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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 94
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
projectid5cbef5e6
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92. Wilhelm Heinse an Gleim

Idol mio!

Takt

Diesen Takt schlugen die Pulse meines Leibes – und meiner Seele, wenn ich homuncio es wagen dürfte, den Hallern, Albinen, Zimmermannen und Boerhaven – wenigsten ihren Schrifften – zu widersprechen! – da ich Ihr allerliebstes Briefchen gelesen hatte. Beynahe wär ich für allzuhefftigem Entzücken dahin gefahren, quo pius Anacreon, Horatius, Catullus, Tibullus, Chaulieu, la Fare, Grecourt – quo pia Sappko, Lais, Leontium, Bouillon, Mazarin und dergleichen Menschenkinder hingefahren sind. Für Wonne vergaß ich das terrestrische Athem hohlen, indem ich ganz außer mir glaubte – esser in ciel, non lá dov' era – nämlich in dem Lande der Puffbohnen, Rettiche und Schöpsen – in der Stadt, wo unter tausend Personen kaum eine ist, welche die Grazien unsers Wielands gelesen hat.

Ich empfieng Ihren Brief aus den Händen des göttlichen Mannes. Kaum hatt' Er ihn empfangen, so ließ Er mich, da ich zum Unglüke nicht zu Hause anzutreffen war, auf Gassen und Straßen aufsuchen; so begierig war Er, nur wenigstens einige Buchstaben von Ihrer Hand zu sehen, da Er, wie Er sagte, so lange keinen Brief von Ihnen erhalten hätte.

Entzückt war ich über die himmlische Liebe, die Er gegen Sie hat.

O mein theuerster Herr Gleim – wie ein Mädchen, ein schnellblütiges zärtliches Mädchen, wenn es schüchtern sich den Muth faßt, ihren geliebten Jüngling zum erstenmahl zu küssen, schamhafftig erröthet; eben so – wenn der Vergleich nicht zu schmeichelhafft für mich ist! – fühl' ich die Scham der Schüchternheit in meine Wangen hinaufkriechen, da ich es wage, Sie zum erstenmahl meinen theuresten Gleim zu nennen!

Sie werden doch nicht deswegen bös' auf mich werden, daß ich Sie so sehr hoch schätze? –

O mein theuerster Herr Gleim, unbegreiflich ist es, wie Geschöpfe von der Gattung der Gleime, Wielande und Jakobi – ich habe mich verschrieben – wie Geschöpfe von der Gattung Gleims, Wielands und Jacobi in so entsetzlich weiter Tiefe vom Jakobi, Wieland und Gleim abstehen können!

Ganz gewiß sind Wieland, Gleim und Jakobi welche von den unsterblichen Geniußen, die auf diesen dritten, einmodichten Planeten unter der Sonne herabgesendet worden sind, die Abkömmlinge der Gothen, Scyten und Vandalen zu bekehren! und folglich sind Sie ganz gewiß nicht von dieser Leute Gattung.

Freylich sind diese Geniuße andere Missionarien, als die Jesuiten oder als die Bonifaciusse, welche glaubten, die Sterblichen schon dadurch glükselig gemacht zu haben, wenn sie ihnen das Verbot einschärften, keinen rohen und geräucherten Spekk und kein Füllenfleisch zu essen und ihnen lehrten, dreye seyen Eins, und – was ist, das ist nicht und was nicht ist, das ist. –

Unser theuerster Wieland ist in Erfurth fast ganz und gar gesellschafftslos. Er käme wohl Monate lang nicht vor seine Hausthüre, wenn Er nicht Sonntags in die – Kirche gehen – müßte. Sie müssen wissen, daß wir hier gar vortreffliche Prediger haben! Jüngst rief uns einer von diesen schwarzen Knechten Gottes zu: Geliebten! laßt uns den Kelch des Leidens trinken, indes andere mit Wein und Rosen und Grazien und Liebesgöttern ihre Lebenszeit verscherzen! – War dieses nicht schön und gut gesagt?

