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Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band

Heinrich von Treitschke: Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band - Kapitel 10
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authorHeinrich von Treitschke
titleDeutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts ? Erster Band
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
seriesAusgewählte Schriften
volumeErster Band
editorWilhelm Mommsen
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B. Die Anfänge des Deutschen Bundes, 1814-1819

Der Wiener Kongreß

Als König Friedrich Wilhelm im Herbste nach Wien abreiste, rechnete er auf einen Aufenthalt von drei Wochen. Aber volle neun Monate sollten vergehen von der ersten Konferenz der Bevollmächtigten der vier alliierten Mächte am 18. September 1814 bis zu der endgültigen Unterzeichnung der Schlußakte des Kongresses am 19. Juni 1815. wer hätte auch Kraft und Lust gefunden zur raschen Erledigung der Geschäfte? Die fünf Sinne forderten ihr Recht nach der krampfhaften Sorge und Unruhe dieser beiden wilden Jahrzehnte. Wie einst Paris nach dem Sturze der Schreckensherrschaft sich kopfüber in den Strudel des Genusses gestürzt hatte, so atmete das alte fürstliche und adelige Europa jetzt auf, froh seiner wiedergewonnenen Sicherheit. Der große Plebejer war gefallen, der einmal doch den Hochgeborenen bewiesen hatte, was eines Mannes ungezähmte Kraft selbst in einer alten Welt vermag; die Helden des Schwertes verschwanden vom Schauplatze, mit ihnen die große Leidenschaft, die unerbittliche Wahrhaftigkeit des Krieges. Wie Würmer nach dem Regen krochen die kleinen Talente des Boudoirs und der Antichambre aus ihrem Versteck hervor und reckten sich behaglich aus. Die vornehme Welt war wieder ganz ungestört, ganz unter sich. Wer hätte das gedacht, daß der greise Fürst von Ligne, vor langen Jahren der Löwe der Salons im königlichen Frankreich, nun am Rande des Grabes noch einmal allen Glanz und alle Pracht der alten hochadeligen Geselligkeit genießen und über den erlauchten Kongreß, der wohl tanzte, aber nicht marschierte, geistreich boshafte Epigramme schmieden würde?

Sie kehrte freilich nicht wieder, die naive Unbefangenheit jener guten alten Zeit, die so bestimmt gewußt hatte, daß der Mensch erst beim Baron anfängt, daß die glückliche Einfalt des Pöbels von der Spötterei und den freigeisterischen Gedankenspielen der großen Herren niemals ein Wort erfahren kann. Dem neuen Geschlechte lag die Angst vor den Schrecken der Revolution noch in allen Gliedern; mitten in die rauschenden Lustbarkeiten des Kongresses drangen unheimliche Nachrichten von dem italienischen Geheimbunde der Carbonari, von der dumpfen Gärung in Frankreich, von den Zornreden der enttäuschten preußischen Patrioten, von den Verschwörungen der Griechen und dem Heldenkampfe der Serben wider ihre türkischen Tyrannen. Mochte man immerhin sorgsam die Türen schließen und das laute Anklopfen des demokratischen neuen Zeitalters überhören, ganz geheuer fühlte man sich doch nicht mehr. Wie sonst der Spott, so war jetzt der Glaube Modepflicht: ein paar salbungsvolle Worte über Christentum und göttliches Königsrecht mußte auch das Weltkind zur Verfügung haben. Die weibische Zierlichkeit des achtzehnten Jahrhunderts verriet sich noch, wenngleich Zopf und Puder nicht wieder auferstanden, in den bartlosen Gesichtern, den Tabaksdosen, den Schuhen und seidenen Strümpfen, in der gesuchten Eleganz der männlichen Kleidung; doch war der Ton des Umgangs schon um vieles freier und formloser geworden. Keine Rede mehr von den alten Rang- und Titelstreitigkeiten, von dem pedantischen Gezänk über Form und Farbe der Sessel; bald da, bald dort, bei irgendeinem der Bevollmächtigten fanden sich die Minister zur Beratung zusammen und unterzeichneten die Urkunden nach dem Alphabet oder auch in bunter Reihe, wie man gerade am Tische saß. Am auffälligsten bekundeten sich die veränderten Sitten an den großen Prunk- und Feiertagen des Kongresses. Das Mittelalter feierte kirchliche, das Jahrhundert Ludwigs XIV. höfische Feste; die neue Zeit trug einen entschieden militärischen Charakter. Parade und Heerschau wurden unvermeidlich, so oft sich der moderne Staat im Glanze seiner Herrlichkeit sonnen wollte. Selbst dies Österreich, damals der am wenigsten militärische unter den großen Staaten des Festlandes, durfte die ungeheure Macht der neuen massenhaften Heere nicht ganz verkennen. Vor fünfzig Jahren hatte man noch über den militärischen Anstrich des preußischen Hofes vornehm gespottet, jetzt war die preußische Sitte allgemein eingebürgert, und auch der waffenscheue Kaiser Franz mußte zuweilen in der Uniform erscheinen.

