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Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band

Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorHeinrich von Treitschke
titleDeutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
seriesAusgewählte Schriften
volumeErster Band
editorWilhelm Mommsen
correctorreuters@abc.de
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Einleitung

Die »Deutsche Geschichte« Heinrich von Treitschkes steht unter den Meisterwerken der deutschen Geschichtswissenschaft mit an allererster Stelle, und an Einfluß und Wirkung auf das Geschichtsbild der deutschen Leserwelt ohne Zweifel an der ersten. In ihr vereint sich eine jahrzehntelange Forscherarbeit mit einer Darstellungskraft ersten Ranges, die den Leser die Mühsal wissenschaftlicher Arbeit nirgends merken läßt, und die das in verstaubten Akten begrabene Leben der Vergangenheit mit einer Farbenpracht sondergleichen wiedererweckt. »Man sieht es meinen Schriften nicht an, wie sauer sie mir werden«, so schrieb er selbst einmal. – Aber noch mehr als die Vergangenheit spricht aus der »Deutschen Geschichte« Treitschkes mächtige Persönlichkeit. Für ihn hat die Geschichte nicht nur den Zweck, die Vergangenheit darzustellen, sondern sie ist ihm zugleich politisches Mittel; sie soll die Deutschen begeistern für das eigene Volk und ein Mahner und Führer sein auch in den politischen Aufgaben der Gegenwart. Der Historiker Treitschke und der leidenschaftliche politische Kämpfer sind unzertrennlich. Auch aus der »Deutschen Geschichte« spricht fast in jeder Zeile der Mann, der der leidenschaftlichste und größte publizistische Wegbereiter der Bismarckschen Reichsgründung, der deutschen Einheit unter preußischer Führung gewesen ist.

Heinrich von Treitschke wurde am 15. September 1834 in Dresden geboren. Seine Vorfahren waren einst aus religiösen Gründen aus Böhmen ausgewandert, und Treitschke war allezeit stolz, aus »gutem Hussitenblut« zu stammen. Sein Vater, sächsischer Offizier und zuletzt General, war ein seinem Staat und Königshaus in fester dynastischer Gesinnung treuergebener Mann von nicht geringer Fähigkeit und menschlich ansprechendem Wesen. Heinrich war sein ältester Sohn. Er besuchte in Dresden die Kreuzschule und begann 1851 in Bonn sein Studium, in dessen Mittelpunkt Staatswissenschaft und Geschichte standen. Unter seinen akademischen Lehrern war vor allem der Einfluß Dahlmanns gewaltig. Die große Arbeitskraft, die schon der junge Student entwickelte, hinderte ihn nicht, sich ganz dem »Zauber des rheinischen Lebens« zu ergeben, von dem er so manches Mal später spricht, und das ihm als ein »Mikrokosmos von Deutschland« erschien. Zugleich genoß er in der Burschenschaft Frankonia auch alle Freuden des studentischen Verbindungslebens. Der Bonner Zeit folgten zwei Semester in der sächsischen Heimatsuniversität Leipzig, dann zog es ihn noch einmal an den Rhein und zu seiner Burschenschaft nach Bonn. Er beschloß sein Studium in Tübingen, Freiburg und Heidelberg und mit einer nationalökonomischen Dissertation.

Die nun folgenden Jahre, die Treitschke in seiner Vaterstadt Dresden, dann in Göttingen und Leipzig zubrachte, sind Zeiten des inneren Ringens um seinen Beruf. Seine wissenschaftlichen Neigungen kämpften mit dem Glauben an seinen Beruf als Dichter. Er veröffentlichte 1856 bis 1857 zwei kleine Gedichtbändchen, die im wesentlichen der Studentenzeit entstammten, und entwarf den Plan eines großen historischen Dramas. Er hat, wie es noch in seinem Aufsatz über Kleist zum Ausdruck kommt, noch lange darunter gelitten, eine Seite seines Wesens verkümmern zu lassen, den Dichter zugunsten des Gelehrten aufzugeben. Aber er, der Meister der Sprache und künstlerischer Geschichtsdarstellung, war kein Dichter. Er besaß nicht die Fähigkeit, sein leidenschaftliches und auch hier vor allem nationalpolitisches Ethos in dichterischer Form zu meistern. Der Inhalt dieser Gedichte sprengt meistens die Form. Auch die Reihe der Dichteraufsätze (Kleist, Otto Ludwig, Hebbel, Keller, Milton, und dann später Lessing, Byron, Uhland), mit denen er seine publizistische Tätigkeit eröffnete, sind bei aller literargeschichtlichen Bedeutung doch ebenfalls im wesentlichen bestimmt durch seine historisch-politischen Anschauungen. So war es doch wohl die seinem Wesen gemäße Entscheidung, daß er den Gedanken des Dichterberufs aufgab und sich für den Gelehrtenberuf entschied. Anfang 1859 hat er sich dann mit einer Arbeit über die »Gesellschaftswissenschaft« in Leipzig habilitiert.

