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Deutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen

Edmund Hoefer: Deutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorEdmund Hoefer
titleDeutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen
publisherVerlag von A. Kröner
year1876
correctorJosef Muehlgassner
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Vierter Abschnitt.
Von der Stiftung des Hainbundes bis zur Rückkehr Goethe's aus Italien (1788).

18.

Die Universität zu Göttingen, welche 1737 eröffnet wurde, war von Anfang an das geliebteste Pflegekind des hannöverisch-englischen Königshauses gewesen und hatte sich durch die liebevolle und einsichtige Sorgfalt ihres Curators, des Freiherrn Gerlach Adolf von Münchhausen und durch die liberale und großartige Unterstützung der Regierung rasch zu einer, in Deutschland kaum noch gekannten Blüthe erhoben. Eine eigentliche Theilnahme für die vaterländische Literatur haben wir unter den großen Lehrern Göttingens allerdings nicht zu suchen, im Gegentheil sah man nicht nur jetzt, sondern auch noch später ein wenig vornehm auf derartige Bestrebungen hinab – die Frage eines von diesen alten Göttingern an den ihn besuchenden Wieland: »Sind Sie der Wielandus, der den tractatum de Oberone ediret hat?« soll als wunderbar bezeichnend unvergessen bleiben. Haller war längst in die Schweiz zurückgekehrt; Kästner hatte, wie wir erfuhren, nur ein sehr beschränktes Feld seiner poetischen Thätigkeit, Und Lichtenberg war noch ohne Namen und Einfluß. Aber das wissenschaftliche Leben war ein sehr reges und zugleich, zumal durch Heyne, den großen Philologen, vertieftes; der Einfluß der englischen Literatur und Wissenschaft war hier, in Folge von Göttingens eigenthümlicher Stellung zu England, ein um vieles, unmittelbarerer als im übrigen Deutschland; die reiche Bibliothek empfing alles hieher Gehörende in größter Vollständigkeit und früher als jede andere; und das berühmte Universitätsblatt, die »Göttinger Anzeigen von gelehrten Sachen« gab davon überall hin Nachricht.

So wird es erklärlich, daß zumal bei dem ungemeinen Interesse und dem außerordentlichen Einfluß, welchen die englische Literatur grade jetzt in ganz Deutschland gewonnen hatte, Göttingen trotz seiner abweisenden Kälte und Vornehmheit, dennoch eine unwiderstehliche Anziehungskraft für alle besaß, welche sich ernster solcher Richtung zuwandten, ja sie nicht selten erst in dieselbe hineintrieb, und dadurch der Sammelplatz der jungen Leute und die Geburtsstätte ihres Bundes wurde, mit dem die neue Periode unserer poetischen Literatur beginnt. Es ist das letzte Beispiel von jenen jugendlichen dichterischen Verbindungen, wie wir sie vordem in Leipzig und Halle entstehen und wirksam werden sahen.

Heinrich Christian Boie, geboren 1744 zu Meldorp in Dithmarsen und gestorben ebendaselbst 1806, ein begabter und geschmackvoller, aber nicht productiver Kopf, wie wir ihn auch in dem Gründer und Leiter der »Bremer Beiträge«, Gärtner, kennen lernten, war es, der sich im Jahre 1769 mit Friedrich Wilhelm Gotter (geboren zu Gotha 1746 und gestorben daselbst 1797), zu der Herausgäbe eines Musenalmanachs nach französischem Vorbilde verband. Von Kästner mit Rath und That unterstützt, ließen sie den ersten Jahrgang 1770 erscheinen, der jedoch, wie auch die erwähnten Vorbilder, mehr nur eine Auswahl aus neuen poetischen Schriften, als wirkliche Originalbeiträge bot. Er wurzelte, abgesehen von der Neigung der beiden Herausgeber zu der französischen Eleganz, zu den epîtres und sogenannten poésies fugitives, noch ganz und gar in der bisherigen Literaturrichtung und läßt uns Klopstock und Ramler, Denis und Willamov, Gleim und die Karschin, und wie sie sonst heißen, entgegentreten.

Aber schon beim zweiten Jahrgange änderte sich dies einigermaßen, da Boie, der nach Gotters Abgang den Almanach allein herausgab, nicht nur eine Menge auswärtiger literarischer Bekanntschaften heranzog und zur Zuführung von neuen Mitarbeitern veranlaßte, sondern auch in Göttingen selber bald alles, was nur einen Vers zu machen verstand, um sich vereinte. Denn das Unternehmen fand bei den Schriftstellern nicht weniger gute Aufnahme als beim Publikum, da es ihnen die beste Gelegenheit bot, in bester Gesellschaft und unter zierlicher Form in die weitesten Kreise zu gelangen. So finden wir denn von den Göttingern bei Boie schon 1770 Bürger, der gleich darauf auch bereits Hölty und Johann Martin Miller heranführte, denen sich wieder Andere, wie ein Vetter Millers und Wehrs anschlossen. Im Frühling 1772 kamen Johann Heinrich Voß, Karl Friedrich Cramer, der Sohn des Klopstock-Freundes, und Johann Friedrich Hahn aus dem Zweibrückischen, die beiden Letzteren von Anfang an voll einer Art von ekstatischer Verehrung für Klopstock und sein Bardenthum, in welche sie alsbald auch Voß hineinrissen. Man bildete zu dieser Zeit bereits ein poetisches Kränzchen, allein der eigentliche und rechte Hainbund wurde erst am 12. September 1772 geboren, als Voß, Hahn, Hölty, die beiden Miller und Wehrs Abends auf ein benachbartes Dorf gingen, dort Milch aßen, dann in einem nahen Eichenwäldchen sich mit Eichenlaub schmückten, im Mondschein tanzten und sich ewige Freundschaft schworen.

Von nun an gewannen die samstäglichen Zusammenkünfte einen anderen Character, sie wurden feierlicher und sozusagen tendenziöser: man feierte und erhob Klopstock nebst allen Urdeutschen bis in den Himmel, während man Wieland als »Sittenverderber« sterben ließ und seine Bücher verbrannte. Man gab sich alte Namen, man schwärmte für Freundschaft, Natürlichkeit, Vaterland und Freiheit und erging sich im Franzosenhaß. – Der arme Boie, der auf den Ehrenstuhl gesetzt war und »Werdomar« geheißen wurde, mag sich unter dieser wilden Gesellschaft zuweilen wie verrathen und verkauft vorgekommen sein. Denn er als feingebildeter Mann, der nach allen Seiten hin und selbst zu dem verketzerten Wieland in nahen Beziehungen stand, konnte der Engherzigkeit und Verschrobenheit, wie sie häufig genug hervorgekehrt wurde, unmöglich Geschmack abgewinnen. Und auch andere, wie Cramer und die beiden Grafen Christian und Friedrich Leopold Stolberg, scheinen dem innersten Bunde trotz aller Freundschaft niemals ganz für voll gegolten zu haben – der Standesunterschied und die Standesgewöhnung ließen sich eben nicht ganz zum Schweigen bringen.

Durch die Stolberge, welche im Herbst 1772 mit ihrem Hofmeister Clausewitz eintrafen, kam nicht nur das neue Element des gesteigerten Freiheitsdranges und des grimmigsten »Tyrannenhasses« heran, sondern erlangte der Bund auch, was er am leidenschaftlichsten ersehnte, eine wirkliche Verbindung mit dem vergötterten Klopstock. Denn mit den Stolbergen war er persönlich bekannt, durch sie erfuhr er von den Göttingern, durch sie sandte er ihnen die Aushängebogen des Messias, jedem Mitgliede »einen Kuß und einen Kupferstich«, sprach ihnen seine volle Zufriedenheit aus und gedachte des Bundes in seiner wunderlichen »Gelehrtenrepublik« auf das lobendste. Denn Klopstock, der – es muß schon gesagt werden – in Ansehung der Eitelkeit seines Gleichen suchte, mußte sich durch die ihm hier gewidmete Begeisterung um so mehr geschmeichelt fühlen, als die damaligen Stimmführer der Literatur bereits angefangen hatten, sich kühler und kühler von ihm abzuwenden. Hier, bei den Göttingern, fand er noch alles, wie in seiner schönsten Zeit – seine Geburtstage waren die Feste des Bundes und wurden mit einem Aufwände, ja mit einer Uebertreibung des Enthusiasmus gefeiert, die uns Heutige halb bestürzt, halb lachen macht. Diese Steigerung zum durchaus Maßlosen und für uns völlig Unverständlichen, findet sich allerdings in dieser ganzen Zeit und überall wieder und durchdringt mehr oder weniger die ganze Gesellschaft. Sie zeigt sich uns aber nirgends – sagen wir gesteigerter, als unter den Göttingern: man möchte glauben, die derbe norddeutsche Natur der Meisten habe einmal aufgeschüttelt, nun auch tollere Sprünge hervorgerufen, als wir es bei den leichter und seiner organisirten, gleichzeitigen Rheinländern zu beobachten haben. Man muß nur einmal bei Voß den Bericht über die Tage lesen, an denen man im Herbst 1773 Abschied von den Gebrüdern Stolberg nahm: es werden Fluthen von Thränen vergossen, alles wird bleich vor Schmerz und fast ohnmächtig vor »fürchterlicher« Wehmuth.

Die Kunde von diesem Bunde und seinem Treiben verbreitete sich weithin durch Deutschland und ließ ihm überall eine steigende Aufmerksamkeit zuwenden und fast alles, was sich dichterisch angeregt fühlte, mit ihm in Verbindung treten – sei es auch nur durch den »Musenalmanach«, der ob auch eine Art von Bundesorgan, dennoch auch für jeden Anderen zugänglich blieb, so daß er zumal in den Jahrgängen 1773 und 1774 und überhaupt, bis Boie 1776 die Leitung an Voß überließ, gewissermaßen die Haupturkunde der neu entstehenden deutschen Lyrik ist. An Wichtigkeit kommt ihm selbst die von J. G. Jacobi 1774 gegründete Zeitschrift »Iris« nicht völlig gleich. In ihm erschienen alle die besten Lieder von Bürger, Hölty, Stolberg, Voß und neben ihnen Matthias Claudius, der Wandsbecker Bote, Friedrich Daniel Schubart, der alte Klopstockianer und Tyrannenhasser, und außer anderen mehr oder minder Bekannten, vor allen Goethe, der schon zu Wetzlar durch Gotter in »einige Berührung« mit den Göttingern gebracht war. So vermittelte der Musenalmanach eine lebhafte Verbindung unter den überall auftauchenden jungen Dichtern und zugleich eine eigenthümliche Vereinigung der anscheinend verschiedenartigsten Richtungen.

Denn gerade der Almanach belehrt uns, daß der Klopstock- und Bardenkultus, in welchem man lange Zeit die Göttinger gipfeln zu sehen wähnte, die jungen Köpfe keineswegs völlig erfüllte und betäubte, sondern ihnen noch ein rechtes Verständnis für die neuen Zeitströmungen übrig ließ. Durch dies Verständniß und durch die Hingebung an die neue Richtung grade sind sie für die Entwickelung unserer Literatur erst wirklich bedeutend geworden. Auch außer Bürger, der dem Klopstock'schen Einfluß niemals unterlag, und unter den Uebrigen und zum Bunde überhaupt eine unabhängige und selbstständige Stellung einnahm, finden wir bei allen den gleichen Zug zum Volksthümlichen und die mächtige Wirkung von Herders Lehre über das Wesen der ächten Volkspoesie. Von der Engherzigkeit und Feindseligkeit, welche uns in der Bundesspielerei begegnet, ist im Almanach wenig zu entdecken. Hier stellen sich die jungen Dichter nicht bloß mit den kalten Oden, sondern ganz ungenirt mit jenen von Klopstock verpönten, gereimten und wirklich volksthümlichen Liedern ein, die bald zum Gemeingut der Nation wurden und ihnen um so mehr alle Herzen gewannen, als der Almanach häufig sogar die leichtfaßliche und singbare Musik dazu lieferte.

Wer kann sie alle nennen, die Lieder, die, wenn auch nicht alle grade im Almanach gedruckt, doch aus diesem Kreise hervorgingen, sie, die unsere Vorväter erfreut und die noch heute geliebt werden und, wo sie erklingen, die Augen hell aufblicken lassen! Wir müssen uns schon begnügen, nur wenige anzuführen, wie vor allen anderen das schöne Abendlied von Claudius – »Der Mond ist aufgegangen, – Die goldnen Sternlein prangen – Am Himmel hell und klar«; – sein »Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher!« – das herrliche »Stimmt an mit Hellem, hohem Klang;« – »Es stand ein Sternlein am Himmel;« – »War einst ein Riese Goliath;« – »Wenn jemand eine Reise thut.« – Von Bürger: »O was in tausend Liebespracht – Das Mädel, das ich meine, lacht!« – »Herr Bachus ist ein braver Mann;« – »Ich will einst bei Ja und Nein;« – »Ach könnt' ich Molly kaufen!« – Von Hölty: »Ueb' immer Treu' und Redlichkeit;« – »Rosen auf den Weg gestreut;« – »Wer wollte sich mit Grillen plagen;« – »Mir träumt, ich wär' ein Vögelein;« – »Dein Silber schien durch's Eichengrün.« – Von J. M. Miller: »Was frag' ich viel nach Geld und Gut;« – »Auf, ihr meine deutschen Brüder;« – »Das ganze Dorf versammelt sich;« – »Traurig sehen wir uns an.« – Von F. L. von Stolberg: »Süße, heilige Natur;« – »Mein Arm wird stark und groß mein Muth;« – »In der Väter Hallen ruhte.« – Von Voß: »Die Lerche sang, die Sonne schien;« – »Tanzt Paar um Paar den Ringeltanz;« – »Seht den Himmel, wie heiter;« – »Das Mägdlein, braun von Aug' und Haar;« – »Ich saß und spann vor meiner Thür.« – Von Schubart: »Auf, auf, ihr Brüder und seid stark!« – Von Göckingk: »Der Himmel ist so trübe.« – Von Overbeck: »Blühe, liebes Veilchen;« – »Warum sind der Thränen – Unterm Mond so viel?« – »Wer gleichet uns freudigen Fischern im Kahn?« – »Das waren mir selige Tage.« –

Der Sommer 1774 brachte dem Bunde noch allerhand Gutes: Klopstocks fünfzigster Geburtstag wurde auf das feierlichste begangen; an diesem Tage wurde Johann Anton Leisewitz (1752-1806) als Mitglied aufgenommen, der einzige Dramatiker in dieser Runde. Er hat nur ein einziges Stück geschrieben, den »Julius von Tarent«, ein achtes Kind der Sturm- und Drangperiode, das von Lessing anfangs für eine Arbeit Goethe's gehalten wurde und ihn später zu dem hübschen Ausspruch veranlaßte: Leisewitz habe nur ein Junges geworfen, aber es sei ein Löwe gewesen. – Endlich, im Herbste kam Klopstock selber nach Göttingen und weilte einige Tage bei den jungen Leuten, deren Selbstgefühl dadurch aufs mächtigste erweckt wurde. – Er hatte, wie es hieß, »mit dem Bunde große Dinge vor«, und für diesen und sein Fortbestehen und seine Wirksamkeit trugen sich auch die Mitglieder selber mit allerhand abenteuerlichen Plänen. Allein das alles zerfiel in nichts. Die Zeit war erfüllt. Die Studenten zogen in die Heimat und suchten und fanden diese oder jene Stellung. Einige starben, andere verdarben und noch andere wurden endlich zu bittern Feinden. Die Musenalmanache – als Boie 1776 die Redaction an Voß überließ, erschien fortan nicht nur dieser, sondern auch ein zweiter in Göttingen, von Bürger u. s. w. herausgegeben – und Boie's neue, treffliche Zeitschrift! »Das deutsche Museum« erhielten zwischen den alten Freunden allerdings einstweilen noch einen gewissen äußerlichen Zusammenhang. Allein allmälig lockerte sich auch dieser, und die spätere Thätigkeit und Bedeutung der Hainbündler wird von Jahr zu Jahr mehr eine nur noch vereinzelte und persönliche.

19.

Es ist bemerkenswerth, daß die Entwickelung aller dieser, unleugbar großen Talente, eine beschränkte geblieben, ja sogar meistens bald ins Stocken gerathen ist und – mit einer einzigen Ausnahme – nicht eines sich über seine frischen und reichen, verheißungsvollen Anfänge recht zu erheben vermochte. Nur derjenige, der an eigentlich dichterischer Begabung den Meisten entschieden nachstand, Johann Heinrich Voß, ist wirklich fortgeschritten und hat, wenn auch auf anderen Gebieten als denen seiner Göttinger Schwärmzeit, eine Bedeutung gewonnen, die für seine Zeit nicht nur, sondern für die Gesammtentwickelung unserer Literatur niemals verkannt, noch unterschätzt werden darf.

Nicht wenige von den Mitgliedern verschwinden alsbald vollständig, andere starben schon früh. Zu den Ersteren gehört Leisewitz, der, wie schon bemerkt, nur den einzigen »Julius von Tarent« schrieb. Zu den Anderen zählt vor allen Ludwig Heinrich Christoph Hölty, geboren 1748 zu Mariensee bei Hannover, der schon 1776 starb. Hölty ist, ob auch nur in beschränktem Kreise, doch eine ächt dichterische Natur. In sich gekehrt, sentimental, träumerisch und melancholisch, unbeholfen und Sonderling im täglichen Leben, hat er den Barden- und Freiheitsschwindel seiner Bundesfreunde allerdings gutmüthig auch getheilt und sich in Oden und sogar Balladen versucht, die jedoch sämmtlich als mißlungen anzusehen sind. Die Naturbetrachtung und die Freude an der Natur, durchzogen von einer leisen Todesahnung, erfüllen seine gemüth- und empfindungsvollen, hin und wieder freilich auch empfindsamen Gedichte; hier aber zeigt er sich uns voll Innigkeit und Wahrheit, und da die Saite, welche er anschlägt, in jedem, zumal dem jugendlichen Menschenherzen einmal wiederklingt, so sind diese Lieder damals auf das herzlichste aufgenommen worden und auch heute noch nicht vergessen.

Johann Friedrich Hahn, geboren um 1750 im Zweibrückischen, starb schon 1779. Er hat nichts mehr geleistet. – Karl Friedrich Cramer, geboren 1752, wurde Professor in Kiel, 1794 aber wegen seiner Schwärmerei für die französische Revolution entlassen. Er ist verkümmert, im Jahre 1807 gestorben. Auch von ihm besitzen wir nichts Nennenswerthes, es müßte denn ein mehrbändiges Buch, »Klopstock, Er und über ihn«, sein, in welchem die Verherrlichung des alten Meisters auf die Spitze getrieben wurde.

Eine ganze Reihe von Namen übergehen wir und bleiben erst wieder bei Johann Martin Miller stehen, der 1750 zu Ulm geboren, daselbst 1814 als Decan und geistlicher Rath gestorben ist. Auch seine eigentlich dichterische Thätigkeit ist nach der Göttinger Zeit kaum noch sichtbar, dagegen erhebt er sich nun, 1776, zu der großen That seines Lebens, zu dem Roman »Siegwart. Eine Klostergeschichte,« – einem Buch, das Goethe's kurz zuvor erschienenen »Werther« noch – man möchte sagen: überwertherte und das Wertherfieber zur Siegwartstollheit steigerte. Die Empfindsamkeit, die Schönthuerei mit seinem sogenannten Herzen, die Thränen- und Schmerzschwelgerei erreicht hier eine Höhe, die für uns, wo sie nicht unsern Ekel erregt, völlig unverständlich bleibt und es räthselhaft erscheinen lassen muß, daß abgesehen von dem Beifall der entnervten Gesellschaft, sich trotz alledem selbst gewichtige Stimmen für das Werk erheben konnten und daß elende Nachahmungen es womöglich noch zu überbieten versuchten. – Prutz bezeichnet in seinem »Göttinger Dichterbund« Miller als »das wort- und thränenreiche Weib in der Gesellschaft der Stürmer und Dränger«. Das trifft wirklich auf das genaueste zu. – Die übrigen Romane Millers sind überhaupt keiner Erwähnung werth.

Von den Brüdern Stolberg interessirt uns nur der jüngere, Friedrich Leopold, geboren 1750 in Holstein, gestorben 1819. Der ältere Graf Christian war nur so eine Art von Nachbeter und Mitläufer des jüngeren. Stolberg ist, wie wir aus den oben erwähnten Liedern und auch aus späteren einzelnen Arbeiten schließen dürfen, ein keineswegs unbedeutendes Talent, aber er ist ohne Character als Mensch und ohne Ernst und Tiefe in seiner dichterischen und künstlerischen Anschauung. Trotz seiner unausgesetzten Beschäftigung mit dem Alterthum – er übersetzte auch den Homer – findet sich bei ihm niemals eine wirkliche Hingebung an dasselbe, geschweige denn etwas wie ein rechtes Verständniß desselben. Trotz seiner Freiheitsschwärmerei oder, um es richtiger zu bezeichnen, Tyrannenfresserei, bleibt er der vollbewußte Edelmann von altem Namen und schlägt, da die französische Revolution ihn sozusagen beim Wort nimmt, in das extremste Gegentheil um. Am meisten wurden und werden ihm seine religiösen Wandelungen und sein endlicher Uebertritt zum Katholizismus verdacht – ob mit wirklichem, vollem Recht, das ist eine Frage, die denn wohl noch eine ernstere und unparteiischere Untersuchung verdiente, als ihr seit Vossens groben und schrankenlosen Angriffen stets zu Theil geworden ist. Es scheint uns die Möglichkeit einer Erklärung nicht ausgeschlossen zu sein, durch welche diese Seite von Stolbergs Wesen und diese Partie seines Lebens in viel milderem Lichte erscheinen muß und auch unser Urtheil ein milderes werden sollte. Die fromme, oder sage man immerhin, die pietistische Richtung, welche von den Hallensern ausgegangen war, wurde während des achtzehnten Jahrhunderts niemals verlassen, sie begegnet uns vielmehr, und nicht am wenigsten grade im mittleren Deutschland, gegen den Norden zu und in Holstein, in den höheren Ständen stets wieder. Sie gewinnt an Stärke durch die, wie wir es schon früher betonten, völlig naturgemäße, ja nothwendige Reaction gegen die sogenannte Aufklärung; wie diese steigert auch sie sich bis zum Extrem, ja bis zur Monstrosität und ruft Erscheinungen hervor, wie Hamann in seiner späteren Zeit, wie Lavater und den Teufelsbanner Gaßner, wie den Kreis der Fürsten Gallizin, wie das Wöllner'sche Religionsedict. Die Starken verfolgen unbeirrt ihren Weg, die Schwachen werden fortgerissen auf schwindelnde oder dunkle Bahnen. Und ein solcher Schwacher ist eben Fritz Stolberg, der viel geschmähte, während er uns im Grunde nur Bedauern einflößen sollte, daß er nach einem äußeren Halte greifen mußte, den der Stärkere und Klarere in sich selber findet. Was der Mensch sein sollte, darf unser Urtheil über ihn weniger bestimmen, als das, was er ist und seiner Anlage nach zu sein vermag. Wir sind nicht alle Helden im Leben und noch weniger im Geist.

Zu ganz der gleichen nachsichtigen und schonenden Anschauung müssen wir uns erheben, wenn wir einigermaßen gerecht, ja in diesem Falle gradezu gesagt – menschlich über denjenigen urtheilen wollen, der uns zunächst entgegentritt: das ist Gottfried August Bürger. Wir begegnen in Bürger einem Menschen, dessen Leben, und einem Dichter, dessen Dichten in nur allzutrauriger Verwandtschaft mit dem armen Christian Günther steht, dessen wir früher gedacht haben. Wie dieser hat auch Bürger persönlich sein ganzes Lebenlang mit Noth und Jammer zu kämpfen gehabt und unter Geringschätzung und Verkennung, ja nackter Mißhandlung gelitten; freilich, weil er, wiederum wie Günther, niemals der trübseligen Verhältnisse Herr zu werden vermochte, vielmehr sie häufig genug durch seine Schwäche und Characterlosigkeit erst hervorrief und bis zum Unerträglichen sich steigern ließ. Und noch einmal wie Günther hat auch er das Unglück, daß man von seiner Persönlichkeit und seinen persönlichen Verhältnissen bei der Betrachtung und Beurtheilung seiner Dichtungen nicht ganz abzusehen vermag, da der Einfluß der Ersteren in den Letzteren nur allzuhäufig und allzuverderblich zur Geltung gelangt und Bürger niemals zu dem werden und das erreichen ließ, wozu ihn sein Talent berechtigte und was es ihm unter günstigeren Umständen gewährt haben würde. Denn dieses, sein dichterisches Talent ist von der Art, daß wir unter unseren Dichtern nur wenige seines Gleichen und kaum eines oder ein paar finden, die ihm wirklich überlegen gewesen sind.

