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Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band

Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band - Kapitel 12
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authorHeinrich von Treitschke
titleDeutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
seriesAusgewählte Schriften
volumeErster Band
editorWilhelm Mommsen
correctorreuters@abc.de
senderfranka.antenne@gmx.de
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Belle-Alliance

Napoleon rechnete mit Sicherheit auf einen raschen Sieg, da er die Preußen fern im Südosten bei Namur wähnte. Seine Armee zählte über 72 000 Mann, war dem Heere Wellingtons namentlich durch ihre starke Kavallerie und die Überzahl der Geschütze – 240 gegen 150 Kanonen – überlegen. Unter solchen Umständen schien es unbedenklich, den Angriff auf die Mittagszeit zu verschieben, bis die Sonne den durchweichten Boden etwas abgetrocknet hätte. Um den Gegner zu schrecken und die Zuversicht des eigenen Heeres zu steigern, veranstaltete der Imperator im Angesichte der Engländer eine große Heerschau; krank wie er war, von tausend Zweifeln und Sorgen gepeinigt, empfand er wohl auch selber das Bedürfnis, sich das Herz zu erheben an dem Anblick seiner Getreuen. So oft er späterhin auf seiner einsamen Insel dieser Stunde gedachte, überkam es ihn wie eine Verzückung, und er rief: »Die Erde war stolz, soviel Tapfere zu tragen!« Und so standen sie denn zum letzten Male in Parade vor ihrem Kriegsherrn, die Veteranen von den Pyramiden, von Austerlitz und Borodino, die so lange der Schrecken der Welt gewesen und jetzt aus dem Schiffbruch der alten Herrlichkeit nichts gerettet hatten als ihren Soldatenstolz, ihre Rachgier und die unzähmbare Liebe zu ihrem Helden. Die Trommler schlugen an; die Feldmusik spielte das Partant pour la Syrie! In langen Linien die Bärenmützen der Grenadiere, die Roßschweifhelme der Kürassiere, die betroddelten Tschakos der Voltigeure, die flatternden Fähnchen der Lanciers, eines der prächtigsten und tapfersten Heere, welche die Geschichte sah. Die ganze prahlerische Glorie des Kaiserreichs erhob sich noch einmal, ein überwältigendes Schauspiel für die alten Soldatenherzen; noch einmal erschien der große Kriegsfürst in seiner finsteren Majestät, so wie der Dichter sein Bild kommenden Geschlechtern überliefert hat, mitten im Wetterleuchten der Waffen zu Fuß, in den Wogen reitender Männer. Die brausenden Hochrufe wollten nicht enden; hatte doch der Abgott der Soldaten vorgestern erst aufs neue seine Unbesiegbarkeit erwiesen. Und doch kam dieser krampfhafte Jubel, der so seltsam abstach von der gehaltenen Stille drüben im englischen Lager, aus gepreßten Herzen: das Bewußtsein der Schuld, die Ahnung eines finsteren Schicksals lag über den tapferen Gemütern. Zehn Stunden noch, und die verwegene Hoffnung des deutschen Schlachtendenkers war erfüllt, und dies herrliche Heer mit seinem Trotze, seinem Stolze, seiner wilden Männerkraft war vernichtet bis auf die letzte Schwadron.

