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Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band

Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band - Kapitel 8
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authorHeinrich von Treitschke
titleDeutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
seriesAusgewählte Schriften
volumeErster Band
editorWilhelm Mommsen
correctorreuters@abc.de
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Revolution und Fremdherrschaft

Die Neugestaltung der deutschen Staatenwelt durch Napoleon und der Reichsdeputationshauptschluß 1803

Wie das Geschmeiß hungriger Fliegen stürzte sich Deutschlands hoher Adel auf die blutigen Wunden seines Vaterlandes. Talleyrand aber eröffnete mit zynischem Behagen das große Börsenspiel um Deutschlands Land und Leute und sagte gleichmütig, wenn ein deutscher Edelmann noch eine Regung der Scham empfand: il faut étouffer les regrets. Die hochgeborenen Bekämpfer der Revolution bettelten um seine Gnade, machten seiner Mätresse den Hof, trugen seinen Schoßhund zärtlich auf den Händen, stiegen dienstfertig zu dem kleinen Dachstübchen hinauf, wo sein Gehilfe Matthieu hauste – der Schlaueste aus jener langen Reihe begabter Elsässer, deren Arbeitskraft und Sachkenntnis Bonaparte gern bei seinen deutschen Geschäften benutzte. Das Gold der kleinen Höfe, das sie niemals finden konnten, wenn das Reich sie zur Verteidigung des Vaterlandes aufrief, floß jetzt in Strömen; jedermann in der diplomatischen Welt kannte den Tarif der französischen Unterhändler und wußte, wie hoch der Kurswert einer Stimme im Fürstenrate des Reichstags sich stellte. Ein Fürst von Löwenstein, ein Nachkomme des siegreichen Friedrich von der Pfalz, spielte den Makler bei dem schmutzigen Handel. Auch die Pariser Gaunerschaft nahm die gute Gelegenheit wahr; mancher der gierigen deutschen Fürsten lief in seiner kleinstädtischen Plumpheit einem falschen Agenten Talleyrands ins Garn, bis Bonaparte selber gegen den Unfug einschritt.

Alle, die Guten wie die Bösen, wurden in das wüste Treiben hineingerissen; denn von den Regensburger Verhandlungen stand doch nichts zu erwarten, und wer hier in Paris nicht mit dreisten Händen zugriff, ward von den Nachdrängenden unerbittlich unter die Füße getreten, selbst der wackerste der deutschen Kleinfürsten, der alte Karl Friedrich von Baden, mußte seine feilschenden Unterhändler gewähren lassen. Mitten im Getümmel der bittenden und bietenden Kleinen stand mit selbstgewisser Gönnermiene der vielumworbene preußische Gesandte Lucchesini; der pfiffige Lucchese traute sich's zu, den Meister aller Listen selber zu überlisten, und bemerkte nicht, wie schwer Preußen sein eigenes Ansehen schädigte durch die Begünstigung eines unsauberen Schachers, der an den Reichstag von Grodno, an die schmachvolle Selbstvernichtung des polnischen Adels erinnerte. Dieser Wettkampf der dynastischen Habgier vernichtete, was im Reiche noch übrig war von Treu und Glauben, von Pflicht und Ehre. Bonaparte frohlockte; kein sittliches Band hielt den alten deutschen Staat mehr zusammen. Jeder Hof forderte ungescheut, was ihm bequem und gelegen schien; die Entschädigung für wirklich erlittene Verluste diente kaum noch als Vorwand. Bald ergab sich, daß die rechtsrheinischen geistlichen Gebiete zur Befriedigung aller dieser begehrlichen Wünsche nicht ausreichten, und man ward einig, auch den Reichsstädten den Garaus zu machen, da ja die Reichsstädte des linken Ufers ebenfalls ohne Entschädigung vernichtet waren. Endlich wurde die große Länderversteigerung geschlossen; der Zuschlag erfolgte teils an die Meistbietenden, teils an die Günstlinge Preußens und Rußlands, vornehmlich aber an jene Höfe, welche sich Bonaparte zu Stützen seiner deutschen Politik auserlesen hatte. Unumwunden schrieb er nach vollzogenem Geschäfte dem mit dem Zaren nahe verwandten Markgrafen Karl Friedrich: das badische Haus habe nunmehr den Rang erlangt, »welchen seine vornehme Verwandtschaft und das wahre Interesse Frankreichs erheischen«.