Schon aus dieser Schrift spricht die Stärke seines Staatsgedankens, die historisch, nicht theoretisch begründete Auffassung des Staatslebens und die Erkenntnis vom Machtcharakter des Staates, aber zugleich auch der Glaube an die enge Verbindung von Staat und Gesellschaft, und die Auffassung, daß der Staat nur das organisierte Volk sei. Schon damals sind für ihn die Formen des Staates und des Verfassungslebens nicht Allheilmittel und Theorien, die für alle Zeiten gelten, sondern aus der historisch-politischen Situation erwachsene Notwendigkeiten. Mit diesen allgemeinen Anschauungen stand in engster Verbindung, daß er sich schon damals zum leidenschaftlichen Vorkämpfer des deutschen Einheitsgedankens entwickelt hatte, und daß seine Hoffnung sich auf den einzigen Staat Deutschlands richtete, der seinem Begriff vom Machtcharakter des Staats genügen konnte, auf Preußen. Der Sohn des sächsischen partikularistischen Generals und der Mann, der noch in seinen spätesten Zeiten immer wieder betonte, daß er sich im deutschen Süden besonders wohl fühle, wurde zum entschiedensten Vertreter der Anschauung, daß nur Preußen die Einheit bringen könne, und zwar mit dem Mittel seiner staatlichen Macht. Bereits 1858 begann er die dann fast ein Menschenalter fortgesetzte Mitarbeit an den »Preußischen Jahrbüchern« in diesem Sinne, und alle seine historischen Arbeiten bis zur Reichsgründung stehen unter dem Gesichtspunkt, dem Gedanken des preußisch-deutschen Staates zu dienen. All diese Arbeiten sind in erster Linie publizistisch und sollen politisch wirken, trotz zum Teil sehr erheblicher wissenschaftlicher Bedeutung. Sie dienen dem Gedanken der preußischen Hegemonie in Deutschland, und bekennen sich in immer schärferer Form zu einem strengen Unitarismus, dessen Ideal die Eroberung des übrigen Deutschlands durch Preußen ist.Der dritte und vierte Band unserer Ausgabe soll eine Auswahl aus den politischen Schriften Treitschkes bis 1871 geben und seine gewaltige Bedeutung als Vorkämpfer der Bismarckschen Reichsgründung zeigen. Wir verschieben deshalb eine etwas ausführlichere Skizze über seine politische Entwicklung bis zur Reichsgründung auf die Einleitung zum dritten und vierten Band.

Diese Einstellung machte Treitschke das Leben in den partikularistischen und streng antipreußischen Kreisen seines Heimatstaates nicht gerade leicht, zumal er in seinen Vorlesungen einen in Leipzig sehr anstößigen Stoff, »Geschichte des preußischen Staates«, behandelte. Dazu kam der Gegensatz zu der politischen Gesinnung seines Vaters, der schließlich im Jahre 1866 zu einem öffentlich ausgetragenen Konflikt führte, ohne aber das persönliche Verhältnis auf die Dauer zu trüben. Der junge Dozent, der es mit seiner Lehrtätigkeit sehr ernst nahm, hatte trotz diesen politischen Verhältnissen einen beispiellosen Erfolg, den er neben seinem sachlichen Können auch seiner gewaltigen und eindringlichen Rednergabe verdankte.

Die Leipziger Lehrtätigkeit, die durch einen Studienaufenthalt in München unterbrochen worden war, beendete ein Ruf als außerordentlicher Professor der Staatswissenschaften nach Freiburg im Breisgau, den er annahm, zumal in Sachsen ein Fortkommen nicht in Aussicht stand. In dem damals sehr ultramontan bestimmten Freiburg fehlte ihm freilich nicht nur der Umfang der Lehrtätigkeit, den er als Privatdozent gefunden hatte, sondern auch der enge politische Freundeskreis, zu dem in Leipzig auch Freytag und Mathy gehört hatten. Er fühlte sich in Freiburg »als ein vorgeschobener Posten protestantischer Bildung inmitten dieser ultramontanen Welt«, und die Eindrücke dieser Zeit sind für seine politische Gegnerschaft gegen den Katholizismus allezeit stark mitbestimmend gewesen. Er bekannte sich gerade hier stolz als Protestant, obwohl seine protestantische Überzeugung alles andere als kirchlich war. Trotz der Ungunst der Umgebung sind aber diese Freiburger Jahre mit die fruchtbarsten seines Lebens gewesen. Hier entstand die größte und wichtigste seiner historisch-politischen Abhandlungen: »Einheitsstaat und Bundesstaat«. Zugleich fand er hier in der Freiin Emma von Bodman die Gefährtin seines Lebens.

Das Jahr 1866, das über das deutsche Schicksal in dem Sinne entschied, der Treitschkes ganzen Anschauungen entsprach, bedeutet auch für seine Entwicklung einen tief einschneidenden Wendepunkt. Da sich Baden im Krieg von 1866 nicht auf die Seite Preußens stellen konnte, nahm Treitschke seine Entlassung und begab sich nach Berlin. In der Nacht nach der Schlacht von Königgrätz traf er in der preußischen Hauptstadt ein und übernahm für kurze Zeit die Leitung der »Preußischen Jahrbücher«. Im Herbst 1866 folgte er einem Ruf als Professor der Geschichte nach Kiel, auch hier von den noch stark partikularistisch und antipreußisch gesinnten Kollegen und der Bevölkerung nicht sehr freundlich aufgenommen. Schon ein Jahr später berief ihn die badische Regierung nach Heidelberg auf einen der ersten Lehrstühle, den die deutsche Geschichtswissenschaft zu vergeben hatte. Hier in Heidelberg fand Treitschke auch für seine politischen Anschauungen entschiedenen Rückhalt bei Dozenten und Studenten, und er war dem Ruf vor allem deshalb gefolgt, um gerade hier im Süden für die deutsche Sache zu wirken. Auch diese Heidelberger Jahre, die die Zeiten des Deutsch-Französischen Kriegs und der Reichsgründung umfassen, sind im wesentlichen ausgefüllt durch große publizistische und historisch-politische Arbeiten, die wiederum dem Gedanken des preußisch-deutschen Staates dienen sollten. Im Frühjahr 1874 folgte er dann einem Ruf an die Universität Berlin.