Um ½ 12 Uhr begann Napoleon die Schlacht, ließ seinen linken Flügel gegen das Schloß Goumont vorgehen, während er zugleich auf seiner Rechten die Anstalten für den entscheidenden Stoß traf. Vier Divisionen Fußvolk scharten sich dort zu einer riesigen Heersäule zusammen; eine bei Belle-Alliance aufgestellte große Batterie bereitete durch anhaltendes Geschützfeuer den Angriff vor. Gegen ½ 2 Uhr führte General Erlon die gewaltige Infanteriemasse wider den linken Flügel der Briten heran. Aber noch bevor diese Bewegung begann, wurde der Imperator bereits durch eine unheimliche Nachricht in der kalten Sicherheit seiner Berechnungen gestört. Er erfuhr um 1 Uhr durch einen aufgefangenen Brief, daß General Bülow auf dem Marsche sei gegen die rechte Flanke der Franzosen; und während er auf der Höhe bei Rossomme, im Rücken des Zentrums, an seinem Kartentische stand, glaubte er auch schon fern im Osten bei dem hochgelegenen Dorfe Chapelle St. Lambert dunkle Truppenmassen zu bemerken, die alsbald zwischen den Wellen des Bodens wieder verschwanden. Ein sofort ausgesendeter Adjutant bestätigte die Vermutung. Gewaltsam suchte sich der Kaiser zu beruhigen und schickte vorläufig zwei Kavalleriedivisionen ostwärts über den rechten Flügel der Schlachtstellung hinaus. Es war ja doch sicher nur das eine Korps Bülows, vielleicht nur ein Teil davon, und ehe die Preußen in die Schlacht eingreifen konnten, mußte Wellington geschlagen sein. Seinen Offizieren aber sagte Napoleon mit zuversichtlicher Miene, Marschall Grouchy ziehe zur Unterstützung der rechten Flanke herbei: die Armee durfte von der Gefahr nichts ahnen. Währenddem war Erlon mit seinen vier Schlachthaufen vorgerückt; schon während des Anmarsches erlitt er schwere Verluste, ganze Reihen in den tiefen Kolonnen wurden von den englischen Kanonenkugeln niedergerissen. Es gelang, zuerst eine niederländische Brigade in die Flucht zu schlagen; nur ein Teil der Truppen des jungen Königreichs bewährte sich; der alte Blücher hatte ganz recht gesehen, als er meinte, diese Belgier schienen »keine reißenden Tiere« zu sein. Dann aber brach das englische und hannoversche Fußvolk hinter den schützenden Hecken hervor, umfaßte mit seinen langen Linien die unbehilflichen Klumpen der Franzosen. Nach einem mörderischen Gefechte, bei dem der tapfere Picton den Tod fand, mußten die Angreifer zurückgehen. Ponsonbys schottische Reiter setzten nach, sprengten die Weichenden auseinander, drangen in unaufhaltsamem Laufe bis in die große Batterie der Franzosen; hier erst wurden sie durch französische Kavallerie zur Umkehr genötigt.

Der große Schlag war mißlungen. Und jetzt ließ sich schon nicht mehr verkennen, daß jedenfalls ein beträchtlicher Teil der preußischen Armee im Anmarsch war, und zwar in der Richtung auf das Dorf Plancenoit, das im Rücken des rechten Flügels der Franzosen lag. Noch stand es dem Imperator frei, die Schlacht abzubrechen, aber wie hätte der Stolze einen so kleinmütigen Entschluß fassen können? Er sendete das Korps Lobaus über Plancenoit hinaus, so daß seine Schlachtstellung statt einer einfachen Linie nunmehr einen auf der Rechten rückwärts gebogenen Haken bildete. Die Preußen verdarben ihm die ganze Anlage der Schlacht, noch bevor von ihrer Seite ein Schuß gefallen war. Den gegen die Engländer fechtenden Heerteilen wurde die auf der Rechten drohende Bedrängnis sorgsam verborgen gehalten. Darum ließ Napoleon die Truppen Lobaus nicht weiter nach Osten vorgehen, wo sie das Korps Bülows am Rande des breiten Lasnetals leicht aufhalten konnten, sondern hielt sie nahe bei Plancenoit zurück: der Zusammenstoß mit den Preußen sollte solange als möglich hinausgeschoben werden, damit die Armee nicht durch den Kanonendonner auf der Rechten in ihrer Siegeszuversicht beirrt würde. Aus Furcht vor dem Angriff der Preußen wagte der Imperator auch nicht mehr, die 24 Bataillone seiner Garde, die noch unberührt in Reserve standen, gegen die Engländer vorzuschicken, sondern beschloß, mit seiner gesamten Kavallerie das Zentrum Wellingtons zu durchbrechen: ein aussichtsloses Beginnen, da die Hauptmasse des Fußvolks der Verbündeten noch unerschüttert war.

