzens an die Gottheit«, »Manifest der Vernunft« u. s. w. – Mehr Aufsehen machte und mehr poetische Kraft, trotz Verwilderung und sogar völliger Verschrobenheit, zeigt Braun von Braunthal, bekannter unter dem Namen Jean Charles, 1802-? –, in Trauerspielen, Gedichten, Novellen, Romanen, welche letztere zumal an widerwärtiger Nacktheit leiden, wie z. B. »Schöne Welt«, »Die Stimme des Bluts«, u. s. w. – Ludwig Starklos, ein Schriftsteller, dessen Leben und Geschick in ein seltsames Dunkel gehüllt sind, hat außer manchem Anderen, eine Erzählung, »Sirene, Eine Schlösser- und Höhlengeschichte«, geschrieben, welche Zeugniß von einem großen Talent ablegt und neben mancher Gesuchtheit und Uebertriebenheit, Partien von hohem und ächtem poetischem Reiz und von ergreifender Wirkung enthält. Unsere Literatur ist an solchen Schöpfungen nicht reich genug, um sie, wie es leider der »Sirene« passirt ist, der Vergessenheit verfallen zu lassen. – Ernst Willkomm, geboren 1810, hat sich aus der Krankhaftigkeit und Verzerrtheit seiner ersten Zeit – man sehe z. B. die beiden Romane »Die Europamüden« und »Weiße Sclaven«, – später aufgerafft. Seine »Grenzer, Narren und Lootsen«, sind aus dem gesunden Volksleben herausgeschrieben; andere Erzählungen dieses Genre's, wie vor allem »Die Stimme von Keitum«, genügen auch hohen Ansprüchen, und spätere Romane, »Rheder und Matrose«, »Die Familie Ammer«, u. s. w. zeugen von der erfreulichsten Selbstbefreiung und Weiterentwickelung dieses, jedenfalls hervorragenden Erzählertalents. – Alexander Jung, ein Königsberger, geboren 1799, ein Schriftsteller voll Geist, Originalität und von gründlicher Bildung, aber ohne hervorragendes dichterisches Talent, hat sich durch literarische und kulturhistorische Schriften – »Vorlesungen über die moderne Literatur der Deutschen«, »Charaktere, Charakteristiken und vermischte Schriften«, »Königsberg und die Königsberger« – bekannter und verdienter gemacht als durch seine Romane, wie »Der Bettler von St. James«, »Rosmarin«, und neuerdings »Darwin«. Letzterer, »ein komisch tragischer Roman«, ist bei Lichte besehen weder komisch, noch tragisch, noch ein Roman. Es ist vielmehr eine Streitschrift wider Darwin und die gesammte materialistische Richtung der Gegenwart, voll von, bis zum Fratzenhaften gesteigerter Künstelei, aber auch wiederum voll Geist, Originalität und Gediegenheit in den zahlreichen Exkursen auf die Gebiete der Literatur, der Kunst, des modernen Lebens und der modernen Gesellschaft. – Endlich nennen wir hier noch Hermann Marggraff, geboren zu Züllichan 1809, gestorben zu Leipzig, in Armuth, 1864. Auch er hat sich weniger durch seine Trauerspiele »Heinrich IV.«, »Das Täubchen von Amsterdam« –, seine Romane – »Fritz Beutel«, eine Persiflage des modernen allgemeinen Schwindels –, und seine, beiläufig gesagt, immerhin beachtenswerthen »Gedichte« ausgezeichnet, als durch seine tüchtigen literarischen Arbeiten: »Bücher und Menschen«, »Deutschlands jüngste Literatur- und Kulturepoche« einen guten Namen gesichert. Am bekanntesten wurde er durch die langjährige, liberale, humane, geistvolle und würdige Redaction der bekannten »Blätter für literarische Unterhaltung«.

An die Vorhergehenden möge sich hier noch ein Dichter anschließen, der freilich mit ihnen ebensowenig in irgend einem Zusammenhange steht, wie, bei Lichte besehen, überhaupt mit der Zeit und der Literatur – ganz einsam und für sich, eine Erscheinung von kaum näher zu bestimmender, düsterer, ja unheimlicher Größe und von titanenhafter, wilder und ungeschlachter Kraft. Das ist der unglückliche Christian Dietrich Grabbe, geboren zu Detmold 1801 und gestorben in Verkommenheit und schon beginnender Vergessenheit am 17. September 1836. Seine gewaltigen, an genialen Zügen reichen, aber bis ins Formlose und Ungeheuerliche gesteigerten Dramen, »Herzog Theodor von Gothland«, »Don Juan und Faust«, die beiden Hohenstaufentragödien, »Friedrich Barbarossa« und »Heinrich VI.«, »Napoleon, oder die hundert Tage«, »Hannibal«, »Die Hermannsschlacht«, – in welchen letzteren sich schon die abnehmende Kraft bemerklich macht, stehen in unserer Literatur völlig ohne Gleichen da. Das hie und da erscheinende Verwandte entbehrt nicht nur dieser Genialität, sondern auch dieser wilden und dennoch grandiosen Formlosigkeit. Und dennoch hat kaum ein anderer Neuerer, wie sein hochinteressanter Aufsatz, »Ueber die Shakespearomanie« erkennen läßt, eine tiefere Einsicht in das Wesen des Drama's und der dramatischen Kunst, in das, was unserem deutschen Drama fehlt und ihm gewonnen werden muß, sein eigen genannt als er, obgleich er selber freilich diesen Forderungen am wenigsten zu genügen vermochte. Auf das höchste angelegt und auf das reichste ausgestattet, wurde er doch seines geistigen Reichthums ebenso wenig jemals Herr, wie er sein menschliches und irdisches Theil zu zügeln vermochte. Zwischen den huldvollen Feen, welche seine Wiege umstanden, fehlte diejenige, ohne deren Gunst es in uns keine harmonische Einigung der Gaben gibt und kein Zusammenwirken derselben zu erhoffen ist. So mußte er an der Zeit, die ihn nicht zu verstehen und zu würdigen wußte, und an sich selbst, der sich nicht zu zügeln vermochte, – rettungslos zu Grunde gehen.

49.

Die eigentlich und wirklich dichterischen Talente, welche wir unter den bisher Angeführten vermissen, treten uns zuerst desto glänzender und zugleich überraschender von einer Seite entgegen, woher man sie im Grunde am allerwenigsten erwartet hatte – d. i. aus Oesterreich-Ungarn. Oesterreich war, wie wir schon früher bemerkten, der großen deutschen Literaturentwickelung wenig zugänglich geworden, und der Character der Behaglichkeit und Gemüthlichkeit, des munteren Lebens- und Kunstgenusses, im Verein mit jenem durchaus achtungswerthen Lokalpatriotismus, der sein besonderes Vaterland lieb hat und sich wohl in ihm fühlt und an dem angestammten Herrscherhause weniger mit Ehrfurcht als mit herzlicher Vertraulichkeit hängt, – dieser Character des Oesterreichers und zumal Wieners, sagen wir, der von der isolirenden und applanirenden Staatskunst Metternichs obendarein ausdrücklich gepflegt und gehütet wurde, schien einem Aufschwunge des Geistes und einem Eintritt in die großen Interessen des Zeitalters wenig günstig zu sein. Die österreichischen Dichter, welche wir oben kennen lernten, erhoben sich, mit Ausnahme des einzigen Raimund, selten oder nie über die niedrigen Gattungen der Poesie. – Aber auch in den höheren trat nichts Namhaftes hervor. Ladislaw Pyrker von Felfö-Eör, der Erzbischof von Erlau, 1772 bis 1847, hatte epische Gedichte, die »Tunisias« und »Rudolfias«, geschrieben, welche freilich als Meisterwerke gefeiert wurden und durch formelle Vollendung und schöne Diction sich wirklich auszeichneten, während sie jetzt, wir können nicht sagen: mit Unrecht, völlig verschollen sind. Nicht anders steht es mit dem Deutsch-Böhmen Karl Egon Ebert, geb. 1891, von dem es schätzenswerthe Balladen und Romanzen und ein Nationalepos »Wlasta« gibt. Und dann war Grillparzer mit seinem wahrhaft großen und schönen Talent gekommen, gleichfalls jedoch, ohne sich über die engen Verhältnisse und den Druck der Gegenwart aufschwingen zu können.

Aber wir haben gleichfalls schon früher, darauf hingewiesen, wie Oesterreichs Zurückhaltung und die ihm auferlegte Abgeschlossenheit die nicht zu unterschätzende gute Folge gehabt hatte, daß seiner Literatur und seinem Leben nicht wenige von den Verirrungen und Ausschreitungen erspart wurden, welche während der zehner und zwanziger Jahre im großen Deutschland so viel Unheil angerichtet hatten. Zwar Grillparzer war mit seiner »Ahnfrau« in die Literatur Deutschlands hinausgetreten und grade einer ihrer verderblichsten Richtungen verfallen. Und gleich ihm hatte sich auch Josef Christian, Freiherr von Zedlitz, 1790-1862, mit seiner ersten großen Tragödie »Turturel« den Schicksalsdichtern angeschlossen und war in den folgenden Arbeiten Calderons Vorbilde gefolgt, bis er sich erst in seinem bekanntesten, Tasso feiernden Stücke, »Kerker und Krone«, von dieser Richtung frei zu machen wußte. Aber grade dieser Dichter erhob sich, kurz vor der Julirevolution schon aus das überraschendste, in den canzonenartigen »Todtenkränzen«, weit über die Alltagsliederpoesie. Er führt uns mit sich an die Gräber der Glücklichen und Unglücklichen, der gestürzten und der unvergänglichen Größen, hier zu Wallenstein und Napoleon, dort zu Romeo und Julia, zu Petrarca und Laura und zu Tasso und Byron, zu Josef II. und zu Shakespeare, überall die ernsten Trauer- oder duftvollen Weihekränze niederlegend. Hier ist Empfindung, hier ist Schwung, und es überrascht uns eine seltene Höhe und Freiheit der Welt- und Lebensanschauung, während die Sprache melodisch und die Form eine fast durchweg schöne ist.

Um vieles geringer sind seine »Gedichte«, von denen sich nur einzelne, wie z. B. die bekannte »Nächtliche Heerschau«, über das Mittelgute erheben. Dagegen gehört sein späteres Märchen »Waldfräulein« zu den anmuthigsten Dichtungen der neueren Zeit, – eine überaus glückliche Vermittelung zwischen der »mondbeglänzten Zaubernacht« der Romantik, und der Innigkeit und Naivetät, der Frische und dem Duft, der ächten und schönen, wirklichen und lebensvollen Natur.

Aber die Schwingungen des neuen Lebens und des, mächtig über den Horizont heraufflammenden jungen Lichtes pflanzten sich unwiderstehlich auch über die verschlossenen Grenzen und in die – so muß man wohl sagen! – versiegelten Geister Oesterreichs fort und trugen zwei Dichter empor, in deren Poesie der Kampf des Alten mit dem Neuen, der Finsterniß mit dem Licht wirklich gekämpft wird – ernst, aber heiter, siegesgewiß und im Glauben an die Zukunft von dem einen; düster, voll bitterer Zweifel und finsterer Vertrauenslosigkeit von dem anderen. Dies ist Anastasius Grün und Nikolaus Lenau, in denen wir zuerst ein paar wirkliche, volle und ganze Dichter der neuen Zeit anzuerkennen und zu feiern haben.

Anastasius Grün – mit seinem wirklichen Namen Graf Anton Alexander Maria von Auersperg – wurde am 11. April 1806 zu Laibach in Krain geboren. Seine Ernennung zum Kammerherrn in den dreißiger Jahren zog ihm die schonungslosen Angriffe der damaligen politischen jungen Heißsporne zu. 1848 saß er im Fünfzigerausschuß und nahm darauf als Abgeordneter eine kurze Zeit lang seinen Sitz in der Paulskirche ein. Von der Zeit an verschwand er aus dem öffentlichen Leben, und ebenso verstummte auch der Dichter fortan beinah ganz, nachdem seine Poesie sich überhaupt nur zu wenigen, aber meistens freilich desto schöneren und eigenartigeren Blüthen entfaltet hatte.

Anastasius Grün kann als der Hauptvertreter der modernen Gedanken- und Reflexionspoesie aufgefaßt werden: die Gedanken gehen in hoher Flut und die Reflexion feiert nie, sondern breitet sich überallhin aus. Aber ein Vorwurf für den Dichter oder etwas wie eine Verkleinerung seines Talents kann hierdurch nicht begründet, soll hiermit nicht versucht werden. Denn was wir bei Grün vor uns haben, sind die Gedanken und die Reflexion, um uns kurz auszudrücken, nicht eines Denkers, sondern vielmehr des Dichters, in welchem auch die Phantasie schafft und die Begeisterung in reiner Flamme aufschlägt, in welchem auch die Empfindung immer lebendig bleibt und sich so alles vereint findet und im innigsten Zusammenhange zeigt, was den Dichter von höherem Beruf auszeichnet.

Der Kern und der Grundton der Grün'schen Dichtung ist die Freiheit. Sie sucht er in der Vergangenheit auf, für sie kämpft er in der Gegenwart, auf ihren Sieg hofft und ihren Sieg verkündet er uns jubelnd für die Zukunft:

»Freiheit ist die große Losung, deren Klang durchjaucht die Welt!«

Daß bei solcher Höhe der Anschauung, vor einer solchen Aufgabe und einem solchen Ziel, die Persönlichkeit zurücktritt, das eigene Loos, das Leid und Glück des kleinen engen Lebens verschwindet, braucht nicht erklärt zu werden. Die Lyrik, insofern wir darunter hauptsächlich die Empfindungspoesie und das Lied verstehen, ist dieses Dichters Gebiet nicht. Sein erstes Buch, »Blätter der Liebe«, ging ziemlich spurlos vorüber, und auch unter den später gesammelten »Gedichten« finden wir verhältnißmäßig nur Weniges, das Grüns Dichtergröße auch hier bestätigt. Unter diesen Wenigen freilich finden sich dann wieder einzelne der glänzendsten Perlen unserer Poesie, so das zarte Gedicht: »Die Mannesthräne«, oder »Der letzte Dichter« mit dem schönen, von dem tiefen und reinen Verständniß Grüns für die Poesie und ihr Wesen zeugenden Schlußverse:

»Und singend einst und jubelnd
Durch's alte Erdenhaus
Zieht mit dem letzten Dichter
Der letzte Mensch hinaus.«

oder das ergreifende, »Das Blatt im Buche«:

»Ich hab' eine alte Muhme,
Die ein altes Büchlein hat.
Es liegt in dem alten Buche
Ein altes dürres Blatt.

»So dürr sind wohl auch die Hände,
Die einst im Lenz ihr's gepflückt.
Was mag doch die Alte haben –
Sie weint, so oft sie's erblickt.«

Um vieles höher erhebt der Dichter sich schon in seinem zweiten Werk, »Der letzte Ritter«, einem »Romanzenkranz«, in welchem er vom Kaiser Maximilian und seiner Zeit singt, dieser Zeit, in welcher sich ein ähnlicher Kampf des Alten mit dem Neuen vollzog, wie der Dichter ihn in der Gegenwart vor sich fand. – Mit der nächsten Dichtung – »Spaziergänge eines Wiener Poeten« –, welche anonym erschienen, tritt Grün aus der Vergangenheit in die Gegenwart, aus der Allegorie in die Wirklichkeit herüber. Hier beginnt er den Kampf für den Fortschritt und die Freiheit auf allen Gebieten des geistigen und sittlichen, des öffentlichen und socialen Lebens und führt ihn mit bewunderungswürdiger Kraft, mit glänzendem Muth, mit mächtigem Schwung, in gewaltiger, zuweilen nur gar zu bilderreicher Sprache – freilich einstweilen noch hauptsächlich nur für sein Oesterreich, aber darum nicht minder zündend und überwältigend auch für das weitere Deutschland. Und noch ein Schritt weiter – hier führte jeder aufwärts! – und der Dichter stand auf seiner Höhe: in seiner reichsten und vollendetsten Dichtung, »Schutt«, verläßt er das engere Vaterland und wendet sich der ganzen Menschheit zu. Ueber den Trümmern und dem Schutt der Gegenwart und über ihrer Nacht erhebt sich der stolze Bau der glücklichen Zukunft und das Licht des neuen Tags. Schwert und Kreuz sind begraben, und da sie einmal wieder gefunden werden, kennt niemand sie mehr. Diese Dichtung in ihren vier Abtheilungen: »Der Thurm am Strande«, »Eine Fensterscheibe«, »Cincinnatus«, »Fünf Ostern«, – steht in unserer Poesie fast einzig da und wird stets zu den gedanken- und empfindungsvollsten, den tiefsinnigsten und erhabensten Schöpfungen des deutschen Dichtergeistes gerechnet werden müssen. Folgende Probe möge dafür zeugen.

Ihr, denen in die Hände ward gegeben.

Ihr, denen in die Hände ward gegeben,
Wenn sich's die Händ' etwa nicht selbst genommen,
Das Recht, zu schalten über Menschenleben,
Kennt ihr des Menschenlebens Sinn und Frommen?

Ich rath' euch, wallt aus eurer goldnen Klause
Einmal hinaus in Frühlings-Sonnenblicke,
Doch laßt mir sein den Doktorhut zu Hause,
Die grüne Brille, Codex und Perücke.

Und wenn, von all dem Licht und Glanz entborget,
Ein leiser Abglanz schlich in eure Seele,
Dann ist es Zeit, dann weilet nicht und sorget,
Daß Flinte, Beil und Messer auch nicht fehle.

Seht dort den Rosenstrauch im Duftmeer fluten!
Das Messer her, vom Stamme ihn zu trennen! –.
Er liegt im Staub und scheint nun zu verbluten
Aus so viel Wunden als da Knospen brennen.

Seht ihr die Lerche hoch im Frühroth schimmern?
Das Feuerrohr herbei und streckt sie nieder! –
Vor euch im Rasengrün mit leisem Wimmern
Versiegt die holde Quelle süßer Lieder.

Seht dort der Linde Haupt die Wolken grüßen!
Die Axt herbei, den Stamm ihr zu zerklüften! –
Da liegt die Riesenleiche euch zu Füßen.
Ihr Sterberöcheln ist ein süßes Düften.

Und will euch Wehmuth nun ins Herz, so lenket
Heimwärts den Pfad und nehmt auf eurer Schwelle
Den Säugling aus der Gattin Arm und senket
Eu'r sinnend Haupt zu seiner Lockenhelle.

Und denkt des Baums, zerspellt zu todten Trümmern,
Und denkt der Knosp', erblaßt im Todesbeben,
Und denkt des Liedes, aufgelöst in Wimmern;
Und ahnt es leise, was ein Menschenleben.

In seinen späteren, nach langen Pausen erscheinenden Werken, den »Nibelungen im Frack«, und dem »Pfaffen vom Kahlenberge«, tritt der Dichter von dieser Höhe herab: sie sind beide ziemlich eindruckslos vorübergegangen, ob sie auch in einzelnen Zügen, in schönen Bildern und trefflichen Schilderungen des Dichters noch immer völlig würdig sind. – Auch eine Uebersetzung krain'scher Volkslieder und einen Romanzencyclus, »Robin Hood«, nach englischen Volksliedern, hat Grün in späteren Jahren erscheinen lassen.

Nikolaus Lenau, mit seinem vollen Namen: Nikolaus Niembsch Edler von Strehlenau, wurde 1802 in Ungarn, unweit Temesvar geboren. Nach langen, vielfachen Studien, gelangte er auf einer Reise nach Stuttgart und fand im Kreise der schwäbischen Dichter die freundlichste Aufnahme. Aber die Ruhe war ihm schon damals abhanden gekommen. Es trieb ihn fort nach Amerika und von dort alsbald wieder heim in die alte ersehnte deutsche Heimat, wo inzwischen seine Gedichte erschienen waren und sein Ruhm sich glänzend erhoben hatte. Und die Ruhe fand sich nicht wieder. Es folgte während der folgenden Jahre ein stetes Hin- und Herziehen, ein Leben ohne Plan, ohne Beruf und ohne Halt, bis im Jahre 1844 der Wahnsinn den Unglücklichen überfiel. Erst sechs Jahre später, am 22. August 1850, wurde er von seinen Leiden erlöst.

Es gibt Darstellungen von Lenau's Leben und Erinnerungen seiner Freunde an ihn in nicht geringer Zahl ( Schurz, »Lenau's Leben«, – Karl Mayer, »Briefe und Erinnerungen« u. s. w.), allein etwas Erschöpfendes ist uns nicht geboten worden, und eine volle Aufklärung dieses Menschen- und Lebensräthsels finden wir nicht. Wir ahnen – denn in dieser Natur und diesem Leben begegnen uns allerwärts und immerdar neue Geheimnisse, welche alles wirkliche »Wissen« ausschließen! – wir ahnen, daß diese Natur, von früh auf eine gefährdete, sich auch von früh auf am Leben zerrieb; wir ahnen, daß Lenau, wie Faust, durch das Wissen zu der Erkenntniß geführt war, wie »wir nichts wissen können«, und daß diese Erkenntniß ihm »schier das Herz verbrannte«. Wir ahnen, oder vielmehr, hier sehen wir es leider deutlich genug, daß ihm, der so gern vertrauen wollte, das Vertrauen zum Leben, zum Glück, zu sich selbst verloren gegangen war, und daß in ihm, den alles zum Glauben drängte, dieser Glaube durch den Zweifel aufgehoben und zerstört wurde. Wir wissen ihn endlich in den späteren Jahren von Verhältnissen umdrängt, denen seine sein organisirte, nervös überreizte und längst bis in ihre Grundfesten erschütterte Natur nicht gewachsen war, aus welchen er sich nur durch einen Gewaltstreich zu retten wußte – um – rettungslos ins volle Verderben zu stürzen. – So lichtet es sich hier, so lichtet es sich da, allein das Ganze ruht trotzdem, wie wir schon sagten, im tiefen und schier unheimlichen Dunkel. Lenau's Erscheinung ist eine durchaus und zwar hochtragische, und die Schlußkatastrophe, – dieser jähe Sturz von der gewaltsam eroberten freien Höhe, aus der ersehnten Ruhe und dem erträumten Glück, aus dem freundlichen jungen Licht in die endlose Nacht, – ist selbst dichterisch angeschaut, eine der furchtbarsten und ergreifendsten, denen jemals ein Menschenleben unterlegen ist.

»Wenn's mir einst im Herzen modert,
Wenn der Dichtkunst kühne Flammen
Und der Liebe Brand verlodert, –
Tod, dann brich den Leib zusammen!

»Brich ihn schnell, nicht langsam wühle,
Deinen Sänger laß entschweben,
Düngen nicht das Feld dem Leben
Mit der Asche der Gefühle!«

So hat er gesungen und gefleht, und so – wurde es ihm nicht gewährt.

Unter unseren neueren Lyrikern ist Lenau einer der bedeutendsten und vor allem originalsten – er ist bis in den Kern seines Wesens und bis auf den Grund seines Herzens ein Mensch und Dichter der neueren Zeit und ohne irgend welchen Zusammenhang mit dem abgestorbenen und absterbenden Alten. Der stete Kampf des ruhlosen, zersetzenden Gedankens mit der Tiefe und Innigkeit der Empfindung; die Belebung und Beseelung der Natur durch sein eigenes düsteres und krankes, von Schmerz zerrissenes Leben, durch seine eigene bange und trauervolle, sterbensmüde Seele; die Abspiegelung dieses ganzen, eigenen Selbst in seiner gesammten Umgebung, in jeder Aeußerung: – das ist es, was zumal seinen Naturbildern, die darum auch zugleich immer Stimmungsbilder im höchsten Sinne des Wortes sind, den eigenartigen Reiz verleiht und ihnen einen Einfluß auf unser Gemüth und unsere Stimmung sichert, dem sich kaum jemand zu entziehen vermag. Wir finden unter ihnen manche, die, natürlich stets von dem eben angeführten Gesichtspunkt aus, zu dem besten gehören, was in Deutschland gedichtet worden ist. – Nicht anders ist es in denen, wo der Dichter nur mit sich selbst verkehrt und uns statt der Natur, sein Herz und den Schmerz und den Kampf seines Inneren enthüllt. – Nun aber gibt es noch eine andere Klasse von Gedichten und zwar meistens auch wieder Naturbilder, in denen wir nichts von jener vorhin erwähnten Uebertragung oder Abspiegelung des Lenau'schen Selbst entdecken. Hier gleicht vielmehr die äußere Natur der inneren des Dichters von vornherein, sie stimmt mit ihr überein und kommt ihr ungefordert entgegen. Und da erst ist Lenau an seinem rechten Platz und erst da erhebt sein Talent sich in einer Energie und Originalität, welche in unserer Poesie kaum ihres Gleichen haben. Da breitet sich die weite öde Pußta aus, der Wind fliegt rauh über sie hin und der Himmel hängt schwer und düster herab; da fliegt der Schlitten durch die stürmische Winternacht hin, durch den schneebeladenen Kiefernforst, und die keuchenden Rosse entreißen euch kaum den Rudeln der heulenden Wölfe; da grüßen wir die Zigeuner, welche sich in glückseliger Faulheit in der freundlichen Sonne strecken und dehnen, oder wir lauschen ihren wilden, berauschenden Weisen in der Heideschenke, zwischen den kecken Räubern und ihren flinken Dirnen, wo der schlaue Werber sich seine Husaren fängt – das ist ein Leben voll Wildheit und Düsterheit, voll finsterem Trotz und grimmiger Entschlossenheit, voll dämonischer Lust und unbesieglichem Haß. Da weichen die Trauer und der Schmerz zurück, – sie sind viel zu weich und zu civilisirt in dieser Umgebung und zwischen diesen Menschen! – Und während der Dichter draußen in seiner civilisirten Welt oft, wo ein Anblick nicht zu ertragen ist, »vor's Aug' die Hände schlagen« möchte, und wünscht, daß so auch »das Herz dem Licht entfliehen« könnte, »beim Anblick, der es bricht«, – so haben ihm hier die Zigeuner gelehrt –

– »Wenn das Leben uns nachtet,
Wie man's verraucht, verschläft, vergeigt,
Und es dreimal verachtet.

