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Deutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen

Edmund Hoefer: Deutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
authorEdmund Hoefer
titleDeutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen
publisherVerlag von A. Kröner
year1876
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130810
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Achter Abschnitt.
Die neueste Zeit seit dem Anfang der fünfziger Jahre.

58.

Einen fortgesetzten, eingehenden und detaillirenden Bericht über die Literatur der letzten zwanzig Jahre, d. i. der vollen Gegenwart, wird kaum jemand von uns erwarten, welcher einmal ernstlich in diese Literatur hineingeschaut, oder richtiger gesagt, einmal den Versuch gemacht hat, wirklich in sie hineinzuschauen. Es ist ein böses Schauen auf Etwas, dem alle Stetigkeit und Klarheit, dem jede Originalität und jeder ausgesprochene Charakter fehlt. Es mögen uns immerhin einzelne schöne und reine, liebenswürdige und tröstliche Erscheinungen aufstoßen, aber ringsum sie her wirbelt die Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit, die Unfertigkeit und völlige Hohlheit desto wilder, betäubend und verwirrend dahin und nimmt uns Ruhe und Stimmung selbst für das Gute und Schöne. Wir sehen manche, die mit mehr oder weniger Glück den alten Richtungen folgen, ja hie und da zu längst verlassenen und vergessenen zurückkehren, um daselbst von neuem ihr Heil zu versuchen. Von einer neuen, die eröffnet worden, finden wir kaum ein Beispiel und noch seltener sehen wir sie auch festgehalten und von anderen gleichfalls aufgenommen. Die große Masse dagegen treibt in einer Richtung hin, die eigentlich gar keine mehr ist, da sie ins Wilde und Ziellose hineinführt, höchstens dem »Erfolge« zu, dem großen Götzen des Tages.

Wir finden, um von den Aelteren zu schweigen, die früher auftretend, mit mehr oder weniger frischer Kraft auch noch durch diese Periode gehen, auch zwischen den neu Erscheinenden mehr als ein wirkliches, großes, ja glänzendes Talent und Schöpfungen, welche unserer Literatur zur Zierde gereichen und selbst dem Strengsten eine reine Freude machen dürfen. Wir haben noch lyrische und epische Dichter voll Gedankentiefe und Gedankenreichthum, voll Empfindung und Phantasie, voll Kraft und Melodie der Sprache und von einer formellen Sicherheit und Reinheit, die kaum etwas zu wünschen übrigt läßt. Wir besitzen Dramatiker von Geschmack, von Einsicht, von Kraft und Feinheit und ungemeiner Bühnengewandtheit; wir haben große und glänzende Erzähler, welche keinem früheren nachstehen, ja die meisten von diesen in jeder Richtung übertreffen; wir haben endlich geistvolle und auch gründliche, sogenannte Essai-Schreiber und scharfe pikante, witzige, humoristische Feuilletonisten, die es – das ist und bleibt bei uns ja einmal der höchste Ruhm! – mit den berühmtesten Ausländern aufnehmen. Und wenn wir gerecht sein wollen, so finden wir zwischen diesen allen immer noch manche, welche wir als rechte Hüter, Pfleger und Verkünder der wahren Kunst zu preisen und verehren haben, die nicht dem Tagesgötzen und Tagesgeschmack stöhnen, sondern den Eingebungen der ächten Muse gehorchen.

Allein, trotzdem finden wir auch zwischen diesen, wie wir schon sagten, kaum einen, welcher eine wirklich neue Richtung eröffnete und indem er die Literatur, sei es auch nur in einem Genre und auf einem Gebiet, sich nachzog, ihr sein eigenes, unvergängliches Gepräge aufdrückte. Im Gegentheil, die Literatur der Neuzeit treibt, wie wir gleichfalls schon aussprachen, nach allen Seiten und Richtungen auseinander, und wenn wir von der Natürlichkeit und Realität absehen, die sich allerdings noch meistens als eine Art von Grundzug bemerklich macht, so ist von irgend etwas, wie einer wirklichen Signatur, von etwas Gemeinsamem und Charakteristischem so gut wie nichts mehr zu entdecken: jeder geht seinen eigenen Weg und schreibt was und wie er es mag. Man könnte hier eine beliebte Wendung der Modenberichte anführen: eine bestimmte Mode gibt es nicht; jedermann trügt, was ihm gefällt, und darf es tragen, vorausgesetzt, daß es ihm steht.

Wenden wir uns nun aber gar von diesem besseren und edleren Kern zu seiner Umgebung, zu der Allgemeinheit der modernen Literatur und zu der großen Masse der Scribenten, so ist von jenem würdigen und ernsten Streben, von jenen hohen Zielen, von jener treuen Hut und Pflege der ächten Kunst und der wirklichen Poesie, so gut wie nichts mehr zu entdecken. Es ist eine Literatur des Leichtsinns und der Leichtfertigkeit, der Unnatur und des Ungeschmacks, die nur noch von »Effekt«, von der »Sensation«, von »Skandal«, von Reizmittel jeder, auch der extremsten Art etwas weiß und will, und keinen reinen und dauernden Eindruck hervorzurufen, sondern nur für den Augenblick zu »unterhalten«, d. h. zu berauschen und betäuben beabsichtigt. Diese Literatur erhebt die Leser nicht über die Alltäglichkeit, sondern sie hält sie grade absichtlich in derselben fest oder stürzt sie gar kopfüber in ihren Schlamm hinein. Hier kommt es nicht mehr auf den Gehalt und die Reife des Produkts, sondern auf das gleißende Gewand und auf die Raschheit des Producirens an. Hier ist von Kunst und Poesie ebenso wenig die Rede, wie von, sei es auch nur einem Minimum dichterischer Begabung; hier ist jeder am Platz und willkommen, dessen Phantasie noch nicht ausgebrannt ist und der ihre Eingebungen wohl oder übel zu Papier zu bringen versteht. Es ist daher nicht bloß begreiflich, sondern selbstverständlich, daß der nackte Dilettantismus niemals zu einer entschiedeneren und ausgebreiteteren Herrschaft gelangte, als gegenwärtig, wo der Gesammtcharakter der modernen Literatur ein durchaus dilettantischer ist.

Von dieser Allgemeinheit haben wir unsern Lesern im Grunde nichts weiter zu sagen, als was wir in Vorstehendem ausgesprochen haben: es ist eine Eintagsliteratur, die nur dem Augenblicke dient, auf Dauer keinen Anspruch macht und ein eingehendes, ernstes Urtheil nicht verlangt, ja ihm gar nicht Stand hält: wenn man zu einem solchen gelangt, hat das Beurtheilte meistens schon lange seinen Zweck erfüllt und ist über irgend einem Nachfolger vergessen und verschollen. Es wird daher völlig genügen, wenn wir aus diesem Wirrwarr von Namen und Werken gelegentlich einzelne hervorragende und tonangebende, ganz besonders bezeichnende, anführen. Allein auch von den schöneren Namen und besseren Erscheinungen haben wir kaum etwas besonderes zu melden. Denn wir müssen es schon noch einmal wiederholen: wie manche schöne und rechte Talente auch noch aufgetaucht sind und gottlob von Zeit zu Zeit immer wieder erscheinen, so begegnen uns auch zwischen ihnen doch nur wenige, wirklich eigenartige, geschweige denn bahnbrechende. Sie erheben und bewegen sich vielmehr meistens in längst bekannten Sphären, und es wird daher auch hier völlig genügen, wenn wir nur einzelne Stimmführer bestimmter hervortreten und die ihnen Verwandten oder mit ihnen Verbundenen in aller Kürze folgen lassen.

59.

Die Dialektdichtung ist, ob wir ihrer bisher auch nicht erwähnt haben, doch seit Hebels »Allemannischen Gedichten« nicht wieder aufgegeben, vielmehr in manchen Landschaften Deutschlands stets von neuem versucht worden. Schon 1806 erschienen »Volkslieder im Schweizer Dialekt« von Kuhn, und neuerdings hat der, als Jugendschriftsteller rühmlich bekannte A. Corrodi eine Dichtung »Der Herr Professer« in der gleichen Mundart veröffentlicht, gerieth aber ebenfalls auf den unglücklichen Abweg Hebels, d. h. auf den Hexameter, wo selbstverständlich alle Volksthümlichkeit verloren gehen mußte. In Schwaben schrieb ein Schultheiß Wagner sogar Lustspiele in seinem heimischen Dialect, und in Straßburg wurde das kleine Stück »Der Pfingstmontag« von Arnold verfaßt. – In niederösterreichischer Mundart dichteten die bekannten Castelli und Seidl, in obderensischer Franz Stelzhammer, gestorben 1874, der auch schriftdeutsche Gedichte herausgegeben hat. Um vieles höher als diese alle stehen die schlesischen Gedichte von Holtei, wie denn dieser Dichter überhaupt ja in allen seinen Schöpfungen den gemüthlichen, naiven und volksthümlichen Ton fast immer auf das glücklichste zu treffen gewußt hat. Ganz neuerdings ist von Caspar Hagen in seinen »Dichtungen« der Dialect Vorarlbergs versucht worden, und hat K. G. Radler in seiner kleinen Sammlung »Fröhlich Palz – Gott erhalt's«, manche wirkliche hübsche und den Volkston treffende Lieder und beschreibende Gedichte geliefert. – Ihnen schließt sich der Schwabe Th. Grimminger in den zum Theil reizenden Gedichten seiner Sammlung »Mei Derhoim« an. Unbestritten der erste aber von allen diesen Dialectdichtern und überhaupt ein dichterisches Talent von hohem Range ist Franz von Kobell, geboren zu München 1803. Seine oberbaierischen und pfälzischen Gedichte sind fast durchweg von ächter Volksthümlichkeit, von kecker, duftiger Frische, voll Anmuth und Schalkhaftigkeit, und der Dialect hängt nicht um sie herum, wie ein zufälliges, willkürliches und schlecht passendes Gewand, sondern gehört zu ihnen ganz und gar und von Hause aus: es ist wirklich der Oberbaier und Pfälzer, der hier singt, und nicht der Hochdeutsche. Aber wir sind es diesem Dichter schuldig hinzuzufügen, daß auch zwischen seinen hochdeutschen Gedichten sich nicht wenige wahrhaft schöne finden, die ihn in den weitesten Kreisen bekannter und beliebter machen sollten, als er es leider in einem großen Theile Deutschlands ist.

Indem wir uns von der hochdeutschen Dichtung jetzt zur plattdeutschen wenden, müssen wir vor allen Dingen dem noch weit verbreiteten und hartnäckig festgehaltenen Glauben entgegentreten, daß das Nieder- oder Plattdeutsche auch nur ein Dialect des Hochdeutschen sei, wie etwa das Allemannische, Fränkische u. s. w. Das ist bekanntlich aber nicht der Fall, sondern das Niederdeutsche ist eine von den beiden Hauptmundarten, in welche unsere Sprache von jeher zerfiel und noch heute zerfällt. Es hat in der alten Zeit und bis ins sechzehnte Jahrhundert hinein eine keineswegs beschränkte und unbedeutende Literatur gehabt und ist bis in den Anfang unseres Jahrhunderts für ein gutes Drittheil des ganzen Deutschlands die Sprache nicht bloß des eigentlichen Volkes, sondern auch der übrigen Klassen geblieben, ja im geschäftlichen Verkehr und selbst hie und da in Schule und Kirche treulich festgehalten worden. Ja es gibt noch heute weite Landstriche, die dem Hochdeutschen nicht unterlegen sind und wo auch der Gebildete sich seiner alten guten Muttersprache nicht schämt.

Ob aber auch gesprochen, geschrieben wurde die niederdeutsche Sprache schon seit langem so gut wie gar nicht mehr, d. h. für die Oeffentlichkeit, und die Predigten des trefflichen alten Jobst Sackmann, 1643-1718, des Pfarrers zu Limmer bei Hannover, dürften das Einzige dieser Art sein, was sich erhalten hat und noch heute Beachtung verdient. Als Johann Heinrich Voß, der derbe Sohn des Volks, wie bekannt auch mit plattdeutschen Gedichten hervortrat, wurde dies Experiment, denn etwas Anderes war es im Grunde nicht, mit mehr Verwunderung und Neugier, mehr mit gutmüthigem Lächeln, als mit wirklichem Beifall und warmer Anerkennung aufgenommen und fand keine nennenswerthen Nachahmer. – Kaum anders erging es den »Plattdeutschen Gedichten« von Joh. Wilh. Bornemann, 1767-1851; man freute sich ihrer in plattdeutschen Kreisen, ja bewunderte es, daß die gute alte Volks-, Haus- und Familiensprache sich wirklich in Verse und Reime bringen lasse, und selbst den Hochdeutschen im Norden machten die steifen Exercitia des übrigens patriotischen und wohlanständigen Mannes Spaß. Im übrigen Deutschland jedoch erfuhr man wenig davon und ging in der Literatur über sie zur Tagesordnung über: es war ein gescheiterter Versuch; die plattdeutsche Sprache, der plattdeutsche Mensch, die plattdeutsche Natur schienen poesielos zu sein und zu bleiben. Selbst die allmälig ziemlich zahlreich veröffentlichten schönen Märchen und Sagen besiegten dies Vorurtheil nicht und veranlaßten kaum einzelne, die allerdings nicht geringen Schwierigkeiten der Sprache zu überwinden.