Blücher war am Morgen von Wavre aufgebrochen. Die alten Glieder wollten sich noch gar nicht erholen von dem bösen Sturze vorgestern, doch wer durfte dem Helden heute von Ruhe und Schonung sprechen? »Lieber«, rief er aus, »will ich mich auf dem Pferde festbinden lassen als diese Schlacht versäumen!« Wohlgemut ritt er inmitten der Regimenter, die sich mit unsäglicher Anstrengung durch den tiefen Schlamm hindurcharbeiteten; ein Brand in Wavre hatte den Marsch erheblich verzögert. Die Soldaten frohlockten, wo der Feldherr sich zeigte, traten mit lautem Zuruf an ihn heran, streichelten ihm die Knie; er hatte für jeden ein ermunterndes Wort: »Kinder, ich habe meinem Bruder Wellington versprochen, daß wir kommen. Ihr wollt mich doch nicht wortbrüchig werden lassen?« Thielmann blieb mit dem dritten Armeekorps bei Wavre zurück, um den Rücken des Heeres gegen einen Angriff Grouchys zu decken, der in der Tat am Nachmittage auf Wavre heranzog. Die übrigen drei Korps nahmen den Marsch auf Chapelle St. Lambert; um 10 Uhr waren die Spitzen, um 1 Uhr die Hauptmasse der Armee dort auf den Höhen angelangt. Nun teilte sich das Heer. Zieten mit dem ersten Korps marschierte geradeaus, in der Richtung auf Ohain und weiter gegen den rechten Flügel der Franzosen. Bülow mit dem vierten Korps und dahinter das zweite Korps unter Pirch wendeten sich nach links, südwestwärts, gegen den Rücken der französischen Aufstellung. Das schwierige Defilee des Lasnetals war zum Glück vom Feinde nicht besetzt, der Bach ward überschritten, und gegen 4 Uhr ließ Bülow seine Truppen wohl verdeckt in und hinter dem Walde von Frichemont antreten: erst wenn eine genügende Macht zur Stelle war, sollte der überraschende Vorstoß erfolgen. In tiefem Schweigen rückten die Regimenter in ihre Stellungen ein; die Generale hielten am Rande des Waldes und verfolgten mit gespannten Blicken den Gang der Schlacht. Als einer der Offiziere meinte, der Feind werde nun wohl von den Engländern ablassen und, um sich den Rückzug zu sichern, seine Hauptmacht gegen die Preußen werfen, da erwiderte Gneisenau: »Sie kennen Napoleon schlecht. Er wird gerade jetzt um jeden Preis die englische Schlachtlinie zu zersprengen suchen und gegen uns nur das Notwendige verwenden.«

Und so geschah es. Noch ehe die Preußen bei dem Walde von Frichemont anlangten, zwischen 3 und 4 Uhr, hatte der zweite große Angriff der Franzosen begonnen. Ney sprengte mit 14 Regimentern schwerer Reiterei auf der Westseite der Landstraße gegen die Vierecke der englischen Garde und der Division Alten im Zentrum heran. Lange wogte der Kampf unentschieden hin und her, aber das Fußvolk hielt unerschütterlich aus. Endlich zurückgeworfen, zog Ney auch die Kavallerie Kellermanns an sich, so daß er jetzt 26 Reiterregimenter zu erneutem Angriff heranführte, die größte Reitermasse, welche dies kriegerische Zeitalter jemals an einer Stelle tätig gesehen hatte. Der Boden dröhnte von dem Hufschlag von 10 000 Pferden, ein Wald von Säbeln und Lanzen bedeckte die Talmulde, stundenlang schwankte das Gefecht, zehn-, zwölfmal ward die Attacke gegen einzelne Bataillone erneuert. Nochmals behielt die Standhaftigkeit des englischen und deutschen Fußvolks die Oberhand. Auch dieser Angriff scheiterte, die Schwadronen begannen zu weichen, ein kühnes Vorgehen der englischen und hannoverschen Reservereiterei brachte sie vollends in Verwirrung; aber auch die Sieger fühlten sich tief erschöpft.