Hier stimmt alles überein und finden wir alles im vollendeten Einklang, die Natur und die Menschen, die landschaftliche Färbung und die Stimmung, und selbst die Sprache und der Ausdruck, die uns anderwärts nicht selten durch eine gewisse Ueberladung, Formlosigkeit und Sperrigkeit stören, gehören hier zum Ganzen.

Lenau's größere Dichtungen sind »Faust«, »Savonarola«, »Die Albigenser« und ein, in seinem Nachlasse veröffentlichtes Fragment »Don Juan«. Sie alle entbehren, im Großen und Ganzen betrachtet, der künstlerischen Einheit; sie sind Abdrücke der inneren Zerrissenheit ihres Dichters und spiegeln überall den Kampf wieder zwischen Geistigem und Sinnlichem, zwischen Glauben und Zweifel, Wahrheit und Irrthum, der in ihm selber rastlos weiter gefochten wurde und dennoch niemals zum Austrag kam. An einzelnen prächtigen Stellen, an wundervollen Naturschilderungen, an glänzenden und berauschenden Ausbrüchen einer glühenden Sinnlichkeit, an wildem und düsterem Leben sind sie reich, aber der Eindruck im Allgemeinen und häufig auch grade in dem erwähnten Einzelnen ist weniger ein erhebender, als vielmehr ein niederdrückender und unheimlicher. Denn sie zeigen uns in ihrer Steigerung und Ueberreiztheit nur allzudeutlich, wie dieser Geist und diese Natur auch ohne den Drang äußerer Verhältnisse sich aufrieben und aufreiben mußten.

Als Dritter gesellt sich zu diesen beiden Koryphäen der Ungar Karl Beck, geb. 1817, ein ächter Dichter von reicher, aber häufig freilich ungezügelter Phantasie, von großem, aber sich auch überstürzendem Schwung, von wunderbarer Prägnanz und Gewalt des Ausdrucks, aber auch bei Gelegenheit der Phrase verfallend, von ungestümem Freiheitsdrang, der sich jedoch keineswegs unzügelbar erweist, – mit einem Wort: ein wirkliches und großes Talent, aber kein reifes. So finden wir es in seinen Schriften: »Nächte, gepanzerte Lieder«, »Der fahrende Poet«, »Stille Lieder«, in der größeren Dichtung, »Janko, der Roßhirt«, mit schönen Bildern aus der Heimat des Dichters, endlich in den ausgesprochen socialistischen »Liedern vom armen Mann«. Die späteren, »Monatsrosen«, »Aus der Heimat«, »Still und bewegt«, enthalten noch manches Schöne, ermangeln aber im Allgemeinen der Frische und Ursprünglichkeit, welche den früheren Gedichten, trotz ihrer gelegentlichen Regellosigkeit hauptsächlich ihre vielen Freunde gewann.

Hieher ist auch, als ein Dichter, vorzüglich ein Dramatiker, welcher in dieser Zeit zuerst bekannt und zugleich berühmt wurde, Friedrich Halm, mit seinem wirklichen Namen Eligius Franz Josef, Freiher von Münch-Bellinghausen, geboren 1806, gestorben 1871, zu nennen. Sein Drama »Griseldis«, das im Jahre 1835 zuerst auf dem Hofburgtheater zu Wien aufgeführt wurde, erregte einen Beifall und ein Aufsehen, die in Deutschland völlig unerhört waren. Ein Dichter ersten Ranges schien aufgetreten zu sein, der Regenerator des Drama's, und die Hoffnungen, die man an ihn knüpfte, waren schwindelnde. Nach einigen anderen Stücken fand »Der Sohn der Wildniß« den gleichen Beifall. Allein schon er fiel in eine zerstreutere, der harmlosen Bühnenschwärmerei wenig günstige Zeit, und »Der Fechter von Ravenna«, der zwanzig Jahre nach der »Griseldis«, aus einer Grille des Dichters zuerst anonym erschien, wäre, obgleich Halms bestes, oder doch kräftigstes Stück, wahrscheinlich verhältnißmäßig unbeachtet geblieben, hätte nicht ein bairischer Schulmeister, Franz Bacherl, dasselbe für eine Art von Plagiat seiner »Cherusker in Rom« erklärt und dadurch einen furchtbaren Lärm erregt, eine Behauptung und ein Vorwurf, die selbstverständlich nicht stichhaltig waren und nach der ersten Verblüfftheit nur Lachen erregen konnten. Von den späteren Arbeiten nennen wir nur das auch heute noch beliebte Stück »Wildfeuer«. Halms Dramen sind, unparteiisch betrachtet, dichterisch reich ausgestattet, ja enthalten nicht selten Partien von wirklicher und großer Schönheit, wie sie denn überhaupt formell das größte Lob verdienen. In Ansehung des Gehalts und des dramatischen Ausbau's aber sind sie schwach und, wie z. B. die beiden zuerst genannten, wenig mehr als willkürliche und unerquickliche Gefühlsexperimente. – Halm hat auch Gedichte geschrieben – wer kennt nicht das bekannte: »Mein Herz, ich will dich fragen – Was ist denn Liebe, sag'?« –, die mehr künstlich als poetisch sind. In seinen uns bekannt gewordenen Novellen endlich ist und bleibt er, ob einzelne auch erst dreißig oder vierzig Jahre später entstanden, ganz und gar der Erzähler der zwanziger Jahre, und haben diese Arbeiten für uns nur noch, als Musterstücke jener Zeit und Richtung, einen literarhistorischen Werth.

Außer den genannten traten zu dieser Zeit oder wenig später in Oesterreich zahlreiche andere Dichter hervor, welche, ob sich auch unter ihnen grade keine bedeutenden Talente finden, durch manche Schöpfungen dennoch die Aufmerksamkeit auch außerhalb ihrer engeren Heimat auf sich lenkten und sich einen geachteten Namen zu erhalten wußten. Zu nennen sind der fleißige und glückliche Balladendichter Johann Nepomuk Vogl, 1802 bis 1866, – wer kennt nicht sein, fast zum Volksliede gewordenes Gedicht: »Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand« –? – und der warme und innige Johann Gabriel Seidl, † 1806, der Dichter des »Gott erhalte Franz den Kaiser«. Ritter von Leitner, ein kräftiger, gemüth- und poesievoller Steiermärker; Josef Emanuel Hilscher, 1806-1837; der auch durch dramatische Versuche bekannt gewordene Hermann Rollet; der gleichfalls auch im novellistischen und dramatischen Fach verdienstliche, wackere Schleswig-Holstein-Kämpfer Uffo Horn, geb. 1815; die beiden Ritter Heinrich von Levitschnigg, 1810-1862, und Adolf von Tachabuschnigg, geb. 1809; Ludwig August Frankl, geb. 1810; Johann Rudolf Hirsch; Ludwig Foglar; der den Jungdeutschen nachstrebende, gewandte und sinnige, aber auch künstelnde K. F. Dräxler Manfred, geb. zu Lemberg 1806; die Dramatiker J. L. Deinhardstein, 1794-1859, Verfasser des bekannten Stückes »Hans Sachs«, der Lustspieldichter E. von Bauernfeld, geb. 1802 (»Bürgerlich und romantisch«), und der kräftige Otto Prechtler. Endlich die beiden nach Deutschland übergesiedelten, der schon früher genannte Karl Herloßsohn, 1802-1849, Herausgeber der Leipziger Zeitschrift »Comet« und Verfasser guter Romane und Erzählungen – »Der Venetianer«, »Der letzte Taborit«, »Scherben« u. s. w. – und Eduard Duller 1809-1853, dessen Zeitschrift, »Der Phönix«, für die Entwickelung der neuen Literatur in den Rheinlanden von großer Bedeutung wurde; seine zahlreichen Erzählungen und historischen Romane – »Kronen und Ketten«, »Kaiser und Papst« u. s. w. sind auch heut noch durchaus schätzenswerth.

50.

Die Bewegung, welche mit dem Jahre 1830 angehoben hatte, beschränkte sich, wie wir schon gesehen haben, keineswegs auf einzelne Gebiete und einzelne Stände. Sie breitete sich überall hin aus und erfaßte alle, ob es selbstverständlich auch noch immer genug einzelne Regionen gab, an denen sie einstweilen vorüberschlüpfte, und Menschen im Ueberfluß, die sich nach Kräften gegen sie wehrten. Vorzüglich aber machte sie sich im realen und practischen Leben selber geltend. Der langen stumpfen oder melancholischen Ruhe folgte eine, nicht selten fast fieberhafte Unruhe; alles rührte sich und strebte aus seinen engen Kreisen hinaus; mit dem alten Stoffe war niemand mehr zufrieden, sondern durchsuchte nach neuem die Nähe und Ferne und strebte sich mit der Gegenwart in allen ihren Regionen und Erscheinungen vertraut zu machen. Man hatte lange genug auf den idealen Höhen geweilt und wollte sich nun auch einmal in den Tiefen umschauen. Das Reich der Kunst war allerwärts durchschwärmt und durchforscht; wie sah es denn eigentlich im Reiche der Natur und im öffentlichen socialen Leben aus? – Die Reisebeschreibungen, die Reisebilder, -Skizzen, -Novellen und was noch sonst hieher gehört, begegnen uns fortan in wachsender Zahl.

Eine glänzende und originelle, für jene Zeit und Literatur höchst bezeichnende Erscheinung ist Fürst Hermann von Pückler-Muskau, 1785 bis 1871, dessen »Briefe eines Verstorbenen«, »Semilasso's vorletzter Weltgang«, »Semilasso in Afrika«, »Tutti Frutti« u. s .w. von 1830 an mit einer Art von athemlosem Erstaunen und dem außerordentlichsten Beifall aufgenommen und verschlungen wurden. Diese Darstellungen, Schilderungen, Plaudereien waren von einer solchen Leichtigkeit und Beweglichkeit, von so viel Eleganz und so pikant, so feinsinnig und voll so viel Freigeisterei, so offenherzig, bis zur Rücksichtslosigkeit über alle Welt, aber auch über ihren Schreiber selbst, so geistvoll, so gutmüthig und so boshaft, wie man bisher in Deutschland noch nichts Aehnliches kennen gelernt hatte. Dazu gesellte sich die Persönlichkeit des Reisenden, welche stets im Vordergrunde stand, ein hoher Herr von durchweg französischer Schulung und mit englischen Sympathien, ein liberaler Fürst und menschenfreundlicher Herr, ein Mann der pikanten Opposition und ein vornehmer Mann, der auf der Höhe des Lebens, dasselbe spielend beherrschte, unnahbar für alles Niedere, aber wohlwollend demselben zuweilen die Hand schüttelnd, ohne dadurch »tangirt« zu werden, geschweige denn sich etwas zu vergeben. So gibt er sich, so plaudert er, in bequemem Selbstbewußtsein und lächelndem Selbstgenügen, nun französisch, dann englisch oder türkisch oder mit klassischen Citaten, für seine Standeskreise in erster Linie, in zweiter aber auch für all' die guten Leute, welche befähigt sind, ihn zu verstehen und zu würdigen. So fand er, wie gesagt, außerordentlich viel Beifall und sehr viele Nachahmer und Nacheiferer; so über dem Leben zu stehen, so mit demselben zu spielen, so den Schaum abzuschöpfen, mit so viel vornehmer Leichtigkeit und Sicherheit jeden Widerstand abzuweisen und jeden Einspruch abzulehnen, – das war etwas, das den Menschen und den jungen ehrgeizigen Schriftstellern ausnehmend imponirte und ihnen ungemein begehrenswerth erschien. Es war nur bös, daß was dem Aristokraten von Hause aus zu eigen, angeboren und anerzogen war, von seinen Nachahmern mit Mühe erlernt und künstlich ausgebildet werden mußte. Woher es denn auch kommt, daß Pücklers originelle, aber für ihn gewissermaßen natürliche Weise, sein Ton und seine Miene, in den sich an ihn anlehnenden Schriften, wie in denen der Jungdeutschen, so häufig in Ziererei, in Grimasse und Anmaßung umschlägt. – Pücklers spätere Schriften: »Der Vorläufer«, »Aus Mehmed Ali's Reich«, u. s .w. trafen in eine Zeit, welche über sie und ihren Verfasser hinausgewachsen war, und wurden durch die Wiederholung der alten Weise und die erneuerte Abspiegelung der längst bekannten Persönlichkeit einfach langweilig. – Neuerdings hat Ludmilla Assing den literarischen Nachlaß des Fürsten herauszugeben begonnen, der gegenwärtig, wie es scheint, aber wie es freilich auch vorauszusetzen war, völlig eindruckslos vorübergeht.

Nur des Gegensatzes wegen wollen wir hier der zugleich geistreichen und gründlichen Schilderungen von I. G. Kohl, geb. 1808, gedenken, welche wie – »Petersburg in Bildern und Skizzen«, »Reisen in Südrußland«, »Hundert Tage auf Reisen in den österreichischen Staaten« u. s. w. – etwa gleichzeitig oder wenig später erschienen, und mit hohem Interesse und großer Aufmerksamkeit aufgenommen wurden. Als ein weiterer möge sich K. F. v. Rumohr anschließen, 1785-1843, Verfasser der verschiedenartigsten Schriften, »Italienische Forschungen«, »Reise in die Lombardei«, »Geist der Kochkunst«, »Schule der Höflichkeit«, »Novellen« u. s. w., überall voll Geist, Einsicht und Geschmack.

Allein auch in der belletristischen Literatur machte sich der Trieb zur Ferne und ihren Wundern während dieser Jahre alsbald immer bemerkbarer, und zwar strebte man nicht mehr bloß den längst bekannten Reise- und Poesie-Zielen, Italien, England und Frankreich nebst einem bischen Griechenland und Türkei zu, und begnügte sich auch nicht mehr mit Rückerts und seiner Schüler geliebtem Orient, sondern schwang sich, weit über's Meer hinüber, in die neue Welt, aus welcher Cooper soeben erst seine glänzenden Lebens-, Land- und See-Schilderungen herüber zu schicken begonnen hatte.

Hier begegnen uns die Romane von Charles Sealsfield, welche vom Anfang der dreißiger Jahre an erschienen und einen desto fesselndem Reiz ausübten, als auch der genannte Name ihres Verfassers erst später bekannt und damit überdies das Geheimniß, welches seine Persönlichkeit um. hüllte, noch keineswegs gelüftet wurde. Erst seit Kurzem weiß man, daß der Verfasser ursprünglich Karl Postel hieß, 1794 bei Znaim geboren wurde, eine Zeit lang im Kloster weilte, demselben entfliehend, sich nach Amerika wandte und, nach seiner Rückkehr, in der Schweiz, zuletzt bei Solothurn, lebte. Er starb 1864. Schon seine ersten Romane, »Der Legitime und die Republikaner«, und »Der Virey und die Aristokraten«, wandten ihm die allgemeine Aufmerksamkeit zu, und diese wurde durch die folgenden, »Transatlantische Reiseskizzen«, »Lebensbilder aus der westlichen Hemisphäre«, »Lebensbilder aus den beiden Hemisphären«, stets gesteigert. Selbst bei seinen letzten Werken, »Deutsch-amerikanische Wahlverwandtschaften« (unvollendet), »Kajütenbuch«, »Süden und Norden« blieb sie trotz der vollständig veränderten Zeit unvermindert. Und mit vollem Recht, denn ein geistiges Nachlassen zeigt sich in ihnen nirgends, ja das »Kajütenbuch« steht in keiner Richtung einer von den übrigen Schöpfungen nach. Charles Sealsfield ist ein Talent höchsten Ranges und steht als Charakter-, Sitten- und Naturmaler fast unerreicht da. Die Kraft der Gestaltung, die Pracht und Anschaulichkeit der Schilderungen, die Tiefe der Menschen- und Herzenskenntniß, die wahrhaft geniale Einsicht in die politischen, socialen und Kulturverhältnisse, sind fast ohne Gleichen. Dabei sind seine Darstellung und seine Sprache allerdings alles eher als ebenmäßig und künstlerisch maßvoll, aber von fortreißender Gewalt, von fesselndem Reiz, von Wildheit und Keckheit, von wunderbarer Frische, voll ruhiger, fast nüchterner Klarheit und hochpoetischem Schwung – mit einem Wort stets und ganz, wie es das Dargestellte, der Charakter, die Situation, das Lokal, die Natur, verlangen. Den gewöhnlichen Maßstab der Kunst und Kritik darf man an diese Werke kaum anlegen: sie brechen allerwärts über ihn hinaus. Der Genius beansprucht und behauptet eben stets sein eigen Maß, sein eigen Recht und eröffnet sich seine eigenen Bahnen.

Einer seiner nächsten Nachfolger ist Theodor Mügge, 1806-1861, in seinen trefflichen Romanen, »Der Chevalier«, und »Toussaint«, welche uns nach Hayti, in die große Negerrevolution versetzen. »Die Vendnerin« liefert nicht weniger glänzende Schilderungen aus der französischen Revolutionszeit; in den späteren, »Der Voigt von Silt«, »Afraja«, »Erich Randal« u. s. w. folgen wir dem Verfasser in den Norden. Auch Mügge besitzt alles, was den ausgezeichneten Erzähler macht. Seine Gestaltungskraft und sein Schilderungstalent sind hochbedeutend, seine Charakterzeichnung ist voll Mark und Schärfe und daneben von überraschender Leichtigkeit und Ungesuchtheit; seine Erfindungsgabe versagt nirgends; und da seine Arbeiten sich stets auf die gründlichste Geschichts- und Lokalkenntniß stützen, gleichviel ob er diese letzteren, wie in den nordischen Romanen, durch eigene Anschauung gewonnen oder nur seinen gewissenhaften Studien verdankt, so sind seine Romane nicht bloß Zeit- und Charakter-, sondern auch getragen von einer ausnahmslos vorzüglichen, klaren und gewandten Darstellung, Lebens-, Sitten- und Landschaftsbilder von großer Anschaulichkeit, von überzeugender Wahrheit und lebenswarmem Reiz. Daß Mügge's Talent ein großes und zwar ein ächt dichterisches ist, zeigt sich überall; aber verglichen mit demjenigen Sealfield's, erscheint es bei weitem zahmer oder, richtiger vielleicht, civilisirter, indem seine ursprüngliche Frische und Kraft durch den im modernen deutschen Kulturleben geschulten Geist in Zügel gehalten und in geordnete Bahnen gelenkt wird.

Ein Autor von unerhörter Fruchtbarkeit, von überraschender Schaffenslust und Schaffensleichtigkeit und von einer gradezu einzigen, bis an seinen Tod sich erhaltenden Frische, ist Friedrich Gerstäcker, 1816-1872, der sich hier füglich anschließt, da seine ersten Werke, »Streif- und Jagdzüge durch die vereinigten Staaten«, »Die Regulatoren in Arkansas«, »Die Flußpiraten des Mississipi« u. s. w. schon zu Anfang der vierziger Jahre erschienen und die Gunst des Publikums im Sturm eroberten. Es gibt von da an wenige Jahre – und zwar jedesmal nur die Wanderzeiten Gerstäckers – welche nicht ein oder ein paar neue umfangreiche Werke und daneben noch zahlreiche kleinere Erzählungen entstehen ließen, und es gibt zumal in der neuen Welt drüben kaum eine Region, welche der Verfasser nicht einmal heimgesucht und von der er uns nicht erzählt hätte. – »Gold«, »Die Kolonie«, »Die Blauen und Gelben«, »Unter den Penchuenchen« u. s. w. aus Amerika; »Die Missionäre«, »Im Busch«, »Tahiti«, »Die beiden Sträflinge«, u. s. w. aus der Südsee und von Australien; – »Unter dem Aequator«, aus Java u. s. w. Das sind nur so einzelne von diesen größeren Werken, und zu ihnen gesellen sich dann eine gradezu unglaubliche Zahl von Erzählungen – »Hüben und Drüben«, »Heimliche und unheimliche Geschichten«, »Hell und dunkel« u. s. w. – Märchen, Kindergeschichten, wirkliche Reisebeschreibungen, endlich auch die anonym erschienenen, meisterlichen, ja völlig einzig dastehenden »Gardinenpredigten der seligen Frau Kandel«. – Mag man über diese, wiederholentlich gesagt, unerhörte Fruchtbarkeit erstaunen und mag die Kritik hie und da auch ein wenig geringschätzig die Achseln gezuckt haben, so darf man sich doch in seinem Urtheile über Gerstäcker nicht irre machen lassen. Gerstäckers Talent als Erzähler ist ein unleugbar sehr bedeutendes. Ein Dichter ist er freilich nicht, sondern ganz und gar der Mann der That und stets auf dem Boden der Wirklichkeit, stets mitten im wirklichen und zwar ausdrücklich praktischen Leben, das er selber nach allen Richtungen hin, als Matrose, als Jäger und Waldläufer, als Flußschiffer, als Goldgräber u. s. w. probirt hat. So gibt er uns auch stets das Leben und die Wirklichkeit, die Menschen und die Natur wieder, voll Wahrheit, Anschaulichkeit und Gegenwärtigkeit, unverbrüchlich treu und mit einer, nicht selten an Naivetät grenzenden Unbefangenheit, ohne freilich sich grade zu höheren Gesichtspunkten zu erheben und ohne Steigerung, aber auch ohne Beschönigung oder Schwarzfärberei: Seine Anschauung und Auffassung sind durchweg gesund, seine Darstellung ist die leichteste und ungezwungenste von der Welt, voll Leben und Bewegung, seine Schilderung und Zeichnung flüchtig, aber derb und sicher. Und wie viel Gemüth und Empfindung uns auch aus seinen Schriften gelegentlich anspricht, so athmet uns doch meistens eine ausnehmend behagliche und zufriedene, gute Laune entgegen, die sich mit dem Leben verträgt, wie es ist, nicht schwer an ihm trägt und selten oder nie durch tiefsinnige Grübeleien und weitläufige Reflexionen unterbrochen und gestört wird. – Gerstäcker hat auf unsere Literatur einen überaus wohlthätigen Einfluß geübt. Seine Schriften bildeten und bilden ein heilsames Gegengift gegen die Unnatur und die Uebertreibungen aller Art, welche seit den fünfziger Jahren sich mehr und mehr wieder in der Literatur wie im Leben breit zu machen und den guten Geschmack zu ruiniren begannen.

Von den übrigen, sämmtlich einer späteren und der neuesten Zeit angehörenden Nachfolgern auf diesem Gebiet des sogenannten »exotischen Romans«, Balduin Möllhausen, August Strubberg, der unter dem Pseudonym Armand schrieb, Otto Ruppius, Hans Wachenhusen, und wer sich sonst hier noch anschließt, genügt es hier nur die Namen anzuführen. Einzelne Werke, wie »Der Meerkönig« von Möllhausen, »Bis in die Wildniß« von Armand, »Der Pedlar« von Ruppius, »Rom und Sahara« von Wachenhusen u. s. w. haben mit Recht vielen Beifall gefunden und in ihren Verfassern höchst beachtenswerthe Talente erkennen lassen, ohne jedoch im Grunde neue Bahnen zu eröffnen oder neue Ziele zu zeigen. Von dem letzteren, Hans Wachenhusen, muß indessen bemerkt werden, daß er neuerdings auch auf dem Gebiete des modernen Sensations- und Salon-Romans mehr als ein Werk geliefert hat, welches sich den besten dieser Gattung anschließt, und daneben Kriegsberichte zu schreiben verstand, welche durch Gründlichkeit und brillante Darstellung unter den zahlreichen, von Anderen veröffentlichten ähnlichen Mittheilungen einen der ersten Plätze behaupten.

51.

Der »Salon-Roman«, dessen wir eben erwähnten, ist aber ein Kind grade dieser Zeit und verdankt seine Entstehung deutlicher fast als irgend eine andere neuere Literaturgattung, ausländischen, d. i. französischen Einflüssen. Bald nach der Julirevolution fingen in Frankreich die genialen Romane der Dudevant-Sand an zu erscheinen. Sie wurden in Deutschland zumal von der Aristokratie auf das beifälligste aufgenommen, obgleich manche ihrer Tendenzen für diesen Stand grade am allerwenigsten angethan schienen, und riefen alsbald nachahmende Versuche hervor.