So währte es fort, bis, es wird zu Anfang der vierziger Jahre gewesen sein, das kleine seltsame Stück – »Het Wettloopen tüschen den Hasen und den Swinegel up der Buxtehuder Heid«, zuerst in Norddeutschland mit jubelndem Entzücken aufgenommen wurde, und weiter und weiter dringend, bald auch im übrigen Deutschland und unter den Hochdeutschen den lebhaftesten Beifall wachrief. Es ist seitdem hundert und hundertmal gedruckt und illustrirt worden und wird immer zu den Perlen nicht bloß der plattdeutschen, sondern auch unserer gesammten Literatur gerechnet werden – ein einziges Stücklein voll wunderbarer Natürlichkeit und Ungezwungenheit, voll unendlicher Schalkhaftigkeit, Naivetät, jovialer Behaglichkeit und eines wunderbaren Humors, plattdeutsch vom ersten Wort bis zum letzten, in jeder Wendung, in jeder Anschauung, kurz, eine treue und klare Abspiegelung plattdeutscher Natur und plattdeutschen Geistes. Als sein Verfasser ist erst später der treffliche Theodor von Kobbe, 1798-1845, genannt worden, der in unserer Literatur und leider noch viel mehr von unserem Publikum auf das ungerechteste unterschätzt und vergessen worden ist. Seine humoristischen Bilder, Skizzen, Erzählungen, die Erinnerungen aus dem akademischen Leben, die Humoresken aus dem Philisterleben u. s. w., lassen uns in ihm einen der gemüthvollsten, launigsten und witzigsten Schriftsteller seiner Zeit und als einen Humoristen erkennen, der unzweifelhaft zu den ersten Deutschlands zählt.

Sieben Jahre nach seinem Tode, 1852, erschien der »Quikborn« von Klaus Groth, der am 24. April 1819 zu Heide in Norderdithmarschen geboren wurde und nach längerer Lehrthätigkeit gegenwärtig nur mit literarischen Studien beschäftigt, in Kiel lebt. Dies Werk »rettete«, wie Pastor Harms, der Landsmann des Dichters ausspricht, »die Ehre der plattdeutschen Sprache in einem Maße, wie es bis dahin keine andere Schrift, kein Aufsatz, kein Gedicht gethan hatte«. Aber diese Gedichte thaten, wie wir hinzufügen, noch mehr: sie bewiesen auch dem Ungläubigsten, daß Niederdeutschland und die Niederdeutschen eine Poesie in sich tragen, welche keiner andern der Welt nachsteht, – eine Thatsache, welche bis dahin selbst dem Einheimischen kaum recht klar und glaublich gewesen war. Mit dem »Quickborn« wurde dem Plattdeutschen sein eigener Platz in der Sprache und Literatur Gesammtdeutschlands auf einen Schlag zurückerobert und ein für allemal gesichert.

Man hat hie und da die Ansicht geäußert, daß das Plattdeutsche eben »Mode« geworden und hiedurch der große Erfolg zu erklären sei, denn die Dichtungen Groth's und Reuter's erzielten. Das ist im Allgemeinen und in der Hauptsache nicht richtig, denn die plötzliche Anerkennung und Theilnahme war im Grunde keine zufällige, willkürliche und temporäre. Wer vielmehr überhaupt noch Sinn und Verständniß für die Poesie und das Poetische besitzt, sieht sich zu dieser Anerkennung und Theilnahme gezwungen: was er in vielen Quickborngedichten und einem großen Theil der Reuter'schen Schöpfungen vor sich findet, ist etwas so Ursprüngliches und Unmittelbares und von einer Naturfrische, einem Naturduft und einer naturwüchsigen Kraft, wie man es in der hochdeutschen, von einem gesteigerten Kulturleben getragenen Poesie nur ausnahmsweise noch bemerken kann. Richtig angeschaut, ist dies genau dasselbe, was die Hofschulzen-Episode in Immermann's »Münchhausen« einen so ganz ungewöhnlich tiefen Eindruck machen ließ, denn es sind auch in ihr niederdeutsche Gestalten und niederdeutsches Leben, welche das Publikum überraschten und gewannen. Bei den Groth'schen und Reuter'schen Dichtungen kam nun die Sprache noch hinzu, diese Sprache voll natürlicher Frische und Kraft, voll Treuherzigkeit und gemüthvoller Innigkeit, zart und derb, schalkhaft und traulich, wie es die hochdeutsche Schrift- und sogar Umgangssprache trotz ihres Reichthums und ihrer Bildungsfähigkeit, meistens längst abgestreift hat und nur ausnahmsweise noch zu erreichen vermag.

Viele dieser Quickborn-Gedichte und vorweg die meisten liederartigen, sind nicht bloß als getreue Abspiegelungen des niederdeutschen Geistes und Charakters und als Ausströmungen des niederdeutschen Herzens und Gemüths, von eigenartigem und höchstem Werth, sondern ordnen sich auch in der deutschen Poesie überhaupt den besten Schöpfungen des Dichtergeistes zu. Dasselbe gilt von den kleinen Natur- und Lebensbildern und im Grunde stets, wo der Dichter, als Kind seiner Heimat und seines Volkes, ihnen nichts Fremdartiges, d. i. hier das Hochdeutsche, aufdrängt und sich selber von dem Einflüsse des Letzteren frei zu halten versteht. Hier sind Empfindung und Stimmung, Vorstellung und Anschauung, ja gewissermaßen sogar die Reflexion, so weit sie sich einmischt, somit also die Poesie Klaus Groth's überhaupt, durchweg ursprünglich und naturwüchsig, und die Sprache stets in allergenauestem und untrennbarem Zusammenhange mit allem Uebrigem: sie ist nirgends Zweck und Hauptaugenmerk, sondern der natürliche, ja einzig mögliche Ausdruck dieser Poesie.

Dies trifft anderwärts, und zwar zuweilen auch schon im »Quickborn«, aber häufiger noch in den späteren Werken – »Vertelln«, »Rothgeter Meister Lamp und sin Dochder«, Voer de Goern« u. s. w. – keineswegs immer zu. Hier bleibt, sagen wir kurz nur, der Hochdeutsche nicht fern, und will der Dichter durch seine Schöpfungen in seiner Sprache gewissermaßen den Nachweis von ihrer Schönheit und Bildungsfähigkeit liefern und zugleich selber sie weiterbilden. Da begegnen uns denn auch wieder einmal die kunstvollen, sogar klassischen Metra – Klaus Groth scheut selbst vor dem Sonett nicht zurück! – die zu dem naturwüchsigen, schlichten Plattdeutschen wie die Faust auf's Auge passen, und es klingt so, als stimme ein Waldvogel plötzlich eine künstlich erlernte Stubenmelodie an. So wird die Naturpoesie zur Kunstpoesie, und es ist begreiflich genug, daß die glänzende Aufnahme, welche der »Quickborn« fand, keiner der späteren, jetzt fast schon verschollenen Schöpfungen zu Theil wurde, und daß der Ruhm Klaus Groth's, nicht als des Dichters der Quickborn-Lieder, sondern als plattdeutschen Dichters überhaupt, vor dem des Folgenden schnell erblaßte. Dieser Folgende, Fritz Reuter, hat freilich in gewissem Sinne, unter unseren Dichtern überhaupt nicht seines Gleichen.

Fritz Reuter wurde am 7. November 1810 zu Stavenhagen in Mecklenburg-Schwerin geboren. Nachdem er das Gymnasium verlassen hatte, studirte er zu Rostock und Jena die Rechte, trat in die Burschenschaft und wurde in Folge der bekannten Demagogen-Untersuchung – die Namen jener Richter, eines Dambach, von Tschoppe und des »blutigen« Kleist, dürfen auch in der Literaturgeschichte nicht vergessen werden! – gleich mehr als dreißig anderen armen Gesellen, zum Tode verurtheilt, und zu dreißig Jahren Festungshaft begnadigt. Erst das Jahr 1840 und zwar der Herbst desselben gab ihm seine Freiheit wieder, und der Dreißigjährige hatte den Kampf mit dem Leben, dem der junge Student gewaltsam entrissen worden war, von neuem, mit geminderter Kraft und getrübten, ja fast verschwundenen Aussichten zu beginnen. Er wurde Landwirth, aber es gelang ihm damit nicht recht, und so suchte er sich durch die Gründung einer kleinen Privatschule und Stundengeben eine Art von Existenz zu gründen, die ihm trotz aller Mühseligkeit und Armseligkeit genügen mußte, bis der ungemein große Erfolg, den sein, nebenher und schier zufällig entstandenes erstes Buch und noch mehr die folgenden hatten, ihn in bessere und freundlichere Verhältnisse brachte. Nach längerem Aufenthalte in Neu-Brandenburg, siedelte er 1863 nach Thüringen über und starb hier in seinem Hause am Fuße des Wartberges bei Eisenach am 12. Juli 1874.

Es mag sein, daß die außerordentliche Aufmerksamkeit, die schon sein erstes Buch, die »Läuschen un Riemels«, erregten, nicht am wenigsten durch den tiefen Eindruck des kurz vorher erschienenen »Quickborn« hervorgerufen und gesteigert wurde: man begegnete hier Plötzlich schon dem zweiten plattdeutschen Dichter und zwar einem, der ganz andere Töne anschlug und dem man, wie man alsbald erkannte, dennoch nicht seine völlige Originalität und seine durchaus eigenartige, hohe dichterische Begabung absprechen konnte. Von der Empfindungs- und Stimmungspoesie Klaus Groths findet sich in den »Läuschen und Riemels« verhältnißmäßig wenig; es sind meistens nur Schwanke, lustige Anekdoten, Possen, derb komische Geschichtchen, mitten aus dem alltäglichen niederdeutschen Leben, den Einheimischen häufig seit langem schon bekannt und von ihnen belacht, hier aber zum erstenmal auch für größere Kreise und Fremde erzählt, mit ganz einziger Natürlichkeit und Unbefangenheit, mit Behagen und Schelmerei und endlich mit einer Prägnanz der Darstellung und des Ausdrucks, wie es eben nur ein Landeskind zu erzählen und darzustellen versteht, das zwischen den Seinen solche Schwänke und Possen selber erlebt und – bei Gelegenheit – auch selber liefert. Von irgendetwas, wie einer Kunstdichtung ist hier weit und breit keine Rede, alles ist Natur, alles volksthümlich und, wie man wohl sagen muß, landläufig, auch in der Form. Und wir müssen es schon hier bemerken, daß Fritz Reuter in seinen poetischen Werken unseres Wissens nie und nirgends eine künstliche Versform gebraucht oder dem Reim entsagt hätte, ausgenommen, wo er dergleichen hin und wieder in ganz bestimmter Absicht und ausdrücklich als Gegensatz gegen die ächt volksthümliche und plattdeutsche Weise einführt – wie z. B. die Wanderburschen-Gedichte in »Hanne Nüte«, an die sich dann freilich unmittelbar daraus das unendlich schöne, schwermüthige Gedicht schließt:

»Du kannst die Flüchten recken
Fri äwer See un Land,
Ach, wer mit di künn trecken
Wit furt von Schimp und Schand!« u. s .w.

Weit über die »Läuschen und Riemels« hinaus, sind schon die zunächst folgenden Werke, »De Reis' na Belligen, poetische Erzählung«, »Hanne Stüte un de lütte Pudel, 'ne Vagel- und Minschengeschicht«, »Kein Hüsung«, in ihrer wunderbaren Natürlichkeit und Einfachheit reich an eigenartigen dichterischen Schönheiten. Sie sind ausgezeichnet durch die natürliche, ungezwungene Erfindung, durch tadellose Composition, durch Tiefe der Empfindung sogut wie des Naturverständnisses, durch treffliche Naturschilderungen und eine Seelenmalerei, die ihres Gleichen sucht, und vor allem durch das, was Fritz Reuter überhaupt erst zu Fritz Reuter und zu einem unserer größten Dichter macht. Das ist der Humor, der ihn und seine Werke in einer Tiefe und Ganzheit erfüllt, von der uns kein anderer Autor ein Beispiel bietet.

Trotzdem erhebt der Dichter sich auch in ihnen noch nicht zu seiner vollen Eigenartigkeit und Größe, sondern kommt dahin erst in seinen Prosaschriften. Und zwar auch hier weniger in den kleinen, meist scherzhaften »Schnurr-Murr«-Geschichten, welche sich den »Läuschen un Riemels« verwandt zeigen, als in den beiden Erinnerungen, »Ut de Franzosentid« und »Ut mine Festungstid«, und vor allem in dem sogenannten Romane »Ut mine Stromtid«. Dieses Gesammtbild plattdeutschen Wesens und Lebens in seiner vollen Eigenartigkeit und Naturwüchsigkeit, aufgefaßt und wiedergespiegelt durch Geist und Gemüth des selber von Kopf zu Füßen plattdeutschen Dichters, ein Werk aus einem Guß und ohne auch nur einen fremdartigen, ihm aufgedrängten Zug, steht in unserer so gut, wie in jeder anderen Literatur völlig allein und einzig da. Es fehlt in diesem unendlich reichen, frischen und klaren Gemälde sozusagen keine Gestalt und Erscheinung, keine Farbe und kein Ton, keine Regung des Herzens und kein Gedanke des Kopfes, und wie mit einem Zauberschlage sind die Natur und das Leben, die Menschen und die Verhältnisse vor uns aufgeschlossen und zum eigenen, selbstständigen, lebendigsten Leben erweckt. Die urwüchsige Natur und Persönlichkeit sind von einer solchen Selbstständigkeit und so überwältigend, daß alles, was in diesen engen und besonderen Daseinskreis aus dem großen, d. h. hochdeutschen, hereinragt, sich unbedingt und ausnahmslos gewissermaßen nach ihm zu regeln und ihm unterzuordnen Hai, nur in seiner Auffassung und in der, seiner Natur entsprechenden Umbildung erscheint. Dies zeigt sich fast noch deutlicher, weil noch persönlicher in dem Buche, »Ut mine Festungstid«, wo Reuter ein Stück wesentlich hochdeutschen Lebens in der Auffassung eines Plattdeutschen und in seiner Wirkung auf denselben, mit der gleichen Treue und Gegenständlichkeit und mit der gleichen – Naivetät, dürfen wir schon sagen, zur Darstellung gebracht hat.