Ein Diplomatenkongreß kann niemals schöpferisch wirken; genug, wenn er die offenbaren Ergebnisse der vorangegangenen kriegerischen Verwicklungen leidlich ordnet und sicherstellt. Und wie hätte diese Wiener Versammlung Größeres leisten sollen! Eine unbeschreibliche Ermattung lastete auf den Gemütern, wie einst, da der Utrechter Kongreß das blutige Zeitalter Ludwigs XIV. beendigte; und wie damals Kronprinz Friedrich die allgemeine Verkommenheit der europäischen Staatskunst beklagte, so ging jetzt die abgespannte und abgehetzte diplomatische Welt allen den unfertigen neuen Ideen der Zeit ängstlich aus dem Wege und ließ sich's wieder wohl sein bei jener bequemen Staatsanschauung des alten Jahrhunderts, die den Staat nur als einen Haufen von Geviertmeilen und Seelen betrachtete. Die Wiener Luft tat das ihrige hinzu. Hier in dem Mittelpunkte des ungeheuren Familiengutes, das man Österreich nannte, in diesem Wirrwarr zusammengeheirateter Länder und Völker hatte man nie etwas geahnt von den sittlichen Kräften, welche ein nationales Staatswesen zusammenhalten; und es war so recht im Geiste der alten Habsburgerpolitik, wenn Österreich und Bayern jetzt selbander über die Frage stritten, ob die Untertanen der Mediatisierten, die ihrem Landesherrn nur wenig einbrachten, als halbe Seelen oder als Drittelseelen zu berechnen seien. Mit Entrüstung vernahmen die befreiten Völker, daß sie nun wieder nichts sein sollten als eine große Herde, die nur durch ihre Kopfzahl wert hatte. Görres lärmte im »Rheinischen Merkur« gegen »das herzlose statistische Wesen« der Wiener Diplomaten, und Blücher schrieb grimmig an seinen alten Freund Rüchel: »Der gute Wiener Kongreß gleicht einem Jahrmarkt in einer kleinen Stadt, wo ein jeder sein Vieh hintreibt, es zu verkaufen oder zu vertauschen.« Durch eine kunstvoll abgewogene Verteilung der Länder und der Leute die Wiederkehr der französischen Übermacht zu verhindern – in diesem einen Gedanken ging jetzt, wie einst zu Utrecht, die ganze Weisheit der Kabinette auf. Und wie damals Catel de St. Pierre wähnte, aus der neuen völlig willkürlichen Gestaltung der Länderkarte werde ein unabänderlicher Friedenszustand hervorgehen, so erwachte jetzt wieder der unmännliche Traum vom ewigen Frieden, dies sicherste Kennzeichen politisch ermatteter und gedankenarmer Epochen: viele treffliche Männer aus jedem Stande und jedem Volke gaben sich im Ernst der Hoffnung hin, daß die Weltgeschichte in ihrer ewigen Bewegung nunmehr stillstehen, vor den Ratschlüssen des Wiener Areopags ehrfürchtig verstummen würde.

