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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 93
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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91. Heinrich Christian Boie an Knebel

Göttingen, den 19. März 1770.

Mein gütiger, liebenswürdiger Freund! Können Sie mir gleich bei dem ersten Briefe diese vertrauliche Anrede verzeihen, so findet dieser flüchtige und ungedachte Brief, ohne Titulatur, ohne Vorbereitung, sogleich aus dem Herzen hingeschrieben, vielleicht auch bei Ihnen eine gütige Aufnahme. Es ist mir unmöglich, bei einem Manne, den ich hochachten und lieben muß, Umwege zu machen. Und bei keinem hat mir noch fast mein Herz lauter gesagt als bei Ihnen, daß ich ihn lieben müßte. Sie haben mir Ihre Freundschaft gelobt. Ich weiß sie viel zu sehr zu schätzen, um sie nicht eifrigst anzunehmen. Hier ist meine Hand! Wenn ein Winkelzug in meinem Herzen ist, so hassen Sie mich. Sie haben mich in den zweien glücklichen Tagen, die ich mit Ihnen lebte, ganz kennen lernen können. Mit meinen Fehlern! Ich habe die seltsame Laune, denen, auf deren Freundschaft ich Anspruch mache, mich mit einemmale so natürlich zu zeigen, wie ich bin. Wollen sie mich mit meinen Fehlern lieben, so haben sie mir nichts vorzuwerfen, wenn sie deren bei mir finden. Von allen Schönheiten zu Potsdam und Sanssouci, die ich durch Sie gesehen habe, hat nichts den Eindruck auf mich gemacht, als Ihre und Ihrer Freunde Gesellschaft. Ich mag lieber würdige Menschen sehen, als Statuen von der ersten Schönheit. – Warum sind wir nicht etwas näher bei einander? Ich habe durch meine Freunde in Magdeburg noch einige sehr angenehme Bekanntschaften gemacht, und in Halberstadt drei beneidenswürdige Tage mit Herrn Gleim und Jacobi gelebt. Gleim freute sich nicht wenig, daß ich in Potsdam den einzigen Offizier hätte kennen lernen, den er gleich nach seinem Kleist setzt. Hat es Ihnen nicht geahndet, daß viel von Ihnen würde gesprochen werden? Warum haben Sie aber mir das liebliche Liedchen nicht gezeigt, das Gleim Ihnen gesungen hat? Der Dichter hat es mir sogar abgeschrieben und ich verwahr' es als ein doppeltes Heiligthum. Aber nun hör' ich nicht auf Sie zu bitten, bis Sie auch mir Ihre beiden Liederchen abgeschrieben haben. Ich muß alle drei mit einander verwahren. Sie dürfen sicher keine Indiskretion bei mir befürchten. Recht sehr freue ich mich auch schon auf die andern größern Früchte Ihres Geistes, die Sie meiner Wartung anvertrauen wollen. –

Hier bin ich seit einigen Tagen erst wieder. Nachdem die erste Zerstreuung vorüber ist, fang' ich recht sehr an zu fühlen, was ich verloren habe. Gewöhnt an die Gesellschaft der bessern Menschen, denen mich mein gutes Glück die ganze Reise über zugeführt hat, fällt es mir sehr schwer, unter so vielen Ungebildeten zu leben. Die wenigen Gelehrten, die den Menschen nicht ausgezogen haben, kann ich nur sehen, wenn Studieren oder das ekle Wiederkäuen der bekanntesten Dinge ihnen Munterkeit und Fähigkeit zur Gesellschaft genommen hat. Göttingen hat eben den Fehler als Potsdam. Wo nur ein Stand bemerkt wird, verliert man diejenige Abwechslung der Stände, die den Aufenthalt in größern Orten angenehm und die eigentliche Gesellschaft macht. Der Vorzug bei Ihnen ist die göttliche Gegend.

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