Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edmund Hoefer >

Deutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen

Edmund Hoefer: Deutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorEdmund Hoefer
titleDeutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen
publisherVerlag von A. Kröner
year1876
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
projectid37256f1b
Schließen

Navigation:

Zweiter Abschnitt.
Von der Reformation bis zum zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts.

5.

Als Martin Luther am 31. October 1517 seine berühmten 95 Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg anschlug, ahnte der große Mann ebenso wenig wie ein anderer Mensch, wie weit die kühne That über die nächsten Zwecke und Ziele hinausgreifen, von welcher tiefgreifenden Bedeutung und von wie unermeßlichen Folgen sie für Deutschland, ja für die ganze Erde sein, und daß sie eine neue Periode in der Weltgeschichte anheben lassen würde. Mit dieser That und durch sie tritt die gewaltige Bewegung an die Oeffentlichkeit und in den Kampf, welche wir in viel zu enger, nur die kirchliche und religiöse Seite berücksichtigender Auffassung, die »Reformation« zu nennen Pflegen, während sie doch nicht minder auch alle übrigen Gebiete umfaßt, alle Verhältnisse durchdringt und dem gesammten Leben eine andere Richtung und andere Ziele gibt. Die Abflachung und Erstarrung des religiösen Lebens, welche hier zuerst und vor allem das Verlangen nach einer erneuten Vertiefung und Wiederbelebung zu einem allgemeinen und unabweisbaren machte, fand sich, wenn auch in anderer Weise, überall anderwärts wieder; die ganze Entwickelung der vorausgehenden Periode war zu Ende gediehen und im Absterben begriffen. Die Ahnung eines besseren, lebensvolleren Neuen und das Bedürfniß eines frischeren und freieren Aufschwungs durchdrang jeden Kopf und jedes Herz, alles und alle, selbst die Zeit und ihre Ereignisse, drängten und trieben dem Ausbruche der Umwälzung und dem Anbruch der neuen Epoche entgegen, und der Durchbruch des kühnen Augustiner Mönches eröffnete dieselbe in allen Richtungen und für alle Gebiete.

Wenn trotz aller Vorbereitung, trotz allem Treiben und Drängen, trotz der Lebensfülle und Lebensfrische die jetzt freigegebene Bewegung dennoch nur allzu bald in ein zunehmendes Stocken gerieth, weit hinter ihren natürlichen Zielen zurückblieb und nirgends zu den ersprießlichen Folgen und den Vortheilen führte, welche man grade für Deutschland von ihr zu erwarten berechtigt war, – so findet dies trübselige Ergebniß auch wieder grade in Deutschland seine Erklärung nur allzuleicht. Einerseits fand sich, wie meistens in den entscheidenden Momenten unserer Geschichte, auch jetzt nicht ein einziger Mann, der die volle Bedeutung und Gewalt der großen neuen Bewegung zu begreifen und zu würdigen im Stande gewesen wäre und den Geist und Muth, die Kraft und Ausdauer besessen hätte, sie sich fortpflanzen und weiter entwickeln zu lassen und sie für unser Vaterland und sein äußeres und inneres Leben nutzbar und folgenreich zu machen.

Andererseits verschlangen die gleich Anfangs in den Vordergrund getretenen und – um den Ausdruck zu wählen – mit der Führung betrauten religiösen und kirchlichen Interessen alle übrigen in einer Weise, daß von ihnen so gut wie gar keine Rede mehr war oder sie zum mindesten in die schwerste Abhängigkeit von jenen geriethen. Dies zeigte sich selbst da, wo überhaupt noch etwas wie eine lebhaftere Bewegung stattfand, d. i. auf dem staatlichen und politischen Gebiet, wo das religiöse Moment gleichfalls alsbald das bestimmende und herrschende wurde, über Krieg und Frieden und alle übrigen Verhältnisse entschied, und, obschon die Entwickelung der fürstlichen Macht begünstigend und die Unabhängigkeit vom Kaiser und Reich anbahnend, Land und Leute in eine desto abhängigere und unfreiere Stellung hinabzwang.

Dazu kam aber auch noch, daß selbst jene höchsten und herrschenden, religiösen und kirchlichen Interessen nur allzu schnell und zwar schon unter den ersten Reformatoren von ihrer Höhe und Reinheit herab und immer rascher und tiefer in den Staub und Dunst der Erde gezogen wurden. Der gewaltige, großartige und freisinnige Aufschwung verlor sich in eine immer engherzigere Auffassung und Anschauung, die bewußtvolle, feste Einigkeit löste sich in einander anfeindende Parteien auf, die edelsten Kräfte ruinirten sich in den armseligsten, widerlichsten Zänkereien, und statt der ersehnten und verheißenen Freiheit erhob sich die starrste, geist- und lebenslose Orthodoxie, der finsterste Obskurantismus, und die Unduldsamkeit und Streitsucht, der Hochmuth und die Anmaßung des Pfaffenregiments lähmte jede frischere und freiere Regung und ließ das gesammte geistige wie leibliche Leben immer nüchterner und trübseliger werden.

So konnte, ja mußte es geschehen, daß dem wunderbar klaren und frischen Morgen ein nur allzu trüber und fauler Tag folgte und die Reformation nach keiner Seite hin und auf keinem Gebiet zur Vollendung gelangte, ihre rechten Ziele zu erreichen im Stande war. Es lief im Gegentheil, wie schon bemerkt, alles nur zu bald in Erschöpfung, Abflachung und Erstarrung aus, und als im 18. Jahrhundert endlich ein frisches Wehen sich erhob und ein neues sich Regen begann, mußte man beinahe noch einmal und von vorne anfangen, den Glauben zu einem geistigeren und lebendigeren zu machen und den Geist aus den Banden zu befreien, in die man ihn geschnürt hatte.