Preußens Diplomatie stand nicht auf der Höhe seiner Feldherrnkunst; keiner seiner Staatsmänner besaß den kühnen, freien, sicheren Blick Gneisenaus. Aber das halbe und flaue Ergebnis der Wiener Verhandlungen war durch die Natur der Dinge selbst gegeben, nicht verschuldet durch die Fehler einzelner Männer. Die schwerste Krankheit des alten Staatensystems, deren der treue Arndt soeben wieder in dem neuesten Bande des »Geistes der Zeit« warnend gedachte, die Zersplitterung Deutschlands und Italiens, hatte der Befreiungskrieg nicht geheilt. Da hier wie dort die öffentliche Meinung noch in einem Zustand völliger Unreife verharrte, so brachte der Kongreß beiden Völkern im wesentlichen eine Restauration: den Italienern die Gebietsverteilung von 1795, den Deutschen die Wiederherstellung jenes lockeren Nebeneinanders kleiner Monarchien, das einst aus der Fürstenrevolution von 1803 hervorgegangen war. Diesseits wie jenseits der Alpen hatte sich Österreich eine mittelbare, geschickt verhüllte Herrschaft errungen, die ungleich fester stand als das Napoleonische Weltreich und den Deutschen wie den Italienern jede Möglichkeit friedlicher nationaler Entwicklung abschnitt. Ein Deutscher Bund mit Österreich und den noch unbekehrten Satrapen Bonapartes konnte nichts anderes sein als die verewigte Anarchie; ein Italien mit Österreich, mit dem Papste, den Bourbonen und den Erzherzögen mußte in kläglicher Ohnmacht verharren. Es bedurfte einer langen Schule der Leiden, bis den beiden schicksalsverwandten Nationen die Erkenntnis der letzten Gründe ihres Unglücks aufging, bis jenes Wahngebilde des friedlichen Dualismus, das jetzt noch, und nicht durch einen Zufall, die besten Köpfe beherrschte, in seiner Hohlheit erkannt ward und die alten stolzen friderizianischen Überlieferungen wieder zu Ehren kamen. Die Herstellung einer wohlgesicherten norddeutschen Macht, wie sie der Nation not tat, war in Wien von Haus aus unmöglich, da Preußens Schicksal zum guten Teile von dem Willen seiner Feinde und Nebenbuhler abhing. Ein kühner genialer Staatsmann an Preußens Spitze hätte vermutlich das verschlungene Spiel der Wiener Verhandlungen weit einfacher gestaltet, die Krisis und die Entscheidung rascher herbeigeführt, doch, wegen der erdrückenden Ungunst der Umstände, zuletzt schwerlich viel mehr erreicht, als wirklich erlangt wurde.

Bei dieser vorläufig noch unheilbaren Schwäche der Mitte des Weltteils konnte das neue System des europäischen Gleichgewichts, das in Wien begründet wurde, nur ein Notbehelf sein, ein schwächlicher Bau, der seine Dauer nicht der eigenen Festigkeit, sondern allein der allgemeinen Erschöpfung und Friedensseligkeit verdankte. Viele der schwierigsten und gefährlichsten Streitfragen des Völkerrechts mußte man unerledigt liegen lassen und tröstete sich mit jener Gelegenheitsphrase, die nun bald modisch wurde: c'est une question vide. Immerhin blieb aus den bitteren Lehren dieser entsetzlichen Kriegsjahre mindestens ein großer und neuer Gedanke als ein Gemeingut der politischen Welt zurück: selbst die frivolen Durchschnittsmenschen der Diplomatie fingen an zu begreifen, daß der Staat doch nicht bloß Macht ist, wie das alte Jahrhundert gewähnt hatte, daß sein Leben doch nicht allein in der Belauerung und behenden Übervorteilung der Nachbarmächte aufgeht. Der Anblick jener Triumphe, welche der Revolution und ihrem gekrönten Helden durch die Zwietracht der alten Mächte bereitet wurden, hatte doch endlich ein lebendiges europäisches Gemeingefühl erweckt. Die befreite Welt war ernstlich gesonnen, in einer friedlichen Staatengesellschaft zusammenzuleben; sie fühlte, daß den Staaten, trotz aller trennenden Interessen, eine Fülle großer Kulturaufgaben gemeinsam war, die allein durch freundliche Verständigung gelöst werden konnten. Mochte die mechanische Staatsanschauung vergangener Tage noch überwiegen, die gewissenlose Staatsräson der alten Kabinettspolitik war bereits im Untergehen; und es bleibt das dauernde historische Verdienst des Wiener Kongresses, daß er für den freundnachbarlichen Verkehr der Staatengesellschaft einige neue Formen und Regeln fand. Ein Fortschritt war es doch, daß man sich über die Vorschriften der internationalen Etikette, über die Rangordnung der diplomatischen Agenten und viele andere unscheinbare, aber unentbehrliche Voraussetzungen eines geordneten Völkerverkehrs endlich einigte. Zur See blieb freilich alles beim alten, hier galt kein Völkerrecht, sondern die Übermacht Englands; nimmermehr wollte die Hoffart der Meereskönigin sich auch nur zu einer Verständigung über den Flaggengruß herbeilassen. (599–603.)