Bürger wurde 1748 zu Wolmerswende im Halberstädtischen geboren, wo sein Vater Prediger war. Doch kam er schon früh zu seinem Großvater und wurde von diesem alsbald nach Halle aufs Pädagogium gethan, von dem er 1764 zur Universität überging, um Theologie zu studiren. Hier hatte, wie man sagt, der Philologe Klotz, den wir mit Lessing und Herder in Streitigkeiten verwickelt fanden, den schlimmsten Einfluß auf ihn und führte, ihn in das lockere Leben ein, so daß schon hier der Grund zu dem haltlosen Treiben gelegt wurde, in das er je länger desto mehr verfiel. Der Großvater rief ihn entrüstet zurück, ließ ihn jedoch später nach Göttingen gehen, um die Rechte zu studiren, zog dann aber, in neuer Entrüstung, die Hand völlig von ihm ab. Freunde unterstützten den völlig Mittellosen, Boie interessirte Gleim für ihn, nahm seine Gedichte in den Musenalmanach und bewirkte endlich 1772 seine Anstellung als Amtmann in Altengleichen bei Göttingen. Die Unterstützung, die ihm der Großvater jetzt gewährte, ging durch Betrug verloren; die Ehe, welche er 1774 schloß, wurde eine um so unglücklichere, als er bald entdeckte, daß er die jüngere Schwester der Frau liebte und Gegenliebe fand. Von der nächsten Zeit kann man nur sagen: es schlug ihm alles fehl, es ging ihm alles verloren, selbst die Achtung und Theilnahme seiner Umgebung, in Folge der schlimmen häuslichen Verhältnisse. Endlich legte er sein Amt nieder und ging nach Göttingen, um hier als Privatgelehrter zu leben. Aber er kam aus Hunger und Noth nicht heraus, und als seine Frau starb und er endlich die Geliebte – die gefeierte Molly – heirathen konnte, verlor er diese schon nach kurzer Zeit durch den Tod. Da war es denn mit ihm aus. Er wurde noch Professor in Göttingen; er ging noch einmal eine Ehe mit dem sogenannten »Schwabenmädchen« ein, das sich ihm brieflich antrug; sie wurde, leichtsinnig geschlossen, noch unglücklicher als die frühere und bald getrennt, und Bürger starb 1794, verzehrt von Krankheit und Sorgen, vereinsamt und mißachtet, verdüstert und gebeugt, bis zum Verhungern arm – ein deutscher Schriftsteller!

Ueber seine Schwächen und Verirrungen wollen wir den Schleier des Schweigens und Vergebens decken. Sagen wir nur das Eine, daß es unter unseren großen Dichtern fast nur einen oder zwei gibt, welche von den ebenen und zahmen Pfaden des Lebens in der Glut und Leidenschaft der Jugend nicht einmal ungestüm auf die wilden und rauhen hinübergeschweift sind. Was ihnen zu Hülfe kam und sie rettete, günstige Verhältnisse, eine gesellschaftliche Stellung, nachsichtige und thätige Freunde – dem armen Bürger ist von dem allem wenig oder nichts zu Theil geworden. – Das wollen und dürfen wir nie vergessen.

Von dem Klopstock-Schwindel und dem Bardenthum blieb Bürger stets frei; dem Hainbunde gehörte er, der zu dieser Zeit auch schon in Altengleichen hauste, sozusagen nur als »auswärtiges Mitglied« an. Seine Bildung wurzelte tief in den Alten, in Shakespeare, Percy und Herder; das volksthümliche Element spricht sich in seinen Dichtungen unter den Göttingern am reinsten und entschiedensten aus, wenn es sich allmälig auch mehr und mehr ins Rohe und Platte, in das rein Bänkelsängerische verliert.

Dies gilt grade von der Ballade oder Romanze, in welcher Dichtungsart man sich gewöhnt hat. Bürgers Hauptverdienst zu finden, und er hat in der That hier die ersten Muster- und Meisterstücke geliefert, denen Goethe und Schiller, Uhland und so viele Andere nacharbeiten. Hier war Percy's Sammlung vom größten Einfluß auf ihn: mehr als eine seiner Balladen ist nur eine Bearbeitung der alten englischen Gedichte. Seine »Lenore« dagegen ist eine ureigene Schöpfung seines Geistes, ein mächtiges, nie wieder erreichtes Werk, das seinen Ruhm mit einem Schlage begründete und heut wie damals als ein Kleinod unserer gesammten Dichtung erscheint. Selbst Bürger hat, was er hier erreichte, niemals wieder zu Stande gebracht, obschon er noch manches Gute – z. B. »Das Lied vom braven Manne« – geliefert hat.

Einen fast noch höheren Werth müssen wir Bürgers Lyrik zugestehen, nur muß man es bei ihm noch entschiedener als bei manchem anderen Dichter festhalten, daß man diese Lieder in ihrer ersten Gestalt liest, bevor die spätere Bearbeitung den ursprünglichen frischen Duft und Reiz von ihnen fortkünstelte. Dann finden wir in ihnen, zumal in den Liebesliedern, diesen Duft und Reiz, eine Tiefe der Empfindung, eine glückselige Heiterkeit, einen Wohllaut des Verses, die sie dem Schönsten an die Seite stellen, was wir besitzen. Der arme Bürger, dem das Leben schwerer bettete, als irgend einem Anderen, weiß nichts von dem gemachten Weltschmerz und all dem eingebildeten Herzensjammer, die später auch unsere Poesie zu einem Jammerthal gemacht haben, und wo einmal die Klage laut wird, ist auch sie voll Wahrheit und ein achter Schmerzenston des Herzens. – Das Sonett endlich hat Bürger nach langer Ruhe zuerst wieder aufgenommen und zu einer Vollendung erhoben, die noch heute nicht übertroffen ist. – Mit einem Worte, Schiller, der in einer bittern Recension Bürger herab- und sogar unter den Vers- und Reimspieler Matthisson setzte, hat Bürger weder von seiner Stelle in unserer Poesie, noch aus dem Herzen seiner Nation zu verdrängen vermocht, sondern zeigt nur, wie auch ein großer Geist sich einmal verirren und zur vollen Ungerechtigkeit steigern kann.

Bürger hat sich selber sein Urtheil gesprochen und seine Grabschrift geschrieben in den wundervollen, herzergreifenden Zeilen:

»Zwar ich hätt' in Jünglingstagen
Mit beglückter Liebe Kraft,
Lenkend meinen Götterwagen
Hundert mit Gesang geschlagen,
Tausende mit Wissenschaft.

Doch des Herzens Loos, zu darben,
Und der Gram, der mich verzehrt,
Hatte Trieb und Kraft zerstört;
Meiner Palmen Keime starben,
Eines besseren Lenzes Werth.«

Der Einzige, der an eigentlicher poetischer Begabung fast allen diesen Dichtern nachstand, dennoch aber nicht nur als solcher, sondern auch in anderer Richtung mehr geleistet hat und von größerer Bedeutung für unsere Literatur und Bildung geworden ist, als seine Gottinger Jugendversuche zu verheißen schienen, ist, wie wir oben sagten, Johann Heinrich Voß, geboren 1751 zu Sommersdorf in Mecklenburg und als Sohn eines verarmten Pächters in den dürftigsten Verhältnissen herangewachsen. Auf dem guten Gymnasium zu Neu-Brandenburg legte er einen tüchtigen Grund zu den klassischen Studien. Die deutsche Literatur, vor allen Ramler und Klopstock, gingen nebenher, die Liebe zur Natur und ein wirkliches Verständniß derselben fand sich schon in dem Jüngling ausgesprochen; Shakespeare, den er bald darauf kennen lernte, begeisterte ihn. Durch Gedichte für den Musenalmanach wurde er mit Boie bekannt und ging, wie wir erfuhren, 1772 nach Göttingen, um Philologie und neuere Sprachen zu studiren. Und dies führte er, trotz der Zerstreuungen des Bundeslebens und ohne darum die deutsche Literatur zu vernachlässigen, auf das gewissenhafteste durch. Auf einer Reise nach Hamburg und Holstein lernte er nicht nur Klopstock, sondern auch Boie's Schwester, Ernestine, kennen, welche bald schon seine Gattin werden sollte. Nach seinem Abgang von Göttingen privatisirte er bei Claudius in Wandsbeck, setzte, wie schon erwähnt, den Boie'schen Musenalmanach fort und begann schon hier die Uebersetzung der Odyssee. Dann wurde er Rector der Schule in Otterndorf, und kam einige Jahre später in der gleichen Stellung nach Eutin, wo er mit Friedrich von Stolberg wieder zusammen lebte, bis allmälig eine gegenseitige Erkaltung eintrat, welche, nach Stolbergs Uebertritt zum Katholicismus in die bitterste Feindschaft überging. Seiner geschwächten Gesundheit wegen ließ er sich 1802 pensioniren, lebte einige Jahre in Jena und folgte endlich 1805 einem Rufe an die Universität zu Heidelberg. Da lebte er, unausgesetzt thätig, bis an seinen Tod, der 1826 erfolgte.

Voß ist eine derbe und ein wenig herbe, aber durchaus gesunde, norddeutsche Natur, in welcher die Klopstocks- und Bardenschwärmerei den gesunden, tüchtigen Kern, die Liebe zur Natur und das Verständniß für dieselbe, die ächt volksthümliche Richtung nicht zu übertäuben und zu verwirren vermochte. Seine volksthümlichen Lieder freilich leiden alle mehr oder minder an einer gewissen Nüchternheit und trockenen Verständigkeit und zeigen ihn uns auf eben dem Irrwege, auf dem wir auch Bürger und Claudius und manchen Späteren begegnen, wo die Dichtung aus dem Volk zu einer ausdrücklich für das Volk bestimmten wird. Wie ernst er es mit dieser »Volkspoesie« nahm, geht aus der Thatsache hervor, daß er 1775 bei dem Markgrafen Karl Friedrich von Baden um Anstellung als »Landdichter« nachsuchte. Seine poetische Beschränkung in dieser Richtung zeigt sich aber am deutlichsten grade in seinen Versuchen in der plattdeutschen, d. i. in der Volkssprache seiner Heimat, in denen kaum eine Spur des plattdeutschen Volksgeistes zu entdecken ist. – Trotzdem sind grade seine Idyllen, aus dem Studium Theokrits hervorgegangen, ein ernstlicher Fortschritt gegen die Unnatur der Geßner'schen Arbeiten, wirkliche Abbilder der Natur, des Land- und Dorflebens, und der »siebzigste Geburtstag« und seine »Luise« gehören trotz mancher Breite und fast kleinlicher Detailmalerei noch immer zu den Mustern auf diesem Gebiet. Hier wurde der Grund gelegt, aus welchem Goethe seine Meisterschöpfungen, »Alexis und Dora« und »Hermann und Dorothea« sich erheben lassen konnte.

Sein größtes Verdienst aber und seine höchste Bedeutung hat er durch seine Uebersetzungen und vor allem durch die erste von Homers Odyssee, 1781, gewonnen. Hier ist das tiefste Verständniß der nun wirklich sich auch für weitere Kreise erschließenden antiken Welt und zugleich eine Natürlichkeit und Frische, welche das Werk zum vollen Eigenthum des deutschen Geistes macht. Das war nicht nur der Beginn der wirklichen Uebersetzerkunst, sondern auch die Feststellung der Form, und mit noch größerer Entschiedenheit als durch Klopstock, wird durch Vossens Homer der Hexameter zum feststehenden epischen Versmaße unserer Poesie. Ueber den für uns wenigstens durchaus zweifelhaften Werth und Segen dieser Errungenschaft haben wir uns schon oben, bei Klopstock, geäußert und wiederholen hier nur: die Poesie, die man so eben erst als eine »allgemeine Welt- und Völkergabe« erkannt und bestimmt hatte, wurde schon jetzt wieder gewissermaßen für Privateigenthum erklärt. –

Wir gehen endlich zu einigen Dichtern über, welche, sei es äußerlich durch den Musenalmanach, sei es als Anhänger und Schüler Klopstocks, sei es durch ihre Richtung auf das Volksthümliche und Natürliche, mit den Göttingern in Verbindung standen und sich daher auch auf das schicklichste hier an sie anreihen lassen. Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß dieselben fast alle gleichzeitig auch mit den rheinischen, eigentlichen Stürmern und Drängern in nahen Beziehungen stehen und gewissermaßen das Verbindungsglied der beiden großen Literaturkreise bilden.

Bei manchen genügt die Anführung der Namen: Anton Matthias Sprickmann, geboren 1749 zu Münster, Verfasser einiger Dramen und kleiner Beiträge zu den Musenalmanachen, Mitglied des Gallizin'schen Kreises, gestorben in der Vaterstadt 1833. – Christian Adolf Overbeck, geboren zu Lübeck 1755, gestorben daselbst 1821; von seinen nicht selten wirklich hübschen Liedern haben wir oben einige angeführt. – Gerstenberg ist schon früher genannt, nicht minder Göckingk; zu ihnen gesellt sich G. F. E. von Schönborn, geboren zu Stolberg 1737, gestorben im Holsteinischen 1817, in dänischen Diensten, weniger durch seine Dichtungen bekannt, als durch seine Verbindung mit Goethe und dessen Eltern, mit welchen er im Briefwechsel stand. – Von größerer Bedeutung ist Friedrich Müller, zur Unterscheidung von manchen Namensgenossen gewöhnlich der Maler Müller genannt,, geboren 1750 zu Kreuznach, gestorben zu Rom, wo er fast fünfzig Jahre lebte, 1825. In seinen Anfängen wurzelt er noch ganz in Klopstock und daneben in Geßners Idyllen, während er später hier Theokrit folgt und endlich zum Volkston übergeht, wo »Die Schafschur« und »Das Nußkernen« vielen Beifall fanden und verdienten. Sein Drama »Golo und Genovefa« behandelt zum erstenmal den alten, von den späteren Romantikern gepriesenen und verwendeten Stoff und ein anderes, »Dr. Fausts Leben« ist ein verunglückter Vorläufer der Goethe'schen Dichtung. In Rom widmete er sich mehr und mehr dem Studium der Kunst und der Alterthümer und' war ein geschätzter Fremdenführer.

Christoph Friedrich Daniel Schubart, geboren 1739 zu Obersontheim in Schwaben, gestorben 1791 zu Stuttgart als Musikdirektor, Hof- und Theaterdichter, ist nicht nur ein musikalisches, sondern auch dichterisches und publicistisches Talent hohen Ranges. Ursprünglich Klopstockianer vom reinsten Wasser, der den »Messias« stets bei sich führte und allerwärts vorlas, ahmte er dennoch gelegentlich auch Wielands Leichtfertigkeit nach; zugleich Wüstling und Tyrannenhasser, war er ein Stürmer und Dränger sozusagen auf eigene Faust, und Freigeist in des Wortes schärfster Bedeutung, bekehrte er sich auf dem Asberg, im Gefängniß, zum Mysticismus. So ist denn auch er einer von den unglücklichen Halbmännern, die durch ihre eigene Schranken- und Haltlosigkeit verhindert wurden, ihrem Talente gerecht zu werden. – Das beste seiner Lieder, das sogenannte Kaplied, »Auf, auf, ihr Brüder und seid stark«, haben wir schon oben genannt; das berühmteste, »Die Fürstengruft«, hat seinen Ruhm wenig verdient, da es durchaus phrasenhaft ist. Andere Lieder sind dagegen ihrerzeit wirklich ins Volk gedrungen und lange gesungen worden. Besonders zu erwähnen ist seine Zeitschrift, »Deutsche Chronik«, ein Blatt, das zu den verbreitetsten Deutschlands gehörte und an kühnem Freimuth alles bisher Bekannte übertraf. In ihm findet sich auch das bekannte Epigramm auf den Herzog Karl: »Als Dionys von Syrakus aufhören muß Tyrann zu sein – Da ward er ein Schulmeisterlein«, wodurch der Fürst so erbittert wurde, daß er den Dichter zehn Jahre lang in zum Theil schwerer Haft hielt. Man darf sagen, daß Schubart durch dieses Unglück und die ihm allseitig gewidmete Theilnahme bekannter wurde und bekannter blieb, als seine Dichtungen es im Grunde rechtfertigten.

Friedrich Wilhelm Gotter, der Mitbegründer des Musenalmanachs und der Jugendbekannte Goethe's zu Wetzlar, ist 1746 zu Gotha geboren und starb ebendaselbst 1797. Den Einflüssen französischer Bildung, welche in der Vaterstadt am Hofe und in allen mit diesem zusammenhängenden Kreisen mächtig waren, blieb er sein Lebenlang unterthan, hier mit Wieland, dort mit Weiße und Gleim verwandt. Seine poetischen Briefe, Operetten, kleinen Lieder, Bearbeitungen französischer Theaterstücke – alles ist zierlich, sauber und elegant, heiter und ansprechend. Und da sich zu diesem leichten, hübschen Talent eine überaus angenehme Persönlichkeit gesellte, so wird es erklärlich, daß er seinerzeit in weiten Kreisen beliebt und angesehen war.

Wir schließen diesen Abschnitt mit dem »Wandsbecker Boten«, Mathias Claudius, wiederum einem nicht großen, aber wirklich ansprechenden Talent, voll Bravheit und Biederkeit, voll Herzlichkeit, Wärme und einer gewissen Natürlichkeit, vermöge welcher er in seinen Schriften hin und wieder einen wirklich volksthümlichen Ton anzuschlagen vermochte. So schwang er sich zu einem Liebling des Publikums auf. Da ihm jedoch das ächte und klare Verständniß der Volksthümlichkeit gleich fast allen übrigen Dichtern dieser Zeit abging, so blieben jene Töne eben nur vereinzelte und zufällige, und wo er auf sie ausging und sie erzwingen wollte, verfiel er nach und nach in eine immer pedantischere, unleidliche, ja endlich nicht selten läppische Manier, die jeden Genuß zerstört. – Sein Leben ist eines der schlichtesten und geordnetsten, die man sich denken kann. Geboren 1740 im Holstein'schen und gestorben 1815 zu Hamburg, war er nur einmal, auf einen Ruf Mosers, in Darmstadt, konnte jedoch das Klima nicht vertragen und kehrte in seine Heimat und seine beschränkten Verhältnisse freudig zurück. Seiner religiösen Richtung nach gehörte er zu Hamann, Lavater, F. H. Jacobi und dem holsteinischen frommen Kreise, verfällt aber auch hier im Alter mehr und mehr einer gewissen Uebertreibung und Ungesundheit. – Von seinen Schriften nennen wir nur die bekannte Wochenschrift, »Der Wandsbecker Bote«, welche er unter dem Schriftsteller-Namen Asmus herausgab. Seiner Lieder haben wir gleichfalls schon oben gedacht und wollen neben den dort genannten hier nur noch an das innige Abendlied erinnern:

»Das schöne große Tagsgestirn
Vollendet seinen Lauf;
Komm', wisch' den Schweiß dir von der Stirn',
Lieb' Weib, und dann tisch' auf.«

20.

Herders Reise im Jahre 1770 durch Deutschland nach Darmstadt und sein Aufenthalt während des folgenden Winters zu Straßburg ist eine Art von moderner Hedschra. Denn mit ihr beginnt das große Zeitalter unserer neueren Poesie.

Es ist etwas Zauberhaftes in diesem plötzlichen Ausbruch der seit langem vorbereiteten Bewegung. Im nördlichen und mittleren Deutschland und bei den Göttingern war er bei weitem kein so gewaltsamer, sondern blieb ein annähernd maßvoller oder, wenn man es so heißen will, vernünftiger. Trotz der Extravaganzen Einzelner, haftete all' den derben und kühlen Naturen etwas Ruhiges und Nüchternes, ja Lehrhaftes an, das sie, mit Ausnahme des einzigen Bürger, niemals überwunden und völlig aufgegeben haben; das gelegentlich verlorene Maß und die verspottete Regel wurden bald wiedergefunden oder durch neue, selbstgeschaffene ersetzt und wieder zur Geltung gebracht. In den Rheinlanden dagegen war es wirklich beinahe wie ein Märchen: die Siegel wurden von den Salomonischen Flaschen gelöst, und die Geister drangen hervor und erhoben sich, riesenhaft und gewaltsam, formlos und über jedes Maß hinaus brausend, jede Schranke verspottend und jede Regel verlachend – es war, wie wir schon früher andeuteten, der Sturm der Revolution auf geistigem und auch auf sittlichem Gebiet, der auf dem politischen in Frankreich erst zwanzig Jahre später zum Ausbruch gelangte.

Es könnte auf den ersten Blick überraschen, daß dieser gewaltsame Ausbruch hier und nicht im nördlichen oder mittleren Deutschland erfolgte, selbst wenn man auch das in Berechnung zieht, was wir soeben von den nord- und mitteldeutschen und Göttinger Dichtern sagten. Das deutsche Literaturleben war seit hundert und mehr Jahren fast ganz auf diese letzteren Gegenden beschränkt geblieben. Seit hundert und mehr Jahren war in den Rheinlanden sowohl wie im ganzen Süden nicht ein Dichter, ja kaum ein Geist von Bedeutung und Einfluß hervorgetreten, und selbst die Neueren, die Drollinger und Abbt, die Uz und Götz, und wer sonst hier noch zu nennen sein möchte, blieben alle, ob auch noch so anerkennungswerth und schätzbar im Einzelnen, dennoch von durchaus untergeordnetem Range. Wieland, der erste, wirklich hell aufleuchtende Stern am Dichterhimmel, war erst vor kurzer Zeit aus den Jugenddünsten und Nebeln hervorgetreten und nun freilich im raschen Aufsteigen begriffen. Allein auch er war im Grunde nichts weniger als eine revolutionäre Größe, sondern konnte noch ganz und gar in den, sich allerdings immer freier und weiter gestaltenden Kreis des bisherigen Literaturlebens gerechnet werden und in ihm völlig zur Genüge Platz und Raum zur Ausbreitung und zum Fortschreiten finden. Sein Einfluß war ein immerhin beschränkter und von einer besonderen Anregung und einer Erweckung neuen Lebens, die von ihm ausgegangen wären, zeigte sich um ihn her und grade in seiner Heimat kaum eine Spur. Alles war überhaupt noch ringsum still, und nichts deutete anscheinend aus einen plötzlichen Wechsel hin, noch auf die Fülle von neuen Trieben, welche nur auf den ersten freundlichen Sonnenstrahl warteten, um auf das kräftigste aus ihrer langen Ruhe hervorzubrechen.

Wer es sich nicht verdrießen läßt, den Ursachen der Dinge nachzuforschen, kann in dieser Stille und diesem Zurückbleiben kaum etwas Ueberraschendes finden. Alles was in Nord- und Mitteldeutschland der fortschreitenden Entwickelung des Geistes und des Kulturlebens so lange Zeit hindernd in den Weg getreten war, fand sich am Rhein und im Süden in gesteigertem Maße wieder. An die Verheerungen des dreißigjährigen Krieges hatten sich fast unmittelbar die Raub- und Brandzüge Ludwig XIV. geschlossen, mit ihren methodischen Verwüstungen, mit der Vernichtung aller Ordnung und Ruhe, aller Wohlhabenheit und Kultur. In zahllosen Duodezherrschaften blühte die schrankenloseste Willkür und das liederlichste Hofleben und das letztere breitete sich pestartig weiter und weiter über die geknechteten unteren Stände aus, für deren Wohl und deren Hebung von obenher so gut wie nichts geschah, deren Bildung vielmehr meistens die verächtlichste oder unwissendste Mißachtung oder der ausdrückliche Wille der Niederhaltung sich entgegenstemmte. So fand man es zumal nicht selten auf den geistlichen Territorien, wo obendarein auch noch die Religionsfrage mit allem, was sich an sie anschließt, in schärfster Weise hervortrat.

Im Norden hatte man sich, ungefördert und unbegünstigt, seit dem Ansänge des Jahrhunderts selber aufzuraffen begonnen und Friedrich des Großen Regierung war endlich diesem Streben auf das dankenswertheste und glücklichste zu Hülfe gekommen. Aber auch am Rhein und im Süden hatte sich, wenn schon langsamer, ein neues Leben zu regen angefangen, und sich bei weitem lebhafter und kräftiger zu entwickeln begonnen, als man es fürs erste noch nach außen hin wahrnahm. Man darf nicht vergessen, daß den ungünstigen und beschränkenden Verhältnissen und Zuständen hier andere gegenüberstanden, welche der vordrängenden neuen Entwickelung auf das förderlichste entgegen und zu Hülfe kamen. Das war nicht nur das regere und entzündlichere Blut dieser Stämme, sowie der empfänglichere Volkscharacter und der ganze leichtere Lebenszuschnitt. Sondern es war auch die Nähe Frankreichs und der um vieles unmittelbarere Einfluß seiner Sitte, seiner Bildung, seiner Literatur. Die drüben aufgährenden neuen Ideen gewannen diesseits der Grenze rasch Zugang und gelangten zur tiefsten Wirkung, obschon man im Grunde hier gut, ja besser deutsch dachte und fühlte, als man es bis auf den heutigen Tag wohl hie und da aussprechen hört, und sich äußerlich das französische Wesen nach Kräften vom Leibe zu halten suchte. Rousseau's Lehren fanden nirgends einen empfänglicheren Boden, denn der Gegensatz der verrotteten und unerträglichen öffentlichen und socialen Zustände gegen die inneren Forderungen und die Gemüthswelt überhaupt, trat nirgends greller hervor, wurde nirgends schwerer empfunden.