Wie es unter solchen Umständen und bei solchen Verhältnissen um die Entwickelung unserer Literatur stand, braucht kaum noch gesagt zu werden. Nirgends machte sich die Oberherrschaft der religiösen und kirchlichen Interessen in drückenderer Weise fühlbar, nirgends war der Einfluß derselben ein so tiefer und verderblicher, nirgends endlich zeigt sich uns die Verfinsterung, die Erschöpfung und Erstarrung des gesammten Lebens in so erschreckender Deutlichkeit und trübseliger Gestalt. Was Goethe von der Literatur des 18. Jahrhunderts sagt: »an Talenten war niemals Mangel, aber es fehlte der nationale Gehalt,« – das gilt auch schon von dieser frühsten Zeit und allen folgenden Jahren dieser Epoche: nirgends geschah oder trat etwas hervor, das zu erheben, zu begeistern im Stande gewesen wäre, und von irgend etwas wie einer Theilnahme für die Poesie und die Dichtung war nur im allerbeschränktesten Maße die Rede. Die Zeiten, man muß es wohl zugestehen, waren allerdings auch äußerlich wenig dazu angethan, eine solche Theilnahme zu begünstigen, denn es gab in diesen zweihundert Jahren kaum eines oder das andere, wo ganz abgesehen von den erbitterten und nicht weniger verderblichen theologischen Fehden, nicht ein wilder und blutiger Krieg Deutschland durchtobte und alle friedliche und behagliche Entwickelung störte oder – sei es auch nur für einige Zeit – vernichtete.

Zu Grunde ging Poesie und Dichtung trotzdem allerdings auch jetzt keineswegs: es ist in ihnen etwas Unverwüstliches, weil dem Menschen An- und Eingeborenes, das nicht zu verlieren ist. Es blieben, wie sich bei Gelegenheit immer wieder erwies, trotz aller Verheerung, trotz aller Verfinsterung, trotz aller leiblichen und geistigen Schrecken, unter dem wilden und wüsten Gestrüpp, das den Boden überwucherte, nicht nur edle Keime erhalten, die in besseren Tagen wunderbar frisch und fröhlich hervortrieben, sondern es erschienen auch immer noch hie und da einzelne Blüthen, denen man weder den Duft, noch die Schönheit absprechen konnte. Der Zank und Parteihader ließen manche Kämpen erstehen, die mit Spott und Satire dem Gegner selber sogut wie den herrschenden Zuständen scharf zu Leibe gingen, und wenn das Leben gar zu düster und nüchtern werden wollte, mußten Possen und Schwänke und wilde Ausgelassenheit Erholung und Zerstreuung bieten. – Ebenso wenig verkamen trotz aller Ungunst der Zeiten die Wissenschaften. Es ging vielmehr, wenn auch in aller Stille, unausgesetzt vorwärts, und obschon unsere Sprache auf diesen Gebieten noch immer zurückstehen mußte, kamen die Studien und Forschungen doch allmälig in zunehmendem Maße auch der Kultur des deutschen Geistes und der Fortentwickelung der heimischen Literatur zu gute.

In manchen Regionen der Poesie sah es trotzdem verzweiflungsvoll genug aus und zeigte sich beinah ein völliges Ab- und Aussterben. Das bemerken wir vor allem in der Epik, wo von größeren Werken gar nichts erscheint, es müßte denn sein, daß man »Gedichte«, wie den schon im vorigen Abschnitt genannten »Theuerdank« des Kaisers Maximilian oder Georg Rollenhagens (1542-1609) »Froschmäuseler« anführen wollte. Einige balladenartige Volkslieder, Johann Fischarts »Glückhaftes Schiff«, ein paar erzählende oder schwankartige Kleinigkeiten von Hans Sachs, dem unerschöpflichen Nürnberger, von Burkard Waldis und Lazarus Sandrub (Mitte des 16. Jahrhunderts), das dürfte so ziemlich alles sein, was auch nur einer Erwähnung verdient.

In der Lyrik erstarrte der »Meistergesang« vollends und selbst Hans Sachs konnte ihn nicht retten. Aber vielleicht eben darum fanden die übrigen, natürlicheren und frischeren Untergattungen wieder mehr Verständniß, Theilnahme und Uebung. Das eigentliche Volkslied fand, wie zahlreiche, aus dieser Zeit stammende fliegende Blätter, Liederbücher und Sammlungen (z. B. das »Ambraser Liederbuch«) anzeigen, viel Beachtung und Beifall. Vor allem aber erscheint hier als eine jener erwähnten leuchtenden Blüthen voll Duft, Schönheit und frischer Kraft das Kirchenlied, unbedingt das beste, was die Poesie des 16. Jahrhunderts geschaffen hat. Hier nimmt Luther in seinen eigenen Liedern sogut, wie in seinen Umdichtungen alter lateinischer oder deutscher geistlicher Gesänge unbestritten die erste Stelle ein, obgleich es auch zwischen seinen Zeitgenossen und Nachfolgern mehr als einen wirklichen Dichter gab. Männer wie Erasmus Alberus, Paul von Spretten, Justus Jonas, Nicolaus Decius, Michael Weiße, Bartholomäus Ringwaldt und die Uebersetzer des Psalters, Hans Gamersfelder und Burkard Waldis, und viele andere, verdienen stets der ehrendsten Erwähnung. Die hieher gehörigen Dichter dieses Zeitraums sind zahllos und die Lieder wachsen zu einer unabsehbaren Menge an. Im 18. Jahrhundert brachte ein Sammler schon 33712 Lieder in 300 Bänden zusammen, und andere Spätere gelangten sogar auf die doppelte Zahl von Liederanfängen.