Mit der Reichsgründung war für Treitschke wie für manchen andern Vertreter seiner Generation Sinn und Ziel jahrzehntelangen Strebens, der Zweck des bisherigen Lebens erfüllt. Für ihn gilt das noch mehr als für manchen andern der Mitkämpfer in der Einheitsbewegung. Denn er hatte ja schon seit seiner Studentenzeit, freilich in langsamer Entwicklung, sich zu der Art der Lösung bekannt, die Wirklichkeit geworden war, zu dem Gedanken, daß nur die Macht des preußischen Staates die Lösung erzwingen, daß die deutsche Einheit nur durch die Form der preußischen Hegemonie geschaffen werden könne. Er war hier weitergegangen als Bismarck selbst. Sein Ideal wäre die restlos unitarische Lösung gewesen, die Eroberung des ganzen Deutschlands durch Preußen, mit dem Verschwinden der gesamten Einzelstaaten. Er hat zunächst den Konzessionen, die Bismarck dem Süden, vor allem Bayern, machte, nicht ohne schwere Bedenken gegenübergestanden. Aber er tröstete sich nicht ohne Grund damit, daß das wichtigste, die starke einheitliche Gewalt in der Hand der preußischen Krone trotz allen verhüllenden Formen der nur scheinbar föderalistischen Verfassung erreicht sei. Er sprach von dem »preußisch-deutschen Einheitsstaat mit den Nebenlanden, welche sich ihm als Bundesgenossen angeschlossen« hätten, und nannte das Reich den »erweiterten preußischen Staat«. Sein Ziel blieb bis an das Ende seines Lebens der Ausbau der Reichsverfassung im unitarischen Sinne in Verbindung mit Dezentralisation und Selbstverwaltung der einzelnen Provinzen. Aber die Taktik der Bismarckschen Politik, die dynastischen Widerstände zu schonen, hat er im wachsenden Maße bejaht, und hat später, ganz wie Bismarck, in den Fürsten und Regierungen stärkere Hüter des Einheitsgedankens gesehen als in der Volksvertretung, im Gegensatz zu seinen ursprünglichen Anschauungen.

Auch seine innenpolitischen Ansichten näherten sich seit 1866 immer mehr der Politik des Reichsgründers. Er hatte ursprünglich den allgemeinen Glauben der Einheitsbewegung geteilt, daß nur ein liberales und freiheitliches Preußen die deutsche Einheit werde schaffen können, ja er ist infolge seiner leidenschaftlichen und stürmischen Natur in den 50er und in der ersten Hälfte der 60er Jahre innenpolitisch viel radikaler gewesen, als etwa die kleindeutschen Liberalen des Nationalvereins es in ihrer Mehrheit waren. Er hat Bismarck zunächst heftig bekämpft, und die Anfänge der Bismarckschen Politik haben seinen Radikalismus zunächst nur verstärkt und eine direkt revolutionäre Stimmung hervorgerufen. Das Jahr 1864 hat ihn dann für Bismarcks Außenpolitik gewonnen, aber seinem innenpolitischen System hat er noch bis 1866 in scharfem Mißtrauen und in ausgesprochener Kampfstellung gegenübergestanden. Aber allmählich vollzog sich seitdem die Wandlung. Noch in dem Jahrzehnt nach der Reichsgründung bekannte er sich freilich zu seinen alten liberalen Anschauungen und war Mitglied der Nationalliberalen im Deutschen Reichstag, aber er war doch eigentlich nur insofern ein Parteigänger der Liberalen, als diese, wie es bis 1879 im wesentlichen der Fall war, mit Bismarck zusammengingen. Er hat auch später einen guten Teil seiner alten liberalen und freiheitlichen Grundanschauungen festgehalten, aber in der Praxis der Politik trat er der politischen Rechten immer näher. 1878 war er der einzige Nationalliberale, der für das Sozialistengesetz stimmte. Als dann 1879 der Umschwung in der Wirtschaftspolitik Bismarcks vom Freihandel zum Schutzzoll zum Bruch mit den Nationalliberalen führte, vollzog Treitschke seinen Austritt aus der Partei. Er selbst war bis dahin überzeugter Vertreter des Freihandels gewesen, den er noch 1877 in einer Reichstagsrede verteidigt hatte, jetzt wandte er sich mit Bismarck der neuen Schutzzollpolitik zu.Vgl. dazu seine Beurteilung Lists, den er früher entschieden abgelehnt hatte, in unserer Auswahl Bd. 2, S. 120 ff.