Zu diesen nächsten und man möchte sagen, inneren Antrieben gesellte sich nun der Einfluß des außerordentlichen Aufschwunges, den die Literatur und die Geistesbildung im Norden von Tag zu Tage mehr nahm. Die freiere und lebensvollere Luft, die von Preußen herüberstrich, mußte endlich, wie wir schon früher sagten, auch hier zur Wirkung gelangen und die Nebel und Dünste zerreißen; der Sturm des siebenjährigen Krieges machte sich auch hier, zugleich reinigend, aufklärend und kräftigend geltend. Und allmälig fingen hie und da auch einzelne Fürsten an, die neue Zeit und ihre Forderungen zu verstehen, und machten den Versuch, ihnen gerecht zu werden. So finden wir die »große Landgräfin« Henriette von Darmstadt und ihren Präsidenten Moser; den Markgrafen Karl Friedrich von Baden mit seinem Minister Edelsheim; den Herzog Karl von Württemberg und seine »hohe Karlsschule«, die man nur allzu lange in einem viel zu ungünstigen Lichte erblickt hat; und endlich selbst den Kurfürsten Emmerich Joseph von Mainz und den Coadjutor Dalberg. Ueberall rang und drängte es aus der langen Erstarrung und Verdumpfung zum Leben und zur Bewegung empor, hinauf zum Licht und zur Freiheit. Es fehlte ihm sozusagen nur das Wort, das es in die Wirklichkeit einführte und es zur Herrschaft rief.

Da traf Herder in Straßburg auf denjenigen, in welchem dies gesammte Gähren und Drängen der Zeit, des Geistes, des Gemüths und der Empfindung, der Bildung und – man möchte sagen: des Lebens selber concentrirte und der dazu befähigt und bestimmt war, dafür das erlösende Wort zu finden und es zugleich zum gewaltigsten und vollendetsten Ausdruck zu bringen. Das ist er, der größte Dichter der neueren Zeit und einer der größten, reichsten, klarsten und kraftvollsten Geister und Menschen aller Zeitalter und aller Nationen – Johann Wolfgang Goethe.

»Genie vom Wirbel bis zur Zehe«, – »ein Geist voll Feuer, mit Adlerflügeln«, – »körperlich und geistig so hoch begabt, daß er als das Bild des vollkommensten Menschen erscheint«, – so, und noch viel begeisterter, urtheilen die Zeitgenossen des wunderbaren und wundervollen Menschenkindes; so steht es vor ihnen, so schließen sie es in ihre Herzen. Und wenn auch der Eine oder Andere, wie Herder oder Merck, wohl einmal über ihn zankt und an ihm und seinem Treiben mäkelt und nergelt, so sind und bleiben doch auch solche ihm zu eigen. Unterliegen wir Heutigen doch diesem Zauber noch immer in gleicher Weise, wenn wir uns nicht absichtlich gegen die Wahrheit verblenden und vor ihr entfliehen. Wo Goethe uns entgegentritt, sei es als Dichter, sei es nur als Referent, in den eigenen Briefen oder in denen der Freunde, überall fühlen wir uns ihm zu eigen und unterthan. Es athmet uns eine so frische und natürliche, gesunde und schöne Jugend an, ein solcher Jubel des fröhlichsten Uebermuths und der sorglosesten Ausgelassenheit, und daneben und zugleich dennoch so viel Tüchtigkeit, Ehrlichkeit und Bravheit, so viel Wärme und Herzensgüte, so viel Geist und Herz, so viel Gemüth, eine solche Lebensfülle und eine solche Lebensgewalt, – daß auch heute, nach vollen hundert Jahren noch dieser »singuläre Mensch«, wie ihn der eigene Vater hieß, dieser »böse Mensch mit dem guten Herzen« Betti Jacobi's, gleichsam lebendig vor uns steht, gleichsam zwischen und mit uns lebt, wie ein Gegenwärtiger.

Ein gewaltigerer und segensreicherer, tiefer dringender und weiter reichender Einfluß auf die gesammte geistige Entwickelung und Bildung seiner Zeit ist niemals von einem Menschen ausgeübt worden. Wenn irgend jemals, darf man hier von dem »Zeitalter Goethe's« sprechen und als solches die sechzig Jahre von 1773 bis 1832 bezeichnen, in denen es auf deutschem Boden im Grunde nichts und niemand von irgend welcher Bedeutung gibt, das und der nicht in einer gewissen Beziehung zu, in einer Art von Verbindung mit dem großen Manne stände. Wo er sich, gleichviel wie flüchtig, zeigt, ist der Eindruck ein unwiderstehlicher, beherrschender, und selbst wo er gar nicht wirklich hervortritt, bleibt man sich seines Daseins, seiner Herrschaft, seines Einflusses tief bewußt. Er besteht ebenbürtig nicht nur neben der gewaltigsten Gestalt dieser Zeit, neben Napoleon, sondern auch neben der Revolution und Reaction, und drückt der Zeit neben und trotz ihnen sein Gepräge auf.

So schließen sich denn auch die Abschnitte und Verzweigungen unseres literarischen Lebens für diese Periode auf das allergenauste an diejenigen seines eigenen Lebens und an die Stufen seiner eigenen Entwickelung. Sie wurzeln alle in ihm und bleiben in steter inniger Verbindung mit ihm; sie verfallen, wo sie sich von ihm loslösen, oder gar über ihn hinauszugehen wagen, fast ausnahmslos der Unnatur und Unwahrheit und gelangen schnell zu einem wenig rühmlichen Ende.

21.

Indem wir zu der Darstellung von Goethe's Leben und der Besprechung seiner Werke gelangen, müssen wir es vor allen Dingen betonen, daß wir nicht daran denken, noch denken können, unsern Lesern und Leserinnen etwas auch nur annähernd Ausführliches und Vollständiges zu bieten. Das vermag keine Schrift wie die unsere zu leisten, und auch wir selber sind weit davon entfernt uns für fähig zu einem solchen Unternehmen zu halten. Hat doch bisher das sorgfältige Studium und die gewissenhafte Arbeit so vieler begabter und einsichtiger Köpfe im Grunde noch nirgends über Materialsammlungen und Versuche hinausgeführt, welche hinter dem, was wir von einer wirklichen Biographie und einer erschöpfenden Darstellung der poetischen Bedeutung des großen Mannes mit Recht verlangen dürfen, weit zurückgeblieben sind. Aber wir glauben freilich auch die Zeit zu einer solchen vollständigen Geschichte seines Lebens und seiner Thätigkeit und zu einer erschöpfenden Würdigung seiner Bedeutung und seiner Schöpfungen, noch gar nicht gekommen. Und zwar nicht bloß wegen der Lücken, welche uns hier leider noch überall begegnen, sondern auch und mehr noch, weil Goethe gewissermaßen noch immer zwischen uns lebt und wirkt, und weil unsere geistige Entwickelung und Production nirgends weit genug über ihn hinausgegangen und von seinem Einflusse frei genug geworden ist, um uns einen Standpunkt einnehmen zu lassen, von dem aus wir dies außerordentliche Leben und diese nicht minder außerordentliche Schöpfungskraft zu übersehen und unbefangen und gerecht zu beurtheilen im Stande wären.

Wir können und werden uns daher auch nur an die Umrisse halten und dürfen dies um so eher, als das Leben des Dichters im Allgemeinen und zum mindesten seine Hauptwerke theils bekannt genug sind, theils durch die billigen Ausgaben und durch zahlreiche, häufig recht brauch- und lesbare Darstellungen jedem Wissensdurstigeren leicht bekannt werden können. Wir wollen hier nur das treffliche Buch des Engländers Lewes über »Goethe's Leben und Schriften«, anführen, das trotz mancher unleugbaren Mängel und Irrthümer, nur von der verletzten deutschen Eitelkeit hie und da nicht als das beste Buch anerkannt werden wollte, welches wir über diesen Gegenstand besitzen.

Johann Wolfgang Goethe wurde am 28. August 1749, einem Donnerstage, grade als die Uhren Mittag schlugen, in der alten Kaiserstadt Frankfurt am Main geboren. Sein Vater war der Doctor beider Rechte und kaiserliche Rath Johann Kaspar Goethe, geboren 1710, ohne feste Anstellung, in guten Lebensverhältnissen, ein strenger, kalter Mann, pedantisch bis zum Eigensinn, aber von großer literarischer Bildung, voll Liebe und Verständniß für die Kunst, voll unstillbarem Wissensdrang und voll Lust und auch Fähigkeit, das Erlernte wieder mitzutheilen. Seine Mutter war die älteste Tochter des Schultheißen Textor, Katharina Elisabeth, geboren 1731 und daher bei des Dichters Geburt wenig über achtzehn Jahre alt. Sie war eine einfache und geistvolle, herzliche und liebevolle, immer heitere, lebenslustige und bis in ihr höchstes Alter hinein jugendliche Natur, eine Natur voll von unendlicher Liebe zu den Menschen und daher auch von allen, die ihr nahe kamen, ausnahmslos geliebt und verehrt.

In der Hut und Pflege solcher Eltern wuchs Goethe neben der, von mehreren Geschwistern allein übrig bleibenden, 1750 geborenen Schwester Cornelia fröhlich gedeihend auf, von keiner Seite gehemmt und beschränkt, durch keine engen Verhältnisse zurückgehalten, vielmehr von überallher und durch alle Umstände begünstigt, angeregt und gefördert. Zu dem, was das Vaterhaus und die Vaterstadt, die Familie und ihr Verkehrskreis ihm boten, kamen bald genug auch von außen her mächtige Anregungen und tiefe Eindrücke: die ersten Gesänge von Klopstock's Messiade waren auf ihn von der außerordentlichsten Wirkung, Friedrichs des Großen Kämpfe und Thaten im siebenjährigen Kriege erregten und begeisterten ihn auf das höchste. Die Besetzung Frankfurts durch die Franzosen und der Verkehr mit ihnen, der Besuch ihres Theaters, vermittelten immer neue Anschauungen und Begriffe; sein Kunstsinn begann sich zu bilden, er lernte eine Schauspielkunst kennen, welche der damaligen deutschen noch um vieles überlegen war; er gewann Einblicke in die französische Literatur und Dramaturgie und erlangte, halb spielend, eine steigende Gewandtheit im Gebrauche der französischen Sprache. Und was er im hohen Alter noch von sich sagte und durch die That bewies, daß das Bedürfniß seiner Natur ihn zu vermannigfaltigter Thätigkeit zwang – das zeigte und bethätigte er schon jetzt. Als die unruhigen Zeiten vorüber waren, ging es wieder eifrig in die ernste Arbeit hinein: Griechisch und Lateinisch, Englisch, Französisch und Italienisch, ja das Frankfurter Judendeutsch waren ihm noch nicht genug – er wollte auch noch das Hebräische lernen. Und er sammelte diese Kenntnisse nicht nur, sondern suchte sie auch anzuwenden: mit einer wunderbaren Productionslust und Productionskraft begabt, fing er eine Art von Roman in Briefen an, die in den genannten Sprachen abgefaßt wurden, versuchte sich in der Behandlung von alttestamentlichen Stoffen, wo die anderen Versuche in geistlichen Oden und Liedern, in der sogenannten anakreontischen Poesie und endlich Gelegenheitsgedichte unausgesetzt nebenhergingen. Die letzteren entstanden vorzüglich in einem Kreise von jungen Leuten, mit dem er bekannt geworden war und in welchem er, der Vierzehnjährige, das Glück und die Qual der Liebe kennen lernte, zu jenem »Gretchen,« von dem er uns in Wahrheit und Dichtung erzählt. Die Entdeckung und der gewaltsame Abbruch dieser Verbindung, die im Frühling 1764, während der Festlichkeiten bei der Wahl und Krönung des römischen Königs Joseph II. erfolgten, stürzten ihn in eine ernste Krankheit.

Im Herbst 1765 ging er, um die Rechte zu studiren, nach Leipzig, der Stadt, wo noch immer ein reges literarisches Leben herrschte, Gottsched auf den Trümmern seines Ruhmes vegetirte und Gellert lehrte; wo ein großer Handels- und Fremdenverkehr die Verbindung mit der halben Welt vermittelte und die »feine Sitte« und gesteigerte Lebensansprüche nicht nur die »gute Gesellschaft« auszeichneten, sondern sich in allen übrigen Kreisen und dem gesammten Tagesleben bemerklich machten. Aus dem Besuche der Vorlesungen und der Fachstudien wurde nicht viel, allein in Ansehung seiner gesellschaftlichen und universellen Bildung, erwies sich dieser Aufenthalt von eingreifender Wichtigkeit. Der Umgang mit gebildeten und geistvollen Frauen, wie die Hofräthin Boehme eine solche war, zeigte sich von wohlthätigster Wirkung nicht nur auf die äußere Erscheinung und Haltung des wilden und reichsstädtisch befangenen Frankfurter Kindes, sondern auch auf die Förderung seines Geschmacks und auf die Berichtigung seiner Auffassung und seines Urtheils in der Poesie und über dieselbe. Hier freilich trat auch der Einfluß einzelner Männer heran, des Leipziger Professors Morus zum Beispiel, vor allem aber J. G. Schlossers, seines späteren Schwagers, der in allen Richtungen anregend und aufklärend eingriff und ihn zu neuer Thätigkeit antrieb.

Goethe brach mit seiner gesammten Vergangenheit, möchte man es heißen; er warf die Frankfurter Garderobe fort und verbrannte alle älteren poetischen Arbeiten und Entwürfe. Nun traten ihm Wielands Schriften, besonders »Musarion« nahe und er lernte Shakespeare kennen – die Beiden erklärt er für seine ächten Lehrer. Und da der Trieb zum eigenen dichterischen Schaffen immer lebhafter wurde und er in seiner Umgebung und bei den Genossen im Allgemeinen sich durchaus vereinzelt und einsam fand, so fing er an, immer entschiedener die Anregung so gut, wie die Stoffe in sich selber zu suchen, aus dem eigenen Herzen und der eigenen Empfindung, aus der Natur und Wirklichkeit zu schöpfen, alles, was ihn erfüllte und bewegte, in poetische Form zu fassen, um Herz und Kopf wieder leicht und klar zu machen.

Von dieser neuen, nicht nur für Goethe selber, sondern auch für die gesammte Entwickelung unserer Literatur unberechenbar wichtigen und folgenreichen Richtung liegen uns schon aus dieser Leipziger Zeit einzelne Zeugnisse vor. Das sind vor allem die Lieder, von denen zwanzig unter dem Titel: »Neue Lieder, in Melodien gesetzt von B. Th. Breitkopf,« im Herbst 1769 zu Leipzig erschienen, als das erste gedruckte Werk Goethe's, wenn auch noch ohne seinen Namen, Gedichte, welche sich an Innerlichkeit, Wahrheit und Formgewandtheit bereits meistens auf das Vortheilhafteste vor der übrigen damaligen Liederdichtung auszeichnen. Da finden wir weiter zwei kleine Lustspiele, »Die Laune des Verliebten«, und »Die Mitschuldigen«, beide, obschon erst viele Jahre später gedruckt, doch schon in dieser Zeit entstanden. Das erstere, eine Art von Schäferspiel und noch im Geschmack der Franzosen, ging aus den Seelen- und Herzenskämpfen hervor, welche dem Dichter seine Liebe zu »Aennchen« oder »Annette,« d. i. zu Anna Katharina Schönkopf bereitete. Von dichterischer Bedeutung ist das Stücklein kaum, aber dennoch schon reich an einzelnen, ächt dichterischen Zügen und voll von Andeutungen des wunderbaren, unwiderstehlichen Reizes der späteren Schöpfungen. – Die zweite Arbeit entstammt gewissen Einblicken in allerlei bedenkliche gesellschaftliche und Familienverhältnisse; es verräth gleichfalls noch die französische Geschmacksrichtung, wie es denn auch in Alexandrinern geschrieben ist. Es ist allerdings ein peinliches und das feine Gefühl verletzendes Stück, aber es ist voll Leben und wirkungsreich, in der Characterzeichnung wenigstens einzelner Personen immerhin höchst beachtenswerth. Und wenn wir das Alter seines Verfassers bedenken – Goethe zählte damals achtzehn Jahre! – so muß uns die sich hier offenbarende Beobachtungsgabe und Gestaltungskraft stets von neuem ein lebhaftes Interesse einflößen.

Aber der Leipziger Aufenthalt wurde auch in anderen Richtungen für Goethe und seine Entwickelung von größter Bedeutung. Es ist einerseits beachtenswerth genug, daß die in ihm schlummernde Neigung zu anatomischen und botanischen Studien in seiner, meistens aus Medicinern bestehenden, ersten Mittagsgesellschaft schon hier angeregt wurde, wenn sie auch, in Straßburg flüchtig wieder erweckt, erst viele Jahre später, zur wirklichen Herrschaft gelangte. Andererseits aber begann in Leipzig auch jene leidenschaftliche Liebe zur Kunst sich zu offenbaren, die sein ganzes Leben beherrscht und alle seine Werke durchdringt. Der, von dem sie hier erste, wohlthätige Nahrung erhielt, der dritte »ächte Lehrer«, den er neben den obengenannten anerkennt, war der Maler und Vorstand der Kunstschule, Oeser, welcher, durch Goethe's Trieb zum Zeichnen auf ihn aufmerksam gemacht und mit ihm in Verbindung gebracht, fortan nicht nur diesen Trieb weiter bildete und leitete, sondern auch überhaupt seinen Sinn für das Wesentliche der Kunst weckte, ihn in die Kunstgeschichte einführte und ihm das Verständniß von Winkelmanns Arbeiten und Lessings Laokoon eröffnete. Zur weiteren Förderung durch die lebendige Anschauung reiste Goethe in aller Stille nach Dresden und besuchte die große Bildergallerie. Nach seiner Rückkehr warf er sich mit Leidenschaft auf die Kupferstecherei und Holzschneidekunst, – wie er denn sein ganzes Leben lang stets bestrebt gewesen ist, das geistig Gewonnene sich womöglich auch durch die practische Anwendung und Ausübung zu eigen zu machen.

Der Schluß seines Leipziger Aufenthaltes wird auch wieder durch eine schwere Krankheit bezeichnet, deren Nachwehen ihn sogar im Spätsommer 1768 nach Frankfurt verfolgten und ihn noch lange Zeit körperlich, wie selbst geistig niederhielten. Von dichterischem Schaffen wissen wir aus dieser Zeit nichts. Dagegen setzte er seine Leipziger künstlerischen Uebungen fort, kam auch zu alchemistischen und kabbalistischen Studien und der Umgang mit der Freundin seiner Mutter, dem Fräulein von Klettenberg, gab ihm auch eine Richtung auf die Religion. Erst nach Jahr und Tag, mit dem Anfange des Jahres 1770 war er völlig wieder hergestellt und ging in den ersten Apriltagen zur Vollendung seiner Studien nach Straßburg.

Der Straßburger Aufenthalt bildet vielleicht den interessantesten und bedeutendsten Abschnitt in Goethe's Leben und seinem Entwickelungsgange. Mit der zurückgekehrten Gesundheit gewinnt alles ein helleres und frischeres Aussehen; die krankhaften Neigungen und Träumereien, die mystischen Nebel und Dünste verschwinden und machen der freien und sonnigen Lebensluft Platz. Es hat sich aus dieser Zeit ein Heftchen »Ephemerides« erhalten, in welchem er alles notirte, was ihn beschäftigte und ihm durch den Kopf ging. Es zeigt sich uns ein gewaltiger Thätigkeits- und Bildungstrieb, ein rastloses Streben nach Ausbreitung, ein unausgesetztes Suchen und Sammeln: seine Natur probirt's auf alle Weise, sich aus ihrer Unfertigkeit und Verworrenheit herauszuarbeiten. Den Boden der Wirklichkeit verliert er darum keineswegs aus den Augen. Er wendet sich mit Lust und Eifer anatomischen und naturwissenschaftlichen Studien zu und genießt eben so lustig das Leben, indem er dabei aber unausgesetzt und ausdrücklich auf die Ausbildung seines Körpers und die Kräftigung seiner Gesundheit bedacht ist.

Aber freilich, von rechter Klarheit, von einem sichern Halt und einer festen Richtung war bei diesem Treiben noch keine Rede und zwar um so weniger, als sich in seinem Kreise niemand fand, der ihm wirklich hätte zu Hülfe kommen können. Der junge Mann mit den hellen großen Augen, der prachtvollen Stirn und dem freien Wesen, der die Regierung am Tisch hatte, ohne sie zu suchen, wie Jung-Stilling den damaligen Goethe zeichnet, hatte diese Regierung auch allerwärts sonst in den Händen; er hatte es allen angethan und zog sie mit sich fort, wohin es ihm einfiel. Hier mußte ein anderer, ebenbürtiger, in sich geklärter und strenggeschulter Geist, ein Mann auf der Höhe der Zeit und ihrer Aufgaben, kommen, um den bestimmenden und entscheidenden Einfluß zu gewinnen. Und dieser Mann kam. Im September traf Herder ein und verweilte um der Heilung eines Augenleidens willen bis zum folgenden April.

Beide trafen alsbald zusammen und erprobten an einander ihre Anziehungskraft – keineswegs zu Ungunsten des Jüngeren. Der kalte, spröde, verdrießliche, krankhaft gereizte Herder duldete, sich weit überlegen fühlend, anscheinend den »guten, nur etwas leichten und spatzenmäßigen Menschen« kaum neben sich, wurde jedoch in Wirklichkeit gleichfalls und in dieser Zeit schon ihm zu eigen und kam niemals wieder von ihm los. Sein Einfluß aus Goethe war ein völlig umgestaltender. Die Ein- und Umkehr, welche unter Schlosser und Oeser zu Leipzig begonnen hatte, setzte sich nun erst ernstlich fort. Es gab Demüthigungen ohne Ende; sein Wesen, sein Wissen, seine Neigungen, sein Treiben wurden nach der unbarmherzigsten Kritik verworfen; Herder räumte auf das grausamste auf, aber – und das ist das Große! – Goethe hielt aus, und der erstere fing an, nun auch wieder zu geben, wo er bisher nur genommen hatte. Es zeigten sich die richtigen Wege und die wahren Ziele; das Wesen und die Richtungen des Literaturlebens wurden deutlicher; jener Fundamentalsatz, daß die Poesie kein Privaterbtheil einzelner Bevorzugter, sondern eine allgemeine Welt- und Völkergabe sei, zog den Bruch mit aller bisherigen Convenienz, der Pedanterie und dem Herkommen unvermeidlich nach sich. Die gesammte Ur- und Volkspoesie that sich auf, das deutsche Volkslied, von Goethe für Herder aufgespürt, machte den tiefsten Eindruck, Homer wurde zugänglich und Shakespeare's Geist erschloß sich; Hamann wurde bekannt und Rousseau gewann an Bedeutung; Ossians Gesänge und Goldsmiths »Landprediger« boten die lebhafteste Anregung. Und so brach das Licht überall hervor, strömten neue Eindrücke, neue Ideen und Anschauungen von allen Seiten herbei.

Es war eine Ueberfülle und ein Ueberdrang, allein die sonnigste Wirklichkeit hielt ihnen das Gleichgewicht – die sozusagen docirte Poesie wurde lebendig. Denn fast zugleich mit Herders Eintritt in sein Dasein begann jene zauberschöne Liebesidylle mit Friederike Brion, dem Pfarrerskinde von Sesenheim, und rief Goethe zum Leben und, was bei ihm Eins ist, zum Dichten.

Der knabenhafte Frankfurter Goethe Gretchens und der krankhafte Leipziger Annettens sind beide verschwunden; die Unfertigkeit und Ungeberdigkeit, die Gereiztheit und Wildheit, die mit Händen und Füßen um sich schlägt oder die Geliebte und ihn selbst und alle Welt bis auf's Blut peinigt, sind von ihm abgefallen, und alles ist voll Gesundheit und Heiterkeit, voll des schönsten Glücks und der jauchzenden Liebeslust. Selbst der Greis wurde wieder warm, als er sich dieser goldenen Zeit erinnerte, wo die Liebe in und bei ihm war auf allen Stegen und Wegen, in jeder Stunde des Tags und in jedem Traume der Nacht, und diese Schilderung in »Wahrheit und Dichtung« gehört zu dem Schönsten, was in deutscher Sprache geschrieben worden ist. Aber um wie viel reicher und schöner die Wirklichkeit gewesen, davon zeugen noch heute die Lieder jener Tage, die, jetzt nicht selten schon des größten Lyrikers aller Zeiten würdig, uns mit dem ganzen, einzigen Reiz der Goetheschen Lyrik ansingen – »Gelegenheitsgedichte« im höchsten Sinne des Wortes, entstammen sie dem Augenblick, spiegeln ihn wieder und halten ihn fest für alle Ewigkeit. Wir erinnern nur an die Lieder: »Erwache, Friederike«, – »Kleine Blumen, kleine Blätter«, – »Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde«, – »Wo bist du itzt, mein unvergeßlich Mädchen«, – vor allem aber an das »Mailied«: »Wie herrlich leuchtet – Mir die Natur«, mit dem jubelvollsten aller deutschen Verse:

»O Lieb', o Liebe
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höh'n!«

Ueber die Entstehungszeit dieses Liedes hat man bisher nur Muthmaßungen geäußert. Man darf es aber wohl mit Sicherheit in die Straßburger Zeit verweisen. Es glänzt und klingt uns aus jedem Wort jenes: »Ich war grenzenlos glücklich an Friederikens Seite!« an. Das hat Goethe von keinem Moment seines Lebens wieder gesagt und keines seiner Lieder hat es wieder so hell und so voll in die Luft gejubelt. Ein solches Liebesglück, in solcher Frische und Fülle, wird freilich selbst einem Goethe nicht zweimal zu Theil.