Auf den andern Teilen des Schlachtfeldes gestaltete sich unterdessen der Gang der Ereignisse weit günstiger für Napoleon. Die Division Quiot, die schon an dem großen Angriffe Erlons teilgenommen, ging von neuem auf der Landstraße vor und bestürmte die Meierei von La Haye Sainte. Dort stand Major Baring mit einem Bataillon von der leichten Infanterie der Deutschen Legion und einigen Nassauern. Die grünen Jäger hatten schon um Mittag die Schlachthaufen Erlons abgeschlagen; die treuen Männer hingen mit ganzem Herzen an ihren Offizieren, alle, bis zum letzten Gemeinen, zeigten sich entschlossen, von diesem Ehrenposten nimmermehr zu weichen. Und welche Aufgabe jetzt! Schon brannten die Dächer des Gehöftes, die einen mußten löschen, die andern führten aus den Fenstern, hinter den Hecken und Mauern des Gartens das Feuergefecht gegen die furchtbare Übermacht draußen. Pulver und Blei gingen aus; vergeblich sandte Baring wiederholt seine Boten rückwärts nach Mont St. Jean, mit der dringenden Bitte um Munition. Erst als fast die letzte Patrone verschossen war, räumte die tapfere kleine Schar den Platz, wie Rasende drangen die Franzosen hinter den Abziehenden in das Gehöft ein, durchsuchten brüllend alle Stuben und Scheunen: »Kein Pardon diesen grünen Brigands!« – denn wie viele ihrer Kameraden waren heute mittag und jetzt wieder den sicheren Kugeln der deutschen Jäger erlegen! Das Vorwerk des englischen Zentrums war genommen, und bald ergoß sich der Strom der Angreifer weiter bis nach Mont St. Jean. Die Mitte der Schlachtlinie Wellingtons war durchbrochen. Da führte der Herzog selber die hannoversche Brigade Kielmannsegge herbei, und ihr gelang, die Lücke im Zentrum vorläufig zur Not wieder auszufüllen. Aber auch nur vorläufig, denn die Reserven waren schon herangezogen bis auf den letzten Mann, und La Haye Sainte, die beherrschende Position dicht vor dem Zentrum, blieb in den Händen des Feindes. Mittlerweile konnte auch der tapfere Bernhard von Weimar auf dem linken Flügel die Vorwerke La Haye und Papelotte gegen die Division Durutte nicht mehr behaupten. Er begann zu weichen. Wellingtons Besorgnis stieg. Schon seit mehreren Stunden hatte er wiederholt Adjutanten an Blücher gesendet mit der dringenden Bitte um Hilfe. Kalt und streng stand er unter seinen Offizieren, die Uhr in der Hand, und sagte: »Blücher oder die Nacht!« Wenn Napoleon jetzt imstande war, seine Garde gegen Mont St. Jean oder gegen den erschütterten linken Flügel der Engländer zu verwenden, so konnte ihm der Sieg nicht fehlen.

In diesem verhängnisvollen Zeitpunkte begann der Angriff der Preußen. Bereits klang fern vom Osten her, beiden Teilen vernehmlich, Kanonendonner nach dem Schlachtfelde hinüber – die erste Kunde von dem Gefechte, das sich bei Wavre, im Rücken der Blücherschen Armee, zwischen Thielmann und Grouchy entspann. Um die nämliche Zeit fiel vor dem Walde von Frichemont der erste Schuß. Es war ½ 5 Uhr nachmittags; gerade fünf Stunden lang hatte die Armee Wellingtons den Kampf allein aushalten müssen. Bülows Batterien fuhren staffelförmig auf den Höhen vor dem Walde auf. Ein einzig schönes Schauspiel, wie dann die Brigaden des vierten Korps mit Trommelklang und fliegenden Fahnen nacheinander aus dem Gehölz heraustraten und zwischen den Batterien hindurch sich in die Ebene gegen Plancenoit hinabsenkten. Gneisenau fühlte sich in seinem ewig jungen Herzen wie bezaubert von der wilden Poesie des Krieges und unterließ selbst in seinem amtlichen Schlachtberichte nicht zu schildern, wie herrlich dieser Anblick gewesen sei. (754-758.)