Künstlerisch betrachtet, sind die beiden letzteren Werke nicht fehlerlos. »Ut mine Festungstid« leidet nicht selten an bedenklicher, ja zuweilen störender Breite, und »Ut mine Stromtid« entbehrt nicht nur des festen Mittelpunktes, sondern auch der künstlerischen Gleichmäßigkeit: der Verfasser schraubt im zweiten Theile die Menschen und das Leben zu einer gewissen Uebertreibung hinauf und steigert hier das Ergreifende, dort die Lust und den Scherz hin und wieder über das natürliche Maß. Allein Reuters Werke weisen überhaupt und ein für allemal jeden alten künstlerischen und Schulmaßstab entschieden zurück: es sind keine Kunst-, sondern, um es so zu heißen, reine Naturprodukte und ordnen sich als solche in ihrer Unverfälschtheit und Reinheit, in ihrer Urwüchsigkeit und Schönheit, überall dem Höchsten bei, was die Kunst zu schaffen vermocht hat, ja übertreffen dasselbe durch die Fülle des eigenen, inneren Lebens.

Die beiden letzten Werke – der Nachlaß bietet nichts Erhebliches mehr – »Dörchläuchting« und »De meckelnbörgschen Montecchi und Capuletti, oder de Reis' na Konstantinopel«, stehen nicht mehr auf der Höhe der früheren Schöpfungen. Das erstere, ein Art von kulturhistorischer Erzählung aus der mecklenburgischen Geschichte des vorigen Jahrhunderts, kann uns nur als etwas wie ein Mißgriff erscheinen. »Dörchläuchten« Adolf Friedrich selber ist ein allzu unbedeutender Charakter für die Theilnahme des Lesers und hat nicht einmal den Dichter selbst zu fesseln vermocht. Dieser widmet sich mit viel mehr Liebe und viel mehr Glück den Nebenpersonen und zeichnet hier mehr als eine Gestalt und mehr als ein Lebensbild mit seiner alten Meisterschaft – aber kein Zeitbild. Denn diese trefflichen Einzelheiten sind, wenige unbedeutende Aeußerlichkeiten abgerechnet, von der vorausgesetzten Zeit völlig unabhängig. – Das zweite, »De Reis' na Konstantinopel« ist reich an den prägnantesten, ergreifendsten und ergötzlichsten Zügen und voll des Reuterschen Humors, und die Natürlichkeit und Einfachheit der Darstellung, die Kraft der Gestaltung und die Anschaulichkeit der Schilderung sind des Dichters bester Zeit würdig. Allein als Ganzes leidet das Buch gleichfalls an einer ermüdenden Breite der Reiseschilderungen und an der Ueberfülle und Buntscheckigkeit der Nebenpersonen, die genauer betrachtet, obendarein meistens überflüssig sind. Es erinnert uns an ein Skizzenbuch, in welchem der Zeichner die ihm auffälligen Figuren mit wenigen Strichen notirt, um sie später zu einem ausgeführteren Gemälde und einem harmonischen Ganzen zu benützen und zusammenzustellen – eine Operation, die hier ihm eben nicht geglückt ist.

Aber wir müssen es wiederholen: alle solche einzelne Ausstellungen können Reuters Größe und Ruhm nicht beeinträchtigen. Wie seine Werke in unserer Literatur, so steht er selber nicht bloß unter unseren neueren Dichtern, sondern unter allen, in gewissem Sinne völlig einzig da. Er, ursprünglich nur der Vertreter und Dichter eines Volks stammes, hat sich in kurzer Frist trotz dieser Schranke zum deutschen Volksdichter im weitesten Sinne des Wortes aufgeschwungen und ist von allen Seiten als solcher mit Bewunderung anerkannt und gefeiert worden. Aber wenn wir ihn auch gleich unseren Größten bewundern und verehren, so müssen wir ihn doch, über diese Bewunderung und Verehrung weit hinaus, vor allem und immerdar auch von ganzem Herzen lieb haben. Wer ihm nahe tritt, im Norden oder Süden, im Osten oder Westen, der wird ihm zu eigen und bleibt's. Das ist es, was Fritz Reuter vor allen übrigen auszeichnet. Denn wir kennen nicht einen, der sich einer solchen Liebe in solchem Maße und solchem Umfange zu rühmen hatte.

Von den vielen, die auf dem neuen Gebiet, d. h. im Plattdeutschen, sich gleichfalls versuchten, gedenken wir hier nur noch der Gedichte, welche unter dem Titel: »En por Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren«, erschienen. Die begabte Verfasserin hat sich nicht genannt.

Nennen wir hier im Anschluß an den größten, ächten Humoristen der Neuzeit sogleich noch die wenigen, welche unter den Neueren gleichfalls diese Bezeichnung einigermaßen in Anspruch nehmen dürfen – den unklaren, durchaus unerquicklichen, sich in den grellsten Kontrasten gefallenden M. Solitaire, mit seinem rechten Namen Waldemar Nürnberger, 1818-1869, dessen Novellen und Romane, »Dunkler Wald und gelbe Düne«, »Erzählungen bei Nacht«, »Diana Diaphana« u. s .w. allerdings nicht einer gewissen Kraft entbehren, aber als Ausgeburten einer zügellosen Phantasie von jeher eher zurückstoßend wirkten und gegenwärtig – wir dürfen hinzusetzen, mit Recht vergessen sind; den begabten und feingebildeten Ernst Kossak, geboren 1814 in Marienwerder, aber in Berlin lebend, der einer unserer geistvollsten, witzigsten und gewandtesten Feuilletonisten und Sittenmaler, daneben jedoch auch ein gründlicher und strenger Kunstrichter ist. Seine »Berliner Federzeichnungen«, »Silhouetten«, »Humoresken«, »Historietten« u. s .w. bilden auch heute noch eine pikante Lecture. Neben ihm soll auch der humorvolle und witzige J. H. Detmold, 1807-1856, nicht vergessen werden. Seine »Anleitung zur Kunstkennerschaft«, »Randzeichnungen«, »Thaten und Meinungen des Herrn Piepmaier«, werden stets erheiternd wirken.

Vor allen Anderen aber muß Wilhelm Raabe genannt werden, der früher unter dem Schriftstellernamen Jakob Corvinus schrieb, geboren 1831 im Braunschweigischen. Schon die »Chronik der Sperlingsgasse«, sein erstes Buch, machte ein nicht geringes Aufsehen und verdiente diesen Beifall, denn es ist ein Stück Kleinmalerei der reizendsten Art, skizzenhaft oft und dennoch voll überraschender Wahrheit, voll Lebensfülle, voll urgemüthlicher und kreuzfideler Lebensanschauung und dennoch auch voll der tiefsten Innigkeit, die dem Kältesten zu Herzen dringt – kunstlos und kunstvoll, mit einem Wort, ein kleines Meisterstück und das Werk eines ächten Humoristen. Auch Raabe's spätere Bücher gehören unbestritten zu den besten unserer neueren erzählenden Literatur und wissen stets unsere Theilnahme zu fesseln und unsere Aufmerksamkeit zu belohnen; allein den ganzen Connex von anmuthigen Zügen und liebenswürdigen Eigenschaften, die Schlichtheit, Naivetät und kindlich-glückselige, unbedächtige Unbefangenheit der »Chronik« finden wir nicht wieder. Schon das zweite Stücklein, »Ein Frühling«, und das folgende, »Die Kinder von Finkenrode«, sind nicht mehr so frisch. Und was dann später folgte, die alterthümelnden »Der heilige Born«, »Unseres Herrgotts Kanzlei«, die barocken »Drei Federn«, verschiedene Sammlungen kleinerer Erzählungen, die größeren Romane, »Die Leute aus dem Walde«, »Der Hungerpastor«, »Abu Telfan«, »Der Schüdderump«, und auch die neusten, »Christoph Pechlin«, und »Meister Autor«, – das alles ist freilich voll genialer Einzelheiten, voll hochpoetischer, ächt komischer, tief ergreifender Züge, wobei jedoch auch an phantastischen, barocken und seltsamen Einfällen und Absprüngen kein Mangel ist: es sind aufgereihte Perlen, die aber wegen der zwischen ihnen befindlichen Knoten dennoch keine volle zusammenhängende Schnur bilden. Raabe ist nicht heruntergegangen, aber er hat sich geändert: der Humor ist mehr zum Scherz und Spott geworden, die nicht selten bitter und scharf erscheinen, und statt des Besonderen und Eigenartigen wählt der Dichter aus Natur und Leben vorzugsweise das Seltsame zum Stoff seiner Darstellung.

Endlich sei hier, um von einzelnen Versuchen Anderer auf diesem Gebiete zu schweigen, wenigstens noch Bogumil Goltz, 1801-1870, angeführt, ein Schriftsteller von großer Innerlichkeit, geistvoll und humoristisch und von Originalität in Inhalt und Form. Seine beiden ersten und besten Bücher, »Buch der Kindheit« und »Jugendleben«, erinnern einigermaßen, in gutem Sinne, an Jean Paul's Kinderzeichnungen und Kindheits-Verherrlichungen. Die späteren, »Typen der Gesellschaft«, »Der Mensch und die Leute«, »Die Deutschen«, »Ein Kleinstädter in Egypten« u. s .w. offenbaren eine nicht geringe Beobachtungsgabe und sind reich an geistvollen, witzigen und humoristischen Bemerkungen, wirken jedoch häufig durch Grillenhaftigkeit und bis zum Abstrusen sich steigernde, gesuchte Originalität, eher ermüdend, ja abstoßend, als anziehend.

60.

Obgleich es selbstverständlich auch heute noch nicht an einzelnen, zuweilen gelungenen Versuchen auf dem Gebiete des historischen Romans fehlt, ist doch seine rechte Blüthezeit gegenwärtig entschieden vorüber, und statt seiner begegnen uns fortan die sogenannten »kulturhistorischen« Erzählungen, die uns noch viel entschiedener in das wirkliche und ganze alte Leben zurückversetzen und uns dasselbe noch viel detaillirter bis ins Innerste hier und dort bis in die kleinsten Aeußerlichkeiten hinein vorzuführen sich bestreben, als es z. B. die Romane Walter Scotts thun: auch hier macht sich der, durch unsere gesammte neuere Literatur gehende, realistische Grundzug geltend. Es kommt weniger auf ein glänzendes, als auf ein historisch treues Gemälde an, das seine Entstehung aber dennoch nicht der Kunst des gewissenhaften Historikers allein, sondern daneben auch dem schöpferischen Genius des Dichters verdankt.

Hier steht Wilhelm Heinrich Riehl, geboren zu Biberich 1823, jetzt Professor an der Münchener Universität, voran, einer von den geist-, verständniß- und kenntnißvollsten, auch durch seine Darstellung und Sprache ausgezeichnetsten Schriftstellern der Gegenwart. Seinen ersten, durchweg von zugleich schärfster und feinster Beobachtung zeugenden, kulturhistorischen Schriften – »Land und Leute«, »Die bürgerliche Gesellschaft«, »Die Familie« – schlossen sich schon 1856 »Kulturgeschichtliche Novellen« an, denen später ein »Neues Novellenbuch« und »Kulturstudien aus drei Jahrhunderten« folgten. Es sind wunderbar treue und lebensvolle, heitere, glänzende und auch ergreifende Zeit- und Sittenbilder, durchweg entsprechend jener obigen Hauptforderung, daß sie zugleich sich als Früchte ernster und gründlicher Studien und als Schöpfungen des Dichtergeistes erweisen.

Unmittelbar neben ihm finden wir Gustav Freytag, geb. 1816, den wir wohl als den geistreichsten und feinsten Schriftsteller und meisterlichsten Stilisten der Gegenwart zu schätzen haben, hervorragend zugleich durch dichterische Begabung und tiefe Kunsteinsicht. Schon seine frühere kritische Thätigkeit in der Zeitschrift, »Die Grenzboten«, die er im Verein mit dem, hie und da nur allzu scharfsinnigen, nicht vorurtheilsfreien Julian Schmidt redigirte, noch mehr aber die Tragödie »Die Fabier«, die socialen Dramen »Die Valentine« und »Graf Waldemar« und das feinste unserer deutschen Lustspiele »Die Journalisten«, hatten seinen Ruhm begründet. Noch mehr wuchs derselbe durch die beiden Romane, »Soll und Haben« und »Die verlorene Handschrift«, die wir als Musterbilder des modernen socialen Romans zu bewundern haben, und seine ganz vortrefflichen kulturhistorischen »Bilder aus der deutschen Vergangenheit«. – Sein neuster großer Roman, »Die Ahnen«, von dem die beiden ersten Abtheilungen, »Ingo und Ingraban« und »Das Nest der Zaunkönige« und soeben auch die dritte, »Die Brüder vom deutschen Hause«, erschienen, hält sich in seinen Anfängen wohl nicht fern genug von der Klippe, an der wir nicht wenige kulturhistorische Romane scheitern sehen: es wird eine Vergangenheit heraufbeschworen, von der wir kein Gesammtbild, sondern nur, gleichviel wie zahlreiche und prägnante Einzelzüge vor uns haben. Diese können durch die Kenntnisse und die Kunst eines gewandten und geschmackvollen Darstellers und Erzählers ausgefüllt, auf uns den Eindruck der Wahrheit und Richtigkeit machen, aber niemals zur vollen und zweifellosen Wahrheit selber, noch zum wirklichen, eigenen Leben erweckt werden.