Auch in der dramatischen Poesie macht sich ein entschiedener Fortschritt bemerkbar, denn seit Hans Sachs, den wir hier als Meister zu erkennen haben, kommen zu den biblischen Stoffen und den leeren Schwänken der Fastnachtspiele jetzt auch andere, ausgiebigere: geschichtliche Begebenheiten, beliebte Romane und Erzählungen, Sagen des Alterthums; ja hin und wieder erscheint sogar schon die freie Erfindung. Gegen den Schluß dieses ersten Abschnitts beginnen dann die sogenannten englischen Komödianten in Deutschland in den aus ihrer Heimath mitgebrachten Stücken aufzutreten, was selbstverständlich nicht ohne Einfluß auf unser einheimisches Drama bleiben konnte. Bemerkenswerth ist es, daß zu dieser Zeit im letzteren die Prosa zur Herrschaft gelangt und die »lustige Person« (Hans Wurst, Narr u. s. w.) eine Hauptrolle erhält. – Von den Dichtern nennen wir außer Hans Sachs (1494-1576) nur seinen jüngeren Zeitgenossen Jacob Ayrer, gleich dem Ersteren durch außerordentliche Fruchtbarkeit und durch ein nicht unbedeutendes Talent für lebendige Darstellung ausgezeichnet. Von Ayrer gibt es, beiläufig gesagt, auch die ersten deutschen Singspiele. Einen dritten Dichter, den Herzog Heinrich Julius von Braunschweig führen wir mehr nur darum an, weil er zuerst an seinem Hofe eine Art von stehender Truppe »englischer Komödianten« hielt (um 1605).

In der didactischen Poesie treten uns neben den Spruchgedichten (Hans Sachs), Fabeln (Hans Sachs, Luther, Burkard Waldis, Erasmus Alberus) und kleinen erzählenden Stücken nur vorzüglich jene Schöpfungen entgegen, welche wir in der einen oder andern Weise sämmtlich gewissermaßen als Ausflüsse der eigentlichen Reformation und des durch dieselbe hervorgerufenen Kampfes zu betrachten haben, bald belehrend und mahnend, wie Ulrichs von Hutten »Klag und Vermahnung wider die Gewalt des Pabstes«, oder Fischarts »Mahnrede an die Deutschen«, Bartholomäus Ringwaldts »Die lautere Wahrheit«, »Der treue Eckart« u. s. w.; bald polemisirend oder satirisch und spottend, wie Murners »Vom großen Lutherischen Narren« und vor allem Johann Fischarts zahlreiche Dichtungen und Prosawerke. Ueberhaupt haben wir in Johann Fischart (geb. in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu Mainz oder Straßburg, gestorben um 1589) einen der hervorragendsten Geister nicht bloß seines Jahrhunderts und einen Mann von treuer vaterländischer Gesinnung, von umfassender Bildung, von bewunderungswürdiger Kenntniß des gesammten deutschen Lebens und von einer Sprachgewandtheit zu erkennen und zu schätzen, welche niemals wieder erreicht worden ist.

In der Prosa begegnen uns zuerst die Fortsetzungen jener schon in der vorigen Periode beginnenden und dort erwähnten Volksbücher und Schwank- und Anecdotensammlungen. Wir nennen hier von den ersteren nur noch das »Faust«- und das »Lalenbuch« oder die »Schildbürger«; von den letzteren Kirchhofs »Wendunmuth«, Georg Wickrams »Rollwagenbüchlein« und Jacob Frey's »Gartengesellschaft«. – Daran schließen sich Satiren und Fabeln, wo Fischart mit seinen Werken »Aller Practik Großmutter«, und dem nach Rabelais bearbeiteten Roman »Gargantua und Pantagruel« wieder allen Uebrigen weit voran steht.

In der Historie begann man von den Chroniken allmälig zur wirklichen Geschichtschreibung überzugehen. Hier macht sich der Einfluß der großen Alten, deren Werke immer häufiger auch in Uebersetzungen erschienen, vorzüglich bemerkbar und zugleich läßt sich auch die Wirkung von Luthers Schreibart erkennen. Neben den Chroniken, der baierischen von Thurnmayer (Aventinus), der schweizerischen von Tschudi und der pommer'schen von Kantzow, müssen wir vor allem Sebastian Franks (geb. 1500 zu Donauwörth, gest. zu Basel um 1545) »Chronik des ganzen deutschen Landes« und seine treffliche »Weltgeschichte« nennen, denen sich eine »Erdbeschreibung« des gleichen Verfassers würdig anschließt. Die beiden, in diese Zeit fallenden Autobiographien, diejenige des Götz von Berlichingen und die »Denkwürdigkeiten« des Ritters Hans von Schweinichen, sind von dieser Literatur auch heute noch wohl am weitesten bekannt. Der ersteren entnahm Goethe bekanntlich den Stoff zu seinem Schauspiele »Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand«.

Zu den übrigen Prosawerken weitergehend, finden wir in Luthers Bibelübersetzung das größte, das wir in unserer gesammten Literatur besitzen, und sehen den großen Mann auch in seinen Predigten, Sendschreiben und Streitschriften fast auf der gleichen Höhe, zumal in Ansehung der Sprache, obgleich ihm im Uebrigen Zwingli und der spätere Mathesius zuweilen nahe genug kommen. In einer gewissen Ebenbürtigkeit, ja an tiefer Bildung dem Reformator überlegen, ragt der einzige Ulrich von Hutten (1488 bis 1523) hervor, wenn er auch erst in seinen letzten Jahren deutsch zu schreiben begann. In ihm bewundern wir ein publicistisches Genie des höchsten Ranges, wie wir im ganzen Verlaufe unserer Literaturgeschichte kaum ein zweites kennen lernen, und einen der kühnsten, geistvollsten, gewaltigsten Streiter, welche jemals durch eine revolutionäre Bewegung, wie auch die Reformation es war, hervorgerufen wurden. Die Beurtheilungen, welche dieser außerordentliche Mann gefunden hat, werden nur ausnahmsweise seinem Werthe und seiner Bedeutung gerecht. Nicht selten klammern sie sich in armseligster und unwürdigster, aber in Deutschland bekanntlich sehr beliebter Weise, an äußere und persönliche Verhältnisse des armen und kranken Menschen, obgleich dieselben für den großen Schriftsteller nicht im allerentferntesten von Bedeutung und Folgen sind.

