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Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band

Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band - Kapitel 7
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authorHeinrich von Treitschke
titleDeutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
seriesAusgewählte Schriften
volumeErster Band
editorWilhelm Mommsen
correctorreuters@abc.de
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Die neue Literatur

Unterdessen hatte das deutsche Volk mit einer jugendlichen Schnellkraft, die in der langsamen Geschichte alter Völker einzig dasteht, eine Revolution seines geistigen Lebens vollendet; kaum vier Menschenalter nach der trostlosen Barbarei des Dreißigjährigen Kriegs erschienen die schönsten Tage deutscher Kunst und Wissenschaft. Aus den starken Wurzeln der Glaubensfreiheit erwuchs eine neue weltlich freie Bildung, die den verknöcherten Formen der deutschen Gesellschaft ebenso feindlich gegenüberstand wie der preußische Staat dem Heiligen Römischen Reiche. Bei allen andern Völkern war die klassische Literatur ein Kind der Macht und des Reichtums, die reife Frucht einer alten durchgebildeten nationalen Kultur; Deutschlands klassische Dichtung hat ihr Volk erst wieder eingeführt in den Kreis der Kulturvölker, ihm erst die Bahn gebrochen zu reinerer Gesittung. Niemals in aller Geschichte hat eine mächtige Literatur so gänzlich jeder Gunst der äußeren Lebensverhältnisse entbehrt. Hier bestand kein Hof, der die Kunst als eine Zierde seiner Krone hegte, kein großstädtisches Publikum, das den Dichter zugleich ermutigen und in den Schranken einer überlieferten Kunstform halten konnte, kein schwunghafter Handel und Gewerbefleiß, der dem Naturforscher fruchtbare Aufgaben stellte, kein freies Staatsleben, das dem Historiker die Schule der Erfahrung bot; selbst die große Empfindung, die aus großen Erlebnissen stammt, kam den Deutschen erst durch Friedrichs Taten. Recht eigentlich aus dem Herzen dieser Nation des Idealismus ward ihre neue Dichtung geboren, wie einst die Reformation aus dem guten deutschen Gewissen hervorging. Die Mittelklassen lebten dahin, fast gänzlich ausgeschlossen von der Leitung des Staates, eingepfercht in die Langeweile, den Zwang und die Armut kleinstädtischen Treibens, und doch in so leidlich gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen, daß der Kampf um das Leben noch nicht das Leben selber dahinnahm und die wilde Jagd nach Erwerb und Genuß dem befriedeten Dasein noch völlig fremd blieb. Unter diesen unbegreiflich genügsamen Menschen erwacht nun die leidenschaftliche Sehnsucht nach dem Wahren und dem Schönen. Ihre guten Köpfe fühlen sich als freie Kinder Gottes und flüchten aus der jämmerlichen Wirklichkeit in die reine Welt der Ideale. Große Talente geben den Ton an, hundert begeisterte Stimmen fallen ein in vollem Chore. Ein jeder redet, wie es ihm ums Herz ist, und befolgt getrosten Mutes die frohe Botschaft des jungen Goethe: »denn es ist Drang, und so ist's Pflicht!« und setzt seine volle Kraft ein, als ob das Schaffen des Denkers und des Dichters allein auf der weiten Welt des freien Mannes würdig wäre, und lebt sich fröhlich aus, wenig bekümmert um den Lohn der Arbeit, ganz verloren im Dichten, Schauen und Forschen, beglückt durch den überströmenden Beifall warmherziger Freunde, glücklicher noch durch das Bewußtsein, das Göttliche geschaut zu haben.