Dies gelingt auch dem Nächsten, Josef Victor Scheffel, geb. 1826 zu Karlsruhe, in seinem Romane, »Ekkehard, eine Geschichte aus dem 10. Jahrhundert«, nicht ganz, obgleich vorzüglich die alten Archive St. Gallens dem Dichter durch ein überaus reiches Material zu Hülfe kamen. Als eigentlich dichterisches Werk steht dieser Roman vielleicht allen seines Gleichen voran. Denn Victor Scheffel ist ein Dichtertalent ersten Ranges, wie auch seine übrigen, weit bekannten Schöpfungen, »Der Trompeter von Säckingen«, »Frau Aventiure«, »Gaudeamus«, »Juniperus«, »Bergpsalmen«, auf das unwiderleglichste bezeugen. Aber als geschichtliches und kulturhistorisches Gemälde tritt auch der »Ekkehard« nicht mit vollkommener Anschaulichkeit aus den Schleiern der Vergangenheit hervor, und was wir an ihm bewundern, ist weniger die historische Treue, als die glänzende Phantasie und das nicht minder glänzende Darstellungstalent des reich begabten modernen Dichters.

Tausend oder ein paar tausend Jahre weiter zurück, in die Zeit des Cambyses, versetzt uns Georg Ebers, geboren 1837 zu Berlin, gegenwärtig Professor in Leipzig, in seinem Romane, »Eine ägyptische Königstochter«. Ebers ist einer der fleißigsten Durchforscher und gründlichsten Kenner des alten Aegyptens und überhaupt ein klassisch gebildeter Mann, wozu sich, wie man an der »Königstochter« erkennt, aber auch poetische Begabung gesellt. So hat er den dunkeln, spröden und bedenklichen Stoff in einer Weise bemeistert und – nicht ein ganzes großes Gemälde und daher auch keinen eigentlichen Roman, aber eine Reihe von Bildern geliefert, die so wahr, so lebensvoll, so glänzend und so trefflich behandelt und dargestellt an uns vorübergleiten, daß dies eine Buch ihm einen hervorragenden Platz unter den Erzählern der Neuzeit sichert.

Ebenso hat auch ein anderer junger Gelehrter, E. A. Quitzmann, neuerdings in zwei Romanen »Isomara« und »Das Opfer der Hekate«, uns nicht ohne Glück in das alte Deutschland während der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurückzuführen versucht, und neben den nothwendigen historischen, archäologischen und antiquarischen Kenntnissen ein ansprechendes Erzählertalent bewährt.

Durch einige von den hier Genannten – auch der letzte, Quitzmann gehört unseres Wissens zu ihnen – werden wir nach München geführt und zu einem Kreise von Dichtern und Schriftstellern, die fast ausnahmslos zu den begabtesten und angesehensten der Gegenwart zählen. Den Stamm bilden diejenigen, welche zu Anfang der fünfziger Jahre von dem kunstsinnigen König Max in seine Nähe berufen wurden. Von ihnen und den übrigen, welche sich ihm anschlössen, haben wir bereits Geibel, Bodenstedt, soeben Riehl und außer diesen den einheimischen trefflichen Hermann Schmid kennen gelernt. Nach ihnen begegnet uns hier zuerst Paul Heyse, geboren 1830 zu Berlin und einer von den wenigen, welche auch heute noch der neuen Heimat treu geblieben sind. Paul Heyse besitzt unleugbar eines der reichsten und glänzendsten Talente, welche in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland bekannt und gefeiert worden sind. Indessen ist er trotz seiner außerordentlichen Begabung, die ihn nicht nur zu einem unserer liebenswürdigsten und stimmungsvollsten Lyriker erhebt, sondern ihn sich auch auf dramatischem Gebiet mit Glück und entschiedenem Erfolge versuchen läßt – »Die Sabinerinnen«, »Kaiser Hadrian«, »Elisabeth Charlotte«, »Hans Lange« u. s. w. – dennoch in erster Linie Epiker, und seine Erzählungen in Versen und Prosa sichern ihm für immer einen hohen Rang. »Urica«, »Die Brüder«, »Die Braut von Cypern«, »Der Salamander«, »Thekla«, »Meraner Novellen«, »Im Grafenschloß«, »Erkenne dich selbst«, »Moralische Novellen« u. s. w. – das sind nur einzelne von diesen zahlreichen, meistens freilich weniger durch Lebensfülle und Lebenswärme, als durch psychologische Vertiefung, durch Feinheit der Ausführung, durch glänzende Diction und – in Versen wie in Prosa – formelle Vollendung hervorragenden kleinen Schöpfungen. Auf dieser Höhe hat er sich in seinem Romane, »Die Kinder der Welt«, nicht ganz zu erhalten vermocht: die volle Beherrschung eines derartigen großen Stoffs und die Gestaltung einer so weiten Composition scheint seinem Talente nicht gegeben. Neuerdings, vorzüglich seit den genannten »Moralischen Novellen«, stimmt er in die Weisen der alten italienischen und spanischen Novellisten ein, ohne daß wir darin einen Fortschritt erblicken könnten.

Ihm verwandt, und zwar nicht am wenigsten in dieser zuletzt bezeichneten Richtung, ist Julius Grosse, geboren 1828 zu Erfurt, nach längerem Aufenthalt in München, gegenwärtig in Weimar lebend. Auch hier finden wir ein wahrhaft schönes Talent und reiche dichterische Begabung. Seine poetischen Erzählungen, »Gundel vom Königssee«, »Das Mädchen von Capri«, »Farek Musa«, »Der Domdechant von Compostella« u. s. w., sind liebenswürdige und anmuthige, phantasievolle, durch glänzende Schilderungen und treffliche Darstellung sich auszeichnende, formell fast durchweg tadellose Schöpfungen. Gleich hervorragend durch ihre formelle Vollendung und schöne Sprache sind auch seine »Gedichte« und nicht minder die Romane und Novellen, »Ein Revolutionär«, »Untreu aus Mitleid«, »Natürliche Magie«, »Daponte und Mozart«, in welchem letzteren Werke er sich mit weniger Glück auch auf dem Gebiete des Memoiren-Romans versucht hat, u. s. w. Auch Dramen gibt es von ihm, »Die Ynglinger«, »Gudrun«, »Johann von Schwaben« u. s. w.

Franz Löher, der ein kräftiges episches Gedicht, »General Spork«, schrieb, hat sich mehr durch seine, von scharfer Beobachtung und geistvoller Auffassung zeugenden Schilderungen von Land und Leuten, in Amerika und Europa, bekannt gemacht. – Aehnliches gilt auch von dem geistvollen Ludwig Steub, geboren 1812 in Oberbaiern. Sein Romanversuch »Deutsche Träume« hat kein Glück gemacht, während z. B. seine »Drei Sommer in Tyrol« und zahlreiche von seinen, in die »Gesammelten kleinen Schriften« aufgenommenen Artikeln überall von Geist, Geschmack und gründlicher Kenntniß seines Stoffes zeugen und den lebhaftesten Beifall rechtfertigen.

Einen Dichter von unbestreitbarem, aber seither wohl einigermaßen überschätztem Talent führte Emanuel Geibel in Hermann Lingg, geb. 1822 bei Lindau am Bodensee, in die Literatur ein. Seine »Gedichte«, formell gegen die der bisher Genannten zurückstehend, weisen eine gewisse realistische Auffassung und Behandlung aus, welche, wenn sie nicht gelegentlich in gar zu große Nüchternheit verlauft, zuweilen, wie in dem bekannten Gedichte »Der schwarze Tod«, eine entschieden glückliche genannt werden muß und des Eindrucks nicht entbehrt. Sein Hauptwerk, das Epos »Die Völkerwanderung«, bewährt in einzelnen Episoden allerdings seinen Dichterberuf, sinkt aber häufig zu einer gereimten Chronik herab. – Formell meisterhaft, voll glänzender Phantasie und seinem Geschmack, prächtig, oft auch düster gefärbt und im edelsten Stil sind die Dichtungen von Adolf Friedrich von Schack, geb. 1815 zu Brüsewitz in Mecklenburg. Seine Uebersetzungen in dem, vereint mit Geibel herausgegebenen »Romanzero der Spanier und Portugiesen« und »Epische Dichtungen aus dem Persischen des Firdusi«, noch mehr aber die eigenen Schöpfungen, »Gedichte«, »Episoden«, »Nächte des Orients«, die epischen Gedichte, »Durch alle Wetter«, »Lothar« u. s .w., dürfen in unserer neueren poetischen Literatur einen hervorragenden Platz beanspruchen.

Ein glücklicher Bearbeiter mittelalterlicher und altfranzösischer Dichtungen und Stoffe ist der Stuttgarter Wilhelm Hertz, geboren 1835, gegenwärtig zu München am Polytechnikum angestellt. Seine »Gedichte«, sein »Lanzelot und Ginevra«, »Hug-Dietrichs Brautfahrt«, »Heinrich von Schwaben« u. s. w. weisen eine ungemeine Leichtigkeit, Anmuth und Grazie und eine überraschende Formenschönheit auf. Schließlich wollen wir hier auch seines geistvollen und fleißigen Werkes »Deutsche Sage im Elsaß«, rühmend gedenken, das auf diesem Gebiet den besten zuzuzählen ist.

Neben ihm ist Felix Dahn zu nennen, geb. 1834, früher in München und Würzburg, jetzt an der Universität zu Königsberg, ein schönes Talent, dessen frühere »Gedichte« seinen Namen schnell bekannt machten. Er hat sich auch mit Glück in lateinischen Gedichten modernen Inhalts und eben solcher Form versucht, während dies Experiment bei den nicht ausbleibenden Nachahmern alsbald zur leeren Spielerei ausartete. Seine neueren »Gedichte« bekunden leider bereits eine unerfreuliche Abnahme. – Endlich sei hier auch noch des jüngeren Hermann Oelschläger gedacht, der sich in seinen »Gedichten« den Besseren zuordnet und ein erfreuliches Streben nach Klarheit und Correctheit erkennen läßt.

Als fernere Angehörige der Münchener Schule begegnen uns noch August Becker, geb. 1829 in der Rheinpfalz, in der epischen Dichtung »Jung Friede!, der Spielmann«, wo sich besonders einzelne wirklich schöne Lieder finden, und in Romanen und Erzählungen, »Der Karfunkel«, »Des Rabbi Vermächtniß« u. s. w., die unter den besseren neueren zu nennen sind; – Hans Hopfen, geb. 1835 zu München, gegenwärtig in Berlin, von dem das »Münchener Dichterbuch« ganz vortreffliche, leider viel zu wenig beachtete Gedichte brachte, während seine sehr gut geschriebenen Romane und Erzählungen, wie die früheren – nur ein wenig freien – »Verdorben zu Paris«, »Arge Sitten«, und die späteren gemäßigteren, von denen wir hier nur »Den grauen Freund« anführen, allerdings von Anfang an mit aller wohlverdienten Aufmerksamkeit und Theilnahme aufgenommen wurden; – endlich Adolf Wilbrandt, geb. 1837 zu Rostock, gegenwärtig in Wien, der Verfasser des geschätzten Drama's, »Der Graf von Hammerstein«, ein begabter Lustspieldichter – »Unerreichbar«, »Jugendliebe«, »Die Vermählten«, u. s. w. – und ein guter Erzähler in den »Novellen«, einem Sensationsroman »Geister und Menschen« u. s. w., aber voll überraschender Unklarheit und Unreife in den kürzlich erschienenen Gedichten, zwischen denen nur einzelne Balladen sich über das Alltägliche erheben.

Einen anderen Mittelpunkt des literarischen Lebens bildet Berlin, nur daß hier von irgend etwas wie einer Schule oder einer entschieden vorherrschenden Richtung wenig zu spüren ist. Man ist hier sozusagen moderner und – man darf es wohl kosmopolitischer heißen, und es sind verhältnißmäßig nur wenige, welche sich einerseits in klassischer und akademischer Würdigkeit bewegen und andrerseits sich uns als specifisch preußische Patrioten und als entschiedene Gegner der kaum überwundenen revolutionären Bewegung vorstellen.

Hermann Grimm, ein Sohn Wilhelm Grimm's, geb. 1828, muß hier zuerst genannt werden. Seine klassisch kühlen, klaren und glatten »Novellen« und ein gleich musterhaft componirter und geschriebener, aber einigermaßen lebloser Roman, »Unüberwindliche Mächte«, haben viel Aufmerksamkeit, aber wenig Theilnahme erweckt. Einen gleich vornehmen Eindruck machen die, übrigens von gründlichen Studien zeugenden, aber auch von manchen Gegnern angefochtenen Werke, »Das Leben des Michel Angelo« und »Ueber Künstler und Kunstwerke«. Endlich hat er auch als einer der Ersten den sogenannten »Essay« bei uns einzubürgern gesucht und berufene und unberufene, geistvolle und geistesarme Nachfolger gefunden.

Strenger Patriot und specifischer Preuße ist Theodor Fontane, geb. 1819 zu Neu-Ruppin, ein Dichter von Phantasie, Empfindung und Naturverständniß, Gestaltungskraft und Formtalent: seine Balladen zeichnen sich unter allen, welche neuerdings bekannt geworden sind, auf das vortheilhafteste aus. Seine Reiseschilderungen, »Ein Sommer in London«, »Jenseits des Tweed«, »Wanderungen in der Mark Brandenburg« u. s .w. sind durch scharfe Beobachtung, gesunde Auffassung und gewandte Darstellung ansprechende Werke, und seine Schilderungen aus den Kriegen von 1864, 1866 und 1870-71 ziehen nicht nur durch die gleichen Eigenschaften an, sondern bieten auch ein reiches, für einen Civilisten selten erreichbares Material.