Von dem gesammten Rest der Prosaliteratur sind nur wenige einzelne Werke zu nennen; so Sebastian Franks »Lob des göttlichen Worts«, Fischarts »Ehezuchtbüchlein«, die Sprichwörtersammlungen von Johann Agricola und wieder von Sebastian Frank, und Albrecht Dürers beachtenswerthe Schrift »Vier Bücher von menschlicher Proportion«. – Im Uebrigen beginnt sich hier ein furchtbarer Wust von metallurgischen, alchymistischen und astrologischen Faseleien, von Eruptionen des finstersten, heutzutage an den vollen Wahnsinn gemahnenden Aberglaubens und was dergleichen mehr ist, aufzuhäufen, und wir finden nur Trost in der Erinnerung, daß zu der gleichen Zeit dennoch Copernikus und Tycho de Brahe ihre großen Entdeckungen machten, daß Paracelsus als Arzt und Chemiker glänzte und Conrad Gesner durch seine, zwar lateinisch verfaßten, aber fast gleichzeitig ins Deutsche übersetzten Schriften der Vater der deutschen Naturhistorie und Literaturgeschichte wurde.

6.

Mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts gelangen wir zu jener Periode unserer Literatur, wo von einer volksthümlichen und selbstständigen Weiterentwickelung immer weniger zu finden ist und statt dieser uns eine schwächliche Anlehnung und sklavische Nachahmung fremder, älterer oder jüngerer Muster entgegentritt. Der Einfluß, den das Wiedererwachen des klassischen Alterthums anderwärts schon im Laufe des 16. Jahrhunderts auf den Geschmack und die Bildung gewonnen hatte, wurde in Deutschland erst zu dieser Zeit auf dem literarischen Gebiete bemerkbar und – freilich nicht in günstiger Weise – folgenreich. Die gelehrte Bildung und der Gelehrtenstand, die sich zu allem, was nicht zu ihnen gehörte und besonders allem Einheimischen und Nationalen, von jeher auf das kälteste, ja verachtungsvollste gestellt, nicht selten ihm sogar gradezu feindlich entgegengetreten waren, hatten inzwischen nicht bloß in der klassischen Philologie, sondern auch in der Theologie und der Jurisprudenz die Herrschaft an sich gerissen und begannen dieselben gegenwärtig auch auf alle übrigen Gebiete des deutschen Lebens und vorzüglich auf die Literatur und selbst die Poesie auszudehnen. Schwer wurde ihnen der Sieg, bei der Verdumpfung und Verdunkelung, die sich auf Deutschland niedergelassen hatte, nicht gemacht. Es ist bemerkenswerth, daß die deutsche Dichtung in der langen Zeit von 1590 bis in den Anfang der Zwanziger des folgenden Jahrhunderts so gut wie vollständig schweigt.

Daß aus dieser – sei es Theilnahme, sei es Herrschaft, der deutschen Poesie kein Segen erwuchs, bedarf keiner weitläufigen Ausführung. Die Kälte gegen das Einheimische und Volksthümliche und die Verachtung desselben ließen im Verein mit dem gelehrten Hochmuth die neuen Herrscher von vornherein in Bahnen ablenken, welche sich immer weiter von der Heimat hier und den »ungelehrten« Ständen da entfernten. Man brach mit der gesammten poetischen Vergangenheit, so viel man überhaupt – und es war wenig genug! – von ihr erfahren hatte und wußte, oder erklärte sie gewissermaßen für gar nicht vorhanden. Und man bot dafür dem armen Deutschland ein Neues an, das man mit dem ganzen Hochmuth und Dünkel des Gelehrtenstandes als das einzig Richtige und Schöne, ja Mögliche pries. Das ist die auf die Anbetung fremder Muster und die Anerkennung ihrer Regeln gegründete, und in sklavischer Nachahmung derselben aufgehende gelehrte Poesie, wie wir sie schon heißen müssen, – im starrsten Gegensatz gegen alles, was wir als freie Entwickelung und als frischen Ausfluß des Geistes, des Herzens und Gemüths zu erkennen haben. Den Inhalt dieser Dichtung bildet nicht mehr das Erlebte und Empfundene, sondern nur das Gelernte. Sobald man dies nur völlig inne, vor allem die Mythologie der Römer am Schnürchen, die in den beliebten Mustern prunkenden Redensarten, die stehenden Beiwörter, die sinnreichen Redefiguren und die Regeln des Versbaus in »Saft und Blut« aufgenommen hatte, war man ein fertiger Poet und schuf unsterbliche Gedichte! –

Und wären die Muster nur noch in den Schöpfungen der wirklich großen alten Griechen und Römer gesucht worden, so hätte die Nachahmung wenigstens nicht zu dem vollendeten Ungeschmack und dem Absterben des poetischen Bewußtseins führen können, die sich in der gesammten Literatur dieses Jahrhunderts – die Ausnahmen ließen sich an den Fingern herzählen! – auf das erschreckendste ausprägen. Allein davon war keine Rede. Man suchte vielmehr die Nachahmungen der großen Muster hervor und hielt sich an diese, stellte sie als Muster auf, ahmte sie nach – die späteren lateinischen Dichter und die von diesen gleichfalls inspirirten und verbildeten Fremden, die Franzosen, die Italiener und Holländer, vor allem freilich die Ersteren, da der Einfluß Frankreichs, seiner Bildung und Sprache, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts schon im Wachsen begriffen, allmälig jeden andern verdrängte.

Es ist in der That merkwürdig und gewissermaßen doch auch tröstlich genug, daß sich trotz aller Versunkenheit und Verblendung unter den vornehmen und gelehrten Ständen Deutschlands noch einzelne Köpfe fanden, welche die Gefahr dieses Einflusses wenigstens theilweise zu erkennen vermochten und sich derselben, so gut sie's verstanden und vermochten, entgegenstellten. Wir meinen hier die sogenannten »Gesellschaften«, welche nach dem Muster der italienischen Akademien gegründet, vor allem und ausdrücklich die Erhaltung und Ausbildung der deutschen Sprache, die Pflege ihrer Reinheit und daneben auch die Pflege der Dichtkunst für ihren Zweck und ihre Ausgabe erklärten. Daß sie den einen nicht erreicht und die andere nicht erfüllt haben, liegt, möchten wir sagen, in der Natur der Sache: weder ihre Einsicht, noch ihre Macht und ihr Einfluß entsprachen den bereits vorhandenen, tief greifenden Schäden und der Gewalt der Zeitströmung, und auch ihre Wirksamkeit und Tätigkeit gingen alsbald in Formen ohne Inhalt, in leerem Schein, in Tändelei und Künstelei zu Grunde. – Wir nennen von ihnen, die in großer Zahl gegründet wurden, neben der ersten, dem »Palmenorden« oder der »fruchtbringenden Gesellschaft« (gestiftet 1617 zu Weimar von fünf Fürsten und vier adeligen Herren), nur noch die »deutschgesinnte Genossenschaft« (gestiftet 1646 zu Hamburg von Philipp von Zesen), und die »Gesellschaft der Pegnitzschäfer« oder »der gekrönte Blumenorden«, die im Jahre 1644 von G. P. Harsdörfer und I. Klaj zu Nürnberg gestiftet wurde und dem Namen nach noch heute existirt.