Man hat gelegentlich darüber gestritten, ob Treitschke eine innere Wandlung durchgemacht habe oder seinen alten Grundanschauungen treu geblieben sei. In vielen einzelnen Fragen hat er ganz zweifellos sich nicht nur gewandelt, sondern in der späteren Zeit das Gegenteil von dem vertreten, was er in den Jahren vor der Reichsgründung für richtig hielt, so etwa in der Stellung zur Kirche oder zum Parlament oder in der Beurteilung Englands, dessen innenpolitische Verhältnisse ihm zunächst als Vorbild erschienen, und das er in den späteren Jahren mit leidenschaftlichem Haß und Spott verfolgte. Er war ja, und das ist seine Stärke als Politiker und Historiker, nie ein Mann der Doktrin, und die Formen des staatlichen Lebens waren ihm stets nur Mittel zum Zweck staatlicher Größe. Seine schon 1859 entwickelte Grundanschauung vom Machtcharakter des Staates hat er ebenso festgehalten wie seinen innersten Glauben an die Sittlichkeit des Staatszwecks und die Meinung, daß der Staat das organisierte Volk sei oder, wie er es in seinen Vorlesungen über Politik definierte: »Der Staat ist das als unabhängige Macht rechtlich geeinte Volk.« Im ganzen betonte er jetzt die konservativen Bestandteile seiner Staatsanschauung stärker als die liberalen und demokratischen. Freilich der eigentlichen konservativen Parteidoktrin blieb er auch jetzt ebenso fremd, ja vielleicht noch fremder als früher der liberalen. So hat er noch in seinen Vorlesungen über Politik vom Recht der Revolutionen gesprochen, erklärt, daß die Monarchie nicht absolut höher stände als die Republik und vor dem Mißbrauch des Wortes »angestammte« Dynastien gewarnt. Aber in allen Fragen der praktischen Politik stand er zum Teil schon in den 70er und dann immer entschiedener in den 80er und 90er Jahren auf der Seite der politischen Rechten, und bekämpfte seine alten liberalen Parteigenossen mehrfach mit demselben leidenschaftlichen Ungestüm, mit der er einst gegen die konservativen Kräfte gefochten hatte. Die Tatsache, daß die deutsche Einheit von oben, durch die Macht der preußischen Krone geschaffen war, ließ ihn, wie so manchen andern Vertreter seiner Generation, verkennen, daß hinter dieser historisch gewiß notwendigen Lösung noch neue und unerfüllte Aufgaben lagen, daß es darauf ankam, den durch Bismarcks Politik geschaffenen deutschen Staat nun innenpolitisch zu unterbauen. Er hat einmal gesagt: »Der Staat ist eine sittliche Gemeinschaft, er ist berufen zu positiven Leistungen für die Erziehung des Menschengeschlechts, und sein letzter Zweck ist, daß ein Volk in ihm und durch ihn zu einem wirklichen Charakter sich ausbilde, denn das ist für ein Volk wie für den einzelnen Menschen die höchste sittliche Aufgabe. Beherzigen wir das, so wird uns klar werden, daß trotz des hohen Standes der deutschen Bildung wir diese große Aufgabe des Staates noch nicht entfernt gelöst haben. Gerade eigentlich nationalen Charakter besitzen die Deutschen, weil ihre Einheit noch so jung ist, sehr viel weniger als andere Völker.« Aber er hat selbst alle Folgerungen aus dieser Erkenntnis nicht gezogen und wohl nicht ziehen können. Das Wesentlichste für die Beurteilung seiner Haltung in den Zeiten nach der Reichsgründung ist nicht der Wandel in seinen Anschauungen, den ihm seine alten Parteigenossen vorwarfen, sondern, wie wir meinen möchten, daß er in vielen Dingen sich eben nicht wandeln konnte. Er, der vor der Reichsgründung wie kein anderer die Kräfte der Zukunft erkannt hatte, hat sie in den Zeiten nach 1871 verkannt und sich teilweise in leidenschaftlichem Kampf gegen sie gestemmt. Dem Schicksal seiner ganzen Generation, die bei vielen Leistungen im einzelnen, nach der Reichsgründung im ganzen erstarrte und in berechtigtem Stolz auf den Lorbeeren ausruhte und die neuen Probleme nicht meistern konnte, ist auch Treitschke zum Teil verfallen.

Er war freilich eine zu große und zu leidenschaftliche Persönlichkeit, um nicht auch jetzt noch Gewaltiges als Politiker zu leisten. Auch da, wo wir heute meinen, daß sein Blick rückwärts gewandt war, ist er doch bei aller Leidenschaftlichkeit seiner Kampfesweise stets von großen Gesichtspunkten erfüllt, und nie so engstirnig und einseitig, wie man ihn in der Agitation des Auslandes und wie ihn auch mancher, ihn nicht verstehende Deutsche auffaßte. So hat er zum Beispiel bei aller Bewunderung Bismarcks und allem Eintreten für seine Politik, deren wesentlichste Schwäche schon in den Zeiten der Reichsgründung klar erkannt und immer wieder betont, daß Bismarck nur an die eigene Größe, nicht an seine schwächeren Nachfolger denke, daß er keine selbständigen Naturen neben sich dulde, und hat stets nicht ohne Sorge der Frage ins Auge gesehen, was nach Bismarck einmal werden sollte.

Der Grundton seiner politischen Tätigkeit, deren Schwergewicht auch in der Zeit seiner Zugehörigkeit zum Reichstag in seiner publizistischen und seiner Lehrtätigkeit lag, blieb die Predigt vom Wesen des Staates als Macht, und in der praktischen Politik die Unterstützung alles dessen, was die Macht des Staates stützte oder zu stützen schien. Er hat diese richtige Anschauung vom Machtcharakter des Staates nie so banal und äußerlich aufgefaßt, um sie in die reine Vergötterung der äußeren Macht aufzulösen und diese als Selbstzweck aufzufassen. Die Lehren Machiavellis hat er stets als unsittlich empfunden, weil Macht und Größe des Staates als Selbstzweck schlechthin seinen sittlichen Überzeugungen widersprachen. Treitschkes Staat hatte, wie man einmal gesagt hat, »in all seiner Machtfülle doch hauptsächlich eine moralische Funktion«, hatte einen sittlichen Zweck. Er ist nie der Chauvinist gewesen, als der er in der Kriegspropaganda des Auslandes erschien. So hat er schon im Dezember 1870 von dem »übermäßigen Franzosenhaß dieser wilden Tage« gesprochen und einmal gesagt, »Europa kann den Genius Frankreichs nicht entbehren«. Unmittelbar nach der Reichsgründung warnte er, die weltumspannenden Pläne des mittelalterlichen Reiches aufzunehmen, und hat sich bei aller Verherrlichung des Krieges und bei der daraus folgenden Kampfstellung gegen den Pazifismus auch jederzeit aufs schärfste gegen den Imperialismus gewandt. Er ist sich stets bewußt gewesen, daß der nationale Machtstaat eingebettet ist in die Gemeinschaft der andern europäischen Machtstaaten und hat immer wieder von der »Aristokratie« der europäischen Völker gesprochen. Aber es ist nicht zu leugnen, daß die Art, wie er seine Anschauung vom Machtcharakter des Staates vertrat, in Verbindung mit der leidenschaftlichen Schärfe seiner Kampfform und der Neigung zu vereinfachenden Formulierungen, unendlich viel dazu beigetragen hat, einen rein äußerlichen Machtkult in den von ihm beeinflußten Schichten zu entwickeln. Gerade bei denen, die die sittliche Kraft seines Staatsgedankens nicht verstanden, mußten die von ihm tief unterbauten, aber schlagwortartig ausgesprochenen Sätze von der Macht des Staates zum reinen Schlagwort werden.