Verwandt mit ihm und auch äußerlich verbunden als Mitarbeiter an der, von ihm und Franz Kugler begründeten »Argo, Album für Kunst und Dichtung«, finden wir den früheren Offizier, Bernhard von Lepel, geb. 1818, der in seinen »Gedichten« und »Liedern aus Rom« mit Glück Platen nachstrebte und die Form mit annähernder Meisterschaft handhabte. – Hugo von Blomberg, 1820-1871, steht ihm darin in seinen »Bildern und Romanzen« kaum nach, liebt jedoch ein wärmeres, zuweilen düsteres Kolorit und versteht mit bemerkenswerther Anschaulichkeit und Lebendigkeit zu schildern.

Hier schließen sich zwei Erzähler an: Max Ring, ein Schlesier, geb. 1817, der in seinen zahlreichen, historischen, politischen, socialen Romanen und Erzählungen – »Stadtgeschichten«, »Lieben und Leben«, »Rosenkreuzer und Illuminaten«, »Ein verlorenes Geschlecht«, »Unfehlbar«, u. s. w. – eine gute Gestaltungskraft, gewandte Darstellung und fließende Erzählung zeigt, aber statt der sauberen Darstellung des Lebens kaum jemals dieses selbst zu bieten vermag; und George Hesekiel, 1819-1874, der Schriftsteller des specifischen Preußen- und ausgeprägten Junkerthums, gefeiert und auf den Händen getragen von seinen Parteigenossen und unbeklagt, ja unbeachtet in die Grube gelegt. Er hat sein unleugbar gutes und frisches Darstellungstalent gar zu schnell durch Vielschreiberei abgenützt und ist je länger, desto tiefer in eine Art von Fabriciren versunken, über dessen annähernde Hohlheit die erworbene Routine immer weniger zu täuschen vermochte. »Bis nach Hohen Zieritz«, »Von Jena nach Königsberg«, » Lux et umbra«, »Unter dem Eisenzahn«, »Zwischen Hof und Garten« u. s. w. sind einige von diesen Schriften. Auch hat er das beifällig aufgenommene »Buch vom Grafen Bismarck« verfaßt.

61.

Treten wir jetzt in die allgemeine, große, deutsche Literatur der Neuzeit hinaus, so haben wir uns noch strenger als bisher auf das wirklich Hervorragende oder doch Bekanntere zu beschränken. Zu der Charakteristik derselben, die wir in dem ersten Paragraphen dieses letzten Abschnitts versuchten, haben wir nichts mehr hinzuzufügen. Man muß es festhalten, daß die Zahl der Schriftsteller und Dichter eine völlig unberechenbare ist und sich noch alle Tage um ein Bedeutendes vergrößert – es ist wirklich, als ob Jedermann mit seinen Schreibversuchen in die Oeffentlichkeit treten und von dem Unterhaltungs-Heißhunger des Publikums profitiren wolle, der überhaupt seine Gedanken und Empfindungen zur Noth schriftlich auszudrücken gelernt hat. Und man muß es ferner festhalten, daß hier von irgend etwas wie einer vorherrschenden Richtung, mit einziger Ausnahme allenfalls der im Allgemeinen auch jetzt noch beobachteten Realität und Natürlichkeit, nicht im Allerentferntesten die Rede ist: Jedermann schreibt, was ihm gefällt, und wie's ihm gefällt, was ihm am meisten Eindruck zu machen und den Erfolg zu sichern scheint. Mit dieser großen Masse hat die Geschichte unserer Literatur nichts zu thun. Es sind Eintagsfliegen, welche aufflattern und sich sonnen in dem einen Augenblick und im nächsten schon verenden und vergessen sind. Für die Literatur, und uns kann es nur auf diejenigen ankommen, deren Werth nicht bloß die Gegenwart, sondern auch noch die Zukunft zu schätzen wissen wird.

Hier begegnen uns vor allen anderen die durch treffliche Darstellung ausgezeichneten, künstlerisch maß- und stilvollen Romane und Erzählungen von Otto Müller, geboren 1818 im Hessischen, »Bürger«, »Charlotte Ackermann«, »Der Stadtschultheiß von Frankfurt«, »Der Klosterhof«, »Zwei Sünder an einem Herzen« u. s. w. – In der Pflege des biographischen Romans schließt sich ihm der leicht ein wenig breite und nüchterne Heribert Rau, geb. 1813 zu Frankfurt, an, »Beethoven«, »Jean Paul«, »Hölderlin«, »Theodor Körner« u. s. w. Seine unter dem Titel »Natur, Welt und Leben« erschienenen Gedichte haben wenig Eindruck gemacht.

Zum beliebtesten und bedeutendsten Erzähler der Gegenwart hat sich Friedrich Spielhagen, geb. 1829 zu Magdeburg, gegenwärtig in Berlin, aufgeschwungen, durch seine lebensvollen und lebenswarmen, trefflich componirten und ausgeführten Romane, »Problematische Naturen«, »Auf der Düne«, »Clara Vere«, »Röschen vom Hofe«, »In Reih' und Glied«, »Hammer und Amboß« u. s. w. –

Emil Brachvogel, geb. 1824 zu Breslau, der mit seinem nach »Rameaus Neffen« bearbeiteten Drama »Narciß« einen Glücksgriff that und einen auf diesem Gebiete von ihm nicht wieder erzielten Erfolg hatte, schrieb zahlreiche, meist historische, an Werth sehr ungleiche Romane und Novellen. Einzelne wie »Schubart und seine Zeitgenossen«, »Friedemann Bach«, »Ein neuer Falstaff« u. s. w. gehören nebst verschiedenen von den »Novellen«, der besseren und besten Erzählungsliteratur an, während andere, z. B. »Benoni«, an seltsamen Uebertreibungen und überraschender Unfertigkeit leiden.

Die Romane von Philipp Galen (Lange), »Der Inselkönig«, »Baron Brandau und seine Junker«, »Die Insulaner«, »Die Irre von St. James« u. s. w. verdienen den Beifall des Publikums durch leichte Erfindung und angenehme Darstellung. – Dagegen fanden die, durch die gleichen Eigenschaften sich auszeichnenden Romane von dem wackeren A. Diezmann, 1805-1869, dem langjährigen Redakteur der »Leipziger Modenzeitung« und einem unserer gründlichsten Goethe-Kenner, – »Leichtes Blut« und »Frauenschuld«, die verdiente Beachtung nur in geringem Grade. – Von A. Mützelburg finden sich ein wenig breite und zuweilen gar zu düster gefärbte, aber im Ganzen recht lesbare Romane und Erzählungen: »Der Sohn des Kaisers«, »Rheinsberg«, »Der Himmel auf Erden« u. s. w. – Sehr zahlreiche Romane und Erzählungen schrieb und schreibt der fleißige und gewandte Otfried Mylius (Karl Müller) in Stuttgart: »Graveneck«, »Die Irre von Eschenau«, »Ein verlorener Sohn« u. s. w. – Der Braunschweiger F. Friedrich, gegenwärtig in Eisenach lebend, lieferte viele Romane und Erzählungen, »Die Orthodoxen«, »Heiße Herzen«, »Wider das Gesetz«, »Nur ein Diener« u. s. w. häufig mit einer criminalistischen Färbung. Bei weitem glücklicher ist er in seinen kleinen heiteren und gesundkomischen Skizzen und Bildern »Studentenfahrten«, »Kriegsbilder«, »Das Buch von der Liebe« u. s. w. Nicht minder rühmenswerth sind die, von gründlichen Kenntnissen zeugenden, gut geschriebenen geschichtlichen und kulturhistorischen Erzählungen, Studentengeschichten, Sagen, Wandergeschichten u. s. w. von Karl Seifart. – Ein sehr gewandter Erzähler war der, seit Jahren schweigende Ernst Fritze (Reinhardt) in Magdeburg, dessen »Solitude«, »Gertrud« und manche andere von seinen zahlreichen Novellen ihm in unserer Erzählungsliteratur einen guten Namen sichern. – Ein Erzählertalent hohen Ranges zeigte der, gleichfalls schon lange schweigende A. Katsch, dessen Erzählung »Unter dem Storchnest« eine der anmuthigsten und ergreifendsten ihrer Art ist. – Als ein dritter, längst verstummter Autor sei hier der einsichtige und verständige, aber einigermaßen nüchterne Ludwig Rosen genannt mit seinen Romanen: »Der Buchenhof«, »Werner Thormann«, »Vier Freunde« u. s. w.

Ein Dichter und Erzähler von Rang ist Julius Rodenberg, geb. 1831 zu Rodenberg im Hessischen. Seine touristischen Schriften, »Ein Herbst in Wales«, »Alltagsleben in London«, »Pariser Bilderbuch« u. s. w., die Sagen-, Märchen- und Liedersammlung, »Die Harfe von Erin«, die liebenswürdigen »Gedichte«, Romane wie »Die Straßensängerin von London«, »Die neue Sündfluth«, »Von Gottes Gnaden« u. s. w. und selbst die zahlreichen Feuilleton-Plaudereien kennzeichnen ihn alle als einen unserer besten neueren Schriftsteller. – Karl Frenzel, geboren zu Berlin 1827, genießt gleichfalls des besten Rufes als geistvoller Feuilletonist und seiner und gewandter Erzähler in kürzeren oder längeren Novellen, »Melusine«, »Vanitas«, »Watteau«, »Papst Ganganelli« u. s. w. – Ferdinand Pflug behandelt mit Vorliebe und Geschick patriotische oder Rococo-Stoffe, »Aus den Tagen des großen Königs«, »Blut und Eisen«, »Der kleine Abbé von Savoyen« u. s. w. – Dagegen bewegt sich Lucian Herbert mehr à la Mühlbach aus dem Gebiet des Memoirenromans aus der neuen und neuesten Geschichte, »Napoleon III.«, »1830«, »Nikolaus und Metternich«, »Casanova« u. s. w. voll Geschick, aber häufig voll Nüchternheit und Trockenheit. – Desto lebensvoller, reich an Erfindung und vortrefflich in der Darstellung und Erzählung sind die zahlreichen Romane und Erzählungen von Gustav vom See (v. Struensee in Breslau) 1803-1875, – »Vor fünfzig Jahren«, »Gräfin und Marquise«, »Zwei gnädige Frauen«, »Blätter im Winde«, »Erzählungen eines alten Herrn« u. s. w. – Aehnlich fruchtbar, erfindungsvoll und gewandt, vor allem patriotisch war der auch als Militärschriftsteller geschätzte Bernd von Guseck (Gustav von Berneck), 1803-1871, »Karl X Gustav«, »Deutschlands Ehre«, »Der Graf von der Liegnitz« und sehr zahlreiche kleinere Erzählungen. – Unerschöpflich im Genre der Kriminal-Geschichte ist der, durch die politischen Maßregelungen in die Schweiz gescheuchte I. D. H. Temme, geb. 1798, – »Schwarzort«, »Dunkle Wege«, »Die Frau des Rebellen«, »Das goldne Herz« u. s. w. Neuerdings beginnt er seine hochinteressanten »Erinnerungen« zu veröffentlichen. – Endlich mögen hier sich noch Erzähler wie Gustav Höcker, Julius Mühlfeld, Robert Giseke, R. Schweichel anschließen, deren Schöpfungen nicht mit der großen Masse vergessen werden sollen.

Eine vereinzelte Stellung nimmt der als Naturforscher angesehene Freiherr Ernst von Bibra, geb. 1806, in seinen sehr zahlreichen, bald als exotische, bald als – man gestatte diese Bezeichnung! – »Spitzbuben«-Romane erscheinenden längeren und kürzeren Erzählungen ein. Leichte Darstellung, scharfe Charakterzeichnung, glänzende Naturschilderungen, vor allem aber eine unversieglich gute Laune und eine, gelegentlich fortreißende Spaßhaftigkeit, zeichnen fast alle diese Bücher aus: »Ein Juwel«, »Hoffnungen in Peru«, »Die letzten Glieder einer langen Kette«, »Die Kinder der Gauner« u. s. w. Sein erstes Buch, »Erinnerungen aus Südamerika«, enthält einzelne Erzählungen, die im Genre der »Geschichte« zu dem Besten gehören, was wir besitzen. – Ein humoristischer Zug findet sich zuweilen auch in den, immerhin der besseren Unterhaltungsliteratur zuzuzählenden Arbeiten des Grafen Ulrich Baudissin, »Ronneburger Mysterien« u. s. w. – Eine chronikenartige, treuherzige Weise versucht der Baier Franz Trautmann in seinem hübschen Stücklein »Eppelein von Gailingen« und in dem umfangreichern Buche »Die Abenteuer des Herzogs Christoph von Baiern«. – Ziemlich leicht, ja wohl einmal salopp in der Darstellung und zuweilen übermäßig breit, im Allgemeinen aber unterhaltend ist der unermüdliche Julius von Wickede, bald Eigenes schaffend, wie »Der lange Isaak«, »Herzog Wallenstein in Mecklenburg« u. s. w., bald fremde Tagebücher, Erinnerungen, zumal aus dem militärischen und Kriegsleben bearbeitend, »Husarengeschichten«, »Aus dem Soldatenleben«, »Ein deutscher Landsknecht« u. s. w. – Ein vielversprechendes Talent zeigt sich plötzlich in dem neuerdings erschienenen, sehr braven socialen und Zeit-Romane, »Vor dem Gewitter«, von dem Schlesier Ludwig Habicht, der bis dahin in früher erschienenen Werken stets unsicher umhergetastet hatte. – Ansprechend durch leichte Darstellung sind die im Uebrigen nicht grade hervorragenden Romane von A. Schirmer, »Fabrikanten und Arbeiter«, »Der Waldmensch«, »Saison-Geschichten« u. s. w. – Hoher stehen die Erzählungen von dem, vorzüglich durch seine literarhistorischen Schriften über Schiller, Goethe und zur Literatur überhaupt bekannten Johannes Scherr, »Michel«, »Rosi Zurflüh«, u. s. w., während »Die Gekreuzigte« als ein wahres, aber grausiges Zerrbild nur zurückstößt.