Indem hatte Blücher schon den Schlag geführt, der die Vernichtung des Napoleonischen Heeres entschied. Die Truppen Bülows gingen in drei Kolonnen im Sturmschritt auf Plancenoit vor. In und neben dem Dorfe hielten jene zwölf frischen Bataillone der Kaisergarde; und sie fochten mit dem höchsten Mute, denn alle fühlten, daß hier die Entscheidung des ganzen Krieges lag. Die anstürmenden Preußen sahen sich im freien Felde den Kugeln der Verteidiger, die in den Häusern und hinter den hohen Mauern des Kirchhofs verdeckt standen, schutzlos preisgegeben. Dieser letzte Kampf ward fast der blutigste dieses wilden Zeitalters; das Korps Bülows verlor in viertehalb Stunden 6353 Mann, mehr als ein Fünftel seines Bestandes, nach Verhältnis ebensoviel wie die englische Armee während des ganzen Schlachttages. Der erste und der zweite Sturm ward abgeschlagen; da führte Gneisenau selbst die schlesischen und pommerschen Regimenter zum dritten Male vorwärts, und jetzt gegen 8 Uhr drangen sie ein. Noch ein letzter wütender Widerstand in der Dorfgasse, dann entwich die Garde in wilder Flucht; ihr nach Major Keller mit den Füsilieren des 15. Regiments, dann die andern Bataillone. Auf der ganzen Linie erklang in langgezogenen Tönen das schöne Signal der preußischen Flügelhörner: Avancieren! Zu gleicher Zeit ward weiter nördlich das Korps Lobaus von Bülows Truppen in der Front, von Zietens Reitern in der Flanke gepackt und völlig zersprengt. Die beiden Heerteile der Preußen vereinigten sich hier; der furchtbare Ring, der den rechten Flügel der Franzosen auf drei Seiten umklammern sollte, war geschlossen. Von Norden drängten die Engländer, von Osten und Süden die Preußen heran. Den Truppen Zietens wies Grolman die Richtung nach der Höhe hinter dem Zentrum der Franzosen, nach dem Pachthof La Belle-Alliance, der mit seinen weißen Mauern weithin erkennbar wie ein Leuchtturm über dem tiefen Gelände emporragte. Dorthin nahmen auch die Sieger von Plancenoit ihren Weg.

Über 40 000 Preußen hatten noch am Gefechte teilgenommen, und jetzt, da die Arbeit fast getan war, kam auch das Armeekorps Pirchs von den Höhen hinter Plancenoit herab. Napoleon war während dieser letzten Stunde nach La Hane Sainte vorgeeilt, um die Division Quiot noch einmal zum Angriff auf Mont St. Jean vorzutreiben. Sobald er zu seiner Linken die Niederlage Neys und gleichzeitig den Zusammenbruch des gesamten rechten Flügels bemerkte, sagte er wie vernichtet: »Es ist zu Ende, retten wir uns!« Er eilte an der Landstraße zurück, nicht ohne schwere Gefahr, denn schon ward die Straße zugleich von den Engländern und von Zietens Batterien mit einem heftigen Kreuzfeuer bestrichen.