Gräfin Ida Hahn-Hahn, geboren 1805, eine Tochter jenes bekannten alten mecklenburgischen Grafen, welcher durch eine krankhafte Leidenschaft für das Theater sein Vermögen ruinirte, und verheirathet mit einem Verwandten, von dem sie sich nach höchst unglücklicher Ehe wieder trennte, ergab sich einem rastlosen Reiseleben, »um für ihr heißes, wundes Herz« Kühlung und Heilung in der Welt zu suchen, und veröffentlichte von der Mitte der Dreißiger Jahre an Romane, Gedichte und Reiseschilderungen, von denen besonders die ersteren ihre Verfasserin allsogleich zu einer Berühmtheit und zu einer der gefeiertsten Schriftstellerinnen der neueren Zeit machten. An die – wir müssen es schon wiederholen! – Genialität der Sand'schen Romane reichen die Werke der Hahn allerdings bei weitem nicht hinan, sei es auch nur in Folge der grundverschiedenen Standpunkte und Gesichtskreise der beiden Schriftstellerinnen; trotzdem sind sie Zeugnisse eines originellen und hervorragenden Talents. »Aus der Gesellschaft«, »Faustine«, »Der Rechte«, »Ulrich«, »Cecil«, »Sigismund Forster« u. s. w. sind Bilder von capriciöser Anmuth und nachlässiger Sicherheit aus den exclusivsten Kreisen der Aristokratie, voll von oft blendendem Glanz und einem eigenartigen Parfüm, und zwar sophistische, aber zuweilen hinreißende Plaidoyers für die Rechte des Herzens, der Liebe und der – Damen. Wie eng diese Sphäre sein mag und wie einseitig die Verfasserin obendrein ihre Stoffe auffaßt und behandelt – in dieser Enge und Einseitigkeit ist sie unleugbar groß. Ihre Darstellung und ihre Sprache harmoniren mit allem Uebrigen vollständig: die erstere ist capriciös und nachläßig, aber voll Leben und Eleganz, und die letztere, reich an Fremdwörtern und undeutschen Wendungen, ist trotzdem als ächter Salon-Jargon ganz am Platz und ganz im Recht. Nachdem die Gräfin 1850 zum Katholizismus übertrat, hat sie, in Mainz lebend, eine lange Reihe von katholisirenden Schriften, auch Romane ausgehen lassen – »Von Babylon nach Jerusalem«, »Unsrer lieben Frau«, »Maria Regina«, »Doralice« u. s. w., welche für das Ansehen der Schriftstellerin und für die Literatur gleich bedeutungslos geblieben sind.

Nahe an die Hahn, auch der Zeit nach, schließt sich Ida von Düringsfeld, geboren 1815 in Schlesien, verheirathet mit dem gleichfalls als Schriftsteller bekannten Baron Otto von Reinsberg, in den Gedichten und ersten Romanen, »Schloß Goczyn«, »Graf Chala« u. s. w. Höher steht sie in späteren historischen und Literatur-Romanen, und einzelne ihrer Novellen, von denen wir hier nur der dalmatischen »Milena« gedenken, sind abgesehen von der nicht selten rauhen und ungefügen Sprache, von überraschender Tiefe, Wärme und Kraft. – Andere Werke, wie »Von der Schelde bis zur Maas«, Bilder aus dem vlamländischen Literaturleben, Reisebilder »Aus Dalmatien«, und manche mit ihrem Gatten im Verein gearbeitete Werke, Sprichwörtersammlungen, Sitten- und Festgebräuche und was dergleichen mehr ist, zeugen von großem Sammlerfleiß und gewissenhafter Sorgfalt.

Die Schriftstellerin Therese – geborene v. Struve (zu Stuttgart 1804), verheirathet mit dem russischen Generalkonsul v. Bacharacht, gestorben als Gattin des holländischen Obersten von Lützow auf Java 1852, stellt sich in ihren sauber geschriebenen Romanen, »Weltglück«, »Lydia«, »Falkenberg« u. s. w. gleichfalls hieher, nur daß ihr Standpunkt insofern ein höherer und ihr Gesichtskreis ein weiterer ist, als sie jenseits der aristokratischen Atmosphäre auch noch ein freieres Leben und vor allem die Natur ins Auge faßt. Wie beachtenswerth aber diese Schriften auch sein mögen, so sind sie doch keineswegs von der Bedeutung, die ihnen eine Zeitlang, unter dem Eindruck der liebenswürdigen Persönlichkeit ihrer Verfasserin, in der Kritik beigelegt zu werden pflegte.

Weit bedeutender als die genannten Schriftstellerinnen, ein Talent von außerordentlichem Glanz, ungemeiner Beweglichkeit und als Erzähler einer der vorzüglichsten, welche Deutschland jemals kennen gelernt hat, ist Alexander von Sternberg, aus Esthland stammend, aber meistens in Deutschland lebend, 1806-1866. Doch verdient er dies Lob nur in seiner früheren Periode, wo weniger seine Literaturromane »Lessing«, »Molière«, als der ausgezeichnete »Saint Sylvan«, die hübschen »Kallenfels«, »Georgette«, vor allem aber »Diana«, und andere, sowie manche seiner kleineren Erzählungen den, durchaus verdienten, lebhaftesten Beifall fanden – Arbeiten voll Geist und glänzender Phantasie, voll Eleganz und Grazie, voll Wärme, Frische und Leben, und durchweht von wirklicher Poesie. Hierauf folgte eine Reihe von, im Einzelnen vielleicht immer noch trefflichen, aber im Ganzen unerquicklichen reactionären Romanen, Erzählungen und Zeitbildern, die er später gewissermaßen desavouirte. Darauf kamen, nachdem er sich schon in seiner frühsten Zeit in diesem Genre versucht – »Schiffersagen«, »Fortunat«, »Palmyra« u. s. w. – neue phantastische Geschichten und Märchen, »Tutu«, »Braune Märchen«, von, nicht selten fast erschreckender Frivolität, und endlich schloß er mit den Memoirenromanen »Elisabeth Charlotte« und »Dorothea von Kurland«, in denen sich bereits eine betrübende Abnahme seiner alten Frische und Kraft spüren läßt.

Endlich läßt sich hier noch allenfalls der Ostpreuße Rudolf von Keudell anführen, der in mehreren Romanen und Novellen – »Außerhalb der Gesellschaft«, »Bergan« u. s. w. im Kunstenthusiasmus schwelgt, formlos und barok, und dennoch unleugbar mit Geist und Originalität.

Von anderen zahlreichen Schriftstellern, welche, sei es in größeren Werken, sei es in Journal-Artikeln und -Erzählungen, in den gleichen Ton einstimmten, dürfen wir füglich schweigen. Es war ein Geschlecht, das sich in den Hüften wiegend, seine Salonfähigkeit pries, sich einer, beiläufig gesagt, ziemlich fadenscheinigen Modekupfer-Eleganz befleißigte und nach Kräften geistreich zu plaudern versuchte. Dahin gehört z. B. der »viel umirrende« Königsberger August Lewald, 1792-1871, Schauspieler, Regisseur, Redacteur der Zeitschrift »Europa«, durch welche er wirklich mehr als einem jungen Talent förderlich wurde, Verfasser von Bildern, Skizzen, Kritiken, Reiseschilderungen, Märchen, Novellen, Theater- und ultramontanen Romanen und der Himmel weiß, wovon noch sonst. Da existirte ein Herr Wilhelm von Chezy, der allerhand unterhaltende und »pikante« Stücklein und Sonstiges schrieb, die jungen »Cavaliere« mit einem Büchlein über »Die sechs nabeln Passionen« beglückte und unsres Wissens damit endete, daß er in seinen Lebenserinnerungen seine, freilich abenteuerliche, Mutter mit »geistvoller« Ungenirtheit in den Staub zog. Und so gab es noch diesen und den, welche ihrer Zeit durch Vielrednerei, durch unstörbare Dreistigkeit, durch Erzählerroutine und glatten Stil einen augenblicklichen Eindruck machten. Heutzutage weiß niemand mehr von ihnen und ihre Namen lassen sich selbst in den Conversations-Lexiken nicht mehr auffinden.

52.

Einen Uebergang von dem eigentlichen Salon-Roman zu den gut deutschen, schlichten Erzählungen bilden die sogenannten historischen, gleichfalls in den aristokratischen Cirkeln sich bewegenden und alles Niedere und Rohe vornehm zurückweisenden Renaissance-Romane von Henriette Paalzow, 1788 bis 1847, einer Schwester des tüchtigen Berliner Malers Wilhelm Wach. »Godwie Castle«, »St. Roche«, »Thomas Thyrnau«, »Jakob von der Nees«, versetzten die Damen- und besonders die Mädchenwelt in Entzücken. Ihre Darstellung und Sprache sind von einer gewissen vornehmen Sauberkeit, aber auch wie ihre Schilderung und Zeichnung häufig von einer ziemlich unleidlichen Prätension. Zu zeichnen und zu gestalten, zu schildern versteht die Paalzow freilich und zwar nicht selten vortrefflich, nur beeinträchtigt auch hier die erwähnte saubere und maßvolle Vornehmheit gar zu leicht das innere, warme Leben. Am übelsten ist es aber, daß ihr historischer Gesichtskreis ein recht enger und ihre historische und Lebensanschauung bei Lichte besehen aus ihrer »vornehmen« oder gar poetischen Höhe zu einer merkwürdig beschränkten und sogar hausbackenen herabsinkt.

Frau von Knorring, eine Schwester Ludwig Tiecks, schrieb außer manchem Unbedeutenden, einen Roman »St. Evremont«, der mit Unrecht vergessen worden ist. Es ist ein Zeit- und Lebensbild von großer Anschaulichkeit und seiner Charakterzeichnung, von trefflicher Darstellung, kurz ein guter deutscher Roman im besten Sinne des Worts. Außerdem gehören hieher auch noch verdienstliche Romane von Wilhelmine Sostmann und Henriette von Bissing.

Eine grundtüchtige, hocherfreuliche und ächt deutsche Erscheinung ist Heinrich König von Fulda, 1790-1870, der mit gründlichen Kenntnissen und reicher Lebenserfahrung ausgerüstet, voll tiefer Herzens- und Menschenkenntnis und vor allem voll edler und reifer Humanität, uns eine Reihe von historischen Romanen und Lebensbildern geschenkt hat, welche unserer Literatur zur hohen Zierde gereichen. Seine Werke, »Die hohe Braut«, »Die Clubisten in Mainz«, »König Jerome's Carneval« stehen auf der Höhe des historischen und Zeit-Romans, und besonders die beiden letzteren, deren Schauplatz der engern Heimat des Dichters angehört und deren Begebenheiten und Menschen gewissermaßen noch seinem eigenen Zeitalter angehören, spiegeln uns dies alles mit einer Anschaulichkeit und Wahrheit wieder, welche diese Compositionen zum vollen und warmen, eigenen Leben erwachen lassen. – »Die Waldenser«, ins Mittelalter zurückführend, und »Williams Dichten und Trachten«, dessen Träger Shakespeare ist, zeichnen sich nicht bloß durch die Treue des historischen Colorits, sondern auch durch die Gestaltungskraft aus, welche uns die Menschen von damals greifbar und bis in ihre tiefsten Seelenregungen erkennbar entgegentreten läßt. Nicht minder sind auch die Novellen, »Regina, Eine Herzensgeschichte«, und »Veronika«, ja selbst die kleineren, von denen König trotz seiner langsamen Arbeit allmälig eine ziemliche Zahl geschaffen hat, von hohem Werth durch psychologische Tiefe und künstlerische Entwickelung. Was man König allenfalls zum Vorwurf machen kann, ist eben diese eher zu große, als zu geringe Tiefe und Gründlichkeit in der Durchforschung, Begründung und Darlegung des inneren Lebens. Sie beeinträchtigt nicht die Wahrheit desselben, aber zuweilen den raschen und lebenswarmen Fortgang sowohl der Handlung im Großen und Ganzen, als auch dieses inneren Lebens im Besonderen, und verleiht seinen Compositionen eine gewisse Schwere, welche einem reinen Eindruck auf den Leser nicht günstig sein kann.

Von besonderer oder gar allzu großer Tiefe ist übrigens die deutsche Dichtung während dieser Jahre im Allgemeinen ebenso weit entfernt, wie zu jeder anderen Zeit, und es sind im Grunde nur wenige Einzelne, welche sich in dieser Richtung von der großen Menge trennen und ihre eigenen Wege verfolgen.

Hier wollen wir vor allen Julius Mosen nennen, der im Jahre 1803 im sächsischen Voigtlande geboren, längere Zeit der Beamtencarriere treu blieb, bis er 1845 als Dramaturg an das Hoftheater zu Oldenburg berufen wurde. Daselbst ist er 1867, von langem, traurigem Leiden aufgerieben, gestorben. – Er hat sich auf den meisten Gebieten versucht und überall Hervorragendes geleistet. Seine beiden epischen Dichtungen, »Das Lied vom Ritter Wahn«, und »Ahasver«, sind reich an dichterischen Schönheiten, nur daß im Großen und Ganzen der Denker in beiden den Dichter überwiegt und die Poesie an der Allegorie zu Grunde geht. Auch seine Dramen, »Wendelin und Helene«, »Cola Rienzi«, »Heinrich der Finkler«, »Kaiser Otto III.«, »Bernhard von Weimar«, u. s. w. verdienen die wärmste Anerkennung als wackere, technisch bedeutende und poesievolle Leistungen, während sie uns jedoch meistens das eigentlich dramatische Leben vermissen lassen. Die Novellen, »Georg Venlot«, »Die blaue Blume«, u. s. w. sind Nachklänge der Romantik, und sein historischer Roman, »Der Kongreß von Verona«, ist durch einzelne Charakterbilder interessant, leidet jedoch im Allgemeinen an bedenklich greller Färbung und an einer, von Mosen überraschenden, Unebenmäßigkeit. Als Lyriker endlich und in seinen Balladen erscheint Mosen uns als ächter Dichter und auf der Höhe seines Talents, und wird stets zwischen unseren Besten zu nennen sein. Sein »Andreas Hofer« – »Zu Mantua in Banden«, sein »Trompeter an der Katzbach«, »Heinrich der Löwe«, vor allem aber jenes vollendet schöne Polenlied, »Die letzten Zehn vom vierten Regiment«, treffen uns wie ächte Volkslieder.

Brennende Liebe.

In meinem Garten lachet
Manch Blümlein klar und roth,
Vor allen aber machet
Die brennende Liebe mir Noth.

Wohin ich mich nur wende,
Steht auch die helle Blum!
Es glühet sonder Ende
Die brennende Liebe ringsum.

Brauch ihrer nicht zu warten,
Sie sprießet Tag und Nacht?
Wer hat mir doch zum Garten
Die brennende Liebe gebracht?

Die schlimmen Nachbarinnen,
Die bleiben neidvoll stehn,
Und flüstern: ach, da drinnen
Blüht brennende Liebe so schön.

Es schließt sich eine Gruppe von drei Dichtern an, deren Hauptwerke nicht der Natur- und Empfindungs-, sondern der didactischen, kurz gesagt, der Gedankenpoesie angehören. Voran steht der tiefsinnige, aber formlose Leopold Schefer zu Muskau, 1784-1862, der weder durch seine, übrigens gemüthstiefen und als glückliche Naturbilder ansprechenden Gedichte, noch durch seine seltsam verworrenen und verwirrenden Novellen und Romane – »Gräfin Ulfeld« –, irgend einen Einfluß zu gewinnen verstand, desto mehr Aufsehen aber durch sein, auf pantheistischer und optimistischer Weltanschauung beruhendes »Laienbrevier« machte, ein Product voll tiefer Uebereinstimmung des Natur- und Gemüthslebens, voll unleugbar großer und warmer Innigkeit und zugleich eines hohen, sittlichen und männlichen Ernstes. – Friedrich von Sallet, 1812-1842, ein preußischer Offizier, offenbart in seinen Dichtungen einen hohen und festen Charakter, die edelste Gesinnung und ein unermüdliches, ernstes Streben zur Höhe der Kunst, welches schon allein diesen Dichter vor vielen seiner Zeitgenossen und der Späteren auszeichnet. Sein »Laienevangelium« hat ihn am bekanntesten gemacht, doch dürfen wir hier wohl neben, ja vor demselben auf die Gedichte hinweisen, welche sich, nicht selten auch formell, weit über die Alltagspoesie erheben und auch den heutigen Lesern noch hohen Genuß gewähren werden. – Endlich Ernst von Feuchtersleben, 1806-1849, dessen am meisten bekanntes Werk, »Die Diätetik der Seele« ist. Von ihm gibt es auch einen »Geist deutscher Klassiker«, eine Blumenlese ihrer Gedanken, Maximen und Aussprüche, in deren Auswahl sich gleichfalls die Feinsinnigkeit und die Eigenartigkeit, aber auch Höhe seiner Welt- und Lebensanschauung offenbart. Sein schönes Gedicht »Es ist bestimmt in Gottes Rath«, ist bekanntlich fast zum Volksliede geworden.

Sehen wir uns weiter in der derzeitigen Literatur um, so finden wir einerseits noch genug Nachklänge des absterbenden Alten, wie ja denn die meisten Dichter, welche in den zwanziger Jahren geglänzt, auch jetzt noch immer thätig, ja zum Theil noch in kaum vermindertem Ansehen waren. Denn die alten Richtungen werden nicht ohne Weiteres aufgegeben, die alten Neigungen finden sich mit seltener Treue bewahrt, und wenn man die Literatur dieser Zeit durchmustert, so begegnet man noch manchen Erscheinungen und einem Geschmack, die von dem unaufhaltsam sich vollziehenden Fortschritt kaum etwas zu wissen, geschweige denn gelernt zu haben scheinen. Von Concessionen an die neue Zeit ist wenig die Rede. Man hält sich hier entweder entschieden zu den Früheren, wie Eduard von Bülow in seinen eigenen »Novellen« und in seinem »Novellenbuch«, einer Sammlung von Novellen aus dem Italienischen, Spanischen, Französischen, Deutschen u. s. w. ganz im Fahrwasser Tiecks und der Romantiker steuert, oder man wendet sich, statt der neudeutschen Fortschritts- und Bewegungsliteratur, einstweilen lieber der ausländischen zu, die grade zu dieser Zeit allerdings den reichsten Unterhaltungsstoff liefert, den Balzac, Paul de Kock, Eugene Sue, Alexander Dumas u. s. w. in Frankreich, den Amerikanern und Engländern Washington Irwing und Cooper, Bulwer und vor allen den Seeromanen Marryats, welche gradeswegs verschlungen werden, den – man war nicht wählerisch! – häuslichen Kamillentheegeschichten der Schwedin Friederike Bremer, den außerordentlich mäßigen Romanen und den unendlich kindlichen, süßlichen und ebenso unendlich prätensiösen Märchen und Bilderchen des Dänen H. Chr. Andersen, und was dergleichen mehr war. Um ein Beispiel aus Deutschland selbst anzuführen, wie bescheiden und conservativ dieser Geschmack war, wollen wir nur der Schauspiele der Prinzessin Amalie von Sachsen erwähnen, »Der Oheim«, »Der Landwirth«, »Der Majoratserbe« u. s. w., welche um ihrer unleugbaren Feinheit und Liebenswürdigkeit willen sehr, ja zärtlich geliebt wurden, während sie sich doch im Grunde nur wenig über die alten Iffland'schen Regionen erheben.

Andrerseits macht sich aber die neue Bewegung auch kräftig geltend, theils die Aelteren ergreifend und mit fortziehend, theils junge Talente hervorrufend. Die Literatur der dreißiger und vierziger vormärzlichen Jahre gewährt im Ganzen ein anziehendes und, trotz einzelner unerquicklicher Züge, erfreuliches Bild. Ueberall weht frische Luft und alles treibt rastlos vorwärts. An einem gewissen Suchen und Tasten fehlt es freilich noch nicht, aber es ist nicht mehr planlos. Vielmehr werden die neuen Ziele so gut, wie die neuen Wege immer sichtbarer, und die Natur und die Natürlichkeit gelangen immer entschiedener zur Herrschaft.

Da begegnet uns der feinsinnige, hochgebildete, durch seine kunstgeschichtlichen Arbeiten berühmte Franz Kugler, 1808-1858, mit Dramen und Novellen, die inzwischen allerdings verschollen sind, aber auch mit seinem schönen »Skizzenbuch« und den »Gedichten«, von denen nicht wenige uns stets Werth bleiben müssen. Wir gedenken hier nur des bekannten Liedes: »An der Saale frischem Strande«. – Neben ihm steht der liebenswürdige und humoristische August Kopisch, 1799-1853, mit seinen Gedichten und dem gestaltenreichen »Allerlei Geister«. Sein scherzhaftes Weinlied: »Als Noah aus dem Kasten war«, zählt zu unseren beliebtesten. – Eduard Ferrand, mit seinem wirklichen Namen E. Schulz, 1813-1842, schließt sich in seinen zarten, wehmüthigen »Gedichten« Eichendorff an, wozu sich indessen hin und wieder auch Heine'sche Anklänge gesellen. – Gustav Pfarrius, geb. 1800, dessen »Das Nahethal in Liedern«, und »Waldlieder« und »Gedichte« besonders sich durch hübsche Naturbilder auszeichnen. – Ein wenig später tritt Robert Reinick herzu, 1805-1852, ein Danziger, Maler, wie Kopisch, einer der anmuthigsten und liebenswürdigsten Dichter dieser vormärzlichen Zeit, voll Innigkeit, Heiterkeit und Harmlosigkeit, voll Humor und Schalkhaftigkeit. Bekannt sind seine »Lieder eines Malers mit Randzeichnungen seiner Freunde (der Düsseldorfer Maler)«. – Möge hier eine Probe aus seinen Gedichten stehen:

Keine Antwort.

Wenn im Frühling die Erd' erwacht,
Wie mag's ihr zu Muth wohl sein?
Und tritt ein Quell aus dunklem Schacht,
Was fällt ihm da wohl ein?

Die Rose, die sich über Nacht
Erschloß, was fällt ihr wohl ein?
Und wenn ein Mädchen zur Lieb' erwacht,
Wie mag's ihr ums Herze sein?

Ich fragte den Quell, die Rose dann,
Ich fragte die Erde drum;
Sie alle lachten mich selig an,
Und blieben doch alle stumm.

Und als mein Lieb ich auch gefragt,
Die sonst so vieles weiß.
Da hat auch sie kein Wort gesagt,
Und küßte mich still und heiß.

Eine Thräne rann ihr die Wange hin,
Selig schaute sie drein, –
Nun denk' ich so in meinem Sinn:
Soll das eine Antwort sein?

In Thüringen finden wir den glücklichen Balladensänger Adolf Bube, 1802-1873, und Ludwig Bechstein, 1801-1860, welcher weniger durch seine eigenen Schöpfungen – sehr beachtenswerthe »Gedichte«, die epischen Dichtungen, »Die Haimonskinder«, »Faustus«, verschiedene Romane und Novellen, unter denen die »Fahrten eines Musikanten« sich auszeichnen – bekannt geblieben ist, als durch sein treffliches »Märchenbuch« und seine verschiedenen Sagensammlungen. – Adolf Böttger, 1815-1870, hat in unendlich zahlreichen Dichtungen lyrischen, epischen, märchenhaften Genre's und in seinen Uebersetzungen ein schönes und stets fertiges, gewissermaßen improvisatorisches Talent gezeigt – alles ist glatt, sauber, voll Phantasie, Empfindung, Takt, Geschmack, aber ohne irgend einen tiefern Eindruck zu hinterlassen: man liest ihn gern, aber man kehrt nicht zu ihm zurück. – Wilhelm Wackernagel, als Germanist und Literaturforscher hochverdienstlich, war in Berlin 1806 geboren, lebte und lehrte aber in Basel, wo er auch 1869 starb. Von seinen zahlreichen Gedichten, die in verschiedenen Einzelsammlungen erschienen, haben wir neuerdings eine sehr sorgfältige Auswahl erhalten. Diese Dichtungen sind voll ungemeiner Frische und froher Lust, von tiefer Innigkeit, von hohem sittlichem Ernst und edelster Gesinnung. In der folgenden anmuthigen Probe müssen die Leserinnen sich die lateinischen Worte schon von den Brüdern und Söhnen erklären lassen:

Amara non amarum.

Hört's einer jetzt zum erstenmal,
Quam bellae sint puellae,
So singen wir es noch einmal:
Puellae quam sunt bellae!
Sie leuchten in das Herz hinein
So lieblich wie der Sonnenschein
Et sicut noctis stellae.

Wir trinken darum froh bewegt
Tot milia guttarum,
Weil unser Herz in jeden legt
Salutem amatarum;
Wir sprechen bis zum letzten Hauch:
Süß ist der Wein, doch scheint mir auch
Amare non amarum.

Der Baier Georg Scheuerlin, 1802-1872, ist ein ächter Dichter von großer Innigkeit und Zartheit, ohne darum jedoch überall der Kraft zu entbehren. In der Naturmalerei ist er glücklich und den Volksliederton trifft er zuweilen mit überraschender Sicherheit.

Der Vollständigkeit wegen möge sich eine Gruppe von frommen Sängern anschließen, welche, ob auch zum Theil schon früher beginnend oder auch in eine spätere Zeit fallend, dennoch als diesen Jahren angehörig betrachtet werden können. Als der älteste von ihnen muß zuerst G .F. A. Strauß, 1786 bis –? – genannt werden, dessen »Glockentöne« einen einigermaßen übertriebenen Beifall fanden. Viel bedeutender ist K. I. Ph. Spitta, 1801 bis 1859, der sich in zahlreichen Liedern seines bekannten »Psalter und Harfe«, als einen Dichter von Tiefe der Empfindung und sprachlichem Wohllaut bewährt. – Von Melchior von Diepenbrock, 1798-1852, dem Fürstbischof von Breslau, besitzen wir in seinem Buche »Geistlicher Blumenstrauß« nicht wenige schöne Lieder, ebenso von Guido Görres, 1805 bis 1852, einem Sohne des oben erwähnten Patrioten, Romantikers und Mystikers Joseph Görres. – Victor von Strauß, geb. 1808, veröffentlichte, außer Romanen und Tragödien, »Gedichte« und »Weltliches und Geistliches in Gedichten und Liedern«, in denen sich, abgesehen von einem pietistischen Zuge und gelegentlicher Unklarheit, manches tief Empfundene und Schätzbare findet. – Lebrecht Dreves endlich, 1816-1870 (?), verdient durch seine Innigkeit, durch sein tiefes Naturverständniß und durch die Melodie der Sprache einen ihm bisher kaum eingeräumten hohen Platz unter den neueren Dichtern.