Auch hier währte es nur kurze Zeit und endete schon vor Goethe's Abgang von Straßburg. Was den Abbruch herbeiführte, ist nicht klar geworden. Mag es die Einsicht gewesen sein, daß die Geliebte höheren Lebens- und Bildungsansprüchen am Ende nicht zu genügen vermöge; gesellte sich dazu vielleicht die, sei es auch nur unklare Empfindung seiner eigenen Unreife: er hatte noch so viel an sich selber zu arbeiten, daß er gar nicht daran denken durfte, ein ander Menschenkind an und mit sich zu erziehen. Vor allem aber wird es wohl das, freilich wiederum erst keimende Bewußtsein seiner Begabung und seines Berufs gewesen sein, was ihn sich frei zu machen zwang. Wie hätte er den eben die Flügel lüftenden Genius an die Erde und die engen irdischen Verhältnisse fesseln sollen!

Außer den Liedern scheint es in dieser Zeit nur bei Plänen und Entwürfen geblieben zu sein. Doch soll er schon jetzt zwei von den kleinen Flugschriften verfaßt haben, welche fast zwei Jahre später veröffentlicht wurden: »Von deutscher Baukunst«, – »Brief des Pastors zu *** an den neuen Pastor zu ***«, – »Zwei wichtige bisher unerörtete biblische Fragen, zum erstenmal gründlich beantwortet von einem Landgeistlichen in Schwaben«. Als Zeugnisse der Vielseitigkeit seines Geistes und seiner Beschäftigung sind alle drei für uns von Interesse, am bedeutendsten erscheint jedoch die erste, da sie uns in überraschender Weise von der merkwürdigen, intuitiven Kraft dieses jungen Kopfes überzeugt. Goethe ist der Erste, dem ohne irgendwelche Vorstudien das Verständniß der Gothik auf den ersten Blick aufgeht, der die mißachtete, als barbarisch verschrieene Kunst wieder zu Ansehen und Ehren bringt.

Von jenen Plänen und Entwürfen ist wenig zu sagen. Eine Cäsar-Tragödie und ein dramatisirtes Leben des Sokrates blieben liegen. Der ganz in der Gegenwart und Wirklichkeit wurzelnde Dichter wäre durch solche Stoffe auf das ihm fremde Gebiet der Abstraction hinübergezwungen worden. Dagegen könnte vielleicht schon in Straßburg ein erster Entwurf des Gottfried von Berlichingen entstanden sein. Zum wenigsten beschäftigte er sich mit der Lebensbeschreibung des alten Ritters und war gleich seinem ganzen Kreise der deutschen Vorzeit und, im Gegensatz zu dem französischen, dem deutschen Wesen zugethan. Am bedeutsamsten bleibt aber, daß auch der Faust schon hervorzutreten begann. Dies ist der in der Zeit und in Goethe selber nach Ausdruck ringende Grundstoff. Denn die Idee der Faustsage und der alten Faustdichtung steht im innigsten Zusammenhange mit derjenigen, welche die Sturm- und Drangperiode erfüllt.

22.

Am 6. August 1771 promovirte Goethe und kehrte noch im gleichen Monat über Mannheim, wo er die großen Kunstwerke des Alterthums wenigstens in Gypsabgüssen kennen lernte, nach Frankfurt zurück. Am 31. August wurde er als Advokat vereidigt.

Daß ihm nach dem heiteren, glücklichen, zu Zeiten auch einmal wilden Straßburger Leben die Vaterstadt, »das Nest«, »das leidige Loch«, nicht gefiel, läßt sich denken. Das Leben im Vaterhause erschien ihm pedantisch und drückend; die juristische Praxis war ihm mißfällig und beengte ihn, obgleich der Vater nicht viel von ihm verlangte; der Abschied von Friederiken zitterte in ihm nach und verdüsterte ihn. Allein seine Natur war eine zu gesunde, zu elastische und sonnige, als daß er solchen Schatten lange hätte unterliegen können. Alsbald raffte er sich wieder auf, der gesellige Verkehr mit den Jugendfreunden und Leipziger Studiengenossen, mit dem munteren Kreise der Schwester Cornelia ist im Gange, die Leibesübungen beginnen von neuem, die Ruhe und Ordnung thut ihm nach all der Aufregung doch wohl, und nun kommen auch die Künste wieder, Zeichnen, Musik, vor allem freilich die Poesie. Im Herbste wurde die »Geschichte Gottfrieds von Berlichingen« dramatisirt und ging im November an Herder ab, mit welchem die Verbindung, wenigstens von Goethe's Seite, aus das lebhafteste unterhalten wurde. Und zugleich rückte auch der »Faust« vor. Von der größten Bedeutung aber sollte es für ihn werden, daß er nicht nur mit J. G. Schlosser wieder zusammentraf, sondern auch durch diesen mit Johann Heinrich Merck in Darmstadt bekannt gemacht wurde, dem er schon durch Herder, dessen Braut zu Darmstadt lebte, nicht unfreundlich genannt worden war.

Johann Heinrich Merck wurde 1741 geboren und wuchs in so günstigen Verhältnissen auf, daß er seinen Neigungen folgen, von einem Fachstudium absehen und sich mit einer allgemeinen wissenschaftlichen Bildung begnügen durfte. Als Kriegszahlmeister, mit dem Titel Kriegsrath, in Darmstadt angestellt, behielt er Zeit genug, seinen literarischen und künstlerischen Neigungen nachzugeben und in Folge seiner Vermögensverhältnisse sein Haus zum Mittelpunkt eines Kreises von liebenswürdigen, geistreichen und strebsamen Menschen zu machen. Denn wie anderwärts, war auch in diesen Gegenden unter der Herrschaft der sogenannten »großen Landgräfin« Karoline, einer der vorzüglichsten Frauen aller Zeiten, und ihres schon oben von uns genannten trefflichen Ministers Moser, das regste geistigste Leben erwacht; und wenn wir den Merck'schen Kreis näher kennen lernen, müssen wir erstaunen über die Fülle von Geistes- und Herzensbildung, von redlichstem Ernst und gründlicher Wissenschaftlichkeit, von heiterster Lebenslust und herzlicher Theilnahme für alles Edle und Schöne, welche uns aus all diesen Menschen anspricht und uns selbst mit den Zeitkarikaturen versöhnt, an denen es gleichfalls nicht fehlt.

Merck zeigt uns eine von jenen merkwürdigen Naturen, die dem genauen Beobachter gerade zu jener Zeit nicht selten begegnen, in besonders scharfer Ausprägung. Ueber die wild und unklar gährende Zeit sich mit wunderbarer Einsicht erhebend, vermögen sie selbst dennoch niemals zur eigenen Klarheit sich durchzuringen. Er war ein Mensch von eminentem Verstande, von hoher Begabung, von trefflichen Anlagen und Eigenschaften, von vielseitiger Bildung. Allein diese ganze Begabung war gewissermaßen eine allzureiche und existirte, wie man sagen möchte, kaum recht für ihn selbst. In ihm strebte alles auseinander, so daß er niemals zu einer wirklichen Concentration, zur Ruhe, zur Herrschaft über sich und seine Gaben gelangte, während er mit der schärfsten Einsicht für die Menschen und Verhältnisse in seiner Umgebung begabt, zum Führen, Berathen und Ordnen wie geschaffen war und den wohlthätigsten Einfluß auszuüben vermochte. Das ist das »wunderbare Mißverhältniß«, das Goethe in ihm findet, und seine Natur offenbart sich uns auf der einen Seite allerdings als eine eminent kritische, trotzdem aber auch, wiederum nach Goethe's Bezeichnung, als eine ursprünglich und wesentlich dilettantische.

Von seinen eigenen Schöpfungen und Beiträgen zu den »Frankfurter gelehrten Anzeigen«, zu Wielands »Merkur«, Nicolai» »Allgem. deutsch. Bibliothek« u. s. w. läßt sich füglich schweigen. Etwas Anderes ist es aber in Ansehung seiner Verbindung mit Goethe. Er hat auf diesen den wohlthätigsten und fördernsten Einfluß geübt. Der Erste, der die Dichternatur des jungen Mannes wirklich und ganz erkannte, umfaßte er ihn mit aller Liebe, deren seine Natur fähig war, stärkte durch sein Urtheil das Vertrauen des Dichters zu sich selbst und seinem Talent, ließ ihn sich klarer und klarer werden, und trieb ihn von den Entwürfen zur Ausführung und zu stets sich erneuernder Production. Und wenn er dies alles auch mit Kälte und Schärfe, ja mit Spott that und dem Freunde nichts nachsah und nichts schenkte, so suchte er ihn dennoch trotzdem und daneben in jeder Richtung zu fördern und vertrat ihn hinter seinem Rücken nach allen Seiten hin auf das wärmste und – liebevollste.

So verdankte Goethe ihm unendlich viel und bei weitem mehr, als er später, da er über diese Zeit und diese Menschen berichtete, noch recht zu würdigen vermochte. Aber auch das Darmstädler Leben selber war für ihn ein überaus förderndes. Das waren andere Menschen, das war ein anderes Verständniß, eine andere Theilnahme, eine andere Anregung, als er sie bis dahin kennen gelernt hatte. Die Geselligkeit war eine heiter rege und anregende. Die Verhältnisse waren die weitesten und freiesten. So gewann er selber an Ruhe und Klarheit, an Freiheit und Sicherheit, so lernte er die Menschen und das Leben von immer neuen Seiten kennen und sich zwischen ihnen zurecht finden und fing an, sich weiter und weiter auszubreiten. Es ergaben sich von Tag zu Tag neue Beziehungen und Verbindungen. In Homburg lernte er unter Mercks Führung einen kleinen Hof kennen und erhielt neue, sei es auch seltsame, doch lehrreiche Eindrücke. Gleich darauf zog in Darmstadt Sophie La Roche an ihm vorüber. Sie, die Jugendgeliebte Wielands, war eben durch ihren empfindsamen und moralisirenden, aber durch allerlei Persönlichkeiten interessanten Roman »Geschichte des Fräuleins von Sternheim« berühmt geworden und sammelte auf ihren Zügen die Huldigungen der Gesellschaft ein. Mit aller Welt bekannt und in Verbindung, hielt sie zu Thal-Ehrenbreitstein bei Coblenz offenes Haus für die schönen Geister von nah und fern. Auch Goethe blieb ihr für die nächsten Jahre ziemlich eng verbunden, und diese Verbindung ist für ihn um dessentwillen von Bedeutung, weil sie ihn nach einiger Zeit dem niederrheinischen Kreise der Heinse und Jacobi und durch Friedrich Heinrich Jacobi später dem Münster'schen der Fürstin Gallitzin und Fürstenbergs näherte.

Das äußere Band zwischen ihm, Schlosser und Merck, bildeten die »Frankfurter gelehrten Anzeigen«, welche die beiden Letzteren im Verein mit dem Gießener Professor Höpfner von 1772 an erscheinen ließen. Das Blatt existirte nicht lange genug, um einen eingreifenden und nachhaltigen Einfluß auf die Literatur zu gewinnen, ist jedoch für diese eigentliche »Sturm- und Drangzeit« von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit. Goethe's Betheiligung war eine lebhafte. Seine Beiträge verrathen allerdings noch den Ungestüm und Ueberschwang der Jugend, allein als Zeugnisse der wachsenden Kraft, des tiefen Gemüths, der Milde und Nachsicht, der dem Durchbruch entgegendrängenden ächten Humanität müssen sie für uns von hohem Werthe bleiben.

Ende Mai 1772 ging er nach Wetzlar, um beim Reichskammergericht mit dem Reichsprozeß und dem Staatsrecht vertrauter zu werden und sich – nach dem Wunsch des Vaters – für die höhere juristische Carriere auszubilden. Der gleiche Zweck versammelte hier junge Leute aus allen Gegenden Deutschlands und vermittelte eine Art von akademischem Leben. Für uns ist von ihnen nur der einzige, schon früher erwähnte Gotter von Interesse, durch den Goethe, wie gleichfalls schon angegeben, auf die Göttinger Hainbündler aufmerksam gemacht und dem dortigen Musenalmanach zugeführt wurde. Dagegen wird aber dieser Aufenthalt zu Wetzlar, der nur bis zum Anfang des September dauerte, von tief- und weitgreifender Bedeutung für Goethe und seine Entwickelung selber, für die Literatur und Bildung der ganzen folgenden Zeit, durch das Verhältniß des wunderbaren, auch hier wieder alles und alle gewinnenden und beherrschenden Menschen zu Charlotte, der Tochter des Amtmanns Buff, der Braut des Legations-Secretärs Kestner.

Ueber dies Verhältniß weitläufiger zu sprechen, würde uns zu weit führen. Es ist ja auch, kaum die Sesenheimer Idylle ausgenommen, das bekannteste von allen, in dem Goethe uns erscheint. Hier genügt es völlig, wenn wir das zwiefache Ergebniß desselben anführen: für den Dichter, für unsere Literatur und Bildung jenes einzige Buch: »Die Leiden des jungen Werthers«; für den Menschen: die zum erstenmale freiwillig und voll Bewußtsein auf sich genommene Entsagung, die ernste und strenge, tief sittliche Selbstzügelung und die Läuterung und Klärung seines gesammten Wesens und seiner gesammten Natur, welche ihn schon in der nächsten Zeit allen einsichtigeren Freunden und Genossen als einen völlig veränderten Menschen erscheinen ließ.

Von Wetzlar wanderte er über Ems zur La Roche nach Thal-Ehrenbreitstein und soll, der Sage nach, am ersteren Ort der Herzogin Amalie von Weimar begegnet sein, auf die seine Erscheinung einen solchen Eindruck machte, daß dadurch seine spätere Uebersiedlung nach Weimar gewissermaßen schon jetzt angebahnt wurde. Mit der La Roche und ihren schönen Töchtern, Maximiliane und Louise – die erstere, bald darauf die zweite Gattin des Frankfurter Handelsmanns Peter Brentano, wurde, beiläufig gesagt, die Mutter von Clemens Brentano und Bettina von Arnim – wurden heitere Tage verlebt, getrübt nur durch die Anwesenheit eines anderen Gastes, des zum Darmstädter Kreise gehörenden Franz Michael Leuchsenring, eines Menschen, der wie eine Verkörperung der damals herrschenden häßlichen, bis hart an völlige Verrücktheit streifenden Empfindsamkeit erscheint. Goethe hat ihn nicht lange nachher in seinem Fastnachtspiel vom Pater Brey, als diesen, verewigt. – Mit Merck und den Seinen, die sich gleichfalls eingestellt hatten, fuhr Goethe durch den schönsten Herbst auf dem Rhein nach der Vaterstadt zurück.

Der juristischen Praxis entsagte er mehr und mehr, die Dichtkunst nahm ihn immer völliger hin. Von einzelnen Dichtungen wissen wir freilich wenig. Zu Wetzlar beschäftigte ihn eine Uebersetzung »des verlassenen Dorfs« von Oliver Goldsmith; das merkwürdige Gedicht »der Wanderer« – »Gott segne dich, junge Frau«, – gehört gleichfalls in diese Zeit. Die Hauptsache aber ist, daß er nun zu Frankfurt endlich auf seiner Schwester und Mercks Drängen den Götz von Berlichingen einer wiederholten Bearbeitung unterzog und, wie es scheint im Frühling 1773, gedruckt erscheinen ließ.

Die Wirkung des Stückes war eine blitzartige und beispiellose, ja das Erscheinen des Götz war ein Ereigniß, dessen Gleichen bisher in der deutschen Literatur nicht zu finden war. Die gefeiertsten Dichterwerke, selbst Klopstocks Messiade und Lessings Minna von Barnhelm, waren stets nur in Kreisen, wo sie einer verhältnißmäßigen, schon vorgeschrittenen Bildung begegneten, wirklich durchgedrungen. Sie hatten ihren Weg, wenn wir es so heißen wollen, durch die Kritik und durch die Köpfe ihrer Leser in deren Herz und Gemüth zu machen gehabt. Götz von Berlichingen litt unter keiner Beschränkung und keinem Umwege. Er traf unmittelbar und gradeswegs ins Herz und eroberte, weit über die Kreise der Literaturfreunde und Gebildeten hinaus, mit einem Schlage und zum erstenmale das, was wir heutzutage das »große Publikum« heißen, und zwar zuerst und vor allem die gesammte Jugend. Ein ähnlicher Erfolg wurde nur noch zweimal, rasch hintereinander, und zwar annähernd von Bürgers »Lenore« und in womöglich noch höherem Grade von Goethe's »Werther« erreicht. Selbst unsere größten Dichter erzielten mit keinem ihrer Werke wieder eine so unmittelbare und zündende Wirkung.

Götz von Berlichingen eröffnet die neue Literaturperiode, und mit ihm hat die Geschichte derselben anzuheben. Ob auch im Grunde nur eine dramatisirte Geschichte – in der ersten Gestalt ist das Werk von Goethe selber so genannt worden – ist das Stück doch das erste wirkliche Volksdrama, blieb jedoch, bei Lichte besehen, bis auf den heutigen Tag auch das einzige. Wer von dem albernen Einfall absieht, der unter den Damaligen und hie und da sogar noch unter den Heutigen spukt, daß der Götz eine Nachahmung oder Wiederbelebung Shakespeare's sei oder sein solle, und statt dessen das Werk als die freie und selbstständige Schöpfung eines auch an Shakespeare gebildeten, im Uebrigen aber gleichfalls völlig selbstständigen Geistes ansieht, – der muß sich noch heute vor dem beugen, was hier erschaffen worden ist. Der unbekannte, schlichte, unbedeutende Rittersmann verwandelt sich ohne Zwang, ohne Kunst und Putz, in eine aller Welt Achtung gebietende Heldengestalt; aus der trockenen, nüchternen Biographie geht ein glänzendes, farbenreiches Gemälde hervor. Das Leben der alten Zeit erwacht, die alles erschütternde Bewegung, welche sie erfüllte, ergreift auch uns und zieht uns mit sich fort. Die uns begegnenden Personen sind keine Abstracta, nicht die Schatten- und Spukgestalten der Nachahmer oder der späteren Romantiker, sondern lebendige, leibhaftige, handelnde Menschen. Alles lebt vor uns und um uns und zwingt uns mitzuleben in jener Zeit, in jener Bewegung, mit diesen Menschen. Und diese Natürlichkeit oder vielmehr Naturnothwendigkeit, und dieses gegenwärtige und leibhaftige Leben, das ist es vor allem, was dies Stück so groß macht und so groß bleiben läßt, für jedermann. Davor verschwinden die Fehler, welche es, als dramatische Composition angesehen, unzweifelhaft hat: daß ihm nicht nur die äußere, sondern auch die innere Einheit fehlt, daß es des festen Mittelpunktes ermangelt und des sicheren Gleichgewichts, daß es an einzelnen modernen Zügen leidet, und was man noch sonst hervorheben will.

Die unmittelbare Wirkung auf die Zeitgenossen und die Literatur erklärt sich schon daraus, daß der Stoff und die Grundidee desselben mit denen zusammentrafen, welche die Gegenwart erfüllten: der Kampf des Alten wider das Neue, der Conflict der auf eigene Kraft sich stützenden Individualität mit dem Zwang und der Herrschaft des modernen Staats, hatte sich soeben, wenn auch mehr auf geistigem Gebiet, und in grade umgekehrter Weise von neuem erhoben. Denn jetzt stritt man allerdings gegen das verlebte Alte, gegen die Fesseln und den Zwang des veralteten Staats und eines in äußeren Formen erstarrten Kulturlebens. Aber der Götz brach auch äußerlich mit den conventionellen, hergebrachten Formen, mit der regelrechten Dramatik und dazu gesellte sich eine Originalität und Natürlichkeit des Ausdrucks und eine Gewalt der Sprache, wie ihresgleichen in der deutschen Poesie noch nicht gefunden worden war. Kurz, was man bisher geahnt und in dunklem Drange erstrebt hatte, als das Nothwendige, als das einzig Richtige und Wahre, als das Höchste – im Götz schien das alles erreicht zu sein. Die Revolution hatte begonnen, die Bahn war frei.

Aber freilich, wie es immer geht, die ersten frischen und bahnbrechenden, ihrer Aufgabe wirklich gewachsenen Kräfte finden selten oder nie die ebenbürtigen Nachfolger, und die ersten glänzenden und würdigen Ziele der Ersteren verschwinden den Folgenden nur allzuhäufig hinter wilden und wüsten Phantomen einer ungeregelten oder gar impotenten Einbildungskraft. Das zeigte sich auch hier in der erschreckendsten Weise. Von einer ebenbürtigen Kraft, welche durch Goethe und den Götz wachgerufen worden, war nicht im Allerentferntesten die Rede, aber auch nur eine frische und gesunde und annähernde originale ließ sich bloß ganz ausnahmsweise und vereinzelt entdecken, während die Schwäche und die völlige Unfähigkeit sich von allen Ecken und Enden herbeidrängte und sich mit den ungeheuerlichsten Producten breit machte.

Von diesen Letzteren dürfen wir füglich schweigen, man kann ihnen keine größere Ehre anthun, als sie zu vergessen. Aber auch über die Ersteren können wir in aller Kürze berichten, denn mit Ausnahme des schon früher erwähnten »Julius von Tarent« von Leisewitz und des gleichfalls angeführten Stücks »Golo und Genovefa« vom Maler Müller finden wir bis zu den, den Schluß der Sturm- und Drangperiode bezeichnenden ersten Stücken Schillers und fortan durch die folgende Zeit auf dem Gebiete des Trauerspiels und überhaupt des eigentlichen Drama's auch hier nichts, was für die Literatur von Bedeutung geworden wäre und heutzutage noch gekannt zu werden verdiente. Hier nennen wir zuerst Reinhold Lenz, der geboren 1750 in Liefland, 1771 als Hofmeister junger Edelleute nach Straßburg kam und hier sich Goethe aufdrängte, der sich in seiner grenzenlosen Gutmütigkeit anfangs von ihm täuschen ließ und ihn mit übermenschlicher Geduld und Nachsicht zu ertragen, ja zu stützen versuchte. Nur so darf man unserer Ueberzeugung nach das Verhältniß Beider und ihre Stellung zu einander ansehen, wenn es auch früher und später nicht an Versuchen gefehlt hat, Lenz auf Kosten Goethe's zu erheben. Es ist eine begabte, aber ihrer Gaben nicht mächtige, verworrene und im tiefsten Grunde eine unedle Natur, welche durch Ehrgeiz, Mißgunst, Eifersucht und innere Haltlosigkeit nach und nach aufgerieben wurde und endlich in äußerem und innerem Elend zu Grunde ging – er starb 1792 zu Moskau. Goethe nachzueifern und ihn zu überbieten, unter seinen Genossen, in seinen Bestrebungen und Studien, in seiner Liebe, in seinen Erfolgen und in seinem Ruhme – das war von Anfang an das Streben dieses unruhigen und unklaren Kopfes, ein unseliger Flug, der gar nicht anders als mit einem vernichtenden Sturze enden konnte, Den tiefsten Einblick in diese Natur dürfte man durch das Fragment: » Pandaemonium germanicum« erhalten, wo Lenz sich selbst neben Goethe, Herder, Lessing, Klopstock verherrlicht. Seinen ästhetischen Standpunkt sucht er in den »Anmerkungen über's Theater« darzulegen. Seine Dramen »Der Hofmeister«, »Der neue Menoza«, »Die Soldaten«, sind trotz bedeutender, ja von einer Art Genialität zeugender Einzelheiten, formlos und ausschweifend und heutzutage nicht mehr lesbar.

Nach ihm nennen wir Friedrich Maximilian Klinger, der 1752 zu Frankfurt geboren und in drückenden Verhältnissen aufgewachsen, 1831 in Rußland als Generallieutenant starb. In ihm sehen wir den eigentlichen Repräsentanten dieser sogenannten »Kraftgenie's«, wie denn auch sein Drama »Sturm und Drang« der Periode den Namen gegeben hat. Sein erstes Stück »Die Zwillinge« gewann 1774 in Hamburg den Preis vor dem »Julius von Tarent«. Seine Stücke sind voll von Formlosigkeit, Gewaltsamkeit, dämonischem Trotz und roher Unnatur, voll Zerstörung und Vernichtung und wieder voll finsterer Menschenverachtung: es ist der Sieg des Schlechten und Bösen über das Edle und Schöne. Ebenso sind auch seine Romane, zu denen er schon nach wenigen Jahren überging und von denen wir nur »Faust's Leben, Thaten und Höllenfahrt«, »Geschichte Giafars des Barmeciden«, »Geschichte eines Deutschen der neuesten Zeit« anführen. Von Versöhnung ist bei ihm kaum die Rede, im Gegentheil erweitert sich, wie Jean Paul es bezeichnet, stets nur der Zwiespalt zwischen Ideal und Wirklichkeit, aber wir begegnen bei ihm einer gewissen trotzigen Mannhaftigkeit, welche uns, wenn auch nicht anzieht, doch Respect einflößt.