Nachdem in Paris das Wesentliche geordnet war, schritten Frankreich und Rußland in Regensburg als Vermittler ein; Bonaparte ließ dem Zaren eine scheinbare Mitwirkung, um dessen Eifersucht zu beschwichtigen und einen Wunsch Preußens zu erfüllen. Die Mediatoren erklärten mit gutem Grunde, die Eifersucht und der Gegensatz der Interessen am Reichstage mache ihre Vermittlung notwendig; sie legten ihren Entschädigungsplan vor und schlossen herrisch: es sei ihr Wille, daß nichts daran geändert werde. Der Kaiser widerstrebte noch immer und gab erst nach, als Preußen und Bayern mit Frankreich ein förmliches Bündnis schlossen und eine drohende Note aus Petersburg eintraf; dann aber trug der uneigennützige Beschützer der geistlichen Staaten kein Bedenken, seine Erblande durch die Bistümer Trient und Brixen abzurunden. In der Reichsdeputation währte der landesübliche Hader noch eine Weile fort. Die russischen Staatsmänner klagten voll Ekels, wie langweilig und ermüdend dies deutsche Gezänk werde; um jedes kleinen Länderfetzens willen müsse man einen eigenen Kurier schicken. Aber die Würfel waren geworfen, die mächtigeren Fürsten hatten ihre Beute bereits in Sicherheit gebracht.

Am 25. Februar 1803 kam der Reichsdeputationshauptschluß zustande, am 27. April wurde durch den Jüngsten Reichsschluß die Vernichtung von hundertundzwölf deutschen Staaten ausgesprochen, von den geistlichen Ständen blieben nur drei übrig: die beiden Ritterorden – weil man dem so schwer geschädigten katholischen Adel noch einen letzten Unterschlupf für seine Söhne gönnen wollte – und der Reichskanzler in Germanien, weil Bonaparte in der fahrigen Eitelkeit des Mainzer Koadjutors Dalberg ein brauchbares Werkzeug für Frankreichs Pläne erkannte. Die Reichsstädte verschwanden bis auf die sechs größten. Mehr als zweitausend Geviertmeilen mit über drei Millionen Einwohnern wurden unter die weltlichen Fürsten ausgeteilt. Preußen erhielt fünffachen Ersatz für seine linksrheinischen Verluste, Bayern gewann an 300 000 Köpfe, Darmstadt ward achtfach, Baden fast zehnfach entschädigt. Auch einige fremdländische Fürstenhäuser nahmen ihr Teil aus dem großen Raube, so Toskana und Modena, die Vettern Österreichs, so Nassau-Oranien, der Schützling Preußens. Vergessen war der friderizianische Grundsatz, daß Deutschland sich selber angehöre. Die Mitte Europas erschien den Fremden wieder, wie im siebzehnten Jahrhundert, als eine herrenlose Masse, eine Versorgungsstelle für die Prinzen aus allerlei Volk. Das heilige Reich war vernichtet; nur sein geschändeter Name lebte noch fort durch drei klägliche Jahre.

Wenige unter den großen Staatsumwälzungen der neuen Geschichte erscheinen so häßlich, so gemein und niedrig wie diese Fürstenrevolution von 1803. Die harte, ideenlose Selbstsucht triumphierte; kein Schimmer eines kühnen Gedankens, kein Funken einer edlen Leidenschaft verklärte den ungeheuren Rechtsbruch. Und doch war der Umsturz eine große Notwendigkeit; er begrub nur, was tot war, er zerstörte nur, was die Geschichte dreier Jahrhunderte gerichtet hatte. Die alten Staatsformen verschwanden augenblicklich wie von der Erde eingeschluckt, und niemals ist an ihre Wiederaufrichtung ernstlich gedacht worden. Die fratzenhafte Lüge der Theokratie war endlich beseitigt. Mit den geistlichen Fürsten stürzten auch das Heilige Reich und die Weltherrschaftsansprüche des römischen Kaisertums zusammen. Selbst der alte Bundesgenosse der habsburgischen Kaiser, der Römische Stuhl, wollte jetzt nur noch von einem Imperium Germanicum wissen; das feine Machtgefühl der Italiener erkannte, daß die Schirmherrschaft über die römische Kirche nunmehr auf Frankreich übergegangen war, und der Papst schrieb seinem geliebtesten Sohn Bonaparte: an ihn wolle er fortan sich wenden, so oft er Hilfe brauche. Das Heilige Reich verwandelte sich in einen Fürstenbund, und nicht mit Unrecht sprach Talleyrand jetzt schon amtlich von der Fédération Germanique. Dies lockere Nebeneinander weltlicher Fürstentümer wurde vorderhand fast allein durch den Namen Deutschland zusammengehalten, und in der nächsten Zukunft ließ sich eher die Auflösung des deutschen Gemeinwesens als seine föderative Neugestaltung erwarten. Aber mit den theatralischen Formen war auch jener Geist der starren Unbeweglichkeit entschwunden, der bisher die politischen Kräfte der Nation gebunden hielt. Das neue weltliche Deutschland war der Bewegung, der Entwicklung fähig; und gelang dereinst die Befreiung von der Vormundschaft des Auslands, so konnte sich auf dem Boden des weltlichen Territorialismus vielleicht ein nationaler Gesamtstaat bilden, der minder verlogen war als das Heilige Reich. (184-187.)