Genützt wurde durch sie, wiederholentlich gesagt, wenig, es müßte denn sein, daß sie der neu auftauchenden Dichtung zuerst einen gewissen Halt gewährten und den Boden bereiteten, daneben derselben auch durch ihre vornehmen Mitglieder an den Höfen und in der höheren Gesellschaft Eingang verschafften und für sie ein günstiges Vorurtheil erweckten.

Der bedeutendste, vielleicht aber auch einzige Vortheil, den die Entwickelung unserer Literatur der neuen gelehrten Poesie verdankt, besteht in der zugleich gegründeten neuen Metrik, als deren wo nicht Entdecker, doch Begründer wir Martin Opitz nennen müssen. Bei dem völligen Aufgeben unserer poetischen Vergangenheit und der an deren Stelle gesetzten Nachahmung alter und fremder Muster, mußte selbstverständlich die alte Versmessung nach der Zahl der Hebungen und die ihr folgende nach der Zahl der Silben zu Fall kommen und nach einem aus den fremden Mustern abgeleiteten Ersatz verlangen lassen. Diesen bot Martin Opitz in dem kleinen, Epoche machenden und die ältere und neuere Zeit unserer Poesie für immer scheidenden, 1624 erschienenen Buch »Die deutsche Poeterei«. Seine Lehre ist im Kurzen, daß im deutschen Verse zwischen Hebung und Senkung gerade so regelmäßig abgewechselt werden müsse, wie im antiken Verse mit Länge und Kürze im jambischen und trochäischen Maße. Dactylen verwirft Opitz noch, als unmöglich; bald nach ihm aber tauchten nicht nur sie, sondern auch alle übrigen Metra auf, alle Strophenformen der griechisch-römischen, wie der neueren, französischen und italienischen Poesie. Das Hauptmaß aber wurde der den Franzosen nachgeahmte Alexandriner, der, nach der Stellung der Reime »heroische« oder »elegische« Vers.

Plötzlich vollzog sich der Uebergang zu dieser »gelehrten Poesie« und der modernen Metrik selbstverständlich nicht. Schon seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts gibt es vielmehr einzelne Dichter oder richtiger gesagt, Gedichte, welche aus anderen Sprachen übersetzt oder im fremden Geschmack verfaßt wurden und auch die fremden Versarten und Versmaße nachahmten. Hier ist neben Paul Schede (Melissus), von dem wir sogar Sonette und Terzinen haben, Peter Denaisius, I. V. Andreä, vor allem aber ein höchst merkwürdiger Dichter Ernst Schwabe von der Heide zu nennen (aus dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts und kurz vor Opitz), von dessen Lebensumständen wir so gut wie nichts wissen und von dessen Gedichten nur ein paar einzelne kleine Stücke erhalten sind, welche aber sprachlich, metrisch und dichterisch zu dem Besten gehören, was diese Zeit hervorgebracht hat. – Endlich ist hier auch noch G. R. Weckherlin (1584-1651) zu nennen, zugleich als Vorläufer und Nachfolger Opitzens, wenn er sich auch im Ganzen stets selbstständig hielt und sich keiner von den Dichterschulen anschloß.

Zur wirklichen Durchführung und Herrschaft gelangte die neue Metrik jedoch erst, als Opitz, der sie, wie gesagt, theoretisch feststellte und practisch zur Anwendung brachte, sich zu steigendem Ansehen und Einfluß erhob. Und trotz alledem sehen wir – wir dürfen wohl sagen zu unserer Freude, – auch hier jenen unbesieglichen Drang nach Selbstständigkeit und Freiheit, der unsere deutsche Dichtung mehr oder minder stark zu jeder Zeit belebt und vor Erstarrung bewahrt hat, grade in besseren Dichtern dieser Zeit noch lebendig: Logau, Lauremberg, Schuppius, Moscherosch und andere bleiben stets in einer gewissen Opposition gegen allen Zwang und gehen bei Gelegenheit immer wieder einmal ihren eigenen Weg.

Von den »Schulen«, in denen sich die Dichter um einzelne hervorvorragende und bewunderte Männer zusammenschlössen, ist diejenige, welche ihr Haupt in Opitz selber sah und zum Unterschied von der späteren des Lohenstein und Hofmannswaldau als die erste schlesische bezeichnet wird, unzweifelhaft die bedeutendste.

