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Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten

Verschiedene Autoren: Deutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten - Kapitel 92
Quellenangabe
typeletter
authorJulius Zeitler
titleDeutsche Freundesbriefe aus sechs Jahrhunderten
publisherVerlag Julius Zeitler
editorJulius Zeitler
year1909
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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90. Heinrich Christian Boie an Klopstock

Göttingen den 10. Febr. 1774.

Wo soll ich anfangen, wo enden, mein theuerster Klopstock, da ich zum erstenmale wieder von Göttingen aus Ihnen schreibe, Ihnen schreibe, nachdem ich Sie gesehn, so lange, so vertraut, so offen mit Ihnen umgegangen bin? Ich kann Ihnen nicht sagen, edler, großer, vortreflicher Mann, wie sehr ich Sie liebe, Sie bewundre, verehre! Wie glücklich ich mich fühle, Ihr Freund zu seyn!

Diese Tage in Hamburg waren mit die seligsten meines Lebens. Wie tief fühl' ich es, daß sie nicht mehr sind, daß ich wieder in Göttingen bin! ... Ich bin vorgestern Nachmittag hier angekommen, sehr zerstoßen und sehr mürbe von einer Schneckenreise von 96 Stunden. So lange dauerte sie, diese Reise, während welcher mich allein das Andenken an Hamburg und die Briefe beschäftigten, die ich von jedem Ruhepunkte dahin schrieb. Ich hoffe, daß Frau v. W. einen aus Celle bekommen. In Hannover war ich nur die Nacht und sahe niemanden. Hier war ich schon seit drei Posttagen erwartet. Voß war der erste, der mir entgegenflog, Hölty kam bald nachher geschlichen. Ich sagte Ihnen nichts; denn die rechte Freude verspart ich, bis wir alle beyeinander wären. Ich fand eine Menge Briefe vor, darunter diesen an Sie, einen sehr freundschaftlichen von Cramer und einen von Gerstenberg, der mich selbst auf einen Augenblick vergessen machte, daß ich von Ihnen käme. Welch ein Mann! Welch ein Brief! Sie sollen ihn auch lesen und meine Freude theilen ... Abends ging ich zu Hahn, der krank war. Ich fand Miller und Voß und Hölty auch da, und nun ward erzählt und Brief und Buch hervorgezogen. Die Freude hätten Sie selbst sehen müssen. Ich kann sie Ihnen nicht lebhaft genug beschreiben. Hahn ward gleich wieder gesund, und der ganze Abend war Ein Taumel. Ich schreib Ihnen nächstens weitläuftiger. Heute kann ich alles nur berühren. Die Hand thut mir schon weh vom Schreiben. Ich fing diesen Morgen an und bald ist es Abend. Ich erschrecke, wenn ich die Arbeit ansehe, die ich noch vor mir habe. Lauter Rechnungssachen – Sie bedauern mich. Ich bin nun sehr froh, daß ich nicht hier gewesen bin, wie der Engländer seine tollen Streiche gemacht. Ich würd in Gefahr gewesen seyn. Ich hätte mich doch widersezen müssen, und er war wie wüthendn ... Sie wollten mir noch eine Nachricht über das angelsächsische Manuskript geben, die ich mitzunehmen vergeßen habe. Ich will Alles anwenden, eine Abschrift davon herauszubringen. Rektor Bock in Nürnberg schreibt mir, daß er nicht bezahlen kann, ehe er die Exemplare hat, weil er den Plan unrecht verstanden, und seinen Subscribenten erst beym Empfang abfordern kann. Zu Ihrer Sicherheit weist er Ihnen aber einen Kaufmann in Hamburg an. Sein Brief wird das mehrere sagen. Ich warte mit meiner Antwort bis auf Ihre Erklärung. Und – ich bekomme doch bald einen Brief? Wie sehnlich werde ich nun den Posttagen entgegensehn! Briefe von Hamburg! von Klopstock! von der Stolberg! Vielleicht von der Winthem! – o ich glücklicher Mann!

Boie.

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