So haben seit dem Jahre 1750 etwa drei Generationen deutscher Männer, neben- und nacheinander wirkend und oft in leidenschaftlichem Kampfe miteinander ringend, die jüngste der großen Literaturen Europas geschaffen, die, selber vom Auslande lange kaum bemerkt, unendlich empfänglich den dauernden Gehalt der klassischen Dichtung Englands und Frankreichs, Spaniens und Italiens in sich zusammenfaßte und schöpferisch neu gestaltete, um schließlich in dem vielseitigsten aller Dichter, in Goethe, ihre Vollendung zu finden. Es war eine Bewegung so völlig frei, so ganz aus dem innersten Drange des übervollen Herzens heraus, daß sie zuletzt bei dem verwegenen Idealismus Fichtes anlangen mußte, der den sittlichen Willen als das einzig wirkliche, die gesamte Außenwelt nur als eine Schöpfung des denkenden Ich ansah; und doch ein notwendiges natürliches Werden. Die schöpferische Kraft des deutschen Geistes hatte lange gleich einer Puppe schlummernd in zarter Schale gelegen, und ihr geschah, wie der Dichter sagte: »Es kommt die Zeit, sie drängt sich selber los, und eilt auf Fittichen der Rose in den Schoß.« Ein lauterer Ehrgeiz, der das Wahre suchte um der Wahrheit, das Schöne um der Schönheit willen, ward in den hellen Köpfen der deutschen Jugend lebendig. Keine der modernen Nationen hat jemals so in vollem Ernst, mit so ungeteilter Hingebung in die Welt der Ideen sich versenkt, keine zählt unter den Talenten ihrer klassischen Literatur so viele reine, menschlich liebenswerte Charaktere; darum wird das Gedächtnis der Tage von Weimar unserm Volke in allen Zeiten, da sein Gestirn sich zu verdunkeln scheint, ein unerschöpflicher Quell des Trostes und der Hoffnung bleiben. Die Kunst und Wissenschaft ward den Deutschen zur Herzenssache, sie ist hier niemals, wie einst bei den Romanen, ein elegantes Spiel, ein Zeitvertreib für die müßigen Stunden der vornehmen Welt geworden. Nicht die Höfe erzogen unsere Literatur, sondern die aus dem freien Schaffen der Nation entstandene neue Bildung unterwarf sich die Höfe, befreite sie von der Unnatur ausländischer Sitten, gewann sie nach und nach für eine mildere, menschlichere Gesittung.

Und diese neue Bildung war deutsch von Grund auf. Während das politische Leben in unzählige Ströme zerteilt dahinfloß, waltete auf dem Gebiete der geistigen Arbeit die Naturgewalt der nationalen Einheit so übermächtig, daß eine landschaftliche Sonderbildung niemals auch nur versucht wurde. Alle Helden unserer klassischen Literatur, mit der einzigen Ausnahme Kants, sind gewandert und haben ihre reichste Wirksamkeit nicht auf dem Boden ihrer Heimat gefunden. In ihnen allen lebte das Bewußtsein der Einheit und Ursprünglichkeit des deutschen Wesens und das leidenschaftliche Verlangen, die Eigenart dieses Volkstums wieder in der Welt zu Ehren zu bringen; sie alle wußten, daß das ganze große Deutschland ihren Worten lauschte, und empfanden es als ein stolzes Vorrecht, daß allein der Dichter und der Denker zu der Nation reden, für sie schaffen durfte. Also wurde die neue Dichtung und Wissenschaft auf lange Jahrzehnte hinaus das mächtigste Band der Einheit für dies zersplitterte Volk, und sie entschied zugleich den Sieg des Protestantismus im deutschen Leben. Die geistige Bewegung hatte ihre Heimat im evangelischen Deutschland, riß erst nach und nach die katholischen Gebiete des Reichs mit in ihre Bahnen hinein. Aus der Gedankenarbeit der Philosophen ging eine neue sittliche Weltanschauung, die Lehre der Humanität, hervor, die, aller konfessionellen Härte bar, gleichwohl fest im Boden des Protestantismus wurzelte, und schließlich allen denkenden Deutschen, den Katholiken wie den Protestanten, ein Gemeingut wurde; wer sie nicht kannte, lebte nicht mehr mit dem neuen Deutschland.