Wenn Martin Opitz, geboren 1597 zu Bunzlau und gestorben 1639, wie es wohl von begeisterten Anhängern und Zeitgenossen geschehen und noch von Späteren ihnen nachgeredet wurde, der »Vater der deutschen Dichtkunst«, ein »Fürst der Poesie«, ein »Pindar, Homer und Maro seiner Zeiten« genannt wurde, so müssen wir, abgesehen von der Ueberschwänglichkeit und dem Bombast, in denen sich grade die derzeitige Dichtung zu gefallen begann, die Veranlassung und Erklärung einer so ungemessenen Bewunderung selbst für die Damaligen sicherlich mehr in dem Formellen, als in dem Stofflichen und eigentlichen Poetischen suchen. In der Form war Opitz wirklich und unbestritten der Meister und das Vorbild der gesammten Dichtung und aller Dichter nicht nur jener Tage, sondern auch einer langen Folgezeit, ja bis auf einen gewissen Grad sogar für unsere klassische Periode und selbst noch für die Heutigen. Die Entdeckung oder Feststellung der Metrik, die angebahnte Gewandtheit der Darstellung, und das ernstliche, wenn auch oft genug irre gehende Streben nach dem Wohllaut, – das ist und bleibt sein stets zu schätzendes Verdienst. – Allein auch als Dichter soll man ihn nicht so ganz unterschätzen und verwerfen, wie man es, von der ersten Bewunderung zum anderen Extrem übergehend, später und neuerdings zu thun pflegt. Ein großes dichterisches Talent war er freilich keineswegs, nimmt jedoch trotzdem in seiner Umgebung und über dieselbe hinaus noch immer einen ganz achtungswerthen Platz ein, und schlägt in seinen kleineren Gedichten und selbst in jenem Genre, das mit ihm und durch ihn auf hundert Jahre hinaus zu einem der beliebtesten, ja unentbehrlichsten wird – wir meinen die »Gelegenheitsgedichte« – zuweilen Töne an, die denn doch aus tieferen Regionen als denen des Verstandes und der Gelehrsamkeit stammen und von mehr als bloßer Versmacherei zeugen. Ebenso sind auch seine Uebersetzungen großentheils durchaus anerkennenswerth. Der Hauptvorwurf freilich, den man neuerdings gegen ihn erhebt, seine Character- und Gesinnungslosigkeit, welche ihn stets nach der Gunst und Gnade der Höfe und Vornehmen streben ließ, mag berechtigt genug sein. Allein es ist auffällig genug, daß die Zeitgenossen trotz der schroffen Parteigegensätze, davon so gut wie nichts laut werden lassen.

Indem wir fortan nicht mehr die Dichtungsarten, sondern die Dichtergruppen oder -Schulen verfolgen und an diese die Einzelnen reihen, welche, sei es sich zu ihnen in Opposition stellten, sei es zum mindesten selbstständig zu bleiben verstanden, nennen wir unter Opitzens Anhängern vor allen Paul Flemming (1609-1640), den Lyriker, dessen Kirchenlied »In allen meinen Thaten« noch heute gesungen wird, und neben ihm Andreas Gryphius (1616-1664), den Aelteren dieses Namens, der zwar gleichfalls als Lyriker der ernsteren Richtung zu nennen ist, seinen Hauptruhm aber als Dramatiker erworben hat – hat man ihn doch sogar »den Vater der dramatischen Dichtkunst« geheißen! Man findet in seinen Tragödien jedenfalls inhaltsvollere Stoffe, eine gewisse kunstmäßige Darstellung, eine freiere Erfindung nebst einem festeren Zusammenhang der Begebenheiten, endlich – wohl nach dem Muster des Holländers Joost van den Vondel – einen Versuch, den Chor der Alten anzuwenden. Zwischen seinen höher stehenden Lustspielen sind die beiden in Prosa geschriebenen, »Peter Squenz« und »Horribilicribrisax«, wirklich originell und zeigen einen bedeutenden Fortschritt zu ächter, höherer Komik.

Zu der gleichen Schule, aber wie schon oben erwähnt, keineswegs in sklavischer Abhängigkeit, gehört der treffliche Epigrammendichter Friedrich von Logau (1604-1655), der niemals nach Gunst und Anerkennung strebte, sogar seinen Namen verbarg und nach hundert Jahren von Lessing und Ramler gewissermaßen erst entdeckt wurde. – An ihn schließt sich der Satiriker in Prosa, Moscherosch (1601-1669), dessen »Wunderliche und wahrhaftige Geschichte, d. i. Strafschriften Philanders von Sittewald« zu den besten Schöpfungen des ganzen Zeitraums gehören und selbst für uns, als treffliche Zeit- und Sittenbilder noch Werth haben. – Als Opitzens entschiedenen Anhänger und Freund nennen wir noch J. W. Zinkgref (1591-1635). Sein Buch »Apophthegmata, scharfsinnige Sprüche der, Deutschen« enthält eine Sammlung von Aussprüchen bedeutender Personen, in überaus passender und anziehender Fassung mitgetheilt und auch heut noch lesenswerth.

In entschiedener Opposition gegen die gelehrte und verkünstelte Dichtung, schon weil in, sei es auch nur noch annähernder Volksthümlichkeit, finden wir die gleichfalls oben schon genannten, den Mecklenburger J. Lauremberg (1591-1659), den Letzten, der in plattdeutscher Sprache etwas Selbstständiges schuf, und den Hessen J. B. Schuppius (1610-1661), voll Witz, Laune und Humor, einen strengen Gegner aller Schulweisheit und auch als Volksprediger hochbedeutend. Sein Name muß uns auch schon um dessentwillen unvergessen bleiben, weil er es war, der im Jahre 1648 die feierliche Friedenspredigt zu Münster hielt.

In voller Selbstständigkeit, fast immer frei von aller Verkünstelung und Gefühlsverrenkung, volksmäßig, warm und wahr, erhält sich nur eine Gattung der Dichtung, und das ist das Kirchenlied. Der Fortschritt gegen das, was das vergangene Jahrhundert hier entstehen ließ, ist ein fast durchaus innerlicher: man geht von dem Allgemeinen in's Einzelne, zur Anwendung des Glaubens auf die persönlichen Verhältnisse und Schicksale, auf all' die Unruhe, die Noth und die Gefahren der furchtbaren Kriegszeiten über. Die Form ändert sich kaum, und die ganze Ausdrucksweise erhält sich fast ausnahmslos einfach und wahr, ohne Bombast und ohne Reflexion, worin grade die gesammte übrige Dichtung ihren Ruhm sucht. Hier ist Paul Gerhard (1606-1670) vor allen Uebrigen und als der unerreichte Meister zu nennen – seine Lieder sind nicht nur zu bekannt und verehrt, sondern auch zu zahlreich, als daß wir sie noch namhaft zu machen versuchen sollten. Zunächst stehen denselben einzelne Lieder von Simon Dach, der Kurfürstin Luise Henriette von Brandenburg (»Jesus, meine Zuversicht«), Rinkart (»Nun danket alle Gott«), Neumark (»Wer nur den lieben Gott läßt walten«), und eine große Zahl von anderen, weniger bekannten Dichtern. – Gedenken müssen wir hier auch noch der beiden katholischen Liederdichter, des Jesuiten Friedrich von Spee (1591-1635), dessen unter dem Titel »Trutz-Nachtigall« erschienenen Gedichte voll großer Wärme und Innigkeit, aber lange Zeit fast völlig vergessen geblieben sind, und des wohl am besten als Mystiker zu bezeichnenden Johann Scheffler, genannt Angelus Silesius (1624-1677). Beide stehen in voller Unabhängigkeit von Opitzens Schule.