Endlich Heinrich Leopold Wagner, geboren 1747 zu Straßburg, gestorben schon 1779 zu Frankfurt, an beiden Orten ein Mitglied des Goethe'schen Kreises. Den Stoff zu einem Drama »Die Kindsmörderin« soll er aus Goethe's Mittheilungen über die Gretchen-Episode im Faust geschöpft haben. Außerdem ist er durch eine gegen Nicolai und Consorten gerichtete Farce »Prometheus, Deucalion und seine Recensenten« bekannt geworden, die man eine Zeitlang Goethe selber zuschrieb. Daß der letztere ihn als »Wagner« im Faust verewigt habe, ist ein leerer Einfall; Faust's Famulus heißt schon im Volksbuch und Puppenspiel Wagner. Ueberdies scheint Leopold Wagner nichts weniger, als der lederne und pedantische Gesell gewesen zu sein, den wir im Faust finden. Goethe hat, wo er lebende Personen in seine Dichtungen herübernahm, niemals die Charactere umgestaltet, sondern in ihren Grundzügen festgehalten.

Von allem, was später noch in diesem Fache erschien, sind völlig genügender Weise nur noch drei Dichter mit ihren Hauptwerken anzuführen: Jakob Mayer (1739-1784), dessen »Fust von Stromberg« Schiller noch für aufführungswerth erklärte; J. M. Babo (1756-1822), dessen »Otto von Wittelsbach« sich lange auf dem Theater gehalten hat, und Graf J. A. von Törring (1753-1826), der durch seine »Agnes Bernauerin« berühmt wurde. Für uns existiren aber auch diese Arbeiten nicht mehr.

23.

Die nächstfolgende Zeit, die Jahre 1773-1775, gehört zu den bewegtesten, die Goethe verlebt hat, und ist im dichterischen Sinne seine reichste. Das Schaffen und Produciren nahm kein Ende, und es gab Zeiten, wo Alles ihm zum Gedicht wurde und er selbst Nachts aus dem Bett sprang, um die Plötzlich auftauchenden Verse niederzuschreiben. Früher hatte sein Gefühl sich gegen Veröffentlichung seiner Dichtungen gesträubt, jetzt nachdem der Götz durch Mercks Drängen herausgebracht war, schien dieser Bann einigermassen gebrochen zu sein und auch die Publikationen folgten einander ziemlich rasch. Erwähnt mögen hier werden: die hauptsächlich gegen Wielands Alceste gerichtete tolle kleine Farce »Götter, Helden und Wieland«, von Lenz eigenmächtig veröffentlicht; »Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern, ein Schönbartspiel«, erinnernd an die Fastnachtsspiele des alten Hans Sachs; »Prolog zu den neusten Offenbarungen Gottes verdeutscht durch Dr. C. F. Bahrdt«; das »Fastnachtspiel vom Pater Brey, dem falschen Propheten«; »Des Künstlers Erdenwallen«. Andere ähnliche kleine Satiren wurden durch seine Sorglosigkeit verzettelt oder, wie »Satyros« nur durch Zufall später wieder entdeckt; noch andere, wie »Hanswursts Hochzeit«, aber auch, ernstere und größere, wie »Mahomet«, »Prometheus«, »Der ewige Jude«, blieben Fragmente.

Gegen Ende October 1772, bald nach Goethe's Abgang, hatte sich zu Wetzlar der junge Jerusalem, ein Sohn des braunschweigischen Oberhofpredigers, erschossen. Kestner hatte einen Bericht über den ganzen unglücklichen Fall aufgesetzt, den Goethe las. Von dieser Zeit an begann der Plan zu seinem »Werther«, einer Verschmelzung seiner Herzensgeschichte mit der Geschichte Jerusalems, in ihm zu entstehen; an die Ausführung ging er freilich erst in der Mitte des Jahres 1773 zu einer Zeit, wo er sich nach vielfacher gemüthlicher Aufregung tief vereinsamt fühlte. Denn im April war Kestners Hochzeit mit Lotte Buff gewesen; im Mai führte Herder seine Braut, Karoline Flachsland, eines der Hauptmitglieder des Darmstädter Kreises und mit Goethe in naher Verbindung, heim; Merck selber war auf einer Reise nach Petersburg entfernt; und zu Anfang November schied auch die Schwester Kornelia als Schlossers Frau von Frankfurt. Daneben fehlte es ihm äußerlich freilich keineswegs an geselliger Anregung in dem schon früher erwähnten, ihn und seine Schwester umgebenden heiteren Kreise und ebensowenig an dieser oder jener, dem lebhaft Empfindenden und Leichterregbaren nun einmal fast nothwendigen bald flüchtigeren, bald tieferen Neigung. Eine solche regte sich anscheinend auch zu der schon genannten Maximiliane La Roche, als dieselbe mit dem Gatten Brentano zu Anfang des Jahres 1774 in Frankfurt anlangte und Goethe sich, wiederum zur Entsagung verurtheilt, als Hausfreund bei ihr eingeführt fand. Dies neue schmerzliche Gefühl mag die Abfassung des »Werther« beschleunigt haben. Im April 1774 redet er von der fertigen Handschrift zu Lavater.

Allein erst im September erschien das Buch. Und da er alle Herzensnoth und alle Bedrängnisse der vergangenen Zeit durch und mit seinem Werther von sich abgeschüttelt hatte und sich wieder frei und frisch für das Leben fühlte, so ging er alsbald auch keck an ein neues Schaffen. Einer jungen Freundin seiner Schwester, Anna Sibylla Münch, zu Liebe schrieb er in acht Tagen, nach einem Memoire des Beaumarchais, seinen »Clavigo«, ein zwar bühnengerechtes, ansprechendes, aber unbedeutendes Stück. Das heißt: für den damaligen Goethe, von dem die Freunde und, man darf wohl sagen, auch schon Deutschland nichts als ganz Besonderes und Großes erwarteten. Merck sagte zu des Dichters Aerger: »Solchen Quark mußt du mir nicht mehr schreiben; das können die Anderen auch.« Das war auf der einen Seite freilich richtig, obgleich auch der »Clavigo« noch hoch über allen anderen derzeitigen Erscheinungen auf diesem Gebiete stand; auf der anderen aber that er nicht nur Goethe selber, sondern auch überhaupt dem Dichter als solchem allerdings unrecht und zeigt, wie selbst ein so scharfer Kopf wie Merck der rechten Einsicht in das Wesen und das Schaffen des Genius entbehrte. Selbst der größte Genius schafft nicht in rascher Folge große und meisterhafte Werke. Er bedarf der Zwischenpausen und, sei es des völligen Ausruhens, oder sei es, wo Schaffenslust und Schaffenskraft eine so gewaltige, wie bei Goethe ist, wenigstens des Spielens und Scherzens mit leichter Waare, um sich zu erholen und zu neuen größeren Schöpfungen zu stärken.

Die Wirkung der »Leiden des jungen Werthers« war in ganz Deutschland und weit über dessen Grenzen hinaus, eine so allgemeine, eine so tiefe und gewaltige, wie sie von keiner literarischen Erscheinung jemals erreicht worden war und niemals wieder von einer solchen hervorgerufen worden ist. Man muß diesen Roman, als Roman, so hochstellen, wie irgend denkbar: nach Einfachheit, Klarheit und Natürlichkeit der Composition, und nach Schönheit und Gewalt der Sprache und Darstellung, gehört der Werther zu den größten Schöpfungen des Genius, welche zu irgend einer Zeit und in irgend einem Lande bekannt geworden sind. Hier ist alles im Einklang und im höchsten Sinne des Wortes vollendet, und selbst Goethe hat, abgesehen vielleicht von einzelnen Briefen, nie in seinem Leben wieder etwas geschrieben, was auch nur in der Sprache dem Werther gleichkäme. Allein den unermeßlichen Eindruck und die geradezu erschütternde Wirkung dieses wunderbaren Buches wird man dennoch heutzutage nicht begreifen, wenn man sich nicht das Wesen und den Character jener Zeit und all' ihre durcheinanderwogenden, nicht selten hart sich einander entgegenstemmenden Strömungen völlig klar gemacht hat. Diese Zeit war eine kranke und alle bisher geltenden herrschenden Verhältnisse waren in einer Gährung, welche zur völligen Auflösung führen zu wollen schien. Jedermann litt unter diesen Zuständen auf das ernstlichste und schmerzlichste, und niemand war sich doch des eigentlichen Wesens der Krankheit und der wirklichen Gründe der Auflösung recht bewußt. Jedermann suchte nach Hülfe, nach Rettung und Heilung; bald in schmerzlicher Sehnsucht, bald voll grimmigen Ungestüms; hier in thränenvoller Empfindelei und hinschmachtender Entsagung, dort in düsterer Schwermuth, in wildem Trotz, in aufreibender Verzweiflung; bald in mystischer Schwärmerei und Schönseligkeit, bald in der ödesten Aufklärungssucht und der fadesten Nüchternheit. Mit einem Worte, wie wir es schon öfters angedeutet haben: das Ideal stand im heißen Kampf gegen die Realität, das Individuum erhob sich wider die Gesellschaft und setzte sein Recht gegen ihre Ordnung und Regel.

Diesen Kampf hatte auch Goethe in sich selber durchzukämpfen und brachte ihn in all seinen Phasen und Schattirungen zum erstenmal im Werther zum vollendeten Ausdruck und zur klaren Darstellung – bis zum unabwendbaren Untergang des Kämpfenden. Hier liegt das Geheimniß des außerordentlichen Effects, den dies Buch machte, und hier seine Lösung: jedermann fand die Zeit wieder mit all' ihren Schäden und Schatten, und jedermann sich selbst mit all' seiner Noth, seinen Schmerzen und seinen Kämpfen, die zum Untergange führten, wie bei dem Helden, oder zum Siege, wie bei dem Dichter selbst. Denn Goethe ging in seinem eigenen Kampfe nicht zu Grunde; die Darstellung desselben gab ihm die Freiheit und die Herrschaft über sich selbst, die den Anderen versagt war und nicht von ihnen erlangt wurde, im schönsten Maße zu eigen, und wie der Adler schwang er sich höher und höher empor über die Schmerzen und den Staub der Erde zu den reinen und sonnigen Höhen der schönen Menschlichkeit. Wer es versteht, über das Aeußere des Menschen und sein Tagestreiben in das Innere und sein tiefstes Wesen hineinzublicken, der findet in dem nach-Wertherschen Goethe einen bei weitem anderen als den früheren. Trotz aller Wildheit, »Genialität« und alles »Skandalisirens«, läßt sich schon hier, sei es auch nur in vereinzelten Zügen, jene »Sophrosyne« spüren, welche ein paar Jahre später Wieland dem wunderbaren Menschen in Weimar nachrühmen muß.

Von der ganz außerordentlichen Aufmerksamkeit, die der junge Frankfurter in Deutschland überall erregte, zeugt es, daß schon zu dieser Zeit niemand, dessen Reise in die Nähe der alten Reichsstadt führte, leicht die Gelegenheit versäumte, den »Doctor Goethe« kennen zu lernen.

So begegnen uns hier gleich im Sommer des Jahres 1774 zwei Männer, welche uns in ein paar Hauptrichtungen jener neuen, auf allen Gebieten nach innerer und äußerer Befreiung ringenden Zeit einführen. Das ist der Schweizer Prediger und Physiognom Johann Kaspar Lavater (1741-1801) und der schon früher von uns erwähnte Reformator des Erziehungswesens und Philantropist Johann Bernhard Basedow (1724-1790). Lavater gehört zu denen, welche sich in Opposition zu der öden und zweifelsüchtigen Verständigkeit oder dem nackten Unglauben der norddeutschen, hauptsächlich Berliner Aufklärer fanden und sich zusammenschaarend zu einer stets wachsenden Partei von größter Bedeutung erstarkten. Um den tüchtigen und edlen Kern von wahrer Religiosität und ächter, herzlicher Frömmigkeit her finden wir indessen alsbald die verschiedenartigsten und seltsamsten Auswüchse, und hier begegnen wir auch Lavater, einer seinen einschmeichelnden Persönlichkeit und einer ganz merkwürdigen Natur voll unendlicher, schwärmerischer Liebe und Treue, einfältiger Gläubigkeit und daneben voll einer wundergläubigen, nicht selten fast koketten Schönseligkeit und Schönrednerei und des rein pfäffischen Zelotismus. Als Dichter (»Schweizer-« und religiöse Lieder) gehörte er zu Klopstocks Nachfolgern und darf unbekümmert vergessen werden, ebenso wie auch seine übrigen schriftstellerischen Leistungen für uns keinen Werth mehr haben. Nur seine »physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe« müssen hier erwähnt werden, ein Versuch, den Character des Menschen aus der Gesichtsbildung zu deuten. Es ist immerhin bemerkenswerth, ja bezeichnend genug für die damalige, gährende, unruhige und unklare Zeit, daß ein so halb phantastischer halb gradezu fratzenhafter Einfall den allertiefsten Eindruck machen und von den licht- und geistvollsten Köpfen der Zeit – ja bis weit in unser Jahrhundert hinein, mit Beifall und Glauben aufgenommen werden konnte. Selbst Goethe, der klarste und natürlichste Mensch, ließ sich blenden und fortreißen und hat eine Zeit lang durch zahlreiche Beiträge das Werk unterstützt.

Ueber Basedow haben wir uns nicht weiter zu äußern, als daß er, ob auch in den directen Erfolgen seiner Lehre und Methode scheiternd, dennoch für uns als derjenige von Bedeutung bleiben muß, der die Umbildung des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens anbahnte und gewissermaßen der Begründer unserer reichen Kinder- und volksfreundlichen Literatur wurde, die in allen Darstellungsformen und auf allen irgend für sie zugänglichen Gebieten hervortrat. Wir erinnern hier nur an Joh. Heinr. Campe's (1746-1818) Jugendschriften »Robinson der Jüngere«, »Entdeckung von Amerika« u. s. w., wobei denn auch seines großen deutschen, wider die Fremdwörter kämpfenden, Wörterbuchs nicht vergessen sein soll; an des Schweizers J. H. Pestalozzi (1746-1827) Volksgeschichte »Lienhard und Gertrud«, die abgesehen von stilistischen Mängeln bis auf den heutigen Tag an Gemüthstiefe, gesunder Moralität und ächter Volksthümlichkeit ihres Gleichen sucht; an – um auch solcher Arbeiten zu gedenken – die weitverbreitete, possierliche »Naturgeschichte« von Raff und an die trefflichen, für die Jugend bestimmten historischen Schriften von dem allerdings späteren Bredow.

Als Goethe mit Basedow dem nach Ems gegangenen Lavater dahin nachzog und von neuem bei der La Roche einsprach, ließ er sich von dieser endlich zu einem Besuch bei Friedrich Heinrich Jacobi bereden. In Elberfeld traf er mit ihm, mit Heinse und einem alten Straßburger Freunde Jung-Stilling zusammen und schloß nach der langen Abneigung einen desto – von Jacobi's Seite wenigstens – leidenschaftlicheren Freundschaftsbund.

Ueber den wilden und ausschweifenden, genialen Heinse haben wir schon früher uns in der Kürze ausgesprochen. Die beiden anderen müssen hier aber näher betrachtet werden.

Heinrich Jung, genannt Stilling, war 1740 im Nassauischen in dürftigen Verhältnissen geboren. Er hatte sich durch eine traurige Jugend durchzuarbeiten und nur der eiserne Wille des jungen Menschen erzwang es endlich, daß er, der bei dem Vater das Schneiderhandwerk erlernt hatte, völlig mittellos, aber im Vertrauen auf Gottes Hülfe, 1770, also im dreißigsten Jahre nach Straßburg gehen konnte, um Medicin zu studiren. Hier kam er alsbald mit Goethe in Verbindung, der sich des bescheidenen, schüchternen und unbeholfenen Menschen auf das herzlichste annahm. Später practicirte er zu Elberfeld und erlangte bedeutenden Ruf durch Staaroperationen. Einige Jahre darauf gab er die Praxis aber auf, übernahm eine Professur der Oekonomie-, Finanz- und Kameralwissenschaft zu Marburg, kam später nach Heidelberg und starb 1817 zu Karlsruhe. – Bei dem erwähnten Besuche in Elberfeld fand Goethe bei ihm ein Manuscript, in welchem Jung die Geschichte seiner Jugend dargestellt hatte, nahm es mit und veröffentlichte es unter dem Titel »Heinrich Stillings Jugend« – ein Buch, das zu den vortrefflichsten seiner Art in unserer gesammten Literatur gehört. Die von Jung selbst herausgegebenen Fortsetzungen: »Jünglingsjahre«, »Wanderschaft«, »Häusliches Leben« – er war beiläufig gesagt, schon auf der Universität verheirathet – »Lehrjahre«, »Alter«, erreichen den Reiz der »Jugend« bei weitem nicht. – Von seinen weiteren zahlreichen Schriften führen wir nur an die Romane »Geschichte des Herrn von Morgenthau«, »Geschichte Florentins von Fahlendorn«, »Heimweh« u. s. w. und die späteren Werke »Theorie der Geisterkunde« und »Scenen aus dem Geisterreich«. Jung ist schon durch seine Jugend in eine pietistische Richtung gedrängt, die sich später mehr und mehr in einen seltsamen, confusen Wunderglauben, in Gespensterseherei und mystische Träumereien verliert. So stellt sich eine gewisse Verwandtschaft mit Lavater heraus, nur daß Jung einerseits dichterisch begabter und andererseits um vieles ehrlicher und schlichter erscheint.

Friedrich Heinrich Jacobi, der jüngere Bruder des früher genannten Johann Georg, wurde 1743 zu Düsseldorf geboren. Nachdem er in Frankfurt und Genf ausgebildet worden, übernahm er das kaufmännische Geschäft seines Vaters, beschäftigte sich nebenher aber mit der Literatur, wie er den 1772 mit Wieland den »Deutschen Merkur« gründete, hing allerhand wissenschaftlichen Neigungen nach und knüpfte überall literarische Bekanntschaften und Verbindungen an. In vollster Unabhängigkeit lebend, ließ er sich doch in den Staatsdienst, zum Zoll- und Commerzwesen, ziehen. Später flüchtete er vor den Franzosen nach Hamburg und Wandsbeck, wo er nicht nur mit Klopstock, Voß, sondern auch mit Claudius, den Stolberg und dem übrigen frommen Holstein'schen Kreise in Verbindung trat. Im Jahre 1806 wurde er nach München, an die Akademie der Wissenschaften berufen und Präsident derselben. Er starb daselbst 1819.

Jacobi gehört in unserer Literatur zu den Schriftstellern, welche, und zwar obendrein in völlig räthselhafter Weise, weit über ihren Werth und ihre Bedeutung erhoben worden sind. An wirklichem Talent steht er seinem Bruder, dem häufig zu tief gestellten Johann Georg, entschieden nach. Eine empfindsame und überschwängliche, vor allem aber dilettantische Natur von geringer Tiefe und noch geringerer wirklicher Kraft, wurde er, wie es in solchen geistig regsamen Zeiten und Kreisen stets zu finden ist, in gewissem Sinne von der Regsamkeit und dem Schaffensdrange seiner Umgebung angesteckt und durch die von ihm bewunderten Erfolge Anderer zu eigenen Versuchen gereizt. Ja, er hatte das Unglück, daß der durch seinen Freundschaftsraptus und auch wohl durch seine persönlichen Vorzüge bestochene, von ihm gradezu vergötterte Goethe ihn bei der erwähnten ersten Begegnung, in vollständigem Verkennen, sogar ausdrücklich zum Schaffen antrieb. So entstanden schnell hintereinander die beiden unvollendeten, trübseligen, halt- und gestaltlosen Romane »Allwills Briefsammlung« und »Waldemar, eine Seltenheit aus der Naturgeschichte«, wie auf dem Titel der ersten Ausgabe zu lesen steht. Hier fand sich denn wenigstens Goethe gründlich enttäuscht, und es verdient erwähnt zu werden, daß er dies letztere Buch eines schönen Tages zu Ettersburg vor einer großen lustigen Gesellschaft feierlich dem Teufel übergab und danach »kreuzigte«, d. h. an einen Baum nagelte. – Ueber Jacobi den Philosophen, der nicht viel höher steht als der Romanschreiber, haben wir hier nichts zu äußern.

Von der gesammten Wertherliteratur, welche eine ganz ansehnliche Bibliothek bildet, der Nachahmungen, der Dramatisirungen, Fortsetzungen und Uebersetzungen, der Gegenschriften u. s. w. haben wir Millers »Sigwart, eine Klostergeschichte«, den Ausdruck der hart an Verrücktheit streifenden Empfindsamkeit jener Generation, schon früher genannt, und genügt es, wenn wir hier von den Gegenschriften Nicolai's abgeschmacktes und bleiern witziges Schriftchen »Freuden des jungen Werthers, Leiden und Freuden Werthers des Mannes«, eben nur anführen, in welchen der geschmacklose Mensch obendrein die, hin und wieder freilich bis zum Fratzenhaften gesteigerte Sprache der damaligen Kraftgenies zu verspotten unternahm.

Inzwischen producirte Goethe rastlos weiter, und manches entstand zu dieser Zeit, was selbst von seinem Geiste später niemals überboten wurde. So brauchen wir wohl nur an jenes monologartige Prometheus-Gedicht zu erinnern: »Bedecke deinen Himmel, Zeus – Mit Wolkendunst«, das zu dem Kühnsten und Erhabensten gehört, was jemals dichterisch geschaffen worden ist. – Daran schließen sich Scenen aus dem »Faust«, welcher sich unter den Wirbeln des Frankfurter Lebens in aller Stille zu bilden begann: dem ihn besuchenden Klopstock las der Dichter einzelne Stücke davon vor, ohne freilich mit ihnen auf den vor der Zeit Gealterten einen günstigen Eindruck zu machen. Dazu kommen auch wieder wie früher Kleinigkeiten, an denen der Dichter sich, wie wir es hießen, gewissermaßen ausruhte: Die später, in Italien, überarbeiteten Singspiele: »Erwin und Elmire« und »Claudine von Villa Bella«, endlich jene »Stella, ein Schauspiel für Liebende«, das wir als den ersten – später werden wir dergleichen noch mehrere finden! – wirklichen und schweren Fehlgriff zu bezeichnen haben, ein zugleich widerwärtiges und überaus schwaches Stück, in welchem kaum hie und da ein einzelner Zug an den großen Dichter erinnert, und ein Fehlgriff, der um so räthselhafter erscheint, als Goethe auch später, ja stets diese unglückliche Arbeit mit einer gewissen Vorliebe betrachten mochte. – Um den Lesern eine Probe von den Träumen der Ausleger und Erklärer zu geben, wollen wir hier die Frage eines solchen anführen, ob der Dichter in jener Zeit, »als er Kestner um Lottens Besitz beneidete, sich nicht vielleicht mit dem phantastischen Gedanken an die Möglichkeit ähnlicher (d. h. wie in Stella) Lösung« getragen habe? –

Gedichte und Lieder, nicht selten schon von höchster Vollendung und unvergänglichem Reiz, gingen unausgesetzt nebenher, ja wir dürfen hinzufügen, daß Goethe's ganzes Leben, Denken und Treiben im Grunde nichts als Dichten war, denn selbst die Briefe dieser Zeit sind zum Theil wie die reizvollsten, lustigsten, ergreifendsten Gedichte – man lese z. B. einzelne von denen, welche er an Fritz Jacobi und seine Frau und an die Gräfin Auguste Stolberg schrieb, die gleichsam nur rein zufällig der Verseintheilung und des Reimes entbehren. Von den Liedern nennen wir hier nur die bekannten: »Neue Liebe, neues Leben«, – »Herz, mein Herz, was soll das geben?« – »Warum ziehst du mich unwiderstehlich«, – »Hoch auf dem alten Thurme steht«, – »Es war ein Buhle frech genung«, – »Es war ein König in Thule«, und den wunderschönen »Klagegesang von der edlen Frauen des Asan Aga« u. s. w.