Auch im Streit gegen die Sozialdemokratie ist es ihm so gegangen, daß auf weite Kreise die leidenschaftlichen Kampfrufe gegen die Sozialdemokraten wirkten und nicht das, was er positiv über die soziale Frage dachte. Er hat stetsvgl. unsere Auswahl Bd. 2. S. 130 ff. das Elend und die Not der arbeitenden Schichten klar und deutlich erkannt. Und er hat sich mit derselben Schärfe, wie gegen die Sozialdemokraten, auch gegen den bürgerlichen Klassenegoismus gewandt. In seinen Vorlesungen über Politik hat er einmal unter Berufung auf Goethe davon gesprochen, daß die, »die wir die niederste Klasse nennen«, »für Gott gewiß die höchste Menschenklasse« sei. Trotzdem hat er in der Mitte der 70er Jahre, als die sogenannten Kathedersozialisten unter Führung von Schmoller im Gegensatz zu der Masse der Liberalen für eine entschiedene staatliche Sozialpolitik eintraten, sich mit dem ihm eigenen Ungestüm gegen »den Sozialismus und seine Gönner«, das heißt die Kathedersozialisten und vor allem Schmoller, gewandt. Auch hier hat er, wie er später selbst aussprach, in der Kampfstimmung übertrieben; mehrfach hat er betont, er stehe Schmoller gar nicht so fern und sei kein Manchestermann. Sein leidenschaftlicher Kampfruf gegen die Sozialdemokraten entsprang gerade bei ihm seiner sittlichen Staatsauffassung und dem Erbe des individualistischen Klassizismus. Besonders wandte er sich von seiner Staatsauffassung aus überhaupt dagegen, daß wirtschaftliche Faktoren oder Organisationen das Staatsleben übermächtig zu bestimmen versuchten. Auf der andern Seite blieb er gerade hier der alte Individualist und hielt an dem Glauben der liberalen Generation vor der Reichsgründung fest, daß die soziale Frage im wesentlichen durch eine sittliche Veredelung der untersten Schichten zu lösen sei. Er verkannte vollkommen, daß die arbeitende Klasse, die sich in der Sozialdemokratie organisierte, doch nicht nur mit rein egoistischen Klassenforderungen auftraten, sondern daß hier eine neue Schicht emporkam, die, ebenso wie einst das Bürgertum, jetzt Anteil an den Geschicken des Staates verlangte. Für ihn blieb auch in diesen Zeiten das Bürgertum der Stand, »auf dem die eigentliche nationale Kraft eines jeden Volkes ruht«, und so sah er in der sozialdemokratischen Bewegung nichts als eine von wenigen Demagogen gegen alles Bestehende aufgereizte und unmündige Masse.

Für seine persönliche Stellung zu den alten politischen und wissenschaftlichen Freunden waren am verhängnisvollsten seine Ende der 70er Jahre beginnenden Äußerungen zur Judenfrage und die sich daran knüpfenden Auseinandersetzungen. Als er in der Zeit der damals anschwellenden antisemitischen Bewegung auch seinerseits scharf gegen von ihm verurteilte Erscheinungen in einem Teil der jüdischen Literatur und Presse Stellung nahm, glaubte er sich auch des Einverständnisses eines alten jüdischen Freundes sicher. Er selbst hat sich dagegen verwahrt, als »Verteidiger der Unduldsamkeit und des Rassenhasses« bezeichnet zu werden. Er war auch alles andere als ein Anhänger der Rassentheorien und forderte von den Juden gerade ein Aufgehen in das nationale Volksganze und griff nur den Teil der Juden an, der seiner Ansicht nach nicht dazu bereit war. Trotzdem hat seine überaus scharfe Kampfesweise dazu geführt, daß die antisemitische Bewegung ihn auch für Dinge in Anspruch nahm, die er nicht zu verteidigen gewillt war, und daß auch hier seine leidenschaftlichen Worte, die im Grunde versöhnen sollten, nur Öl ins Feuer gossen.