So ging denn aus den vielhundertjährigen Kämpfen der politischen Kräfte im Reiche die fürstliche Gewalt als die einzige Siegerin hervor. Die hierarchischen, die kommunalen, die aristokratischen Staatsbildungen des alten Deutschlands waren bis auf wenige Trümmer vernichtet, was nicht fürstlichen Blutes war sank in die Masse der Untertanen hinab: der Abstand zwischen den Fürsten und dem Volke, der in dem Zeitalter der absoluten Monarchie immer größer geworden, erweiterte sich jetzt noch mehr. Und wie ungeheuer stark zeigte sich wieder die Einwirkung des Fürstenstandes auf unser nationales Leben! Wie einst die kirchliche Reformation bei den Landesherren ihren Schutz und ihre Rettung gefunden hatte, so wurde nun die politische Revolution von oben her einem gelassen schweigenden Volke auferlegt. Nicht die Propaganda der überrheinischen Republikaner, sondern die dynastische Politik der deutschen Höfe hat die Grundsätze des revolutionären Frankreichs auf unserm Boden eingebürgert; und sie schritt vorwärts mit derselben durchgreifenden Rücksichtslosigkeit wie die Parteien des Konvents, im Namen des salut public zerstörte sie achtlos das historische Recht.

Für Österreich war die Fürstenrevolution eine schwere Niederlage. Die alte kaiserliche Partei wurde zersprengt, die Kaiserwürde zu einem leeren Namen, und selbst diesen Namen aufzugeben schien jetzt rätlich, da der neue Kurfürstenrat schwerlich geneigt war, im Falle der Neuwahl abermals einen Erzherzog zu küren. Durch die Preisgabe ihrer westlichen Provinzen erlangte die Monarchie zwar eine treffliche Abrundung im Südosten, und die Diplomaten der Hofburg wünschten sich Glück, daß man endlich aus einem gefährlichen und gewaltsamen Zustande befreit sei. Die Höfe von München und Stuttgart hatten jetzt wenig Grund, mehr vor der Wiener Eroberungslust zu zittern, und es schien möglich, dereinst wieder ein freundnachbarliches Verhältnis mit ihnen anzuknüpfen. Aber die militärische Herrschaft im deutschen Südwesten war verloren, ja Österreich schied in Wahrheit aus dem Reiche aus. Seine Politik mußte ganz neue Wege einschlagen, wenn sie noch irgendeinen Einfluß auf Deutschland ausüben wollte; denn die Machtmittel des alten Kaisertums waren vernutzt.