Nach diesen mehr oder weniger bekannten und von Erfolg begleiteten Schriftstellern wollen wir eines Unglücklichen gedenken, der ein unzweifelhaft großes Talent, niemals zur frischen und glücklichen Entwickelung gelangte, vielmehr an seiner inneren Haltlosigkeit zu Grunde ging. Das ist Ernst Ortlepp, geboren 1800, gestorben in einem Chausseegraben bei Schulpforta 1864, den die Mitlebenden nach kurzer Aufmerksamkeit gleichgültig zur Seite schoben und vergaßen, und welchen die Literarhistoriker mit Schweigen übergehen. Trotzdem hat er in die neue Bewegung anfangs mit großer Kraft eingegriffen und Gedichte, wie das »Osterlied«, wie die »Polenlieder«, »Polens Sterbelied« u. s. w. sollten nicht ganz vergessen werden. Selbst in den neuen politischen Sturm nach 1840 sang er kräftig mit seinen »Liedern eines politischen Tagwächters« hinein. – Romane und Erzählungen von ihm, wie »Briefe eines Unglücklichen«, »Die Zerrissenen«, u. s. w. gehören jedenfalls zu den besseren ihrer Zeit, und seine Uebersetzungen von Shakespeare und Byron sind, sei es auch nur wiederum für ihre Zeit, durchweg verdienstlich. – Um ein weiteres Unrecht gut zu machen, sei auch eines Autors gedacht, der zu unseren witzigsten und geistvollsten gehört, des viel zu sehr unterschätzten und jetzt fast vergessenen Eduard Maria Oettinger, geb. 1808, gest. –?, dessen Romane, »Onkel Zebra«, »Jerome Napoleon und sein Capri« etc. zu den pikantesten und stoffreichsten jener Zeit gehören, und dessen bibliographische Werke – » Bibliographie bibliographique« und » Moniteur des Dates«, von ausgebreiteten Kenntnissen und immenser Belesenheit zeugen. – Und schließlich möge der verschollene Ernst Koch, 1808-1858, genannt werden, dessen phantastische Märchendichtung »Prinz Rosa Stramin« und einzelne Gedichte, den Untergang dieses nicht unbedeutenden Talents bedauern lassen.

An Dichterinnen fehlt es in diesen Jahren gleichfalls nicht. Adelheid von Stolterfoth, geb. 1800 zu Eisenach, zeigt in ihren »Rheinischen Liedern und Sagen«, eine gesunde Auffassung, eine beachtenswerthe Gestaltungskraft, ist aber nicht immer glücklich im Ausdruck und vernachlässigt allzuleicht die Form. – Louise von Plönnies, 1803-1872 (?), hat Phantasie und Empfindung, ist auch nicht ohne Talent der Schilderung, verfällt jedoch leicht in einen bänkelsängerischen Ton. In ihrer spätern Zeit verirrte sie sich zur Behandlung und Nachdichtung biblischer Stoffe, besonders der Psalmen. – Höher als diese beiden steht die Oesterreicherin Betty PaoliElisabeth Glueck – geboren zu Wien 1814 (? 1815), in den »Gedichten«, »Romanzero«, »Nach dem Gewitter«, »Neuen Gedichten«. Betty Paoli's Poesie ist eine lebenswarme und tiefempfundene, voll ungetrübter Reinheit und Klarheit, wozu sich eine formelle Vollendung gesellt, welche diese Gedichte nicht am wenigsten vor vielen ihres Gleichen auszeichnet. Ihre Liebeslieder, welche in der Sammlung »Nach dem Gewitter« unter dem Titel »Astern« stehen, gehören zu den besten dieser Gattung:

»Und wenn sie Alle dich verkennen,
So flieh' an deiner Freundin Herz;
Und wenn zu heiß die Wunden brennen,
So sprich mit mir von deinem Schmerz.

»Und will das Sprechen dir nicht taugen,
Dünkt dir das Wort ein leerer Tand,
So sieh mir schweigend in die Augen
Und weine still auf meine Hand.«

Hier sei auch ganz besonders Luise Hensel, geb. 1798, erwähnt als Dichterin schöner, vorwiegend frommer und geistlicher Lieder. Wer kennt nicht ihr Gedicht, »Müde bin ich, geh' zur Ruh'« –? – Einem sehr großen, energischen und durchaus originalen Talent begegnen wir in Annette Elisabeth, Freiin von Droste-Hülshoff, geboren 1797 auf Hülshoff bei Münster und gestorben 1848 am Bodensee bei ihrem Schwager, dem bekannten, gelehrten alten Herrn von Laßberg. Es ist in ihr und ihrer Poesie viel von dem Ernst und der Strenge ihrer westfälischen Heimat, deren geheimnißvollen Reize nicht den oberflächlichen Menschen, sondern nur den Geweihten sichtbar werden und sie für immer umfangen und fesseln. Ihre Poesie, nicht blendend und glänzend, aber voll Gehalt, voll tiefer Empfindung, aber ohne alle Weichlichkeit, voll Milde und Frömmigkeit, aber auch voll Kraft und Leben, voll Originalität und Anschaulichkeit im Ausdruck, wie in der Schilderung, – diese Poesie ist allerdings nicht für das große Publikum, wie denn auch die Gedichte der Droste niemals in weiteren Kreisen bekannt wurden, während jeder Freund und Kenner des Aechten sie stets hochhalten wird. In ihren Naturbildern von der Heide, und in den poetischen Erzählungen finden sich zahlreiche Stücke von bewunderungswürdiger Schönheit, und in den Liedern, welche unter dem Titel »Das geistliche Jahr« aus ihrem Nachlaß herausgegeben wurden, begegnet man einigen der schönsten und reinsten Perlen unserer ganzen Poesie.

53.

Wir gehen zu zwei Dichtern über, von denen der eine nicht bloß zu den hervorragendsten jener Zeit gerechnet werden muß, sondern auch in unserer Poesie überhaupt und bis auf den heutigen Tag einen ehrenvollen Platz behauptet, und deren zweiter, wenn auch weniger durch eigene Schöpfungen, auf die Entwickelung und Richtung der neueren Poesie und auf die Läuterung des poetischen Geschmacks einen Einfluß geübt hat, den wir ihm stets zu danken haben werden. Diese beiden sind die im Uebrigen freilich durch keine Aehnlichkeit einander nahe gestellten, gleichalterigen Franz von Gaudy und Karl Simrock.

Franz, Freiherr von Gaudy, geboren 1800 zu Frankfurt a. O., gestorben 1840, ist ein Talent von ungemeiner Leichtigkeit, Anmuth und Heiterkeit, von einem Anhauch französischen Esprits, ohne daß er darum jedoch des deutschen Gemüths und, wo es die Gelegenheit mit sich bringt, des deutschen Ernstes entbehrte. In seinen früheren Gedichten macht sich hin und wieder der Einfluß Heinrich Heine's bemerkbar, während er später gelegentlich wohl an Chamisso oder auch an Beranger erinnert, den er im Verein mit dem Ebengenannten durch treffliche Uebersetzungen nach Deutschland herüberführt und fortan auch in seiner eigenen Poesie nicht sowohl nachahmt als vielmehr bei uns wirklich vertritt, – er ist ihm verwandt an Geist, an Liebenswürdigkeit und Innigkeit, an Schalkhaftigkeit und an, niemals platter, sondern ausnahmslos graziöser Leichtfertigkeit. Dabei verleugnet er, wie wir schon sagten, den Deutschen nirgends, und eine unbefangene, durch keine Künstelei verunstaltete Natürlichkeit und die unverfälschte Wahrheit der Empfindung, seine, durch kein Vorurtheil getrübte, gesunde, für die Gegner oft scharfe Anschauung des Lebens und der Zeit, machen seine Gedichte uns lieb und flößen uns Achtung für ihn ein. Seine Einfachheit, Natürlichkeit und Gefühlswärme zeigt das Gedicht:

Nur fünf Jahre.

Ein schlankes Reh – Du zähltest kaum zwölf Jahre –
Hab' ich zum erstenmale Dich geschaut.
Ich strich Dir lächelnd aus der Stirn die Haare –
»Du« nannt' ich Dich, »mein Kind« und »kleine Braut«.

Ich brachte Zuckerwerk Dir mit zum Naschen,
Bemalte Bilder, bunten Kinderkram,
Du forschtest emsig, ob des Onkels Taschen
Von Gaben bauschten, wenn ich Abends kam.

Ich ging und kam, bin täglich wiederkommen,
Schalt, lobte Dich; – die Mandeln fehlten nie,
Erst lachend, lächelnd später angenommen–
So schwanden mir fünf Jahr', ich weiß nicht wie.

Und wieder stand ich mit der Zuckerdüte
Vor Dir – da war's als ob der Traum zerrann –
Ich sah verwirrt die Jungfrau, die erblüh'te,
Mitleidig Du mein grauend Haupthaar an.

Die Wang' erglüht' in heller Scham – die Mandeln
Entrollten meiner Hand. So alt – so blind! –
Was alles doch fünf Jahre können wandeln, –
Das Kind zur Jungfrau – und den Mann zum Kind.

In den »Kaiserliedern« feiert er Napoleon und seine alte Garde höher als irgend ein anderer deutscher Dichter, mit wahrer Liebe und Bewunderung, voll Phantasie, Tiefe der Empfindung, voll Kraft und Schönheit der Naturmalerei, des Ausdrucks und der Sprache. – Aber auch als Erzähler und Reiseschriftsteller darf Gaudy einen um vieles höheren Platz beanspruchen, als ihm unsere moderne Gleichgültigkeit oder selbstgefällige Vornehmthuerei gegen frühere Talente einzuräumen pflegt. Er hat Erfindung, er hat Compositions- und Darstellungstalent, und wenn er auch nicht tief ist, so ist er dafür fast immer desto natürlicher, anmuthiger und geschmackvoller. Dazu gesellt sich in seinen Reiseschilderungen eine Kunsteinsicht, welche, ohne alle, Gaudy überhaupt fremde Prätension auftretend und ohne alles Dociren, den Leser seinen Schilderungen und Mittheilungen gern folgen läßt. Kurz, dieser Dichter muß den Heutigen ins Gedächtniß zurückgerufen werden und verdient vor manchen der Damaligen und Gegenwärtigen ihnen lieb zu bleiben.

Karl Simrock, geboren am 28. August 1802 zu Bonn, wurde durch ein Gedicht auf die Julirevolution, »Drei Tage und drei Farben« mißliebig und aus dem Staatsdienst entfernt, bis er erst 1850 eine Professur der deutschen Literatur an der Universität seiner Vaterstadt erhielt. Er wirkt noch heute rüstig fort und hat 1870 auch seinen Beitrag zur Kriegs-Poesie geliefert. – Als Lyriker ist er von untergeordneter Bedeutung, steht jedoch als Epiker auf einer hohen Stufe. An der altdeutschen Poesie herangebildet und eingelebt in dieselbe, wie kaum ein Anderer, hat er vor allem durch seine trefflichen Uebersetzungen der alten Meisterwerke, der Nibelungen, der Gudrun, des Parcival, der Lieder Walthers von der Vogelweide u. s. w., sowie durch neue Ausgaben der »Volksbücher« und älterer Dichterwerke – Logau's Sinngedichte – sich das hohe Verdienst erworben, daß er unsere alte große Literatur aus den gelehrten Forscherkreisen erlöste, gewissermaßen popularisirte und auch für die moderne Poesie wiedergewann. Es sind nicht nur manche junge Talente ihm auf die neueröffneten Wege gefolgt, sondern es ist auch unsere neuere Dichtung überhaupt seitdem unverkennbar durch den gesunden Geist der alten beeinflußt, erfrischt und belebt worden. Daß ihn selber dieser Geist erfüllt hat, zeigen nicht wenige der »Rheinsagen«, vor allem aber sein Meisterwerk und eines unserer besten epischen Gedichte, »Wieland, der Schmied«, eine Dichtung voll bewundernswerther Plastik, von Großartigkeit und zugleich Frische in der Anlage sogut, wie in der Ausführung, und in einzelnen Zügen voll überraschender Naivetät und eines derben, aber ansprechenden Humors. Dazu kommt eine Kraft und Schönheit der Sprache und eine Meisterschaft in der Handhabung der alten Nibelungenstrophe, welche dieser Dichtung den Vorrang vor allen ihres Gleichen sichern und uns veranlassen müssen, ihr ihren Platz unter den Schätzen unserer Poesie anzuweisen.

Es begegnen uns wiederum zwei Dichter, welche schnell aufeinanderfolgend, alsbald, ob auch in verschiedenen Kreisen, zu einem Ansehen gelangten und mit einer Begeisterung gefeiert wurden, von denen es in der Geschichte unserer Literatur nur wenige Beispiele gibt. Ihrer inneren Verwandtschaft wegen stellen wir auch sie nicht zusammen, denn eine solche findet sich zwischen ihnen nicht. Im Gegentheil gehen ihre Richtungen entschieden auseinander, wie auch ihre ursprüngliche Anlage und Begabung fast entgegengesetzte sind. Aber der Dichtergenius erfüllt den einen wie den anderen und offenbart sich in den Schöpfungen Beider mit der gleichen Kraft und dem gleichen Glanz. Diese beiden Dichter sind Ferdinand Freiligrath, der Sproß der »rothen Erde«, geboren zu Detmold am 17. Juni 1810, und Emanuel Geibel, wie Goethe der Sohn einer alten Reichsstadt, geboren zu Lübeck, am 18. October 1815.

Ferdinand Freiligrath hatte sich anfangs dem Handelsstande gewidmet und in Amsterdam schon früh Gelegenheit gefunden, den Weltverkehr zu belauschen und sein Auge über die engen Grenzen der Heimat in die weitesten Fernen hinausschweifen zu lassen. Hernach, als seine Beiträge zu Chamisso's und Schwabs Musenalmanach schon seinen Ruhm begründet hatten und die erste Ausgabe seiner Gedichte, 1838, seinen Namen plötzlich durch ganz Deutschland hin bekannt und zu einem der gefeiertsten der Neuzeit machte, widmete er sich ganz der Dichtkunst und lebte am Rhein ein frisches, frohes Dichterleben. Die politische Bewegung, welche in den vierziger Jahren, die Geschichtsverdreher mögen sagen, was sie wollen, das ganze Leben durchdrang und fast alle unsere Besten und Tüchtigsten mit fortzog, ergriff auch ihn und rauschte durch die Saiten seiner Leier, bis die Stürme der Jahre 1848 und 1849 ihn wiederum gleich vielen Anderen, in die Ferne trieben und ihn in England ein Asyl zu suchen zwangen. Von dort kehrte er erst 1868 wieder nach Deutschland zurück, und genießt hier unter uns, verehrt und geliebt wie wenige, in wohlverdienter Ruhe seinen Lebensabend – nicht verstummt und nicht gealtert. Denn was er 1870 gesungen hat, behauptet nicht nur in der damaligen Kriegspoesie den nur mit wenigen Anderen getheilten ersten Platz, sondern gehört auch zu dem Vollendetsten und Größten, was ihm selber jemals entströmte.

Wenn wir Freiligraths Poesie als eine wesentlich beschreibende charakterisiren, so müssen wir wohl einräumen, daß es die vollendetste ist, die wir bisher gehabt haben. Weil sie sich unmittelbar an das äußere Leben und gewissermaßen zwar stets an das gegenwärtige anschließt, so sind auch diese Dichtungen selber voll eines warm pulsirenden, raschen und kräftigen, oft ungestümen und gewaltigen Lebens; weil sie nicht in der Heimat säumt, sondern über alle Ferne schwärmt, in den starrenden Norden, den brennenden Süden, in die Urwälder Amerika's und auf die stürmische See hinaus, so läßt sie dies Leben auch noch in einer Frische und Ursprünglichkeit hier, in einer Neuheit und einem Glanze da erscheinen, von denen an unserem heimischen civilisirten und poetisch hundertfältig ausgeschöpften längst nicht mehr die Rede sein zu können schien. Grade Freiligrath hat uns indessen bekanntlich gezeigt, daß auch die Heimat und das heimische Leben dem Dichter noch neue Bilder und Stoffe im Ueberfluß biete, falls er nur von den idealen Höhen auch hier zur Wirklichkeit herabsteigen und, statt in sich hinein, einmal mit lebendigem Aug' um sich herzublicken versucht.

Von Vorgängern ist Freiligrath und seiner Poesie gegenüber im Grunde kaum zu reden. Goethe, Rückert, Platen, Heinrich Stieglitz, und wie sie sonst heißen, welche uns die Ferne erschlossen haben, bewähren alle eine gewisse Einseitigkeit; sie halten sich mehr oder weniger nur am innern Leben, sich und uns in der Beschaulichkeit und Lehrhaftigkeit des Orientalen selber wiegend, und interniren uns sozusagen, wie auch Graf Alexander von Württemberg, 1801-1844, dessen übriger Gedichte hierbei auf das ehrendste gedacht sein soll, in seinen bewegten Wüstenbildern, den »Liedern des Sturmes«, in einem beschränkten Lokal. Freiligraths Poesie dagegen schwebt, wie bemerkt, über der ganzen weiten Erde und läßt sie und ihr reales Leben mit wunderbarer Gegenständlichkeit im deutschen Geist, Gemüth und Auge wiederspiegeln. So tritt jener unsere, schon oft erwähnte, kosmopolitische Zug hier in größerer Energie und Prägnanz als bei irgend einem Früheren hervor und drückt dieser Poesie ihr eigenartiges, unterscheidendes Gepräge auf. Was unseren Dichter aber noch ganz besonders von den meisten Anderen unterscheidet und ihn unter den ebenbürtigen Genien fast einzig erscheinen läßt, das ist die höchst merkwürdige, nie gestörte Beschränkung eines solchen Geistes auf ein einzelnes Gebiet der Poesie. Wir besitzen von Freiligrath keine umfangreichere Dichtung, kein episches, kein dramatisches Gedicht, kein größeres, selbstständiges Prosawerk, sondern nur die verschiedenen Sammlungen seiner Gedichte (»Gedichte«, »Zwischen den Garben«, »Ein Glaubensbekenntniß«, » Ça ira«, »Neuere politische und sociale Gedichte«) und die Uebersetzungen fremder, den seinen verwandter Dichtungen. Hier, auf diesem, seinem Gebiet, ist er freilich der Meister aller Uebrigen.

Wie es in Deutschland einmal steht, ist es ziemlich selbstverständlich, daß der Glanz und die Kühnheit, die Pracht und Originalität der Freiligrath'schen Poesie, wo Bild und Gedanke, Vers und Reim, Ausdruck und Sprache, kurz alles und jedes neu und fremdartig erschien, von Anfang an nicht bloß Bewunderung, sondern auch Erstaunen erregte. Unsere Vers-Pedanten und -Philister, die Schaar der Herz- und Empfindungs-Poeten, die verdorrten Anhänger des Alten, die gewohnheitsmäßigen Verkleinerer und Bemäkler jedes Neuen und Großen, das leider nicht von ihnen ausging, – sie alle erschienen mit ihren Ausstellungen und Vorwürfen und wußten und wissen kein Ende zu finden. Wir haben hier mit ihnen nicht zu verhandeln, sondern freuen uns der Größe und Originalität dieses Dichters und nennen ihn mit Stolz den unsern. Der Unbefangene sieht in dem brennenden, fremdartigen Kolorit nichts als die glücklichste Wiederspiegelung der exotischen Natur. Ihm erscheinen die, wiederum, fremdartigen Reime nicht wie eine Auffrischung der pomphaften Wörter, welche die Dichter des 17. und 18. Jahrhunderts hervorholten, sondern er sieht sie in voller Uebereinstimmung mit dem ganzen Bilde, entsprechend einer bestimmten Vorstellung und eine solche im Leser erweckend. Er findet im Versbau, wie in den so grausam getadelten Alexandrinern, nur die Form und das Gewand, welche sich in voller Eigenartigkeit dem Gedanken, der Vorstellung, dem Bilde, kurz dem eigenartigen Leben überhaupt, auf das knappste anschließen. Er sieht und fühlt endlich in allen diesen Darstellungen und Schilderungen nicht bloße Bilder des Lebens und der Natur, sondern diese selber, durchklopft von kräftigem Herzschlag, durchweht und belebt vom Geist und der Empfindung des Dichters.

Hiermit könnten wir von Freiligrath scheiden, da ein näheres Eingehen auf einzelne Gedichte uns nur überflüssig erscheinen kann. Es mag sogenannte populärere oder, richtiger gesagt, dem großen Publikum vertrautere Dichter geben; allein wir fürchten nicht zu irren, wenn wir es aussprechen, daß außer Uhland nicht einer so tief in das Herz seiner Nation gedrungen ist, wie Freiligrath. Und dieser Erfolg ist um so bedeutsamer, als Freiligraths Poesie im Allgemeinen bekanntlich der Vortheil der Singbarkeit nicht zu Hülfe kommt. Aber wir müssen auch mit einigen Worten seiner politischen und socialen Gedichte erwähnen, welche einen nicht selten völlig sinnlosen Haß gegen ihn erweckten, die hämischsten Angriffe hervorriefen und das Urtheil über ihn und seine Poesie, nicht nur in manchen Kreisen des Publikums, sondern auch bei nicht wenigen Literarhistorikern, auf kaum glaubliche Weise beeinflußten und verunstalteten. Wer den politischen und socialen Standpunkt des Dichters sogut, wie seinen eigenen zur Seite zu lassen und diese Dichtungen nur als Dichtungen anzusehen und zu messen vermag, muß sie für das Höchste und Gewaltigste erklären, was in dieser Art jemals irgendwo geschaffen worden ist. Ein Gedicht wie das wunderschöne: »Am Baum der Menschheit drängt sich Blüth' an Blüthe«, muß stets als eine der schönsten Blüthen unserer Poesie betrachtet werden, und jener furchtbare, aber gewaltige Ruf »Der Todten an die Lebenden« – es ist, beiläufig bemerkt, seltsam und bezeichnend genug, daß die Literarhistoriker meistens nicht einmal den richtigen Titel kennen! – steht überhaupt ganz und gar einzig da. – Freiligraths Uebersetzungen stehen auf der Höhe dieser lebhaft und ernstlich gepflegten und unermüdlich weitergebildeten Kunst, und die Gedichte aus dem letzten Kriege endlich, wie »Hurrah Germania«, »Die Trompete von Vionville«, »An meinen Wolfgang«, nehmen unter ihres Gleichen, wie wir schon sagten, neben wenigen anderen unbestritten den ersten Rang ein.

Sehen wir uns in der neueren Literatur voll Unbefangenheit um, so ist Freiligrath bis heute der letzte Dichter von voller und ganzer, scharf ausgeprägter Originalität geblieben und auch der letzte, der eine völlig neue Richtung eröffnet und der Poesie ein völlig neues Gebiet erobert hat, ein Gebiet, auf dem er von Anfang an eine Meisterschaft entfaltete, welche von keinem, der ihm folgte, erreicht worden ist und schwerlich jemals überboten werden kann. So ist und bleibt sein Platz in unserer Literatur einer der höchsten, welche von dem Dichtergenius zu erreichen sind.

Ueber den Folgenden, Emanuel Geibel, können wir uns kürzer fassen. Nachdem er einige Jahre lang seinen Studien zu Bonn und Berlin obgelegen, weilte er ein paar weitere als Erzieher zu Athen. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1840 widmete er sich alsbald ganz der Poesie, ohne sich ihr auch durch seine Anstellung als Professor der Literatur und Aesthetik zu München, 1852, entfremden zu lassen. Nach dem Kriege von 1866 verließ er München und lebt seitdem wieder in Lübeck. Wir besitzen von ihm außer den verschiedenen Sammlungen seiner Gedichte – »Gedichte«, »Juniuslieder«, »Neue Gedichte«, »Gedichte und Gedenkblätter«, »Heroldsrufe«, – eine größere Dichtung »König Sigurds Brautfahrt«, verschiedene Uebersetzungen aus dem Griechischen, Spanischen und Portugiesischen, Französischen, endlich dramatische Gedichte, »König Roderich«, »Meister Andrea«, »Brunhild«, »Sophonisbe«, und einen Operntext, »Lorelei«. Er hat in diesen Dichtungen, ohne daß man darum seine Dichtergröße irgend bezweifeln oder gar herabsetzen dürfte, der Poesie kein neues Gebiet gewonnen und keine neue Richtung eröffnet oder verfolgt. Es ist vielmehr die Poesie des inneren, des Seelenlebens, des Herzens, der Empfindung, des Gemüths, wie sie in Deutschland vor, neben und nach ihm von zahllosen anderen Dichtern verkündet worden ist und, so lange Deutschland Deutschland bleibt, verkündet werden wird. Aber Geibels Herz ist so warm und so reich, sein Gemüth so tief, seine Empfindung so zart und rein, wie es nur wenig Anderen gegeben ist. Dazu gesellen sich bei ihm, was ihn von den meisten unterscheidet und vor ihnen auszeichnet, und was ihm und seiner Poesie ihre besonderes Gepräge verleiht, ein ungemein inniger, frommer Gottesglaube und eine Lebensanschauung voll Ernst, Wahrhaftigkeit und, wie wir hinzusetzen möchten, Treue. Hierdurch und durch seine stark ausgesprochene conservative Gesinnung, welche überall der Ordnung und der ruhigen Entwickelung huldigend, alles Stürmische und Heftige entschieden verwirft und zurückweist, – hierdurch, sagen wir, ist ihm ein tiefgreifender Einfluß auf einen außerordentlich großen Theil, zumal des weiblichen und jugendlichen Publikums bleibend gesichert. Was seiner Poesie ferner zur Auszeichnung gereicht und diesen Dichter auf seinem Gebiet über fast alle andere neuere erhebt, ist nicht sowohl der Formenreichthum, als die unverbrüchliche Formenschönheit und -Vollendung, die man an seinen Gedichten zu bewundern hat, die Melodie der Sprache, die Prägnanz und Kraft des Ausdrucks, der Schmelz der Farben, die Anmuth der Bilder. Die Mehrzahl seiner Gedichte sind moderne Minnelieder von duftvoller, zarter Schönheit und Anmuth, voll weicher und tiefer, nicht selten schwermüthiger Empfindung, und Geibels Lyrik steht im strengsten Gegensatz zu derjenigen Heine's und seiner Nachfolger. Daß es ihm aber auch nicht an wirklicher Kraft, an glänzenden Farben, an Darstellungstalent fehlt, ersieht man aus manchen, freilich ziemlich vereinzelten Gedichten, wie »Sanssouci«, »Der junge Tscherkessenfürst«, »Im Grafenschloß«, »Das Negerweib«, »Der Tod des Tiberius« u. s. w. Doch müssen und dürfen wir uns weiteres Eingehen auch hier versagen, da Geibels Gedichte gleichfalls in wenig deutschen Familien fehlen dürften. – Seine Uebersetzungen, die er meistens im Verein mit Anderen herausgab, rechtfertigen ein unbeschränktes Lob; seine dramatischen Arbeiten, von denen die letzte »Sophonisbe« sogar durch einen Preis ausgezeichnet wurde, haben trotz unleugbar großer einzelner Schönheiten, keinen Erfolg gehabt – Geibels Talent ist und bleibt eben ein ausgesprochen lyrisches. Seine politischen Dichtungen endlich wurzeln durchweg auf dem loyalsten deutschen Reichsboden und zeichnen sich durch edle, fromme, gelegentlich auch einmal zornige, gut patriotische Gesinnung aus. Endlich seine Kriegslieder von 1870 stellen sich würdig zu den besten, doch sind Politik und Krieg gleichfalls nicht das rechte Gebiet dieses Dichters und werden ihm stets fremd bleiben.