Unser liebster Wieland hat zwey Töchterchen, davon das eine gewiß Musarion und das zweyte Danae, Laidion oder Bacchidion werden wird, mit diesen scherzt, plaudert, tändelt, spielt und kurzweilt Er. O könnten Sie nur Minutenlang das Vergnügen geniesen, Ihm hierbey zuzusehen! den göttlichen Mann im Negligé betrachten und belauschen! Jedes Lallen, iedes Wörtchen, ieder Blik, iede Miene und Gebährde ist dem tiefsehenden Manne eine neue Entdekung in der Philosophie des menschlichen Herzens und der musikalischen Sprache. Er liebt diese schönen Mädchen aber auch so zärtlich, daß, wann eins nur ein weinerlich Tönchen seufzt, Er nicht eher wieder ruhig wird, als biß es Ihn angelächelt hat. Mit einem Blike, nur mit einem einzigen sollte der Bürger von Genf, der Verfasser der Schrifft über die Ungleichheit der Menschen diese Vaterliebe sehen! Reisen durch ganz Europa würd' er dann gewiß und stehlen und verbrennen dieses sein Buch! – wenigstens würd' er widerrufen, daß die vage Liebe des vaterlosen wilden Zustaudes des menschlichen Geschlechtes die glükseligmachende Liebe sey! –

Warum sezte uns der den Weisen unbekannte Schöpfer der Welt nicht in eine nektarische Lufft, wovon wir leben könnten, wie Fische vom Meer oder Quellwaßer! ia dann würde diese Welt für uns arme geplagte vom Weibe Gebohrne die beste seyn! –

»Was will hier diese Periode?«

O bester Menschenfreund! zärtlicher, mitleidender Yorik Gleim! gewiß haben Sie schon die Goldstüke vergessen, die Sie einem gewissen unbekannten Menschchen zum Anlehn gaben, biß es reich geworden wäre? –

Biß es reich geworden sey? Unter der Erde stekt das Gold! und dieser Jüngling will auf den Helikon zum Apoll und den Musen steigen – den Weg gehen, welchen Homer, Cervantes, Ariost, Dryden und Buttler gewandelt sind? wie kan er unter der Erde Gold hohlen? –

Hier wollt' ich, daß ich wie Yorik Ihnen meine ganze iezige Seele abschreiben könnte! – O die Goldstüke! in welche Verlegenheit sie mich setzen! Ich will mich eben auf das beste bey Ihnen für das Anlehn bedanken und weiß nicht, wie ich es anfangen soll! – Wohl muß' es Ihnen gehen! Hier übersend' ich Ihnen noch einige Sinngedichte, die ich mitzusenden das vorige mahl vergessen hatte. Ihr Urtheil soll entscheiden, ob sie des Druckes würdig sind oder nicht. Ich hab' es gewagt, einige Canzonen und Sonetten des Petrarca zu übersetzen; hier haben Sie zur Probe ein Canzone und ein Sonett. Unser Wieland will mich mit Gewalt zum Übersetzer des Petrarca machen, widerrathen Sie es Ihm doch!

Noch etwas liegt mir auf dem Herzen; so bald es herunter ist, will ich meinen langweiligen Brief beschließen.

Ich mag nicht mehr bey den Landsmännern der Puffbohnen wohnen; sind nicht um Halberstadt herum, welches die Grazien und Amors zu ihrem Paphos gemacht haben sollen, wie ich gehört habe, ein Paar Kinderchen, Mädchen oder Jünglinge, die – ie eher ie lieber – die Gesellschafft eines Jünglings haben möchten, welchen Wieland zu den Geheimnissen der Weisheit zu zu lassen, nicht für unwürdig befunden hat? Wenn es Frühling wird, muß ich meinen Stab ergreifen und davon wandeln, sagen Sie mir doch das Örtchen in Teutschland, wohin ich gehen kan! Beynahe möcht' ich mich zur Sekte der seinen Roußeauisten schlagen, so ungedultig macht mich offt, das was zur – nicht ein Wörtchen mehr davon!

Emphelen Sie mich dem Herrn Jakobi; machen Sie nur immer ein wenig mehr bey Ihm aus mir, als ich bin. Sie wissen alle meine Mängel und Gebrechen, denn meine schwache Seite kan ich wegen meiner angebohrnen Aufrichtigkeit gar nicht verbergen! Sagen Sie Ihm nur, wenn die Forderung Ihnen nicht zu unartig scheinet! es könnte noch etwas aus mir werden! Wenn Ihnen auch gleich Ihr Gewissen zu rufen sollte: Sie sagten die Unwahrheit!

Sie als ein würdiger Canonicus werden doch ein kleines Sündchen wieder verbeten können! Ich möchte gar zu gerne, daß Er mir auch ein wenig gut wäre!

Mit welchen Augen sehen die Buchhändler meine Dialogen an? mit leiblichen oder geistigen? oder – geistlichen?

Ich bin
Ihr ergebendster Diener
Wilhelm Heinse.

Erfurth am 28ten Jenner
1771.

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