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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 98
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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96. Gottfried August Bürger an Boie

Gellieh(ausen), den 12. August 1773.

»Gottlob! nun bin ich mit meinem schwehren Horatio fertig!« rief weyland Caspar Gottschling. – Gottlob nun bin ich mit meiner unsterblichen Lenora fertig! ruf' auch ich in dem Taumel meiner noch wallenden Begeisterung Ihnen zu. Das ist dir ein Stück, Bruderle! – Keiner, der mir nicht erst seinen Batzen giebt, solls hören. Ists möglich, daß Menschensinne so 'was köstliches erdenken können? Ich staune mich selber an, und glaube kaum, daß ichs gemacht habe. Ich zwicke mich in die Waden, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träume. Wahrlich! cose dette mai ne in prosa ne in rime. Ich muß mir selbst zurufen, was der Cardinal von Este Ariosten zurief: Per dio, Siqnor Burgero, donde avete pigliato tante cujonerie? Ey! Ihr Gesellen dort, wie tief werdet Ihr die Hüte davor abnehmen müssen! Ich schick' es aber hier noch nicht mit, sondern bring' es binnen 8 Tagen selbst. Denn keiner von Euch allen, er declamire so gut er will, kann Lenoren aufs erstemal in ihrem Geist declamiren; und Deklamation macht die Halbschied von dem Stück aus. Daher sollt Ihrs von mir selbst das erstemal in aller seiner Gräßlichkeit vernehmen. Dann sollen Sie die Genossen des Hains in der Abenddämmerung auf ein einsames etwas schauerliches Zimmer zusammen laden, wo ich, unbehorcht und ohngestört, das gräßliche der Stimme recht austönen laßen kann. Der jüngste Graf soll, wie vor Loths seeligem Weibe, davor beben. Denn

I have a tale unfold whose lightest word
Will harrow up your souls, freze your young blood,
Make your two eyes, like stars, start from their spheres,
Your knotty and combined locks to part,
And each particular hair to stand on end,
Like quills upon the fretful parcupine.

Ihr sollt alle mit bebenden Knieen vor mir niederfallen und mich für den Dschinkis Chan, d. i. den größten Chan in der Ballade erklähren, und ich will meinen Fuß auf eure Hälse, zum Zeichen meiner Superiorität setzen. Denn alle, die nach mir Balladen machen, werden meine ungezweiffelten Vasallen seyn und ihren Ton von mir zu Lehn tragen. Ihr lufftiges Gesindel dort! ich will euch zeigen, qui siem? Ihr meint, ich könnte nichts mehr machen, wie ich habe munkeln hören? – Bons dies, meine Wurzel ist noch nicht abgehauen, treibt noch herrliche Sprossen und wird ihrer noch viele treiben. Alle Zeugen auf Erden und unter der Erde sollen bekennen, daß ich sey ein Balladen-Adler, und kein andrer neben mir.

Solltet aber, Ihr lufftiges Gesindel, oder einige unter euch so insolent seyn, und Eure Kniee nicht beugen wollen, so will ichs mit der Lenore, wie die Sybille mit ihren 9 Büchern beym Tarquin machen. Ein Drittel davon will ich gleich verbrennen, und wenn Ihr dann vor den übrigen 2/3teln noch nicht niederfallen wollt, so sol auch das zweyte Drittel ins Feuer. Vor dem letzten Drittel fallet Ihr gewiß dann mit großem Geheul nieder. – –

Adio!
B.

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