Schweigsam, unbeweglich, mit wunderbarer Selbstbeherrschung sah Wellington auf die ungeheure Verwirrung. Sein Heer war nicht nur völlig ermattet, sondern auch in seiner taktischen Gliederung ganz gebrochen; der lange Kampf hatte alle Truppenteile wirr durcheinandergeschüttelt, aus den Trümmern der beiden prächtigen Reiterbrigaden Ponsonby und Somerset stellte man soeben zwei Schwadronen zusammen. Keine Möglichkeit, mit solchen Truppen noch ein entscheidendes Gefecht zu bestehen. Der Herzog wußte wohl, daß allein das Erscheinen der Preußen ihn vor einer unzweifelhaften Niederlage bewahrt hatte; seine wiederholten dringenden Bitten an Blücher lassen darüber keinen Zweifel. Doch er war dem militärischen Ehrgefühle seiner Tapferen eine letzte Genugtuung schuldig; auch sah er mit staatsmännischer Feinheit voraus, wieviel gewichtiger Englands Wort bei den Friedensverhandlungen in die Wagschale fallen mußte, wenn man sich so anstellte, als hätten die britischen Waffen die Schlacht im wesentlichen allein entschieden. Darum ließ er, sobald er den rechten Flügel der Franzosen dem preußischen Angriffe erliegen sah, alle irgend verwendbaren Trümmer seines Heeres noch eine Strecke weit vorrücken. Auf diesem letzten Vormarsch trieb der hannoversche Oberst Halkett die beiden einzigen Vierecke der Kaisergarde, die noch zusammenhielten, vor sich her und nahm ihren General Cambronne mit eigenen Händen gefangen. Aber die Kraft der Ermüdeten versagte bald, sie gelangten nur wenig über Belle-Alliance hinaus. Wellington überließ, nachdem er den Schein gerettet, die weitere Verfolgung ausschließlich den Preußen, die ohnehin dem Feinde am nächsten waren.

Die Geschlagenen ergriff ein wahnsinniger Schrecken. Kein Befehl fand mehr Gehör, jeder dachte nur noch an sein armes Leben. Fußvolk und Reiter wirr durcheinander, flohen die aufgelösten Massen auf und neben der Landstraße südwärts; die Troßknechte zerhieben die Stränge und sprengten hinweg, so daß die 240 Kanonen allesamt bis auf etwa 27 in die Hände der Sieger fielen, selbst der Ruf L'Empereur!, der sonst augenblicklich jeden Weg dem kaiserlichen Wagen geöffnet hatte, verlor heute seinen Zauber; der kranke Napoleon mußte zu Pferde davonjagen, obgleich er sich kaum im Sattel halten konnte. Nur um die Fahnen scharten sich immer noch einige Getreue; ihrer vier waren in der Schlacht verlorengegangen, die übrigen wurden allesamt gerettet. Niemals in aller Geschichte war ein tapferes Heer so plötzlich aus allen Fugen gewichen. Nach der übermenschlichen Anstrengung des Tages brach alle Kraft des Leibes und des Willens mit einem Schlage zusammen; das Dunkel der Nacht, die Übermacht der Sieger, der umfassende Angriff und die rastlose Verfolgung steigerten die Verwirrung. Entscheidend blieb doch, daß diesem Heere bei all seinem stürmischen Mute die sittliche Größe fehlte. Was hielt diese Meuterer zusammen? Allein der Glaube an ihren Helden. Nun dessen Glücksstern verbleichte, waren sie nichts mehr als eine zuchtlose Bande.

Die Sonne war schon hinter dicken Wolken versunken, als die beiden Feldherren eine Strecke südlich von dem Hofe von Belle-Alliance miteinander zusammentrafen; sie umarmten sich herzlich, der bedachtsame Vierziger und der feurige Greis. Nahebei hielt Gneisenau. Endlich doch ein ganzer und voller Sieg, wie er ihn so oft vergeblich von Schwarzenberg gefordert; endlich doch eine reine Vergeltung für allen Haß und alle Schmach jener entsetzlichen sieben Jahre! Es sang und klang in seiner Seele; er dachte an das herrlichste der friderizianischen Schlachtfelder, das er einst von seiner schlesischen Garnison aus so oft durchritten hatte. »Ist es nicht gerade wie bei Leuthen?« – sagte er zu Bardeleben und sah ihn mit strahlenden Augen an. Und wirklich, wie einst bei Leuthen bliesen jetzt die Trompeter das »Nun danket alle Gott!« und die Soldaten stimmten mit ein. Aber Gneisenau dachte auch an die Schreckensnacht nach der Schlacht von Jena, an jene Stunden beim Webichtholze, da er die Todesangst eines geschlagenen Heeres, die dämonische Wirkung einer nächtlichen Verfolgung mit angesehen. Noch gründlicher als einst an der Katzbach sollte heute der Sieg ausgebeutet werden, »Wir haben«, rief er aus, »gezeigt, wie man siegt, jetzt wollen wir zeigen, wie man verfolgt.« (759-762.)

