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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 97
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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95. Heinse an Fr. Maximilian Klinger

[Düsseldorf, December 1777.]

Nur wenig Worte, lieber K! Weil ich Dir doch gleich schreiben soll: denn es ist heute so heilloses Wetter, und Wasser der Himmel, und Wasser die Luft, und Wasser die Erde, daß man Floßfedern kriegen möchte und gleich zum Hecht oder Aal werden.

Gern wollt ich bey Euch seyn in Maynz, aber für itzt ist es mir nicht möglich. Hier der Brief von Lenz.

Wegen des Schachspieles jubele nur nicht vor der Zeit, wenn wir wieder zusammen kommen, sollen Dir schon meine Bauern allein genug zu schaffen machen. Nichtsdestoweniger halt ich es doch für ein verwerfliches Spiel. Es ist ein Problem, dessen Auflösung in der Gefangenschaft des Königs besteht; und kann auswendig gelernt werden, weil es wenig willkührliche Züge giebt, wenn man das Spiel versteht. Und dann gehört weiter nichts dazu als Aufmerksamkeit; und wie Du nicht leugnen wirst, kann der mittelmäßige Kopf eher mit leerem Haupt stundenlang auf etwas, wobey nichts zu hören, zu sehen, zu riechen, zu fühlen und zu schmecken ist, Achtung geben, als der Mann von Geist und Phantasie. Honneur à l'esprit also bey Seite! Es ist ein abgeschmacktes Klosterspiel: denn wenn ich meine Aufmerksamkeit so strappazieren will, so thu ich etwas gescheiteres. Wie lob ich mir dafür das edle Billard! Die Worte, die davon, wie man meint, im Homer und Euripides stehen, sind mir wohl bekannt, wer hat aber noch bewiesen, daß sie da das Schachspiel bedeuten? Und wenn auch; so konnten den Griechen, wenigstens zu Homers Zeiten, doch wohl die bessern Mittel fehlen, die wir haben, ihren Verstand zu schärfen. Und wie schärfts endlich den Verstand? Kann einer nicht der größte Schachspieler seyn, und doch in andern Sachen keinen Hund aus dem Ofen locken, wie zum Exempel die Bauernjungen zu Ströpke? Lieber Bruder, bedenk das einmahl, und untersuch es mit der fürtreflichen Donna, und dem scharfsinnigen Seiler, und leg Dich darüber schlafen. Hernach schreib mir euer Urtheil; denn ich will etwas darüber in den Merkur drucken lassen, und dabey eine Vergleichung mit dem edlen Billard anstellen, auf dem ich itzt bey uns, Ehre dem seinen Gefühl, dem richtigen Auge, und der festen starken Nerve! der Hannibal heiße!

Fritz und Georg und der Graf und ich grüßen und küssen die reizende Medea, Ihren edlen Unjason, und Dich, und Betty und die Schwestern grüßen euch freundlichst, und umarmen die schöne Orsina.

A propos wegen des Merkurs! schaff Dir doch das Stück von diesem Monat an; Du wirst Deine Lust daran haben, wie ich Dir darinn den dummen Teufel von Lemgo ausgepfiffen. Du Löwe solltest Dir auch so etwas in der gelehrten Welt aussuchen, das Du zausen und raufen und bemaulschellen könntest, wenn Dir der Appetit dazu ankäme, damit Du Dich nicht immer selbst mit Deinen Klauen aus übermäßiger Kraft und Stärke hinter die Ohren schlagen müßtest, worüber dann Deiner Donna die hellen Thränen in die klaren Aeuglein treten.

Was macht Dein Göttersohn?

Wenn ich Dir noch etwas auftragen darf, so wirf Dich, Löwe, dem Herzen voll Freude zu gefallen, dem süßen Madonnenmunde, und dem Auge voll Liebe von Natur, aber ich muß Dir doch sagen, meiner schönen Böhmin zu Füßen, und behauch ihr, als ob Du küssen wolltest, in Demuth die zarte Hand, und sag ihr, was ich ihr noch nicht habe sagen können, über sie als Emilia, und als Kallipyga im Tanze. Erklär ihr aber, hörst Du! das fremde Wort sein ordentlich.

Nun gute Nacht, lieber Trauter! schlaf wohl, und schreib mir bald etwas von Maynz, in dessen Dohm das Wetter eingeschlagen hat; was Du Dir zeigen lassen mußt.

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