Jene mittleren Schichten der Gesellschaft aber, welche die neue Bildung trugen, rückten dermaßen in den Vordergrund des nationalen Lebens, daß Deutschland vor allen andern Völkern ein Land des Mittelstandes wurde; ihr sittliches Urteil und ihr Kunstgeschmack bestimmten die öffentliche Meinung. Der klassische Unterricht, vordem nur ein Mittel für die Fachbildung der Juristen und Theologen, wurde die Grundlage der gesamten Volksbildung; aus den zerfallenden alten Ständen erhob sich die neue Aristokratie der studierten Leute, die an hundert Jahre lang der führende Stand unseres Volkes geblieben ist. Nach allen Seiten hin wirkte die literarische Bewegung erweckend und befruchtend: sie veredelte die rohen Sitten, gab der Frau das gute Recht der Herrin im geselligen Verkehre zurück; sie schenkte einem gedrückten und verschüchterten Geschlechte wieder die helle Lust am Leben. Sie schuf, indem sie die Schriftsprache Martin Luthers ausbaute, eine gemeinsame Umgangssprache für alle deutschen Stämme; erst im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts begannen die gebildeten Klassen das reine Hochdeutsch auch im täglichen Leben in Ehren zu halten. Unberührt von dem Lärm und der Hast der großen Welt konnte sich die deutsche Dichtung wunderbar lange den unschuldigen Frohmut, die gesammelte Andacht und die frische Werdelust der Jugend bewahren. Das war es, was Frau von Staël noch in den Glanztagen der Weimarischen Kunst so mächtig bezauberte; sie meinte an der Ilm inmitten der Höchstgebildeten des deutschen Volkes die reine Waldluft eines ursprünglichen Menschenlebens zu trinken und atmete wieder auf von dem Dunste und dem Staube ihrer heimischen Weltstadt. Und wie es das Recht des Jünglings ist, Unendliches zu versprechen, nach allen Kränzen des Ruhmes zugleich die Hände auszustrecken, so zeigte auch die deutsche Nation in jenem zweiten Jugendalter ihrer Dichtung ein wunderbar vielseitiges Streben, sie war unermüdlich im Auswerfen neuer Probleme, im Erfinden neuer Kunstformen, versuchte ihre Kraft an allen Wissenschaften zugleich, mit einziger Ausnahme der Politik.

Freilich waren mit dieser eigentümlichen Entstehung unserer neuen Literatur auch ihre Schwächen gegeben. Da der Dichter hier nicht unmittelbar aus den großen Leidenschaften eines bewegten öffentlichen Lebens seine Stoffe schöpfen konnte, so gewann die Kritik ein Übergewicht, das der unbefangenen künstlerischen Schöpferkraft oft gefährlich wurde; die meisten dramatischen Helden unserer klassischen Kunst zeigen einen kränklichen Zug der Entsagung, der Tatenscheu. Die regellose Freiheit des Schaffens verführte die Poeten leicht zu willkürlichen Einfällen, zu gesuchter Künstelei, zu vielverheißenden Anläufen, die keinen Fortgang fanden, und es ist kein Zufall, daß der erste unserer Dichter unter allen großen Künstlern der Geschichte die meisten Fragmente hinterlassen hat. Die eigenartige Begabung durfte sich noch ungestört ausleben in ursprünglicher Kraft, ward noch nicht durch das politische Parteileben über einen Kamm geschoren. Stürmisch war die Liebe, zärtlich die Freundschaft, überschwenglich der Ausdruck jeder Empfindung; eine beneidenswert gedankenreiche Geselligkeit erzog einzelne Männer von allseitiger Bildung, wie sie seit den Tagen des Cinquecento der europäischen Welt nicht wieder erschienen waren. Doch mit der Eigenart entfaltete sich auch die Unart der freien Persönlichkeit in der Stille dieses rein privaten Lebens. »Lieben, hassen, fürchten, zittern, hoffen, zagen bis ans Mark« – so hieß das Losungswort der neuen Stürmer und Dränger; ein unbändiges Selbstgefühl, ein himmelstürmender Trotz ward in dem jungen Geschlechte rege, wunderlich abstechend von der Unfreiheit der öffentlichen Zustände. Unberechenbare Launen, persönlicher Haß und persönliche Neigung traten anmaßend auf den Markt hinaus; viele Werke jener Epoche sind schon heute nur dem verständlich, der die Briefe und Tagebücher ihrer Dichter kennt.