Durch humoristische Militär- – »Garnisons«-, »Manöver«- u. s. w. Geschichten hat sich A. v. Winterfeld zuerst einen guten Ruf erworben, den er später durch sehr viele, allerdings unterhaltende und spaßhafte, aber nicht selten salopp geschriebene, »aus dem Aermel geschüttelte« Romane und Erzählungen beim besseren Theile des Publikums oft ernstlich gefährdet hat: »Narren der Liebe,« »Ein gemeuchelter Dichter«, »Onkel Sündenbock«, »Groß-Busekow« u. s. w. – Auf die gleichen Abwege geräth E. A. König, ein unzweifelhaft hübsches Erzählertalent, durch seine Ueberfruchtbarkeit, welche es außer allen möglichen kleineren Stücken – darunter auch »Humoresken aus dem Soldatenleben« – Jahr für Jahr zu einem halben Dutzend und mehr Romanen bringt. »Um Gold und Ehre«, »Das Kind Bajazzo's«, »Das große Laos« u. s .w. werden im Grunde nur noch durch große Erzählerroutine über der weiten Fluth der gewöhnlichen Unterhaltungsliteratur gehalten. – Graf Stephan Grabowski hat sich gleichfalls in militärischen Humoresken versucht und daneben im Sensationsroman große Fertigkeit gewonnen – z. B. »Schicksal und Schuld« – ohne höheren Anforderungen zu genügen, aber, im besseren Sinne, unterhaltend. Auch Heinrich Mahler entnahm mit Vorliebe dem Soldatenleben die Stoffe seiner scherzhaften Schilderungen.

Indessen sind unsere Erzähler in der Wahl ihrer Stoffe und ihrer Lokale keineswegs engherzig und exclusiv: das ganze Leben mit Licht und Schatten, mit allen Ständen und Gesellschaftskreisen muß herhalten und es gibt keinen Raum in Haus, Hof, Garten, in Straßen und auf Plätzen, im Felde und Walde, wo der Erzähler es sich und seinen Gestalten nicht einmal bequem macht. Feodor Wehl ( von Wehlen), geb. 1821, gegenwärtig Intendant des Hoftheaters zu Stuttgart, hat außer seinen zahlreichen graziösen und unterhaltenden kleinen Theaterstücken und einzelnen beachtenswerthen Gedichten, ziemlich viele Erzählungen geschrieben – »Allerweltsgeschichten«, »Unheimliche Geschichten«, »Herzensgeschichten«, »Herzensmysterien« u. s. w., welche in diesem Genre zu den besten gehören, gleich hervorragend durch künstlerische Auffassung und Behandlung und angenehme Darstellung. – Talentvoll, aber gar zu leicht und ungleichmäßig geschrieben sind die Arbeiten von Hieronymus Lorm ( Heinrich Landesmann), »Intimes Leben«, »Am Kamin«, »Erzählungen des Heimgekehrten« u. s .w. – Ein sehr schönes Talent verrathen die Erzählungen und Geschichten – »Am warmen Ofen« und mehrere in damaligen Zeitschriften veröffentlichte kleine Stücke – von dem seitdem völlig verschollenen A. Widmann. Sein Drama »Nausikaa« und das Trauerspiel »Kaiser und Kanzler«, verdienen gleichfalls alle Aufmerksamkeit. Rudolf Reichenau schrieb seine anmuthigen Bilder aus dem Kinderleben, »Aus unsern vier Wänden«. – Arnold Wellmer, der durch seine Kriegsberichte aus Frankreich und ausgebreitete feuilletonistische Thätigkeit rühmlichst bekannt wurde, begann mit ansprechenden Geschichten, »Drei Treppen hoch«. – Eine nicht geringe Zahl von Erzählungen bald volksthümlichen, bald historischen Inhalts schrieb der begabte, viel zu schnell vergessene August Peters, 1817-1864, unter dem Namen Elfried von Taura, mit unleugbarem Geschick, voll Gesundheit, Natürlichkeit und Kraft, und in markiger Darstellung.

Der wirklichen oder doch verhältnißmäßigen Gesundheit und Natürlichkeit der vorstehenden gegenüber, erschrecken uns Bücher, wie der pietistisch-mystische, »von Gott selbst eingegebene« Roman » Eritis sicut deus«, die Muckergeschichte »Briefe des deutschen Yorik an Elisa«, das sentimental-mystische »Deutsche Leben« – von Max Müller, dem Oxforder Gelehrten. Der Beifall, der diesen und ähnlichen Produkten wurde, kennzeichnet die erneuerte Geschmacksverirrung des Publikums in grellster Weise.

Einer der beliebtesten Erzähler der Gegenwart ist der Holsteiner Wilhelm Jensen, dessen früheren, durch gute Charakterzeichnung, lebendige Schilderungen und ansprechende Darstellung sich auszeichnenden Schöpfungen, »Aus Lübecks alten Tagen«, »Unter heißerer Sonne«, »Die braune Erika«, »Magister Timotheus« u. s .w. nur allzuschnell andere, »Drei Sonnen«, »Sonne und Schatten«, »Nymphäa« u. s .w. folgten, welche uns dies wahrhaft schöne, ächt dichterische Talent – zwischen Jensens »Gedichten« finden sich einzelne überaus anmuthige und stimmungsvolle! – rettungslos immer tiefer und tiefer in die nackte Manier versinken sehen lassen. – Ihm gegenüber finden wir den nicht minder begabten, natürlichen und gesunden Robert Waldmüller ( Eduard Duboc), geb. 1821, gegenwärtig zu Dresden lebend, der sich in seinen dichterischen Schöpfungen – »Gedichte«, »Unterm Schindeldach«, Irrfahrten«, »Dorfidyllen«, in Erzählungen – »Novellen«, »Leid und Lust« u. s .w., den Romanen »Unterm Krummstab«, »Schloß Roncanet«, in den trefflichen »Wanderstudien« auf das rühmlichste bewährte. –

Leo Wolfram ( Prandler, starb 1870) machte durch seine, dem österreichischen Staats- und Gesellschaftsleben entnommenen Romane, » Dissolwing viws«, »Verlorene Seelen«, »Ein Goldkind«, ein freilich rasch sich wieder verlierendes Aufsehen. – Poly Henrion (S. A. von Kohlenegg † 1875) hat den Sensation»- und Salonroman auf das fleißigste, mit kavaliermäßiger Nonchalance angebaut – z. B. lese man »Das schwache Geschlecht«! – Ihm schließen sich eine Menge von den Neueren an, bald ausgezeichnet durch lebensvolle, tadellose Darstellung, wie Leopold von Sacher Masoch, der aber schon in den früheren, historischen Schöpfungen, »Graf Donski«, »Der letzte König der Magyaren« u. s. w. mit Vorliebe in Blut, Wollust und Schrecken aller Art badete und neuerdings in »Sociale Schattenbilder«, »Die Messalinen Wiens« u. s. w. bis an die Grenze des Darstellbaren, ja schon darüber hinaus gelangt ist; bald in der saloppsten Darstellung von der Welt und unbekümmert um Sprachsünden aller Art, wie der hypergeniale, überphantasievolle und überfreie Emile Mario Vacano, dessen »Vom Baum der Erkenntniß«, »Frivolitäten«, »Blaues Blut« und zahlreiche neue Novellen meistens als Demi-Monde-Lecture im bedenklichsten Sinne des Worts zu bezeichnen sind. – Ein gewisses Demi-Monde-Parfum hauchen leider auch einzelne Arbeiten des gewandten Erzählers J. v. Dewall aus, wie z. B. »Der rothe Baschlik«, während andere, wie »Der Ulan«, »Der Spielprofessor«, »Eine große Dame« u. s. w. sich mehr als Salon- und Gesellschaftsromane der neuesten Zeit und des neuesten Geschmacks bezeichnen lassen. – Max von Schlägel gehört auch hierher, ein Erzähler modernster Art, gewandt, pikant, wo er sich Mühe gibt, wie in »Ein Volksbeglücker«, entschieden Gutes leistend, während er in andern Erzählungen – wir nennen die Sammlung »Siege der That« – nur allzu häufig in die gewöhnlichste Gewöhnlichkeit, Unklarheit und Unfertigkeit versinkt. – Vom allermodernsten Schlage, gewandt, pikant, ein bischen frivol und frischweg aus dem Aermel geschüttelt, sind die Arbeiten von Karl Heigel, »Die Dame ohne Herz«, »Wohin?«, »Neue Novellen« u. s. w. – Ein überaus gewandter Darsteller von ungemeiner, häufig freilich allzu großer Leichtigkeit und Lebendigkeit ist der auch als Dichter – »Venus Urania«, »Schach der Königin«, »der Stumme von Sevilla« u. s. w. – und als rühriger Feuilletonist bekannte Ernst Eckstein in seinen, soweit uns bekannt, vorwiegend humoristischen Erzählungen. – Aber die Freiheit und Ungenirtheit, welche sich neuerdings fast in unserer gesammten erzählenden Literatur breit macht, ja beinahe selbst Sacher Masoch's und Vacano's Extravaganzen wurden in den vergessenen Werken eines jetzt verschollenen Schriftstellers C. Spielmann weit überboten und in Schatten gestellt. »Leicht geschürzt«, »Schloß Brandt«, »Ismael« sind Erzählungen, welche sich in Ansehung der Darstellung, Schilderung und Charakterzeichnung, den besten der neueren Zeit anschließen, aber durch die unglaublichsten Nuditäten völlig ungenießbar gemacht werden. –

Endlich sei hier noch der als Sensations- und politische Mysterienromane zu bezeichnenden Werke von Gregor Samarow ( Meding) gedacht, »Um Scepter und Kronen«, und »Europäische Minen und Gegenminen« – die weiteren Fortsetzungen haben wir nicht kennen gelernt – welche durch die zahlreichen, bald wirklichen, bald nur angeblichen Enthüllungen über die neueste Zeitgeschichte, durch die in der That merkwürdige Offenheit und Rücksichtslosigkeit des Verfassers und endlich nicht am wenigsten durch eine, wirklich nicht üble idyllische Dorfepisode, sowie durch andere, der reinsten Demi-Monde abgelauschte Partien, eine ganz unerhörte Neugier erregten und vom gesammten Publikum verschlungen wurden.

Von ihnen ist der Uebergang zu den Schöpfungen der schriftstellernden Damen der bequemste, denn sie erinnern auf das lebhafteste an die Arbeiten derjenigen, welche unter allen, wo nicht die berühmteste, so doch bekannteste ist. Das ist Louise Mühlbach, geb. Clara Müller, Gattin von Theodor Mundt, geboren 1814 und gestorben am 26. September 1873, eine Romanfabrikantin im größten Stil, von unermüdlicher Schaffenslust und Schaffenskraft und geradezu-typisch für jene moderne Autorenklasse, für die es sich nicht um die Vollendung des Producirten, sondern nur um die Masse und rasche Folge desselben handelt. Voll wirklicher Begabung und Talent, voll reicher Erfindungsgabe, voll unleugbaren Compositions- und Darstellungsgeschicks, von wirklichen, wenn auch nicht geordneten Kenntnissen und einem Geschmack, der sie vor gar zu extremen Ausschreitungen bewahrt, hat sie mit allen solchen Gaben meistens aus das leichtfertigste, ja frivolste gewirthschaftet und nirgends ein künstlerisches Streben offenbart, sondern nur die Sensation hier und den Erfolg da in's Auge gefaßt. Ihre Bücher bilden eine ansehnliche Bibliothek und sie hat sich in allem und jedem versucht, was irgend wirksam zu sein und Beifall zu finden versprach. Nach den ersten Emancipations-Romanen und Erzählungen, wie »Bunte Welt«, »Des Lebens Heiland« etc. erkor sie sich später den Memoiren-Roman zu ihrem Liebling, und wo sich in Vergangenheit und Gegenwart irgend eine merkwürdige Persönlichkeit zeigte, nahm sie dieselbe in Arbeit: »Kaiser Joseph II.«, »Kaiser Leopold II.,« »Maria Theresia«, »Maria Antoinette«, »Erzherzog Johann«, »Königin Hortense«, »Friedrich der Große und sein Hos«, »Der große Kurfürst«, »Franz Rakoczy«, »Napoleon in Deutschland« – vier Abtheilungen! – »Von Solferino bis Königgrätz«, und ihr letztes unvollendetes Werk »Von Königgrätz bis Chiselhurst«, – das sind nur wenige von den zahllosen Werken gleichen Schlags.