So ist denn auch Emanuel Geibel einer von denen, deren wir uns rühmen dürfen und freuen müssen, und die es uns zeigen, daß trotz alles Hastens und Jagens der Zeit und trotz alles Realismus und Materialismus, die Poesie in den deutschen Landen nicht ausstirbt, sondern immer von neuem wieder ihre schönen und duftigen Blüthen treibt.

54.

Inzwischen hatte die große Wandlung, welche schon von den Schwabendichtern her in unserer Literatur angehoben hatte und seitdem trotz aller Ungunst der Zeiten und aller Verirrungen des Geschmacks, niemals ganz wieder ins Stocken gerathen war, besonders seit der Julirevolution rasch an Kraft gewonnen und ging nun ihrer Vollendung entgegen. Das ist, wie wir schon öfters angedeutet haben, die Umkehr von der »schönen« Natur Schillers und der Klassiker überhaupt, und von der phantastischen der Romantiker, zur wirklichen und natürlichen, wie sie sich nicht bloß eximirten Sonntagskindern, sondern jedem klaren und gesunden Auge offenbart, das voll Unbefangenheit und Liebe um sich zu schauen versteht. Aber damit war es nicht genug. Hand in Hand damit ging die Umkehr von der Idealität zur Realität des Lebens selber und der Lebensanschauung. Jener alte von Hamann, Herder und Goethe festgestellte Fundamentalsatz, daß die Poesie kein Privaterbtheil einzelner Gebildeter, sondern eine allgemeine Welt- und Völkergabe sei, war überhaupt kaum jemals zu voller Anerkennung und zur praktischen Verwerthung gelangt und seitdem, wenigstens grade in praktischem Sinne, schon lange wieder völlig vergessen und aufgegeben worden. Die Dichter und die Literatur hatten sich stets in bestimmten, abgegrenzten Bildungs-, ja man könnte sagen: Gesellschaftskreisen bewegt und nur diese ins Auge gefaßt. Das Leben, welches dichterisch in Betracht gezogen und der Darstellung gewürdigt wurde, war, genau ebenso wie die gezeichneten Menschen, von einer gewissen Exclusivität und über die Alltäglichkeit emporgehoben. Von dieser letzteren wollte und wußte man nichts, man fand in ihr weder die Poesie selber, noch ahnte man daselbst etwas wie ein Verständniß für sie. Man ignorirte es oder wußte es wirklich nicht, daß die Bildung in den vergangenen sechzig Jahren sich unausgesetzt und in zunehmendem Maße ausgebreitet hatte und daß außer und neben der »Standesbildung« schon von einer allgemeinen und Volksbildung geredet werden durfte. – Man darf nicht vergessen, daß der Begriff des Volks, als des Inbegriffs aller Stände und Klassen der Nation, bisher noch gar nicht vorhanden oder doch ein völlig unklarer war, und daß auch im engeren Sinne das Volk nur ausnahmsweise von jemand als ein zu berücksichtigendes Etwas aufgefaßt und erkannt wurde, für die »Literatur« fast nicht vorhanden war. Ganz abgesehen von jener Salon- und exclusiven Literatur, deren wir oben gedacht, wissen selbst die Jungdeutschen von der Natur und Natürlichkeit, von der Realität, dem alltäglichen Leben und dem Menschen als Menschen schlechtweg, in unserem heutigen Sinne, genau ebenso wenig, wie fast alle ihre Vorgänger, bewegen sich vielmehr wie diese in besonderen Bildungskreisen und wenden sich auch nur an dieselben.

Trotzdem vollzog die Wandlung sich im Stillen immer entschiedener und zwar machte sie sich zuerst, wie seltsam das heutzutage klingen und erscheinen mag, in den sinkenden Bücherpreisen bemerkbar, welche den außerwissenschaftlichen Schriften ein immer größeres Publikum gewannen; in zahlreichen Blättern und Büchern für Gärtner, Jäger und Landwirthe, für Künstler und Handwerker, für Gewerbtreibende aller Art, und endlich in einer bald gewaltig anschwellenden Literatur für alle Stände und für jedermann. – Wir nennen besonders die Volkskalender, die Heller- und Pfennigmagazine und was dergleichen mehr ist – neben welchen die Taschenbücher und Almanache und die alten, der Schöngeisterei huldigenden Zeitschriften immer weniger ihr Ansehen behaupten und ihr Leben fristen konnten. Man darf diese neuen Erscheinungen nicht unterschätzen. Es offenbarte sich in ihnen zu dieser ersten Zeit fast ausnahmslos ein höchst achtungswerthes Streben, für wenig Geld dem Unbemittelten viel und guten Bildungsstoff zu bieten, den Geschmack zu heben und selbst das Auge zu bilden. Denn es sollte nicht vergessen werden, daß F. W. Gubitz in seinem von 1834 an erscheinenden, trefflichen »Volkskalender« den Holzschnitt zum erstenmale wieder künstlerisch behandelte und das – Handwerk, müssen wir wohl sagen, wieder zu einer, alljährlich sich freier und schöner entfaltenden Kunst erhob.

So schrieb man denn bereits für das »Volk« und begann nun, je näher man der Natur und Wirklichkeit rückte, allmälig auch aus demselben, seinem Leben und seiner Weise zu schöpfen. Derartiges war bisher nur selten versucht worden und hatte keine Nachahmung gefunden. Jung-Stillings Jugendleben, Pestalozzi's »Lienhard und Gertrud«, Zschokke's »Goldmacherdorf«, Clemens Brentano's »Vom braven Kasperl und dem schönen Annerl«, waren längst vergessen, und man staunte das letztere Stücklein, als es in jenem Gubitz'schen Volkskalender jetzt wieder zum Abdruck kam, wie etwas völlig Neues und Unerhörtes an. Ganz ähnlich erging es einer wirklich neuen Geschichte dieser Art, dem ganz vortrefflichen »Irwisch-Fritze« von der unter dem Namen Franz Berthold schreibenden Adelheid Reinbold, einem schönen Talent, welches der Literatur nur allzu früh durch den Tod entzogen wurde.

Da trat im Jahre 1836 derjenige auf, den wir als den Begründer der neuen – heißen wir es Volks- oder Realitäts-Literatur zu erkennen haben, und der mit voller Klarheit, tiefem Verständniß und hoher Meisterschaft dieser neuen Richtung folgte. Das ist Albert Bitzius, bekannter unter dem Namen Jeremias Gotthelf, geboren zu Murten 1797 und gestorben 1854, Pfarrer zu Lützelflue im Emmenthal. Sein erstes, 1836 erschienenes Werk, ist der »Bauernspiegel«, das erste Buch, völlig aus dem Volke geschöpft, aber auch, wie wir hinzusetzen müssen, durchaus für dasselbe, und zwar ausdrücklich für sein schweizerisches, ja in erster Linie sogar für seine Berner Bauern, bestimmt. Wer Gotthelf gegenüber diesen Gesichtspunkt nicht festhält, wird niemals zu einem gerechten Urtheil über diesen großen Schriftsteller, geschweige denn zu einer richtigen Würdigung seines ungewöhnlichen Talents gelangen. Seine Sprache vor allem ist oft rauh und er hat sich nicht gescheut, gelegentlich auch den Dialect anzuwenden, ja reine Lokalismen einzufügen, wenn die Bezeichnung ihm zum Charakter, zum Ausdruck des Gedankens zu passen schien. Schon hierdurch hat er die Deutschen befremdet und seinem Einfluß geschadet. So sind auch seine Situationen meistens nicht salonfähig, seine Charaktere meistens derb – »mit der Axt« zugehauen –, und Schilderung und Darstellung gleichfalls entsprechend – man möchte sagen: ohne Komplimente. Er gibt uns das Leben und die Natur, wie sie sind, er stellt uns die Menschen hin, wie sie in dieser Natur, in dieser Umgebung, diesen Verhältnissen geworden und werden mußten, – und zwar nicht in einer schlechten Abschrift der Wirklichkeit, sondern in poetischer Reproduction derselben. Der außerordentliche Unterschied zwischen der gesammten älteren Dichtung und der neueren, den Viele noch heut nicht begreifen wollen, besteht darin, daß die Früheren ihre Poesie auf die Außen- oder sage man Sinnenwelt übertrugen und damit der Himmel weiß was alles inducirten, was ihr so fremd war, wie ein grüner Himmel und blaues Laub, während die Neueren grade umgekehrt – der Außenwelt ihre eigene Poesie abzulauschen, sie unter der ärmsten Hülle zu entdecken, auch dem formlosesten Stein noch den leuchtenden Funken zu entlocken suchen. Das ist freilich nicht jedem gegeben, aber denen es gegeben ist, das sind die Koryphäen der neuen Richtung. Und ob Jeremias Gotthelf zu ihnen gehört! Und ob er dem Stein den Funken entschlagen hat! Ob er die Natur und die Menschen verstand und erfaßte und sie lebendig uns hinstellte! Man muß bei diesem Schriftsteller nicht bloß, wie gesagt, von der oft rauhen Schale absehen, sondern man muß ihn auch nicht allein in den übrigens vortrefflichen größeren Erzählungen, »Uli, der Knecht«, »Dursli«, und wie sie sonst heißen, kennen lernen, am wenigsten in dem, durch ganz Deutschland seiner Zeit gefeierten »Silvestertraum«, einer Schöpfung, wo der Verfasser sich auf ein ihm völlig fremdes Gebiet verirrt; nein, man muß ihn grade in einzelnen seiner kleinen und kleinsten Schöpfungen aufsuchen, – diesen »Geschichten« im ächten Sinne des Worts, wenn er sie auch nicht so genannt hat. Hier steht er nicht selten auf seiner Höhe, und weicht in der Charakterzeichnung, in der Knappheit und Angemessenheit der Darstellung und Schilderung niemand. Das Größte aber ist, daß er, was er will, stets mit den allereinfachsten Mitteln, anscheinend ohne eine Spur von »Kunst« erreicht und uns dennoch ein kleines Kunstwerk ersten Ranges bietet; daß in diesen »Geschichten« nicht ein einziger Zug, keine Wendung, nicht ein Wort uns daran erinnert, daß es künstlerische Schöpfungen sind, sondern daß sie uns wie die Natur und das Leben selber erscheinen und ansprechen: nicht der Dichter hat sie geschaffen, sondern sie schufen sich unter seiner liebevollen Hut und Pflege selber.

Zwei Jahre nach dem Erscheinen des »Bauernspiegels« folgte in Deutschland zuerst Immermann dem Schweizer auf das neu eröffnete Gebiet mit der Hofschulzen-Episode in seinem Romane »Münchhausen«. Immermann, der alte Romantiker, hatte schon einige Jahre vorher in einem Romane, »Die Epigonen« sich dem seit der Julirevolution erwachenden neuen socialen Leben und den Zuständen und Erscheinungen der Gegenwart zugewendet, indem er sich ihnen aber gewissermaßen feindlich gegenüberstellte und uns und unsere Zeit nur als schwächere Nachkömmlinge einer größeren Vergangenheit erkannt wissen wollte. So ist dieser Roman, obgleich technisch angesehen, ein Werk von hoher Vollendung, durch die schwarzgallige Lebens- und Zeitanschauung und durch seine, in ihrem Grunde unwahre Tendenz, ein unerquickliches Werk, das schon die Zeitgenossen eher abstieß als anzog und das Ansehen seines Meisters nicht eben vermehrte. Ganz anders stand und steht es dagegen mit dem zweiten Romane »Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken«, in welchem er dem in voller Auflösung begriffenen socialen Leben der Gegenwart und seinen fratzenhaften Gestalten und Erscheinungen, das tüchtige und derbe Volksleben mit seinen kernhaften Menschen und in sich gefestigten, alles Krankhafte ausstoßenden Zuständen und Verhältnissen schroff entgegenstellt. Als Roman und Ganzes betrachtet, ist der »Münchhausen« ein durchaus ungenügendes und unkünstlerisches Werk: die beiden Theile, in welche der Inhalt zerfällt, sind in Wirklichkeit fast ohne allen inneren so gut wie äußern Zusammenhang, und man fragt sich von einer Seite zur anderen, was es noch dieses grossen Gegensatzes zwischen dem tollsten Spuk und dem lebendigen, sonnig klaren Lebens bedürfe, um uns an das letztere glauben und seiner Kraft, seiner Klarheit und Natürlichkeit froh werden zu lassen. Denn diese Kraft und Natürlichkeit, diese Klarheit und Frische sind so groß, daß sie keinen Zweifel an der Wahrheit des Lebens und der Menschen gestatten – wer zweifelt am Tage, wenn ihm die Sonne in's Auge strahlt? – Diese sogenannte Dorf-Idylle, welche freilich genau genommen nichts weniger als eine »Idylle« im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes ist, sondern ein Stück urwüchsigen, nicht selten harten und rauhen, ja düsteren, aber in seiner trotzigen Kraft einem jeden imponirenden Volkslebens, – diese Schöpfung, sagen wir, steht in diesem Genre nicht bloß als die erste, sondern auch als die größte, ja völlig einzig da. Von all den zahllosen Nachahmungen, welche sie hervorrief, ist nicht eine auch nur im Allerentferntesten ihr nahe gekommen, und die Darstellungs- und Gestaltungskraft, welche Immermann in diesem wunderbaren Werke bewährt hat, dem glänzendsten Beweis, welche Fülle von Poesie selbst in der vielgeschmähten »Realität« sich birgt, – die wundervolle Natürlichkeit und Einfachheit in der ganzen Composition, in der Handlung, in der Motivirung – sie alle sind auf dem Gebiet der Erzählung nur ausnahmsweise einmal wieder erreicht und nirgends übertroffen worden.

Immermann unmittelbar nach traten drei Autoren, Alexander Weill in seinen »Sittengemälden aus dem elsassischen Volksleben«, welche, ob auch hübsch erzählt, durch ihre Frivolität zurückstoßen; Karl Stöber, aus Nürnberg, geb. 1796, mit »Geschichten und Erzählungen«, »Aus der Rockenstube« u. s. w., welche unverdienter Weise wenig Beachtung fanden; endlich Josef Rank, geboren 1817 zu Friedrichsthal im Böhmerwald, mit seinen kräftigen und charakter- und wahrhaft poesievollen, aber allerdings auch häufig verworrenen und des künstlerischen Maßes entbehrenden Schilderungen »Aus dem Böhmerwalde«. Mit den gleichen Vorzügen und Fehlern, zu welchen letzteren sich später auch häufig noch eine sehr unliebsame Breite und zuweilen noch etwas wie, den Stoffen gradezu widersprechende Empfindelei gesellt, finden wir auch die meisten seiner späteren, ziemlich zahlreichen Werke wieder: Romane »Achtspännig«, »Die Freunde« u. s. w., ein historisches Schauspiel, »Der Herzog von Athen« u. s. w. Nur einzelne, wie »Das Hofer-Käthchen«, und »Ein Dorfbrutus«, erheben sich über das Niveau der gewöhnlichen Erzählungsliteratur.

Hierauf kommen wir zu demjenigen, der sich auf diesem Gebiete den höchsten Ruhm erworben hat und, was die innere Begabung und Ausrüstung zu einem großen Erzähler betrifft, in Wirklichkeit auch auf einer Höhe steht, die in unserem Deutschland nicht von vielen erreicht worden ist. Vor allem muß es bei ihm – und es zweifelt wohl niemand, daß wir von Berthold Auerbach reden! – mit hoher Bewunderung anerkannt werden, daß die Poesie in ihm mächtig ist wie in wenigen und seine Schöpfungen so reich, so warm und so schön durchdringt und erfüllt, daß sie schon hierdurch einen Reiz erhalten, der ihnen den Vorrang vor den meisten ähnlichen Werken Anderer sichert und sie in der Literatur den schönsten Offenbarungen des Dichtergeistes anreiht.

Berthold Auerbach ist am 28. Februar 1812 zu Nordstetten im württembergischen Schwarzwald, von jüdischen Eltern geboren. Ueber sein Leben läßt sich nur wenig sagen; was man davon erfahren hat und für das Publikum sichtbar geworden, ist in ruhigen und ebenen Bahnen verlaufen und frei von besonderen Ereignissen und Erschütterungen geblieben. Nach seiner Studienzeit wandte er sich der Literatur zu und blieb derselben bis heute treu. Zuerst trat er mit einer Uebersetzung der Werke Spinoza's auf; ihr folgten demnächst zwei Romane, »Spinoza« und »Dichter und Kaufmann«, welche keinen Eindruck machten. Im Jahre 1843 erst erschien der erste Band der »Schwarzwälder Dorfgeschichten« und machte nicht nur seinen Namen mit einemmale zu einem der bekanntesten und gefeiertsten in dem, grade zu dieser Zeit bereits fieberhaft erregten Deutschland, sondern zeigte auch die realistische Wendung in der Literatur vollendet und sicherte der neuen Erzählungsgattung ein für allemal in derselben ihr Bürgerrecht.

Das war und ist auch für uns noch ein staunenswerther Erfolg. Denn man darf sich über die damaligen deutschen Literatur- und Kulturzustände nicht täuschen. Jeremias Gotthelf war zu dieser Zeit in Deutschland ein fast noch unbekannter Name; Immermanns »Hofschulze« stand theils zu vereinzelt da, theils wurde der reine und allgemeine Eindruck desselben durch die, nur für Eingeweihte oder Höhergebildete einigermaßen durchdringbare spukhafte Umhüllung beeinträchtigt, und wußte man überhaupt auch noch nicht recht, wie man mit dieser neuen Erscheinung eigentlich daran war, was für einen Platz und was für eine Zukunft man ihr in der Literatur anzuweisen und zu prophezeien habe. Immermanns oben genannte erste Nachfolger waren noch weniger durchgedrungen und das Gleiche galt von denen, welche zu dieser Zeit ebenfalls schon die eine oder andere Seite des realen und Alltagslebens zu beleuchten angefangen hatten. Man muß es stets wiederholen, daß die Dichter und die Literatur von diesem realen Leben bisher im Allgemeinen noch ganz verzweifelt wenig wußten und ebenso wie das Publikum selbst, halb ungläubig, halb sogar verächtlich auf dasselbe hinabblickten. Und nun kamen Auerbach's »Geschichten« – d. h. im Sinne der alten Kunstverständigen und Kunsttheoretiker, ein reines Nichts oder doch besten Falls etwas völlig Unkünstlerisches! – aus dem »Dorf«, d. i. aus dem allergewöhnlichsten, prosaischsten, niedrigsten Leben von der Welt, und schlugen dennoch durch, im Publikum, in der Kritik, in der Literatur! Ein Erfolg der ungewöhnlichsten Art, wiederholen wir, und ein Zeugniß für die poetische Begabung des Dichters und für den unvergänglichen, dichterischen Werth seiner Schöpfung, wie es Auerbach auch durch die höchste Anerkennung der Kritik niemals glänzender ausgestellt worden ist.

Die Größe und Schönheit seines Talents offenbart sich uns bei diesen ersten Geschichten schon durch die Selbstbeschränkung, Klarheit und Sicherheit, mit denen er das engste und fast immer gleiche Lokal wählt und unter den einfachsten, im Grunde auch wieder fast durchweg gleichen Menschen weilt, – ohne Furcht sich zu wiederholen und uns zu ermüden. Denn er zeigt uns grade in und trotz dieser Enge und Einfachheit die ungeahnte und unerschöpfbare Tiefe, Frische und Neuheit der Natur und des Menschenlebens. Wir sehen dies Lokal oder diese Natur stets von einer neuen Seite, mit anderen Augen und zwar mit denen der Menschen an, welche uns grade begegnen; und wir erleben mit diesen Menschen zwar häufig Aehnliches oder sogar Gleiches, aber nicht in ähnlicher oder gleicher, sondern in streng individueller und originaler Weise. Auerbach ist freilich vor den meisten seiner Nachfolger und Nachahmer dadurch von Hause aus auf das höchste begünstigt, daß er in dieser Natur und zwischen diesen Menschen geboren und erwachsen ist, und daß sie sich daher ihm, der zu ihnen gehört, auch viel offener und völliger hingegeben und erschlossen haben als es auch von dem größten dichterischen Talent erreicht werden kann, das erst von außen her an sie herantritt. So steht Auerbach eigentlich nicht über, sondern vielmehr mitten in seinen Stoffen, die er sich gewissermaßen völlig selbstständig und naiv entwickeln, heranwachsen, gruppiren, man möchte sagen: durch und in sich selbst motiviren, und zum Schluß gedeihen läßt, ohne anscheinend selber dabei irgendwie thätig zu sein. Diese wunderbar liebevolle und schonende und, um dessen doch auch zu gedenken, sprachlich meisterhafte Behandlung der Stoffe, erhält oder – wie man will! – verleiht seinen Geschichten die duftige und thauige Frische, welche ihren höchsten Reiz bildet und sie unter allen ihres Gleichen stets auszeichnen wird.

Dies alles finden wir selbst in den genrebildartigen Stücklein, dem »Tolpatsch«, »Der Kriegspfeife«, »Dem Tonele mit der gebissenen Wange«, auch in dem spätern, anmuthigen »Brosi und Moni«, noch schöner und reiner aber im »Lauterbacher« und in jenem Stücke von tiefer Schönheit, »Ivo, der Hajrle«. In diese beiden Geschichten legt der Dichter allerdings etwas von sich selbst hinein; da er aber, wie wir es oben sagten, diesen Menschen und dieser Natur selber von Hause aus angehört, so ist, was er von sich hinzugibt, auch nichts Fremdartiges und tritt nirgends aus dem Stoffe heraus. – Anders gestaltet sich die Sache in den späteren Erzählungen, »Die Frau Professorin«, »Diethelm von Buchenberg«, »Lucifer«, »Der Lehnhold« und den längeren »Josef im Schnee«, »Barfüßele«, Edelweiß« u. s. w. Hier läßt er nicht mehr wie früher gewissermaßen die Natur, sondern auch die Kunst walten, entwickelt, charakterisirt, motivirt und läßt aus einem bestimmten Fundament ein kunstvolles und kunstreiches Gebäude entstehen. Doch erwächst ihm hieraus kein Vorwurf. Denn einerseits ist sein poetisches Verständniß ein so tiefes und sein Takt und Geschmack so sicher und so rein, und andrerseits ist seine Herrschaft über den Stoff eine so vollendete, daß diese Schöpfungen als Kunstwerke, wie er selber als Künstler sich unverändert in der gleichen Höhe erhalten.

Auf dieser Höhe erhält er sich, wo er das Gebiet der Dorfgeschichte verläßt, wie in manchen Erzählungen, welche sich in seinem »Gevattersmann« und dem späteren »Volkskalender« oder sonst finden, nicht. Hier fordern schon seine religiösen, politischen und socialen Anschauungen häufig den Widerspruch heraus und zerstören überhaupt den Charakter der einfachen, volksthümlichen Erzählung. – Ein Drama, »Andree Hofer«, ist ihm vollständig mißlungen, und sein Roman, »Neues Leben« ist gleichfalls ein Mißgriff. – Seine späteren Romane, »Auf der Höhe«, »Ein Landhaus am Rhein«, und der jüngst erschienene »Waldfried«, – zeigen uns alle, bald mehr, bald weniger deutlich, die Grenzen von Auerbachs Talent – es fehlt ihm nicht bloß an der flüssigen Erfindung, sondern auch an der Ausdauer und Kraft, die Entwickelung in stetigem, die Theilnahme der Leser fesselndem und steigerndem Fortgange zu erhalten, und vor allem an der Beherrschung eines großen, weit ausgesponnenen Stoffs. Dazu gesellt sich hin und wieder einerseits eine ihm sonst völlig fremde, leise anklingende Sentimentalität und andrerseits eine gewisse, schon in den spätern Erzählungen hie und da auftauchende Lehrhaftigkeit und Sentenzenlust, im letzten obendarein endlich eine Müdigkeit, welche den Freund und Bewunderer dieses großen Talents nur ernstlich betrüben kann. Auch Auerbachs Stil hat in diesen Werken von seiner alten Meisterschaft eingebüßt und sich nicht frei von Manier gehalten. – Hoffen wir, daß neue Werke uns den Meister wieder auf seinem rechten Gebiet und in seiner alten Kraft, Frische und Meisterhaftigkeit finden lassen.