Mehrere von den hier genannten Gedichten, sowie eine ganze Reihe weiterer, entstammen seinem Verhältniß zu Elisabeth (Lili) Schönemann, der sechzehnjährigen Tochter eines reichen Frankfurter Banquiers, der er vom Herbst 1774 an die leidenschaftlichste Liebe widmete, ja mit der er sich nach einigen Monaten wirklich verlobte, um sich endlich auch von ihr wieder loszureißen. Diese Liebe barg schon von Anfang an den Keim des Endes in sich. Zwei verschiedenere, oder richtiger gesagt, sich mehr entgegengesetzte Naturen als der wilde und leidenschaftliche, in unbeschränkter Freiheit sich gefallende, durch und durch geniale und dem Höchsten zustrebende Goethe – »der Geist voll Feuer mit Adlerflügeln« – und die junge, schöne, sorglos hintanzende, fröhlich kokettirende, oberflächliche, endlich im vornehmen Hause und in vornehmen gesellschaftlichen Verhältnissen erwachsene und verwöhnte Lili: zwei so verschiedene Naturen mögen sich schwerlich jemals zu einander gefunden und von der Möglichkeit einer Vereinigung phantasirt haben. »Glück ohne Ruh' – Liebe bist du«, singt Goethe selbst und erprobte die Wahrheit dieser Klage vom ersten Augenblick an auf das schmerzlichste, keinen Augenblick, möchte man glauben, zur vollen Empfindung des Glücke und zum frohen Genuß der Gegenwart gelangend. Davon zeugen noch besser, als die Briefe an Auguste Stolberg, die Gedichte dieser Zeit, von denen kaum eines ohne einen trüben Beiklang ist. Schon im nächsten Frühling, ja schon im Februar, wo er Auguste Stolberg in einem schönen Briefe den Gesellschafts- und den natürlichen Goethe zeichnet, fingen ihm die Augen über der Unnatur dieses Verhältnisses an aufzugehen. Er wollte sich losreißen, wie er denn mit den ihn besuchenden Brüdern Stolberg im Mai eine Reise in die Schweiz machte – es galt einen Versuch zu machen, »ob ich Lili entbehren könne«. Allein er kam nicht von ihr frei; nach Frankfurt zurückgekehrt, fand er die alte Quälerei wieder, bis endlich im September die Verlobung gelöst wurde, – zum tiefsten, noch lange ihn durchzitternden Schmerz, und dennoch, wie wir hinzu setzen dürfen, zu seinem und der Dichtkunst Heil.

In seinen letzten Jahren hat er einmal erklärt, Lili sei die Erste und auch die Letzte gewesen, die er tief und wahrhaft geliebt habe. Ob wir das dem Greise glauben dürfen, dem das volle herzliche Verständniß des Jünglings zu fehlen anfing und der auch anderwärts gegen den früheren Goethe überhaupt einigermaßen ungerecht zu werden begann? Wir zweifeln. Es würde uns wie eine schwere Anklage gegen seine Gefühle nicht nur für Friederike und Lotte, sondern auch und noch mehr für diejenige sein, in der er zehn Jahre lang den Inbegriff seines Lebens und die Krone und den Zweck seines Daseins erkannte – für Frau von Stein.

24.

Unterdessen hatte sich bereits das Thor zu Goethe's ganzer Zukunft geöffnet.

Am 12. December 1774 trat bei dem Dichter Karl Ludwig von Knebel ein, um seine Bekanntschaft zu machen und ihn zu den beiden jungen Weimar'schen Prinzen Karl August und Konstantin, abzuholen, welche auf der Durchreise nach Karlsruhe in Frankfurt verweilten und gleichfalls Goethe kennen zu lernen wünschten, nicht bloß als Dichter des Götz, des Clavigo und Werther, sondern auch und sicher nicht am wenigsten, als den unbarmherzigen Angreifer und Verspotter Wielands, der bekanntlich der Erzieher der Prinzen gewesen war. Man gefiel einander sehr, denn man fand bei weitem mehr in einander, als man erwartet hatte: der siebzehnjährige Karl August war von einer Reife und von einer Fülle der Interessen und auch der Vorsätze, die bei solcher Jugend wohl in Staunen setzen mußte, und Goethe war nicht bloß der Wunderpoet, sondern auch, um diesen Ausdruck zu wählen, der Wundermensch, der sich weit über seine gesammte Umgebung erhob und auf jeden und alle seinen Zauber ausübte. Als er den Reisenden, auf ihren Wunsch, nach Mainz folgte, erhielt er beim Abschied schon hier eine Einladung nach Weimar. Und ob er derselben auch noch nicht folgte, so kam man doch nicht mehr von einander los. Im folgenden Herbst, als Karl August, achtzehn Jahre alt, am 3. September 1775 die Regierung übernommen und sich gleich darauf mit der Prinzessin Louise von Darmstadt vermählt hatte, wurde die Einladung von dem jungen fürstlichen Paare wiederholt und Goethe traf, ihr Folge gebend, am 7. November in Weimar ein, um es nie wieder zu verlassen.

Man hat Goethe's Uebertritt in das Weimar'sche Leben und, wie man es wohl zu heißen liebt, den »Fürstendienst«, bald auf das lebhafteste bedauert, bald auf das härteste getadelt und sich, der Himmel weiß was alles für Vortheile und Erfolge für den Dichter und Menschen ausgemalt, falls er frei und unabhängig seinen eigenen Bahnen gefolgt wäre. Wir stimmen mit dieser Voraussetzung nicht überein. Eine zugleich so weit, so hoch und so rastlos angelegte Natur würde sich in den engen und gewissermaßen stabilen Kreisen und Verhältnissen des bisherigen Lebens entweder schnell abgenützt haben und lahm geworden sein, oder sie hätte sich, gewaltsam und ungezügelt die Schranken durchbrechend, selber zu Grunde gerichtet. In Weimar dagegen fand er sich in Verhältnisse versetzt und vor Aufgaben gestellt, die ihm fremd waren und in die er erst hineinwachsen mußte, um ihnen gerecht und ihrer Herr zu werden, die unaufhörlich seine ganze Kraft, all' seinen Muth und all' seine Ausdauer in Anspruch nahmen, in Uebung erhielten und kräftigten; die ihn tagtäglich zur Selbstzügelung zwangen und ihn Schritt vor Schritt zu immer vollerer Herrschaft, zu immer größerer Klarheit über sich, über seine Aufgabe und seine Ziele gelangen ließen. Hier, wenn irgendwo, gilt Schillers Wort im Wallenstein-Prolog:

»Im engern Kreis verengert sich der Sinn,
Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken.«

Goethe bedurfte einer ernsten Schule und einer strengen Prüfung, es bedurfte, wie er selbst es heißt, eines gewaltigen Hammers, um seine Natur von den vielen Schlacken zu befreien und sein Herz gediegen zu machen. Aber es gelang. Die Prüfung wurde glänzend bestanden, und er ging aus ihr als der größte Dichter und, wie man hinzu setzen darf, als der größte, als der vollendetste Mensch der ganzen neueren Zeit hervor.

Man schüttet, wenn man diese zehn oder elf Jahre bis zur Flucht nach Italien (1786) in Ansehung seines dichterischen Schaffens betrachtet, gewöhnlich das Kind mit dem Bade aus. Sein ausgelassenes Leben, die gesellschaftlichen Zerstreuungen und seine Amtsgeschäfte – er wurde 1776 Legationsrath, 1779 Geheimerath, 1782 geadelt und interimistisch Kammerpräsident – sollen ihm keine Zeit und Stimmung zu großen und ächten Werken gelassen, vielmehr seinen Geist und seine Kraft zu allerhand Piecen für Hoffestlichkeiten und für das Liebhabertheater herabgestimmt haben. Man faßt bei diesem Urtheil alle die Maskenaufzüge und die Stücke und Stücklein ins Auge, die wie »Lila«, »Die geflickte Braut« (später »Der Triumph der Empfindsamkeit« geheißen), »Die Geschwister«, »Die Fischerin«, »Jery und Bätely«, »Scherz, List und Rache«, das Melodram »Proserpina«, »Die Vögel«, »Das Neueste von Plundersweilern« u. s. w., allerdings meistens für den Augenblick und die Erheiterung eines großen geselligen Kreises bestimmt waren. Aber man übersieht schon bei ihnen, daß sie an Witz und Humor, an Lust und Leben, an heiterer Laune und wirklichem Geist sich unter allem, was wir an Gelegenheitsdichtungen besitzen, nicht wenig auszeichnen, daß »Die Geschwister« ein kleines Stück von großer Anmuth und nicht geringem Werth sind, und daß »Der Triumph der Empfindsamkeit« uns schon um dessentwillen von Interesse sein und bleiben muß, weil Goethe in oder mit diesem tollen Stücke für sich und die Literatur mit aller Sentimentalität und Empfindsamkeit bricht.

Aber man übersieht weiter, daß es während dieser Zeit doch auch keineswegs an ernsteren und würdigeren Arbeiten fehlte. Er hatte die Anfänge des »Egmont« von Frankfurt mitgebracht und setzte ihn, sei es auch nur in Pausen fort; er schrieb die »Iphigenie«, die 1779 aufgeführt, schon in ihrer ersten prosaischen Gestalt alle Welt bezauberte und, wiederum in dieser ersten Gestalt, unzweifelhaft zu den schönsten und edelsten Blüthen des Goethe'schen Geistes zu rechnen ist. Er schrieb die beiden ersten Acte der Tragödie »Elpenor«, er vollendete, gleichfalls noch in Prosa, den »Tasso«, und es entstanden sechs Bücher von »Wilhelm Meister«. Das ist denn immerhin eine stattliche Reihe von Werken und zeugt, zumal wenn man noch diese und jene der gleichen Zeit angehörenden Entwürfe dazu rechnet, nicht grade von einem Feiern, geschweige denn von einem Nachlassen der dichterischen Kraft. Und wenn diese Arbeiten theils ganz auf die Seite gelegt wurden, theils erst nach einer späteren erneuten und gründlichen Bearbeitung zur Vollendung gelangten, so sollten wir darin grade die hohe Bescheidenheit und die tiefe Selbstkenntniß Goethe's bewundern, der für das Publikum, für sich selbst und für die Kunst einen immer höheren Maßstab an seine Schöpfungen zu legen und Forderungen an dieselben zu stellen begann, denen er trotz der wachsenden geistigen Reife und Einsicht noch nicht zu genügen vermochte. Als diese Reife und Einsicht dann endlich erlangt war, da brauchte er, nach Schillers bewunderndem Wort, auch nur »leis am Baume zu schütteln, um sich die schönsten Früchte, reif und schwer, zufallen zu sehen«.

Aber wir sind mit Goethe's Schöpfungen in dieser Zeit noch immer nicht zu Ende. Denn nun treten uns erst die Gedichte entgegen, die Lieder, die Balladen, die Dichtungen aller Art und die ersten epigrammatischen Versuche, von denen allen in diesem ersten Weimar'schen Zeitraum nicht wenige entstanden sind und zum Schönsten und Vollendetsten gehören, was unsere Lyrik überhaupt aufzuweisen hat. Erinnern wir nur an die beiden kleinen Nachtlieder: »Der du von dem Himmel bist«, und »Ueber allen Gipfeln ist Ruh'«; an das Mondlied: »Füllest wieder Busch und Thal«; die Balladen »Der Fischer« und »Der Erlkönig«; die »Zueignung«: »Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte«; die beiden Gedichte »Miedings Tod« und »Ilmenau«. – Möge es hiermit genug sein, denn schon aus diesen wenigen Stücken erkennen wir klar genug, zu welcher Höhe der Dichter sich erhoben hatte, einer Höhe, die von keinem Anderen erreicht und auch von Goethe selber im Grunde nicht mehr überstiegen wurde.

Die Kraft und Klarheit des Gedankens, die Tiefe und Reinheit der Empfindung, die Natürlichkeit, Einfachheit und Kongruenz des gesammten Ausdrucks, die reine Schönheit und Melodie der Sprache endlich – kurz alles, was überhaupt einer Dichtung den Stempel der Vollendung aufdrückt, finden wir in diesen kleinen Schöpfungen ungekünstelt und in schönster Harmonie bei einander. Ein Geist, dem auch nur ein einziges Gedicht, wie z. B. jenes wundervolle »Ilmenau« entblüht, feiert sicherlich nicht in träger Ruhe, noch wird er durch das Erdengewühl beeinträchtigt. Wir müssen nur bei Goethe, wie bei allen seines Gleichen, von jener Ueberproduction absehen, zu welcher sich die Geister zweiten Ranges zu steigern lieben. Das wahrhaft Schöne und Vollendete muß, seiner Natur nach, stets ein Seltenes und Vereinzeltes bleiben.

Für Goethe erwuchs aus seinem Gesellschafts-, Hof- und Geschäftsleben nirgends ein ernstlicher Nachtheil – »an diesem herrlichen Gottesmenschen,« sagte Wieland damals, »ist nichts verloren.« Im Gegentheil, sein Blick erweiterte, sein Standpunkt erhöhte, seine Einsicht und seine Kraft steigerten sich unausgesetzt und er »lernte täglich mehr steuern auf der Woge der Menschheit«.

Die Zustände und Verhältnisse in Weimar, über welche die Leserinnen sich in einer langen Reihe von kleineren und größeren Darstellungen des Näheren unterrichten können, mochten an und für sich allerdings häufig drückend und eng genug sein, waren jedoch immerhin unendlich viel weitere und freiere, als diejenigen, welche der Dichter in Frankfurt verlassen hatte. Das gesammte Leben war, trotz aller Kleinlichkeit im Einzelnen, von einem bei weitem größeren Zuschnitt, und der Kreis, in den er trat und der sich rasch immer glänzender gestaltete, war völlig einzig in seiner Art. Man lerne nur einmal die Glieder desselben kennen. Die geistvolle, groß- und freisinnige, frohherzige und unermüdlich strebende Herzogin-Mutter Anna Amalia; der wilde, aber auf's Höchste angelegte, geniale und kernhafte Herzog Karl August; die vornehme und kalte, aber durchaus edle und, einmal gewonnen, unverbrüchlich treue Herzogin Louise; der launenhafte und launige Wieland; der reizbare, aber grundtüchtige, stets theilnahmsvolle, hochgebildete Knebel; der bittere und unbefriedigte, aber durch Größe und Freiheit der Anschauung und Tiefe der Einsicht alle gewinnende und allen imponirende Herder. Dazu gesellt sich eine Reihe von theils wunderlichen, theils trefflichen, insgesammt aber bedeutenden Persönlichkeiten, wie die Fürsten von Gotha und Dessau und der Coadjutor Dalberg. Und endlich schließt sich im Innern und von außen eine Menge von Persönlichkeiten an, unter denen sich manche fanden, die nur hier, neben den Größeren und Größten, sich mit einem bescheideneren Range und Namen begnügen mußten. Und diese alle waren vereint anscheinend nur zum fröhlichsten, sorglosesten, ja ausgelassensten Lebensgenuß, während unter solcher Decke von nicht wenigen mit Ernst und Treue edle Zwecke und hohe Ziele verfolgt wurden. Das war in Wahrheit eine Vereinigung, wie sie nie und nirgends wieder in Deutschland sich zusammenfand, und ein Leben, wie es nie und nirgends wieder gelebt wurde.

Ueber Goethe's öffentliches und Privatleben können wir hier nur wenige kurze Andeutungen geben. Im tiefsten Vertrauen des Herzogs und der fürstlichen Familie, wurde er nach und nach an die Spitze aller Geschäfte und der gesammten Verwaltung gestellt und suchte auf das treueste und redlichste dieser Aufgabe zum Wohl des Landes und des fürstlichen Freundes gerecht zu werden. Daneben verfolgte er aber auch die weitere sich selbst auferlegte Aufgabe, die Erziehung und Ausbildung des jungen Fürsten zur Selbstständigkeit und ächten und schönen Menschlichkeit unermüdlich und zum Theile wenigstens mit dem günstigsten Erfolg. Denn Karl August gehört unzweifelhaft, trotz seines beschränkten Wirkungskreises, zu den tüchtigsten, großsinnigsten und vorurtheilsfreiesten Fürsten, die jemals in Deutschland geherrscht haben.

Hiernach bleiben uns nur noch ein paar Worte über diejenige zu sagen, mit der er zehn Jahre und länger in engster Verbindung stand und die er als »den Inbegriff seines Schicksals, aller seiner Freuden und Schmerzen und als die Seelenführerin« liebte. Das ist Charlotte, die Tochter des Hofmarschalls von Schardt, seit 1764 die Gattin des Oberstallmeisters von Stein. Beide waren schon vor ihrer Begegnung durch den uns bereits bekannten, schwatzhaften und galanten hannoverschen Leibarzt Zimmermann auf einander aufmerksam gemacht worden und trafen jetzt um so leichter zusammen, als Frau von Stein dem Hofkreise angehörte, welcher sich auch Goethe von Anfang an öffnete. Ueber die Natur, das Wesen und die Grenzen der von ihnen geschlossenen Verbindung herrschen bis auf den heutigen Tag die allerverschiedensten Ansichten. Die Einen erklären diesen Freundschafts- und Liebesbund für den schönsten, reinsten und heiligsten, der jemals existirt habe; die Anderen heißen ihn sogar einen »mystischen«, wohl nur, weil sie die Schönheit und Heiligkeit nicht zu leugnen wagen und sie dennoch in Ansehung grade dieser Persönlichkeiten und aller sie umgebenden Verhältnisse und Zustände nicht recht zu begreifen und erklären vermögen. Noch Andere gefallen sich in rein frivolen Erklärungen, und endlich gibt es denn doch auch nicht Wenige, welche zu allem bisher Angeführten den Kopf schütteln und zur Erwiderung nur auf Goethe, den natürlichsten und menschlichsten aller Menschen hinweisen, dessen Liebe gleichfalls nur eine natürliche und menschliche sein und ebenso nur gefesselt werden konnte. Zur vollen Klarheit könnten wir aber nur dann gelangen, wenn die angeblich verbrannten Briefe Charlottens an den Geliebten doch gerettet wären und noch einmal zum Vorschein kämen. Die Briefe Goethe's sind schon seit längerer Zeit gedruckt und gehören theilweise zum Schönsten, was von ihm jemals geschrieben worden ist, wie sie denn auch zur Kenntniß seiner selbst und seines Lebens in Weimar der wichtigste Beitrag sind, den wir besitzen.

Am 3. September 1786 reiste Goethe von Karlsbad in aller Stille ab und in die Welt hinein. Niemand, selbst der Herzog nicht, der ihm Urlaub gegeben hatte, wußte von dem Ziel dieser Reise. Erst von Terni, von Rom aus, ließ er die Geliebte und die Freunde erfahren, wo er sei. Denn nach Italien ging er und blieb daselbst bis zum Frühling 1788, dichtend, zeichnend und malend, sammelnd und studierend, träumend und schwärmend, im frischen und weiten, durch keine Schranken und Rücksichten eingeengten und bedrückten Leben.

Was ihn zu dieser Flucht, denn eine solche war es, vermochte, darüber ist von ihm selbst und Anderen gleichfalls viel erklärt und gesagt worden. Halten wir uns nur daran, daß er jetzt den Hof, die Gesellschaft, die Geschäfte zur Genüge »probirt« und für sie und sich selbst, häufig in harter Arbeit und nicht selten ernüchtert und enttäuscht, alles erreicht hatte, was sich im damaligen Weimar erreichen ließ. Nach der langjährigen Selbstlosigkeit trat das Selbst wieder in seine Rechte mit den Ansprüchen des Menschen und den unabweisbaren Forderungen des Künstlers und Dichters. Der eine war müde geworden und bedurfte einer gründlichen Erholung und Auslüftung, und der andere erkannte auf der Stufe, welche er in stiller Weiterentwickelung gewonnen hatte, wie tief er noch unter der höchsten stand und wessen er benöthigte, um sich zu ihr empor zu schwingen. So ging er und ging mit Recht. Er war gereift genug, um mit Selbstvertrauen in die offene See hinauszusteuern.

Man macht es dem Dichter zum Vorwurf, daß er während der anderthalb Jahre seines italienischen Aufenthalts so gut wie nichts Neues geschaffen, sondern nur schon fertiges Aelteres einer Umarbeitung unterworfen oder bisher Unfertiges vollendet habe. Das so Entstandene genügte obendrein dem Publikum im Großen und selbst den sogenannten einsichtigen Freunden nicht. Das eine wußte im Grunde nur vom Dichter des Götz und Werther und fand sich durch die neuen, himmelweit von jenen verschiedenen Schöpfungen schwer enttäuscht: sie sind ihm bis auf den heutigen Tag ziemlich fremd geblieben, und »populär«, wie die ersten Schriften, ist keine spätere Goethe's mehr geworden. Aber auch die »Freunde« vermochten sich nicht zu der künstlerischen Höhe der neuen Werke und zur gerechten Würdigung des höher und höher sich aufschwingenden Geistes zu erheben.

Statt zu »dichten«, ergab der räthselhafte Mensch sich allen möglichen Allotrien. Er ließ es nicht bei den natürlichen Alterthums- und Kunststudien bewenden, sondern widmete sich auch naturwissenschaftlichen »Grillen und Träumereien«, trieb sich im gesammten Leben auf und ab und »verschwendete« seine beste Zeit und Kraft in unendlichen eigenhändigen Zeichen- und Malversuchen, fast als ob er sich zum wirklichen Künstler ausbilden wollte. Uns kann dies alles weder räthselhaft erscheinen, noch wird uns die Zeit und Mühe für eine verlorene gelten, gleichviel, ob jene letzteren Versuche auch nur zu der Erkenntniß führten, daß Goethe die Ausübung dieser Kunst versagt sei. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, daß er sein ganzes Leben lang bestrebt blieb, das geistig Erfaßte und Gewonnene sich nach Kräften auch practisch, geläufig und nutzbar zu machen. Man darf aber auch nicht vergessen, daß in Goethe der Mensch und Dichter, Leben und Dichten eins und nicht von einander zu trennen sind; daß der zweite nur das, geläutert und geklärt, gleichviel ob früher oder später, reproducirt, was der erste in sich aufgenommen und durchlebt hat.

Für Goethe kam es in Italien zuerst und vor allem darauf an, sich nach der voll Ernst und Treue durchlebten verhältnißmäßigen Enge des Weimarschen oder vielmehr seines ganzen bisherigen Lebens, nun in der wirklichen, unbegrenzten Weite heimisch zu machen, dieselbe nach allen Richtungen zu durchkosten, sie in jeder Weise auf sich wirken zu lassen. Dabei konnte von einer augenblicklichen dichterischen Verwerthung oder, wenn man so will, Wiederspiegelung der neuen Eindrücke und Anschauungen, mit einem Wort, des gesammten neu Gewonnenen, unmittelbar schwerlich die Rede sein. Mittelbar aber finden wir sie in den sämmtlichen Werken, welche während dieser Zeit vollendet wurden, und in allem, was der Dichter später überhaupt noch von sich ausgehen ließ. Seine volle Größe hat der Mensch und Dichter erst in, oder sage man durch Italien erreicht.

Während dieser Zeit wurden neu bearbeitet oder überhaupt erst vollendet: »Iphigenie auf Tauris«, die beiden Singspiele »Erwin und Elmire« und »Claudine von Villa Bella«, »Egmont«, »Tasso«, der erst gleich nach der Rückkehr in Deutschland zum Schluß gelangte, und endlich der »Faust«, noch als Fragment.

Die beiden Singspiele wollen freilich nicht viel bedeuten, wenn auch die »Claudine« immerhin eine ernstere und liebevollere Beachtung verdient, als man ihr gewöhnlich zu gönnen pflegt. Die anderen drei aber – der »Faust« steht völlig allein – sind abgesehen vom Götz und Werther, die poetischen Meisterwerke des Dichters, die er nicht mehr überboten hat und denen sich, genau erwogen, später nur noch »Hermann und Dorothea« anschließt. Und da, was Goethe diesen Stücken in Italien gab, um vieles mehr ist als eine Bearbeitung oder Umdichtung im gewöhnlichen Sinne, eine Neudichtung nämlich, welche die gesammte dichterische Kraft und Thätigkeit des Dichters in Anspruch nahm, so darf uns ein solches Ergebniß der italienischen Reise selbst für einen Goethe wohl als ein außerordentliches erscheinen.

Die »Iphigenie« ist und bleibt in Ansehung ihrer Klassicität vielleicht das vollendetste Dichterwerk, das wir überhaupt besitzen, gleichviel ob wir sie für ein wirkliches Drama erklären oder nur für ein dramatisches Gedicht gelten lassen, ob wir darin den »ganzen Geist des Alterthums« finden oder dies letztere nur im Nebenwerk, im Lokalen, im eigentlichen Stoff wiedererkennen; oder ob wir endlich das Stück, mit Schiller, als »erstaunlich modern und ungriechisch« bezeichnen. Letzteres dürfen wir sicherlich am wenigsten. Denn die Personen, welche uns entgegentreten, sind weder Gestalten des Alterthums noch der neuen, d. i. Goethe'schen Zeit, sondern Repräsentanten der ewig einen, schönen und reinen Menschlichkeit. Darum ist der Eindruck, den wir von ihnen empfangen, auch zu allen Zeiten der gleiche hohe und reine. Das, was man als modern oder ausdrücklich als deutsch bezeichnen könnte, ist die wunderbare Innigkeit, die das ganze Stück durchzieht, und der Hauch des Friedens, der über dem Ganzen, zumal über dem Schlusse schwebt. –

Im »Tasso« finden wir das Gleiche, nur in fast noch gesteigertem Maße: das schön und rein Menschliche in völliger innerer Unabhängigkeit von Zeit und Ort. Als Drama ist das Stück schwächer als Iphigenie: von Handlung und Effecten ist in ihm wenig oder nichts zu entdecken. Dagegen ist die Nuancirung der Charactere eine wundervoll feine und zugleich feste und das Ganze von einer bezaubernden Anmuth. In der Sprache sind beide Stücke, was auch ein überstrenger Metriker hie und da gegen einzelne Verse einwenden möchte, völlig tadellos und von nirgends wiedererreichter Schönheit.