Julie Burow, geb. Pfannenschmidt, 1806-1868, eine Schriftstellerin von Talent, die voll Natürlichkeit und ernster Herzlichkeit zu erzählen verstand, hat während der fünfziger Jahre viel Beifall gefunden! »Aus dem Frauenleben«, »Laute Welt – stilles Herz«, »Johannes Kepler«, »Der Glücksstern«, zahlreiche kleinere Erzählungen und mehrere den Frauen gewidmete Werke, »Herzensworte«, »Die Liebe als Führerin der Menschheit« u. s. w. rechtfertigten denselben. Sie war aber schnell abgenützt und verfiel in Grellheit und allerhand Grillen und Uebertreibungen, welche das Publikum sich noch rascher wieder von ihr abwenden ließen. – Die schönsten Hoffnungen erweckten die ersten Werke von Elise Polko; »Der Sabbath des Herzens«, »Musikalische Märchen«, »Faustina Haffe« und einzelne Künstlergeschichten, waren Schöpfungen von ungemeiner Einfachheit und Zartheit, voll Poesie und künstlerischer Weihe. Aber auch hier erfolgte nur allzubald ein Rückschlag, und Unnatur, Empfindelei und kokette Emancipations- und Kunsttändelei machen die neueren Werke für denkende Leser abstoßend. – Ein ansprechendes Erzählertalent und ein ernstes Streben weisen die Erzählungen und – häufig historischen – Romane von Paul Stein (Frau Doctor Henrich) auf: »Albrecht von Brandenburg«, »Der letzte Kurfürst von Mainz« u. s. w. – und auch die, wir wissen nicht, ob gesammelten Erzählungen, Reiseschilderungen u. s. w. sind verständige, und, ob auch ein wenig hausbackene, doch unterhaltende Schriften. – Louise Ernesti ( Malwine von Humbracht) schrieb zahlreiche, nicht immer gleichmäßig gearbeitete, gern gelesene, kleinere und größere Werke: »Die Tochter des Spielers«, »Zwei Fürstinnen«, »Ein neues Jahr«, »Bilder und Skizzen aus dem Leben« u. s. w. – Louise v. Gall, die Gattin Levin Schücking's, gestorben 1854 (?), hat unter dem Titel »Frauenleben« gesammelte gute Erzählungen geschrieben. – »Aus dem Salonleben«, erzählte C. v. Göhren; Amely Bölte versuchte sich nicht ohne Glück in allerhand Skizzen, Reisebildern und -Briefen, Erzählungen und Romanen, »Franziska von Hohenheim«, »Frau von Stael«, »Elisabeth« u. s. w. Diese Schriftstellerin schreibt verständig, sauber und maßvoll, verfällt jedoch im Einzelnen nicht selten in einen gewissen prätentiösen und gesucht geistreichen Ton, der nicht angenehm von der vorherrschenden Verständigkeit, und Nüchternheit des Ganzen absticht. – Emma von Niendorf (Frau v. Suckow) hat sich durch biographische Schriften über Lenau und Justinus Kerner, Reiseschilderungen und zahlreiche, phantasievolle, aber hin und wieder gar zu leicht geschriebene Erzählungen bekannt gemacht. Eine der besten von diesen letzteren dürfte »Ueber diese Geschichten ist Gras gewachsen« sein. – Arthur Stahl ( Valeska Voigtl) hat sich weniger durch ihre übrigens sehr guten Erzählungen – »Ein Prinz von Gottes Gnaden«, »Ein weiblicher Arzt«, »Die Tochter der Alhambra« u. s. w., als durch ihre ganz vortrefflichen, geist- und verständnißvollen Reiseschilderungen aus »Spanien« bekannt gemacht. – Eine unserer besten, bei weitem nicht nach Verdienst gewürdigten Erzählerinnen, ausgezeichnet durch Anmuth und Feinheit, wie durch Natürlichkeit und Kraft und nicht am wenigsten durch fast durchweg tadellose Darstellung und reine Sprache, ist die gegenwärtig in Dresden lebende Claire von Glümer. Es ist uns nicht bekannt, ob ihre Erzählungen gesammelt worden sind. Auch ihre »Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient« sind durchaus schätzbar. – Neben ihr ist auf das rühmendste Louise von Francois zu erwähnen, eine gleichfalls viel zu wenig bekannte Erzählerin voll Kraft, Feinheit und Tiefe. – Louise Pichler hat eine ziemliche Anzahl von kleinen und größeren, meist historischen Erzählungen aus der Vergangenheit, vorzüglich ihrer schwäbischen Heimat geschrieben, z. B. »Aus böser Zeit«, »Vergangene und vergessene Tage« u. s. w., die ihr einen geachteten Namen sichern. – Eine viel zu wenig gekannte und geschätzte Schriftstellerin ist Moritz Horst (Frau A. Schimpff in Triest), deren Novellensammlung »Aus dem Küstenlande« mehr als eine Erzählung von ungemeiner Feinheit und Anmuth und hervorragend auch durch eine nahezu tadellose Darstellung enthält. –

Neuerdings haben sich die Erzählungen und Romane von Karl Detlef ( Clara Bauer) viel Beifall erworben. Vordem längere Zeit in Rußland lebend, behandelt die Verfasserin mit Vorliebe russische Stoffe, mit unleugbarem Geschick und in ansprechender, leichter Darstellung. Neuerdings hat sie auch aus Deutschland und dem Süden erzählt. Wir nennen von den sehr rasch auf einander folgenden Werken, »Unlösliche Bande«, »Zwischen Vater und Sohn«, »Schuld und Sühne«, »Mußte es sein?« – »Auf Capri« u. s. w. – Eugenie Marlitt ( Eugenie John aus Arnstadt, geb. 1823) ist durch die Romane »Das Geheimniß der alten Mamsell«, »Goldelse«, »Reichsgräfin Gisela«, rasch bekannt und ein Liebling des großen Publikums geworden. Diese Werke zeichnen sich wirklich durch gute Erzählung und lebensvolle, warme Darstellung und – wenn auch nicht durchweg – scharfe Charakterzeichnung Vortheilhaft aus. – Einen nicht minder verdienten Erfolg hatten die markigen und lebensvollen Schilderungen und Zeichnungen »Aus dem Emslande«, von E. von Dincklage. Man erkennt allerwärts, daß die Schriftstellerin in diesen rauhen Landstrichen und bei diesen harten Menschen völlig daheim und mit ihnen vertraut. Auch ein Roman, »Die fünfte Frau«, verdient rühmend genannt zu werden. –

Von Sophie Verena, von der wir seither nichts mehr vernommen haben, erschienen ein paar Romane, »Else«, »Ein Kind des Südens« und einzelne Novellen, die an Unfertigkeit und Stillosigkeit ihres Gleichen suchten, aber, wie das bekanntlich nicht schwer ist, durch eine gewisse Prätension manche Leser für den Augenblick bestachen. – Von Talent zeugen die sich mit der Frauen-Emancipationsfrage beschäftigenden Romane von Wilhelmine von Hillern, einer Tochter der Frau Birch-Pfeiffer, »Doppelleben«, »Ein Arzt der Seele« u. s. w., ohne sich indessen zu künstlerischer Klarheit und Ebenmäßigkeit zu erheben. – Um vieles bedeutender auf diesem Gebiete ist die schon früher genannte Louise Otto, die Wittwe des oben erwähnten August Peters, welche rastlos wider alle socialen Schäden kämpft, mit unleugbarem Geschick und nicht geringer Kraft, aber auch mit mehr Verständigkeit und Nüchternheit als Phantasie und Wärme. – Aline von Schlichtkrull, 1832 bis 1863, machte durch die Romane »Eine verlorene Seele« und »Der Cardinal von Richelieu« außerordentliches Aussehen: es war etwas Neues, daß ein junges Mädchen so ernste Geschichtsstudien gemacht hatte und das Leben und die gesellschaftlichen Verhältnisse mit mehr als männlicher Ungenirtheit anschaute und behandelte. Von weiterer Bedeutung sind diese Bücher nicht: es sind obendarein meistens verworrene und krankhafte Phantasien über das Leben und die Geschichte und nicht die Wirklichkeit. – Endlich möge hier noch eine renommirte Schriftstellerin der Gegenwart genannt werden, F. von Nemmersdorf, oder mit ihrem wirklichen Namen Frau von Reitzenstein, neuerdings in München, die in ihren Romanen und Erzählungen, »Moderne Gesellschaft«, »Allein in der Welt«, »Ritter unserer Zeit« u. s. w. mit seltsamer Unbefangenheit, ja überraschender Nacktheit die Zustände, Verhältnisse des modernsten vornehmen Gesellschaftslebens zur Darstellung zu bringen liebt – man möchte sagen: hektische Stoffe in hektischer Darstellung. Es ist bezeichnend für die tiefe Gesunkenheit des heutigen Geschmacks, daß solche Producte nicht bloß beim Publikum, sondern selbst bei der Kritik eine Art von Anerkennung gefunden haben und finden.

Schließlich nennen wir auch hier aus der großen Zahl der Jugendschriftstellerinnen wenigstens die Namen der bekanntesten und beliebtesten: Clara Cron, Therese Messerer, die auch beachtenswerthe Novellen und Dorfgeschichten schrieb, Maria Osten, Hedwig Prohl und Louise Thalheim, die auch als Zeichnerin einen guten Namen hat. Die meisten Erzählungen dieser Damen sind für die heranwachsende Jugend von entschiedenem Werth und vermögen selbst Erwachsene zu unterhalten.

62.

Gehen wir zu den eigentlichen Dichtern, d. h. zu denen über, die sich nur ausnahmsweise in der Prosa versuchten, so finden wir freilich eine Zahl, welche diejenige der Erzähler womöglich noch übertrifft: man darf auch hier wieder sagen, daß es anscheinend in Deutschland kaum noch ein »gebildetes« junges Menschenkind gibt, das nicht irgend einmal in die Sünde des Gedicht-Machens verfällt und seine Geistes- und Herzensblüthen, sei es vereinzelt, sei es in zierlichen Bändchen oder soliden Bänden dem Publikum – wir wollen einmal solche Bescheidenheit annehmen! – vor die Füße streut. In Ansehung des Werthes aber und der wirklichen Poesie sieht es im Allgemeinen recht trübselig aus, wenn man auch in der Form und in der Reinheit der Reime durchschnittlich sich zu einer gewissen Vollkommenheit heraufgearbeitet hat: eine formelle Meisterschaft wie diejenige Platen's war, ist heutzutage wenigstens kein Phänomen mehr. Aber freilich ist die hier verlangte und gewährte sorgfältige, nicht selten ängstliche Pflege und die wirklich erreichte Fertigkeit, der Poesie eher nur schädlich geworden. Es gibt manche, welche nur in solchen Aeußerlichkeiten ihr Verdienst gesucht und durch dieselben die innere Schwäche und Leerheit nothdürftig verhüllt haben. Daneben gibt es aber allerdings der auch hier Unfertigen im Ueberfluß, und wenn wir uns in der Dichter- und Gedichte-Flut ernstlicher umsehen könnten, würden wir die Verwandten der Wasserpoeten des vorigen Jahrhunderts und der zwanziger Jahre des unsrigen in Fülle finden und eine Armuth, Unklarheit und völlige Verschrobenheit der Gedanken, eine Geschmacklosigkeit der Bilder, eine sprachliche und formelle Unfertigkeit, eine romantische Nebelhaftigkeit, eine widerliche Jammerseligkeit u. s. w. zu bestätigen haben, welche von unseren schlechtesten früheren »Poeten« im Grunde nie überboten, ja sogar häufig niemals erreicht und dem Publikum angeboten worden sind. Verse wie die folgenden sind nichts weniger als Seltenheiten:

»Und da hör' ich's durch die Adern rauschen:
Nur der Mina strömet dieses Blut,
Keiner Andern läßt es sich vertauschen,
Keiner Andren quillt es Mannesmuth.«

 

»Vom ganzen Walde tief betrauert,
Ward eines Hirsches Kraftgestalt,
Von seiner Hindin arg belauert,
Im ew'gen Gram vor Zeiten alt.«

 

»Diese Insel ist zwar klein,
Dennoch aber unbestritten,
Ob sie gleich nur Fels und Stein,
Höchst bedeutend für die Britten.«

 

»Schon ein einzig Blatt
Vom Buchenbaum
Macht dich (das Würmchen) so müd' und matt,
Und auch noch kaum
Kriechst du es so behend'
Eh' du stirbst, ganz zu End.«

 

»Leute gibt es, welche lügen
Unverschämt und sonderbar;
So lang' sie nicht Schläge kriegen,
Glauben sie, man hielt's für wahr.«

 

»Sie (die Burgruine) hatte einstens selbst gewiegt
Die Frevler an dem Gottgeschlechte,
Und nun, verödet und besiegt,
Schwelgt sie im ew'gen Mutterrechte.«

 

»Wie ein Fuchs umschleich' ich deine Fenster,
Süßes Mädchen, vielgeliebtes Huhn!
Heißer wohl als Hunger quält die Liebe:
Ach, ein treues Herze kann nicht ruh'n.«

 

»Wie hündisch lacht sie mit verschmitztem Spitzmäulchen!
Umstellt sie flink und schimpft mit euren Blitzmäulchen:
»Du alte Schanddirn', her, den hübschen Band, Dirne!
Den hübschen Band, Dirn', her du alte Schanddirne!«

 

»Nun mit Bajonetten d'rauf,
Was uns widersteht, zu Hauf'!
Erde bebt, Fahne schwebt,
Sieg'skranz ist gewebt!«

 

Siehst du, Mutter, hier die Wunde,
Die in meinem Herzen brennt?
Diese trag' ich seit der Stunde,
Der mein Geist im Trüben rennt ( sic).« U. s. w.