55.

Von dieser Zeit an wird das Gebiet der Dorf- und überhaupt der Volksgeschichte, sowie der volksthümlichen Erzählung von allen Seiten zugleich im Sturm genommen. Anfangs ließen sich die neuen Eindringlinge noch meistens in der Nähe der ersten glücklichen Anbauer nieder, aber die nachdrängende Menge stürzte sich alsbald ziellos und planlos über die ganze Weite hin, zu immer neuen Plätzen und in immer verstecktere Winkel.

An eine Verfolgung der einzelnen Erscheinungen ist in dieser Literatur, welche sich obendarein auf keine Periode beschränken läßt, sondern noch heut und diesen Tag immer wieder neuen Zuschuß erhält, ebenso wenig zu denken, wie an die Anführung aller derjenigen, welche sich hier versuchten. Kann man doch behaupten, daß zumal in dem ersten Jahrzehend kaum ein einziger neuer Schriftsteller bekannt wurde – und es waren ihrer sehr viele und unter ihnen die ersten der Neuzeit! –, der sich nicht irgend einmal auch auf dem Gebiet der Dorf- und Volksgeschichte versucht hätte. Die Nachtheile der realistischen Wendung und der plötzlichen Ueberstürzung liegen auf der Hand. Die anscheinende Unerschöpflichkeit und leichte Zugänglichkeit des Stoffs und die angeblich unendlich erleichterte Aufgabe des Autors, der ja nur zugreifen und abschreiben zu dürfen schien, was er zufällig kannte oder doch zu kennen glaubte, zog eine Unmasse von Schreibelustigen herbei, in denen sich, genau betrachtet, auch keine Spur von schriftstellerischer, geschweige denn dichterischer Begabung fand. So wurden die Gattung, oder wenn man hier noch unterscheiden will, die Gattungen nur um so schneller todtgehetzt und dem Publikum zum Ueberdruß, so daß alsbald auch der wirklich Berufene und das wahrhaft Schöne und Gute, wo es sich noch einmal hervorgetraute, ohne Weiteres auf die Seite geschoben wurde. Aber ebenso deutlich sind auch die Vortheile, welche aus dieser Wendung und der ihr gewidmeten rührigen Theilnahme erwuchsen. Das Leben im Ganzen und Großen, wie im Einzelnen und Kleinen liegt vor uns Heutigen in voller Durchsichtigkeit und Aufgeschlossenheit, und das Interesse an ihm und der Gegenwart in allen Schattirungen und Erscheinungen hat sich in einem Grade gehoben und ausgebreitet, von dem die Früheren gar keine Ahnung hatten. Die Wirklichkeit und Natürlichkeit drang gewissermaßen sogar auch in die Schriftsteller und ihr Schaffen selber: die Erzählungskunst nahm mit einemmale einen großen Aufschwung, und Darstellung, Schilderung, Charakterzeichnung, und nicht am wenigsten auch der Stil gewannen, ohne unkünstlerisch zu werden, bei allen Besseren ein Leben, eine Beweglichkeit und Frische, eine Anschaulichkeit und Natürlichkeit, von denen in solcher Allgemeinheit bei den Früheren gleichfalls keine Rede ist. Von dieser Höhe begann erst die neuste Literatur wieder herabzusteigen, bei der unnatürlichen Hetzjagd auf den Prunk und das Pikante, den »Effect« und die »Sensation«.

Unter den Nachfolgern und Nachahmern von Immermann und Auerbach – Jeremias Gotthelf kommt zu dieser Zeit in Deutschland, wie schon bemerkt, kaum recht in Betracht –, welche bald mehr der vorwiegend realistischen Richtung des ersteren, bald der, die Realität gewissermaßen idealisirenden des Anderen folgen, begegnet uns am Rhein der Pfarrer W. Oertel, 1798 bis 1867, der sich nach seinem Geburtsort Horn im Hundsrück, W. O. von Horn nannte. Außer in seinem, von 1846 an erscheinenden Jahrbuch, »Die Spinnstube«, hat er zahlreiche Erzählungen und Geschichten auch anderweitig veröffentlicht, deren unleugbare Volksthümlichkeit nur leider gar zu häufig durch einen hier süßlichen und salbungsvollen, dort hausbackenen Ton beeinträchtigt wird. In Hessen finden wir O. Glaubrecht, eigentlich R. L. Oeser, 1807-1859, dessen wahrhaft fromme Erzählungen viel Verständniß für Volksthum und Volksleben und wirklich poetischen Geist verrathen. – Im Dessauischen begegnen uns Friedrich Ahlfeld, geb. 1810, und der spätere Gustav Jahn, geb. 1818, mit wohlgemeinten, lesenswerthen Volksgeschichten. – Frommen Sinn bewährt C. A. Wildenhahn in den »Erzgebirgischen Dorfgeschichten« und anderen Romanen und Erzählungen. – Der Holsteiner I. Ch. Biernatzki, 1795-1840, schildert das Leben auf den Halligen in ansprechender Weise. – Nach Norddeutschland führen uns nicht ohne Glück K. Ernst und Georg Schirges; in den Harz der verdienstliche Literarhistoriker und glückliche und liebevolle Sammler von Volkssagen, -Märchen und -Liedern, Heinrich Pröhle, geb. 1822, mit seiner anmuthigen, poesievollen Erzählung »Walddrossel«. In Baiern finden wir den frühverstorbenen J. F. Lentner und neuerdings den trefflichen Hermann Schmid, der sich auch in anderen größeren und kleineren Schöpfungen als einer unserer besten neueren Erzähler bewährt hat. Zu ihnen gesellt sich Melchior Meyr, 1810-1871, ein Schriftsteller von ächt poetischer Begabung und tiefer philosophischer Bildung, der als Lyriker und Erzähler in Ansehen steht und sich auch im Drama – »Herzog Albrecht« mit Glück versucht hat. Hieher gehören seine zwar einigermaßen breiten, im Uebrigen aber charakter- und poesievollen »Erzählungen aus dem Ries«, zwischen denen sich »Der Sieg des Schwachen« als eines der Meisterstücke der ganzen Gattung auszeichnet. Beiläufig wollen wir ihn als Verfasser der anonym erschienenen, ihrer Zeit mit dem lebhaftesten Beifall aufgenommenen »Gespräche mit einem Grobian« erwähnen. – Im Bregenzer Walde erstand erst neuerdings F. M. Felder, 1839-1869, hervorgegangen aus dem Bauernstande, aber begabt mit einem hervorragenden Erzählertalent und an Kraft und Anschaulichkeit in der Charakterzeichnung und Naturschilderung nicht wenigen weit überlegen. – In der Schweiz endlich finden wir die »Kiltabendgeschichten« von Alfred Hartmann, welche sich in jeder Rücksicht dem Vorzüglichsten in dieser Gattung anschließen. Nach ihm kommt Gottfried Keller, geboren 1819, der in den vierziger Jahren durch schöne, Freiheit athmende Gedichte und später durch den, der gleichen Tendenz huldigenden Roman »Der grüne Heinrich«, bekannt geworden war, und 1856 in seinen »Leuten von Seldwyla« Muster der Dorfgeschichte lieferte. Auch ein anderer Schweizer J. Frey hat anerkennenswerthe Schöpfungen dieses Genre's veröffentlicht, wogegen die ähnlichen Erzählungen von Meyer Merian und dem jüngst verstorbenen Arthur Bitter sich trotz mancher guten Einzelheiten und hübschen Züge nicht über das allgemeine Niveau erheben.

Wenden wir uns von diesen – man könnte sagen: Specialschriftstellern jetzt ab und denen zu, welche auch andere Seiten und Regionen des Lebens, ja dieses selbst im Großen und Ganzen ins Auge faßten und uns darstellten, so tritt uns hier sogleich als der erste und gewissermaßen auch als der größte Friedrich Wilhelm Hackländer entgegen, geboren am 1. November 1816 zu Burtscheid bei Aachen und seit 1840 in Stuttgart als Schriftsteller thätig.

Und wie thätig! Hackländer ist ein Schriftsteller von einer gradezu staunenswerthen Fruchtbarkeit und noch staunenswerther ist, daß dieselbe eine durch und durch gesunde und natürliche, heute wie vor dreißig Jahren, sich niemals verleugnet und das völlig einzige Talent dieses Autors allen Anforderungen genügt und niemals versagt hat. Hackländer hat im Jahre 1840 seine trefflichen Skizzen, »Soldatenleben im Frieden«, drucken lassen und gab im Jahre 1874 dem Publikum einen Roman »Kainszeichen« und noch so und so viele kleinere Stücke erzählenden oder plaudernden Genre's. Dazwischen liegen, wir wissen nicht, wie viele Romane, Erzählungen, Reise- und Kriegsberichte, Studien und Plaudereien, Märchen und Lustspiele und wer weiß, wie viel und was sonst noch alles. Und stets schöpft er mitten aus dem Leben und weiß es uns stets mit der besten Laune von der Welt, mit heiterer und zuweilen auch inniger Liebenswürdigkeit und Gemüthlichkeit, mit spielender Leichtigkeit, mit höchster Anschaulichkeit, mit bewunderungswürdiger Treue und in schier greifbarer Gegenständlichkeit wiederzugeben, wie – es leibt und lebt. Zu den Höhen des Daseins schwingt er sich nicht leicht und hat mit den Tiefen selten oder nie etwas zu thun; aber in der großen Mittelregion ist er völlig daheim, er kennt sie besser als irgend ein anderer und zwar aus eigener Erfahrung, und er faßt sie auf und schildert sie mit einer Liebe und Nachsicht hier, mit einer Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt da, die schon allein ihn unter unsern Erzählern auf das rühmlichste auszeichnen. Hackländer hat und kann nicht alles, aber was er hat und kann, besitzt er vollständig und übt es mit Meisterschaft aus – in der genauen Kenntniß seiner Gaben, seines Vermögens, seiner Grenzen, über welche er niemals hinausgeht. Er ist mit einem Wort kein großer Schriftsteller im höchsten Sinne, aber auf seinem eigenen und eigentlichen Gebiet, d. h. auf dem des wirklichen und täglichen Lebens in allen Ständen, Klassen und Regionen, leichtmöglich der größte von allen, ohne Vorgänger und ohne einen ebenbürtigen Nachfolger. Der Beifall des Publikums ist ihm von Anfang an bis heute in seltenem Grade zutheil geworden und treu geblieben. Nur die Morösen, die Prüden und die Klassicitätsschwärmer stehen ihm fremd gegenüber, alle anderen fallen ihm zu, und die unbefangene Kritik muß ihnen beipflichten. Denn er ist und bleibt einer unserer besten Unterhaltungsschriftsteller, völlig frei von Manier, vom Effect- und Sensationsschwindel – was er schreibt, ist von Hause aus schon voll des natürlichen Effects und der natürlichen Sensation – und endlich von jener Routine, welche bei so vielen Schriftstellern das frische Schaffen ersetzt. Er künstelt und modelt am Leben nicht, sondern gibt es unverfälscht wieder. Er macht nicht viel Wesens aus der Seelenschönheit und Tugendhaftigkeit des oder der einen, noch verdreht er die Augen über die Versunkenheit und Sündhaftigkeit des oder der anderen, und wo das »Pikante« erscheint, spielt und kokettirt er nicht damit, sondern gibt es mit der gleichen Harmlosigkeit und Naivetät wieder, wie alles Uebrige. So müssen alle diese Skizzen, Bilder, Romane, Plaudereien und so weiter, stets willkommen bleiben, »Soldatenleben im Frieden«, »Wachtstubenabenteuer«, »Handel und Wandel«, »Namenlose Geschichten«, »Europäisches Sklavenleben«, »Der neue Don Quixote«, »Ein Künstlerroman«, »Das Geheimniß der Stadt«, »Geschichten im Zickzack« u. s. w. u. s. w. – Die eigentliche und wirkliche kleine Erzählung ist Hackländers Sache nicht: er zeichnet und malt allzusehr ins Breite und verfällt, wo ihm dies nicht freisteht, leicht in eine gewisse Skizzenhaftigkeit oder, weit ihn der enge Rahmen genirt, Gewaltsamkeit. Dafür gehören aber von seinen Lustspielen wenigstens zwei, »Der geheime Agent« und »Magnetische Kuren« zu den bühnengerechtesten und amüsantesten, die wir besitzen.

Man hat Hackländer wohl hin und wieder den deutschen Boz genannt und in seinen Schriften sogar ein gewisses Anlehnen an den englischen Autor entdecken wollen. Wir hallen von derartigen Vergleichen nichts und geben auch nichts auf ein solches Anlehnen oder Nichtanlehnen. Wer Hackländer richtig ansieht und wirklich kennt, muß unbedingt zugestehen, daß seine Natur, sein Talent, seine Entwickelung durchweg original, selbstständig und vor allem deutsch sind. Er wurzelt ganz und gar im deutschen Leben und drängt demselben nicht einen einzigen Zug auf, den es nicht wirklich hat, oder – denn das zeichnet Hackländer allerdings gleichfalls! – den der eine oder andere nicht mit Affectation zur Schau trägt.

Als ein ähnlich glücklicher, gewandter und ansprechender Erzähler aus dem weiten, ausdrücklich deutschen Leben begegnet uns hier der uns früher schon bekannt gewordene Karl von Holtei wieder, gleichfalls vorwiegend für den Roman und geringer für die kleinere Erzählung begabt. Auch er schildert und zeichnet mit großer Anschaulichkeit und lebensvoller Wahrheit, mit Laune, Wärme, Liebenswürdigkeit und Unbefangenheit und erzählt mit Leichtigkeit und einem natürlichen guten Geschmack, der alles sagen darf und alles Verletzende oder Platte ausschließt, ja man möchte sagen: völlig unmöglich erscheinen läßt. Aber in Holtei's Talent finden wir einen stark hervortretenden lyrischen Zug – er ist ja auch ein glücklicher und liebenswürdiger Dichter und schließt sich zumal als Dialectdichter unseren Besten an! –, von dem in Hackländer auch nicht eine Spur zu entdecken ist, und während der Humor dieses Letzteren ein vorwiegend heiterer ist, zeigt sich uns häufig die Lebensauffassung und -Anschauung Holtei's, trotz alles gelegentlichen Uebermuths und aller zeitweiligen Ausgelassenheit, häufig als eine ernstere, ja fast schwermüthige. Die Romane »Die Vagabunden«, »Ein Schneider«, » Noblesse oblige«, »Die Eselsfresser« u. s. w. sind alle aus dem Leben und der Zeit bald mit großer Wärme und Innigkeit, bald mit überraschender Frische und Keckheit, vor allem aber mit viel Treue und einer, nicht selten fast naiven Unbefangenheit herausgeschrieben. Als sein bestes Werk müssen wir seinen »Christian Lammfell« bezeichnen, ein Buch von unendlicher Einfachheit und Herzenswärme, von hoher Liebenswürdigkeit, voll Empfindung, Gemüth und Poesie, wie dies alles nur wenige deutsche Romane in gleichem, geschweige denn höherem Grade ziert. Schließlich erwähnen wir noch seiner Selbstbiographie, »Vierzig Jahre« und »Noch ein Jahr in Schlesien«, einer Schrift, in welcher Holtei sich selbst und ein nicht geringes Stück des deutschen socialen und Buhnenlebens mit Offenheit, Unbefangenheit und Anschaulichkeit gezeichnet hat.

Auf dem Gebiet des ganzen, ausdrücklich deutschen Lebens, den Fragen der Zeit nicht fremd, aber die Tendenz entschieden zurückweisend, und glücklicher in »Geschichten« und überhaupt kleineren Erzählungen als in größeren Werken, hält sich auch Edmund Hoefer, geb. 1819, der Verfasser des vorliegenden Buches, dessen frühste Geschichten von 1845 an im Stuttgarter Morgenblatt erschienen und später unter verschiedenen Titeln, zum Theil in den zwölf Bünden der »Erzählenden Schriften« bekannt und freundlich aufgenommen wurden.

In noch engerem Kreise, vorwiegend im häuslichen und Familienleben ihrer schwäbischen Heimat, bewegt sich Ottilie Wildermuth, geboren 1817, welche in ihren »Bildern und Geschichten aus dem schwäbischen Leben«, und »Aus dem Frauenleben« uns Lebensbilder von ungemeiner Anschaulichkeit und Lebendigkeit und kleine, durch Einfachheit und Anmuth, Humor und Empfindung ausgezeichnete Musterstücke der Erzählungskunst geliefert hat. Man braucht nur eine von diesen früheren kleinen Erzählungen z. B. mit den langathmigen und hausbackenen, grade in ihrer gesuchten Einfachheit prätentiösen Haus- und Familienromanen der Bremer zu vergleichen, um nicht bloß den Vorrang vor der Schwedin, sondern auch überhaupt den Rang zu erkennen, den Ottilie Wildermuth in diesem Genre und in unserer Literatur einnimmt. – Auch in kleinen Erzählungen und Märchen für Kinder hat sie sich mit viel Glück versucht. Dagegen bewegt sie sich in manchen späteren Erzählungen und Schriften in einer frommen Richtung, in welcher ihr eben nur Gesinnungsgenossen zu folgen und treu zu bleiben vermögen.

Wegen seiner Schilderungen aus dem schwäbischen und zumal reichsstädtischen Volksleben schließen wir hier Hermann Kurz an, geboren zu Reutlingen 1813, gestorben zu Tübingen am 10. October 1873. Obgleich im Zusammenhang mit seiner heimatlichen Dichterschule und nicht frei von romantischen Anklängen, steht er doch hauptsächlich in den kleineren Erzählungen, wie »Das Wittwenstüblein«, »Eine reichsstädtische Glockengießerfamilie«, »Wie der Großvater die Großmutter nahm«, »Die beiden Tubus«, in der trefflichen Dorfgeschichte »Ein Weihnachtsfund« u. s. w. auf dem Boden einer gesunden Realität. Seine Auffassung des Lebens und der Natur ist eine warmherzige und gemüthvolle, seine Lebensanschauung und Gesinnung eine männliche und tüchtige, und die Kunst seiner Darstellung, die Kraft und Anschaulichkeit seiner Schilderung und Charakterzeichnung verdienen auf das lobendste hervorgehoben zu werden. Seine beiden größeren Romane, »Schillers Heimatsjahre« – zuerst um vieles richtiger »Heinrich Roller« genannt, und »Der Sonnenwirth« behaupten diese Höhe nicht. Es fehlt dem Autor an der vollen Beherrschung so großer Stoffe, und während im ersteren noch häufig eine krause Romantik uns umspukt, leidet der andere nicht selten an unerquicklicher Breite und laboriren beide gemeinsam an ziemlich bedenklicher Unebenmäßigkeit. Trotzdem verdient Hermann Kurz bekannter zu werden und zu bleiben, als es ihm leider während seines Lebens vergönnt war. Die eben erscheinende Ausgabe seiner gesammelten Werke bietet dem Publikum Gelegenheit, diese alte Schuld abzutragen.

Ein ganz neues Gebiet für die erzählende Literatur eröffnete und gewann Leopold Kompert in seinen trefflichen »Geschichten aus dem Ghetto«. – Ebenso versuchte sich Heinrich Smidt, 1798-1867, mit Glück in Schilderungen aus dem Hafen und von der See, aus dem Schiffer- und Matrosenleben. Er hat meistens kleinere Stücke, Skizzen und Novelletten, doch auch einen großen historischen und Seeroman, »Berlin und Westafrika«, geschrieben, stets voll Frische, Anschaulichkeit und Bewegung, ist aber im Ganzen mehr nur Naturalist: seine Darstellung und seine Sprache entbehren der Gewandtheit und Ebenmäßigkeit, an welche man sich zu dieser Zeit schon bei unseren Erzählern gewöhnt hatte.

Nicht am wenigsten grade durch das, was dem Vorhergehenden fehlt, zeichneten und zeichnen sich bis heute die zählreichen Romane und Erzählungen von Lewin Schücking, geb. 1814, aus, einem Autor, dessen Erzählertalent zu den besten gehört, die man in Deutschland kennen gelernt hat. Immer dem Leben und der Wirklichkeit, sei es in der Vergangenheit, sei es in der Gegenwart zugewandt und den großen Fragen der Zeit nicht fremd, aber ohne sie zu alleinigen Trägern seiner Schöpfungen zu wählen, bewahrt er sich doch stets eine höhere und zwar durchaus poetische Lebensanschauung – eine Eigenschaft, welche seinen Werken grade in unserer heutigen Zeit und Literatur ihren besonderen Reiz verleiht. Leben, Bewegung und ein bunter Wechsel finden sich bei ihm überall, ja zuweilen in einem Maße, das den Leser gelegentlich fast verwirrt, und die sogenannte »Breite« ist ein Etwas, über das man bei ihm selten oder nie zu klagen hat. »Die Ritterbürtigen«, »Ein Sohn des Volks«, »Der Bauernfürst«, »Ein Schloß am Meere«, »Die Heiligen und die Ritter«, und wie sie sonst heißen, behaupten im Verein mit nicht wenigen der zahlreichen Erzählungen in unserer Literatur einen hervorragenden Platz und bilden einen tröstlichen und sicheren Damm wider die Uebergriffe der modernen Unnatur und der, kaum nur mit Schaumgold verhüllten Oberflächlichkeit und öden Nüchternheit.

Möge auf ihn eine Schriftstellerin folgen, welche, gleichfalls in dieser Zeit zuerst auftretend, in ihren von Anfang an ernstlich beachteten und bald mit steigender Anerkennung aufgenommenen Werken wenig oder nichts von einer milderen oder gar poetischen Auffassung des Lebens offenbart, vielmehr dasselbe mit ruhigem, klarem, ja kaltem Blick überschaut und durchforscht und mit einer ebenso ruhigen Klarheit und Sicherheit zur Darstellung bringt. Wir meinen Fanny Lewald, geboren 1811 zu Königsberg, welche fest in der Gegenwart wurzelnd, mit scharfem, kräftigem, fast männlichem Verstände die religiösen, socialen und politischen Fragen und Conflicte der Zeit in ihren Romanen zur Verhandlung brachte. Sie steht schon in ihren ersten Erzählungen, »Clementine«, »Jenny« und »Eine Lebensfrage«, im starren Gegensatz gegen die Oberflächlichkeit und Vornehmthuerei der Salonschriftstellerinnen und faßt das Leben und ihre Stoffe nicht mit Handschuhen, sondern mit derber, fester Hand und bis ins Innere an. Sie spricht diesen Gegensatz in ihrer »Diogena«, einer scharfen Persiphlage der Hahn'schen Romane, sogar gradeswegs aus, und bewahrheitet ihn auch durch alle späteren Werke, »Wandlungen«, »Die Kammerjungfer«, »Von Geschlecht zu Geschlecht« u. s. w. Seit sie in Verbindung mit Adolf Stahr, geb. 1805, bekannt durch seine kunst- und literarhistorischen Schriften, »Ein Jahr in Italien«, »Torso«, »Weimar und Jena«, »Lessing« u. s. w. – einem unserer geistvollsten Schriftsteller und glänzendsten Prosaiker, trat, und sich mit ihm 1855 vermählte, wurde ihre Lebensanschauung eine freiere und zugleich höhere. Das zeigt sich am deutlichsten in den, jenen genannten späteren Romanen vorausgehenden Reiseschilderungen, »Italienisches Bilderbuch« und »England und Schottland«. Hier finden wir sie, man möchte sagen, voll Heiterkeit und Unbefangenheit in der frohen und schönen Gegenwart und erfreuen uns ihrer scharfen Beobachtungen, ihrer lebensvollen Schilderungen, ihrer geistvollen Urtheile viel häufiger und ungestörter, als in den unerbittlich verständigen und logischen, von innen und außen meisterlich ausgebauten Romanen. Von eigentlicher und wirklicher Poesie findet sich in Fanny Lewald wenig oder nichts, zum mindesten beherrscht, wo sich in dieser Richtung wirklich einmal etwas regen möchte, der Verstand mit niemals aussetzender Strenge, und es gelingt ihr daher auch nicht, ihren Gestalten im Einzelnen und ihren Schöpfungen im Ganzen, trotz aller Regelrechtigkeit, Lebenswahrheit und Lebensfähigkeit, ein wirkliches, eigenes, unabhängiges und warmes Leben einzuflößen. – Die gleiche Verständigkeit und klare und freisinnige, aber poesielose Lebensanschauung finden wir auch in ihrem, stilistisch gleich all ihren Schriften fast tadellosen Buch, »Meine Lebensgeschichte«, von welcher bisher drei Abtheilungen erschienen sind.

Ein gleichgeartetes, schätzbares Erzählertalent spricht uns aus den Romanen von Mathilde Raven, geb. Beckmann, an, welche 1817 zu Meppen geboren wurde. »Eine Familie aus der ersten Gesellschaft«, »Eversburg«, »Welt und Wahrheit« u. s. w. sind Werke voll Klarheit und von ansprechender Darstellung, den Zeitinteressen zugewandt und entschieden fortschrittlich. Ihre Gedichte, »Aus vergangener Zeit«, sind gleichfalls voll reiner und klarer Empfindung und auch formell fast durchweg beachtenswerth. – Kecker und emancipationslustiger sind die Romane von Louise Aston, »Aus dem Leben einer Frau«, »Lydia«, u. s. w., einer Dichterin, deren Gedichte »Wilde Rosen« gleichfalls zarte Gemüther nicht wenig erschreckten, die sich aber, wie ihr unvergessen bleiben soll, im Schleswig-Holstein-Kriege mit aufopfernder Treue der Verwundeten-Pflege widmete und so bewies, daß die an der Dichterin vermißte Weiblichkeit, der Frau keineswegs verloren gegangen war.