Es liegt eine gewisse Tragik in all diesen politischen Kämpfen des späteren Treitschke. Persönlich trennten sie ihn von vielen alten Freunden, ohne ihm neue zu gewinnen, und sachlich erreichte seine Publizistik jetzt mannigfach das Gegenteil von dem, was im Grunde seiner vertieften sittlichen Staatsanschauung entsprach. Zu dieser Tatsache hat das körperliche Leiden Treitschkes ohne Zweifel gewaltig beigetragen, schon seit seiner Jugend litt er an einem schweren Gehörleiden, das ihm die mündliche Verständigung und schon als Student das Hören von Vorlesungen fast unmöglich machte, und diese Schwerhörigkeit steigerte sich in den späteren Jahren fast bis zur Taubheit. Er wurde so gehindert, durch persönliche Aussprache mit Andersdenkenden seine eigenen politischen Anschauungen abzuklären. Das steigerte natürlich die bei seiner ungestümen Natur sowieso vorhandene Neigung zu scharfer Einseitigkeit, und vor allem nahm ihm die Taubheit die Möglichkeit, den Eindruck seiner eigenen Worte zu kontrollieren. Er hat selbst mit diesem Leiden seit der Jugend schwer gerungen und es mit gewaltiger Energie überwunden. Er wäre vielleicht seiner ganzen Natur nach ohne dieses Leiden ein Mann der Tat und nicht ein Mann des Wortes und der Wissenschaft geworden. Auch seine Tätigkeit im Reichstag wurde bei allem gewaltigen Eindruck seiner Reden dadurch unendlich gehemmt, zumal, was er selbst scharf geißelte, die wirklichen Entscheidungen im Parlament ja nicht in den öffentlichen Reden, sondern notwendig in der mündlichen Aussprache der Ausschüsse und der Fraktionssitzungen fallen. Und indem in den 80er Jahren der Kreis seiner politischen Freunde sich lichtete, traf ihn auch schwerstes Unglück in der Familie. 1881 verlor er seinen innigstgeliebten einzigen Sohn, dem er den Vornamen des Reichsgründers, Otto, gegeben hatte, und zugleich erkrankte seine Frau an einer schweren, nicht mehr zu heilenden Gemütskrankheit. All das mußte naturgemäß die schon aus seinem Gehörleiden erwachsende Einsamkeit und damit Einseitigkeit steigern, gerade bei einem Mann von dem stürmischen und leidenschaftlichen Temperament Treitschkes. Freilich zu dem leidenschaftlichen und erbitterten Kämpfer haben ihn natürlich nicht nur diese äußeren Dinge gemacht, er war es seiner Natur nach, und er hat selbst einmal, wohl mit deutlicher Beziehung auf sich selbst, von Pufendorf gesagt, daß »kein anderer Stamm in diesem leidenschaftlichen Deutschland soviel – – – stürmisch aufbrausende Naturen« zähle wie der obersächsische, dem er ja selbst angehörte. Und bei aller Leidenschaftlichkeit und auch Einseitigkeit des politischen Kampfes und trotz seiner naturgemäß gerade alte Freunde oft verletzenden Kampfweise ist und bleibt doch gerade diese Kämpfernatur Treitschkes das Größte und Schönste an ihm. Denn er hat nie gekämpft um der Person und des persönlichen Vorteils willen, sondern immer für die Sache und für das, was er im Interesse seines Staates und Volkes für richtig hielt. Es entsprach seiner starken Liebe zu Nation und Staat, und seinem tief inneren, sittlichen Verantwortungsgefühl, daß er es für Pflicht hielt, Partei zu ergreifen in den Kämpfen des öffentlichen Lebens. Und so wenig er oft in der Lage war, dem Gegner gerecht zu werden, so empfand er doch das Aneinanderprallen der politischen Meinungen und der sachlichen Gegensätze in großen Fragen des Volkslebens als notwendig und gut.

In den letzten Jahren seines Lebens ist freilich seine publizistische Tätigkeit gering gewesen. Im wesentlichen griff er nur noch einmal ein, als die Schulpolitik Wilhelms II. seinen eigenen Bildungsidealen widersprach. Bismarcks Sturz hat ihn schwer erschüttert, und obwohl er zunächst, wie fast alle seine Zeitgenossen, begeistert von dem jungen Kaiser gesprochen hatte, sah er dann mit wachsenden Bedenken die Entwicklung der deutschen Politik in den Händen Wilhelms II. In dem Charakterbild Friedrich Wilhelms IV.Vgl. unsere Auswahl Bd. 2, S. 80 ff. hat man nicht ohne Grund den Eindruck der Persönlichkeit des letzten Deutschen Kaisers auf Treitschke wiederfinden wollen, und er selbst schrieb einmal, daß das Bild Friedrich Wilhelms IV. »nur zu viele ungesuchte Parallelen mit der ungewissen Gegenwart« biete. Die letzten Lebensjahre hat fast ganz die Arbeit an der »Deutschen Geschichte« ausgefüllt.

Die Vorarbeiten an der »Deutschen Geschichte« reichen bis zum Anfang der 60er Jahre zurück. Er wollte ursprünglich eine Geschichte des Deutschen Bundes schreiben, um die Nation aufzurütteln zum Kampf für die Einheit, um zu zeigen, daß ihr die Grundlagen alles staatlichen Daseins fehlen und die Vernichtung der Kleinstaaten zu predigen. Also auch dies größte Werk Treitschkes verdankt seine Entstehung einer politischen Absicht und einem politischen Zweck. Die eigentliche Arbeit begann er seit 1871, und seine unermüdliche Forscherarbeit, vor allem in den preußischen Archiven, und Sammlerarbeit bei allen Mitlebenden führten dazu, daß die Arbeit unendlich viel länger dauerte, als er ursprünglich beabsichtigt und seinem Verleger versprochen hatte, und daß der Umfang des geplanten Werkes immer mehr anwuchs. Das galt vor allem von dem ersten 1879 erschienenen einleitenden Band, der im Gegensatz zu dem ursprünglichen Plan im wesentlichen einen großartigen Überblick über die gesamtdeutsche Geschichte gibt. Dieser Band ist noch nicht Ergebnis eigener Forscherarbeit, aber er charakterisiert Treitschkes historisch-politische Anschauungen am besten. Die weiteren Bände, die die deutsche Geschichte bis an die Schwelle der Revolution von 1848 schildern, erschienen 1882,1885, 1889 und 1894. Zu aller Ungunst der äußeren Verhältnisse, Gehörleiden und Unglück in der Familie, kam in den 90er Jahren nun noch ein schweres Augenleiden, das ihm die Weiterarbeit nur unter großen Qualen ermöglichte. Trotzdem ging er in der Hoffnung, sein Werk noch vollenden zu können, mit unermüdlicher Ausdauer an die Arbeit des sechsten, der die Jahre 1848 bis 1850 behandeln sollte, während der siebente Band einen zusammenfassenden Überblick bis 1871 geben sollte. Beide sind nicht mehr erschienen, auch den Plan, seine Vorlesungen über Politik noch selbst als Buch auszuarbeiten, konnte er nicht verwirklichen. Mitten in der Arbeit nahm ihm der Tod am 28. April 1896 die Feder aus der Hand. Die Vollendung seines Werkes, die bis in die letzte Stunde seine Sehnsucht war, ist ihm also nicht beschieden gewesen.