Unter den neueren, hier noch zu nennenden Dichtern dürfte Robert Hamerling, geboren 1832 in Niederösterreich, die erste Stelle einnehmen. Seine »Venus im Exil«, »Ahasverus in Rom«, »Der König von Sion«, die Gedichte, »Sinnen und Minnen«, »Ein Schwanenlied der Romantik«, zeichnen sich nicht nur durch poetischen Gehalt und Gedankenfülle, sondern auch durch die Pracht der Bilder, durch Formengewandtheit und schöne Diction auf das rühmlichste aus. – Als einen begabten Dichter erweist sich Albert Möser in den, nur allzu düster gefärbten Liedern, Sonetten, Oden, Canzonen seiner »Gedichte« und der zweiten Sammlung, »Nacht und Sterne«. – Julius Schanz, geb. 1828, ist erst neuerdings, seit er in Italien weilt und sich daselbst nicht geringe Verdienste um die geistige Verbindung Deutschlands und Italiens erworben hat, zu einer größeren inneren Klarheit und zu einer anerkennenswerthen Formvollendung gelangt. – A. Träger, geboren 1830, als Rechtsanwalt in Cölleda lebend, ist als Lyriker unter allen Neueren einer der begabtesten, von ungemeiner Anmuth der Form, Tiefe der Empfindung und Klarheit des Ausdrucks. Eine Novelle, »Uebergänge«, ist nicht bedeutend; dagegen hat er sich durch die Herausgabe von Blumenlesen und poetischen Jahrbüchern einen guten Ruf erworben. – Hierin steht ihm Georg Scherer in Stuttgart nahe, der weniger durch seine eigenen, stimmungsvollen Gedichte, als durch den mit Takt und Geschmack ausgewählten »Deutschen Dichterwald«, durch eine Sammlung »Volkslieder« u. s. w. bekannt geworden ist. – Und an ihn schließen wir als Dritten den Oesterreicher E. Kuh, neben dessen eigenen Gedichten sein »Dichterbuch aus Oesterreich« rühmlich erwähnt zu werden verdient. – Otto Banck, geb. 1824 zu Magdeburg, ist ein Dichter von Phantasie und Empfindung und bewährt in schöner Form. Seine »Gedichte«, die »Worte für Welt und Haus« verdienen mehr Aufmerksamkeit, als sie gefunden zu haben scheinen. Auch zeugen seine kritischen Schriften von seiner Einsicht und seinem Verständniß für das Wesen und die Forderungen der Kunst. – Als einen gemüthvollen, liebenswürdigen Dichter zeigt sich Eduard Tempeltey, geb. 1832, in seinem »Mariengarn«. Auch seine Tragödie »Klytämnestra« zeugt für seinen Dichterberus. – Michel Berend, ein politischer Flüchtling, noch jung im Auslande gestorben, war ein Dichter von wahrhaft schönem Talent. Seine »Gedichte« gehören zu den anmuthigsten und innigsten der neueren Zeit, und auch seine, in Zeitschriften veröffentlichten Erzählungen zeichnen sich vor vielen ihres Gleichen aus. – Bekannter, aber gleichfalls nicht nach seinem vollen Verdienst gewürdigt ist Adolf Schults, 1820-1858, dessen Gedichte – »Zu Hause«, »Haus und Welt«, wir zu dem Schönsten und Innigsten zählen müssen, was im Genre der Haus- und Familienpoesie in Deutschland. gesungen worden ist. – Moritz Horn, geb. 1814, ist durch »Die Pilgerfahrt der Rose« (componirt von R. Schumann) in weiteren Kreisen zum Ansehen gelangt als durch hie und da zerstreute, freilich nicht bedeutende Gedichte und durch die gleichfalls nicht hervorragenden Prosaschöpfungen, »Novellen«, und einen Roman »Dämonen«. – Von August Silberstein, geb. 1827, besitzen wir anmuthige, stimmungsvolle Lieder und hübsche Naturschilderungen. Seine Gedichte, »Mein Herz in Liedern«, sind ganz neuerdings in einer neuen Auflage erschienen.

In Stuttgart finden wir J. G. Fischer, geb. 1816, der den guten Ruf der Schwabendichter von neuem bewährt. Als Lyriker zeigt er in seinen Liedern, seinen Wanderbildern, seinen Naturschilderungen viel Frische, Natürlichkeit, Tiefe der Empfindung, in schöner Form und nicht selten schwungvoller Sprache. Wir besitzen von ihm die Sammlungen »Gedichte«, »Neue Gedichte«, »Aus frischer Luft«. – Seine Dramen »Saul«, »Kaiser Maximilian von Mexiko« u. s. w. stehen trotz schöner Einzelheiten nicht auf der Höhe seiner Lyrik. – An ihn schließt sich mit nicht weniger trefflichen, empfindungs- und gehaltvollen Dichtungen Ludwig Pfau an. – Feodor Löwe, geb. 1816 zu Kassel, seit langer Zeit am Stuttgarter Theater wirkend, bewährt in seinen »Gedichten« und »Neuen Gedichten« viel Formsinn – es gibt gute Ghaselen von ihm –, eine Vorliebe für das Glänzende und Prächtige, daneben aber auch warme, nur zuweilen fast zu weiche Empfindung. – Vor allem aber ist hier Karl Gerok, geb. 1815, zu nennen, gegenwärtig Oberhofprediger zu Stuttgart, dessen »Palmblätter«, »Blumen und Sterne«, »Deutsche Ostern«, reich sind an den schönsten, weihevollsten und innigsten, nicht bloß religiösen, sondern auch weltlichen, auch der Kriegszeit angehörenden Dichtungen und uns selbst unter den Gelegenheitsgedichten wahre Perlen dieser Gattung entdecken lassen. – Dabei soll auch eines jungen, schwerlich über seine Heimat hinaus bekannt gewordenen Schwabendichters, K. Weitbrecht, auf das ehrendste gedacht werden. Seine Lieder »Von Einem, der nicht mit durfte«, gehören unleugbar zu den frischesten, kräftigsten und poesievollsten, die während des letzten Krieges überhaupt gesungen worden sind. – Und auch der Dichter des populärsten Gedichtes der Neuzeit, der »Wacht am Rhein«, war ein Schwabe, Max Schneckenburger, geb. 1819 zu Thalheim bei Tuttlingen und gestorben 1849 zu Burgdorf im Canton Bern. Sein Gedicht entstand gleichzeitig mit N. Beckers »Sie sollen ihn nicht haben«, im Jahre 1840.

Hier seien noch zwei Dichter angeführt, die beide anonym auftretend, unseres Wissens bisher jeder auch nur durch eine Sammlung bekannt geworden sind, sich aber durch dieselben den ersten Dichtern der Gegenwart zugesellt haben. Das ist Julius v. d. Traun ( Schindler?) mit seinen Gedichten »Die Rosenegger Romanzen«, in denen er einen ächt poetischen Geist, eine klare Auffassung, eine gesunde, heitere und kraftvolle Lebensanschauung, eine Beherrschung des Ausdrucks und eine Gewandtheit in der Form bewährt, welche Vorzüge wir in solchem Maße und solchem Verein nur selten bei einem anderen neueren Dichter wiederfinden; und das ist zweitens der Verfasser »Des neuen Tanhäuser« (E. Grisebach), ein Dichtergeist, der wenn irgendeiner, auf das lebhafteste an H. Heine erinnert: er ist wohlverstanden nicht bloß etwa ein besonders glücklicher Nachahmer desselben, sondern man möchte glauben, daß von Heine's Geist hier etwas wieder in einem Späteren erwacht sei, – voll solcher Frische und Keckheit, voll solcher Innigkeit, solcher Grazie und solchen Uebermuths sprechen uns viele dieser Gedichte an.

Schließlich dürfen auch einige von den zahlreichen Jugend- und Volksschriftstellern einen Platz in unserem Abriß beanspruchen. Friedrich Güll ist durch seine anmuthigen Büchlein, »Kinderheimat in Liedern und Bildern«, welche Franz Pocci illustrirte, unserer Jugend sehr lieb geworden. Wilhelm Hey's »Fabeln für Kinder«, illustrirt von Otto Speckter, kann man als ächtes Haus- und Familienbuch ansprechen. Und Gustav Nieritz und Franz Hoffmann schließen sich in nicht wenigen ihrer zahlreichen Schriften unseren besten, vor allen Dingen wohlthätigsten und wohlthuendsten Erzählern an. –

Werfen wir hiernach noch einen Blick auf die neuste Bühnendichtung, der freilich nur ein flüchtiger sein kann, da der Verfasser dieses Buches sich ehrlicher Weise für wenig erfahren auf diesem Gebiete erklären muß. Ueberdies sind auch nicht wenige von unseren bedeutendsten modernen Dramatikern schon an anderen Stellen, unter den Erzählern und Dichtern, erwähnt worden, und es haben daher hier auch nur noch einige von jenen genannt zu werden, deren Talent ein vorzugsweise dramatisches ist und welche auch den meisten Erfolg auf diesem Gebiete gefunden haben.

Nennen wir hier zuerst den Chefredacteur der Kölnischen Zeitung, Heinrich Kruse, der sich durch seine Dramen »Die Gräfin«, »Wullenweber«, »Moritz von Sachsen«, »Brutus« rasch einen guten Namen machte. – Neben ihm stehe Rudolf Gottschall, geboren 1823 in Breslau, gegenwärtig in Leipzig die Brockhaus'schen »Blätter für literarische Unterhaltung« und »Unsere Zeit« redigirend. Gottschall ist ein dichterisches Talent hohen Ranges. Seine »Gedichte«, die epische Dichtung »Carlo Zeno«, das komische Epos, »König Pharao«, u. s. w. zeichnen sich alle durch schöne Sprache und Form, durch Gedankenreichthum und oft hohen Schwung aus. Seine »Reisebilder aus Italien« sind noch heute lesenswerth. Am höchsten steht er aber in seinen Dramen, »Mazeppa«, »Der Nabob«, »Katharina Howard« u. s. w., von denen mehrere den glänzendsten Bühnenerfolg erzielten und die überhaupt unserer besten Zeit würdig sind. – Als ein hervorragendes Werk muß hier noch erwähnt werden, »Die deutsche Nationalliteratur des 19. Jahrhunderts«, vier Bände, das, wenn auch nicht das unparteiischste, doch das reichhaltigste und umfassendste von allen ähnlichen ist.

Ein Nachfolger Halms in der Tragödie ist Josef Weilen, geboren 1828, in Wien lebend; wir nennen von seinen Stücken die bekanntesten »Edda«, »Rosamunde«, »Graf Horn«. – Albert Lindner ist durch sein strenges Drama, »Brutus und Collatinus«, bekannt geworden, welches den Schillerpreis erhielt. – Hans Marbach schrieb einen »Timoleon«, Franz Nissel einen »Heinrich den Löwen«. – Hans Köster, geb. 1818, versuchte sich nicht ohne Glück in »Maria Stuart«, »Der große Kurfürst«, u. s. w. H. Hersch, geb. 1821, ließ auf das Trauerspiel »Sophonisbe«, das frische, derb volksthümliche Stück »Die Anna Liese« folgen. – Der unglückliche Arthur Müller, der sich 1873 selbst den Tod gab, verfaßte neben ernsteren Stücken, z. B. »Galilei«, das beifällig aufgenommene, patriotische Lustspiel »Die Verschwörung der Frauen«. – Von Leopold Feldmann, geboren 1802, machte unter anderen Stücken das Lustspiel »Der Sohn auf Reisen« großes Glück. – Ebenso waren auch die derben, frischen Stücke von Lederer – z. B. »Häusliche Wirren« – erfolgreich. – Aufsehen machte das historische Lustspiel »Schach dem König« von dem früh verstorbenen H. Schauffert. – Ernst Wichert ist durch die beliebten Stücke »Das eiserne Kreuz« und »Der Narr des Glücks« rasch bekannt geworden. – Die meistens kleinen, humoristischen Stücke von G. von Moser, z. B. »Aus Liebe zur Kunst«, – sind auf allen Bühnen daheim. – Paul Lindau, der mit geistvollen Reiseschilderungen – »Aus Venetien«, »Aus Paris« – seine schriftstellerische Laufbahn begann, durch die scharfe Satire in den »Harmlosen Briefen eines deutschen Kleinstädters«, und »Literarischen Rücksichtslosigkeiten«, Aufsehen machte und gegenwärtig als Feuilletonist und Kritiker zu den angesehensten, aber auch gefürchtetsten Deutschlands zählt, – hat mit seinen Schauspielen »Maria Magdalena« und dem neusten »Ein Erfolg« ein nicht geringes Aufsehen gemacht und einen bedeutenden Erfolg erzielt, der allerdings von manchen Kritikern hartnäckig bestritten wird. Das ist denn freilich in unserer Zeit der Coterien und Kameraderien am wenigsten ein Beweis gegen den wirklichen Werth einer dichterischen Schöpfung.

Endlich von den Dichtern der Possen und phantastischen Volksschauspiele nennen wir hier vor allen anderen den witzigen und satirischen, aber auch stets liebenswürdigen Begründer und fleißigen Mitarbeiter des »Kladderadatsch«, David Kalisch, gestorben 1873, dessen Stücklein »Hunderttausend Thaler«, »Berlin bei Nacht« u. s. w. alle Welt amusirt haben. – Gleichen Ruf erwarben sich »Pechschulze« von Salingre, »Der Weltumsegler wider Willen« und »Der artesische Brunnen« von Friedrich Räder und die zahlreichen Stücke von dem jüngst zu Wien verstorbenen F. Kaiser, »Stadt und Land«, »Mönch und Soldat«, und andere.

 

Wir sind zum Schluß unserer Darstellung gelangt. Und wenn wir die Geschichte unserer »schönen« Literatur überblicken und wahrnehmen, wie die letztere sich unter allem Druck und aller Oedheit der Zeiten, in aller Stille, aber unwandelbar weiter entwickelte und aus allen Verirrungen sich stets wieder zum Rechten und Schönen zurückfand, – so dürfen wir auch aus unserer, wenig tröstlichen Gegenwart voll herzlichen Vertrauens in die Zukunft blicken: es muß und es wird wieder besser werden, als es gegenwärtig und zwar nicht bloß für Schwarzsehende, den Anschein hat.

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