Für die übrigen Gesellschaften oder Dichtergruppen genügt eine kurze Erwähnung. Nur die Königsberger, in der wir Simon Dach (1605-1659), Robert Roberthin (1600-1648) und den auch als Komponisten nennenswerthen Heinrich Albert (1604-1668) finden, hebt sich über die platte Mittelmäßigkeit und Nichtigkeit der übrigen hervor. Wir brauchen nur an das bekannte Lied Dach's »Aennchen von Tharau« zu erinnern. – Die Nürnberger Pegnitzschäfer unter Harsdörfer und Klaj ergingen sich in arkadischen Schäfergedichten, Idyllen und Singspielen; die Holsteiner unter Rist sind fast nur um dieses ihres Hauptes willen zu nennen, das zum mindesten in der geistlichen Poesie einiges Bessere geschaffen hat; endlich »Die deutsch gesinnte Genossenschaft« oder »Rosengesellschaft« des Philipp von Zesen verdient nur um der von diesem auf die »Reinlichkeit« der Sprache gerichteten Versuche willen der Erwähnung: er probirte es mit einer höchst originellen, höchst willkürlichen Orthographie und daneben mit der Verdeutschung der Fremdwörter, die zu halb lächerlichen, halb ungeheuerlichen Ausgeburten führte. An Anhängern und Schülern fehlte es ihm trotzdem keineswegs. Noch zu Gottscheds Zeiten gab es solche sogenannte Zesianer.

7.

Indessen der Putz und die Flitter, mit denen man seine Schulgelehrsamkeit bisher verziert und seine bewunderungswürdigen Kenntnisse auf das zierlichste und pathetischste zum Ausdruck und zur Darstellung gebracht hatte, genügten allmälig nicht mehr dem Publikum – wenn wir diese Bezeichnung auf die damalige Lesewelt anwenden dürfen – und auch nicht den Dichtern selber. Man verlangte nach stärkeren Reizmitteln, nach grelleren Farben und höheren Tönen, und die Rhetorik und Declamation der Opitzianer ging zum Schwulst, die immer noch nicht ganz verleugnete Natur in die lächerlichste Unnatur, der verhältnißmäßige Geschmack in die reine Abgeschmacktheit über. Diese Umwandelung vollzog sich von der Mitte des Jahrhunderts an und gipfelte in der, nach der Heimat ihrer Häupter so benannten zweiten schlesischen Schule des Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1618-1679) und Daniel Caspar von Lohenstein (1635-1683). Wir dürfen nicht vergessen, daß grade zu dieser Zeit die Muster der Deutschen, die späteren, faden und süßlichen Italiener und die französischen Hofdichter Ludwig XIV., gleichfalls in ihrer, aller Kunst und Sitte hohnsprechenden Weise das Mögliche leisteten.

Ueber diese Beiden, wie über alle, die sich ihnen anschlossen und folgten – die »Wasserpoeten« pflegt man diese edle Gesellschaft nicht mit Unrecht zu bezeichnen – und nicht minder über die gesammte poetische Literatur dieser Zeiten, die Trauer- und Schauspiele, die Schäferidyllen, die Singspiele und Opern und alle die geistlichen und weltlichen Lieder, können wir rasch fortgehen. Nur der Liebhaberei für die »Opern« wollen wir besonders gedenken, deren Verbreitung und Stärke man schon daraus erkennen kann, daß für solche Aufführungen eigene große und feste Opernhäuser erbaut wurden (Hamburg 1677), und sich feststehende Bühnengesellschaften bildeten, während das nicht musikalische Schauspiel von den wandernden Truppen noch immer in schlechten Privatlokalen, Scheunen und Bretterbuden aufgeführt wurde.

Gedenken wir lieber einiger erfreulicherer Zeichen der Zeit. Gleich der gesammten Dichtung dieser Epoche verfiel auch der Roman, dem wir, als solchem, jetzt zuerst begegnen, von Anfang an der vollen Unnatur und Abgeschmacktheit der zweiten schlesischen Schule. Die sogenannten »historischen oder Heldenromane« eines Zesen, Buchholz (»Herkules und Herkuladiska«), Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig (»Octavia«), Ziegler (»die Asiatische Banise«), Lohenstein (»Arminius und Thusnelda«); die politischen und galanten Romane eines Happel (»Der Asiatische Onogambo«), Hagdorn (»Aeyquam oder der große Mogul«), Rost (»Meletaon«) u. s. w.; die satirischen Romane, wie z. B. des Paters Abraham a Santa Clara ( Ulrich Megerle)»Judas der Erzschelm« – sie stehen alle auf der gleichen Höhe oder vielmehr in der gleichen Tiefe der Unnatur, der Hohlheit und der Langweiligkeit. Neben ihnen gibt es aber zum mindesten zwei Werke, von denen das eine noch heute des höchsten Ansehens genießt, und das andere dies Ansehen zum mindesten verdient.