Auch Preußens Macht hatte durch den Reichsdeputationshauptschluß nicht gewonnen. Wohl war es ein Vorteil, daß die österreichische Partei verschwand und im Reichstage ein leidliches Gleichgewicht zwischen dem Norden und dem Süden sich herstellte; vormals hatten die Staaten des Südens und Westens durch die Überzahl den Ausschlag gegeben, jetzt konnten auch die Stimmen Norddeutschlands zu ihrem Rechte kommen. Trotzdem war Preußens Ansehen im Reiche tief gesunken. Seine kraftlose Politik hatte überall das Gegenteil ihrer guten Absichten erreicht: statt der Verstärkung der deutschen Widerstandskraft vielmehr die Befestigung der französischen Übermacht, statt des Neubaues der Reichsverfassung vielmehr eine wüste Anarchie, die der völligen Auflösung entgegentrieb, selbst der neue Ländergewinn schien glänzender als er war. Preußen verlor die getreuen, für seine Macht wie für seine Kultur gleich wertvollen niederrheinischen Gebiete und erwarb dafür, außer Hildesheim, Erfurt und einigen kleineren Reichsstädten und Stiftslanden, die feste Burg des unzufriedenen katholischen Adels, das Münsterland. Hier zum ersten Male auf deutschem Boden begegnete dem preußischen Eroberer nicht bloß eine flüchtige partikularistische Verstimmung, sondern ein tiefer nachhaltiger Haß, wie in den slawischen Provinzen. Die schwerfällige neue Verwaltung gewann wenig Ansehen in dem widerhaarigen Lande, sie brauchte drei Jahre, bis sie sich nur entschloß, den Herd aller staatsfeindlichen Umtriebe, das Domkapitel zu beseitigen. Das Einkommen des Staates wurde durch die Gebietserweiterung nicht vermehrt, da er wieder, wie früher in Franken und in Polen, die Steuerkraft der neuen Untertanen allzu ängstlich schonte; auch die Armee erhielt nur geringe Verstärkung um etwa drei Regimenter. Zudem hatte man durch die neuen Verträge nicht einmal eine haltbare Grenze erlangt, sondern lediglich den preußischen Archipel im Westen durch einige neue Inseln bereichert, wie die Berliner spotteten. Der König fühlte es wohl, ohne Hannover ließen sich in so schwüler Zeit die westfälischen Provinzen nicht behaupten. Die Besetzung der welfischen Stammlande konnte bald zu einer unumgänglichen Notwendigkeit werden, und doch geschah nichts, den Staat zu rüsten für diese ernste Zukunft. Das schlaffe System der landesväterlichen Milde und Sparsamkeit lebte so dahin, als sei die Zeit des ewigen Friedens gekommen.

Währenddem holte der deutsche Süden mit einem gewaltsamen Schlage nach, was Preußen durch die Arbeit zweier Jahrhunderte langsam erreicht hatte. In Norddeutschland war die Mehrzahl der geistlichen Gebiete schon während des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts mit den weltlichen Nachbarstaaten vereinigt worden; der Reichsdeputationshauptschluß brachte diesen Staaten nur eine mäßige Vergrößerung, ohne ihren historischen Charakter zu verändern. Im Südwesten dagegen brach der gesamte überkommene Länderbestand jählings zusammen; selbst das ruhmvollste der alten oberdeutschen Territorien, Kurpfalz, wurde zwischen den Nachbarn aufgeteilt, hier führte die Fürstenrevolution nicht bloß eine Gebietsveränderung, sondern eine neue Staatengründung herbei. Den willkürlich zusammengeworfenen Ländertrümmern, welche man jetzt Baden, Nassau, Hessen-Darmstadt nannte, fehlte jede Gemeinschaft geschichtlicher Erinnerungen; auch in Bayern und Württemberg war das alte Stammland der Dynastie bei weitem nicht stark genug, um die neuerworbenen Landschaften mit seinem Geiste zu erfüllen. So ward unser vielgestaltiges Staatsleben um einen neuen Gegensatz reicher, der sich bis zum heutigen Tage nicht völlig verwischt hat. Das neue Deutschland zerfiel in drei scharf geschiedene Gruppen. Auf der einen Seite standen die kleinen norddeutschen Staaten mit ihrem alten Ständewesen und ihren angestammten Fürstenhäusern, auf der anderen die geschichtslosen, modern-bureaukratischen Staatsbildungen Oberdeutschlands, die Geschöpfe des Bonapartismus, mitteninne endlich Preußen, das in steter Entwicklung den altständischen Staat überwunden hatte, ohne seine Formen gänzlich zu zerstören. Über den Süden brach nun urplötzlich und mit der Roheit einer revolutionären Macht der moderne Staat herein. Eine übermütige, dreiste, vielgeschäftige Bureaukratie, die sich Bonapartes Präfekten zum Muster nahm, riß die Doppeladler von den Rathäusern der Reichsstädte, die alten Wappenschilder von den Toren der Bischofsschlösser, warf die Verfassung der Städte und der Länder über den Haufen, schuf aus dem Chaos buntscheckiger Territorien gleichförmige, streng zentralisierte Verwaltungsbezirke; sie bildete in diesen waffenlosen Landschaften eine unverächtliche junge Militärmacht, die für Preußen leicht lästig werden konnte, sie strebte, mit jedem Mittel ein neues bayerisches, württembergisches, nassauisches Nationalgefühl großzuziehen.