Den zahlreichsten und buntesten Teil der erlauchten Gesellschaft bildeten natürlich die deutschen Kleinfürsten. Da war keiner, von dem Bayern Max Joseph bis herab zu Heinrich XIV. von Reuß, der nicht geschäftig um die Gnade der fremden Herrscher warb; die Russen erzählten mit unverhohlener Verachtung, welche Berge deutscher durchlauchtiger Bettelbriefe im Kabinett ihres Kaisers aufgeschichtet lagen. Da war keiner, der nicht seine angemaßte Souveränität als ein unantastbares Heiligtum betrachtete: seit den Verträgen des vergangenen Herbstes fühlte man sich dieses Napoleonischen Geschenkes wieder so sicher, daß einer der Kleinsten unbefangen zu Stein sagen konnte: »Ich weiß es wohl, die Souveränität ist ein Mißbrauch, aber ich befinde mich wohl dabei.« Zu den Souveränen gesellte sich die dichte Schar der Mediatisierten, die noch immer auf die Anerkennung ihres formell unbestreitbaren Rechts hofften, obgleich ihr Schicksal schon in Ried und Fulda entschieden war. Ihr Führer war die Fürstinmutter von Fürstenberg, eine tapfere und kluge Dame; unermüdlich vertrat sie die Interessen ihrer Leidensgenossen, im Verein mit dem Geheimen Rate Gärtner, dem viel verspotteten surchargé d'affaires, den sich die Entthronten auf gemeinschaftliche Kosten hielten.

Dazu Abgeordnete aus verschiedenen deutschen Landschaften, die ihre alte Dynastie zurückforderten: Freiherr von Summerau und Dr. Schlaar im Auftrage der österreichischen Partei des Breisgaus, eine Deputation aus Düsseldorf, die wieder pfalz-bayrisch werden wollte usw. Nicht minder eifrig verlangten die drei Oratoren der katholischen Kirche Deutschlands, Wamboldt, Helfferich und Schies, die Wiederherstellung der durch den Reichsdeputationshauptschluß vernichteten geistlichen Staaten oder doch mindestens die Herausgabe des geraubten Kirchengutes. Sie standen unter dem Schutze des päpstlichen Gesandten, des gewandten, geistreichen Kardinals Consalni; der Konvertit Friedrich Schlegel, der Neffe Goethes, Rat Schlosser aus Frankfurt, und ein großer, an guten Köpfen reicher Kreis von Klerikalen schlossen sich ihnen an. Aber auch auf dem kirchlichen Gebiete zeigte sich die unendliche Zersplitterung des vielgestaltigen deutschen Lebens. Denn neben diesen Vertretern der römischen Papstkirche erschien der Generalvikar von Konstanz, Freiherr von Wessenberg, noch einer von den milden, aufgeklärten hochadeligen Kirchenfürsten des alten Jahrhunderts – famosus ille Wessenbergius nannte ihn eine päpstliche Bulle. Der hoffte auf eine deutsche Nationalkirche und dachte seinem Auftraggeber, dem entthronten Großherzog von Frankfurt, Dalberg, den Primat Germaniens zu verschaffen. Dazu eine Reihe ehrenfester republikanischer Staatsmänner aus den Hansestädten, an ihrer Spitze der wackere Smidt von Bremen, der während des Winterfeldzugs im Großen Hauptquartiere tapfer ausgehalten und sich durch Klugheit und Zuverlässigkeit allgemeine Achtung erworben hatte; dann Jakob Baruch aus Frankfurt als Vertreter der deutschen Judenschaft; dann der kluge Buchhändler Cotta aus Stuttgart, der mit feiner Spürkraft bereits witterte, daß die Entscheidung der deutschen Dinge in Österreichs Händen lag, und darum seine »Allgemeine Zeitung« der Hofburg zur Verfügung stellte; und so weiter eine unendliche Reihe von Strebern, Horchern und Bittstellern.

Als die eigentlichen Vertreter der troisième Allemagne, wie die Franzosen sagten, erschienen die Häupter der Mittelstaaten. Allen diesen Kreaturen Napoleons war das Herz geschworen von Neid wider das siegreiche Preußen. Das ließ sich doch nicht ertragen, daß der Staat Friedrichs den Deutschen wieder ein Vaterland, wieder ein Recht zu frohem Selbstgefühle gegeben hatte. Herunter mit dem waffengewaltigen Adler in den allgemeinen Kot deutscher Ohnmacht, Zanksucht und Armseligkeit – in diesem Gedanken fanden sich die Satrapen des Bonapartismus behaglich zusammen. Den Staat zu schwächen, der allein das Vaterland verteidigen konnte, schien allen eine selbstverständliche Forderung deutscher Freiheit. (610-611.)

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