Hier möge nun unmittelbar ein gleichzeitiger Erzähler folgen, welcher den Interessen der Gegenwart desto fremder, das Leben durchaus von poetischer Seite auffaßt, ohne daß es ihm darum jedoch an Tiefe fehlte oder daß er der Natur und Wirklichkeit untreu würde. Das ist Adalbert Stifter, geboren 1806 in Böhmen, gestorben als Schulrath zu Linz 1868, in welchem wir, obgleich er unseres Wissens nur Prosa schrieb, dennoch ein rein dichterisches Talent von nicht geringem Range zu erkennen und zu bewundern haben. In der Sammlung von Erzählungen, welche unter dem Titel »Studien« veröffentlicht wurde, – wir nennen von ihnen hier nur beispielshalber »Den Hochwald«, »Die Narrenburg«, »Zwei Schwestern«, – ist alles Gemüth und Empfindung und finden Natur und Leben sich auf das poesievollste wiedergespiegelt. So angeschaut sind sie einzig in ihrer Art und gehören zu den anmuthigsten Schöpfungen des deutschen Dichtergeistes: der innige Zusammenhang der Gemüthswelt mit der Natur findet sich nirgends reizender dargestellt, und Seele und Herz des Menschen wurden niemals mit größerer Zartheit bis in ihre stillsten und geheimsten Tiefen durchforscht und uns enthüllt. Aber als Erzählungen angesehen, leiden diese duftigen und poetischen Natur- und Lebensbilder an einer empfindungsseligen Weichheit und Zerflossenheit, welche den Leser um so leichter ermatten laßt, als die Handlung in ihnen meistens gleich Null ist. – Vor allem aber fehlte es diesem schönen Talent an Dauerhaftigkeit. Schon die nächsten Werke, »Bunte Steine« und »Der Nachsommer«, offenbaren ein bedauerliches Nachlassen, und die letzte historische Erzählung, »Witiko«, erwies sich als ein durchaus schwaches Product.

56.

Die Schriftsteller des »jungen Deutschlands« hatten sich mit großem Ungestüm und gewaltigem Lärm in die neue Bewegung gestürzt und sich mit Emphase selber als ihre Stimmführer und die Männer der Zeit ausgerufen. Sie kehrten jedoch bekanntlich sehr bald zur schicklichen Ruhe und Ordnung zurück. Anders stand es mit einer Reihe von Anderen, welche gleichfalls in diesen oder den nächstfolgenden Jahren in die neue Zeit eintraten und mit Entschiedenheit, Klarheit und Charakter auf den Gebieten des geistigen und Kulturlebens sowie der Wissenschaft ihre – selbstverständlich als revolutionär erkannten – Verkündiger und Verfechter wurden. Zu ihnen gehören David Strauß, 1808-1874, der weniger noch durch das bekannte »Leben Jesu«, als durch seine späteren biographischen und anderen kleineren Schriften sich den geistvollsten und gediegensten Schriftstellern unseres Jahrhunderts anschließt; die kampflustigen Gebrüder Bauer, Bruno, geb. 1809, und Edgar, geb. 1821; Arthur Schopenhauer, 1788-1860, dessen Philosophie erst in dieser Zeit mehr Beachtung zu finden begann, und der andere neue Bahnbrecher auf dem gleichen Gebiet, Ludwig Feuerbach, 1804-1872; Arnold Ruge, geb. 1802, endlich und Theodor Echtermeyer, 1805-1844, die Herausgeber der epochemachenden »Hallischen – später »Deutschen Jahrbücher«.

Die Bewegung gewann von Tag zu Tag an Kraft und Ausdehnung, die Spannung der Geister wurde stets eine größere, und als im Juni 1840 Friedrich Wilhelm III., der letzte Mitbegründer der »heiligen Alliance« und einer von den zugleich ängstlichsten und starrsten Hütern und Vertretern der alten stillen Zeit, starb, brach es allerwärts durch und aus. Man wähnte ein neues Zeitalter gekommen und begrüßte, nicht bloß in der großen, leicht fortzureißenden Masse des Volks, sondern auch in den Kreisen der gebildetsten, einsichtsvollsten und kaltblütigsten Männer, den neuen König Friedrich Wilhelm IV., mit erstaunlicher Hoffens- und Vertrauensseligkeit, als den Erlöser und Erwecker des unruhig träumenden Deutschlands, als denjenigen, der alle Fesseln sprengen und überall »der Freiheit eine Gasse« brechen würde. Und es erleichterte die Ausbreitung dieser Vertrauensseligkeit über das ganze, auch außerpreußische Deutschland nicht wenig, daß sich dasselbe grade einmal wieder in Folge der französischen Kriegs- und Rheingrenzen-Schwadronnage in seiner Zusammengehörigkeit zu fühlen begann, und daß selbst die ersten Versprechungen und auch einzelne Handlungen des neuen Regenten den gewaltigen Hoffnungen wenigstens nicht direct widersprachen.

Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirth, d. h. nicht bloß ohne den unerschütterten alten unheimlichen Staatskünstler zu Wien, sondern auch ohne – die Natur, Schulung und Gesinnung des neuen Königs selber gemacht, des »Romantikers auf dem Throne«. Die Enttäuschung folgte der Hoffnung und dem Vertrauen bekanntlich schon im gleichen Herbst auf das grausamste, und damit erhob sich die Bewegung vor allem auf dem politischen Gebiet mit neuer Kraft und setzte sich unaufhaltsam und stets zunehmend bis zu dem ungestümen, unglücklichen Ausbruch in den Jahren 1848 und 1849 fort.

Aus der Zahl der Kämpfer auf diesem Gebiet nennen wir, da die politische Prosaliteratur sich unserer Behandlung in diesem Buche entzieht, nur zwei. Johann Jacoby, geboren zu Königsberg 1805, dessen Broschüre, »Vier Fragen, beantwortet von einem Ostpreußen« inzwischen zu einem historischen Document ersten Ranges geworden ist, hat sich auch in anderen philosophischen, naturwissenschaftlichen und literarhistorischen Abhandlungen als einen Geist von Frische, Kraft und Originalität bewährt. Ihm können selbst die politischen Gegner die Anerkennung nicht versagen, daß er einer der am schärfsten und klarsten denkenden Köpfe der Gegenwart und einer der fleckenlosesten Charaktere unsrer Zeit ist, ein Mann, der seiner Ueberzeugung treu blieb sein ganzes Lebenlang und nie vor einem Opfer zurückwich, das aus einer solchen Treue ihm erwuchs – etwas unter allen Umständen Großes in unserer Zeit der Windfahnen. – Der andere, ihm in jeder Richtung ebenbürtige, ist Ludwig Walesrode, geboren 1810 zu Altona, aber in den vierziger Jahren gleichfalls zu Königsberg lebend. Walesrode ist nicht productiv, und das ist ernstlich zu bedauern, denn er hat alles und bewährt, wo er wirklich einmal auftritt, alles, was nicht den brillanten, aber den großen und einflußreichen politischen Schriftsteller macht: Gedankenreichthum und Gedankentiefe, eine eminente Verstandesschärfe, einen –unter Umständen – vernichtenden Spott, einen glänzenden Witz und zur Ausgleichung einen bald trockenen, bald hoch liebenswürdigen Humor, der auch den ihm Abgeneigten begütigt und mit fortzieht. Dazu gesellt sich endlich in allen seinen Schriften und Stücklein eine – wir müssen schon sagen: Gewalt der Rede und eine Kraft und Schönheit des Ausdrucks, die den Leser vollends fesseln und die Gegner von Anfang an als geschlagene erscheinen lassen. Denn Walesrode's Bildung ist die gediegenste und gründlichste und seinen Stoff und sein Thema nebst allem, was bei ihrer Behandlung in Betracht kommen kann, beherrscht und kennt niemand vollständiger als er. Seine kleinen Schriften, wie die »Politische Todtenschau«, »Unterthänige Reden«, »Glossen und Randzeichnungen zu Texten aus unserer Zeit« u. s. w. stehen in unserer politischen Literatur unübertroffen da. Daneben aber bezeugen andere Stücklein, wie das Märchen »Der Storch von Nordenthal«, oder die Humoresken, »Die Neumannsinsel«, »Aus dem Leben eines Stiefelknechts« und dergleichen auch ein überaus ansprechendes Erzählungs- oder richtiger gesagt: Plauder- und Darstellungstalent, das die Leser auf das heiterste zu unterhalten versteht. Neuerdings hat Walesrode begonnen, Bruchstücke aus seiner Lebensgeschichte zu veröffentlichen, ein Beginnen, dem man den raschesten Fortgang wünschen muß. Ein solches Werk, aus diesem Leben, diesem Geist und von dieser Feder muß für die Geschichte des deutschen Kultur- und inneren politischen Lebens während der letzten vierzig Jahre eines der wichtigsten und interessantesten werden, von allen, die geschrieben werden können.

Nun aber drängen sich uns desto zahlreicher die politischen Dichter entgegen – wie wir oben sagten, daß es nur wenige vereinzelte Erzähler dieser Zeit gibt, die nicht irgend einmal sich an einer Dorfgeschichte versucht hätten, so dürfen wir auch hier aussprechen, daß sich nur wenige Dichter finden, deren Dichtungen nicht gelegentlich immer wieder Zeugniß ablegten von der Tiefe und Ausbreitung der politischen Bewegung. Wie es in Deutschland stand, können die Heutigen schon daraus schließen, daß einzelne Lieder, wie das unbedeutende »Rheinlied« des als »Dichter« kaum erwähnenswerthen Nikolaus Becker, »Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein«, oder das treffliche »Schleswig-Holstein, meerumschlungen«, von dem als Verfasser erst viel später bekannt gewordenen M. F. Chemnitz, im ganzen Deutschland mit der höchsten Begeisterung aufgenommen wurden und auf allen Stegen, Wegen und Gassen, in allen Kreisen gesungen wurden.

Hier begegnet uns als der bedeutendste, wenn auch nicht erste, Georg Herwegh, geboren zu Stuttgart 1817, gestorben am 7. April 1875 zu Baden, dessen »Gedichte eines Lebendigen« im Jahre 1841 ganz Deutschland mit Staunen erfüllten und in einen Rausch der Begeisterung und Bewunderung versetzten. Selbst die Gegner wurden besiegt und fortgerissen, denn auch sie mußten wohl bekennen, daß Aehnliches bei uns daheim noch nie gesungen und belauscht worden war. Aus diesen Versen und Rythmen, in dieser Sprache, sprach kein bloßer dichterischer »Schwung«, sondern schlug eine gewaltige, glänzende Flamme empor; da war keine Allegorie mehr und kein schüchternes Tasten und Deuten, kein in die Ferne Schweifen, sondern die offene volle Wirklichkeit, der feste, harte Griff, die Heimat, in all ihrem Reichthum und all ihrer Armuth, in allen Hoffnungen und Enttäuschungen der Gegenwart. Das alles erklang obendarein und erbrauste in einer Sprache und erfüllte eine Form, die nicht schlichter und einfacher, nicht volksthümlicher, nicht melodischer und vollendeter gedacht werden konnten; und endlich brachen immer wieder von Zeit zu Zeit Herzens- und Empfindungslaute von einer Tiefe und Innigkeit hervor, welche nur dem wahren Dichter eignen. Gedichte, wie das treffliche »Reiterlied« – »Die bange Nacht ist nun herum«, – der zornige »Aufruf« – »Reißt die Kreuze aus der Erden«, – und »das Lied vom Hasse«, das schöne »Beranger«, der ernste »Gang um Mitternacht«, das bekannte, »Ich möchte hingehn wie das Abendroth«, und wie sie sonst alle erklingen, werden neben nicht wenigen der Sonette und Xenien stets zu den Schätzen unserer Poesie gerechnet werden müssen. Aber dies Feuer verflammte schnell. Herwegh verstummte alsbald und für immer fast vollständig und hat auch im politischen Leben nie einen hervorragenden Platz eingenommen.

Franz Dingelstedt, geboren 1814 in Hessen, anfangs im Lehramt, später Bibliothekar in Stuttgart und neuerdings an verschiedenen Orten mit der Leitung größerer Bühnen betraut, hat sich in der Novellistik durch »Friedliche Erzählungen«, »Novellenbuch«, »Die Amazone«, Unter der Erde«, u. s. w. und durch seine poesie- und empfindungsvollen »Gedichte« rühmlich bekannt gemacht. Als politischer Dichter machte er durch die »Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters« und die Zeitgedichte »Nacht und Morgen« Aufsehen und sicherte sich zwischen den übrigen einen hervorragenden Platz. Eine Tragödie, »Das Haus der Barneveldt«, wird gerühmt.

Ein bedeutendes, wenn auch nicht dichterisch hohes, aber tüchtiges und gesundes Talent zeigt uns Robert Prutz, geboren zu Stettin 1816, gestorben nach langen Leiden 1872. Seine »Gedichte« und »Neuen Gedichte« gehören zu den kräftigsten und gesinnungstüchtigsten; sein Aristophanes-Lustspiel, »Die politische Wochenstube«, in dem er mit kühnem Freimuth alle Schäden und Gebrechen – man könnte hinzusetzen: auch die »gebrechlichen« Menschen der Zeit angreift und verspottet, ist ein Stücklein voll Satire, Spott und schlagendem Witz, das nicht bloß als Product der damaligen Bewegung bekannt bleiben sollte. So hat alles, was er schrieb, Hand und Fuß; seine historischen Dramen, »Moritz von Sachsen«, »Karl von Bourbon«, »Erich, der Bauernkönig«, erheben sich, ob auch allzu tendenziös, im Uebrigen weit über die meisten ähnlichen zeitgenössischen Schöpfungen; die Romane »Das Engelchen«, »Der Musikantenthurm«, »Helene, ein Frauenleben«, u. s. w. zeichnen sich auch heut noch in unserer erzählenden Literaten aus, und die späteren Gedichte, »Aus der Heimat« und »Herbstrosen«, sind voll einer Empfindung und Innigkeit, die um so tiefer ergreifen, je seltener wir ähnlichen Offenbarungen dieses männlichen und charaktervollen Dichters zu lauschen haben. Am bedeutendsten und verdienstlichsten aber ist Prutz auf dem literarhistorischen Gebiet. »Der Göttinger Dichterbund«, »Geschichte des deutschen Journalismus«, »Die deutsche Literatur der Gegenwart«, »Menschen und Bücher«, »Ludwig Holberg«, das »Literarhistorische Taschenbuch«, und seine Zeitschrift, »Deutsches Museum«, und andere Schriften dieser Art zeigen ihn uns stets als einen Schriftsteller von Kenntnissen, von Einsicht, von Geschmack und von vorurtheilsloser Gerechtigkeit.

Ein ebenso gründlicher Kenner und eifriger Forscher auf sprachlichem und literarhistorischem Gebiet und einer unserer fruchtbarsten und heitersten Liedersänger ist August Heinrich Hoffmann, von Fallersleben, geboren 1798, gestorben zu Corvey im Januar 1874. Seine Professur in Breslau verlor er 1840 wegen seiner »Unpolitischen Lieder«, und zog seitdem, ein ächter »fahrender Sänger«, umher, bis der Herzog von Ratibor ihm bei der Bibliothek zu Corvey einen Ruheplatz gewährte. Hoffmanns Talent grade als Liedersänger ist ein ganz eminentes. Es erinnert an dasjenige Rückerts: es feiert niemals und versagt niemals; die Lieder sind da, man weiß nicht wie, und stets voll Anmuth und Liebenswürdigkeit, voll Naivetät und Frische, heiter und innig, spielend mit Spott und Satire und dennoch scharf treffend, wie es Stoff und Veranlassung, Gelegenheit und Zeit mit sich bringen. Vor allem aber – und darin freilich unterscheidet er sich von Rückert! – wird er niemals lehrhaft, sondern bleibt stets dem Leben und der Gegenwart zugewendet, ein treuer Sohn der Heimat und der Zeit. Es gibt in Deutschland keine Poesie, die singbarer wäre: man möchte sagen, alle diese Lieder und Liederchen singen uns mit ihrer eigenen Melodie an, die zugleich mit den Worten geboren wurde. – Seine sprachlichen und literarhistorischen Werke sind ebenso zahlreich wie die verschiedenen Liedersammlungen und lassen uns sein Gedächtniß stets in Ehren halten. Die » Horae belgicae«, die »Fundgruben für Geschichte der deutschen Sprache und Literatur«, »Das deutsche Kirchenlied«, »Deutsche Gesellschaftslieder«, » In dulci jubilo«, »Spenden zur deutschen Literaturgeschichte«, »Findlinge« u. s. w. sind alles Früchte gründlicher Studien und Zeugnisse einer Belesenheit, einer Kenntniß der älteren Literatur und eines Sammlerfleißes, die ihres Gleichen suchen. Schließlich soll hier auch noch seiner Selbstbiographie, »Mein Leben«, als eines werthvollen Beitrags zur Geschichte seiner Zeit erwähnt sein.

Um auch noch anderer zu gedenken, so erinnern wir an die ungestümen und zornigen Lieder von Karl Heinzen, und die charakter- und schwungvollen Gedichte von dem trefflichen, gesinnungstreuen Schwaben, Ludwig Seeger, 1810-1864, in seiner Sammlung, »Der Sohn der Zeit«. Er nimmt aber auch unter den neueren Lyrikern überhaupt einen hervorragenden Platz ein durch seine gemüthstiefen und formenschönen Lieder und anmuthigen Naturbilder, die viel zu wenig bekannt geworden sind.

Hieher gehören ferner zwei der glänzendsten und größten Talente, welche die Neuzeit kennen gelernt hat, beide durch den Tod uns und der Literatur zu früh entrissen, Moritz Graf von Strachwitz, 1822-1847, und Georg Spiller von Hauenschild, bekannter unter seinem Schriftstellernamen Max Waldau, 1822-1855. – Durch die Gedichte des Ersteren – »Lieder eines Erwachenden« und »Neue Gedichte«, geht ein aristokratischer und ritterlicher Zug, ohne daß sie darum der Zeit und ihrer Bewegung sich entfremdet zeigten. Und neben dem Schwung, der Begeisterung, der Kraft und dem edlen Zorn, neben der Gemüthstiefe und Naturandacht, zeichnet sie eine fast durchweg vollendete Form und schöne Sprache aus. – Von noch größerer Tiefe und noch höherem und reicherem Geist, begabt obendarein mit einem eigenartigen Humor, ist der zweite. Seine »Blätter im Winde« und die »Canzonen« – die schönste von ihnen, »O diese Zeit«, erschien besonders –, sein Idyll »Cordula, eine Graubündner Sage«, seine erzählenden Werke, »Nach der Natur« und »Aus der Junkerwelt«, sichern ihm einen der ehrenvollsten Plätze auf unserm Parnaß.

Schon während der Revolutionsjahre und zur Zeit der ärgsten Reaction singen voll ungebrochenen Muthes andere. Beachtung verdient Heinrich Zeise, um seiner kräftigen »Kampf- und Schwertlieder« und seiner poesievollen »Gedichte« willen; Bernhard Endrulat's, geb. 1824, »Gedichte« sind voll Begeisterung und seine erzählenden Dichtungen, »Geschichten und Gestalten« verrathen ein schönes Talent. Kräftiger und frischer noch singt Adolf Strodtmann, geb. 1829 (?) zu Flensburg, in seinen »Gedichten«, »Brutus, schläfst du?« u. s. w. Bekannter wurde er neuerdings durch seine guten biographischen Arbeiten und die trefflichen Ausgaben der Heine'schen Schriften und des Bürger'schen Briefwechsels. – Eine gewaltig einherstürmende, die Form überstürzende und dennoch gedankenschwere, ja philosophische Poesie spricht uns aus dem »Hohen Liede« und »Victor« von Titus Ullrich an. – Wilhelm Jordan, geb. 1819 zu Insterburg, schloß sich in seinen ersten Gedichten – »Schaum« – der revolutionären Bewegung an, von welcher er sich aber nach 1848 abwandte. Sein »Demiurgos« ist eine Art von Faustiade in episch-dramatischer Form und von außerordentlichem Umfang. Seine Dramen und Lustspiele »Die Wittwe des Agis«, »Der Liebesleugner«, u. s. w. sind beifällig aufgenommen worden. Neuerdings hat er durch sein großes episches Gedicht »Nibelunge«, eine Tiefer- und Weiterdichtung unseres Nationalepos, nicht geringes Aufsehen gemacht – ein Werk von unleugbarer Größe und reich an dichterischer Schönheit.

Moritz Hartmann, am 15. October 1821 geboren und gestorben am 13. Mai 1872, machte sich durch seine ersten Dichtungen, »Kelch und Schwert« und »Neuere Gedichte« rasch bekannt und documentirte sein großes Dichtertalent schon durch die in dem ersteren Werk enthaltenen ergreifend schönen »Böhmischen Elegien« auf das glänzendste. Während der Revolutionsjahre und gleich nach ihnen erschienen die satirische »Reimchronik des Pfaffen Mauritius« und das anmuthige Idyll, »Adam und Eva«. Später brachten auch die »Schatten« einzelne köstliche Lieder und in den kürzlich erschienenen »Gesammelten Werken« finden sich wiederum solche, die zu den Perlen unserer Poesie gehören. Aber Moritz Hartmann hat es nicht bei Dichtungen bewenden lassen. Er hat eine große publicistische Thätigkeit entfaltet; er hat Schilderungen von Land und Leuten geliefert – »Wanderungen durch celtisches Land«, »Briefe aus Dublin«, »Tagebuch aus Languedoc und Provence« u. s. w.; er lieferte eine nicht geringe Anzahl Märchen und von größeren und kleineren Erzählungen, »Der Krieg um den Wald«, »Erzählungen meiner Freunde«, »eines Unstäten«, »Nach der Natur«, »Die letzten Tage eines Königs« u. s. w. Und überall finden wir ihn als ächten Dichter, der stets den Eingebungen der Muse gehorcht, der stets mit vollem, warmem Herzen schafft, und als einen Erzähler, dessen einfache und schöne, graziöse und anmuthige Darstellung, dessen tiefe Herzenskenntniß, dessen freisinnige und ächt humane Lebensanschauung selbst seinen kleinsten Arbeiten und den unbedeutendsten Stoffen einen ganz einzigen Reiz und eine unwiderstehliche Anziehungskraft verleiht. Kurz, Moritz Hartmann ist, wo und wie er uns auch begegnet, ein Dichter, den wir hoch in Ehren halten sollen, und auch seine Werke beweisen uns trotz alles Wirbels und Schwindels der Gegenwart, daß es mit wahrer Poesie und Kunst in Deutschland noch nicht zu Ende geht.

Ein nicht geringeres Talent erscheint in Alfred Meißner, geboren 1822. Seine »Gedichte«, sein »Ziska« sind voll Feuer, Leidenschaft und ungemeiner Kraft. Sein »Sohn des Atta Troll. Ein Wintermärchen«, an Heine's Dichtung anknüpfend, ergießt einen bitteren Spott über die verunglückte deutsche Revolution. Seine Tragödie, »Das Weib des Urias« ist, obschon nicht bühnengerecht, ein Werk von hoher dichterischer Schönheit. In seinem farbenprächtigen Roman »Sanfara« und in den, der österreichischen neuesten Geschichte entnommenen beiden Werken, »Schwarzgelb« und »Babel« bewährt er ein bedeutendes Compositions- und Darstellungstalent. Später aber ist er von dieser Höhe in sehr rasch auf einander folgenden neuen Schöpfungen heruntergestiegen, und Erzählungen wie seine neusten, »Der Bildhauer von Worms« und »Oriola« zeichnen sich durch nichts in der großen Flut der modernen Erzählungsliteratur mehr aus.

Endlich seien hier noch ein paar von den politischen Dichtern und Schriftstellern genannt, welche meistens viel zu vornehm ignorirt werden: Adolf Glaßbrenner, geb. 1816, der Satiriker und Humorist, der Verfasser von »Berlin, wie es ist und – trinkt«, »Caspar, der Mensch«, »Der neue Reinecke Fuchs«, Herausgeber des »humoristischen Volkskalenders«. Und die beiden Redacteure des »Kladderadatsch«, E. Dohm und der auch als Dichter reizender Kinderlieder bekannte Rudolf Löwenstein. Von Beiden ist mehr als ein Gedicht in jenem Witzblatt zu finden, das zu unseren besten gehört.

Die Dramatiker blieben gleichfalls nicht hinter der Zeit und ihrer Bewegung zurück: an ihnen offenbarte es sich, daß Grabbe's formlose Gewaltigkeit, trotz aller vornehmen Ablehnung und Mißachtung, welche die Schöpfungen des Unglücklichen am liebsten für gar nicht vorhanden erklären zu wollen schienen, dennoch nicht eines tiefen Eindrucks verfehlt hatte und mehr als ein verwandtes, in sich klareres Talent auf seine Bahnen nachzog. Georg Büchner, geboren 1813 im Hessischen und gestorben als politischer Flüchtling 1837 zu Zürich, war hier mit seinem wilden, aber genialen dramatischen Gemälde, »Dantons Tod«, vorangegangen, einer Schöpfung, welche den frühen Tod ihres Dichters als einen schweren Verlust für die Poesie überhaupt beklagen ließ. – Ihm folgte schon in den nächsten Jahren eines der größten und markigsten Talente, die sich auf diesem Gebiete jemals hervorgethan haben, weßhalb es denn um so mehr zu bedauern ist, daß die ihm anklebende Schroffheit und Herbigkeit die allgemeine Anerkennung und volle Würdigung stets beeinträchtigen mußte: Friedrich Hebbel, geboren in Dithmarschen 1813, gestorben zu Wien 1863. Seine Tragödien »Judith«, »Maria Magdalena«, »Herodes und Mariamne«, »Der Ring des Gyges«, und neben den übrigen vor allen »Die Nibelungen«, sein letztes Werk, sind voll einer ächten und gewaltigen Tragik, von einem Gedankenreichthum und einer Gedankentiefe, von hoher Kraft der Gestaltung und des Ausdrucks, und endlich so reich an genialen und schönen Zügen, daß selbst jene Herbigkeit und Schroffheit den tiefsten Eindruck nicht zu hindern vermag. – Seine Lustspiele, z. B. »Der Diamant«, sind unbedeutend, dagegen findet man jene Gedankentiefe auch in seinen »Gedichten« wieder, und zwischen seinen »Erzählungen«, finden sich, neben den ernsten, nicht selten an Herbigkeit, ja Graßheit leidenden, einzelne Humoresken der gelungensten Art.