Wir haben schon zu Beginn unserer Einleitung von der gewaltigen Bedeutung und Meisterschaft dieses großen Werkes gesprochen. Auch hier spricht nicht nur der Historiker Treitschke, sondern der leidenschaftliche Politiker und die Kraft seiner großen Persönlichkeit. Treitschke gehört zu der Richtung der sogenannten kleindeutschen Historiker, die auch an der Geschichte das politische Ziel der preußischen Führung in Deutschland beweisen wollten. Er ist der bedeutendste und größte unter ihnen ohne Zweifel gewesen, zugleich freilich auch der Einseitigste. »Niemand hat den Wahlspruch,« so hat Max Lenz einmal gesagt: » cum ira et studio Geschichte schreiben zu wollen, voller zu dem seinen gemacht als Heinrich von Treitschke: mit Feuerzungen hat er das Hohelied verkündet, des Reiches Herrlichkeit unter Hohenzollerns Krone.« Auch seine »Deutsche Geschichte« ist, wie Bailleu einmal gesagt hat, »nur ein Akt in seinem politischen Kampfe«, seine Geschichtsauffassung, wie sie auch in den verschiedenen Vorworten zu den einzelnen Landen zum Ausdruck kommt, steht im scharfen Gegensatz zu der Leopold von Rankes: dessen leidenschaftsloses Versenken in das Leben der Vergangenheit, das natürlich auch die allgemeinen politischen Anschauungen Rankes in seinen Urteilen nicht auslöscht, war Treitschke nicht gegeben. Er selbst hat gelegentlich empfunden, daß er in den »historischen Stil« erst hineinwachsen müsse, und hat sich bemüht, ruhiger zu schreiben, und hat selbst den letzten Band deshalb als den besten empfunden, weil ihm das hier am meisten gelungen war. Aber auch in dem letzten Bande, wie in dem ganzen Werk, sind alle historischen Urteile Treitschkes bestimmt vom Standpunkt seines eigenen politischen Denkens aus. Er beurteilte jede handelnde Person und jeden einzelnen Staat in den Zeiten der Vergangenheit im wesentlichen von dem Standpunkt aus, ob er im Sinne der preußischen Führerstellung in Deutschland gehandelt oder ihr widerstrebt hatte. Er setzt bei den Männern der Vergangenheit etwas voraus, wozu nicht nur seine eigenen Kampfgenossen, sondern er selbst sich erst langsam durchgerungen hatte. Einer der Staatsmänner, der in den Zeiten vor der Reichsgründung ganz im Sinne Treitschkes kämpfte, der badische Freiherr von Roggenbach, hat nach Erscheinen des zweiten Bandes in einem Brief an Treitschke bei aller Bewunderung für das Werk mit Recht darauf hingewiesen, daß dieser allzusehr vergesse, daß die Männer der Vergangenheit zum größten Teil nicht anders handeln konnten, als sie gehandelt haben. »Für Gedanken,« so schrieb Roggenbach, »die noch nicht geboren sind, ist niemand verpflichtet, sich zu erwärmen.« Roggenbach verlangt von dem Geschichtschreiber mit Recht »die stete Trennung des Urteils über den moralischen Wert der handelnden Personen von dem Urteil über die nationale Bedeutung ihres Tuns«. Diese Trennung hat Treitschke nie gemacht. So verdammte er Österreich und seinen leitenden Staatsmann Metternich, weil ihre Politik seinen nationalpolitischen Zielen nicht entsprach, schlechthin als unmoralisch und unfähig, obwohl ihm gerade seine Grundanschauung vom undeutschen Charakter des habsburgischen Staates hätte sagen müssen, daß Österreich und Metternich eben eine deutsche Politik nicht treiben konnten. Sein Geschichtsbild bedarf so mannigfacher Korrektur, wir versuchen heute sowohl die Politik Österreichs und Metternichs wie die der Mittelstaaten im Gegensatz zu Treitschke aus ihren eigenen Voraussetzungen heraus zu verstehen, wir wissen auch, daß die preußische Politik nicht immer so stark von nationalpolitischen Erwägungen bestimmt war, wie es in den Treitschkeschen Schilderungen erscheint, und wir urteilen zum Beispiel auch skeptischer über die Bedeutung des Zollvereins und der deutschen Wirtschaftseinheit als Vorstufe der politischen Einheit.vgl. unsere Auswahl Bd. 2, S. 18ff. Wir verstehen heute auch die notwendigen Irrtümer der liberalen Generation in den Jahrzehnten vor 1848, denen Treitschke selbst ja anfangs sehr viel nähergestanden hatte als in den Zeiten der Abfassung der »Deutschen Geschichte«, und die er jetzt mit besonders leidenschaftlicher Kritik bedachte. Ebenso hat er, der alte Burschenschaftler, die burschenschaftliche Bewegung allzu ungerecht beurteilt.Desgl. Bd. 1,S. 204 ff. Treitschkes Geschichte ist eben in vielen Teilen mehr der Ausdruck der Zeitanschauungen und der Spiegel seiner eigenen politischen Kampfnatur als eine rein objektive Geschichtschreibung. Es ist so kein Zufall, daß die so ganz anders geartete Rankesche Geschichtschreibung zu einer noch heute die deutsche Wissenschaft beherrschenden Schule geworden ist, während nicht nur die Höhe der Meisterschaft, sondern auch die Art der Treitschkeschen Geschichtschreibung notwendig einmalig sein mußte.