Die Entstehung des »Egmont« reicht, wie wir schon erfahren haben, noch in die Frankfurter Zeit zurück und das Stück gehört, auch in der uns vorliegenden Bearbeitung, um es so zu bezeichnen, viel entschiedener dem Dichter des Götz an, als die beiden vorhin genannten Dramen. Es ist darin noch etwas von jener Sturm- und Drangzeit, wie denn auch die Sprache die prosaische blieb und Egmont selber in seiner frohherzigen, heiteren, sorglosen und ein wenig schwankenden Männlichkeit an die anderen Gestalten der damaligen Periode erinnert. Das Stück ist ungleichmäßig gearbeitet und entbehrt der rechten Abrundung und eines reinen Abschlusses. Dagegen ist es reich an den anmuthigsten und ergreifendsten Zügen, und die Liebesscenen gehören, gleich denen im Faust, zu dem Lieblichsten und Innigsten, das jemals gedichtet worden ist. Diese Scene und der ganze liebenswürdige Charakter des Egmont selber haben das Werk von Anfang an unserem Volke lieb gemacht und ihm diese Zuneigung bis heut erhalten.

Ueber den »Faust«, dessen erster Theil allerdings erst 1808 in der uns vorliegenden Gestalt erschien, haben wir nur Weniges zu sagen. Dies Lebenswerk Goethe's – die ersten Scenen stammen, wie wir wissen, aus den ersten siebziger Jahren, während der zweite Theil erst im Sommer 1831, nicht lange vor des Dichters Tode, abgeschlossen wurde – ist nicht nur ein Bild des über seine Schranken hinausstrebenden Menschengeistes, sondern umfaßt auch, daran anschließend, das gesammte Leben und die gesammte Menschheit. So muß es recht eigentlich als ein Weltgedicht und als das größte erkannt und geschätzt werden, das die neuere Zeit überhaupt hervorgebracht hat. Näher auf dasselbe einzugehen, verbietet nicht bloß der Umfang dieser Schrift. Wir stehen auch im tiefen Gefühle unserer Unzulänglichkeit von einer Erklärung oder einer auch nur einigermaßen genügenden Darlegung ab. Wir kennen unter den zahlreichen Commentaren und Erörterungsversuchen, welche der »Faust« hervorgerufen hat und noch immer hervorruft, nicht einen, welcher der ganzen Größe des Werkes gerecht würde, und wir sind auf das tiefste davon überzeugt, daß diese Größe auch niemals demonstrirt und documentirt, sondern nur vom Geist und Herzen desjenigen geahnt und empfunden werden kann, der sich ohne Grübeln und Suchen, in voller Freiheit und Innigkeit der Dichtung und ihrem Zauber zu eigen gibt.

25.

Die übrige Literatur dieser Zeit, von der Mitte der siebziger bis gegen das Ende der achtziger Jahre, welche den Chorführern nachstürmte, -tobte, -schwärmte und -empfindelte, gewährt im Allgemeinen ein wirres und wenig erfreuliches Bild. Was wir früher von den Nachfolgern Goethe's und den Nachahmungen seines »Götz« sagen mußten, findet mehr oder weniger auch überall anderwärts seine Anwendung. Es muß freilich wohl als ein Fortschritt erkannt werden, daß die Literatur sozusagen weiter und weiter wurde, neue Richtungen einschlug und neue Gebiete eroberte. Allein die Plan- und Einsichtslosigkeit dieses Fortschritts, das Aufgeben aller Regeln und jedes Maßes, die souveräne Herrschaft des sogenannten »Genie's« war nicht nur für die Literatur selber, sondern auch für das Publikum von höchst ungünstigen Folgen. Die erstere füllte sich mit einer Unzahl der mattesten und plattesten, der schwächsten, ja völlig nichtigen, der rohsten, ja gradezu gemeinen Producte an, so daß das wenige Gute und Gesunde davor kaum bemerkbar wurde. Und bei dem letzteren verschwand folgerichtig mehr und mehr wieder das Minimum von Kunsteinsicht, selbstständigem Urtheil und gutem Geschmack, zu dem es mühsam genug herangebildet war. Ja die einreißende Rohheit und Geschmacklosigkeit waren so groß, daß sie während der großen klassischen Periode und über dieselbe hinaus noch das ganze erste Drittel unseres Jahrhunderts erfüllten, und mit vollem Recht Platen zu seinen bitter spottenden und zürnenden Parabasen veranlassen durften.

Man kann es den höheren, gesunderen und kräftigeren Geistern unter solchen Umständen kaum verdenken, daß sie sich von dem wüsten Treiben und den formlosen Erscheinungen voll Unmuth, Verachtung, ja mit Ekel und in heller Verzweiflung abwandten und sich, mißtrauisch und zurückhaltend auch gegen das Bessere, immer entschiedener oder, wie man es wohl hieß, hochmüthiger auf sich selbst und ihre einsame Höhe zurückzogen.

Denn daß es trotz alledem, wie immer, auch jetzt noch des Besseren und wirklich Guten gab, darf allerdings nicht bezweifelt werden. Gehen wir von der gährenden und häßlichen Oberfläche ins Innere hinab und suchen und verfolgen mit einigem guten Willen und ohne Voreingenommenheit die Einzelnen und das Einzelne, so wird unser Urtheil wohl ein billigeres und milderes werden dürfen. Wir sehen mehr als eine ältere oder jüngere, rüstige und tüchtige Kraft, die sich nicht nur über dem allgemeinen Taumel erhält, sondern sich auch demselben nach Kräften entgegenstemmt. Einzelne schwingen sich aus ihrer eigenen anfänglichen Verirrung zur reinsten Höhe auf, und Andere endlich bleiben zwar nicht völlig frei, halten sich jedoch immer noch vom ärgsten Treiben fern und besitzen zudem Einsicht, Lust und Raum genug, um über die tollsten Tollheiten spottend herzuziehen. Und so bleibt uns, trotz des untröstlichen Anscheins, auch hier der Glaube an den wenn gleich leisen, doch rastlosen Fortschritt und die stetige Weiterentwickelung des geistigen Lebens der Nation.

Während wir früher auch die Philosophen und Gelehrten wenigstens anführen zu müssen glaubten, welche sich in ihren Schriften überhaupt nur unserer Sprache bedienten und, bei der geringen Zahl der Schreibenden überhaupt, auch ihrerseits als Fortbildner und Pfleger der deutschen Prosa zu schätzen waren, müssen wir uns fortan mehr und mehr auf die sogenannte schöne Literatur beschränken. Sie ist zu dieser Zeit bereits gewachsen und wächst so reißend fort, daß eine Uebersicht über dieselbe nur dann auf mäßigem Raume herzustellen ist, wenn man alle übrigen Gebiete mehr und mehr außer Acht läßt. Doch soll hier wenigstens der glänzendsten Offenbarung des deutschen Geistes und der höchsten Geistesthat des 18. Jahrhunderts gedacht werden, welche grade in diese Jahre fiel. Im Jahre 1781 erschien des Königsberger Philosophen Immanuel Kant, 1724-1804, »Kritik der reinen Vernunft«, ein Werk, das nicht nur für die eigentliche philosophische Wissenschaft neue Bahnen eröffnete, sondern auch im gesammten geistigen und sittlichen, ja selbst im socialen Leben der Nation einen Umschwung hervorrief, dessen Nachwirkungen sich bis auf unsere Zeit nach allen Richtungen hin verfolgen und spüren lassen.

Unter denen, welche ganz und gar dieser Zeit angehören, nimmt Georg Forster, geboren 1754 zu Nassenhuben bei Danzig und gestorben in Noth und Kummer, verlassen und vervehmt, zu Paris 1794, unzweifelhaft die erste Stelle ein. Als Sohn des Naturforschers und späteren Hallenser Professors Johann Reinhold Forster, gelangte er mit diesem schon in früher Jugend nach England und begleitete ihn auf die zweite große Entdeckungsreise Cooks. Alsbald nach der Rückkehr veröffentlichte der wenig über zwanzig Jahre alte Jüngling bereits die erste, englische Ausgabe der Reisebeschreibung, welcher im Jahre 1779 unter dem Titel »Johann Reinhold und Georg Forsters Reise um die Welt während der Jahre 1772-1775« die deutsche folgte, ein Meisterwerk voll Tiefe, Wärme und Klarheit, voll Natürlichkeit und Schönheit, Wissenschaftlichkeit und Poesie, – eine Schrift, die ihrem Verfasser für immer einen der ersten Plätze unter unseren klassischen Schriftstellern sichert. 1778 kam er nach Deutschland und fand zu Kassel eine Anstellung als Lehrer der Naturgeschichte. Mitten in das verworrene und ausschweifende Treiben jener Sturm- und Drangzeit versetzt, wurde auch er, der völlig Unvorbereitete, eine Zeitlang von demselben betäubt, in religiöse Abirrungen hineingezogen und dem Geheimbunde der Rosenkreuzer mit seinen alchymistischen Träumereien, seinen Goldmacherkünsten, seinem Glauben an den directen Verkehr der Lebenden mit den Todten u. s. w. in die Arme geführt. Aber er war ein zu gesunder und zu kräftiger Geist, als daß er sich nicht alsbald aufgerafft und sich höher und höher, zu der reinen und freien menschlichen Bildung und Würde aufgeschwungen hätte, in der wir den Grund und das Ziel der großen klassischen Periode zu erkennen haben. Sein ganzes Leben lang ums Brod arbeitend und vom »Glück« niemals begünstigt, fand er, nach einer bald wieder aufgegebenen Professur an der Universität in Wilna, erst 1788 als Bibliothekar in Mainz einen anscheinend sorgenfreien und angemessenen Wirkungskreis. Allein theils die traurigsten häuslichen Verhältnisse, theils die französische Revolution, zu deren begeistertsten, ehrenhaftesten und einsichtigsten Verehrern und Verfechtern er zählte, trieben ihn schon nach wenigen Jahren, geächtet, hinaus und, wie wir schon erwähnten, in den Tod.

Seine zahlreichen kleinen Abhandlungen sind, und zwar nicht bloß als Zeugnisse von der Höhe und Klarheit dieses Geistes, auch heute noch von hohem Werth und in Ansehung der Darstellung von tadelloser Schönheit. Zwischen den nicht minder zahlreichen Lohnübersetzungen machte das indische Drama »Sakontala« des Kalidasa ein außerordentliches Aufsehen und darf schon um dessentwillen nicht vergessen werden, weil mit seinem Bekanntwerden der tiefgreifende und nachhaltige Einfluß der indischen Sprache und Literatur auf die deutsche Poesie und Wissenschaft beginnt. Forsters letztes und bekanntestes Werk, die »Ansichten vom Niederrhein«, ist das Ergebniß einer Reise, die er 1790 mit dem damals einundzwanzigjährigen Alexander von Humboldt rheinabwärts nach Belgien, Holland und England unternahm. Alles zusammengenommen besitzen wir in Forster einen Schriftsteller, dessen Werke zu den Zierden unserer Literatur gehören und jedem bekannt und lieb bleiben sollten, der einen Anspruch auf wirkliche Bildung macht.

Im unmittelbaren Anschluß an ihn finden wir einen zweiten, verschiedenartigen, aber nicht geringeren Geist, seinen Freund, den Göttinger Professor Georg Christoph Lichtenberg, geboren 1742 bei Darmstadt, gestorben 1799 zu Göttingen. Durch seine »Erklärung der Hogarthischen Kupferstiche« ist er auch heute noch in verhältnißmäßig weiten Kreisen bekannt und angesehen, und die geistvolle, launige und witzvolle Darstellung rechtfertigt eine solche Theilnahme im vollsten Maße. Von noch größerem Werth aber sind oder sollten doch sein für uns seine zahlreichen übrigen kleinen Schriften und Aufsätze, gewissermaßen Zeit- und Literaturbilder der pikantesten Art und in Darstellung und Sprache fast ausnahmslos von vollendeter Meisterschaft – wir nennen hier nur: »Bittschrift der Wahnsinnigen«, »Ueber die Macht der Liebe«, »Ueber Physiognomik wider die Physiognomen«, »Gnädigstes Sendschreiben der Erde an den Mond« u. s. w. Der unerbittlichste, einsichtigste und gründlichst gebildete Gegner der Original- und Kraftgenie's, der Empfindsamkeit und Schwärmerei » à la mode«, kämpft er gegen alle Auswüchse, Schäden und Thorheiten jener Zeit und Literatur unermüdlich mit unversieglicher Laune, mit dem geistreichsten Witz, mit dem treffendsten Spott, mit niemals versagendem Geschmack. Und das alles ist von einer solchen Originalität und Frische, daß es auf jeden gebildeten und einsichtigen Leser auch heute noch die gleiche Wirkung auszuüben vermag, wie auf die Zeitgenossen.

Von der Höhe Forsters und Lichtenbergs müssen wir bei den Folgenden allerdings um manche Stufen herabsteigen. Jene Beiden sind leider fast vergessen, aber nichts weniger als veraltet; im Gegentheil, wer ihnen heutzutage nahe tritt, wird sie sogar um vieles höher stellen müssen, als ein großer Theil der vorurtheilsvollen Zeitgenossen zu thun pflegte. Wohin wir aber jetzt gelangen, begegnet uns kaum das eine oder andere Werk, das für den heutigen Forscher und Leser von mehr als literarhistorischem Werth und überhaupt genießbar sein möchte, wie viele, zum Theil hochgefeierte Namen uns auch entgegenklingen. Die Grund- und Hauptrichtung dieser Literatur läßt sich als eine oppositionelle bezeichnen: sie wendet sich bald direct, bald indirect, gegen die Irrthümer und Schäden, gegen den Ueberdrang und den Empfindsamkeitsschwindel der Zeit. Sie ist selber keineswegs völlig frei von den Zeitfehlern, aber sie sucht sich doch über dieselben zu erheben, sei es ernsthaft, sei es lächelnd, spottend, oder endlich, beides verneinend, humoristisch. An gutem Willen fehlt es nicht, aber die Kraft reicht, wenige Ausnahmen abgerechnet, nicht aus, und von Kunsteinsicht und Kunststreben, von Geschmack und gar von wirklicher Poesie zeigt sich in den seltensten Fällen auch nur eine Spur.

Sehen wir uns zuerst die Hauptvertreter der Humoristik an, einer Empfindungs- und Kunstform, der wir im Grunde hier zuerst in unserer Literatur begegnen. Die Humoristen treten ungefähr zu gleicher Zeit mit den Stürmern und Drängern auf und zeigen uns wie diese den Kampf der Individualität und des Ideals gegen die beengende Wirklichkeit und gegen die drückenden Verhältnisse auf staatlichem, religiösem, gesellschaftlichem und literarischem Gebiet. Nur ist dieser Kampf bei ihnen ein wesentlich innerlicher und wird nicht in alle Schranken überbrausender Leidenschaft, sondern in einer um vieles milderen Weise, bald lachend und scherzend, bald wehmüthig und voll thränenvoller Entsagung weitergeführt, wozu sich dann, genau wie bei den Stürmern und Drängern, ein ganz ansehnlicher Theil von der die ganze Zeit durchflutenden hinschmachtenden Empfindsamkeit gesellt. Ob der Humor als solcher von Hause aus im deutschen Herzen und Gemüth wurzelt, oder ob er in seinem eigentlichen Wesen von ihnen nur von auswärts übernommen und allmälig ihnen angebildet wurde, ist eine Frage, die wir hier nicht weiter erörtern können. Uns genügt es festzustellen, daß die ersten Aeußerungen dieses Humors in Deutschland im genauesten Zusammenhange mit der englischen Humoristik jener Zeit und zwar vor allem mit Sterne's Romanen, »Yoriks empfindsame Reisen« und »Tristram Shandy«, stehen. Am deutlichsten gewissermassen zeigt sich dies allerdings erst in jener von uns früher schon erwähnten »Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich«, von M. A. v. Thümmel, einem Roman, der trotz solcher Anlehnung sich in voller geistiger Unabhängigkeit entwickelt und trotz seiner sittlichen Mängel, wie wir wiederholen, zu dem Vorzüglichsten gehört, was unsere Prosaliteratur aufzuweisen hat. Indessen findet, wer einigermaßen aufmerksam in diese Werke hineinliest, auch in den frühesten – Thümmels »Reise« erschien erst vom Anfang der neunziger Jahre an – und schwächsten jenen Einfluß wieder, wenn auch, wie man mit Recht gesagt hat, die deutschen Humoristen ihrem Vorbilde Sterne ebenso fern blieben, wie die Stürmer und Dränger ihrem Shakespeare.

Als der Bedeutendste von allen tritt uns Th. G. v. Hippel entgegen, geboren 1741 zu Gerdauen in Ostpreußen, gestorben 1796 zu Königsberg. Sein erstes und bestes Werk ist der Roman »Lebensläufe in aufsteigender Linie«, in welchem er seine eigene Jugendgeschichte, ob auch breit und mit zahlreichen Abschweifungen, voll tiefer Empfindung und Wärme, mit großer Anschaulichkeit und reicher Menschen- und Herzenskenntniß behandelt. An heiterem Scherz, an munterer Laune, an Ironie und Witz fehlt es gleichfalls nicht, obgleich der Hintergrund durchweg ein melancholischer bleibt. Der Roman verdient, trotz manches für uns Fremdartigen, auch heute noch unsere vollste Aufmerksamkeit und Theilnahme. – Sein zweiter Roman »Kreuz- und Querzüge des Ritters A-Z«, tritt gegen den ersten weit zurück. Auf Verspottung des Adels und der geheimen Gesellschaften jener Zeit hinauslaufend, entbehrt er nicht ansprechender Züge und einzelner anziehender, ja bedeutender Partien, ist aber im Allgemeinen von ermüdender Breite und meistens gesuchtem und frostigem Witz. Eine dritte Schrift »Ueber die Ehe«, hat damals großes Aufsehen gemacht und wurde lange Zeit für ein Werk Kants gehalten, dessen Schüler Hippel war. Bemerkenswerth ist es, daß Hippel, so lange er lebte, seinen Namen nicht auf den Titel seiner Werke setzen wollte und sie anonym erscheinen ließ.

Außerordentlich gering, ja roh und widerlich sind die »Empfindsamen Reisen durch Deutschland« von J. G. Schummel (1748-1813) in Breslau; besser ist sein humoristischer oder richtiger satyrischer Roman »Spitzbart, eine komi-tragische Geschichte für unser pädagogisches Jahrhundert,« in welchem Basedows und Anderer neue Erziehungs- und Unterrichtsmethoden verspottet werden. In Ansehung seines Stils gehört Schummel zu den besseren Schriftstellern seiner Zeit.

Nicht weniger gering sind die, schon früher von uns erwähnten Romane »Physiognomische Reisen« von Musäus, und »Leben und Meinungen des Herrn Magisters Sebaldus Nothanker«, von Fr. Nicolai; beide gehören gleichfalls weniger dem eigentlich humoristischen als dem persiflirenden und spottenden Genre an.

Dagegen zeichnen sich einige von den zahlreichen Romanen J. K. Wezels (1747-1819, wo er im Wahnsinn starb), durch eine gewisse Natürlichkeit und humoristische Züge immerhin vortheilhaft aus. Sein »Tobias Knaut« erinnert an »Tristram Shandy«, »Peter Marks, eine Ehestandsgeschichte«, weist nicht üble Schilderungen und Characterzeichnungen auf; »Wilhelmine Arend, oder die Gefahren der Empfindsamkeit«, ist eine Arbeit von wirklicher psychologischer Tiefe und ergreifender Wahrheit. Er hat auch Lustspiele (z. B. »Rache für Rache«) und ernste Stücke (z. B. »Graf Wickham«) geschrieben, die ihrerzeit beliebt waren und jedenfalls zu den bessern Erscheinungen zu zählen sind.

Adolf Freiherr von Knigge (1752-1796) ist durch sein nichts weniger als romanhaftes Buch »Ueber den Umgang mit Menschen«, am bekanntesten geworden, eine Schrift, welche seltsamerweise bis vor noch gar nicht langer Zeit von unvorsichtigen Eltern ihren strafwürdigen Kindern empfohlen wurde, während der Verfasser doch nur lehrt, daß und wie man sich strecken und fügen soll, um mit aller Welt in gutem Einvernehmen zu bleiben. – Aehnliche Lehren enthält sein Roman »Geschichte des armen Herrn von Mildenburg«. Von allen übrigen genügt es, den »komischen« Roman, »Die Reise nach Braunschweig«, zu nennen, den man, wenn er einem zufällig in die Hände kommt, trotz all seiner Breite immer noch lesen kann, da er neben unendlich viel Lehrhaftem und Trockenem doch auch reich an guter Laune ist und, was Darstellung und Stil betrifft, sich vor vielem Damaligem auszeichnet.

Endlich nennen wir noch Johann Gottwerth Müller, zur Unterscheidung gewöhnlich »von Itzehoe,« zubenannt, zuerst Buchhändler, später »Privatgelehrter«, d. h. sehr fruchtbarer Schriftsteller, geboren 1744, gestorben 1782. Von seinen zahlreichen Schriften führen wir nur seinen Roman »Siegfried von Lindenberg« an, ein Buch, das sich freilich gleichfalls an die Engländer lehnt, allein sich durchaus im deutschen Geiste hält und auch heute noch seinen Werth behauptet. Der Roman leidet wie alle damaligen, an großer Breite und einer Menge von Einschiebseln aus allen möglichen Fächern des Wissens und der Erfahrung, erhebt sich aber durch wirkliche Handlung und wirkliches – uns allerdings oft zopfartig erscheinendes – Leben, durch ansprechende Wärme und ungesuchte Natürlichkeit in der ganzen Behandlung und Darstellung weit über die Mehrzahl dessen, was auf diesem Gebiete damals als gut bezeichnet wurde. Er wurde daher auch von den Zeitgenossen sehr hochgestellt und sollte von uns nicht gar zu tief herabgesetzt werden, wie es neuerdings zu geschehen pflegt, – wohl nur, weil man ihn entweder gar nicht gelesen hat und nur Anderer wegwerfenden Urtheilen nachgeschwatzt, oder weil man die Aeußerlichkeiten nicht überwinden mochte, die auch dies werth- und lebensvolle Character- und Zeitbild beeinträchtigen.

Die Leser ersehen schon aus diesen kurzen Anführungen, daß selbst bei diesen Schriftstellern, welche man doch, ausdrücklich als die ersten Humoristen anzuführen liebt, von Humor, nach seiner eigentlichen und richtigen Bedeutung, verzweifelt wenig zu entdecken ist, derselbe vielmehr, abgesehen von einzelnen humoristischen Zügen und Wendungen, in Wirklichkeit fast überall durch das ersetzt wird, was wir richtiger nur als launig, scherzhaft, witzig, spöttisch und komisch bezeichnen müssen. Bei Lichte besehen, ist es im Allgemeinen in unserer Literatur auch bis auf den heutigen Tag so geblieben und gehört der wirkliche und reine Humor in derselben zu den allerseltensten Erscheinungen, während an seinen – man erlaube uns den Ausdruck! – Surrogaten, im guten und schlechten Sinne, niemals ein Mangel zu spüren war.

In Ansehung der übrigen erzählenden Literatur können wir uns kurz fassen, obgleich dieselbe während dieser und der folgenden Zeit in ungeahnter Weise anschwoll und die Uebersetzungen und sogenannten Originalwerke in rascher Folge einander drängten. Von einer gesunden Entwickelung und einem wirklichen Fortschritt war hier wenig zu bemerken. Jene öfters erwähnte lehrhafte Tendenz spukte noch immer in einer großen Zahl dieser Werke. Die Aufklärung der Leser über das praktische Leben blieb Hauptzweck; die Anschauungen und Erfahrungen des Verfassers wurden in breitester Weise zur Mittheilung gebracht; allerhand Wissenswerthes und Nützliches, Meinungen, Reflexionen, angeblich komische Einfälle und was es solcher Mittelchen mehr gibt, mußten zu einer gewissen Belebung dienen, ohne doch die Schwäche der Erfindung und den Mangel an Handlung verhüllen oder ersetzen zu können. Von wirklicher Motivirung, psychologischer Begründung, fester Characterzeichnung ist nur ausnahmsweise und in sehr bescheidenem Maße die Rede. Das einzige Werk, welches hier eine rühmliche Ausnahme macht und genannt zu werden verdient, ist des geistvollen K. Ph. Moritz (1757-1793, bekannt auch durch seine Schriften »Versuch einer deutschen Prosodie« und »Ueber die bildende Nachahmung des Schönen«) »Anton Reiser«, ein psychologischer Roman, in welchem er sein eigenes Leben schilderte.

Daneben fand die Empfindsamkeit des »Siegwart« und »des Fräuleins von Sternheim« unendlich viele Anhänger und Verkündiger; die Wertheriaden, die »romantischen Gemälde«, die »Sagen der Vorzeit«, die Ritter-, Räuber-, Geister- und Gespenster-Romane, die Biographien der Selbstmörder und Verbrecher, die zärtlichen Familiengeschichten, die »moralischen« Erzählungen, die Günstlings-, Minister-, Geheimbunds-Romane, und, damit es doch auch daran nicht fehle, eine Unmasse von sogenannten komischen, auch mit angeblich komischen Titeln geschmückten Erzählungen aus der allerbedenklichsten, unreinsten Sphäre des gemeinsten Lebens, in denen der ohnehin für uns kaum verständliche freie Ton dieser gesammten Literatur gradeswegs frech wurde und die Nacktheiten für den Geschmack der Verfasser wie der Leser das denkbar schlechteste Zeugniß ablegten.