Das erste ist der »Abenteuerliche Simplicissimus« des H. J. Ch. von Grimmelshausen (vom Anfang der zwanziger bis gegen die ersten achtziger Jahre), ein ächt volksthümliches, geschickt angelegtes und durchgeführtes, reich belebtes, frisches Gemälde aus der vollen Gegenwart – ein glücklicher Griff, muß man wohl sagen, da die übrigen Schriften des Verfassers weitaus nicht an dieses sein Hauptwerk hinanreichen. – Das andere Werk ist Ludwig Schnabels allerdings erst gegen den Schluß des Zeitraums (1731-1743) erscheinende Robinsonade »Wunderliche Fata einiger Seefahrer u. s. w.«, bekannter unter dem Titel »Die Insel Felsenburg«. Auch hier finden wir neben manchem Abenteuerlichen und Phantastischen, besonders unter den kleinen Erzählungen sehr viel Natürliches, Einfaches und Frisches in der Schilderung wie in der Darstellung, und einzelne Stücke lassen sich füglich noch heute als Muster in ihrer Art hinstellen. – Zu diesen beiden Büchern lassen sich auch noch die Romane (»Die drei ärgsten Erznarren«, »Die drei klügsten Leute« u. s. w.) des Zittauer Schulrectors Christian Weise (1642-1708) wenigstens insofern als bessere Erscheinungen hinzurechnen, als sie ihre Stoffe aus den mittleren Ständen und der Gegenwart wählen und aus der, von den Gelehrten gepflegten Literatur wieder zum Volke zurücklenken.

Dieses Christian Weise (1642-1708) haben wir auch sonst in ehrenvollster Weise zu erwähnen, da er, abgesehen von seinen Dichtungen (Gedichte, dramatische Arbeiten u. s. w.), welche sich gleichfalls über die große Masse weit erheben, einer von denen ist, die mit vollem Bewußtsein der Geschmacklosigkeit und Unnatur auch auf sprachlichem und wissenschaftlichem Gebiet entgegen arbeiteten und eine Umkehr vor allem in der Schule und der Schulbildung anbahnten. War es doch eine seiner Hauptforderungen an die letztere, daß sie »den Schülern die deutsche Zunge löse« und sie – dergleichen gehört denn freilich auch bei ihm dazu! – aus der lateinischen Versekünstelei zu deutschen Dichtversuchen hinüberführe.

Während auf dem Felde der poetischen Literatur so untröstliche Zustände herrschten, finden wir aber auf den meisten übrigen literarischen Gebieten erfreulicherweise einen immer rascheren und sichtbareren Fortschritt zum Besseren. Samuel von Pusendorf (1632-1694) legte den Grund zu einer wissenschaftlichen Behandlung des Natur- und Staatsrechts; in der Astronomie und den Naturwissenschaften brauchen wir nur Kepler und Otto von Guericke zu nennen; in der Philosophie folgte auf den originellen, tiefsinnigen Jacob Böhme zu Anfang des Jahrhunderts, von der Mitte desselben an der große Gottfried Wilhelm von Leibnitz (1646-1716); Christian Thomasius (1655-1728) bemühte sich, gleich dem obengenannten Weise um die Einführung der deutschen Sprache auch auf dem philosophischen Gebiet und erwarb sich unsterbliche Verdienste um die Verbreitung der Humanität und Aufklärung, während zur gleichen Zeit die sogenannten Pietisten, Philipp Jakob Spener (1635-1705) und August Hermann Francke (1663-1727) von Berlin und Halle, der jungen Preußischen Universität aus, auf Wiederbelebung und Vertiefung des Glaubens hinarbeiteten. Und endlich erscheint hier Christian von Wolff (1679-1754), der das Leibnitz'sche System streng methodisch ausbaute und der Philosophie ihren außerordentlichen Einfluß auf die gesammte wissenschaftliche Bildung und auf die Entwickelung des geistigen Lebens sicherte.

Allein auch auf dem poetischen Gebiet begann an der Grenzscheide beider Jahrhunderte endlich ein frischeres Wehen, denn die Unnatur, um nicht zu sagen der Unsinn, war allgemach zu einer Höhe gediehen, wo sich endlich auch in den, sei es verschrobensten, sei es nüchternsten Köpfen etwas wie Vernunft und Einsicht regen und sich mit dem Schrecken über solche Zustände auch der Widerstand gegen dieselben erheben mußte. So haben wir den Streit anzusehen, der sich zwischen Christian Wernicke (von der Mitte des 17. bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts) und den Anhängern und Verkündigern des alten Geschmacks, den Hamburgern Hunold (Menantes) und Postel, um 1697 auf seine Epigramme (»Ueberschriften«) hin erhob, mit unendlicher Erbitterung und Grobheit weiter geführt wurde und mit der Niederlage der Hofmannswaldauer endete. Ebenso haben wir auch die Umkehr oder den Abfall einzelner Dichter anzusehen, die sich, wenn auch von geringerem Eindruck zur gleichen Zeit etwa immer häufiger zeigen, so bei dem jüngeren Gryphius, Benjamin Neukirch, dem steifen, aber achtungswerthen Freiherrn von Canitz und anderen. Die Poesie gewann dabei allerdings einstweilen so gut wie nichts, denn wer sich aus dem Bombast und der Lüsternheit der Hofmannswaldau'schen Epigonen freirang, kam damit noch keineswegs zum Wahren und Schönen, sondern blieb für jetzt in der vollsten Nüchternheit und dem langathmigsten Moralisiren stecken. Erst ganz allmälig machte sich eine Richtung auf die Natur geltend, allein auch hier kam man über Kleinlichkeiten und Detailkrämerei kaum hinaus. So erscheinen uns die Hamburger Brockes (»Irdisches Vergnügen in Gott«, – neun Bände!) und Richey, ein Schweizer Pseudonymus Reinhold von Freienthal, und der Badener K. F. Drollinger. Trotz alledem sind sie die Vorboten der besseren Zeit.

Als ein wirklicher Dichter begegnet uns nur Johann Christian Günther aus Striegau (1695-1723), der obschon noch aus der alten Schule stammend, dieselbe alsbald weit überflügelt und uns erkennen läßt, wie eine wahre innere Begabung sich über alle Schranken und Verzerrungen hinauf schwingt. Sein Unglück war, daß er der traurigen Verhältnisse, in denen er leben mußte, niemals Herr zu werden vermochte, sie vielmehr häufig durch seine Schwäche und Schrankenlosigkeit noch viel drückender machte. Bei ihm kann man von der Persönlichkeit nicht absehen, da sie sich stets in seine Dichtungen hineindrängt und dieselben, zugleich mit dem Menschen, möchte man sagen, in den Staub zieht. Günther ist niemals zu der Höhe gelangt, der ihn sein außerordentliches Talent entgegenhob.

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.