Dennoch ist der große Umsturz in seinen letzten Nachwirkungen nicht dem Partikularismus zugute gekommen, sondern der nationalen Einheit. Er war nur ein mächtiger Schritt weiter auf dem Wege, welchen unsere Geschichte seit drei Jahrhunderten eingeschlagen. Immer wieder hatte seitdem eine unerbittliche Notwendigkeit verlebte Kleinstaaten zerstört und zu größeren Massen zusammengeballt; jetzt brachen ihrer abermals mehr denn hundert zusammen. Aus solchen Erfahrungen mußte das deutsche Volk früher oder später die Erkenntnis schöpfen, daß auch die neue Länderverteilung nur eine vorläufige war, daß sein Geschick unaufhaltsam der Vernichtung der Kleinstaaterei, dem nationalen Staate zustrebte. Die Fürstenrevolution vernichtete für immer jenen Zauber historischer Ehrwürdigkeit, der das heilige Reich so unantastbar erscheinen ließ. Das alte Recht war gebrochen; die neuen Verhältnisse erweckten nirgends Ehrfurcht, machten die willkürliche Unnatur der deutschen Zersplitterung jedem gesunden Sinne fühlbar. Es war ein Widersinn, daß die Franken in Bamberg, die Schwaben in Memmingen sich nunmehr als Bayern, die Pfälzer im Neckartale sich als Badener fühlen sollten. Die tiefe Unwahrheit dieses neuen künstlichen Partikularismus hat nachher, als die Nation endlich zu politischem Selbstgefühle erwachte, ihre freiesten und edelsten Männer mit leidenschaftlichem Hasse erfüllt und sie dem Einheitsgedanken zugeführt. Auch der gedankenlosen Masse ging manches gehässige partikularistische Vorurteil verloren, seit sie sich gewaltsam aus dem alten Stilleben aufgestört sah. Wie Lombarden und Romagnolen in den neuen italienischen Zufallsstaaten sich zusammenfanden, so wurden in den deutschen Mittelstaaten Reichsstädter, Kurfürstliche und Bischöfliche gewaltsam durcheinander gerüttelt und lernten den gehaßten und verhöhnten Nachbar als treuen Landsmann schätzen. In Italien wie in Deutschland hat die Willkür der Fremdherrschaft den alten naiven Glauben an die Ewigkeit des Bestehenden mit den Wurzeln ausgerottet und also den Boden geebnet für neue Katastrophen, deren Ziele Bonaparte nicht ahnte.

Mit der Revolution von 1803 begann für Deutschland das neue Jahrhundert, das in Frankreich schon vierzehn Jahre früher angebrochen war. Das große neunzehnte Jahrhundert stieg herauf, das reichste der neuen Geschichte; ihm war beschieden, die Ernte einzuheimsen von den Saaten des Zeitalters der Reformation, die kühnen Ideen und Ahnungen jener gedankenschweren Epoche zu gestalten und im Völkerleben zu verwirklichen. Erst in diesem neuen Jahrhundert sollten die letzten Spuren mittelalterlicher Gesittung verschwinden und der Charakter der modernen Kultur sich ausbilden, es sollte die Freiheit des Glaubens, des Denkens und der wirtschaftlichen Arbeit, wovon Luthers Tage nur redeten, ein gesichertes Besitztum Westeuropas werden, es sollte das Werk des Kolumbus sich vollenden und die transatlantische Welt mit den alten Kulturvölkern zu der lebendigen Gemeinschaft welthistorischer Arbeit sich verbinden, und auch das Traumbild der Hutten und Machiavelli, die Einheit der beiden großen Nationen Mitteleuropas, sollte noch Fleisch und Blut gewinnen. In diese Zeiten der Erfüllung trat Deutschland ein, als der theokratische Staatsbau seines Mittelalters zusammenstürzte und also das politische Testament des sechzehnten Jahrhunderts endlich vollstreckt wurde. (189-193.)

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