Mit stolzen Worten dankte Blücher dem unübertrefflichen Heere, das ermöglicht habe, was alle großen Feldherren bisher für unmöglich gehalten hätten: »Solange es Geschichte gibt, wird sie euer gedenken. Auf euch, ihr unerschütterlichen Säulen der preußischen Monarchie, ruht mit Sicherheit das Glück eures Königs und seines Hauses. Nie wird Preußen untergehen, wenn eure Söhne und Enkel euch gleichen!« An Stein schrieb er einfach: »Ich hoffe, mein verehrter Freund, Sie sind von mich zufrieden« und sprach die Hoffnung aus, seine alten Tage als Steins Nachbar »in Ruhe aufs Land zu verleben.« Er befahl, die Schlacht zu nennen nach dem sinnvollen Namen des Hofes La Belle-Alliance, wo die beiden Sieger, »durch eine anmutige Gunst des Zufalls« zusammengetroffen waren – »zum Andenken des zwischen der britischen und preußischen Nation jetzt bestehenden, von der Natur schon gebotenen Bündnisses, der Vereinigung der beiden Armeen und der wechselseitigen Zutraulichkeit der beiden Feldherren«. Wellington ging auf den schönen Gedanken, der beiden Völkern die verdiente Ehre gab, nicht ein. Die Schlacht sollte als sein Sieg erscheinen, darum taufte er sie auf den Namen des Dorfes Waterloo, wo gar nicht gefochten wurde; denn dort hatte er am 17. Juni übernachtet, und von Spanien her war er gewohnt, die Stätten seiner Siege mit dem Namen seines letzten Hauptquartiers zu bezeichnen. Während Gneisenaus Schlachtbericht durchaus ehrlich und bescheiden den wirklichen Hergang, soweit er schon bekannt war, erzählte, stellte der Herzog in seinem Berichte die Ereignisse so dar, als ob sein letzter Scheinangriff die Schlacht entschieden und die Preußen nur eine immerhin dankenswerte Hilfe geleistet hätten. Zum Glück wurde von solchen Zügen englischer Bundesfreundschaft vorderhand noch wenig ruchbar. Das Verhältnis zwischen den Soldaten der beiden Heere blieb durchaus freundlich; die tapferen Hochschotten, die auf dem Schlachtfelde den preußischen Vierundzwanzigern um den Hals fielen und mit ihnen gemeinsam das »Heil dir im Siegerkranz!« sangen, fragten wenig, wem das höhere Verdienst gebühre.

In der Heimat hatte die Unglückspost von Ligny große Bestürzung erregt; man sah schon ein neues Zeitalter unendlicher Kriege emporsteigen. Um so stürmischer nun die Freude über die Siegesbotschaft. Wie war doch plötzlich das Machtverhältnis zwischen den beiden Nachbarvölkern verschoben! Schon jenseits der Grenze empfingen die Deutschen den Feind; die Hälfte des preußischen Heeres und ein Teil der norddeutschen Kontingente genügten, um, vereint mit etwa 60 000 Engländern und Niederländern, das französische Heer aufs Haupt zu schlagen; unabweisbar drängte sich der Gedanke auf, daß Preußen allein, selbst ohne Österreich, bereits stark genug war, die bösen Nachbarn zu bemeistern, wenn sich nur alle deutschen Staaten ihm anschlössen. Gneisenau sagte befriedigt: »Die Franzosen ahnen nicht bloß, sie wissen jetzt, daß wir ihnen überlegen sind.« Im Bewußtsein solcher Kraft verlangte die Nation wie aus einem Munde rücksichtslose Ausbeutung des Sieges, gänzliche Befreiung des deutschen Stromes. Im Namen aller rief Arndt den Siegern zu:

Nun nach Frankreich, nun nach Frankreich!
Holt gestohlnes Gut zurück!
Unsre Festen, unsre Grenzen,
Unsern Teil an Siegeskränzen,
Ehr' und Frieden holt zurück! (763-764.)

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