Bei Treitschke ist eben der Politiker und Historiker nicht zu trennen. Aber der Vorwurf, den ihm 1882 sein alter Freund Baumgarten zu seinem tiefem Schmerz gemacht hat, daß er die Wahrheit absichtlich entstelle, ist so ungerecht wie möglich. Für Treitschke verband sich eben seine Auffassung der deutschen Geschichte so innig mit seinen politischen Anschauungen, daß er selbst an die unbedingte Wahrheit all dessen, was er sagte, glaubte. Und im Grunde ist seine Auffassung, daß Preußen der deutsche und Österreich der nichtdeutsche Staat sei, und daß die Politik der Mittelstaaten nationalpolitisch verhängnisvoll war, auch heute noch berechtigt. Und so sehr Treitschke die handelnden Männer jener Zeiten von seinem eigenen Standpunkt aus bald zu günstig, bald zu ungünstig beurteilt, das gesamte Bild des deutschen Lebens jener Jahrzehnte, das er zugleich meisterhaft in den Gesamtrahmen der europäischen Geschichte hineinstellt, schildert kein anderes Werk besser und wird auch kein künftiges besser schildern können als Treitschkes »Deutsche Geschichte«.

Es ist sehr merkwürdig, daß gerade dieser Mann, der seinen Glaubenssatz, daß Männer die Geschichte machen, immer wieder aussprach, in der Schilderung des Zeitlebens und des ganzen Milieus, der geistigen, sozialen und politischen Verhältnisse und Stimmungen, fast noch über dem Darsteller der handelnden Persönlichkeiten und ihrer Politik steht. Als er einst zu Beginn der 60er Jahre zuerst an den Plan der Geschichte des Deutschen Bundes ging, hat er einmal gesagt, daß er vor allen Dingen die »Wandlungen des Volksgeistes« verfolgen wolle, in denen bei dem Trübsal der damaligen politischen Verhältnisse die eigentliche Bedeutung der deutschen Entwicklung lag. Und er hat noch 1865 einmal geschrieben, daß »der größte Fortschritt des deutschen Lebens in den letzten 50 Jahren« in der sozialen Entwicklung gelegen habe. Diese ursprüngliche Einstellung kommt auch in dem Werk seiner späteren Jahre durchaus zum Ausdruck, und diese »Deutsche Geschichte« des »politischen Historikers« erfüllt alle Anforderungen, die man von dem Standpunkt der »Kulturgeschichte« an ein solches Werk stellen könnte. Gerade das, was er über politische, geistige und wirtschaftliche Zeitströmungen, über das politische und soziale Empfinden, über die wirtschaftlichen und sozialen Zustände erzählt, ist nicht nur vielleicht der Höhepunkt aller derartigen Darstellungen, sondern noch heute wahr und objektiv richtig. Seine Überzeugung, daß der »Staat nur in seiner Wechselwirkung mit dem gesamten Volksleben begriffen werden kann«, beweist auch die »Deutsche Geschichte«. Deshalb hat er auch seine Forderung, »ein Historiker deutscher Nation soll Land und Leute kennen«, wahr gemacht, und aus seinen Schilderungen des Lebens der einzelnen Landesteile spricht deutlich diese in vielen Reisen erworbene Kenntnis. Dabei zeigt sich auch hier, daß ihn, den Propheten des politischen Berufes des deutschen Nordens, das Volksleben im Süden und am Rhein stets besonders anzog. Er schildert es in der »Deutschen Geschichte« fast stets liebevoller und wärmer als das der eigentlich preußischen Landesteile, von den Abschnitten über die politische Geschichte sind natürlich die über den preußischen Staat die wichtigsten, und er hat hier an Forscherarbeit Unendliches geleistet. Er hat selbst einmal geschrieben, daß die Geschichte dieses Zeitraums »so gut wie neu entdeckt werden« müsse, und er hat erst allmählich im Gegensatz zu früheren Anschauungen über die preußische Politik der Zeiten von 1815 bis 1840 ein wesentlich günstigeres Bild gewonnen, als auch er es bis dahin hatte. Und wenn er auch hier gewiß manchmal einseitig und zu günstig urteilt, so etwa über die Persönlichkeit des Königs Friedrich Wilhelm III., so hat er doch zum erstenmal gezeigt, welche gewaltige innere politische Arbeit in dem preußischen Staat der Jahrzehnte nach den Freiheitskriegen geleistet worden ist.

So ist Treitschkes »Deutsche Geschichte« auch an Forscherarbeit ein Werk ersten Ranges. Darüber steht freilich, daß in ihr das Wesen eines großen Charakters und eines leidenschaftlichen und selbstlosen Kämpfers für das eigene Volk einen unvergänglichen und für alle Zeit fortwirkenden Ausdruck gefunden hat.

Bis zum Zweiten Pariser Frieden

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