Hier möge es genügen, wenn wir einzelne von den bekannteren Schriftstellern und Romanfabrikanten – dieser Titel gebührt nicht wenigen von ihnen! – dieser und der nächstfolgenden Periode kurz neben einander stellen. J. F. Jünger, 1759-1797, wo er in Elend starb, schrieb zahlreiche ziemlich frivole Lustspiele – »Maske für Maske«, »Verstand und Leichtsinn« u. s. w. – und nach seinem ersten komischen Roman »Huldreich Wurmsamen von Wurmfeld«, eine ganze Reihe größerer und kleinerer anderer, »Ehestandsgemälde«, »Fritz« u. s. w. – Leonhard Wächter, als Schriftsteller sich Veit Weber nennend, 1762-1837, schrieb die hochgefeierten, bald aber durch Manierirtheit unleidlichen »Sagen der Vorzeit«. – Benedikte Naubert, 1756-1819, schrieb eine ganze Bibliothek von abenteuerlichen, empfindsamen, ritterlich-romantischen, sogenannten historischen Romanen, Erzählungen, Märchen u. s. w. – Nicht minder fruchtbar und beliebt war Fr. G. Schilling, 1766-1839, der sich auch gelegentlich auf dramatischem Gebiet versuchte. – Die großen Fabrikanten der Ritter-, Räuber- und sogenannten politischen Romane, der Biographien der »Selbstmörder und Wahnsinnigen«, sind K. G. Cramer, 1758-1817, – »Der deutsche Alcibiades«, »Leben und Meinungen des Paul Ysop« » Haspar a Spada« u. s. w. –, Chr. H. Spieß, 1755-1799, – »Der alte Ueberall und Nirgends«, »Die Deutschherren«, ein Drama »Die Löwenritter«, – und Chr. A. Vulpius, 1763-1827, der gefeierte Verfasser des weltbekannten »Rinaldo Rinaldini«, der Schwager Goethe's durch seine Schwester Christiane, welche nach langjähriger Verbindung erst 1806 die Gattin des Dichters wurde. – Hier möge auch noch der durch seine »Geschichte der Poesie und Beredtsamkeit« bekannte Göttinger Professor Fr. Bouterwek, 1766-1828, genannt werden, dessen Roman, »Graf Donamar«, trotz allerlei Seltsamkeiten zum wenigsten als nicht ganz unlesenswerthes Werk bezeichnet werden darf. Und zuletzt sei auch W. F. v. Meyern, 1762-1829, genannt, mit seinem unendlich gefeierten, angeblich aus dem »Sanskrit« übersetzten Romane »Dya-Na-Sore«, der in Oesterreich sogar noch heute gelesen und als »edles« Buch citirt wird.

Auch das Feld der kleineren Erzählungen wurde, und zwar mit mehr Glück angebaut. Man findet neben zahlreichen Uebersetzungen auch ebenso viele und noch mehr Originalwerke in den verschiedenen Sammelwerken dieser Zeit. A. H. O. Reichard's, 1751-1828, »Romanbibliothek«, mehreren »Landbibliotheken«, »Abendstunden in lehrreichen und anmuthigen Erzählungen« und dgl. m. Nennen wollen wir hier als einen der besten damaligen Erzähler dieser Art Chr. L. Heyne, 1751-1821, der unter dem Schriftstellernamen Anton Wall die durch mehr als ein wirklich hübsches Stücklein ausgezeichnete Sammlung von Erzählungen, Lustspielen, Märchen u. s. w. »Bagatellen«, veröffentlichte, und den kaum weniger lobenswerthen G. W. Ch. Starke, 1762-1830, mit seinen »Gemälden aus dem häuslichen Leben«.

Und schließlich mögen hier die beiden beliebtesten Erzähler jener Zeit folgen, A. G. Meißner, geboren 1753, Professor der Aesthetik zu Prag und Consistorialrath zu Fulda, wo er 1807 starb, dessen Sammlung »Skizzen«, und Romane »Alcibiades«, »Bianca Capello«, »Masaniello« u. s. w. einen ganz unglaublichen Beifall bei Hoch und Gering errangen, obgleich sie mit gesuchter Eleganz und Vornehmheit geschrieben, voll Verstand, aber ohne Poesie und Schwung höheren Anforderungen nirgends zu genügen vermochten; und A. H. J. Lafontaine, geb. zu Braunschweig 1758, Kanonikus zu Magdeburg, gestorben 1831 zu Halle, ein Schriftsteller, der nach den frühesten dramatischen Versuchen, »Antonia, oder das Klostergelübde«, »Die Tochter der Natur« u. s. w. alsbald seine zahlreichen Erzählungen und Romane zu veröffentlichen begann – »Die Gewalt der Liebe«, »Der Naturmensch«, »Rudolf von Werdenberg«, »Clara du Plessis«, »Gemälde des menschlichen Herzens«, »Familiengeschichten« u. s. w. – und einen gradezu beispiellosen Erfolg hatte. War doch selbst eine so feingebildete Frau, wie die Königin Louise von Preußen, eine seiner lebhaftesten Verehrerinnen! Und dennoch sind auch diese Schöpfungen für die Heutigen durch die Gefühlsseligkeit und schwärmerische Zärtlichkeit, durch eine Sentimentalität und Süßlichkeit ohne Gleichen völlig ungenießbar geworden, und wir müssen, um den unermeßlichen Beifall zu verstehen, an jenen Ausspruch A. W. Schlegels denken, der von der damaligen erzählenden Literatur, gleichsam als wolle er das Lafontaine zugestandene Ansehen entschuldigen, mit einer Art von Seufzer sagte: »wir haben so wenig Ausgebildetes darin!«

26.

Auch auf dramatischem Gebiet herrscht während dieses Abschnitts eine rührige Thätigkeit und neben den zahlreichen Uebersetzungen aus fremden Sprachen drängen sich die Originalwerke in stets wachsender Menge hervor. Die wilden und stürmischen Ritter- und Soldatenstücke verschwinden allerdings, wie wir schon früher gezeigt haben, noch keineswegs, allein zu ihnen gesellen sich, der empfindsamen und sentimentalen Richtung folgend, mehr und mehr weiche und süßliche, ein wenig oder auch recht sehr frivole häusliche und Familienstücke und eine große Zahl von mehr oder weniger ächten Lustspielen. Auch hier wieder fanden sich, wie auf dem Gebiete der Erzählung, außerordentlich Viele berufen, während doch nur wenige Einzelne, bald mit Recht, bald auch mit Unrecht, »ausgewählt« wurden. Es genügt daher auch hier, wenn wir im Anschluß an jene Erzähler, welche sich gleichfalls auf dramatischem Gebiet versuchten, hier die bedeutendsten von denen folgen lassen, welche sich vorzüglich als Dramatiker bekannt machten.

Der Graf F. J. H. von Soden, 1754-1831, ließ von 1772 an Schauspiele aller Art, aber auch Erzählungen und Gedichte erscheinen, welche trotz aller Unbedeutendheit den noch außerordentlich bescheidenen Ansprüchen des Publikums dennoch zu genügen vermochten. – Technisch vollendeter und wirkungsreicher und daher auch sehr beliebt waren die zahlreichen Trauer-, Schau- und Lustspiele von dem Braunschweiger F. W. Ziegler, 1760 bis 1827, der lange Jahre in Wien als Schauspieler angestellt war. – Neben ihm nennen wir E. Schikaneder, 1751-1812, nur, weil sein absurder Operntext, »Die Zauberflöte«, durch Mozarts Composition verherrlicht wurde. – G. A. von Halem, 1752-1819, hat sich nicht bloß auf dramatischem Gebiet und in der Poesie, sondern auch als Historiker gar nicht unglücklich versucht, ja wurde von Schiller als Mitarbeiter an den »Hören« willkommen geheißen. Das interessanteste seiner Stücke dürfte das Trauerspiel »Wallenstein« sein, eine Arbeit, die vollständig vergessen ist, obgleich sie, wie schwach sie auch immer sein mag, schon um der Vergleichung mit Schillers Schöpfung willen, unsere Aufmerksamkeit verdient. – Weit über diese erhebt sich F. L. Schroeder, geboren 1744 zu Schwerin und gestorben bei Hamburg 1816. Ein Stiefsohn des bekannten Directors Ackermann, arbeitete er sich selbst, nach der mühseligsten Jugend und den wechselvollsten Schicksalen, zu einem der größten Schauspieler und zum Vorstande des trefflichen Hamburger Theaters empor. Seine eigenen Arbeiten, das rührende Familiendrama »Der Fähndrich«, »Der Vetter von Lissabon«, »Das Portrait der Mutter« u. s. w., zeichnen sich in der damaligen Bühnenliteratur vortheilhaft aus. Aber sein rechtes und wirkliches Verdienst hat man darin zu erkennen, daß er zahlreiche fremde Stücke, und vor allen diejenigen Shakespeare's, mit Geschick und Geschmack bearbeitete und für die deutsche Bühne gewann. – Und um hier auch eines anderen fleißigen und glücklichen Uebersetzers zu gedenken, nennen wir L. F. Huber, 1764-1804. Aus seinem Leben muß es erwähnt werden, daß er, in Dresden einer von Schillers besten Bekannten, aber bald durch den Abbruch seiner Verbindung mit Körners Schwägerin, Dora Stock, als unzuverläßiger Character gekennzeichnet, nicht lange nachher die Stelle eines kursächsischen Residenten zu Mainz erhielt und hier sich in die Häuslichkeit des unglücklichen Georg Forster auf das verhängnißvollste eindrängte. Nach Forsters Tode heirathete er die Wittwe desselben, Therese, eine Tochter des berühmten Göttinger Philologen Chr. G. Heyne, und erhielt sich und seine Familie durch seine und seiner Gattin schriftstellerische Arbeiten. Therese, 1764-1829, war unzweifelhaft eine hochbegabte Frau, wie schon, ganz abgesehen von ihren »Erzählungen«, durch ihre musterhafte Redaction des Stuttgarter »Morgenblatt«, 1819-1824, bestätigt wird.

Als die ersten dramatischen rührenden Familiengemälde müssen »Der deutsche Hausvater« von dem Freiherrn O. H. von Gemmingen, 1739 bis 1822, und »Nicht mehr als sechs Schüsseln«, von G. Fr. W. Großmann, 1746-1796, angeführt werden. Beide Stücke sind nicht ohne Verdienst, sie machten die Namen ihrer Verfasser augenblicklich bekannt und gehörten zu den beliebtesten Bühnenstücken dieser und der folgenden Zeit. Allein nicht nur sie, sondern auch andere damals angesehene Dichter dieser rührenden, frivol angehauchten Gattung, wie T. Ph. v. Gebler, 1726 bis 1786, und Chr. F. Bretzner, 1748-1807 (»Das Räuschchen«), wurden dennoch alsbald durch die Werke der beiden Folgenden in Schatten gestellt, welche gleichfalls vom Anfang der achtziger Jahre an zu erscheinen begannen. Das sind die beiden fruchtbarsten und glücklichsten – wir sagen nicht, verdienstvollsten, Dramatiker, welche Deutschland, allenfalls mit Ausnahme der späteren Birch-Pfeiffer, jemals kennen gelernt hat.

A. W. Iffland wurde 1759 zu Hannover als der Sohn angesehener Eltern geboren. Seine unüberwindliche Neigung zum Theater ließ ihn 1778 heimlich dem elterlichen Hause entfliehen und trieb ihn nach Gotha, wo damals der größte deutsche Schauspieler, Konrad Eckhof, »der Vater der deutschen Schauspielkunst«, das herzogliche Theater leitete. Sein Auftreten hatte Erfolg, und als er, nach Eckhofs Tode und der Auflösung der Gesellschaft, 1779 nach Mannheim an das unter W. H. von Dalbergs Intendanz rasch erblühende Theater kam, schwang er sich bald zu einem der besten Schauspieler jener Zeit auf. Im Jahre 1781 versuchte er sich zum erstenmal mit dem »bürgerlichen« Trauerspiel »Albert von Turneisen«, dem dann bald die lange Reihe seiner Rühr- und Familienstücke folgte: »Verbrechen aus Ehrsucht, ein ernsthaftes Familiengemälde«, »Die Jäger« u. s. w. u. s. w., Lieblingsstücke des Publikums und selbst von unseren Größten geschätzt, wie denn bekanntlich selbst Goethe ein Nachspiel zu den »Hagestolzen« schreiben mochte. – Iffland besaß unleugbar nicht nur die gründlichste Bühnenkenntniß, sondern auch ein Talent für sein Genre, das kaum einem einzigen andern nachsteht. Er offenbarte überdies ein ganz ausnehmendes Geschick in allem Detail und wurde bei der Einführung prägnanter Züge, bei der Schilderung häuslicher Verhältnisse, in der Zeichnung der Charactere von einem merkwürdig glücklichen Instinkt für das Richtige geleitet. Aber sein Geschmack bei der Wahl seiner Stoffe war kein sicherer und geläuterter, seine Erfindungskraft in der Aufstellung der Charactere und der Verwendung der Motive war niemals eine namhafte und ließ überdies sehr bald ganz nach, und endlich fehlte ihm und seinen Arbeiten vor allem die eigentliche dichterische Weihe, ein Mangel, welcher durch die vorwiegend lehrhafte Tendenz und durch die empfindsame, moralisirende, selbstgefällige Tugendseligkeit und redselige Breite nicht übertüncht, geschweige denn ersetzt werden konnte.

Trotz alledem geht, was manchen Mangel entschuldigt und selbst für die Schwächen und Fehler entschädigt, durch mehr oder weniger alle diese Stücke ein gewisser anständiger und ehrlicher, ja freisinniger Zug: Iffland deckt die gesellschaftlichen Schäden rücksichtslos auf und fragt nicht, gleich den meisten seiner Zeitgenossen, erst viel nach Rang und Stand seiner Sünder. Schon hierdurch, noch mehr aber durch seinen eigenen, durchaus achtungswerthen Character unterscheidet er sich vortheilhaft von seinem ihm hier folgenden Rivalen. Er war nicht ohne Pedanterie, aber ein anständiger und braver Mann. Als er, seit 1796 zur Direction des Nationaltheaters in Berlin berufen, das Kunstinstitut alsbald durch die Noth und den Druck der französischen Vergewaltigung weiter zu führen hatte, erwies er sich, vor vielen Anderen, als tüchtiger Beamter, als treuer Sohn des Vaterlandes und als ein Mann, der selbst den Feinden Respect einflößte. Er starb als Generaldirector der Schauspiele 1814 zu Berlin.

Von allen solchen rühmlichen Eigenschaften ist an A. F. F. von Kotzebue wenig oder nichts zu entdecken. Wenn in diesem Manne überhaupt von einem »Character« die Rede sein kann, so ist derselbe nur als einer der zweifelhaftesten, ja wirklich unlautersten zu bezeichnen, und der Einfluß, den Kotzebue auf die Literatur so gut wie auf die Bildung und Sittlichkeit seines Zeitalters ausübte, muß gradezu als der verderblichste und zugleich beschämendste anerkannt werden, den jemals ein deutscher Schriftsteller gewonnen hat. Seine dichterische Begabung ist keine höhere als diejenige Ifflands, aber in der gesammten dramatischen und Bühnentechnik steht er ihm wenigstens gleich, und in Ansehung der Erfindungskraft und jener Vielseitigkeit, die sich in jeder Form mit Geschick zu bewegen und jeden Stoff auf das gewandteste zu handhaben versteht, ist er ihm unendlich überlegen. Wir haben in ihm neben, ja noch weit vor Iffland, einen und zwar den ersten und gleich auch großartigsten Erfolgschreiber zu erkennen, d. h. einen von jenen, seit ihm häufiger und häufiger erscheinenden Autoren, denen die Kunst nichts und der unmittelbare und unausgesetzte Erfolg beim Publikum alles ist. »Ich werde ohne Unterschied jeden Gegenstand meiner Behandlung werth glauben,« spricht er einmal in einer Vorrede unumwunden aus, »welchen das Publikum seines Interesses werth findet.« Er hat, fernab von Ifflands sentimentaler und philiströsen Moralität, für alle Schwäche der menschlichen Natur stets eine Schmeichelei bei der Hand und erweckt für alle Sünden, ja für das Verbrechen und die Nichtswürdigkeit in seinen Zuschauern um jeden Preis eine süßliche Rührung und schwachherzige Theilnahme. Aber es ist damit noch nicht genug. Auf alles Höhere und Edlere, was sich in der Zeit und im geistigen, öffentlichen und socialen Leben hervorthut, schaut er mit faunischem Lächeln herab und sucht es mit dem frivolsten, herzlosesten und nichtswürdigsten Spott in den Staub und die Gemeinheit herunterzuziehen. Und so hat er es durch die kaum glaubliche und für uns völlig unverständliche Wirkung seiner Arbeiten dahin gebracht, daß in der gesammten Gesellschaft und selbst in den bis dahin noch verhältnißmäßig gesunden Mittelständen alle Begriffe von Tugend, Recht und Sitte sich verwirrten, das sittliche Gefühl und der gesunde Geschmack gradeswegs ruinirt wurden, ja daß die ganze geistige und sittliche Bildung seines Zeitalters ernstlich gefährdet wurde. – Statt jenes, Iffland und seine Schöpfungen characterisirenden achtungswerthen Zuges entdeckt man bei Kotzebue fast stets ein gewisses Etwas, das sich, abgesehen Von seiner Frivolität und überhaupt von dem herrschenden Zeitton, kaum anders denn als gemein bezeichnen läßt und jeden Menschen von Gefühl, Sittlichkeit und Ehre anwidert. Und – traurig, daß man es sagen muß! – etwas Aehnliches lag auch in dem Character des Mannes selber. Wir wollen hier nur eines dramatischen Pasquills erwähnen, das er gegen eine Anzahl mit Zimmermann in Streit liegender bekannter Schriftsteller richtete und unter dem Titel »Doctor Bahrdt mit der eisernen Stirn« erscheinen ließ, als Verfasser den bekannten Freiherrn von Knigge nennend. Es ist eines der nichtswürdigsten, gemeinsten und unfläthigsten Producte, die jemals in Deutschland gedruckt worden sind. Eine gerichtliche Untersuchung zwang Kotzebue, sich als Verfasser zu nennen, und zwei Jahre später bat er das Publikum für seine »Unbesonnenheit« um Verzeihung.

Kotzebue war 1761 zu Weimar geboren, wo sein Vater Legationsrath und Kabinetssecretär der Herzogin Amalie war. Das außerordentlich anregende Weimar'sche Leben trieb auch ihn schon früh zu allerlei Dichtversuchen und 1780 bereits veröffentlichte Wieland eine seiner Erzählungen im »Merkur«. Bald darauf ging er nach Petersburg, um dort sein »Glück« zu machen, wurde auch angestellt, mit der Leitung des deutschen Theaters betraut, rückte im Dienst vorwärts und wurde später geadelt. Im Jahre 1795 gab er den russischen Dienst auf, war eine Zeit lang Theaterdichter in Wien, kam bald nach Weimar und ging wieder nach Rußland. Hier wurde er dem Kaiser Paul verdächtig und auf vier Monate nach Sibirien geschickt, dann wieder zu Gnaden angenommen und angestellt, bis er nach des Kaisers Tode von neuem seine Entlassung erbat. Fortan lebte er bald in Weimar, bald in Berlin und anderen Orten, wurde 1813 russischer Staatsrath und 1815 als eine Art von Spion angestellt, der allmonatlich über Deutschlands geistiges und öffentliches Leben nach Petersburg zu berichten hatte. So verfiel er mit Recht der Verachtung aller Vaterlandsfreunde und Männer von Ehre und dem grimmigen Haß der Jugend. 1819 wurde er zu Mannheim von Karl Sand ermordet.

Von seinen zahllosen Schriften, den Romanen, Novellen, Erzählungen, in Prosa und Versen, Miscellen, Gedichten, historischen und biographischen Werken, polemischen Arbeiten, Pasquillen und dramatischen Stücken aller Art – von diesen allein gibt es über zweihundert! – haben wir nach dem Vorstehenden nichts weiter zu sagen. Das erste Werk, welches beliebt wurde, war der Roman »Die Leiden der Ortenburg'schen Familie«, und das berühmteste seiner Stücke ist das »rührende Schauspiel« »Menschenhaß und Reue«, das seinen Weg über die ganze Erde und Kotzebue's Namen für eine Weile zu dem gefeiertsten der Welt machte. –

Endlich möge auch noch der eigentlichen Dichter gedacht werden. Doch finden sich außer den Göttingern und den schon früher erwähnten Uebrigen und außer einer Anzahl von Jüngeren, deren Anfänge bereits in diesem Abschnitt liegen mögen, die sich jedoch erst in der folgenden Periode wirklich bekannt machten, verhältnißmäßig nur wenige, welche auch jetzt schon mit ihren Hauptwerken auftraten und sich Beifall gewannen.

Hier sind denn zuerst zwei zu nennen, die sich nur durch eine einzelne Dichtung Ruf erwarben: K. A. Kortüm, geboren 1745 und gestorben 1824 als Arzt zu Bochum, welcher sich durch seine bekannte, nicht selten bis ins Fratzenhafte und Rohe sich steigernde, aber durch unwiderstehliche Komik stets wieder ergötzende »Jobsiade« einen Namen machte, der noch heute nicht vergessen ist; seine übrigen Gedichte sind völlig verschollen. – Und zweitens J. Al. Blumauer, geboren 1755 zu Steier in Oesterreich und gestorben zu Wien 1798, dessen Travestie der Aeneide Virgils gleichfalls einen ganz ungemessenen Beifall erzielte und als ein Muster dieser, allerdings weder erquicklichen, noch nachahmungswürdigen Art anzusehen ist.

Ebenfalls durch komische und launige Gedichte, Schwänke und dergleichen wurde A. F. E. Langbein, 1757-1835, bekannt, den man in allen Musenalmanachen und allen Blumenlesen dieser Zeit wiederfindet, – ein Dichter voll unleugbar großer Gewandtheit, voll glücklicher Laune und einer guten Anlage für Schilderung und Zeichnung. Seine Gedichte vermögen, wo sie uns einmal in die Hand kommen, auch heute noch auf einen Augenblick zu ergötzen, während seine Erzählungen und Schwanke in Prosa völlig veraltet sind.

Um vieles anspruchsvoller als diese drei tritt uns der Vierte und Letzte entgegen, dessen wir hier gedenken. Fr. Matthisson, geboren im Magdeburgischen 1761, war nach Beendigung seiner Studien eine Zeit lang Lehrer im Philanthropin zu Dessau, begleitete einen Lievländer auf seinen Reisen durch Deutschland und lebte dann ein paar Jahre bei seinem Freunde R. V. von Bonstetten, der auch ein wenig à la Geßner in Poesie machte, am Genfersee. Hernach war er eine Zeit lang Erzieher in einer Familie zu Lyon, wo er die Revolutionsstürme erlebte, und wurde, nach Deutschland zurückgekehrt, Vorleser und Reisebegleiter der Fürstin von Dessau. Nach dem Tode derselben fand er eine Anstellung als Mitglied der Oberintendanz des Hoftheaters und Oberbibliothekar zu Stuttgart, zog sich später jedoch von dieser Stellung zurück und starb 1831 zu Wörlitz bei Dessau. – Als Dichter vereinigt er in sich den Geschmack und die Richtung der älteren und neueren Periode. Hier ein wenig an Ramler erinnernd und dort an Hölty, seine Landschaftsbilder gelegentlich mit antiken Göttern staffirend, durchdrungen von der Empfindsamkeit und der weichlichen Zartheit der Zeit, zeigt er in der Naturmalerei ein Talent, dessen sich zumal in jener Zeit nur sehr wenige zu rühmen hatten, und erhebt sich in manchen Gedichten zu einer Anmuth des Verses und einer Melodie der Sprache, die gleichfalls nur selten von anderen erreicht wurde. Wer kennt nicht seine von Beethoven componirte »Adelaide«, – »Einsam wandelt dein Freund im Frühlingsgarten«; oder Gedichte wie: »Wenn in des Abends letztem Scheine«; – »Der Vollmond schwebt im Osten«; – »Schweigend in der Abenddämmerung Schleier« u. s. w.? – Aber was bei vielen dieser Gedichte, ja fast durchgängig bei Matthisson – wie z. B. in seinen »Erinnerungen«, – den reinen Genuß beeinträchtigt und nicht selten einen geradezu unleidlichen Eindruck macht, ist einerseits weniger die Uebertriebenheit, als die Affectation und Unwahrheit der Empfindung und Melancholie, und andererseits eine Eitelkeit, welche die eigene Person stets in den Vordergrund rückt und voll seines Ruhms und seiner Verdienste ist. – Im Allgemeinen ist Matthisson wenigstens eine Zeit lang viel zu sehr überschätzt worden und dazu hat nicht am wenigsten eine Recension Schillers beigetragen, welche im Verein mit der, den armen Bürger mißhandelnden den Beweis liefert, wie selbst ein solcher Geist zuweilen auf das gründlichste irren und über das Ziel hinausschießen kann.

 

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