Von tüchtiger Bildung und künstlerischem Geist zeugen die bühnengerechten, aber häufig an innerer Ueberschwänglichkeit leidenden Stücke, »Robespierre« und »Die Girondisten«, von Robert Griepenkerl, geb. 1810 in der Schweiz, der seinerzeit hochgefeiert, 1868 zu Braunschweig vergessen und in den trostlosesten Verhältnissen starb. – Ein bewegtes Leben und eine außerordentliche Naturwahrheit, vereint mit einer markigen Gestaltungskraft zeigen uns die Tragödien von Otto Ludwig, einem Thüringer, geboren 1813 (? 1815) und gestorben nach vieljährigen, traurigen Leiden zu Dresden 1865, »Der Erbförster« und »Die Makkabäer«. Bekannter noch wurde seine, in Ansehung der Darstellung und Charakterzeichnung hervorragende, aber durch grasse Einzelzüge und Schilderungen unerquickliche Novelle »Zwischen Himmel und Erde«. – J. L. Klein, geb. 1810, ein Ungar, aber in Berlin lebend, hat seit Anfang der vierziger Jahre zahlreiche Stücke geschrieben, welche unleugbar interessant und talentvoll, dennoch mehr nur in Literaturkreisen bekannt wurden und zum Ansehen gelangten. Ein beachtenswerthes Bühnengeschick und schöne, nicht selten fortreißende Diction zeigen die, in der Composition aber häufig mangelhaften Stücke von dem jüngeren S. Mosenthal, geb. 1821, »Deborah«, »Der Sonnenwendhof«, »Der Schulz von Altenbüren«, u. s. w. – Hier ist auch eine Schriftstellerin, Elise Schmidt, geb. 1827, zu nennen, deren »Judas Ischarioth«, viel Kraft und wirkliche dramatische Begabung verräth. Nicht nach steht ihm das spätere Stück »Macchiavelli«, wogegen ihre Erzählungen, z. B. »Zeitgenossen«, entschieden unreif sind. Ferner führen wir noch den Königsberger Albert Dulk, geb. 1819, gegenwärtig in Stuttgart lebend, an, einen Dramatiker von außerordentlicher, aber freilich auch ungefüger Kraft und einer gelegentlich bis zum Bizarren gesteigerten Originalität. Seine Dramen, »Orla«, »Simson«, »Jesus der Christ«, verdienen trotzdem mehr Beachtung, als sie gefunden haben. – Und endlich sei Arnold Schlönbach genannt, 1817-1866, ein eigenartiges und naturwüchsiges Talent von überschäumender, wilder Kraft. Das bezeugen nicht nur seine hierher gehörende Tragödie, »Burgund und Waldmann«, sowie das brave epische Gedicht, »Der Stedinger Freiheitskampf«, sondern auch seine Erzählungen und seine, auch sonst höchst bemerkenswerthen, unter dem Titel »Weltseele« veröffentlichten Gedichte.

Daß auch die Prosa-, d. h. Erzählungsliteratur nicht hinter der Zeit zurückblieb, sondern der demokratischen oder richtiger revolutionären Strömung mit vollen Segeln folgte, braucht nicht erst versichert zu werden. Doch sieht es hier bei weitem dürftiger aus als auf den Gebieten der Dichtung und können wir uns begnügen, außer den früher schon erwähnten, z. B. Willkomms »Europamüden«, hier nur einzelne Namen und Titel zu nennen, wie Ernst Dronke's »Polizeigeschichten«, Louise Otto's – einer bis heute thätigen Schriftstellerin, Roman »Schloß und Fabrik«, »Schicksale eines Proletariers« von Eichholz, »Fürst und Proletarier« von Th. Oelckers, von dem es außer wahrhaft schönen »Gedichten«, auch noch zahlreiche andere anerkennungswerthe Romane und Erzählungen, z. B. »Humoristische Geschichten«, gibt, u. s. w. Schließlich möge auch noch der Roman von dem früher bei Fanny Lewald erwähnten Adolf Stahr, »Die Republikaner in Neapel« genannt werden, ein glühende Begeisterung und den ganzen revolutionären Ungestüm athmendes Werk.

57.

Wir gelangen nunmehr vorerst zu einigen Dichtern dieser Jahre, welche sich persönlich der Zeit nicht fern stellend und der allgemeinen Bewegung vielleicht nicht fremd bleibend, in ihren Schöpfungen dennoch kaum etwas von solcher Theilnahme offenbaren.

Der bedeutendste von ihnen, Gottfried Kinkel, ist 1815 zu Oberkassel bei Bonn geboren. Er studirte Theologie und hielt hernach theologische Vorlesungen in Bonn, bis er als Hülfsprediger und Gymnasiallehrer angestellt wurde. Er hat Predigten herausgegeben und, als er seiner theologischen Richtung wegen angefochten ward und an der Universität Vorlesungen über Kunstgeschichte und Literatur hielt, eine gerühmte »Geschichte der bildenden Künste bei den christlichen Völkern« geschrieben. In Folge seiner Betheiligung an der Revolution von 1848 und 1849 wurde er bekanntlich zum Zuchthause verurtheilt, entfloh aber von Spandau und lebte darauf meistens in London, bis er 1866 als Professor der Kunstgeschichte an das Polytechnikum zu Zürich berufen wurde. Kinkels »Gedichte«, die zuerst 1843 erschienen, zeichnen sich nicht nur durch ihre tiefe Gemüthsinnigkeit, sondern auch durch die heitere und gesunde Lebensauffassung und – wie z. B. in dem Cyclus »Die Weine«, einen frischen, höchst ansprechenden Humor aus. Dazu gesellen sich eine Anschaulichkeit, Kraft und Anmuth seiner Schilderungen und endlich eine Schönheit und Melodie der Form und Sprache, welche diesen Gedichten für immer in unserer Poesie einen der besten Plätze sichern. Und einzelne, wie der schöne »Gruß an mein Weib«, »Abendstille«: »Nun hat am klaren Frühlingstage«; »Trost der Nacht«: »Es heilt die Nacht des Tages Wunden«, und vor manchen weiteren das bekannte »Geistliche Abendlied« –

»Es ist so still geworden,
Verrauscht des Abends Wehn,
Nun hört man allerorten
Der Engel Füße gehn.
Rings in die Thale senket
Sich Finsterniß mit Macht –
Wirf ab, Herz, was dich kränket
Und was dir bange macht.« u. s. w.

gesellen sich zu jenen, die wir als die Perlen unserer Lyrik bewundern. – Doch zeigen schon die »Bilder aus Welt und Vorzeit«, daß Kinkels Talent ein vorwiegend episches ist. »Dietrich von Berne«, »Scipio«, »Der Maure von Tetuan«, u. s. w. sind Gedichte voll außerordentlicher Anschaulichkeit und hoher Plastik. Die Krone seiner Schöpfungen auf diesem Gebiet aber ist »Otto, der Schütz«, nach einer, auch von anderen Dichtern schon benützten, rheinischen Sage, eine Dichtung voll poetischen Gehalts, voll Tiefe und Innigkeit der Empfindung, von ungemeiner Frische und Anmuth in der Darstellung und reich an den glänzendsten Schilderungen: rheinisches Leben und rheinische Natur erschließt sich uns nirgends reizender. Man darf dies Gedicht unbedenklich für das beste seiner Art in unserer Poesie erklären, und selbst Kinkel hat in seiner späteren ähnlichen Dichtung, »Der Grobschmied von Antwerpen« sich nicht wieder zur Höhe der ersten zu erheben vermocht. – Seine politisirenden Gedichte, ein paar dramatische Jugendversuche und auch eine spätere Tragödie »Nimrod«, sind von keiner Bedeutung. Dagegen erheben sich die, im Verein mit seiner, 1858 zu London verstorbenen ersten Gattin, Johanna Mockel, geschriebenen »Erzählungen« – z. B. »Die Heimatlosen«, »Margret«, »Der Hauskrieg« u. s. w. – durch treffliche Darstellung, scharfe Charakterzeichnung und Anschaulichkeit der Schilderungen aus dem Volks- und Naturleben, weit über den größten Theil der damaligen erzählenden Literatur. Schließlich erwähnen wir, daß nach dem Tode seiner genannten ersten Frau ein Roman derselben, »Hans Ibeles in London«, erschien, welcher von neuem ihr schönes Erzählertalent bekundete.

Ein glücklicher, phantasievoller Dichter ist Wolfgang Müller von Königswinter, geboren 1816, gestorben im Juni 1873. Seine »Gedichte«, »Balladen und Romanzen«, »Junge Lieder«, das Rheinsagenbuch »Loreley«, »Die Maikönigin«, »Prinz Minnewin«, »Rheinfahrt«, »Johann von Werth«, »Sommertage am Siebengebirge«, u. s. w. sind alles, wenn auch nicht hervorragende, aber heitere und anmuthige Schöpfungen.

Ihm ähnlich ist Alexander Kaufmann, geboren 1821, zu Wertheim lebend, in seinen leichten und angenehmen Gedichten. Als seine Gattin lernen wir die begabte Dichterin Amara George kennen. – In seinen früheren Schöpfungen tritt hier auch der bereits früher erwähnte Hermann Rollet, geb. 1821 bei Wien, aber seit 1845 eine Zeitlang in Deutschland weilend, heran, während er später sich aus der anfänglichen Frische und Heiterkeit in unerquickliche Unklarheit verlor. – Otto Friedrich Gruppe, ein Danziger, geboren 1804, zeigt in seinen »Gedichten« und epischen Dichtungen, »Kaiser Karl«, »Firdusi«, nicht geringe poetische Begabung, eine achtungswerthe Gabe der Darstellung, und zeichnet sich durch die Schönheit seiner Sprache und gelungene Form aus. – Gemüthvoller und inniger, stets einfach, frisch und gesund und, wo die Zeit ihn aufruft und der Stoff ihn begeistert, voll Kraft und Schwung, sind die Gedichte von Emil Rittershaus, geb. 1824 (?) zu Barmen, wo er auch gegenwärtig lebt. – Cäsar von Lengerke, 1803-1855, veröffentlichte Gedichte – »Gedichte«, »Lebensbilderbuch«, »Weltgeheimnisse« – voll Sinnigkeit, Empfindung und eines innigen Naturverständnisses. – Voll warmer Empfindung, edler Gesinnung und tiefen, religiösen Gefühls sind die »Gedichte« und die weitbekannten »Frommen Lieder« von Julius Sturm, geboren zu Köstritz, 1816. – Erinnernd an Rückerts und Leopold Schefers Spruchpoesie, erschienen von dieser Zeit an auch die weisheitsvollen und herzlichen, anmuthigen und gemüthlichen, formell meistens ausgezeichneten Dichtungen von Julius Hammer, 1810-1862, »Schau um dich und schau in dich«, »Zu allen guten Stunden«, »Fester Grund«, »Auf stillen Wegen«, »Lerne, liebe, lebe«.

Stör' nicht den Traum der Kinder,
Wenn eine Lust sie herzt;
Ihr Weh' schmerzt sie nicht minder,
Als Dich das Deine schmerzt!

Es trägt wohl mancher Alte,
Deß Herz längst nicht mehr flammt,
Im Antlitz eine Falte,
Die aus der Kindheit stammt.

Leicht welkt die Blum', eh's Abend,
Weil achtlos Du verwischt
Den Tropfen Thau, der labend
Am Morgen sie erfrischt.

In Ch. F. Scherenberg, geb. 1798, finden wir einen streng patriotischen Dichter von keinem großen, aber durchaus eigenartigen Talent. Seine epischen Dichtungen »Waterloo«, »Leuthen«, Ligny«, »Hohenfriedberg«, »Abukir«, von denen das erste als das beste zu betrachten ist, sind Schlachtgemälde von einer gewissen primitiven Kraft, voll Bewegung, in gedrungener und markiger, aber auch oft harter und eckiger Darstellung und Sprache. Neuerdings hat er seinen Namen, der inzwischen fast verschollen war, durch eine Sammlung von Gedichten deutscher Dichter »Gegen Rom« in Erinnerung gebracht.

F. A. von Heyden, 1789-1851, wurde zu dieser Zeit durch eine schon seit Jahren erschienene, aber bisher übersehene epische Dichtung, »Das Wort der Frau«, plötzlich zu einem Liebling des Publikums, – nicht mit Unrecht, da es ein kräftiges und frisches, lebens- und poesievolles Gemälde aus der Hohenstaufenzeit war, ein gutes Gegengift gegen die nach den Revolutionsjahren plötzlich wieder aufwuchernde Unnatur und süßliche Empfindungsspielerei.

Einer solchen begegnen wir in dem gefeiertsten Werke dieser Zeit, der poetischen Erzählung »Amaranth« von O. v. Redwitz, geb. 1823 bei Ansbach, einer Schöpfung der reactionärsten Reaction auf kirchlichem, socialem, ja man möchte hinzufügen: auch auf poetischem Gebiet. In dieser Dichtung ist alles tendenziös. Die Menschengestalten, die Menschennaturen und die Menschenherzen sind so gut verfälscht und unwahr, wie das gesammte Mittelalter, das hier in einer mystischen Beleuchtung und Auffassung erscheint, welche von keinem der alten Romantiker überboten wurde; und wer die Natur mit liebevollen und verständnißinnigen Augen anzusehen versteht, wird auch hier, wo der Dichter am meisten bewundert wurde, häufig genug die reine Unnatur und Entstellung entdecken. Die ganz ungewöhnlich tiefe Wirkung dieser für Frauen und besonders für junge Mädchen gradezu gefährlichen Dichtung läßt sich nur einerseits durch die hochfromme, »christlich-germanische«, seit den Revolutionsstürmen von einem großen Theil des Publikums noch verbissener verfolgte Richtung, und andrerseits durch die tiefe Abspannung erklären, in welche man nach all der Aufregung der vorhergegangenen Jahre versunken war. – Die »Gedichte« des Verfassers und »Ein Märchen« leiden an allen Mängeln und Schäden der Amaranth-Dichtung, ohne daß die geringen Vorzüge derselben dies wieder gut machten. Seine ersten dramatischen Versuche, wie »Sieglinde«, »Philippine Welser«, sind durchaus mißlungen, und erst in den späteren, »Der Zunftmeister von Nürnberg«, »Der – übrigens an wunderlichen Einzelheiten reiche – Doge von Venedig« findet sich ein annähernd kräftiges dramatisches Leben. In seinem Roman »Hermann Stark«, erhebt der Dichter sich nach den beiden langweiligen ersten Bänden im dritten zu einer Art von gesunder Realität. Sein aus über fünfhundert Sonetten –! – zusammengesetztes »Lied vom neuen deutschen Reich«, leidet, ob auch nicht ohne gelungene einzelne Züge und gelegentlichen Schwung, an Skizzenhaftigkeit und formeller Ungelenkheit, und ist schon um seiner seltsamen Form willen als ein verunglückter Versuch aus diesem Felde zu betrachten.

Gustav Gans zu Putlitz, geb. 1821, gegenwärtig Intendant des Karlsruher Hoftheaters, machte sich durch seinen phantasievollen, anmuthigen Märchenstrauß, »Was sich der Wald erzählt«, rasch und vortheilhaft bekannt. Später hat er sich meistens auf dramatischem Gebiet mit Glück bewegt, – wir nennen die Schauspiele, »Das Testament des großen Kurfürsten«. »Waldemar«, »Don Juan d'Austria«, die seinen Lustspiele, »Das Herz vergessen«, »Badekuren«, »Der Salzdirector« u. s. w. In nicht wenig Novellen bewährt er auch als Erzähler ein hübsches Talent: diese Arbeiten sind stets sauber angelegt und sein ausgeführt und durchweht von einem poetischen Hauch, der es dem Leser bald wohl werden läßt. Ein Roman »Die Nachtigall« ist trotz einzelner romantischer Nachklänge, eine durchweg brave und liebenswürdige Schöpfung. – Neuerdings hat er in seinen »Theater-Erinnerungen« einen interessanten Beitrag zu seinem eigenen Lebens- und Entwickelungsgange und zur deutschen Theatergeschichte geliefert.

Ihm folgte unmittelbar nach Otto Roquette, geb. 1824 im Posenschen, eines unserer liebenswürdigsten neueren lyrisch-epischen Talente, mit seinem Rhein-, Wein- und Wandermärchen, »Waldmeisters Brautfahrt«, einem frischen, jugendlich heiteren, ächt poetischen Werklein. Von gleicher Frische, Innigkeit und Natürlichkeit sind auch die meisten seiner »Gedichte«. Das spätere epische Gedicht, »Der Tag von St. Jakob«, ist voll Klarheit und Kraft und ausgezeichnet durch vorzügliche Diction. Höher als diese und die übrigen früheren Schöpfungen, »Herr Heinrich«, »Hans Haidekukuk«, steht seine letzte, das dramatische Gedicht, »Gevatter Tod«, in welchem er den alten schönen tiefsinnigen Stoff des Volksmärchens zu einem gedankentiefen, an poetischen Schönheiten reichen Werke ausgearbeitet hat. Die Erzählungen und der Roman »Heinrich Falk«, muß man als weniger gelungen bezeichnen: Roquette ist und bleibt eben wesentlich Lyriker, der sich auf dem Gebiete der Erzählung weder zur vollen künstlerischen Klarheit, noch zur rechten Beherrschung seiner Stoffe erhebt. – Erwähnen wollen wir noch, daß er sich auch als Literarhistoriker versucht hat, in einer Monographie, »Joh. Chr. Günthers Leben und Dichten«, und in einer zweibändigen »Geschichte der deutschen Literatur«.

Hier nennen wir ferner um seiner anmuthigen und poesievollen Dichtung »Euphorion« willen den Ostpreußen Ferdinand Gregorovius, geb. 1821, der mehr noch durch seine prächtigen Naturbilder »Corsika«, »Wanderungen in Italien«, »Die Insel Capri«, und durch seine gediegenen Geschichtswerke, »Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter« und »Lucrezia Borgia«, bekannt geworden ist.

Ein schönes und ächtes Dichtertalent begegnet uns in Theodor Storm, geboren 1817 zu Husum, wo er auch jetzt wieder lebt. Seine anmuthige Idylle »Immensee« und seine »Gedichte« machten von Anfang an Aufsehen durch zarte Stimmung und seine Naturmalerei. Seine zahlreichen Erzählungen, Märchen u. s. w. »Im Sonnenschein«, »In der Sommermondnacht«, »Ein grünes Blatt«, u. s. w. zeichnen sich durch die gleichen Vorzüge aus, zu denen sich noch meistens eine hübsche Darstellung gesellt. Nur geht dieser Dichter auch in seinen Schilderungen oft gar zu sehr ins Detail und zeigt sich neuerdings von einer Weichheit, die oft hart an Sentimentalität streift und seinen Schöpfungen zuweilen fast den Stempel der Manier aufdrückt.

Realistischer und kerniger ist Anton Niendorf, geb. 1826, in seinem liebenswürdigen Idyll, »Die Hegler Mühle«, einer Art von versisicirter märkischer Dorfgeschichte, welches viel Verfall fand. Seine »Gedichte« sind dagegen ziemlich leicht, und auch in seinen übrigen Werken, einem Lustspiel, Dichtungen, Sagen, Novellen u. s .w. – »Entfesselte Furien«, »Die Entsagungsurkunde«, »Wie man regiert«, u. s .w. hat er sich nicht wieder über die Alltäglichkeit erhoben.

Um vieles höher, ja auf einem der ersten Plätze unter den neueren Dichtern, und als Uebersetzer, besonders russischer Dichterwerke und Shakespeare's, fast unerreicht, steht Friedrich Martin Bodenstedt da, geboren 1819 im Hannöver'schen, gegenwärtig in Meiningen lebend. Schon seine ersten Werke »Die Völker im Kaukasus« und »Tausend und ein Tag im Orient«, welche seinem mehrjährigen Aufenthalt zu Moskau und Tiflis ihre Entstehung verdankten, erregten die allgemeine Aufmerksamkeit und gleich darauf gewannen ihm die lebensfröhlichen und humorvollen, kecken und leichtsinnigen, aber unendlich anmuthigen und formell meisterhaften »Lieder des Mirza Schaffy«, aller Herzen. Auch seine, wieder der Heimat zugewandten »Gedichte«, die Sammlung »Aus der Heimat und Fremde«, sind reich an Stücken, welche seinen wahren Dichterberuf bekunden, und formell tadellos. Seine Uebersetzungen der Dichtungen Puschkin's und Lermontoff's und der Shakespeare-Sonette sind vielleicht das Vollendetste, das wir in dieser Richtung besitzen. Ein Werk »Shakespeare's Zeitgenossen und ihre Werke«, zeugt von seinen gründlichen Studien und umfassenden Kenntnissen. – Seine dramatischen Leistungen, z. B. »Demetrius«, sind dagegen nicht als gelungen zu bezeichnen, und während seine poetische Erzählung, »Ada, die Lesghierin«, ein farbenreiches Lebensbild aus dem Kaukasus ist und einzelne seiner Erzählungen auch auf diesem Gebiet sein Talent bewähren, leiden doch die meisten und so auch der Roman, »Das Herrenhaus im Eschenwalde«, an einer allzu großen Glätte und einer, durch sie noch gesteigerten, gewissen inneren Leblosigkeit. – Vor Kurzem erschienen Gedichte, »Aus dem Nachlasse Mirza Schaffy's«, welche sich den früheren nicht unwürdig an die Seite stellen.

Am Schlusse des Abschnitts wollen wir noch zwei von den Bühnenherrschern dieser Tage anführen, welche ihre schriftstellerische oder, wenn man so will, schöpferische Thätigkeit fast ganz oder doch vorwiegend auf dem dramatischen Gebiete entfalteten. – Charlotte Birch-Pfeiffer, geboren 1800 zu Stuttgart und gestorben 1868 zu Berlin, selber zwar keine unserer größten Schauspielerinnen, aber immerhin eine bedeutende Darstellerin, hat vom Anfang der dreißiger Jahre an unser Repertoir durch eine ganz außerordentliche Zahl von Schau-, Trauer-, Rühr- und anderen Spielen erweitert, von denen nicht wenige bis auf den heutigen Tag als Zugstücke ersten Ranges anzuerkennen sind. Das Talent dieser Frau ist kein selbstständiges, sondern ein aneignendes: wo sie in Heimat oder Fremde, in Näh' oder Ferne irgend einen neubehandelten Stoff entdeckt, für den sich der, gleichviel ob gute oder schlechte, Geschmack des Publikums erklärt hat, da greift sie ihn frischweg auf und gestaltet ihn zu einem Bühnenstück, das, wenn auch kein Kunstwerk, dennoch in Ansehung der Spielbarkeit und Wirksamkeit und überhaupt als dramatische Composition und alles Technischen, sich über die meisten kunstvollen und ächt künstlerischen Werke der gleichzeitigen Dichter erhebt. Hier gibt es für die, verächtlich das Haupt schüttelnde Kritik und für die nicht minder verachtungsvoll herabschauenden Dramatiker noch viel anzuerkennen und zu beherzigen, was der Birch-Pfeiffer sozusagen angeboren, von ihnen erst gelernt werden muß. Von ihren Stücken nennen wir hier nur die bekanntesten: »Hinko«, »Pfeffer Rösel«, »Nacht und Morgen«, »Dorf und Stadt«, »Die Marquise von Billette«, »Die Waise von Lowood«, »Die Grille«, u. s. w.

Von nicht geringerer Spielbarkeit und Wirksamkeit sind die gleichfalls ungemein zahlreichen, meist heiteren Stücke von Roderich Benedix, 1811-1873, der ebenso wie die Vorhergehende, früher selber Schauspieler war. Seine Lustspiele »Doktor Wespe«, »Das bemooste Haupt«, »Die Hochzeitsreise«, »Die Eifersüchtigen«, »Das Lügen«, »Die zärtlichen Verwandten« und wie sie sonst alle heißen, haben die Runde über die deutschen Bühnen gemacht und ergötzen und erheitern das Publikum noch immer. Künstlerisch betrachtet, stehen sie schon als Schöpfungen, die dem Geist ihres Verfassers selber entstammen, über den Arbeiten der Vorhergehenden. – Auch ein paar theoretische Schriften von Benedix, »Der mündliche Vortrag« und »Das Wesen des deutschen Rhythmus« sind brauchbare Bücher voll beherzigenswerther Winke, und die aus seinem Nachlasse veröffentlichte Schrift, »Die Shakespearomanie«, welche eben nach beliebter Weise todtgeschwiegen wird, hat trotz mancher Fehlgriffe doch unleugbar das Gute, daß sie sich einmal keck und kühn dem mit Shakespeare getriebenen Götzendienst entgegenwirft und uns mit Ernst und Würde auf unsere eigenen großen Dichter hinweist, die von den Vergötterern des Briten nur allzugern neben ihm kaum für voll angesehen und verkündet werden.

 

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