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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 95
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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93. Heinse an Andreä

Langewiesen den 22ten August 1772.

Durum: sed leuius fit patientia,
Quicquid corrigere est nefas!

Wehre dich, so sehr du kannst, liebster Freund, damit die Melancholie keine zu große Herrschaft über deinen himmlischen Geist erhalte! Tröste dich mit deinem lieben Heinse, der unter seiner Familie leben muß, der ohne ihr geringstes Verschulden eine Feuersbrunst verzehrte, was sie mit vielem Schweis' erworben hatte, und erinnere dich seiner vorigen Schiksale, und sage mit unserm Diel: Wir sind gebohren, mehr unglückliche, als glückliche Tage zu leben. Vielleicht sezt uns Donna Fortuna noch in eine Kutsche und fährt uns vollends über die Alpen unsers jugendlichen Lebens in ein Theßalisches Tempe! Wie sollt' ich so melancholisch werden, und der wohlthätigsten Göttin der Menschen der Charitin Hoffnung meine mich erquickenden Opfer versagen? Nein! nie erscheine diese schwarze Periode in meinem Leben! –

Eben muß ich dir, von einer Schaar von plaudernden Abgebrannten umringt, schreiben, weil mir das regnerische Wetter nicht erlaubt, mich unter einen Baum zu setzen, und bin warlich kaum im Stande, zu schreiben, geschweige zu denken; verzeyhe mir den übeln Zusammenhang, diese Leute können so wenig schweigen, als die Bienen aufhören im Sommer zu summen und schreiben muß ich dir doch mit diesem Posttage.

Mein Endschluß ist nunmehr gefaßt, ich gehe diese Michaelis nach Leipzig, und wenn Diel nicht dahin und nach Göttingen gehen sollte, welches ich nicht vermuthe, vielleicht gar nach Göttingen. Es hält mich zu viel von Erfurth ab, so gern ich auch bey meinem lieben Andreä wäre. Heute früh hab' ich, so bald ich sehen konnte, es auch an Wieland geschrieben, der eben iezt mit diesem Brief auch seinen erhält. Ich glaube nicht, daß du ihn, wie den vorigen, wirst zu lesen bekommen, es ist eine gar zu poßierliche Begebenheit darinnen erzählt, die sich in meinem Langewiesen zugetragen hat.

Die Kirschen von Dorat hab' ich fertig gemacht und schon am Dienstage sie Gleimen übersandt, die elende Lage, in welcher ich sie auf deutschen Boden verpflanzt habe, muß mich entschuldigen, wenn mir die Fortpflanzung mißlungen ist. Vielleicht kann ich bald dadurch meine Schuld bey dir mit allem gebührenden Danke abtragen.

Ich verwundere und ärgere mich sehr über Büelers Aufführung gegen dich, Rappersweil muß eine von den tiefsten Lagen in der Schweiz haben; ich vermuthe, daß er deswegen das Heimweh nie bekommen werde. Ich habe nichts destoweniger noch immer eine große Zuneigung zu ihm, aber sein Kopf will mir nicht gefallen.

*

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