Eine Literatur von solchem Ursprung und Charakter konnte nicht im vollen Sinne volkstümlich werden, konnte nur langsam und mittelbar auf die Massen wirken. Während die Gebildeten an den reinen Formen der Antike sich begeisterten, blieb das Schönheitsgefühl der Volksmassen, obgleich sie bessere Schulbildung genossen als ihre romanischen Nachbarn, weit stumpfer als in Frankreich und Italien. Eine leidliche Durchbildung des Formensinnes ist diesem nordischen Volke nur einmal beschieden gewesen: in den Tagen der Staufer, da die Pfalzen und Dome des spätromanischen Stils sich erhoben und die herrlichen Lieder unserer älteren klassischen Dichtung in jedem Dorfe am Rhein und Main von den Bauern und Mägden verstanden wurden. Seitdem ist noch auf jeder Entwicklungsstufe der deutschen Kultur ein häßlicher Bodensatz ungebrochener Barbarei an den Tag getreten. Als die prächtige Renaissancefassade des Otto-Heinrichs-Baus zu Heidelberg entstand, lag die deutsche Dichtkunst tief darnieder, und das edle Bauwerk ward durch klägliche Knittelverse verunziert. Und wieder, als die frohe Zeit unserer zweiten klassischen Dichtung anhob, wurden die bildenden Künste, die nur in der weichen Luft behäbigen Wohlstandes gedeihen, von dem frischen Hauche der neuen Zeit kaum berührt, und Goethe verschwendete die Pracht seiner Verse an lächerliche Bauten, wie jenes Römische Haus zu Weimar, das mit seinen antikisierenden Formen dem Volk fremd bleibt, den gebildeten Sinn durch kahle Nüchternheit beleidigt. Wohl ist es ein rührender Anblick, dies Heroengeschlecht des Idealismus, das inmitten der schmucklosen Armseligkeit kleinfürstlicher Residenzdörfer um die höchsten Güter der Menschheit warb: unnatürlich weit blieb doch der Abstand zwischen dem Reichtum der Ideen und der Armut des Lebens, zwischen den verwegenen Gedankenflügen der Gebildeten und dem grundprosaischen Treiben der hart arbeitenden Massen. Der Adel einer harmonisch durchgebildeten Gesittung, wie sie die Italiener in den Tagen Leonardos beglückte, blieb den Deutschen noch immer versagt.

Aber wie sie nun war mit allen ihren Mängeln und Gebrechen, diese literarische Revolution hat den Charakter der neuen deutschen Kultur bestimmt. Sie erhob dies Land wieder zum Kernlande der Ketzerei, indem sie den Grundgedanken der Reformation bis zu dem Rechte der voraussetzungslos freien Forschung weiterbildet. Sie erweckte mit den Idealen reiner Menschenbildung auch den vaterländischen Stolz in unserm Volke; denn wie unreif auch die politische Bildung der Zeit erscheint, wie verschwommen ihre weltbürgerlichen Träume, in allen ihren Führern lebte doch der edle Ehrgeiz, der Welt zu zeigen, daß, wie Herder sagt, »der deutsche Name in sich selbst stark, fest und groß sei«. Nicht im Kampfe mit den Ideen der Humanität, sondern recht eigentlich auf ihrem Boden ist die vaterländische Begeisterung der Befreiungskriege erwachsen. Als grausame Schicksalsschläge den in den Wolken fliegenden deutschen Genius wieder an die endlichen Bedingungen des Daseins erinnert hatten, da gelangte die Nation durch einen notwendigen letzten Schritt zu der Erkenntnis, daß ihre neue geistige Freiheit nur dauern konnte in einem geachteten, unabhängigen Staate; der Idealismus, der aus Kants Gedanken und Schillers Dramen sprach, gewann eine neue Gestalt in dem Heldenzorne des Jahres 1813. Also hat unsere klassische Literatur von ganz verschiedenen Ausgangspunkten her dem nämlichen Ziele zugestrebt wie die politische Arbeit der preußischen Monarchie. Diesen beiden bildenden Mächten dankt unser Volk seine Stellung unter den Nationen, den besten Inhalt seiner neuesten Geschichte; und merkwürdig, wie sie beide in ihrer Entwicklung an hundert Jahre lang miteinander Schritt gehalten haben: ein innerer Zusammenhang, der ebendarum nicht zufällig sein kann, weil eine unmittelbare Wechselwirkung selten stattfand. In derselben Zeit, da der Große Kurfürst den neuen weltlichen Staat der Deutschen schuf, geschah auch in der Literatur die entscheidende Tat, die Befreiung der Wissenschaft von dem Joche der Theologie. Als darauf der preußische Staat unter Friedrich Wilhelm I. in stiller Arbeit seine Kräfte sammelte, trat auch das geistige Leben der Nation in einen Zustand der Selbstbesinnung: die dürre Prosa der Wolffischen Philosophie lehrte die Mittelklassen wieder logisch zu denken und zu schreiben. Um das Jahr 1750 endlich, gleichzeitig mit dem Heldentume König Friedrichs, begann das Erwachen der schöpferischen Kraft in der Literatur, und die ersten dauernden Werke der neuen Dichtung erschienen. (86–91.)

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